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Full text of "Die Homosexualität des Mannes und des Weibes"

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HANDBUCH 

DER 

GESAMTEN SEXUALWISSENSCHAFT 

IN 

EINZELDARSTELLUNOEN 
BAND III 



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HANDBUCH DER 

GESAMTEN SEXUALWISSENSCHAFT 

IN EINZELDARSTELLUNOEN 

HERAUSGEBER: Dr. med. IWAN BLOCH 



BAND III 

Die Homosexualitat 

des Mannes und des Weibes 



BERLIN SW. 61 

LOUIS MARCUS VERLAOSBUCHHANDLUNO 

1914 



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Die 

Homosexualitat 

des 

Mannes und des Weibes 

Von 

Dr. med. Magnus Hirschfeld 

Arzt fur nervose und psychische Leiden in Berlin 



Mit einem Namen-, Lander-, Orts- und 
Sachregister 



BERLIN SW. 61 

LOUIS MARCUS VERLAOSBUCHHANDLUNO 

1914 



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AUe Rechte vorbehalten. 

Copyright 1913 by 

Louis Marcus Veriagsbuchhandlung 

Berlin. 



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Vorwort und Einleitung. 



Es konnte zuaachst liberfiiissig erscheinen, den auflerordent- 

lich zahlreichen Arbeiten, die in den letzten 50 Jahren liber 

die Homosexualitat ver<5ffentKcht sind, ein weiteres nmfang- 

reiches Buch hinzuzufllgen. Sind doch allein in dem einen 

Jahrzehnt von 1898 bis 1908 in Deutschland und Osterreidi 

liber 1000 groBere und kleinere Originalaufsatze, Broschiiren 

und Monographien tiber diesen Gegenstand gedruckt worden. 

Ich habe mich difeser Rieseiiproduktion gegeniiber nicht leidht 

dazu bereit gefunden, den vorliegenden Band zu verfassen, und es 

bedurf te wiederholter eindringlicher Aufforderungen des Heraus- 

gebers dieses Handbuchs, des KoUegen Iwan Bloch, bis ich 

mich davon iiberzeugen lieiJ, daB es meincj Aufgabe und Pflioht 

sei, das groBe Material, das ich in ISjahriger Beschaftigung 

mit diesem Geblete kennen gelernt habe, zusammenfassend 

nach alien in Betracht kommenden Gesichtspunkten zu bearbeiten. 

Vor alien Dingen lieB sich nicht verkennen, daB gerade 

die Unmenge der Neuerscheinungen, die Fiille neuer Beobach)- 

tungen und Erkenntnisse den Wunsch nahe legen muBte, ein 

Buch zu besitzen, in dem das ganze Problem eine einheiti- 

liche Behandlung und Schilderung erfuhr. Es war klar, daB 

f ftr diesen Zweck das „H andbuch der gesamtenSexual- 

wissenschaft in Einzeldarstellungen** der gegebene 

Ort war, ebenso aber auch, daB ein so groBziigiges Unternehmen 

unvoUstandig sein wtirde, wenn es nicht in den Kreis seiner 

Betrachtung eine Erscheinung einreihen wtirde, die sich eeit 

unvordenklichen Zeiten bis in unsere Tage wie ein roter Faden 

^.^ durch das Sexualleben der Menschheit zieht, zwar sehr ver^ 

^ schieden beurteilt und bewertet, aber doch immer vorhanden, 

^ wenn auch bald mehr auf, bald mehr unter der Oberflache. 

£^ Es kam hinzu, daB wichtige Seiten der Frage, wie die nach der 

S Entstehung, Erkennung, Verbreitun^ und Therapie der Homo- 

W# sexualitfit trotz vieler Publikationen immer noch kcine allgemein 

O^^bX^ 551307 ^ , 



VI 

anerkannte Losung gefunden haben, ja, daB man sich mit der 
einen Halfte des ganzen Stoffes, der Homosexualitat des 
W e i b e s , aus verschiedenen Grtinden verbal tnismaBig nur sebr 
man^elhaft beschaftigt hatte. 

Dieses Buch sebopft aus der Quelle des Lebens. Es sind 
an 10000 homosexuelle Manner und Frauen, die ich im Laufe 
der Jahre in stets steigender Zahl sah, Homosexuelle aller 
Stande und Klassen, aller Volker und Nationen, Menschfen, 
die auBer der gleidben sexuellen Veranlagung oft nichts Ge- 
meinsames batten; ich lernte sie in ihrer unendlicben indie 
viduellen Mannigfaltigkeit kennen von den virilsten bis zu den 
femininsten Typen, von Gesundheit strotzende Homosexuelle 
in voUkommener Zufriedenbeit und seelisch Gebrocbene am 
Rande der Verzweiflung ; ich sah unter ihnen Jugendliche und 
Greise, deren Erinnerungen bis in die Tage Alexander von 
Humboldts zurttckreichten, sprach beimfltichtige und boden»- 
standige, edle und solcbe, deren Charakter und Gesinnungen 
unlauter waren oder geworden waren. Meine Tatigkeit jals 
Arzt und Forscher, als SachverstSndiger vor Gericht und Vor- 
sitzender des Wissenschaftlich-humanitaren Komitees zeigte sie 
mir in alien Situationen; ich besuchte sie in den Gefangnissen 
und stand an ihren Sterbebetten ; viele Hunderte sah ich in 
Erpresserhanden, sehr viele auf Anklagebanken, viele auch, bevor 
sie ihrem Leben selbst ein Ende bereiteten, uber nicht minder 
zahlreiche erblickte ich auch in freundlicheren Lebenslagen, 
bei ihren abendlichen Zusammenktinften, wenn sie die Maske des 
Tages beiseitelegten, in zahllosen Gesprachen uber ihr Leben, 
Lieben, Leiden und Handeln, bei ihren geselligen Veranstaltungen 
und Festen. So baten jnich ktirzlich zwei altere homosexuelle 
Frauen aus dem Volke, der kleinen bescheidenen Feier beizu*- 
wohnen, die sie gelegentlich des 25 jahrigen Bestandes ihrer Zu- 
sajnmengehorigkeit in ihrer gemeinschaftlichen Wohnung be- 
gingen. Ich sprach mit besorgten Miittern Homosexueller, welche 
die Kindheit und Entwickelung urnischer Sohne und Tochter 
tiberwacht batten, mit verstandigen und unverstandigen Vatern, 
sprach mit vielen ihrer Verwandten, Bekannten und Arzte, die in 
homosexuellen Konflikten der ihnen nahe stehenden oder anver- 
trauten Personen meinen Rat einholten, oft genug auch mit den 
Ehehalften homosexueller Manner und Frauen, denen isich 
allmahlich das ftir eie so folgenschwere Geheimnis entschleiert 
hatte, und in zahllosen Fallen auch mit ihren Freunden und 
Freundinnen, mit solchen von groBer Treue und Anhanglichkeit 
und mit solchen, die zu Chanteuren geworden waren oder, wie 
der Trierer Breuer, den Tod ihres Opfers verschuldet hatten. 



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VII 

Nicht nur in Deutschland, in Berlin, Paris und London sah ich 
Tausende von Homosexuellen, sondern auch in fast alien Landern 
Europas, im Orient, in Amerika, Afrika und Asien, von denen 
ich Teile besuchte, um sie in ihrer heimatlichen Umwelt kennen 
zu lernen ; aus Landern aber, in die mein Weg mich nicht f tihrte, 
erhielt ich, wie etwa aus Japan, China, Slidamerika und Austra- 
lien, von mir bekannten daselbst lebenden Gewahrsmannern aus- 
fiihrlich mlindliche und schriftliche Berichte iiber die ein- 
scJilagigen Verhaltnisse und Zustande. 

Es scheint mir notig, dafi jeSer, der liber die Homosexualitiat 
in ihrer betrachtlichen Vielgestaltigkeit selbstandige Ansichten 
auflert, klarlegt, auf welche Beobachtungen und Erfahrungen 
sich seine Folgerungen stiitzen. 

Der homosexuelle Teil der Menschheit bildet in der groBen Welt 
eine Welt fiir sich, klein im Verhaltnis zu der iibrigen, aber groB 
genug an Ausdehnung und Bedeutung, um auf das eingehendste er- 
forscht zu werden. Wer diese terra incognita richtig erkennen und 
beurteilen will, muB wie ein Forsohungsreisender aus- 
Ziehen, um das fremde Gebiet von Grund aus zu studieren. Vor 
allem darf das Material, aus dem er als Forscher seine Schliisse zieht, 
kein Zufallsprodukt sein. Dazu ist die Anzahl homosexueller 
Manner und Frauen und vor allem ihre Verschiedenheit zu betrachtlich. 
Zufallig ist aber jedes Homosexuellen- Konglome rat, das dem Arzt 
in der Sprechstunde, dem Richter vor Gericht, dem Priester in der 
Beichte „zufallt". 

Manche Autoren, die, wenn sie ein oder zwei Dutzend homo- 
sexueller Manner und Frauen kennen lernten, allgemeine Schliisse 
Ziehen, gleichen jenem oft angefiihrten Reisenden, von dem berichtet 
^•ird, er babe, als er wahrend eines kurzen Aufenthaltes auf dem Bahn- 
hofe von einem rothaarigen und stotternden Bahnhofskellner bedient 
wurde, in sein Tagebuch geschrieben: „Die Einwohner dieser Stadt 
stottem und haben rote Haare". Beispielsweise gilt dies fiir von 
Notthafft, wenn er „als begiinstigendes Moment der Homosexualitat 
eine hervorragende HaBlichkeit" anfiihrt, „die das Gewinnen des 
anderen Geschleohtes unmoglich macht.***i) Aber auch viele andere, 
selbst homosexuelle Manner und Frauen, begehen nicht selten den 
Fehler, sich ihr Urteil — das deshalb oft ein Fehlurteil ist — auf 
Grund einiger Homosexueller zu bilden, die sie in einem einseitigen 
Milieu, etwa in Lokalen oder auf der StraBe kennen lernten, ohne zu 
bedenken, daB es sich hier stets nur um einen kleinen, und nicht 
immer gerade den besten Ausschnitt aus der groBen Zahl handelt. 
Besonders merkwiirdig ist es auch, daB manche Psychiater iiber 
IXrsachen, Wesen und Behandlimg der Homosexualitat TJrteile abgeben, 
noch dazu sehr apodiktische, die nur psychopathische Homosexuelle, 
und vor allem nur die eine Halfte der Erscheinung, die mannliche, 
nicht aber die andere, febenso grundlegende, namlich die weibliche 
Homosexualitat, kennen gelernt haben. Es ist demgegeniiber ein ent- 
schiedenes Verdienst von Nacke, immer wieder in seinen Icritischen 
AuBenmgen darauf hinge wiesen zu haben, daB „wer nicht wenigstens 
Hunderte sah und kennen lernte, sich in dieser schwierigen Materie 



^)Cf. Kossmann und WeiB, Mann und Weib, ihre Be- 
ziehungen zueinander und zum Kulturleben der Gegenwart, Stuttgart, 
Berlin, Leipzig 1908, II. Band, p. 548. 



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VIII 

kejnerlei Urteil anmalien darf^)." In der Besprechung eiiies Artikels 
von P 1 e i s c h m a n n 3Y der aus einem Beobachtungsmaterial von 
30 Homosexuellen der Miinchener psychiatrischen Klinik die weitest- 
geJienden Schlusse zog, sogt zutreffend Numa Pratorius*): „Wurde man 
es denn fiir zulassig halten, aus der Degeneration der Heterosexuellen 
in den Kliniken Sclililsse ^uf die Entstehung des normalen Triebes 
a 1 1 e r Heterosexuellen zu Ziehen ?*' 

N a c k e selbst und viele Fachleute auf psychiatrischiem 
oder sexualwissenfichaftlichem Gebiet haben ihre frtiheren An- 
sichten liber diesen Gegenstand wesentlich geandert, nachdem 
ibnen umfangreichere Kreise Hojnosexueller zuganglich geworden 
waren. Selbst v. Krafft-Ebing stand nicht an, in seiner 
letzten Arbeit liber diesen G-egenstand, die ein Vierteljahrhundert 
nach seiner beruhmten „P6ychopatlxia sexualis" auf Grund 
un^emein vermehrter Erfahrungen erschien, seine urspriinglichen 
Anschauungen in wichtigen Einzelfragen zu berichtigen. 
Wahrend er beispielsweise 1879 noch streng zwischen an- 
geborenen und erworbenen Fallen unterschied, liefl er' allmahlich 
diese Unterscheidung mehr und mehr fallen und brachte 
1901^) zum Ausdruck, dafl die kontrare Sexual-Empfinldung 
s t e t s auf einer „eingeborenen Storung der Evolution" 
beruhe. Wahrend er ferner in seiner ersten groflen Publikation 
die Homosexualitat als eine Krankheit ansah, erklarte er ein 
Menschenalter spater, dafl er „den Begriff der Krankheit nicht 
mehr festhalten konne** ; nach allem, was er in dieser langen Zeit 
gesehen, ,,dtirfte die kontrare Sexual-Empfindung an und fiir 
sich nicht als psychische Entartung oder gar Krankheit be^ 
trachtet werden.*' 

Haben wir es also als das erste Erfordernis anzusehen, 
dafl, wer in diesen Dingen allgemeine Urteile abgibt, auch in 
der Lage ist, den weitschichtigen Stoff nach alien Richtungen 
zu [iiberschauen, nicht nur in Segmenten, — eine Forde- 
rung, die um so berechtigter ist, als die Besdiaffung 
eines ausreichenden lebenden Materials fiir den gewissenhaften 



2) Nacke in GroB' Archiv 1912. Kleinere Mitteilungen p. 176. 

3) Fleischmann, Rudolf: „Beitrage zur Lehre von der kon- 
traren Sexualempfindung". In der Zeitschrift fiir die gesamte Neu- 
roiogie und Psychiatrie. Originalien: 7. Band, 1911, p. 262 — 317. 

*) Vierteljahrsberichte des Wissenschaftlich-hvimanitaren Komitees, 
Jahrg. IV, Heft I, p. 97, sowie: „Die Diagnose der Homosexualitat". 
in dem Neurologischen Zentralblatt 1908 Nr. 8. — „Probleme auf dem 
Gebiete der Homosexualitat". In der Allgemeinen Zeitschrift fiir 
Psychiatrie und psychiatrisch-gerichtliche Medizin, 69. Bd., 6. Heft, 
besprochen im Jahrbuch fiir sexuelle Zwischenstufen, Jahrg. V, Bd. 2, 
p. 1003. 

*) V. Krafft-Ebing: Neue Studien auf dem Gebiete der Homo- 
sexualitat. Im Jahrbuch f. sex. Zwischenstufen, Jahrg. Ill, pag. 6ff. 



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IX 

Forscher heute kaum noch auf Schwierigkeiten stoflt, -— so 
wiirdeD wir der gestellten Aufgabe doch nur zum Teil gerecht 
werden konnen, wenn wir nicht neben den Quellen der 
Gegenwart die Quellen der Geschiclite zu Hilf e 
nehmen wtirden. 

Erst aus dem Studium der literarisch oft sehr verbbrgen 
liegenden Cberliefefungen erfahren wir, dafl es sich hier nicht 
um Erscheinungen von heute und gestern handelt, sondern um 
solehe, die so weit zurlickreichen, als uns tiberhaupt Urkunden 
zur Verf iigung stehen : erst durch die historische Arbeitsmethbde 
werden wir gewahr, dafl wir es mit einem Phanomen zu tun 
haben, das sich allerorts nachweisen laflt, wo Menschen in 
ihren Lebensgewohnheiten erforscht wurden; erst auf diesem 
Wege konnen wir ermitteln, wie ungemein verschieden die ganz 
gleichen Empfindungen und Handlungen beurteilt und behandelt 
wurden, bald sich unbehindert entfaltend, bald mit Todesstrafe 
belegt. 1st doch die alteste Quelle, auf die wir in dem Kapitel 
„6eschichte der Homosexualitat'* Bezug nehmen, ein agyptischer 
Papyrus, seit dessen Abfassung viertausendfiinfhundert Jahre 
verflossen sind^). 

Unser Buch will im wesentlichen ein enzyklopadisches sein, 
Einzelfakten und Einzeldaten sammeln und sichten und durch 
Wirklichkeit wirken. Auch besteht unser Ehrgeiz nicht 
darin, absolut Neues sagen zu wollen; das meiste, was wir 
bringen, ist schon irgendwo einmal ausgesprochen worden, teils 
von andern, teils auch von mir selbst. Eine libersichtliche Ord- 
nung, erschopfende Durchdringung und planmaflige Darstellung 
des Stoffes schien mir ein hoheres Ziel. Dieses Bestreben setzte 
Beschrankung voraus. Vielfach lag die Verlockung nahe, Seiten- 
pfade zu betreten, die zu dem breiteren Parallelstrom des hetero- 
sexuellen Sexuallebens und der allgemeinen Sexualwissenschaft 
fuhren, jedoch der Umfang dessen, was unmittelbar zur Sache 
gehorte, erforderte alles fortzulassen, wajs nicht mit dem Gegen- 
stande im direktesten Zusammenhange stand. 

Aus diesem Grunde habe ich auch von der Wiedergabe f o r t - 
laufender Biographien, wie sie sich in f riiheren monographischeji 
Arbeiten iiber dieses Thema so zahlreich finden, Abstand nehmen zu 
miissen geglaubt. Da ich weit iiber tausend ausfiihrliche Lebens- 
sohilderungen homosexueller Manner und Frauen besitze, ware es ein 
leichtes gewesen, mit einem Teil von ihnen ein dickleibiges Buch zu 
fullen. & erschien mir aber richtiger, mein Massenmaterial nach be- 
stimmten Gesichtspunkten, wenn angangig, auch statistisch zu ver- 
arbeiten und das Gefundene organisch zu verbinden. Noch auf ein 
anderes Fundament habe ich verzichtet. Das sind Zeitungs nach- 
lichten. Zweifellos sind in ihnen oft wichtige Hinweise enthalten. Di(^ 

^) Siehe unten p. 738. 

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Erfahrung hat aber gezeigt, dafl sie, nor selten von Sachkundigen 
verfafit, haufig Irrtiimer enthalten, ziim mindesten oft recht ungenau 
sind. Icli haS) daher nur solche Mitteilungen der Presse benutzt, 
deren Inhalt ich zu verifizieren in der Lage war. 

Konnte ich mich in den rein deskriptiven Teilen meiner 
Arbeit, beispielsweise bei Bssprechung der Diagnose der Homo- 
sexualitat, ihrer Einteilung und Verbreitung, den Lebensaufle- 
rungen und Lebensschieksalen homosexueller Manner und 
Frauen, fast aussehliefllich auf selbstandige Ermittelungen 
stiitzen, standen mir ftir die historischen Kapitel eine 
Flille wertvoller Quellenschriften zur Verftigung, so bin ich 
in den mehr theoretischen Partien, wo es sich also etwa um 
die Entstehung der Homosexualitat, ihre Bedeutung oder Hei- 
lung handelt, bemliht gewesen, auch von den meinigen abweichen- 
den Anschauungen gerecht zu werden. Vor alien Dingen hielt 
ich es ftir wichliig, sorgsam die Grtinde und Voraussetizungen 
zu prtifen, auf welche die Gegner ihre Ansicht^n aufbaoiten; 
denn auch ihre Meinungen sind^ ja ebenso wenig willktirlich vom 
Zaune gebrochen, wie die meini^n, sondern ursachlich be- 
dingt; erweisen sie sich nicht als stichhaltig, so liegt es meist 
weniger an den gezogenen Konsequenzen als an fehlerhaften 
Pramissen, r 

Viele Meinungsverschiedenheiten erklaren sich aus der Be- 
sonderheit der jeweils gesehenen Flllle. Wer mehr feminine 
Urninge untersuchte, wird das fur sie Zutreffende bei virilen 
nichfc bestatigt finden, ebensowenig wie ein Forscher, der nur 
virile Urninden kennen iernte, seine Befunde verallgemeinern 
darf. Wir diirfen nie auCer acht lassen, daB zwischen zwei 
extremen Seitengr uppen stets eine betracht- 
lichere Mittelgruppe vorhanden ist. Setzen wir einmal 
den iFall — ich komme weiter unten auf diese Erklarung 
zurlick — , die Homosexualitat des Mannes beruhe auf Ein- 
sprengseln von Eierstocksgewebe im Korper des Mannes, die des 
Weibes auf eingesprengfcem Hodengewebe, so isit es ja ohne 
weiteres klar, daU die absolute Quantitat solcher organischen 
Grundlagen und der von ihr abhangigen inneren Sekretion in 
weiten Mengen variieren kann. 

Jedenfalls schien mir in alien in Frage kommenden Ab- 
schnitten eine recht sachliche Darstellungsweise ohne Affekfc- 
aufierungen das erste Gebot zu sein ; so objektiv wie moglich, so 
abwagend wie moglich, aber auch in jeder Hinsicht so voraus- 
setzungs- und vorurteilslos wie moglich. 

Ich habe dieses Werk in zwei Hauptteile zerlegt. 'Der 
erste Teil behandelt den homosexuellen Mann und die homo- 



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XI 

sexuelle Frau alsEinzelerscheinung. Es werden nach der 
Begrif f sbestimmung (Kap. 1) zunachst ausftihrlich die 
Zeichen der Homosexualitat besprochen: Diagnose und Dif- 
ferentialdiagnose (Kap. 2 — 12). Dann folgt eine Einteilung 
der Homosexuellen nach den verschiedensten Gesichtspunkten 
(Kap. 13 — 16). Hieran schlieBt sich eine kritische t)bersicht liber 
die Erklarungsversuche (Kap. 17 — 20) und die Be- 
handlungsmethoden (Kap. 21 — 23) der Homosexualitat. 

Der zweite Hauptteil schildert die Homosexualitat ides 
Mannes und des Weibes als Massenei^sch'einu ng. Hier 
untersuchen wir zunachst eingehend die Verbreitung* 
(Kap. 24 — 29), dann die Vergesellschaftung der Homo- 
sexuellen (Kap. 30 — 32), um schlieUlich in groBen Umrissen ein 
Bild ihrer wechselreichen Geschichte zu geben, das sich von 
den Anfangen der Kultur bis auf die Gegenwart erstreckt 
(Kap. 33-39). 

Um diesen Stoff in ein em Bande abhandeln zu konnen, 
war es erforderlich, daB wir uns in starkerem MaBe, als essonst 
im allgemeinen liblich ist, des Kleindruckes bedienten. Es ware 
aber ein bedauerlicher Irrtum, woUte der Leser aus der GroBe 
der Buchstaben die groBere oder g^ringere Wichtigkeit kle^ 
Inhalte folgern. Vielmehr sind es oft ftir das Verstandnis des 
folgenden unentbehrliche Statistiken, Belege und Befunde, |die 
aus technischen Grtinden „Petit** geisetzt werden muBten. 

Ich kann diese Vorrede ;iicht schlieBen, ohne alien denen 
meinen Dank ausgesprochen zu haben, die mir bei der Herstel- 
lung dieses Kompendiums ihre freundlidhe Unterstiitzung und 
Forderung zuteil werden lieBen. In erster Linie habe ich hier 
drei Mediziner, drei Juristen und zwei Philologen zu nennen: 
Dr. Iwan Bloch, den verdienten Herausgeber dieses Hand^- 
buchs, Dr. Ernst Bur chard und Dr. Arthur Weil; von 
Juristen Dr» Pratorius, Dr. S a s s e n unid insbesondere 
Dr. Dettmering. Unter den Philologen waren es die beiden aus- 
gezeichneten Kenner der Homosexualitat im klassischen Altertum 
Hermann Michaelis und Dr. Hans Licht, die mir wert- 
voUe Materialien zur Verfligung stellten. Bei den uberaus miih- 
seligen statistischen Ausztigen und Berechnungen stand mir in 
erster Linie Herr Eugenio Kunicke zur Seite. WertvoUe Bei^ 
trage liber die homosexuellen Verhaltnisse im Ausland erhielt ich 
u. a. von Herrn J. Schedel in Peking, dem Herrn Chef der 
Polizei in Buenos Aires, Herrn Dr. SpieB aus Algier, 
Herrn L. Strehlow aus Chile und Bolivia, Herrn Staatsanwalt 
Wetterhoff aus Finnland, den Herren KoUegen Dr. med. 
v. T h u n aus Danemark und Dr. med. Amundson aus 



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XII 

Schweden, Herrn J. L. Pa via aus London, Herrn J oh. 
Fischer aus Madrid und den Herren Dr. med. Rogge und 
Brascamp aus Niederlandisch-Indien. 

Hier habe ich auch den Gesandtschaften und Konsular- 
behorden zu danken, die mir auf meine Anf ragen f reundliche Aus- 
kiinfte und Hinweise erteilten. Es sind dies die Gesandtschaften 
f iir Abessinien (Adis Abebak), Persicn (Teheran) undSiam (Bang- 
kok) ; die General- Konsulate fiir Argentinien (Buenos Aires), 
Australien (Sydney), Britisch-Indien und Ceylon (Simla), Bri- 
tisch-Siid-Afrika (Kapstadt), Chile (Valparaiso), Griechenland, 
Montenegro, Norwegen, Zurich mit Glarus, Unterwalden und 
Schwyz, die Minister-Residenturen fiir Haiti, und San Domingo 
(Port au Prince), Kolumbia (Bogota), sowie die Konsulate fiir 
Algerien (Alger), Bern (Bern), Bulgarien (Sofia), franz. 
Cochinchina (Saigon), belg. Congo und franz. Aquatorial-Afrika 
(Boma), Costa Rica und Nicaragua^ (San Jose de Costa Rica), 
Guatemala (Guatemala), Honduras (Tegucigalpa), Hongkong 
(Hongkong), Kanada (Montreal), Madagascar (Tamatave), Natal 
(Durban), Neuseeland (Auckland), Paraguay (Asuncion), Ru- 
mUnien (Bukarest), Salvador (San Salvador), Slid- Australien 
(Adelaide), Tunis (Tunis), West- Australien (Fremantle). 

Des weiteren gebtlhrt mein Dank den drei Dezernenten fiir 
homosexuelle und Erpresser - Angelegenheiten am Berliner 
Polizei-Prasidium, dem verstorbenen Polizeidirektor v. Meer- 
scheidt-Htillessem, sowie den Herren Kriminalinspektor 
Hans v. Tresckow I und Kriminalkommissar Dr. H. K o p p , 
die meine Arbeiten und Bestrebungen stets mit freundlichWtem 
Interesse begleiteten. ttber die HomosexuaUtat im Tierreich 
erhielt ich wertvoUe Informationen von den Herren Rudolf 
v. Beulwitz und Dr. Otto Heinroth, dem Direktor 
unseres Aquariums. Perner ftihle ich mich fiir Mitteilungen, 
Ratschlfige und Hilf e zu Dank verpflichtet den Herren E d u a r d 
Bertz, Georg Baenisch, Wilhelm Cremer, E. Eick- 
hoff, Peter Hamecher, Professor des Strafrechts Dr. J. A. 
van H a m e 1 , Dr. Adolf Helbig, Professor Dr. K. F. Jor- 
dan, Eduard Oberg, Georg Plock, Christian 
Pulch, Marcel M. Schnitzer, R. Stelter, Horst 
Witte. 

Endlich will ich aber auch den zahlreidhen Herren und 
Damen danken, die rlickhaltlos und vertrauensvoll ihr innerstes 
Seelenleben vor mir ausbreiteten und es mir, wie wohl selten 
einem Menschen, vergdnnten, Homosexuelle in ihren geheimsten 
Regungen zu erschauen. Wenn neuerdings ein Autor wieder 
den Selbstbekenntnissen der Urninge jeden Wert abepricht, „weil 



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XIII 

jedweder Mensch in geschlechtlichen Dingen lligt, zum min- 

desten unbewuBt, gemeinhin aber auch vol! bewufit**^), so weise 

ich flir die von mir beobachteten homosexuellen Manner und 

Frauen, deren Lebensschicksale ich zum grofien Tail durch 15 

und mehr Jahre verfolgen konnte, diesen verallgemeinernden 

Vorwurf als g&nzlidi unberechtigt zurtick. 

Noch im vorigen Jahrhundert pflegten sich vielfach selbst Arzte, 
wenn sie uber die Homosexualitat schrieben, in der Einleitung ihrer 
Arbeiten zu entschuldigen, daB sie einen solchen Gegenstand iiber- 
haupt zu beriihren wagten. „Que ne puis-je §viter de salir ma plume 
de rinf&me turpitude des p6d6rastes" ruft der Pariser Gerichtsarzt 
T a r d i e u *). einen anderen Autor zitierend, aus, und selbst Casper, 
den iriricns mit Recht den Trefflichen nennt, schreibt, als er in 
seinem Handbuch der jgerichtlichen Medizin^) auf dieses Kapitel kommt : 
„Der heilige Zwecfe der Wissenschaft wiirde es rechtfertigen, wenn ich 
Selbsterfahrenes auch hier schilderte, aber iiber dem lieiligen Zweck 
der Wissenschaft steht der heiligere der Sittlichkeit, der ein weiteres 
Eingehen auf diese Dinge verbietet." Der Jurist Rosshirt er- 
klart in seinem Lehrbuch des Eriminalrechts (§ 129) bei Besprechung 
der einzelnen Delikte, daB er iiber das Gebiet der widernatiirlichen 
Dnzucht als ein „zu schmutziges" hinfortgehe. Selbst als so vor- 
xirteilslose Manner wie Gustav Jager in Deutschland und E m i 1 e 
Zola in Frankreich ausfiihrliche Biographien homosexueller Menschen 
zugesohickt erhielten, fanden sie nicht den Mut, das groBe Schweigen 
zu brechen; sie waren, wie sie schrieben, wohl auf a tiefste erschuttcrt, 
verwahrten aber die Manuskripte tief in ihren Schranken, bis Jahr- 
zehnte spater Arzte die Herausgabe ubemahmen. 

Diese Scheu vor der wiseenschaftlichen Erorterung des 

homosexuellen Problems ist heute im Zeitalter der Sexual- 

forschung ein liberwundener Standpunkt. Mit Becht auBert 

sich Wilhelm Ostwa,ld liber sie bei Besprechung^^) des 

ereten Bandes dieses Handbuches : „Wir haben es hier, wie auch 

in der Ethik, die ja mit dem Sexualproblem in engster iBeziehung 

steht, mit einer letzten Stufe der Ver wissenschaf t- 

lichung zu tun^ durch welche nacheinander aUe leinzelnen 

Disziplinen des menschlichen Denkens und Handelns der Ver- 

waltung durch die Priester entzogen und der Verwaltung durch 

die Wissenschaft libergeben werden." Wenn es noch eines Be- 

weises bedurft hfttte, daU die Zeiten endgultig vorliber sind, 

in denen in Fragen des menschlichen Sexuallebenjs fast allein 

Theologen und Juristen das groBe Wort f iihrten, so ist er durch 

die im Januar 1913 gegrtindete „Arztliche Gesellschaft 



') Dr. J. Sadger in einem Artikel der „Umschau** vom 20. Sep- 
tember 1913, betitelt: „Der Wert von selbstverfaBten Lebensbesohrei- 
bungen geschlechtlich Verirrter." — Eine Widerlegung der Sadgerschen 
Behauptungen von Iwan Bloch findet sich in der „Umschau" vom 
15. November 1913. Naheres iiber diesen Punkt siehe imten p. 163 ff. 

*)A. Tardieu, Etude m6dico-16gale sur les attentats aux 
moeors. Paris 1867, p. 184 f. 

») Berlin 1881. p. 180. 

10) In „Daa Monistische Jahrhundert", 1913, p. 902. 



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XIV 

ftir SexualwiBsenschaft** erbracht, der unter dem Vorsitz 
des Geh. Medizinalrats Professor Dr. Albert Eulenburg, des 
hochverehrten Seniors deutscher Sexualforscher, zahlreiche her- 
vorragende A r z t e und Akademiker angehoren, die auf der 
einzig mfiglichen naturgegebenen biologisch-anthropo- 
logisehen Grundlage ein Gebiet nach alien Riehtungen, be- 
sonders aber auch psychologisch und soziologisch zu 
erforschen im Begriffe stehen, das, wenn je eines, menschliohen 
Erkennens wert und wtirdig ist. 

DaB die Homosexualitat des Mannes und des Weibes unter 
den vielen Teilgebieten der Sexualwissenschaft nicht 
das geringste ist, wird dem Leser nach der Lekttire dieses 
Buches nicht mehr zweifelhaft sein konnen. 

Berlin NW., den 15. Dezember 1913. 
In den Zelteu 19. 

Dr. Magnus Htrschfeld. 



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Inhalts-Verzeichnis. 



Seite 
Vorrede nnd Einleitang V 

Erster Hauptteil. 

Homosexuelle Mftnner and Frauen als 

biologische Erscheinung. 

Erstes Kapitel. Name und B e g r i f f der mannlicheii und weib- 

lichen Homosexualitat 3 

ZweiteB Kapitel. Die Diagnose der Homosexualitat des Maanes 
und des Weibes : Das Verhalten homosexueller Manner 
und Frauen gegeniiber dem eigenen Geschlecht JO 

Drittes Kapitel. Die Diagnose der Homosexualitat des Mannes und 
des Weibes : Das Verhalten homosexueller Manner und 
Frauen gegeniiber dem anderen Geschlecht . . 80 

Viertes Kapitel. Kindheit und Reifezeit urnischer Knaben und 

Madchen. Friihdiagnose der Homosexualitat 108 

Fttnftes Kapitel. Die Diagnose der mannlichen und weiblichen 
Homosexualitat : Sexuelle Inkongruenzen: 
a) Andersgeschlechtliche Einschlage auf korperlichem 
Gebiete 125 

Sechstes Kapitel. Die Diagnose der mannlichen und weiblichen 
Homosexualitat : Sexuelle Inkongruenzen : 
P) Andersgeschlechtliche Einschlage auf dem Gebiete des 
Nerven- und Seelenlebens 148 

Siebentes Kapitel. Differentialdiagnose zwischen Freundschaft 

imd gleichgeschlechtlicher Liebe 179 

Achtes Kapitel. Differentialdiagnose zwischen Homosexualitat und 

Pseudo-Homosexualitat 187 

Neantes Kapitel. Differentialdiagnose zwischen Homosexualitat 

und Bisexualitat 197 

Zehntes Kapitel. Differentialdiagnose zwischen Homosexualitat 

und heterosexuellem Horror 216 

Elftes Kapitel. Differentialdiagnose zwischen Homosexualitat und 
den drei iibrigen Gruppen der Geschlechtsiibergange : 
Hermaphroditismus, Gynandromorphie imd 
Transvestitismus 222 

Zwdlftes Kapitel. Untersuchungsmethode homosexueller 

Manner und Frauen 237 



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XVI 

Sent 

Dreizehntes Kapitel. Einteilung der mannlichen und weib- 

lichen Homosexualitat : A 1 1 g e m e i n e Gesichtspunkte . . . 264 

Vierzehntes Kapitel. Einteilung der Homosexuellen nach ihrer 

personlichen Eigenart 271 

FQnfzehntes Kapitel. Einteilung der Homosexuellen nach ihrer 
Geschmacksrichtung und den Be tatigu ngs - 
form en 2*^^ 

Sechzehntes Kapitel. Einteilung der Homosexualitat nach Ent- 

stehung und Begleiterscheinungen 296 

Slebzehntes Kapitel. Ursachen und Erklarung der mann- 
lichen und weiblichen Homosexualitat: Griinde fiir das 
Angeborensein der Homosexualitat 308 

Achtzehntes Kapitel. Griinde g e g e a das Angeborensein der Homo- 
sexualitat 325 

Neanzehntes Kapitel. Die menschliche Doppelgeschlech- 
tigkeit als Grundlage der mannlichen und weiblichen 
Homosexualitat (Zwischenstufentheorie) 348 

Zwanzigstes Kapitel. 1st Homosexualitat Entartung, Krank- 

heit Oder Varietat? 370 

Einundzwanzigstes Kapitel. Behandlung und Prognose der 
mannlichen und weiblichen Homosexualitat. Behandlung 

durch heterosexuellen Verkehr (Ehetherapie) 396 

Zweiundzwanzigstes Kapitel. Uber medikamentose, hygie- 
nische, operative und psychische Behandlung der 

mannlichen xind weiblichen Homosexualitat 415 

Dreiandzwanzigstes Kapitel. Adaptionsbehandlung (An- 

passungstherapie) der Homosexualitat 439 

Zweiter Hauptteil. 

Die Homosexnalit&t des Mannes nnd des Weibes 

als soziologische Erscheinang. 

Vierundzwanzigstes Kapitel. Die Verbreitung der mannlichen 
und weiblichen Homosexualitat. Statistische Unter- 
lagen 466 

Ffinf undzwanzigstes Kapitel. Die Homosexualitat in den v e r - 

schiedenen Bevolkerungsschichten 494 

Sechsnndzwanzigstes Kapitel. Die Homosexualitat in den germa- 
n i s c h e n \md angelsachsischen Landern und deren 
Kolonien 626 

Siebennndzwanzigstes Kapitel. Die Homosexualitat in den roma- 

n i s c h e n Landern und deren Kolonien 561 

Aclitundzwanzigstes Kapitel. Die Homosexualitat in Osteuropa 

und Asien 690 • 

Neunundzwanzigstes Kapitel. Die Homosexualitat im Tierreich 629 

DreiOigstes Kapitel. Die R o 1 1 e homosexueller Manner und 
Frauen innerhalb der menschlichen Gesellschaft. S y m - 
h i o s e der Homosexuellen 636 



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XVII 

Seite 
EiniuidclreiBigsteB Kapitel. Gruppenleben and S a m m e 1 - 

s t a 1 1 e n homosexueller Manner und Frauen 675 

Zweimiddreifiigstes Kapitel. Bundnisformen homosexueller 

Manner und Frauen 700 

Dreiuuddreifiigstes Kapitel. Die Geschichte der Homosexual! - 

tat. Die Homosexualltat im klassischen Altertum 737 
Viemnddreifiigstes Kapitel. Die Verfolgung homosexueller 

Manner und Frauen durch G e s e t z und Gesellschaft 810 

Die einsohlagigen G e s e t z e der Erde 842 

FfinfunddreiBigstes Kapitel. Die Verfolgung der Homosexuellen 

durch Erpresser und Chanteure 873 

Sechsnnddreifiigstes Kapitel. Die Folgen der Verfolgung . 899 
Siebenanddreifiigstes Kapitel. Die z i v i 1 - und strafrecht- 
liche Begutachtung homosexueller Manner und 

Frauen 918 

AchtonddreiBigstes Kapitel. Die Rehabilitierung homo- 
sexueller Manner und Frauen. Vorlaufer des Be- 
freiungskampfes von Goethe bis Krafft- 

Eblng 942 

Neminiiddreifiigstes Kapitel. Die organ isierte Bewegung 
gegen die Verfolgung der Homosexuellen. Die gei- 

stigen Forderer des Bef reiungskampfes 973 

Namenregister 1027 

Lfinder- ond Ortsregister 1044 

Saduregister 1050 



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Erster Hauptteil. 

Homosexuelle Manner und Frauen 
als biologische Erscheinung. 



Hirschfeld, HomosexualitSt. 



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ERSTES KAPITEL. 

Name und Begriff der mSnnlichen und weiblichen 
Homosexualit&t 

Unter Homosexualitat verstehen wir die geschlechtlidie 
N e i g u n g von Mannern zu mannlichen und von Frauen zu 
weiblichen Personen. Das Wort findet sich zuerst in einer 
1869 ersehienenen Broscliurei) eines anonymen Verfassers. Der 
Autor dieser Schrift, die, nachdem sie tiber 30 Jahre ver- 
griffen und fast vergessen war, im Jahre 1905 von uns neu 
herauflgegeben wurde, definiert das, was er mit dem Ausdruck 
,,hcmosexueir* bezeichnet, in folgender Weise^) : „. • • • neben 
dem normalsexualen Triebe der gesamten Menschheit und 
doa Tierreiches scheint die Natur in ihrer souveranen Laune bei 
Mann wie Weib auch den homosexualen Trieb gewissen 
mSnnlichen oder weiblichen Individuen bei der Geburt mit- 
gegeben, ihnen eine geschlechtliche Gebundenheit verliehen 
zu haben, welche die damit Behafteten sowohl physisch als 
geistig unfahig macht, auch bei bestem Willen, zur normal- 
sexualen Erektion zu gelangen, also einen direkten Horror vor 
dem' Gegengeschlechtlichen voraussetzt, und es den mit 
dieser Leidenschaft Behafteten ebenso unmog- 
lich macht, sich dem Eindrucke zu entziehen, 
welchen einzelne Individuen des gleichen Ge- 
schlechtes auf sie ausliben." 

Diese Behauptung schrankt der Autor an einer spateren Stelle 
(p. 46) seiner Arbeit wesentlich ein. Er meint, daU, wenn er anfangs 



^) 㤠143 des preuBischen Strafgesetzbuehes vom 14. April 1851 
und seine Aufrechterhaltung als § 152 im Entwurfe eines Strafgesetz- 
buches fur den norddeutschen Bund. Offene, fachwissenschaftliche 
Zuschrif t an Seine Excellenz Herrn Dr. Leonhardt, konigl. preu- 
Biscben Staats- imd Justizminister" ; neugedruckt im Jabrbuch fiir 
sezuelle Zwiscbenstufen, Jabrg. VII, 1. pag. I — IV und 3 — 66. 

«) A. a. O. pag. 36 f. 

1* 



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behauptet hatte, ,.der Homosexuale sei gar nicht erektionsfahig durch 
gegengeschlechtliches", dies im Widerspruch stehe zu der Tatsache, 
daB auf der historischen Liste der Homosexualen einige Namen stan- 
den, „deren Trager notorisch verheiratet, ja sogar Vater oft mehrerer 
Kinder waren". Diese, sagt er, batten aber entweder „aus konven- 
tionellen Ursachen" Ehen gesehlossen oder sie seien „v611ig im Un- 
klaren iiber die Natur ihres Dranges gewesen, den zu befriedigen sie 
keine Gelegenheit batten", und wenn aucb im Anfange „ibre Potenz 
mecbaniscb dem Anreiz unterliege, so batten sie docb „keinen 
GenuD im gegengescblecbtlicben Verkebr", xind ibre Eben seien da- 
ber „im Durcbscbnitt ungliicklicb". AuCer diesen gabe es aber 
„Naturen, welcbe in sicb beide Triebe zugleicb, den zum Weiblicben mid 
Mannlicben baben". Er verweist auf Horaz, der dieses von sicb selbst 
in der zweiten Satire, Z. 116 — 118, erzablt. 

Nebeu dem Eigenscbaftswort bomosexual findet sicb in der Scbrift 
,,§143" aucb bereits die jetzt gebraucblicbe Form bomosexuell; als Sub- 
stantive gebraucbt der Verfasser die Worte Hcmosexualitat und Homo- 
sexualismus, wahrend die gleicbgescblecbtlicb empfindenden Manner 
und Frauen von ibm nicbt, wie es jetzt meist gescbiebt, als. Homo- 
sexuelle, sondern als „Homosexualisten" und „Homosexualistinnen" 
bezeicbnet werden. 

Als Verfasser dieser Broscbiire, der wobl scbwerlicb abnte, welcbe 
weite internationale Verbreitung das von ibm gepragte Wort einst 
gewinnen wiirde, ist der im Jabre 1820 geborene ungariscbe A r z t 
Karl Maria B e n k e r t anzusehen. Dieser batte sicb, die Silben seines 
Namens imistellend, das Pseudonym Kertbeny beigelegt, unter dem 
er eine Reibe kleiner Scbriften — bauptsacblich Erinnerungen an be- 
rubmte Zeitgenossen — veroffentlicht batte. DaB von Kertbeny die 
Bildung des Wortes bomosexuell herriibrte, wird von Karl Hein- 
ricb Ulricbs bezeugt, der vom Jabre 1864 ab unter einem Pseudo- 
nym, das er spater liiftete — er nannte sicb zunachst Numa 
Numantius — , eiiie Reibe von Scbriften iiber „das Ratsel der 
mannmannlicben Liebe" batte erscbeinen lassen. Ulricbs schrieb 
im Jabre 1884 an den mir nocb personlicb bekannten Scbriftsteller 
Karl Egells,3) daB Kertbeny, den er 1864 oder 1865 als einen 
der ersten „Genossen" kennen gelernt babe, der Verfasser des „§ 143" 
sei, er babe „aus Eifersucbt" seine — Ulricbs — Ausdriicke nicbt 
gebraucben wollen, sondern eigene erfunden. 

In seinen Broscbiiren erwabnt Ulricbs Kertbeny iibrigens 
nur ein einziges Mai, namlicb in „Formatrix", seiner vierten Scbrift, 
in deren Vorbericbt er mitteilt, daB er die erste Erwahnung seiner 
Tbeorien in einer Druckscbrift gefunden babe, die den Titel fiibrt: 
„Erinnerungen an Cbarles Sealsfield" von Kertbeny.*) Hier sei 
gescbildert, „wie Sealsfield, dieser gebeimnisvolle Mann, seinen 
von zwei Welten widerballenden Rubm in stiller Kammer einsam ge- 
scbliirft babe. Maskiert sei er aucb gestorben." Kertbeny forscbte 
nun nacb den Ursacben dieser Maskierung und scbrieb: „Den Boden 
unseres europaiscben Lebens iiberzieben die Scblinggewacbse alter Vor- 
urteile, neben sicb nicbts besteben lassend, was nicbt von gleicber 
Farbe ist. Docb das gebort ins Gebiet der Entwicklung unserer Be- 

friffe von Sitte und Sittlicbkeit und Numa Numantiu s'scber 
besen." 

Nicht nur Biicher, aucb Worte baben ibre Schicksale. Das 

gilt so recht fiir Kertbenys Scbrift und Wort. Die Karriere 

seines Ausdrucks „homosexueir* ist um so verwunderlicher, als 



^) Vgl. J. f. sex. Zw. VII, Vorbemerkung von Dr. M. H i r s c li - 
feld p. If. 

♦) Leipzig 1864, p. 74. 



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die beiden in demselben Jahrzehnt entstandenen Synonyma, 
die er verdrangte, nicht nur an viel sichtlieherer Stelle standen, 
sondern auch sprachlich und inhaltlich der schlieBlich im Publi- 
kum obsiegenden Bezeichnung gegentiber entschiedene Vorztige 
anfzuweisen batten. Die eine dieser Bezeiehnungen — kontraje 
Sexualempfindung — stammt aus demselben Jahre 1869 wie 
der Name Homoeexualitat und rtihrt von dera hervorragenden 
Berliner Psychiater Professor Carl Westphal her, die andere 
Wortbildung hatte U 1 r i c h s zum Urheber ; sie lautete ,»Ura- 
nismus*' und war bereits 5 Jahre zuvor (1864) an die Offent- 
lichkeit getreten. 

Westphal hatte 1869 im Archiv fiir Psychiatrie *) unter der 
Cberschrift „Kontrare Sexualempfindung" die eingehende Lebens- 
geschichte zweier von ihm selbst beobachteter Personen, einer homo- 
sexuellen Frau und eines Mannes, den wir heute als „Transvestiten" 
bezeichnen wiirden, veroffentlicht. Er nimmt in diesem Aufsatz wieder- 
holt Bezug auf die ,,Anthropologischen Studien", die U 1 r i c h s nicht 
lange zuvor unter dem Titel „Inclusa" publiziert hatte, und gelangt 
zu folgendem SchluBsatz: „Immerhin mogen die geschilderten Seelen- 
zustande haufiger sein, als man weiU. Es ist Pflicht, die Aufmerksam- 
keit diesem Gegenstande zuzuwenden . . . Kommt es einmal zur 
Aufhebung des preuB. § 143, tritt demnach nicht mehr das Gespenst 
des Gefangnisses drohend vor das Bekenntnis der perversen Neigung, 
dann werden diese Falle gewiB eher zur Kognition der Arzte ge- 
langen, in deren Gebiet sie gehore n." 

Cber den Titel seiner Arbeit sagt er selbst folgendes : ^) Die Be- 
zeichnung kontrare Sexualempfindung habe ich nach dem Vorschlage 
eines verehrten, auf dem Gebiete der Philologie und Altertumswissen- 
schaft ausgezeichneten Kollegen gewahlt, als uns die Bildung kiir- 
zerer und z utreffenderer Bezeiehnungen nicht gelingeu wollte. Es soil 
damit ausgedriickt sein, daB es sich nicht immer gleichzeitig urn 
den Geschlechtstrieb als solchen handle, sondern auch bloB 
um die Empfindung, dem ganzen inneren Wesen nach 
dem eigenen Geschlechte entfremdet zu sein, gleich- 
sam eine unentwickelte Stufe des pathologischen Phanomens. 

Trotzdem Krafft-Ebing'^) und nach ihm Schrenck- 
NotzingS), MolP), Havelock Ellisio) u. a.") die West- 



*) p. 73—108. 

«) L. c. p. 107. 

') Psychopathia sexualis mit besonderer Beriicksichtigung der 
kontraren Sexualempfindu ng. Eine medizinisch-gericht- 
liche Studie fiir Arzte und Juristen von Dr. R. v. Krafft-Ebing, 
o. o. Prof, der Psychiatrie und der Nervenkrankheiten in Graz. Erste 
Auflage, Stuttgart 1877. Von demselben: Zur Lebre von der kon- 
traren Sexualempfindung. Irrenfreund 1884 I, sowie Der KontrJir- 
sexuelle vor dem Strafrichter. De sodomia ratione sexus punienda. 
De lege lata et de lege ferenda. Eine Denkschrift. Leipzig und Wien 
1895. 

8) Die Suggestionstherapie bei krankhaften Erscheinungen des 
Geschlechtssinnes mit besonderer Beriicksichtigung der kontraren 
Sexualempfindung von Dr. A. Freiherrn von Schrenck-Notzi ng, 
in Miinchen. Stuttgart 1892. 



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phalsche Bezeichnung „kontrare Sexualempfindung" auf 
das Titelblatt ihrer vielgelesenen Werke setzten, auch das Eigen- 
schaftswort kontrarsexuell, sowie die Substantiva Kontrarsexu- 
eller und Kontrarsexualismus in der Pachliteratur Anwendung 
fanden und von den Psychiatern langere Zeii fast ausschlieU- 
lich gebraucht warden, konnte sich dieses ziemlioh gut ge- 
bildetc Wort gegeniiber dem gleiches meinenden Ausdruck Homo- 
sexualitat auf die Dauer nicht behaupten. Ebenso verdrangte 
allmahlich das Wort Homosexualitat auch das U 1 r i c h s ' sche 
Uranism us. 

Bereits in den vier Briefen, die U 1 r i c h 8 1862 als 38 jahriger an seine 
Verwandten schrieb, ^^) bezeichnet er sich selbst als einen „reinen 
unvermischten Uranier", schreibt von seinen „urnischen Neigungen", 
die gerade so gut ein Werk Gottes seien, „wie sein Arm oder Bein, 
nur daB sie ein geistiges Stuck des Menschen seien, das Bein aber 
ein korperliches" und behauptet: „Uranismus ist eine Spezies von 
Hermaphroditismus" ; er meint, die Moralvorschrift in Komer I, auf 
die sein Onkel ihn verwiesen hatte, konne sich unmoglich auf ihn 
als einen „urnischen Hermaphroditen" beziehen, da er seine Natur 
nicht „verlassen" hatte. Nur gegen diese aber wende sich der Apostel 
Paulus. 

In seinen spateren Schriften hat Ulrichs die sich urspriinglich 
an das Lateinische anlehnenden Wortbildungen Uranier und Uranis- 
mus mit deutschen Endungen versehen und spricht dementsprechend 
von Urningen, Urninginnen und Urningtum; statt uranisch sagt er 
urnisch. In dem ersten Paragraphen der ersten Schrift Vindex gibt 
er folgendo Erklarung: 

㤠1. Tatsache ist es, daB es unter den Menschen Individuen 
gibt, deren Korper mannlich gebaut ist, welche gleichwohl aber ge- 
schlechtliche Liebe zu Mannern und geschlechtlichen Horror 
vor korperlicher Beriihrung mit Weibern empfinden. § 2. Diese Indi- 
viduen nenne ich nachstehend „Urninge", wahrend ich „Dioninge" 
diejenigen Individuen nenne, welche man schlechtweg als Manner zu 
bezeichnen pflegt, d. h. diejenigen, deren Korper mannlich gebaut ist, 
und welche geschlechtliche Liebe zu Weibern, geschlechtlichen Horror 

^) Die kontrare Sexualempf indung von Dr. med. Albert Moll 
in Berlin. Mit einem Vorwort von v. Krafft-Ebing. Erste Auf- 
lage, Berlin 1891. 

10) Das kontrare Geschlechtsgefiihl von Havelock Ellis und 
I. A. S y m o n d s. Deutsche Original- Ausgabe von Dr. Hans Kurella. 
Leipzig 1896. 

Von anderen Arbeiten, die sich der Bezeichnung „kontrare Sexual- 
empfindung" bedienen, seien angefiihrt: 

Z. B. : Servaes, Zur Kenntnis von der kontraren Sexual- 
empfindung. Archiv f. Psychiatric, 1876 Bd. VL p. 484; Stark, 
Uber kontrare Sexualempfindung. Allgemeine Zeitschrift fiir Psycho- 
logic 1877. Bd. XXXIX. p. 209; Sterz, Beitrage zur Lehre von der 
kontraren Sexualempfindung. Jhrb. f. Psych. Bd. 3. Heft 3. p. 221. 

Westphal, Die kontrare Sexualempfindung. Archiv f. Psy- 
chiatrie 1870. Bd. II. p. 73 und Westphal, Zur kontraren Sexual- 
empfindung. Archiv f. Psych. 1873, Bd. III. p. 225. 

^^) Der Kontrarsexualismus in bezug auf die Ehe und Frauen- 
frage. 1895. Leipzig. 

") Veroffentlicht im Jahrb. f. sex. Zw. Bd. I. p. 36 ff. 



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vor Mannem empfinden. Die Liebe der Urninge nenne ich nach- 
stehend urnisohe oder mannmannliche Liebe, die der Dioninge 
dionisoh e." 

Die Stellen, auf Grund derer der gelehrte Ulrichs seine selt- 
samen Ansdrticke bildete, befinden sich im 8. und 9. Kapitel 
von Platons Symposion, jenem bertihmten Dialog, in dem 
die Teilnehmer am Gastmahl die Liebe von den verschiedensten 
Gesichtepunkten erortern, um sich schliefilich in einer Lob- 
preisung ihres Meisters Sokrates zn vereinigen. 

Hier fiihrt einer der Diskussionsredner mit Namen Pausanias 
aus, daB es nicbt nur e i n e n Eros eabe, sondern zwei, und dement- 
sprechend auch zwei Aphroditen, also zwei Liebesgotter und zwei 
Liebesgottinnen ; die altere Aphrodite sei ohne Mutter als eine Tochter 
des Uranos erschaffen, sie fiihre daher den Beinamen „Urania" (Venus 
Urania); die jiingere hingegen sei eine Tochter des Zeus imd der 
Dione und werde pandemos „die allgemeine Aphrodite" (Venus vul- 
giva^a) genannt. Es heiBt dann weiter, daB, wahrend die von Eros 
pandemos Ergriffenen in ihrer Liebe zwischen den Geschlechtern keinen 
tlnterschied machten, weil die zu ihnen gehorige Aphrodite, als sie 
gezeugt ward, am mannlichen ebenso teil hatte, wie am weiblichen, 
die vou dem Eros der Gottin Urania Angewehten sich ausschlieBlich 
zum mannlichen Geschlecht hingezogen fiihlten (ov fiezexovarjg &i]keog; 
dU' Sg^og fiovov). Und dies sei dann der naldwv ^ocog. Die von ihm 
Erfullten liebten das von Natur Starkere und an Vernunft Reichere; 
S^ev dif ijii TO dg^ev xghtoyxai ol ix tovtov xov egoixog ejturvoi, to (pvaet 
eg^cjfieviareQov xai vofjv fidXXor l^jjov dyandivTeg. 

Diese aber der jiaideQaaria ergebenen Manner, fahrt der Redner 
dann an der auch fiir die urspriingliche Bedeutung des Wortes Pad- 
erastie wichtigen Stelle fort, liebten nicht etwa Kinder, sondern Jiing- 
iinge, die schon selbstandig zu denken beginnen, dies trafe mit der 
Zeit des ersten Bartflaumes nahe zusammen (xai tig dv yvolrj xal h avrfj 
xfj natdegaaxlq, zovg elXixgtv&g vno tovtov tov egoDTog wgfitjfievovg ' ov yag igcbai 
siaidcov, aXX^ ijisidav rjdrj agxoiVTai vovv XoxsiV toVto de JiXrjotd^si T<pyevetdox€iv}, 
Der Standpimkt, den P 1 a t o n hinsichtlich der jtaidsgaoTla vertritt, 
kommt in folgendem Satze ziun Ausdruck: „. . . . Die Sittlichkeit 
jeder Handlung liege in der Art ihrer Ausfuhrung, tadelnswert sei 
daher jene Liebe, die nur den Korper liebt imd treulos von einer 
Sinnenlust zur anderen eile, loblich sei dagegen die der Sinnlichkeit 
zwar ebenfalls nicht vdllig entbehrende, aber durch geistige Bande 
geadelte Liebe, wobei der Liebhaber sittlich bildend auf den Ge- 
liebten einzuwirken suche, wofur dann der Liebling dem Liebhaber 
gelegentlich wohl zu Willen sein durfe"i»). 

Es ist gewiJJ begreiflich, daB bei der Auffassung der Pftd- 
erastie in Platons Gastmahl von jeher alien, die sich ernster 
und tiefer mit den Problemen der gleichgeschlechtliohen Liebe 
beschfiitigten, diese Schrift als ein unversiegbarer Born der 
Belehriing, den Homosexuellen selbst aber als ein Quell des 
Trostes tind der Erhebung erschienen ist. So erklart es sich, dafl 
Ulrichs, als er das miUdeutete Wort Paderastie durch ein 
neues zu ersetzen suchte, auf Platons Symposion zurilckgriff , 



18) Cit, nach^iefer, Platos Stellung zur Homosexualitat, Jahr- 



bnch f. sex. Zw. Bd. VII, p. 122. 



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nicht als der erste und nicht als letzter, denn ganz ahnlich tat 
es schon sein Vorganger Heinrich Hossli, als er 1836 in 
Glarus ein zweibandiges Werk mit der Aufschrift erscheinen ! 
lieD, ,,Eros, die Mannerliebe der Griechen, ihre Beziehungen zur 
Geschichte, Erziehung, Literatur und Gesetzgebung aller Zeiten" , 
mit dem bemcrkenswerten Untertitel : ,,Die Unzuverlassigkeit * 
der aufleren Kennzeichen im Geschleclitsleben des Leibes und 
der Seele oder liber platonische Liebe, ihre Wlirdigung und Ent- 
wijrdigung ftir Sitten-, Natur- und Volkerkunde." Und ebenso , 
nahni auf die platonischen Stellen einer der neuesten Bearbeiter 
des Gegenstandes Bezug, als er sein grofles, der Frage gewidmetes i 
Werk ,,Die Renaissance des Eros Uranios** nannte^^). 

U 1 r i c h s machte sich aus der Platonischen Fiktion der beiden 
Liebesgottinnen eine ganze komplizierte Nomenklatur zurecht. Er 
unterschied nicht nur die Menschen in Urninge und Dioninge, ihr 
Empfinden in urnisches und dionisches, die Erscheinung selbst in 
Uranismus und Dionaismus, gelcgentlich auch Urningtum und Dioning- 
tum, — von de Joux^^) Urningismus genannt, vvahiend Frei- 
m a r k *^) den der urnischen Empfindung zu Grunde liegenden Zu- 
stand als „Uranitat" bezeichnet, — sondern sprach aucn von Urano- 
dioningcn und Uranodionaismus, womit er dasselbe meinte, was spater 
Bisexuelle und Bisexualitat genannt wurde. 

In seiner IV. Schrift „Formatrix", wo er diesen' Ausdruck 
das erste Mai gebraucht, erklart er ihn im § 81 mit den Worten: „So 
kann ich mich nicht langer gegen die mir sich aufdrangende Uber- 
zeugung versperren, daU es Doppelnaturen gibt, welche f iir 
Manner wie fiir Weiber Liebe empfinden". Die weibliche Homosexuelle, 
die ilmi anfangs voUkommen entgangen war, bezeichnet er in spateren 
Schriften mit Urningin, wofiir spater de Joux^^) U r n i n d e sagte ; unter 
Urningszwitter, die er in Vindicta ^^) und Memnon i') erwalmt, ver- 
steht er korperliche Hermaphroditen, die „mit dem Urning gemein 
den weiblichen, auf Manner gerichteten" Liebestrieb habeo. Eine 
besonders merkwiirdige Wortschopfung ist Uraniaster. So nennt 
Ulrichs bereits in seiner II. Schrift „Inclusa" Individuen, die, ohne 
urnisch veranlagt zu sein, doch gleichgeschlechtlich verkehren. Es 
liandelt sich bei ihnen um eine „U r a n i s i e rung", die aber, wie 
er in ^Memnon ^o) ausfiihrlich klarlegt, stets nur temporar sei. 

Im § 81 des Memnon heiBt es: „Der uranisierte Mann, der Ura- 
niaster, ist und bleibt Mann. Seine Mannesnatur ist nur zeitweilig 
in den Hintergrund gedrangt. Seine mannliche Liebesempfanglichkeit 
fiir Weiber hort nie auf. Nie empfindet er bei geschlechtlicher Be- 
riihrung mit weiblichem Korper den urnischen Horror. Bei jeder sich 
darbietenden Gelegenheit bricht die Weiberliebe wieder hervor .... 
So geschah es auch bei den uranisierten Soldaten der franzosischen 



^*) Die Renaissance des Eros Uranios. Die physiologische Freund- 
schaft, ein normaler Grundtrieb des Menschen und eine Frage der 
mannlichen Gesellungsfreilieit in naturwissenschaftlicher, naturrecht- 
licher, kulturgeschichtlicher und sittenkritischer Beleuchtung von 
Benedict Friedlander, Schmargendorf-Berlin 1904. 

15) Die Enterbten des Liebesgliickes. Ein Beitrag zur Seelenkunde. 
Von Otto de Joux, Leipzig p. 215. 

16) Frcimark, Der Sinn des Uranismus. Leipzig, p. 6. 

17) Z. B. 1. c. p. 32. — 18) Vindicta p. 38. — i^) §§ 43 und 101. 
20) p. 118 und 145. 



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Freradenlegion, als sie aus der einsamen Wiiste nach der Stadt Algier 
zuriickkehrten, wo sie Weiberumgang faiiden." 

In spateren Schriften, Argonauticus ^i), der neunten und Prome- 
theus 22). der zehnten, gelangt U 1 r i c h s dann noch zu einer letzten 
Wortschopfung: Uranide fiir Urning, in einem Gedichte: Hybla und 
Enna23) sagt er am SchluC: 

,,Harre eine kleine Weile, harre gleich wie Ennas Thai 
Uranide I Uranide I auch dein Friihling kommt einmal." 

Es findet sich dieses Gedicht in der 10. von U 1 r i c h s* Schriften, 
die anfangs als erste Nummer einer monatlichen Zeitschrift geplant 
war, die ebenfalls den Titel „Uranus" fiihren soUte. Dieser Lieblings- 
plan U 1 r i c h s' kam jedoch nicht zur Ausfiihrung. Woran er schei- 
terte, wissen wir nicht. Es liegt uns nur ein Schreiben der Verlags- 
buchhandlung vor, die erklart, daC sie vor der Hand von der I&e 
einer Zeitschrift Abstand nehmen miisse, jedoch spater bestimmt 
ihre Absicht auszufiihren hoffe, ferner der von U 1 r i c h s verfaCte 
Prospekt des Unternehmens, welcher mit den Worteu schlieBt: „So 
beschreite denn, Uranus, deine Bahn: ein Entschleierer verhiillter 
Natur, ein Freiheitsstreiter fiir Unterdriickte, ein Verfechter von 
3fenschenwiirde und Menschenrecht'*, sowie endlich die Inhaltsangaben 
der Hefte fiir Februar und Marz 1870, die interessant genug sind, um 
hier wiedergegeben zu werden: 1. Naturwissenschaftliches Material iiber 
Urninginnen und deren Mannahnlichkeit. 2. Nachlese zu Argonau- 
ticus: Krankhafte Gemiitsaffektionen, die mit dem Geschlechtstriebe 
verwachseu sind. 3. Nachlese zum Fall Zastrow. 4. Urnische Taiges- 
chronik : Chicago : Versuchte Lynchung eines Urnings ; Hannover : Tot- 
schlag des Urnings Dangers durch seinen Geliebten, den Unteroffizier 
Freudenreich ; Konstantinopel : die urnische Prostitution, die Bader 
und die Polizei. 5. Rupf erchronik : Rupferei in Berlin, Rupferei in 
Bern, Rupferei in Miinchen, Rupferei in Petersburg, Rupferbrief. 
6. Wortlaut des Eisenacher Urteils, welches „Gladius furens" und 
„Memnon*' von der Konfiskation befreit, 7. Kleine Mitteilungen aus 
der Urningwelt: Ein Urning, der aus Liebessehnsucht zu einem jun- 

fen Mannc Magd ward ; 9 jahriger Urning und 17 jahriger Seiltanzer. 
. Historische Urninge: Wilhelm III., Konig von England; Prince de 
Conde; Prinz Heinricn von PreuBen; Winckelmann, der Kunstforscher ; 
Moretus ; William Shakespeare. 9. Historische Urninginnen : die Fecht- 
meisterin Maupin geboren 1673; Catharina Howard, Heinrichs VIII. 
von England fiinfte Gemahlin, wahrscheinlich ihres Uranismus wegen 
enthauptet. 

Es sind Einleitungen getroffen, um in einem zu eroffnenden 
Feuilleton des „Uranus einen urnischen Roman mitzuteilen. Nach- 
schrift: 5,Soeben wird dem Herausgeber ein franzosischer Urninginnen- 
Romaii (yoUstandig) in Aussicht gestellt, dessen Anfang, aber nur der 
Anfang, jiingst im Feuilleton einer Pariser Zeitung erschien. Der In- 
halt soil auf einer wahren Begebenheit beruhen." 

Man kann es bei dem intensivon Eintreten fiir seine Wort- 
bildungen verstehen, dalJ es Ulrichs schmerzlidi beriihren 
miiBte, als er merkte, daB sie weder in juristischen noch medizi- 
nischen Fachkreisen, noch bei seinen Schicksalsgenossen Beifall 



21) L. c. p. 89. 

22) L. c. p. 92. 

23) Hybla und Enna sind Taler in Sizilien, von denen das erstere 
wegen seiner sonnigeren Lage bedeutend eher im Friihlingsschmucke 
prangt als letzterea. 



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10 

und Widerhall fanden. Erst kurz vor seinem Tode, als er sein 
Interesse in den Abruzzen langst ganz anderen Gegenstanden 
zugewandt hatte, fand sein Ansdruck ein wenig Eingang in die 
Literatur ; in erhohtem MaBe geschah dies aber erst nach seinem 
Verscheiden, als das homosexuelle Problem aus versehiedenen 
Grttnden die Offentlichkeit viel starker als zu seinen Lebzeiten 
beschaftigte. Aber aueh heute, trotzdem inzwischen selbst aus- 
landische Literaturerzeugnisse^*) das Wort akzeptierten, kann 
man nicht behaupten, daQ der Timing sich im Sprachschatz ein- 
geblirgert oder gar Volkstiimlichkeit erlangt hat. Namentlich 
bei den Urningen selbst stieC er auf innere Widerstande. Viele, 
die mehr ftir Sinnesassoziationen eingestellt waren, empfanden 
ihn in Anlehnung an die „himmlische** Venus zu hochtrabend; 
anderen, den fiir K 1 a n g assoziationen Empfanglicheren, er- 
schien er im Gegenteil als eine sie herabziehende Bezeichnung. 
Die meisten Fachschriftsteller ignorierten ihn in ihrem Voka- 
bularium voUkommen. Einige suchten ihn allerdings noch zu 
libertrumpfen, wie Hessen^^), der statt Uranier Polyhymnier 
vorschl&gt, weil nicht Urania, sondern Polyhymnia „die Muse 
der irdischen Knabenliebe" gewesen sei. Jedenfalls war es aueh 
bei Benkert mehr wirkliche Abneigung als, wie Ulrichs 
glaubte, Eifersucht, die ihn veranlaflte, ein neues Wort zu 
bilden. Heute besteht kein Zweifel, dali von den drei Bezeich- 
nungen, die in den sechziger Jahren fast gleiehzeitig aufkamen, 
der Ausdruck Homosexualitat trotz seiner offensichtlichen 
Mangel sowohl liber Westphals „kontrare Sexualempfindung" 
als iiber Ulrichs ,,Uranismus** die Oberhand gewonnen hat. 

Auf einige dieser Mangel soil noch kurz eingegangen werden. 
Hit Hecht ist getadelt worden, daB das Wort, zusammengesetzt aus 
Sfiog (griech.) und sexus (lat.), eine Bastardbildung teils griechischer, 
teils lateinischer Abstammung ist. Man hat es daher zu verbessem ge- 
sucht, indem man teils an seiner ersten, teils an der zweiten Haute 
Anderungen vornahm. Edward Carpenter 2«) hat vorgeschlacen, 
sexus durch das griechische ysvoi - Geschlecht zu ersetzen. Er selbst 
hat dementsprechend eine seiner ausgezeichneten Schriften liber den 
Gegenstand „Homogenic love"") genannt. Im Deutschen diirfte sich 
diese „homogene** Zusammenstellung schon deshalb schwer einfuhren, 
weil das Wort homogen bereits in der Bedeutung von gleichartig ein- 
heitlich gebraucht wird, aueh mit der von Bergfeld, dem tJber- 
setzer Carpenters, voigeschlagenen deutschen Endung homo- 
genisch diirfte er kaum durchdringen, ebensowenig wie das dafiir ge- 

**) Z. B. Uranisme et unisexualit^ par M. A. Raffalovich. 
Paris 1896. Het uranisch gezin von Dr. L. S. A. M. von Romer. 
Amsterdam 1905. 

2*) Hessen, Sieben Todfeinde der Menschheit. Munchea 1911. 

^«) Zuletzt in dem Buche Middlesex p. 39. 

") Carpenter, Die homogene Liebe uad dereu B^eutuue 
in der freien Gesellschaft. 



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11 

setzte homoerotisch. Einige gebildete deutsche Homosexuelle 
pflegeu statt homogen i s o g e n im Sinne von gleichgeschlechtlich zu 
gebrauchen, ohne jedoch in weiteren Kreisen damit Anklang ge- 
funden zu haben. Von anderen Modifikationen der ersten WortnaLfte 
seieu nocli genannt : der von Xavier Mayne in „The intersexes" 
gebrauchte Ausdnick „8 i m i 1 i sexuell", das im Franzosischen nament- 
lich von Raffalovich und Pratorius angewandte „uni8exuell", , 
das von Robert Hessen^s) gebildete parisexuell, sowie vor allem 
homoiosexuell *^) und homoioerotisch, davon ausgehend, daB „gleich" 
im Griechischen uberhaupt nicht S^o^, sondem Sfioiog lieiBt. Wie 
sich iibrigens die Worte Allopathie und allopathisch erst bildeten, 
nacbdem die Gegensatze Homoopathie und homoopathisch entstanden 
waren, so kam die Bezeichnung h e t e r o sexuell, von izegog anders, 
erst lEngere Zeit n a c h homosexuell auf. Professor Robert Som- 
mer^o) gebraucht dafur das Wort „allosexuell", von &lXog anders. 
Als drittes gesellte sich dann die Bisexualitat, gelegentlich auch Ambi- 
sexualitat **; genannt, hinzu, nachdem das Bedurfnis vorlag, auch fiir 
diejenigen einen analogen Namen zu finden, die sich zu oeiden Ge- 
schlechtem hingezogen fiihlen. Vielfach wird die erste Halfte des 
Wortes homosexuell infolge seiner fehlerhaften Schreibweise iiberhaupt 
miUverstanden, viele glauben sie statt auf das griechische S/iog oder 
Sftoiix; = gleich, auf lateinisch homo = der Mensch, zuiiickfiihren zu 
miissen. Fiir diese falsche Auffassung ist beispielsweise bezeichnend, 
daB man anlafllich der deutschen Skandalprozesse in den Jahren 
1907 und 1908 „homosexuell" in italienischen Zeitungen vielfach mit 
„Uomo sessuale" iibersetzt fand, was soviel bedeutet, wie „geschlecht- 
licher Mensch", und zwar, wie man mir auf Befragen erlauterte, in 
dem Nebensinne „eines Menschen, der ganz von dem Geschlechts- 
leben beherrscht wurde". DaB es auch weibliohe Homosexuelle gibt, 
schien den meisten ganzlich unbekannt zu sein. Mehr etymologisches 
Verstandnis zeigte ein Wortspiel, mit dem ein Schriftsteller jener 
Tage seine eigene Stellung zu der Frage in dem Satze ausdriickte: 
„Homo sexualis sum, non homosexualis". Allen MiBverstandnissen 
die Krone setzte der spanische Professor Max Bembo auf, der in 
seinem Werke „La mala vida en Barcelona" die Heterosexuellen im 
Gegensatze zu den mannliebenden Homo sexuellen „F e m i n o sexuelle" 
nennt. 

VerhangnisvoUer als der sprachliche Irrtum ist der Um- 
stand, dafl woW unter dem Eindruck der Endung sexuell das 
Wort vielfach nicht im' Sinne geschlechtlicher Artung oder Nei- 
gung, sondern in dem einer sexuellen Handlung erfalJt und 
gebraucht wird, vonLaien oft sogar im Sinne einer bestimmten 
und zwar, wie wir spelter sehen werden, unter Homosexuellen 
verhallnismaflig nicht einmal haufigen Form der Betatigung. 
Dem Worte droht hier ein ahnliches Schicksal wie den Aus- 



M) Loc. cit. 144 ff. 

**) Homoiosexuell besonders in einem Aufsatz fiber die Schutzalter- 
frage im Jahrb. f. sex. Zw., Jahrg. XII. Heft 1. p. 12 ff. 

*<>) In seinem Werke: „Kriminalpsychologie und strafrechtliche 
Psychopathologie auf naturwissenschaftlicher Grundlage". 

«') Cf. S. Ferenczi, tJber die Rolle der Homosexualitat in der 
Patbogenese der Paranoia. In Jahrbuch fiir Psychoanalytische und 
psychopathologische Forschungen. Herausgegeben von Bleuler und 
Freud. III. Band, I. Halfte. p. 119. Anm. 1. Leipzig und Wien 
1911 



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12 

drucken Paderast und Paderastie, die von ^oli(; und ^qglv her- 
geleitet anfangs auch nur die Liebe zu Jtinglingen als solche 
in sich begriffen, bis sie allmahlich, und zwar vermutlich schon 
infolge der Verspottung antiker Komodienschreiber, die Be- 
zeichnung fiir die ihnen etymologisch fern liegende immissio 
in anum geworden sind. Diese Bedeutung behielten die Worter 
auch in der wissenschaftlicben Welt bei, trotzdem schon 
Johann Ludwig C-a^s^xer 1852 in seiner Arbeit „tlber Not- 
zucht und Paderastie und deren Ermittelung seitens des Ge- 
richtsarztes"32)^ wohl der ersten medizinischen Abhandlung liber 
den Gegenstand, an der Hand mehrerer trefflicher Beobach- 
tungen ausgefiihrt hatte, daU die Paderasten in der weitaus 
grolJen Oberzahl der Falle iiberhaupt nicht die ihnen im Volks- 
glauben zugeschriebenen Akte vollflihrt'en, und daB auch die 
iibliche tJbersetzung von „Paderastie" mit Knabenliebe oder 
Knabenschandung nidht zutreffend sei, da fast alle teils Jting- 
linge, teils Manner, jedenfalls nicht unreife Knaben liebten. 
Diese weitverbreiteten MilJverstandnisse waren schlielJlich auch 
der Grund, weshalb Ulrichs, wie er im § 2 seiner ersten 
Schrift „Vindex*' berichtet, ,,zur Schaffung neuer Ausdriicke 
schreiten zu mtissen glaubte." Sie bezogen sich wie bei Plato, 
dem sie entnommen waren, zunachst nur auf mannliche Homo- 
sexuelle. Von weiblichen Homosexuellen schien Ulrichs an- 
fanglich noch nichts oder wenig zu wissen. Als dann spater das 
Ersatzwort homosexuell aufkam, iibertrugen viele die Auffas- 
sung, die sie von der gleichgeschlechtlichen Betatigungsart 
hatten, auf das neue Wort. Selbst Homosexuelle, welche die 
Literatur nicht kennen und wenig Verkehr mit anderen Homo- 
sexuellen haben, konnen solchen Irrtlimern unterliegen ; sie 
halten sich nicht fiir Homosexuelle, geschweige denn flir Pad- 
era-sten, verachten diese sogar, well sie denken, diese Worte 
beziehen sich nur auf den analen Akt, den sie selbst perhor- 
reszieren. 

Erst vor kurzem war ich in Siiddeutschland Sachverstandiger Id 
einem MeineidsprozeB, in dem ich durch Klarlegung dieses Sachver- 
halts, dessen Richtigkeit der Mitgutachter Kriminalkommissar Dr. 
K o p p bestatigte, den Freispruch des Angeklagten erzielte. Es han- 
delte sich um einen angesehenen Patrizier, der als Zeuge beschworen 
hatte, nicht homosexuell zu sein und auch keine unziichtigen Hand- 
lungeii mit Mannern vorgenommen zu haben. Man vermutete falsch- 
lich, dali er bestohlen sei, weil man seinen Namen im Notizbuch 
eines Diebes gefunden hatte, dessen Spezialitat es war, an reichen 
Homosexuellen Eigentumsverbrechen zu begehen in der Annahme, dafi 
diese aus Scheu, mit den Gerichten etwas zu tun zu bekommen, vod 



32) In der Vierteljahrsschrift fiir gerichtliche und offentliche Medi- 
£in, I. Band. 1852. 



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13 

Anzeigen Abstand nehmen wiirden. Wahrscheinlich hatte der Dieb 
dui'ch einen friiheren Diener des Herrn von dessen homosexuellen Nei- 
guiigen erfahren. Es fiigte sich nun, daU etwa ein Jahr nacL der 
Eidesleistung ein Gartner denselben Herrn wegen tiitlicher Beleidi- 
gung anzeigte, weil er von ihm in unziichtiger Weise beriihrt wordeu 
sei. Darauf leitete die Stsiatsanwaltschait ein Ermittlungsverfahren 
ein, in dem sich ergab, dafi R. objektiv falsch geschworen hatte. Die 
„Zartlichkeiten", die er sowohl seinem mannlichen Dienstpersonal, 
als zahlreichen Mitgliedern eines von ihm gegriindeten Rudervereins 
gegeniiber sich hatte zuschulden kommen lassen, stellten dies auBer 
ZweifeL Er wurde in Haft genommen und zunachst wegen wissent- 
lichen, dann wegen fahrlassigen Meineids angeklagt. Das von mir 
iiber den Fall erforderte Gutachten gebe ich in den Hauptstellen wie- 
der, weil es die praktische Wichtigkeit der in Rede stehenden Begriffs- 
unterscheidungen zeigt. 

Es lautete: Der Psychiater hat im vorliegenden Falle dreierlei 
zu untersuchen. E r s t e n s : bestehen sexuelle Neigungen zu Per- 
sonen des eignen Geschlechts, die man als homosexuelle zu bezeichnen 
ptlegt, ist der Angeklagte also, wie er gefragt wurde: homosexuell, oder 
wie er geschworen hatte : nicht homosexuell. Zweitens: ist der 
Angeklagte, falls er homosexuell ist, sich seines Zustandes, sowie sich 
der von ihm vorgenommenen Handlungen als unziichtig bewuBt ge- 
wesen. Drittens: Befand er sich bei Begehung der strafbaren 
Handlung in einem krankhaften Zustande der Geistestatigkeit, die 
seine freie Willensbestimmung im Sinne des § 51 RStrGB. ausschloB. 

Zu Punkt 1 kann ich mich kurz fassen. Die dem Angeklagten 
nachgewiesenen Handlungen sind typisch homosexuell. Es ist zwar 
in keinem der von den Zeugen angegebenen Eiille zu einer eja- 
culatio seminis gekommen, auch keine der krasseren homosexuellen 
Akte, wie immissio in anum, in os oder inter femora, sind bekundet 
worden, dagegen zahlreiche Liebkosungen, Betastungen und Manipu- 
lationeu an den Genitalien der Zeugen, wie sie schon W e s t p li a 1 
als fiir die kontrare Sexualempfindung bezeichnend beschrieben hat. 
Auch im iibrigen finden sich die Erscheinungen vor, die bei der auf 
konstitutioneller Basis beruhenden Homosexualitat vorhanden zu sein 
pflegen. Dem unwillkiirlichen Angezogenwerden durch mannliche Per- 
sonen entsprach als Revers das negative Verhalten gegeniiber dem 
Weibe. Er hat sich zwar freundschaftlich zu Frauen hingezogen ge- 
fiihlt, sich sogar, wie er schreibt, in Gesellschaft alter Damen be- 
sonders wohl gefiihlt, aber nicht, weil sie ihn geschlechtlich fes- 
selten, sondern weil er sich, unbewuBt, als zu ihnen gehorig fiihlte. 
R. hatte, wie er heute in seiner Aussage bekundete, die Absicht zu 
heimteu, aber, wie er charakteristisch hinzufiigte, „nur ein edles 
Weib suchte er, das ihm seine Mutter ersetzen konn e." 

Noch viele andere Erscheinungen, die bei Homosexuellen haufig 
beobachtet werden, sind bei ihm vorliegend, Eigenschaften, die im 
einzelnen zwar unwesentlich, als Ganzes aber doch typisch sind. Als 
ich gestern seine Wohnung besichtigte, die wie die einer eleganten 
Lebedame eingerichtet ist — in seinen vier Salons strotzt alles von 
gelber und roter Seide — zeigte er mir die Stickereien, die er selbst ange- 
I'ertigt hatte. Mit Vorliebe zog er sich als Kind die Schleppkleider 
seiner Mutter an. Wie der Zeuge A. bekundete, der mit ihm die Schule 
besuchte, hatten ihm die Kameraden den Spitznamen „Thekla" ge- 
geben. Besonders gewandt ist er in der Kochkunst. Als einmal bei 
einer Gesellschaft, die seine Mutter gab, die Koch in ausblieb, be- 
reitete er alle Speisen selbst. Seine Ilauptinteressen sind Blumen 
und Vogel, seine Hauptliebhabereien Schmucksachen und SiiBigkeiten. 
Auf der anderen Seite besteht eine ausgesprochene Abneigung gegen 
mannliche iJeschaftigungen und Interessen. Er liest keine Zeitun- 
gen, verfoigt nicht die Politik, verabscheut die Jagd. Er gehort 



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14 

zwar mehreren Sportsvereinen an, aber nur solchen, die ihm die 
Gesellschaft jugendlich mannlicher Personen vermitteln. Endlich liegen 
deutliche Anzeichen jener neuropathischen Konstitution vor, aufderen 
Grundlage die Homosexualitat oft erwachst. Er ist das einzige Kind 
aus der zweiten Ehe seines Vaters, drei Briider aus der ersten Ehe 
starben ziemlich jung. Beide Eltern waren bei seiner Geburt iiber 
40 Jahre alt. Sie sollen recht nervos gewesen sein. Als Kind litt 
er oft an Kopfweh, weinte viel, war sehr schreckhaft und an^stlich, 
so daB er noch mit 20 Jahren im Zimmer seiner Mutter schlief. Ich 
habe die Briefe gelesen, die ihm seine Eltern schrieben, als er be- 
reits in England in Stellung war. Sie sind nicht wie Briefe an 
einen Erwachsenen, sondern wie an ein verzarteltes Sorgenkind. Einer 
seiner Lehrer bekundete heute, daB er in der Schule „zimperlich nnd 
mimosenhaft** gewesen sei. Er lernte schwer. Gut war er nur in Zeich- 
nen und Religion. Die nervosen Beschwerden nahmen mit den Jahren 
zu. Er litt an Schlaflosigkeit, Beklemmung, haufiger Schwermut, 
besonders, wie einer seiner Arzte mitteilt, an nervosem Asthma. Es 
bestand ein starker Stimmungswechsel. Er war iiberempfindlich, sehr 
exaltiert und exzentrisch. Nach dem Tode seiner 73 jahrigen Mutter 
ging er nicht nur zwei Jahre lang taglich zweimal zum Friedhofe, son- 
dern lieB sich auch schwarzseidene Trauerwasche anfertigen. Seine 
Wohnung, von deren extravs^anter Einrichtung ich schon berich- 
tete, beleuchtete er in dieser Zeit mit 120 Kerzen. Alles das brachte 
ihn in den Ruf eines wunderlichen Heiligen. In England nannte man 
ihn ein „Enigma". In Deutschland meinten die Nachbarn, er hatte 
den „englischen Spleen". Objektiv ist bei dem Angeklagten eine ge- 
steigerte Reflexerregbarkeit, namentlich der GefaBnerven, nachweisbar. 

Es fragt sich zunachst, ob auf Grund dieser Beschaffenheit des 
Angeklagten anzunehmen ist, daB er wuBte, was der ihn befragende 
Untersuchungsrichter unter Homosexualitat sowie unter unziichtigen 
Handlungen verstand. Das Wort Homosexualitat kommt zum ersten 
Male im Jahre 1869 in einer Denkschrift an den preuBischen Justiz- 
minister Leonhard vor. Wie die ungefahr aus derselben Zeit stam- 
mende Bezeichnung Westphals „Kontrare Sexualempfindung" meinte 
es nur die sich auf dasselbe Geschlecht beziehende Gefiihls r i c h - 
t u n g und wurde in diesem Sinne auch meist bis heute in der Fach- 
wissenschaft verwendet. Im groBen Publikimi wird dies Wort aller- 
dings vielfach falsch aufgefaBt. Es werden bestimmte Handlungen 
darunter verstanden. Es geht dem Ausdruck ahnlich wie dem Worte 
Paderastie, das auch urspriinglich nur Jiinglingsliebe bedeutete, nach- 
her aber fast allgemein fiir gewisse sexuelle Betatigungsarten ver- 
wandt wurde. 

Unzweifelhaft ist ferner, daB es Falle unbewuBter Homo- 
sexualitat gibt; zum Beweise will ich nur anfiihren, daB ich haufig 
von Personen aufgesucht wurde mit dem Ersuchen, ein Urteil abzu- 
geben, ob sie homosexuell seien, sie wiiBten es selbst nicht genau, 
ferner, daB eine Reihe von wissenschaftlichen Untersuchungen exi- 
stieren, in denen genau die subtile Frage behandelt wird, ob jemand 
homosexuell war. Ich lege als Beispiel nierfiir die Studie von B e r t z 
iiber Walt Whitmann vor. Die Diagnose der Homosexualitat 
ist aber durchaus nicht leicht. Es kommt vor, daB sich jemand fiir 
homosexuell halt, ohne es zu sein, es kommt aber noch haufiger 
vor, daB jemand sich fiir nicht homosexuell ansieht und es dennoch 
ist. Es gibt Falle, in denen die ganze Umgebung jemanden fiir 
homosexuell halt, nur er selbst nicht. Die Betreffenden suchen nam- 
lich oft unwillkiirlich ihre subjektiven Empfindungen zu objekti- 
vieren, ihre Instinkte und Gefiihle, die das primare sind, mit Ver- 
standsgriinden zu motivieren. So fiihrte der Angeklagte seine Ab- 
neigung gegen das Weib einerseits auf angebliche objektive Mangel 
der Frauen zuriick, andrerseits auf seine besondere Sittsamkeit. Wegen 



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15 

seiner hoflichen Zuruckhaltung gegenuber den Frauen gait er als 
ein „vollendeter Kavalier", den man, wie wir von einem Zeu^en 
horten, in England sogar als einen „Lady's man** bezeichnete. Seine 
Zuneigung zum Manne erklarte er als Freundschafts- und Anlehniings- 
bediirfnis. Manche der vorgenonmienen Handlungen, wie das SchlaJen 
im Bette der Diener fiihrte er auf den Wunsch sich zu „erwarmen" 
zurijck, Oder auf die bei ihm trotz aller Miihe noch nicht verschwun- 
dene Neigung zu Jugendverirrungen. Es sei ihm dies als „harmlos", 
als „gar nichts Besonderes" erschienen. 

Die Erfabrung zeigt, daB sich eine Selbsterkenntnis selbst bei 
gebildeten Homosexuellen oft erst in der Mitte der Zwanziger ein- 
stellt, haufig erst nach aufklarender Lekture, oder im Anscnlufi an 
aufsehenerregende Zeitereignisse. Bei unintelligenten Menschen tritt 
ein deutliches BewuBtsein ihrer Eigenart spater, bei manchen sogar 
nie ein. Es hangt das teilweise auch von der Starke und dem Se- 
tatigungsdrang des sexuellen Triebes ab, die in vorliegendem Falle 
nicht grofl gewesen zu sein scheinen. Auffallend ist, wenn auch 
keiueswegs ausschlaggebend, daB der Angeklagte keinem der zahl- 
reichen Arzte, die er wegen seiner nervosen Beschwerden konsul- 
tierte, trotzdem sie, wie er wuBte, an das Berufsgeheimnis gebunden 
waren, etwas von seiner Homosexualitat anvertraute. Schwieriger 
wie hinsichtlich der geleugneten Homosexualitat ist die Entscheidung, 
ob sich der Angeklagte auch iiber den Begriff der Unziichtigkeit bei 
seinem Eide unklar war. Immerhin handelt es sich hier um einen 
abstrakten Begriff, und zwar um einen schwankenden, wie bei- 
spielsweise die reichsgerichtlichen Entscheidungen erweisen, die den 
Be^iff der Unzuchtigkeit ziemlich oft verandert und erweitert haben. 
Ware der Angeklagte nach einer konkreten Handlung gefragt worden, 
etwa so: Haben Sie Ihre Diener oder andere junge Manner an den 
Geschlechtsteilen beriihrt, so hatte er nicht verneinend antworten 
diirfen. Bei der abstrakten Fragestellung ist jedoch zu bedenken, 
daB R. aus seiner Triebrichtung heraus die Handlungen, zu denen 
es ihn instinktiv drangte, anders auffaBte als ein Heterosexueller. Be- 
reits Krafft-Ebing wies in der Schrif t „Der Kontrarsexuelle vor 
dem Strafrichter" darauf hin, daB dem Homosexuellen Gegenvorstel- 
lungen fehlen, die dem Normal sexuellen eine Handlung als imziichtig 
erscheinen lassen. Der Angeklagte selbst gibt nun an, dafl, als der 
Richter ihn nach unziichtigen Handlungen fraete, er nur an solche 
unzuchtige Handlungen dachte, die das Gericht angingen, also an 
strafbaxe. Gleichwohl wird man der Meinung sein, daB ein ruhig 
abwagender und iiberlegender Mensch auf die Fraee nach unziichtigen 
Handlungen, an die ihm hier heute so zahlreich bewiesenen hatte 
denken miissen, auch wenn sie ihm objektiv nicht als unziichtig er- 
schienen. Ein so ruhig abwagender Mensch war aber der Angeklagte 
im Moment der Eidesleistung nicht . . . Und damit komme ich zu 
der letzten Frage, zur Frage der Geistesbeschaffenheit und freien 
Willensbestimmung wahrend der inkriminierten Handlung. Der An- 
geklagte war, als er den in Haft befindlichen Verbrechern ge^en- 
libergestellt wurde, auf die Frage nach seiner Homosexualitat nicht 
vorbereitet. Sie traf ihn vollig iiberraschend. Er schrieb mir 
aus dem Gefangnis: „Ich war in dem Moment, als die Frage plotz- 
lich an mich gerichtet wurde, wie vom Schlage geriihrt, ich konnte 
fiir einige Sekunden kein Glied riihren, mein Geist war wie gelahmt." 
Wir horten nun zwar heute von dem Untersiichungsrichter, er sei bei 
Beantwortung der vorgelegten Frage vollig ruhig gewesen. Es ist 
aber sehr gut moglioh, daB diese auBerliche Ruhe und scheinbare 
Beherrschtheit mit einer heftigen inneren Erregung zusammenfieL 
Jedenfalls halte ich es nach dem eingehenden Studium des Ange- 
klagteu und ahnlicher Fiille fiir wohl moglich, daB diese Fragen den 
veraiigstigten neuropathischen Menschen momentan so verwirrten, daB 



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16 

er einer VoUig deutlichen Erfassung der abstraktea Begriffe nicht 
fahig war. Daher meine ich, da6 die Frage, ob der Angeklagte zur 
Zeit der Straftat im Besitz seiner freien Willensbestimmung war, nicht 
mit der vom Reichsgericht erforderten Sicherheit bejaht werden kann. 
Der Gerichtshof schloB sich diesem Gutachten an und sprach 
den Angeklagten frei. 

Immerhin ist es befremdiich, daB es heute noch gebildete 
Menschen wie diesen Angeklagten gibt, denen der Begrlff der 
Homosexualitat so fremd geblieben ist, nachdem er jahrelang so 
lebhaft erortert worden ist; es erseheint weniger seltsam, wenn 
man gelegentlicli auch auf Richter stoBt, die den Ausdruck voUig 
mifiverstandlich gebrauchen. So war ich noch 1911 bei einem 
Prozefi in Berlin als Sachverstandiger zugezogen, in dem gegen 
einen vollig normalsexuellen Zuhalter wegen rauberischer Er- 
pressung verhandelt wurde. Er hatte einen durchreisenden homo- 
sexuellen Russen am Bahnhof FriedrichstraBe angelockt und aus- 
geraubt. Bei der Urteilsverktindung sagte der Vorsitzende : diese 
homosexuellen Erpresser — nicht etwa diese Erpresser Homo- 
sexueller — konnen nicht schwer genug bestraft werden. Ist 
das Wort in ahnlicher Weise auch vielfach falschen Interpreta- 
tioneii ausgesetzt, so hat doch allein schon seine intensive inter- 
nationale Anwendung anlafilich sensationeller Vorkommnisse ge- 
niigt, es so fest einzuflihren, dafl kaum noch die Moglichkeit b^- 
steht, es durch ein besseres zu ersetzen. Man wird sich schon 
zufrieden geben mtissen, wenn es gelingen soUte, seine fehler- 
hafte Auslegung zu eliminieren. 

Fast aussichtslos erschienen bisher analoge Bemiihungen 
bei dem nun bereits seit vielen Jahrhunderten ebenso unbe- 
grundet in MiBkredit geratenen Worte P ii d e r a s t i e. Es hat 
nicht an Versuchen gofehlt, es in seiner eigentlichen Bedeutung 
zu restaurieren und seines liblen Beigeschmacks zu entkleiden. 

Namentlich hat K a r s c h sich Miihe gegeben, es wieder zu Ehren 
zu bringen. In dem Artikel „Uranismus oder Paderastie und Tribadie 
bei den Naturvolkern'* ^3) gjbt er folgende Abgrenzung der Begriffe 
Paderastie und Tribadie: ,,. . . jede Erregung geschlechtlicher Natur, 
in welchc ein miinnliches Wesen durch ein anderes mannliches Wesen 
seiner Art versetzt wird, fallt unter den Begriff Paderastie ; jede Auf- 
wallung der GcschlechtstiLtigkeit, in welchc ein woibliches Wesen 
durch ein anderos wcibliches Wesen seiner Art gerat, fallt unter 
den Bogrift Tribadie." Friedlander hat neuerdings in sei- 
ner „Eenaissance dcs Eros Uranios" vorgeschlagen, die Men- 
schen in PJiderasten, Gynakerasten und Ambierasten einzuteilen, 
entsprechend der Dreiteilung in Ilomosexuelle, Heterosexuelle und 
Bisexuelle, fiigt dem *allerdings hinzu: ,,. . . Freilich wUrde 
das wieder bei der Klassifizierung der Weiber liapern. Wenn man fiir 
solche, welclie sowohl Weiber, als auch Jiinglinge zu lieben imstande 
sind, einen Kunst^usdruck nicht entbehrcn zu konnen glaubt, so 



3^) Jahrbuch f. sexuelle Zwischenstufen, JaJirg. Ill, pag. 72. 



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17 

koDDte roan sie auch „Biamanten" nennen, da sie in zwiefacher 
Kichtung lieben." 

Wurden die Homosexuellen sich selbst wieder Paderasten nennen, 
was freilich bei ihrer Eigenart kaum zu erwarten steht, so wiirden sie 
damit einen Vorgang wiederholen, der in der Greschichte der Sprache 
nicbt vereinzelt dasteht, denn es ist mehr als einmal vorgekommen, 
daB urspriingliche Ehrennamen zu Scheltnamen, Schimpfnamen, dann 
aber auch wieder zu Ehrennamen wurden. In gewisser Beziehung 
hat sich iibrigens der Charakter des Wortes Paiderastie neuerdings 
schon wieder etwas zu seinen Guns ten verandert. So bedienen sich 
die Polizeibehorden der Ausdriicke „Paderastenli8te", „Paderasten- 
patrouille" in genauer Kenntnis, daB bei den von ihr nach alter Ge- 
wohnheit als Paderasten bezeichneten Personen keineswegs immissio 
in anum die gewohnliche Betatigungform ist; man kann fast sagen, 
sie gebrauchen das Wort Paderast eigentlich ganz im Sinne der 
Karschschen Definition als Bezeichnung fiir ein mannliches Wesen, 
das durch ein anderes mannliches, gleichviel auf welche Weise, in 
sexuelle Erregung versetzt wird. 

Wir woUen hier bei der Bespfechung des klassischen Aus- 
drucks Paderastie noch etwas naher auf die antike Nomen- 
k 1 a t u r gleichgesohleehtlicher Verh^ltnisse eingehen ; bietet diese 
Terminologie doch in mehr als einer Hinsicht bemerkenswerte 
Einblicke in das Wesen der uns beschaftigenden Erseheinung. 

Urspriinglich scheinen fiir homosexuelle Beziehungen keine 
anderen Ausdriicke als fiir heterosexuelle im Gebrauch gewesen zu sein. 
So findet sich in einer der altesten griechischen Inschriften, der aus 
dem Vfl. Jahrhundert vor Ohr. stammenden Felsinschrift der von 
Sparta aus kolonisierten Insel Thera fiir das Eingehen mannmannlicher 
Bundnisse, das spater ungebrauchliche oifpo), das mit „6:ivi(o" ehelichen 
zusammenhangt und futuere bedeutet. Spater wandte man durch 
Kompositi-on neugebildete Ausdriicke an: wie AgSevofii^ia , dggevo- 
xotTTjg, ddgevoxoiTeoD (aQgrjv mannlich, filyvvfiai sich mischen, xoixri das 
Bett), sowie ^aideQaaxla xmdjtaideQaoTtjg zusammengesetzt aus jtatg (Stamm 
natd-j und dem Stamm ega- (igdcoj. Letzterer bezeichnet die sexuelle 
Liebe. Das Alter des TtaTg zeigt das folgende G^dicht der AnthoL 
Pal. (XII. 4) 

*Axfifj dcodexhovg ejtiTsgno^ai' ioii dk xovzov 

XUi rgiaxaidexeTrjg jiovlv jzo&etvtkegog' 
X0> xa dig ijtxQvifjKoy, yXvxegcoxegov dy{^og 'Egcoxcov 

xegsivoxegog S' 6 XQixtjg jmvxddog dgxdfievog' 
i^ejiixaiSexaxov ds d'ewv exog' Sfidofiaxov 6e 

xai dixaxov ^tjxeXv ovx ifiov dXXd Aidg. 
El 8'ijii Jigeafivxigovg xig exei ^d&ov, ovxSxi JtaiCsi, 

dXi' fjSrj tv^sT „x6v d^djtafieipSfievog". 

Zwai* ergotz ich mich gem an des zwolfjahrigen Schonheit; 

Aber im dreizehnten Lenz lieblicher ist da der KnabI 
SiiBer dunkt mich die Bliite der Lieb* im vierzehnten Jahre ; 

Wenn das funf zehnte Jahr eben der Knabe begann, 
Ist er reizender noch. Das sechzehnte ist das der Gotter. 

Aber das siebzehnte Jahr? Zeus gebiihrt es, nicht mir. 
Hast du auf altere Lust? Jetzt ist es kein kindliches Spiel mehr 

Und der Junge begehrt schon: „wie du mir, so ich dir". 

Plato sagt im Gastmahl (181 D): ov ydg igojai jtaiScov, dXX 
ijrttSdy tjdt} dgrcovxat vov ioxbiv . xovto Sk jtXrjOid^ei xq> yevstdaxsiv. denn 
sie (sc. di^ Paderasten). lieben keine Knaben, sondern solche, di^ 
Htrscllfeld, Homosexualitflt. o 



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18 

schon anfangen, Charakter zu haben; das geschieht aber etwa am die 
Zeit, wo sie Bai*t bekommen. Chaussard^s) unterscheidet : Pais bis zu 
-vierzehn Jahren, Mellephebos mit 16 Jahren, Ephebos mlt 16 Jahren 
und Exephebos mit 17 Jahren. Nach anderen Quellen wurde in Athen 
der Pais mit 18 Jahren Ephebos, doch geht ans dem vielfaltigen Ge- 
brauche des Wortes Paiderastie hervor, daB die Bezeichnung Pais 
nicht selten noch weit iiber dieses Alter hinaus Anwendung fand. 

Auch das lateinische puer ist mit Knabe in der jetzigen Bedeutung 
nicht entsprechend libersetzt. Die geliebten pueri bei Tibull una 
Martial haben oft selbst schon eine Geliebte. Martial gibt 
das Alter eines puer mit 20 Jahren an. Auch Vergil nennt bei den 
sicilischen Spielen (Aeli. V., 548) die bereits reisige und waffenfahige 
Troerjugend puerileagmen. 

Wenn daher Paderastie im Deutschen oft mit „Knabenliebe" 
wiedergegeben wird, so muB man sich gegenwartig halten, daO Knabe 
hier, ahnlich wie seine Nebenf orm K n a p p e , in der friiheren Auf- 
fassung im Sinne eines jiingeren, aber doch vollig erwachsenen Mannes 
angewandt wird, so wie Luther 36) den Ausdruck vielfach gebraucht 
una aucii noch Goethe in der Braut von Korinth sagt: „Bleibe schones 
Madchen, ruft der Knabe" oder im Haideroslein : yy^ah* ein Knab' ein 
Roslein steh'n" und an vielen anderen Stellen. 

Im DreiBigjahrigen Krieg und noch lange nachher findet sich 
iibrigens im deutschen Sprachgebrauch fiir homosexuellen Verkehr auch 
das Zeitwort „buben". 

Der geliebte Knabe hieB igwfievog (der geliebte) oder Jiaidixd 
(plural neutrius generis von jtatSixog). Gewohnlicn ist der eQaazrjg alter 
als der egw^eog, doch finden sich auch Liebesverhaltnisse unter gleich- 
altrigen. So das des Kritobulos zu Kleinias, von denen Xenophon er- 
zahlt, sie seien gleichaltrig und Mitschiiler gewesen. Xen. Gast- 
mahl IV, 23: Ovx ^Q^Qt S3gt Sokrates, Sxi zoviq) fisv natpa ta wxa dgri 
ToiO.og xa^egjiet, KXeiviq. Sk jiQog to Sjiiadev rjdri avafiaivei ; ovxog ovv avfi<poird)v els 
ravra didaoxaXeta sxeivq) tore iaxvQcog Jiq^ogexav^tj. Siehst du denn nicht, daB 
diesem (dem Kritobulos) bei den Ohren schon der Flaum herabkriecht, 
dem Kleinias aber er vom Kinn zu den Ohren hinauf steigt ? Der nun 
(Kritobulos) entbrannte damals schon, als er mit jenem zusammen in 
die Schule ging, heftig fiir ihn. 

In Sparta hieB der Liebhaber eigjiv/jXag, der geliebte dhag. ElgjivrjXag 
kommt von etgjivioi einhauchen. Die alten Lexika berichten, dies 
Wort habe bei den Spartanern die Bedeutung von sqclko gehabt. Be the 
meint nun, an die Inschriften in Thera erinnernd, das „einhauchen" 
— natiirlich der a^eri; — sei nach dorischer Anschauung ^ben durch 
deu geschlechtlichen Akt, das ot(p£iv erfolgt; es ware also eigjivetv 
mit oitpeiv etwa synonym. Dieser SchluB ist unwahrscheinlich, zum 
mindesten kiihn. Wahrscheinlich ist, daB slgnveTv hier etwa soviel 
wie lehren bedeutet, eigjrvetv sc. dgeri^v = Tugend einfloBen. Diese An- 
schauung wird erhartet durch die Bezeichnung des Geliebten mit 
dnag von dtco horen (nicht, wie die Alten meinten, von atj/Ltt wehen), 
das hier dann etwa die Bedeutung „lemen" hatte (vergl. ijiaico etwas 
verstehen, dxovsiv einem Redner oder Lehrer zuhoren, axoveiv ix fiifiXcp 
lernen, axovaz/jg der Zuhorer, dxovafiatixog der Schiiler) ; dann ware 
das Liebesverhaltnis in Sparta nach seiner padagogischen Bedeutung 
genannt; in Kreta dagegen nach seiner militarischen ; dort heiBt der 
Liebhaber naoaotdi^g der Nebenmann, der Geliebte, xlrjvog == der 
Ausgezeichnete. DaB das Verhaltnis tatsachlich ein sexuelles 

35) Chaussard, F6tes et courtisanes de la Grece. Suppl6ment 
aux voyages d'Anacharsis et d'Antenor. Quatri(^me 6dition. Tome 
troisi^me. Paris 1821. 

36) 1. Mos. 18,7; 22,3; Richter 7,11; 9,54; 19,3; 1. Sam. 9,3; 
14,1; 16,17; 2. Sam. 13,28; 1. Rom. 20,14—19; Ev. Luc. 7,7 u. a. 



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19 

wax, geht aus mancherlei spater zu Erorterndem hervor; bier sei 
noch einmal an die Inschrift in Thera erinnert, die insofern be- 
weisend fiir Sparta ist, als Thera von Sparta aus kolonisiert war, 
also spartanische Sitten ubernommen hatte. Das hier benutzte Ver- 
bum ot(po> hangt mit dnvim ehelichen zusammen; es braucht also 
oiq)ci) hier so wenig einen obszonen Sinn zu habeli wie es dnvlw 
hatte; das eingegangene Freundschaftsverhaltnis wird eben aufgefaBt 
als eino Art iBhe, Dazu stimmt der dorische, fiir Kreta und wohl 
auch fiir Korinth bezeugte, Branch, den geliebten Knaben zu rau- 
ben — meist ist es ein Scheinraub — ganz ahnlich der uralten 
Form der EheschlieBung durch Brautraub. verboten war der sexuelle 
Verkehr unter Freunden nicht, sondern nur die jtogveia, das sich 
um Geld zur Unzucht Hergeben; das durfte ein anst&ndiger junger 
Mann ebensowenig wie ein Madchen. In diesem Sinne stand dem 
Paderasten der xtvaiSog gegeniiber. 

Dies Wort ist etymologisch nicht erklart; die antiken Erklarun- 
gen sind f olgende : xivaidog = (dcekyTJg) fiaXax6g (liistern weichlich); ftakaxoi 
odei /laX^axolhieQen die Kinaden vielfach ; man wurde es wohl am besten 
mit unserm „warm" wiedergeben. Andere Deutungen sind xivaiSog = 
xevog aldovg (schamlos) = xtvaiv trjv aidw (alSwg = aidota [II. II 
262]). Hier bedeutet aid(6g offenbar den Hinteren. So nennt sich der 
Kiniide bei Petron 23, 3 clune agili: mit riihrigem Hintern; vergl. 
carm. Priap. 83 puer . . ., qui verset mobilem natem: der den beweg- 
lichen Hintem hin und her wendet. Sollte aldwg hier die gewohn- 
lichero Bedeutung = aldoTa Geschlechtsteile haben, so wiirde xivaidog 
erklart als der, welcher eines andern Geschlechtsteile erregt (vergl. 
Petron 23, 6 auBer inguina mea diu multumque frusca moluit lange 
und viel mahlte er uber meinen Geschlechtsteilen). Weitere Ei*- 
klarungen sind = xivdjv t^v ^dovrjv WoUusterreger, ferner = 6 xiv<bv 
kavxt^ aid(o xal alaxvyrjy der sich Schimpf und Schande erregt, Auch 
mit xviCeiv jucken {xviSrf Brennessel) hat man den Kinaden zu- 
sammengebracht. Vermutlich aber diirften alle diese Etymologien 
unrichtig sein und ein Fremdwort vorliegen, das aus dem Orien- 
talischen stammt, in deren Kulten die mannlichen Prostituierten, 
beispielsweise die yoJlAot der Kybele am Ida damals eine groBe Rolle 
spielten. Die Griechen und Romer verstanden also unter den Kinaden 
emen erwachsenen femininen Mann, der sich zur Unzucht um Geld 
hergibt (S ze not&v xai 6 :rdaxa>v, also aktiv wie passiv). Sein weibi- 
scher Habitus, der ihm das Beiwort /iaXaxog (mollis) einbringt, wird 
beschrieben bei Phadrus V, 1: 

„Von Salbe triefend und mit flutendem Gewande 
Kommt er (Menander), gezierten, schlaffen Schrittes. Und sobald 
Ihn der Tyrann erblickt ganz hinten in dem Zuge, 
Ruft er: Wer ist dort der Kinade, der es wagt, 
Mir vor das Angesicht zu kommen?" usw. 
Das Treiben der Kinaden schildem u. a. Petron 29 und Juv. sat. IX. 
Dem StraBenleben des alien Rom gab der Kinade die gleiche Note 
wie modernen Weltstadten. Die romischen Schriftsteller nennen feie 
auch spintrii (was von sphincter der AfterschlieBmuskel herkommen 
soil) Oder sellaurii (sella = Sessel). Wegen ihrer Vorliebe fiir iippiges 
Kopfhaar hieBen sie capillati, weil sie sich den iibrigen Korper gem 
enthaarten, aber auch depilati. 

Die grofle Rolle, welche die Homosexualitat in der 
griechischen Literatur spielte, vor allem aber die fast einzig 
dastehende Tatsache ihrer sozialen Fruktifizierung in Hellas, 
waren mehr als ilire absolute Verbreitung — von der es noch 
keineswegs erwiesen ist, ob sie wirklich so viel groBer war 



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20 

als an anderen Orten und zu anderen Zeiten — der Grund, ^wes- 

halb die gleichgeschlechtliche Liebe bis in die Gegenwart iinge- 

mein haufig als hellenische und griechische Liebe be- 

zeichnet wurde. Schon Cornelius Nepos sagt in der Lebens- 

beschreibung des Alcibiades, daU dieser in seiner Jugend viel 

amore Graecorum begehrt wurde. Und noeh*in demselben 

Sinne nannte Napoleon I. in Warschau Alexander I. 

„den schonsten und schlauesten Griechen", als er von der leiden- 

schaftlichen Liebe des russisehen Herrschers zu einem jungen 

franzosischen Offizier erfuhr. Sexuelle Besonderheiten nach 

fremden Orten und Landern zu benennen, ist eine alte Gewohn- 

heii, die sich in der Neuzeit ebenso findet wie im Mittelalter 

und Altertum, wie es scheint, eine Art Malice, mit der ein Volk 

gem ein anderes traktiert, ein Branch tibrigens, der mehr durch 

zufallige Vorkommnisse als durch ein nachgewiesenermaflen 

starkeres Vorkommen bedingt zu sein pflegt. Es erstreckt sich 

diese Sitte, oder richtiger Unsitte, nicht etwa nur auf die Homo- 

sexualitat, es geniigt — um nur ein beliebiges Beispiel heraus^ 

zugreifen — zu erinnern, dafl bestimmte Formen sexueller Be- 

tatigung mit Vorliebe als franzosisch, andere oft als amerikanisch 

bezeichnet werden. Wir haben kein Recht, uns liber den Aus- 

druck vice allemand zu erregen, solange die in Deutschland in 

der gleichen Weise wie in Frankreich verbreitete orale Sexual- 

betatigung (cunnilinctio und penilincto) im heterosexuellen wie 

im homosexuellen Verkehr fast allgemein als „ifranzosische Art" 

bezeichnet wird. 

Die Griechea nannten diese Verkehrsweise die phonizische ((poivi- 
xiCetv), Was den gleichgeschlechtlichea Verkehr selbst anlangt, so spra- 
chen die Athener von XaxojvtCeiv und xQtjri^siv, um anzudeuten, daB dieser 
in Lacedamon und Kreta besonders beliebt sei. Nach Hesephius be- 
deutete auch ;jfaA;<<^iC«iv soviel wie pedizieren, da bei den Bewohneru 
der Stadt C h a 1 k i s auf Euboa „die mannliche Venus weit verbreitet 
war"; ahnlich wurde aiqvidi^Eiv, abgeleitet von der Insel Siphnos im 
Agaischen Meere, gebraucht und nach Suidas auch (pixidaCeiv nach 
dem Nameu einer uns unbekanntea Stadt. Genau so findet sich im 
Mittelalter das Verbum „florenzen" — so im Ziiricher Rat- und Richt- 
buch vom Jahre 1422 — davon ausgehend, daB Florenz ein Haupt- 
sitz homosexueller Betatigung sei, wahrend die Florentiner wiedermn 
in diesem Sinne von „neapolitanischer Liebe" sprachen. Auch der 
ebenfalls im Mittelalter fiir homosexuelle Betatigung gebriiuchliche 
Ausdruck „walsche Hochzeit halten" — in einem Klageliede aus 
dem Jahre 1546 heiBt es: „der walschen Hochzeit grausam Schand" 
— gehort. in das Gebiet dieser hamischen Bezeichnungen der Homo- 
sexualitat. Ebenso die im Mittelalter weit verbreitete Bezeichnung 
mal d*orieat, orientalisches Laster, die, wie wir in dem Kapitel iiber 
Verbreitung der Homosexualitat sehen werden, genau so wie die 
anderen ortlichen Spezialnamen einer eigentlichen Berechtigung ent- 
behrte. Der Gleichklang von os, oris mit Orient verleitete mittel- 
alterlichc Satiriker zu dem Scherz, den coitus oralis als „Reise nach 
dem Orient" zu hezeichnen. Noch heute sagen die Balkanvolker, be- 



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21 

sonders die Rumanen, von jemandem, den sie als homosexuell cha- 
rakterisieren wollen, er ist ein Tiirke. 

Die Orientalen aber machten die Perser und diese wiederum 
die Bewohner der Provinz Chorosan fiir die Homosexualitat verant- 
wortlich. 87) Denn genau so wie in Europa sehen wir in Asien die 
fast kindliche Gewohniheit, dafi ein Volk immer einem anderen die 
Schuld an der Homosexualitat beimiBt. Selbst die Japaner behaupten, 
wie Iwaya^^) mitteilt, daB die Jiinglingsliebe bei ihnen von China aus 
und zwar mit dem Buddhismus eingeschleppt sei. Und in dasselbe 
Gebiet der Volkerpsychologie gehort es, wenn Balz die angeblicjjie 
Tatsache, daB das „unnatiirliche Laster" im nordlichen China weiter 
verbreitet sei als im siidlichen, darauf zuriickfiihrt, „daB in den 
Adeni der Siidchinesen mehr malaiisches Blut roUt". Die Siid- 
amerikaner, besonders die Argentinier nennen die Homosexuellen : Bra- 
silianer (Brasileros) und in Nordamerika schiebt man bald den Chi- 
nesen, bald den Italienem, bald irgend einem andern Volksstamm 
die Einfiihrung gleichgesohlechtlicher Praktiken zu. 

Hochstwahrscheinlich gehort auch der bei Herodot ausfiihrlich 
besprochene Ausdruck S c y t h e n kranklheit fiir effeminierte Manner 
zu den Benennungen einer allgemeinen Erscheinung nach einem Volke, 
bei dem der Urheber des Wortes sie zuerst oder starker als anderswo, 
bemerkte. Dasselbe ist zu sagen, wenn im Talmud 3^) die Tribadie 
als „Tun Agyptens" bezeichnet wird. 

Sogar bei den Naturvolkern ist der heuchlerische Brauch nach- 
weisbar, eine im eigenen Lande genau so wie im fremden verbreitete 
Neigung nach diesem zu benennen. So bezeichnen die Fidji-Insu- 
laner Homosexualitat als „Treiben des weiBen Mannes" mit derselben 
Uberhebung, mit der sie in den Chroniken des europaischen Mittel- 
alters als diejenige Siinde bezeichnet wird, die wohl unter Heiden 
vorkommt, unter Christen aber nicht einmal mit Namen genannt 
werden kann. „Peccatum illud horribile inter Christianos non nomi- 
nandum." 

.Im iibri^en warf das mittelalterliche Christentum die Be- 
griffe Heidentum, Ketzerei und Homosexualitat best^ndig zu- 
sammen. so spricht das Landbuch*^) von Uri in der Schweiz im 
§ 32 von Ketzerei, „sei es in Glaubenssachen oder fleischlichen 
Siinden'*, und das franzosische Wort Heretique bedeutete bald 
einen Ketzer, bald einen Homosexuellen. Auch als Bulgaren 
sollen urspriinglich nur die Mitglieder einer ketzerischen reli- 
gicsen Sekte bezeichnet worden sein, die aus Bulgarien stamlnten. 
Spater aber wurde der Ausdruck Bulgaren, franzosisch bougres, 
englisch bugger — noch jetzt heiflt im englischen Gesetz die 
Paderastie „buggery*' — einer der gebrauchlichsten Namen fiir 
Homosexuelle. 



87) Vgl. V. Kremer, Kulturgeschichte des Orients II, pag. 129f. 
and B 1 o c h , I. Band dieses Handbuchs, pag. 800. 

»8) Iwaya, 1. c. (IV. 266.) 

*^) Cf. P r e u fl , Prostitution und sexuelle Perversitaten nach 
Bibel und Talmud. Monatshefte fiir praktische Dermatologie. 4.3. Bd. 
1906. 

*<^) Zit. nach M i c h a e 1 i s , Homosexualitat in Sitte und Recht 
1907. Berlin, p. 55. 



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22 

An den Hofen Ludwigs XIII. und XIV. wurden die Bougres h§,ufi- 
per Bardaches genannt, nach dem spanischen bardaxa (italienisch bar- 
dascia;, das eine Ummodelung des arabischen bardag, Sklave, Lust- 
knabe sein soil. Bevor die Franzosen die Horn osexuali tat als „deut- 
sches" Laster bezeichneten, nannten sie es ein italienisches. Als 
man Ludwig XIV. die Geliiste und Maskeraden seines Bruders Orleans, 
seines Sohnes Vermandois, des Kardinals Bouillon, des Prinzen Conti 
und anderer Herren der Hofgesellschaft hinterbrachte, rief er aus: 
„La France devenue italiennel" Der in Frankreich seit 
einigen Jahren wieder viel angewandte Ausdruck „vice allemand" ist 
nicht, wie meist angenommen wurde, neueren Datums, sondern findet 
sich bereits in franzosischen Schriften im letzten Drittel des 18. Jahr- 
hunderts, beispielsweise bei Mirabeau ^^a). Der Ausdruck scheint zur 
Zeit Friedrichs des GroBen aufgekommen zu sein, vor allem durch 
die Schuld Voltaires, und war zugleich eine Revanche dafiir, daB die 
Deutschen die gyphilis als Franzosenkrankheit — morbus gallicus — 
bezeichneten. Dagegen scheint das in Italien als Synonym fiir homo- 
sexuell gebrauchte Wort „Berlinese" erst durch die groBen deutschen 
Sensationsprozesse unserer Zeit aufgekommen zu sein. Im krassen 
Gegensatz zu dem spater iiblichen vice allemand stand ein spanischer 
Spruch, der zur Zeit Heinrichs III. von Frankreich wahrend der Herr- 
scbaft der Mignons durch die Lander ging: 

„En Espana, los caballeros; en Francia, los grandes; 
En Alemania, pocos ; en Italia, todos." 
(„In Spanien, die Bitter; in Frankreich, die GroBen; 
In Deutschland, wenige; in Italien, alle.") 

Ein Analogon zu dem vice allemand stellt die Bezeichnung „ger- 
man custom** dar, womit die auf englischen colleges, namentlich auBer- 
halb GroBbritanniens (beispielsweise in Japan) lebenden Schiiler homo- 
sexuellen Verkehr meinen. 

Unter den mit der Nomtenklatur der Homosexualitat ver- 
kniipften Pllitzen verdienen endlich noch zwei, die ortlich i^cht 
so weit wie kulturell voneinander getrennt sind, erw8.hnt zu 
werden : Lesbos und Sodom. 

Wie Sie Griechen die mannmannliche Geschlechtsbetatigung 
nach der Insel Kreta vielfach xQtjriCeiv nannten, so be- 
zeichneten sie die analogen Beziehungen der Frauen nach der 
Insel Lesbos als keo^iCnv. Namentlich die Romer sahen in 
der auf Lesbos lebenden Dichterin Sappho die Begrtinderin der 
Tribadie, wahrend umgekehrt wiederum die spateren Griechen 
der RSmerin Philaenis die gleiche RoUe zuerteilten, jener 
von der Martial (VIL 67) berichtet, daB „sie von wilderer 
Lust als Manner entflammt elf Madchen an einem Tage um- 
schlang**. Die Benennungen lesbische Liebe, amor lesbicus, 
Lesbismus, Lesbierin, haben sich bis in unsere Tage erhalten, 
wenngleich in etwas verschiedenem Sinne angewandt. Haufig 



*0a) Mirabeau, Ma conversion par M. D. R. C. D. M. F. (= Mon- 
sieur De Riquetti Comte De Mirabeau Fils) London, 1783: „Alors je 
me retourne, et je lui pr6sente bien humblement ce que Berlin revere, 
et. que Tltalien encense." 



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23 

wird unter lesbischer Liebe die weibliche Homosexualitat ganz 
im allgemeinen verstanden — beispielsweise von Dr. Philos*^) 
in der Schrift „Die lesbische Liebe*' — ; andere wie Bohleder^-) 
sehen in der „lesbischLen oder sapphiscKen Liebe** nur eine be- 
sondere Bet&tigungsform der homosexuellen Frauenliebe, charak- 
terisiert durch den lambitus der Genitalien, eine dritte Gruppe 
endlich unterscheidet sagar Lesbierinnen als von Geburt an ver- 
anlagte Frauenfreundinnen und Sapphos, die sich nur faute de 
mieux gleichgeschlechtlicli betatigen. Etymologisch oder gar 
historisch begriindet sind diese feineren terminologischen Unter- 
scheidungen nicht, es handelt sicb vielmehr dabei lediglich 
um willklirliche Nomenklaturen. 

Auch die Bezeichnung Sodomie oder Sodomiterei, die von der 
einen der sprichwortlich gewordenen Schwesterstadte Sodom und Go- 
morrha ihren Namen herleitet, findet sich in der Literatur in drei ver- 
schiedenen Auffassungen vor. Meist verstand man darunter gleich- 
geschlechtliche Betatigung, indem man Bezug nahm auf jene bekannte 
Erzahlung der Bibel, (1. Mos. 19, 5), in der die Leute der Stadt Sodom 
zu Lot sprechen: „Wo sind die Manner, die zu dir kommen sind 
diese Nacht? Fiihre sie hinaus zu uns, dafi wir sie erkennen." (3^^ 
Lot erwidert darauf: (Vers 8) Siehe, ich habe zwo Tochter, die 
haben noch keinen Mann erkannt, die will ich herausgeben unter euch, 
und tut mit ihnen was euch gefallt; alleiA diesen Mannern tut nichts, 
denn darum sind sie unter den Schatten meines Hauses eingegangen." 
An anderen Stellen wird Sodoms „Missetat" als „Hochmut , Hart- 
herzigkeit, als „Siinde wider Nachstenliebe und Menschlichkeit" als 
„turpitudo" und „ignominia" bezeichnet, so Hesekiel 10,49—50: „Sielie 
die Missetat Sodomas, deiner Schwester, war Stolz ; gesattigt von des 
Brotes Uberflufl reichten sie bei ihrer und ihrer Tochter MiiBiggang 
dem Diirftigen und Armen ihre Hand nicht und wurden iibermiitig und 
taten Greuel vor mir; und ich raffte sie hinweg, wie du gesehen/* Id 
der Arbeit „Homosexualitat und Bibel" von einem katholischen Geist- 
lichen im Jahrbuch fiir sexuelle Zwischenstufen Bd. IV, p. 199 ff. 
und in der Schrift des protestantischen Theologen Caspar Wirz 
M. D. V. (Leipzig 1904) „Der Uranier vor Kirche und Schrift" suchen 
die geistlichen Verfasser ausfiihrlich klarzulegen, daB die Ursache der 
Vemichtung Sodoms und Gomorrhas und die „Siinden Sodoms" nicht 
der gleichgeschlechtliche Verkehr, sondern die allgemeine Verworfen- 
heit und Frivolitat der Sodomiter gewesen seien, wie aus dem Bibel- 
text deutlich hervorgehe. 

Das Wort „Sodomie" wird aber auch haufig, insonderheit in 
Deutschland, wie Bestialitat, zur Bezeichnung der fleischlichen Ver- 
mischung mit Tieren gebraucht, so von Heinrich Heine in seiner 
„SchloBlegende". Endlich spricht man in alteren Schriftwerken von 
Sodomie auch dort, wo jemand mit dem anderen Geschlecht auBer- 
halb der diesem Zwecke dienenden Stelle — ultra vas debitum — ver- 
kehrt. So wird in einer venetianischen Urkunde aus dem Jahre 1470 
ein Weib, das sich gewerbsmaBig der pedicatio hingegeben hatte, 



*i) Dr. P h i 1 o s, Die lesbische Liebe. Ein Beitrag zur Sitten- 
geschichte unserer Zeit. Berlin. 

**) Dr. H. R o h 1 e d e r , Paragraph 250, der Ersatz des Paragraph 
175, in seinen eventuellen Folgen fiir das weibliche Geschlecht. Im 
Reichs-Medizinal-Anzeiger vom 3. Februar 1911. 



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24 

als meretrix sodomita erwahnt. Das Russische Gesetz versteht und 
bestraft audi jetzt noch als Sodomie die mit einem Weibe vorge- 
nowmene Pedikation, und das Kaiserliche Generalkonsulat fiir Chile 
in Valparaiso schrieb mir im Mai 1913 wortlich: „Nach § 365 des 
chilenischen Strafgesetzbuches wird Sodomie, gleichviel, ob sie 
svwischen Mannern oder Frauen veriibt wird, mit Freiheitsstrafe 
belegt." Ja Johann Samuel Fried rich von B 5 h m e r , der be- 
riihmteste preuBische Rechtslehrer des 18. Jahrhunderts, tritt in den 
,,Elcmenten der Kriminalrechtswissenschaft" (3. A. 1743 sect. II. 
C. 28.) ausdriicklich dafiir ein, daC man den natiirlichen Beischlaf 
zwischen Personen verschiedener Konfessionen nicht mehr als So- 
domie auffassen solle. Liguori sagt in seiner ,,Moralthoologie" 
(nacli von Hoensbroech „Das Papsttum", II. S. 126) folgendes: Es 
ist eine groBe Streitfrage, worin die Sodomie eigentlich besteht. Einige 
sagen sie bestehe im unnatiirlichen Beischlaf (concubitus ad indebi- 
tum vas) zwischen zwei Personen verschiedenen, andere zwisclien 
zwei Personen gleichen Geschlechts. Beide Ansichten sind probabel, 
und bei beiden Ansichten kommt das MiCverhaltnis zum Ausdruck, 
das die Sodomie zur Natur hat, die fiir den Zeugungsakt ein Doppeltes 
verlangt: Die Verschiedenheit der Geschlechter und die richtige Art 
des Beischlafes. Die zweite Ansicht, welche das Wesen der Sodomie 
in der fleischlichen Vereinigung zweier Personen gleichen Geschlechts 
bestehen laBt, ist probabeler. Wahre Sodomie ist also der Beischlaf 
zwischen zwei Frauen, obwohl einige Theologen diesen Beischlaf, auch 
wenn er im After vollzogen wird, unechte Sodomie nennen, da ein wirk- 
licher Beischlaf zwischen Frauen nicht stattfinden kann. Wahre So- 
domie ist ferner jede fleischliche Vermischung zwischen zwei Per- 
sonen des gleichen Geschlechts sei es, daB sie im After (in vase 
praepostero) oder sonst wo stattfindet." 

Im iibrigen hat sich bei vielen Volkern der Ausdruck Sodomiter 
oft sogar in kaum noch den Ursprung wiedergebenden Abkiirzangen, 
wie englisch „sod", hollandisch „mietje", zu einem bloBen Schimpf- 
wort verfliichtigt, iiber dessen eigentliche Bedeutung man sich kaum 
noch klar ist ; wird es doch oft fast mehr mit freundlichem als 
feindlichem Beiklang ausgesprochen. So konnte ich in Holland horen, 
wie eine Mutter zu ihrem kleinen Kinde, das sich schmutzig gemacht 
hatte, sagte : Du bist ein kleines Sodomiterchen. 

Es scheint auch nicht ganz so btise gemeint gewesen zu 
sein, wie es den Anschein hat, wenn die Italiener im Mittelalter 
einen ihrer groBten Maler — Giovan Antonio Bazzi — 
den Beinamen il Sodoma beilegten. K u p f f e r^^) schreibt dar- 
liber: „,I1 Sodoma* nennt man ihn, und er selbst, in stolzer Be- 
wuBtheii seines urspriinglichen Empfindens und vol! souveraner 
Verachtung gegen eine beschrankte Welt- und Naturkenntnis, 
fiihrte diesen Namen selbst zum Trotze*'. Es ist das librigens 
wohl das einzige Beispiel, daB die Nachrede homosexueller Nei- 
gungen so offensichtlich auf die Person libertragen wurde, so 
daB der wirkliche Name dariiber fast in Vergessenheit geriet, 
wahrend der umgekehrte Vorgang, der Gebrauch von Personen- 
namen als Ausdruck homosexueller Empfindungen und Hand- 
lungen, viel haufiger ist. Diese Art der Benennun^ erstreckt 

*3) Elisar v. Kupffer. Giovan Antonio il Sodoma, der Maler 
der Schonheit, aus Jahrbuch f. sex. Zwischenst., Bd. IX, pag. 76. 



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25 

sich auch keineswegs auf die Homosexualitat. Sie beginnt rait der 
platonischen Liebe, — beilaufig bemerkt, beziehen sich Platos 
Ausfiihrungen liber den Begriff dessen, was man lieute ,,plato- 
nifiche Liebe** nennt, zunachst auch nur auf die paiderastia — , 
setzt sich fort in dem Wort Onanie, die von dem biblischen Onan 
stammt (1. Mos. 38, 7 — 10), der allerdings nicht der Onanie, 
sondern dem coitus interruptus frohnte, und endet in vielen 
modernen terminis, zu denen u. a. Narcissus und Pygmalion, die 
Sunamitin aus dem Buche der Konige, wie Marquis de Sade, 
Retifdela Bretonne und Sacher-Masoch ihren Namen 
hergeben muBten (Narcissmus, Pygmalionismus, Sunamitismus, 
Sadismus, Retifismus, Masochismus usw.). In diese recht ge- 
mischte Gesallschaft mythologischer und historischer Personlich- 
keitei: treten als Vertreter der Homosexualitat Sappho und 
Sokrates. ^ 

So behandelt Voltaire in seinem „Dictioniiaire philosophique" 
die Homosexualitat unter der Signatur „amour socratique". Auch ich 
selbst setzte meiner ersten Arbeit iiber den Gegenstand die Namen der 
beiden griechischen GroBen als Titel voran.**) Man hat vielfach 
behauptet, dafi die „sokratische" und „sapphiscne" Liebe zu Unrecht 
ihren Namen fiihren. Um von den philologischen Verteidigern, die 
sich beider annahmen, nur je einen zu nennen, seien Johann 
Matthias GeBner und Friedrich Gottlieb Welker er- 
wahnt. Aber weder GeBner in seiner Schrift „ Socrates sanctus paede- 
rasta** (Trajecti ad Rhenum 1768) noch Welker in „Sappho vou 
einem herrschenden Vorurteil befreit" (Gottingen 1816) ist es ge- 
lungen, den strikten Beweis ihrer Meinungen zu erbringen, geschweige 
denn die fest eingebiirgerten Bezeichnungen : ^okratische und sap- 
phische Liebe zum Verschwinden zu bringen. Worauf sich die An- 
nahme stiitzt, daB der groBte Philosoph und die bedeutendste Dich- 
terin der alten Welt homosexuell waren, ist in dem spateren Kapitel 
uber beruhmte Homosexuelle nachzusehen. 

Nicht von sokratischer, sondern von sotadischer Liebe spricht 
der englische Schriftsteller Richard Burton (Cbersetzer von 1001 Nacht) 
in Anlehnung an einen von Martial erwahnten griechischen Dichter 
S o t a d e 8 , dessen Verse, von riickwarts gelesen, einen indezenten 
Sinn gegeben haben soUen. 

Auch der biblische Lot hat auf Grund der oben zitierten Stellen 
aus dem I. Buche Mosis (Kap. 19, V. 4) seinen Namen fiir weitver- 
breitete Bezeichnungen homosexueller Betatigungen hergeben miissen. 
Von Lut der arabischen Form des Namens Lot leitet sich ab lata = 
he committed the act of the people of Lot.*^) „lutijjun und law- 
watun** = one who is addicted to the crime of the people of Lot, 
womit der Paderast bezeichnet wird. Die Bemerkung bei Lane 
„botli used in the present day, but perhaps postclassical" ist, wie 
mir der Arabist Dr. Adolph H. Heloig mitteilt, nicht zutreffend. 



^) M. Hirschfeld, Sappho und Sokrates. Wie erklart sich 
die Liebo der Manner und Frauen zu Personen des eigenen Ge- 
schlechts? Leipzig 1896. 

**) Die lexikalischen Exzerpte sind aus Lane: Arabic English , 
lexicon 8 vol. London. 1863—93 sowie Freytag, Lexicon arabico- tl 
iatinum 4 tom. Halis 1830—37, 1,^" 



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26 

da bereits im Kitabal-Agani, dem klassischen Uberlieferungswerk iiber 
die Dichter und die Khalifen, als eine nahere Charakterisierung des 
ommajadischen Khalifen al-Walid b. al. Jazid lutijjun, also „er 
war ein Knabenschander" vorkommt, mithin ist es klassisch. Vod 
dem Verbum lata heiBt die dritte Form, die im Arabischen gewohn- 
lich das gegenseitige Vornehmen einer Handlung ausdriickt: lawata 
— mit einem Paderastie treiben. Ein weiteres Derivat von Lut ist 
lutijjatun, lutijje the crime of the people of Lut, wofiir im modernen 
Arabisch die Formen liiwat, liwat, lawat vorkommen (je nach den ver- 
schiedenen Provinzen variieren die Vokale, so in Agypten, Syrien, 
Palastina und Algier). 

Neben dieser dauernden Verkniipfung von Personennamen mit 
der Homosexualitat kann man beobachten, daB temporal nach 
Sensationsereiffnissen und Skandalprozessen haufig Wortbildungen auf- 
tauchen, die sich von homosexuellen Personen herleiten, die beidiesen 
Vorkommnissen die Hauptrolle spielten. So kam Ende der sechziger 
Jahre in Berlin der Ausdruck „zastrieren" fiir das Begehen homo- 
sexueller Gewalttaten auf, wohl in bewufiter oder unbewuBter Anleh- 
nung an das Wort kastrieren, daneben fiir homosexuellen Verkehr im 
allgemeinen das Wort zastroen ; beide Worte entstanden im AnschluB 
an eineu ProzeC, der im Jahre I860 das groBte Aufsehen erregte. Der 
SproB eines angesehenen preuBischen Geschlechts, derer von Z a - 
s t r o w , Sohn eines hervorragenden Generals, als femininer Urning 
der Behorde bekannt, war beschuldigt — Ulrichs meint falsch- 
lich — den 15jahrigen Biickerlehrling Corny 1867 verstiimmelt und 
getotet zu haben, ferner 1869 den Knaben Hanke auf einen 
Boden geschleppt, dort gebissen, gewiirgt und der Testikel beraubt 
zu haben. In „Argonauticus" *6) (p. 87^ findet sich eine Zuschrift 
aus Berlin, die recht anschaulich zeigt, wie solche Volksausdriicke sich 
bildeu und verbreiten. „Im Lokal bei Liebenow saBen kiirzlich an 
einem Tisch einige Herren, Dioninge. An einen andren Tisch setzten 
sich zwei Herren, darunter der eine ein Jiingling, der durch scherz- 
haftes Kokettieren und Affektieren bald ihre Aufmerksamkeit auf 
sich zog. Sie witterten in ihm einen Urning und begannen Stiche- 
leien. Endlich redete einer ihn an: „Horen Sie mal, junger Mann, 
Sie sehen aus wie Zastrows Bruder." Junger Mann: „So, das mag 
wohl sein. Als Zastrows intimer Freund miissen Sie das ja wissen." 
Dioning 1 : „Woraus schlieCen Sie denn, daB ich Zastrows intimer 
Freund bin?" Junger Mann: „Sonst wiirden Sie ja solche Ahnlich- 
keiten nicht entdecken." Dioning 2 zu Dioning 1 : „H6r mal, laB 
uns lieber gehen. Die Zastrows wollen uns sonst am Ende noch 
zastrowen." Die anwesenden Gaste lachten. Nach einigem ferneren Ge- 
plankel fiihlten sich die Herren Dioninge jedoch geschlagen, schwie- 
gen und entfernten sich." In Deutschland wurde vor kurzem ein 
Mann wegen Beleidigung verurteilt, der in ahnlichem Sinne jemand 
einen „Eulenburg** gonannt hatte. In England wurde langere Zeit 
nach dem Prozesse Oscar Wildes (1895) ein Homosexueller ein „Oscar" 
und immissio in anum „to oscar" genannt, Ausdriicke, die nach 
Pavia*^) auch jetzt noch nicht auBer Gebrauch pekommen sind. Ein 
deutscher Diener, der in vornehmen englischen Familien beschaftigt 
war, schrieb mir erst kiirzlich, daB er wegen seines femininen Wesens 
von den ihm nachstellenden Hausmadchen oft die Redensart: „that 
is an oscar" hore. Es mag an diesen Beispielen, die sich leicht 
verraehren lieBen, sein Bewenden haben. Nur zwei biblische Eigen- 
namen seien noch erwahnt, die wir ^eichfalls mit der Homosexualitat 
in Verbindung gebracht finden. In Frankreich nannte man im XVII. 
Jahrhundert die Homosexuellen Benjamitter und die Homo- 



*^) Ulrichs, IX. Argonauticus p. 87. 

*") Vierteljahrsberichte des W.-h. Komitees, Jhrg. II, Heft 1, p. 40. 



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2V 

semalitat Benjamittertum ; mit Vorliebe bediente sich die Herzogin 
von Orleans, selbst Gemahlin eines Umings, dieses Ausdrucks, wenn 
sie von den homos exuellen Hoflingen sprach, die ihren scharf hetero- 
sexuellen Schwager Louis quatorze umgaben. Eine andere Bezeich- 
nung, der man noch jetzt gelegentlich im franzosischen Schrifttum 
begegncn kann, ist besonders merkwiirdig. Petit- J 6 s u s heifit mar 
die jungen Burschen, die, auffallend durch ihr stutzerhaftes Be- 
nehmen, ihr madchenhaftes Gesicht, trippelnd nach Art antiker Kina- 
den, auf den Pariser Boulevards eine nicht seltene Erscheinung waren 
und sind. Coffignon unterscheidet neben den petits-j^sus, deren 
Laufbahn meist mit dem 20. Lebensjahr ende, die eigentlichen j6sus, 
die er in drei Klassen teilt: die „filles galantes", die alteren Chan- 
teurs und Souteneurs, den „rupins", als Juockvogel dienen, die „filles 
pierreuses", die selbstandig der mannlichen Prostitution obliegen, und 
die „filles domestiques", die sich bei reichen Homosexuellen eine Stelle 
als Diener suchen, um sich ihnen selbst hinzugeben oder petits- 
J68US zu besorgen. 

Vom „A n t i n o u s", dessen Name ebenfalls ein Begriff geworden. 
unterscheiden sich die Jesusse durch die Dirnenhaftigkeit, wahrend 
der im englischen Slang fiir homosexuelle Manner vorkommende Eigen- 
name Mary-Ann wiederum einen ganz anderen Typus trif ft, nam- 
lich altere Urninge von weiblicher Beschaffenheit. Dagegen entsprach 
im alten Rom der Name des Jupiterlieblings Ganymedes, nament- 
lich in der verstiimmeltfen Form canamitus als Gattungsbezeich- 
nung dem franzosischen j^sus. 

In Frankreich ist im iibrijgen seit Beginn der achtziger 
Jahre des vorigen Jahrhunderts der frliher verbreitetste Aus- 
drnck Sodomie — ganz ahnlich wie in Deutschland das Wort 
Paderastie durch Homosexualitat — durch einen wissenschaft- 
lichen Terminus ., Inversion" verdrangt worden. Es ist ein 
Verdienst von Charcot und Magnan^^) und vor allem von 
Julian Chevalier^*^), diesen verhaltnismaUig bezeichnenden 
Ausdruck in die Fachliteratur eingeflihrt zu haben. 

Wahrend der Begriff der Inversion bei ihnen mit dem der Homo- 
sexualitat zusammenfallt, und die Homosexuellen selbst les invertis 
heiBen, will M o 1 1 5^) den Worten Inversion imd Invertierte eine 
engere Bedeutung geben. Er unterscheidet zwischen Inversion und 
Homosexualitat in d e r Weise, daB die erstere nur solche Falle um- 
faBt, „wo eine voile Umkehrung des Geschlechtstriebes stattfindet, 
das helBt, wo der Mann wie ein Weib empfindet" und wie diesesr auch 
nur voUentwickelte Manner liebt, „wahrend in den anderen Fallen, 
wo jungere Individuen bevorzugt werden, zwar Homosexualitat und 
Perversion, aber keine Inversion vorliegt." Er fiihrt aber diese Unter- 
scbeldung in seinem Buche selbst nicht durch, und sie ist auch nicht 
durch zufiihren, da sowohl die Abstufungen der Geschmacksrichtung 

*») Charcot und M a g n a n , Inversion du sens g6nital et autres 
perversions sexuelles. Archives de Neurologic, Sme et 4nie Tome. 
Paris 1882. 

*o)J. Chevalier, De I'inversion de I'instinct sexuel 
aa point de vue m6dico-l^gal. Paris 1885, und De I'inversion 
sexuelle aux points de vue cliniq[ue, anthropologique et m6dico-16gal. 
Archives de 1 anthropqlogie criminelle et des sciences penales, Paris- 
Lyon. 5me Tome 1890 et Gme Tome 1891. Ferner: Chevalier, 
L' i n V e r s i o n sexuelle. Paris-Lyon 1893. 

w) A. Moll, Die kontrare Sexualempfindung, p. 33. 



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28 

al8 der eigenen Femininitat viel zu sehr durcheinander und inein- 
ander iibergehen. Dieser Einwand gilt auch fiir Ferenczi, der 
neuerdin^s vorgeschlagen hat, Invertierte und Objekthomo- 
s e X u e n e als zwei voneinander gesonderte Gruppen zu unterscheidea^*). 

Die franzosischen Psychiater hatten das Wort Inversion 
wohl iiberlegt an Stelle von Perversion gesetzt, diesem von 
Krafft-Ebing im' Gegensatz zu Perversitat in die Sexualwissen- 
schaf t eingeftiihrten Begriff . Der beriihmte Verf asser der Psycho- 
pathia sexualis gab in dem Kapitel: „Allgemeine Neuro- und 
Psychopathologie des Sexuallebens'* folgende Definition des 
Wortefl pervers^^) : „Als per vers muB — bei gebotener Ge- 
legenheit zu naturgemillJer geschlechtlicher Befriedigung — jede 
AuBerung des Geschlechtstriebes erklart werden, die nicht den 
Zwecker. der Natur, i. e. der Fortpflanzung entspricht/* Diese 
perversen Handlungen beruhen auf Perversion, wenn sie aus 
einem von Nat'ur perversen Geschleehtstrieb hervorgehen, andern- 
falls sind es Perversitaten, die „nicht durch psychopathologische 
Bedingungen hervorgerufen'* sind. Kra.fft-Ebing sagt^^): 
„Um zwischen Kranfcheit (Perversion) und Laster (Perversitat) 
unterscheiden zu konnen, muB auf die Gesamtpersonlichkeit 
des Handelnden und auf die Triebfeder seines perversen Han- 
delns zurUckgegangen werden." An und fiir sich erscheint es 
befremdlich, wie dies auch Kind^*) in seinen „Beinerkungen 
zur Nomenklatur der Sexualwissenschaft" anftihrt, in eine ein- 
fache Wort en dung ein so durchgreifendes Untersch)eid,ung8- 
naerkmal hineinzulegen. Gleichwohl fand Krafft-Ebings 
Vorgehen viel Anklang, auch auBerhalb Deutschlands, so in 
Frankreich bei Dr. M. L a u p t s , der sein 1896 zu Paris er- 
schienenes Werk, zu dem Zola eine Vorrede geschrieben hat, 
„Perversions et Perversites sexuelles** nannte. Dieser Erfolg 
riihrte offenbar davon her, daB die Begriffsbestimmung, wenn 
auch sprachlich nicht sehr pragnant durchgefiihrt, sachlich 
einem tatsachlichen Bedtirfnis entsprach, namlich dem, echte 
Homosexualitat und Handlungen echter Homosexueller^ von 
denen zu unterscheiden, die vorlibergehend von Heterosexuellen 
aus irgendwelchen Motiven vorgenommen werden. 



*2)v. Krafft-Ebing, Psychopathia sexualis, pag. 64. 

W) Loc. cit. pag. 64. 

**S In der „Zeitschrift fiir Sexualwissenschaft", 1908, pag. 37. 

W) Von ahnlichen Erwagungen ausgehend macht Hammer einen 
Unterschied zwischen den sonst stets synonym gebrauchten Aus- 
driickeu Homosexualitat und Uranismus. Homosexualitat ist fiir ihn 
der gleichgeschlechtliche Verkehr im allgemeinen, wahrend Ura- 
nismus ein ein^eboren psychologischer Komplex ist, zu dessen Sym- 
ptomen auch die Homosexualitat gehort. Es ist also nach ihm jeder 
Uranier homoaexuell, aber nicht jeder Homosexuelle ein Uranier. 



li*-* 



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29 

Im Grunde genommen entspricht so die Trennung von Perversion 
iind Perversitat, schon der spater von B 1 o c h vorgeschlagenen in 
Horn osexuali tat und Pseudohomosexualitat ; nur deckt sich pervers nicht 
mit homosexuell, wie manche Autoren und Laien zu glauben scheinen, 
vielmehr subsummiert der Ausdruck nach Krafft-Ebingscher Definition 
a 1 1 e nicht der Fortpf lanzung dienenden Geschlechtsakte. Daher 
kommt es, daB das Wort pervers als z u v a g e gefaBt aus der Fach- 
literatur mit fortschreitender Erkenntnis mehr und mehr verschwindet, 
um durch enger gefaBte Termini ersetzt zu werden. Ziehen^*) 
hat neuerdings fiir die qualitativen Aberrationen des Sexualtriebs, 
die Krafft-Ebing Perversionen nannte, den Ausdruck P a r h e - 
d o n i e n eingefuhrt, wahrend sich schon friiher fur denselben Be- 
griff in Eulenburgs sexueller Neuropathic das Wort „Parerosie" 
findet und bei Krafft-Ebing selbst die Bezeichnung „sexuelle 
Parasthesien" (Psychopathia sexualis, p. 64), alles Ternlini technici, 
die sich als entbehrlich nicht recht in der Wissenschaft eingebiirgert 
haben. 

Nicht so weitgehend wie der Begriff der Perversitat, wenn 
auch umfassender als der der Homosexualitat, ist das eben- 
falls haufige Synonym ,,drittes Geschlecht** (franz. 
troisieme sexe, engl. third sex oder bei Carpenter 
middlesex). Ich selbst habe in kleinen Schriften^^), in denen 
ich mich gegen die Homosexuellenverfolgung wandte, diesen Aus- 
druck auch angewandt, weil er einen erfahrungsgemaU ilir das 
Volksurteil wesentlichen Tatbestand gut trifft, namlich den, daB 
sich die homosexuelle Geschlechtsnatur von der voUmannlichen 
und voUweiblichen e n d o g e n unterscheidet. 

Schon U 1 r i c h s schreibt in dem ersten der von mir veroffent- 
lichten Briefe an seine Verwandten: „Wir sind gar nicht Manner 
im eewohnlichen Begriff. Wir bilden ein drittes Ge- 
schlecht." In Wirklichkeit ist aber dieser Gedanke und sein 
Ausdruck viel alter, er findet sich schon bei antiken Schriftstellern. 
So erwidert in P 1 a t o s Gastmahl Aristophanes, dem P a u - 
sanias auf seine oben zitierte Rede iiber die jtaideQaoxia: „Im An- 
fang gab es unter den Menschen drei Geschlechter, nicht wie jetzt 
nux zwei, das mannliche und das weibliche, sondern n o c h ein 
drittes Geschlecht dazu, welches das gemeinschaftliche war 
von diesen beiden: Das androgyne, namlich dessen Gestalt und 
Kame sich aus jenen beiden zusammensetzt, dem mannlichen und dem 
weiblichen; jetzt aber ist dieser Name nur noch als Beschimpfung 
vorhanden.** (jiq<7jtov fikv yao rgia rjv rot ycV;; xa twv dv&gwjzojv, ovx, ojojicq 
vvv SvOf d^oeVf xai Ofjlv, alXa xai xqIxov :iqoo7iv xotvov ov dfi<foxiQ(ov xovxmv, 
ov vvv Svofia XoiJiov, avxo de tjq:(ivtoxai. dvSgoyvvov ydg iv xoxs fikv ijv xai etdog 
xai Svofia, i^ dfi<poxsQcov xoivov xov xe aggevog xai &tjleog ' vvv S'ovx eaxiv dXX' rj 
iv ^eidet ovofia xsijLiEvov. Plat, eonviv. XIV^, 189. D-E. Ed. Stephani). Die 
Ansicht Ludwig von Schefflers,^^) ^q^q Alexander Seve- 

^«) T h. Ziehen, Zur Lehre von den psychopathischen JKon- 
stitutionen. In den Charit^-Annalen (redigiert von Prof. Dr. Scheibe). 
XXXIV. (Jubilaums-) Jahrgang. Berlin, 1910, p. 272 ff. 

") Was soil das Volk vom dritten Geschlecht wis- 
sen? Eine Aufklarungsschrift uber gleichgeschlechtlich (homosexuell) 
empfindende Menschen. 34.— 50. Tausend. .Mit Ilhistrationen. 

Berlins drittes Geschlecht von Dr. Magnus Hirschfeld. 
Grolistadt-Dokumente. Bd. 3, herausgegeben von Hans Ost- 
wald. 2. Auflage, Berlin und Leipzig. 

M) Jahrb. f. sex. Zw. Bd. II, p. 261. 



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30 

r u s mit Bezug auf Heliogabal and dessen Umgebung z a e r s t 
vom „tertium genus hominum" gesprochen habe, ist hiernach als 
irrtiimlich anzusehen. 

Iin iibrigen wird auch dieser Ausdruck wieder verschieden ge- 
braucht, so von E. v. W o 1 z o g e n in einer vielgelesenen Novelle^^a) 
als Bezeichnung fiir emanzipierte Frauen. Fiir mich selbst ist der 
Begriff „drittes Geschlecht" gleichbedeutend mit dem der sexuellen 
Zwischenstufen oder Geschlechtsiibergange, dem englischen „inter- 
sexes** ; ich verstehe darunter alle vom absoluten Geschlechtstypus 
starker abweichenden Zwischenformen, die ich in vier Hauptgruppen 
einteile: die Hermaphroditen, Androgynen, Homosexuellen und Trans- 
vestiteu, je nachdem die Abweichung die eigentlichen Geschlechts- 
organe, die iibrigen korperlichen Geschlechtscharaktere, den Ge- 
schlechtstrieb una die sonstigen seelischen Geschlechtsunterschiede 
betrifft. Friiher wurden diese Erscheinungsformen vielfach zusammen- 
geworfen. So sieht Krafft-Ebing^^) sowohl in der Androgynie 
und Gynandrie als auch vor allem in der Effemination und Viraginitat 
nur „Entwickelungsstufen der eingeborenen homosexuellen Empfin- 
dung*', heute wissen wir aber auf Grund genauerer Materialkenntnis, 
daB bier ein fundamentaler Irrtimi vorlag, indem zwar die verscbiede- 
nen Zwischenformen gemischt vorkommen konnen, es aber d u r c h - 
aus nicht immer zutrifft, dali Ef feminierte und Viragines, Weib- 
manner und Mannweiber, geschweige denn Androgyne, homosexuell 
sind, so wenig wie die Homosexuellen stets effeminiert oder die homo- 
sexuellen Frauen virilisiert sein brauchen. Deshalb sind auch viele Bei- 
worte, mit denen man die Homosexuellen nach allerlei femininen Eigen- 
schaften in alter und neuer Zeit belegte — de Joux«o) nennt beispiels- 
weise die Urninge: „Evas6hne", die Urninden Adamstochter" — nicht 
als ganz zutreffend anzusehen. Das im ganzen spanischen Sprach- 
gebiet fiir Uminge sehr gebrauchliche Wort maricon (eine Nebenform 
lautet maricu), bedeutet ebenfalls weibischer Mann. Wie zahlreiche 
spanische Worter ist es aus dem Arabischen deriviert und zwar von 
marikun, das gleichzeitig E 1 s t e r , Weibling imd Kinade bedeutet. 
Vergl. damit, daB in Berlin von alters her Strichjungen vielfach „Raben- 
iungen" oder „K a b e n" genannt wurden. Merkwiirdig ist, daB dieser 
Vogel auch schon im klassischen Altertum in der Nomenklatur der 
Homosexualitat eine Rolle spielte. Der Historiker Timaios von Tauro- 
menion (352 — 256) berichtet namlich, daB der sikilische Tyrann Aga- 
thokles, der, aus niederem Stande emporgestiegen, lange Zeit (317 — 275) 
gegen die Karthager gekampft hatte, „in seiner friihesten Jugend 
ein offentlicher Bube" gewesen sei, der sich als „schamlose D o h 1 e" 
,.jedem zur Verfiigung gestellt habe, der ihm in den Weg kam". Poly- 
bios (XII, 15J bezeichnete diese Vorwiirfe allerdings spater als stark 
iibertrieben^Oa). 

Den andersgeschlechtlichen Eindruck vielcr homosexueller Man- 
ner und Frauen spiegeln namentlich auch die in der Volkssprache be- 
sonders unter den Homosexuellen selbst weit verbreiteten Spottnamen 
wieder, die bezeichnenderweise von den virileren Homosexuellen meist 
als fiir sie unpassend sehr perhorresziert werdcn, wie das Wort „Tante", 
in Deutschland, „Schwester" in Osterreich, „Nichte" in Holland, „veuve" 
und „tante** in Frankreich, ,,aunt" in England ; — in Spanien fand ich 
unter den Handzeichnungen Goyas im Prado-Museum das Bild eines 
„Maricon'* mit der Beischrif t : la tia Ha (tia = Xante) — fiir die Urnin- 
den sind entsprechende Ausdriicke „Onker*, „Vater" im Deutschen, 

^*a) Ernst von Wolzogen, Dels dritte Geschlecht. Mit Buch- 
schmuck von W. Caspari. 1. — 20. Tausend. Berlin. 

w) V. Krafft-Ebing, Psychopathia sexualis, p. 240 f. 

SO) de Joux: die Enterbten des Liebesgliicks p. 191. 
«oa) Vgl. Petron. Satyr. 27 und 63; Martial, III. 58, II. 57. 



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31 

„Tom** im Englischen. Auch die Gewohnheit, den Namen andersgeschlecht- 
liche Endigungen anzuhangen, den Artikel zu andern, „der** in „die", 
ebenso „er in „sie", gehort hierher, sowie der Gebrauch weiblicher 
Spitznamen fur Manner und umgekehrt. „De vlamsche Marie" in 
Amsterdam, „die polnische Paula" in Berlin, „the queen of Eastend" 
in London, „la reine d'Angleterre" in Paris, „la casta Susanna" in 
Madrid haben Analogien in den Sprachen und Typen aller Lander 
der Welt. 

Die veraltete Auff assung Krafft-Ebings, der ftir seine 
Zeit die Lehre von der HomosexualitiLt so bahnbrechend beein- 
fluBt hat, ifit auch. heute noch nicht liberwunden. So leidet auch 
das groBe, mit BienenfleiB zusammengetragene Werk K a r s c h s ^ 
tiber das gleichgeschlechtliche Leben der Naturvolker^^) sehr 
darunter, daB die verschiedenen Formen der Geschlechtsiiber- 
gauge uicht scharf voneinander getrennt sind, woran er allerdings 
weniger Schuld tragt, als die Forschungsreisenden, aus deren 
Schilderung ihnen begegnender Zwischenstufen klar hervorgeht, 
daB sie, von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen, jeder detail- 
lierten Naturkenntnis ermangelten. Ohne diese, verbunden mit 
eingehender Exploration und Untersuchun^, ist aber eine Unter- 
scheidung kauni moglich. 

Zunachst ist zu beriicksichtigen, daB alle diese Geschlechts- 
ubergange sowohl beim mannlichen als beim weiblichen Geschlecht 
vorkommen, daB beispielsweise ein als Weib verkleideter Mann und 
ein aJs Mann lebendes Weib, ein Transvestit also und eine Trans- 
vestitin, sich oft zum Verwechseln ahnlich sehen. Hinzu kommt, 
daB es in alien Gruppen echte und unechte Formen, wie Hermaphro- 
dit^n und Pseudohermaphroditen, Homosexuelle und Pseudohomo- 
sexuelle gibt ; es ist also nicht jeder, von dem man erfahrt, daB er 
sich homosexuell betatigt, homosexuell, nicht jeder, der in der Klei- 
dung des andern *Geschlechts erscheint, Transvestit, nicht jeder an- 
scheineud Weibbrustige ein Gynakomast; es kann sich statt imi 
Drusengewebe um Unterhautfettgewebe handeln. Weiterhin gibt es 
Lnnerh^b jeder Gruppe noch sehr viele weitere Abstufungen, t o t a 1 e 
und partielle Bildungsanomalien, und der Teil oder die Eigenschaft, 
auf welche sich die partielle Zwischenstufen-Formation erstreckt, kann 
sehr verschieden sein; so sprechen wir auf dem Gebiet der Gymmdro- 
morphie nicht nur von Androgynie (Mannweiblichkeit) und G y - 
n a u d r i e (Weibmannlichkeit), sondern von Gynakomastie, wenn 
Manner weibliche Briiste, und von Andromastie, wenn Frauen 
mannliche Briiste haben, von Gynosphysie und Androsphysie 
bei Mannem mit weiblichem und Frauen mit mannlichem Becxen, von 
Gynoglottie und Androglottie bei einer weiblichen Kehl- 
kopfbildung am Manne oder einer mannlichen der Frau, von Andro- 
trichie /und Gynotrichie bei Bartfrauen oder Mannern mit 
femininem Haartypus usw. usw. 

Hinsichtlich der Erscheiuungen, zu denen der Uranismus 
gehort, habe ich dem Gesagten nur noch einiges tiber den Begriff 
der Z witter hinzuzufiigen. Das gute alte deutsche Wort 



fii)F. Karsch-Haack, Das gleichgeschlechtliche Leben der 
-Xatur>olker, Miinchen 1911. 



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32 

Z witter ist erst neuerdings wieder durch die Zwischenstufen- 
lehre etwas mehr in Ansehen gebracht worden, nachdem es, 
wie so manches auf sexuellem Gebiet, durch asketischen Unver- 
stand und Widerstand lange recht sehr herabgewilrdigt war. Wie 
sehr dieser affektbetonte Kontrainstinkt auch heute noch immer 
wieder hervorbricht, zeigt unter anderem ein Satz, der sich vor 
nicht langer Zeit in einer deutsehen Tageszeitung^^) fand, 
lantend: „Das dritte Geschlecht ist die Erfindung verpesteter 
Gehirnc und perverser Herzen'*. 

Ahnliche Stellen, oft mit starken Ausfallen gegen die wissenschaf t- 
liche Erforschung dieses Gebiets, konnte ich, namentlich aus Ant- 
wortschreiben von Geistlichen, an die sich Homosexuelle hilfesuchend 
wandten, eine ganze Anzahl anfiihren. 

Was nun den Ausdruck Zwitter betrifft, so sehen wir ihn genau 
so wie den entsprechenden Ausdruck Hermaphroditen in d r e i e r - 
lei Weise gebraucht. Einige woUen das Wort Zwitter wie in der 
Botanik und Zoologie nur fiir solche Wesen reservieren, die manhliche 
UDd weibliche Keimstocke zugleich besitzen. Einige, und dazu zahlt 
vor alien das groBe Publikum, dehnen den Begriff auch auf die von 
den Anatomen als Scheinzwittertum geschilderten Falle aus. Eine 
dritte Gruppe endlich erweitert den Sinn des Wortes noch mehr und 
identifiziert Zwitter mit sexuellen Zwischenstufen, unterscheidet deba- 
nach Leibeszwitter und Seelenzwitter — EdUard von Hart- 
ma n n ^') spricht auch von „Liebeszwittern" — oder den korperlichen 
und psychischen Hermaphroditismus. Unter letzterem versteht 
Krafft-Ebing nun wieder nur Falle, in denen „bei vorwaltend 
homosexueller Geschlechtsempfindung Spuren heterosexueller bestehen", 
wahrend wir zum seelischen Zwittertum sowohl die Homo- 
sexualitat als die Bisexualitat rechnen und auch den Trans vestitiamus, 
also alle Formen von psychischem Hermaphroditismus im Gegensatz 
zum korperlichen, zu dem der Hermaphroditismus sensu strictiori, 
der Pseudohermaphroditismus und alle androgynen Formationen ge- 
horen. 

Einigea nun noch tiber die der Homosexualitat unterge- 
ordneten Namen und Begriffe. In der Hauptsache mlissen wir 
hier auf das Kapitel liber die Einteilung der Homosexualitat 
verweisen. Nur auf die Terminologie gewisser homosexueller Be- 
tatigungsformen soil hier noch eingegangen werden, weil auch 
hier wiederum ein Tummelplatz ungenauer und unrichtiger Be- 
griffsbestimmungen ist. Wir setzten bereits auseinander, daB 
die haufigsten der in Frage kommenden Bezeichnungen, wie 
Homosexualitat, Paderastie, kontrare Sexualempfindung, Per- 
version und Inversion, entweder nur die bestimmte Triebrich- 
tung oder die sexualpsychologische Eigenart ausdriicken sollen, 
nicht aber, wie so oft irrtiimlich angenommen wird, irgendeinen 
Geschlechts a k t. Es kann also jemand, der niemals einen homo- 



*') Vgl- M. Hirschfeld, Geschlechtsuberpjange, Vorwort pag. 4. 
^3) E. V. H a r t m a n n , Philosophic des Schonen, zweiter syste- 
matischer Teil der Asthetik. Berlin 1887. pag. 237 f. 



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fiexuellen Geschleclitsverkehr gehabt hat, homosexuell sein, wenn 
er sich nur in seelisch-sinnlicher Liebe zu Personen des gleichen 
Geschlechts hingezogen ftihlt ; auf der anderen Seite kann jemand 
Aktc ausgetibt haben, die fiir den homosexuellen Verkehr als 
spezifisch angesehen werden, ohne daU damit der Beweis seiner 
Homosexualitat erbracht ifet. Trotz dieser voUig klaren Urn- 
grenzung wird mit den Worten Paderastie, Homosexualitat, 
Perversion immer wieder die Vorstellung von Akten verbunden, 
und zwar meist sogar von den in Wirkliehkeit verba ItnismaBi^ 
seltenen Akten, wie der immissio in anum. Es erscheint dieser 
Mangel an Prazision um so weniger angezeigt, als sowohl fiir 
diese als die meisten anderen Formen sexueller und homo- 
sexueller Betatigung seit altersher bestimmt normierte Aus- 
driicke existieren. 

Fiii* die rein seelische Betatigung trifft dieser allerdings nicht 
zu, es sei denn, daC wir den Ausdruck „platonische Liebe" in seiner 
urspriinglichen auf die „paiderastia*' sich beziehenden Bedeutung ge- 
brauchen. Auch die weitaus am meisten gepflegte korperliche Be- 
tatiguDg homosexueller Manner und Frauen, die mit der Hand, ent- 
behrt einer eigenen Terminologie ; man begniigt sich, den Worten 
Onanie oder Masturbation (zusammengezogen aus Manustupration von 
manus Hand und stuprum, Schandung) das Attribut mutuell, wechsel- 
seitig, vorzusetzen. In Wirkliehkeit ist aber die Ahnlichkeit zwischen 
dem solitaren und mutuellen Gebrauch der Hand rein auCerlich ; denn 
die am eigenen Korper vorgenommenen Erregungen, die man als 
onanistische zu bezeichnen pflegt, und die manuell von oder an einem 
anderen im homosexuellen Verkehr ausgelosten unterscheiden sich 
genau so, wie im normalsexuellen Verkehr die Autoonanie von der 
Kohabitation. Es klafft hier entschieden eine Liicke in der sonst so 
iiberladenen Sexualterminologie. Brauchbar ware das Wort Mani- 
pulatio, wenn es nicht bereits in anderem Sinne verwaudt wiirde. 

Fiir homosexuelle Frauen, die frictiones vulvae mit der Hand 
mutuell vornehmen, meist auch digitum in vaginam immittunt, und 
zwar, wie Rohleder richtig anfiihrt, gewohnlich indicem, seltener digi- 
tum medium, den Martial impudicum nannte, findet sich in der fran- 
zosischen Literatur, u. a. bei Bran tome, die Bezeichnung frica- 
relies. 6^*) 

Diesc Fricarelles sind nicht zu vervvechseln mit den frictrices oder 
fricatrices der Romer, die den griechischen Tribaden (toi/iddsc) eut- 
sprechen und ihren Namen ebenlalls von dem Worte reiben herleiten, 
das lateinisch fricare, griechisch Toipeir, franzosisch frotter heifit. Bei 
diesen findet das Reiben nicht ausschlieClich mit den Handen statt, 
es handelt sich vielmehr in der Hauptsache um eine frictio mutua 
genitalium eo modo, ut una femina vulvam ad vulvam alterius fricet. 

Gar zu sehr ins Spezielle gehende Nomenklatoren unterscheiden 
hier noch den Tribadismus externus von dem Tribadismus internus 
der Klitoriskohabitation, bei dem mit der frictio mutua vulvarum una 
femina clitoridem in vaginam alterius immittit vel immittere experitur; 
wortir die Franzosen noch die Bezeichnung clitorisme haben. 
Martial schildert diese Betatigungsvveise, wie folgt: „Inter se gemi- 
nos audent committere cunnos meutiturque virum prodigiosa Venus**. 



«*) Vgl. Iwan Bloch, Band II dieses Handbuchs S. 218. 
Hirschfeld, HomosexualitSt g 



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34 

Das Wort Tribadie hat genau den entgegengesetzten Ent- 
wicklungsgang gcnommen wie das Wort Paderastie. Wahrend 
dieses urspriinglich die seelische Jtinglingsliebe in sich begriff, 
schlieBlieh aber nur einen bestimmten Akt bedeutete, driickte 
Tribadie anfangs nur die von rgi^eiv sich herleitende Verkehrs- 
art aus, um schlieBlieh ein Haupftwort ftir die homosexuelle 
Frauenliebe im allgemeinen zu werden^^). 

Daf) es innerhalb der mannlichen Homosexualitat eine der Tribadie 
eutsprechende Bezeichnung nicht gibt, hangfc mit dem anatomischen 
Bail der mannlichen Genitalien zusammen, die einer frictio genitalium 
miitua erschwerend, wenngleich sie keineswegs vollig ausschlieBend ent- 
gegeiisteht ; am meisten diirfte dem Akte der fricatrices der coitus 
inter crura oder femora entsprecben, fiir den die Franzosen den Aus- 
druck eufesser haben, der nach Tarnowsky^e) aus ., inter faeces 
coire** zusammengezogen ist. Die im etymologischen Zusammenhang 
hier nocli zu nennenden „Frotteurs" stellen keine homosexuelle Be- 
sonderheit dar. Diese Personen, die sich in der Weise betatigen, dai3 
sie, oft ohne daB der Partner es merkt, im Gedrange ihre meist be- 
kleideten Genitalien am Korper sie sexuell erregender Gestalten reibcn, 
finden sich sowohl innerhalb der heterosexuellen als der homosexuel- 
len Bevolkerung. 

Nebcn der Hand spielen sowohl in der korperlichen Bstiitigung 
der homosexuellen Weiber als der homosexuellen Manner os and lingua 
die Hauptrolle. Hier tritt uns eine Fiille von Spezialausdriicken, da- 
nebcn aber auch eine ziemlich reichliche Sprachverwirrung entgegen. 
Die Alten hatten fiir die immissio und susceptio membri in os die 
auch jetzt noch in der Fachliteratur gebrauchlichen Ausdriicke : fellatio 
und irrumatio. Die ausiibenden Personen hiefien dementsprechend 
fellator und irrumator. Fellatio kommt von fellare saugen, das in 
diescni Sinnc u. a. Martial und V a r r o anwenden ; irrumare hangt 
mit in und ruma, der Schlund, zusammen, bedeutet also immittere in 
rumam vel os. Beim Verkehr der Frau mit der Frau kommt uatur- 
gemiiB nur der dem Fellatorismus eutsprechende Akt vor, und zwar 
haufiger als im mannmannlichen Verkehr als Fellatio mutua. Manche 
Autoren wie R o h 1 e d e r und M o r a g 1 i a haben fiir die Befriedigung 
lambendo speziell die Bezeichnung Lesbismus und Sapphismus reser- 
viert im Gcgensatz zu der fricando genitalia vorgenommenen Tribadie, 
nennen deshalb Lesbierinnen auch ziemlich unmotiviert nur die fella- 
trices, wahrend andere, wie die eben erwahnten Karsch und 
Hammer die Ausdriicke Tribadie und lesbische Liebe ganz gleich- 
bedeutend gebrauchen. 

K o h 1 e d e r unterscheidet auch die Fellatio des homosexuellen 
Manncs von dem „homosexuellen mannlichen Cunnilingus" ^'*) der darin 
besteht, daC membrum virile non in os immittitur, sed solum extrinsecus 
(von auCen) lingua lambitur. Diese UnterscheiduUg ist in der Tat nicht 

65) Vgl. die Schriften von Karsch, Paderastie und Tribadie bei 
den Tieren. Leipzig 1900. Jahrb. f. sex. Zw. II. Ferner Uranismus 
oder Paderastie und Tribadie bei den Naturvolkern. Leipzig 1901. 
Jahrb. f. sex. Zw., Jahrg. III. Dr. med.. W ilhelm Hammer, Die 
Tribadie Berlins. Zehn Fiille weibweiblicher Geschlechtsliebe, akten- 
niaCig dargestellt, nebst zehn Abhandlungen iiber die gleichgeschlecht- 
liche Frauenliebe. 2. Auflage. Berlin und Leipzig. 

*'6) B. Tarnowsky, Die krankhaften Erscheinungen des Ge- 
schlechtssinnes. Eine forensisch-psychiatrische Studie. Berlin 1880. 

«') K o h 1 e d e r , loc. cit. pag. 282. 



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35 

ohne Bedeutung, weil die immissio in os als Einfiihrung in einen Korper- 
teil bzw. als „beischlafahnliche Handlimg" strafbar ist, die bloB auCere 
Beriihrung der Glieder mit dem Muiide oder der Ziinge (das bloBe 
lambere, lecken im Gegensatz zum sugere, saagen) dagegen niclit als 
j.widernatiirliche Unzucht" angesehen wird. Es ist daher auch eine 
gaiiz gewohnliche Angabe der wegen Fellatio angeklagten Homo- 
sexuelJen, die oft, wenn auch keineswegs immer nur eine Ausrede ist, 
sie batten das membrum des Partners nur von auBen beriihrt, es „ge- 
kul3t*\ Die sich an diesen Punkt zwischen (lerichtshof, Staatsanwalt- 
schaft und Verteidigung anschliefiendeu Erlauterungen und Erorte- 
rungeii wirken nicht selten geradezu grotesk. So berechtigt es sein 
mag, die Akte terminologisch zu trennen, so widersinnig ist es, von 
einem homosexuellen mannlichen Cunnilingus zu reden, da doch cunnus 
ausschlieBlich den weiblichen Geschlechtsteil bedeutet. Sogar den Aus- 
druck cunnilingus analis fand K i n d ^8) in der Fachliteratur. tJber- 
haupt ist die gewohnliche Anwendung des Wortes cunnilingus eine 
solche. (laU mit Recht Prof. Bruno M e y e r ^9) von ihr meinte, sie 
sei „schauderhaft und barbarisch, so daB sich einem Menschen mit 
leidlich gebildetem Sprachgefiihl die Haare vor Entsetzen straubten", 

Es wird namlich das Wort cunnilingus fast allgemein fiir eine 
Handlung, namlich fiir die actio cunni lingendi gebraucht — auch 
Moll spricht davon (loc. cit. p. 485), wie enorm haufig von Mannern 
der sogenannten guten Gesellschaf t heute der cunnilingus beim 
Weibe ausgeiibt wird — , wahrend es doch offenbar nach seiner Bil- 
dung nur eine Person, namlich den cunnum lingentem, bcdeuten kann. 
In diesem Sinne findet es sich auch nur in romischen Schriftwerken 
vor. • Die femina lambens heiBt dort cunnilinga. Fiir die Akte dagegen 
konnte nur, wie Br. M e y e r "^o) richtig ausfiihrt, cunnilinctio oder 
cunnilinctus in Frage kommen, dementsprechend auch penilinctio und 
anilinctio. 

Was endlich den seit Jahrhunderten falschlich mit Paderastie 
identifizierten coitus in anum betrifft, die verhaltnismaBig seltenste 
Betatigungsweise der „Paderasten", so findet sich bei den Alten dafiir 
das verbum paedicare ; die Handlung wird als paedicatio, der Aus- 
iibende als paedicator bezeichnet. Vielleicht hat der Gleichklang der 
Worte Paderastie und Padicatio und die Annahme, beides hinge mit 
-Tor^ Knabe zusammen, AnlaB gegeben, beides begrifflich zusammen- 
zuwerfen. In Wirklichkeit hangt aber das Wort Padicatio iiberhaupt 
nicht mit naXg zusammen, sondern mit pedex oder podex, dem la- 
teinischen Wort fur GesaB. Daher findet man in den lateinischen 
Klassikern und Lexicis neben der Schreibweise Padication auch Pedi- 
cation und Podication. Auch in der modernen Sexualliteratur finden 
sich alle drei Schreibarten. DaB die urspriingliche Schreibweise 
p e dicare war, scheint mir aus dem LXVII. der priapischen Gedichte 
hervorzugehen, in dem es heiBt: 

Nimm von Penelope dir die erste Silbe und fiige 
Jeweils die erste von Dido, von Cadmus und Remus daran; 
Was so entsteht, damit leiste, du Gartendieb, mir Geniige, 
AVeil deine Schuld nur durch diese Strafe getilgt werden kann. 

Wahrend U 1 r i c h s und Krafft-Ebing Padication und Padi- 
kant drucken lassen, schreibt Schouten Pedication und K a r s c h 
Podication, Podicator und Podicant. DaB das Wort nicht mit naXg - 
zusammenhangt, wird nebst anderem dadurch bewiesen, daB haufiger 

«8) Dr. Alfred Kind, Bemerkungen zur Nomenklatur der 
Sexual wissenschaft. In d. Zeitschr. f. Sexualwiss., pag. 35. 

**9) G r o B' Archiv, Bd. 44, p. 286. 

70) B r u n o Meyer, Homosexualitat und Strafrecht. In dem 
Archiv von GroB Bd. 44, p. 255. 

3* 



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36 

audi vou einer paedicatio mulieris die Rede i8t, so bei Apulejus, 
metamorph. Ill, 20, bei Ausonius, 79. Epigr., p. 341 (Peiper) und 
Martial IX. 67 und XI. 104, woselbst der Ehemann zur Gattin 
spricht : 

Du verweigerst mir das, was Cornelia dem Gracchus gewahrte, 

Julia ihrem Pompej*, und Brutus Portia bot. 

Ehe den siiBen Pokal gemischt der dardonische Mundschenk, 

Diente anstatt Ganymed Juno dem Jupiter oft. 
Im „Hermaphroditus" des Antonius Panormita findet sich 
t'olgende Definition : „Paedicare est opus peragere mentula culo s i v e 
maris sive feminae inmissa. Qui paedicat dicitur paedicator, 
paedico, draucus, — qui paedicatur pathicus, cinaedus, catamitus, 
mollis, delicatus". 

Ob das Wort Padikation sich auch auf anale Akte bezieht, die 
eine Frau an einer anderen oder an einem Manne vornimmt, ist nicht 
sicher, sicher dagegen, daB beides vorkommt, naturgemaB nur mittelst 
membrum artificiale. Vor einiger Zeit wurde ich einmal von einem 
Manne angefragt, ob es strafbar ware, sich von einer Frau mit lun- 
geschnalltem penis succedaneus padizieren zu lassen, was zu ver- 
neinen war, da in den jetzigen Gesetzbiichern nur von Akten zwischen 
Personen gleichen Geschlechts die Rede ist. Auch in einem Ehe- 
scheidungsfalle hatte ich iiber einen solchen Fall ein Gutachten ab- 
zugeben. Immerhin handelt es sich hier um Raritaten, wahrend die 
paedicatio mulierum, wie Krafft-Ebing (loc. cit. p. 421) aus- 
fiihrt und ich aus meiner Sachverstandigenpraxis bestatigen kann, 
selbst uxorum durchaus nicht zu den Seltenheiten gehort. Von weib- 
lichen Prostituierten sollen nach Pouillet (L*Onanisme chez 
PHomme) 80 Proz. pedikatorisch gebraucht werden. DaC dieser Akt 
nicht im Gesetz als „widernatiirlich*' angesehen wird, veranlaBte einen 
so erfahrenen Kriminalisten wie v. Meerscheidt-Hiillessem sich einmal 
gegen die Bestrafung der immissio in anum viri mit den Worten zu 
wenden: „ich sehe nicht ein, weshalb der Anus der Frau einen Frei- 
brief haben soil." 

Die von virilen Frauen gelegentlich, wenn auch verbal tnismaCig 
selten gebrauchten Gliedimitationen hieBen bei den Alten phallus, 
fascinum, bambon und vor allem olisbos. Man kann besonders im 
Britischen und Neapler Museum antike Vasen sehen, auf denen Hetaren 
derartige Instrumente in der Hand halten; sie wurden aus Elfenbein, 
Gold, Glas, Geweben von Seide und Leinen und vor allem aus Leder 
fabriziert. Es gab sogar eine harte Backware, die den Namen und die 
Form des Olisbos hatte. Bei den Franzosen wurde dieser Apparat 
bienfaiteur und besonders godmich6 genannt, was aus dem lateinischen 
gaude mihi zusammengezogen sein soil. Die Italiener bezeichneten 
ihn als passatempo oder diletto, woraus das englische dildo ent- 
standen jst. Fiir die kiinstlichen weiblichen Geschlechtsteile, den 
cunnus succedaneus, welcher in England merkin heiBt, gibt es in 
anderen Landern analoge Bezeichnungen kaum. 

Im deutschen Rotwalsch (Verbrechersprache) bedienen sich die 
femininen mannlichen Prostituierten, welche sich kiinstliche weibliche 
Geschlechtsteile vorbinden, um „auf dem Strich" Manner anzulocken, 
die sie fiir echte Frauen halten sollen, fiir den von ihnen angewaadten 
Apparat des Ausdruckes „Kaldaunen". Im Berliner Kriminalmuseum 
befindet sich ein Exemplar davon aufbewahrt. Aus zuverlassiger 
Quelli! hore ich, dafi es in Berlin etwa 30 Manner gibt, die sich durch 
diese Vorspiegelung falscher Tatsachen ihren Lebensunterhalt ver- 
dienen. : i ; ' 

Fur die paedicatio homosexualis findet sich noch der Spezial- 
ausdruck Pygismus beispielsweise in Gustav Jagers „Entdeckung der 
Seele", hei*geleitet vom griechischen Jivyrj der Hintere — man erinnere 



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37 

sich der Venus Kallipygos. Auch von aktiven und passiven „Pygisten" 
ist die Rede. Das in Betracht kommende Verb lautet griech. nvyi^eiv, 
das neben jigcopcuCeiv gebraucht wird. 

Mit den zahlreichen iiber Name und Begriff der Homosexualitat 
hier zusammengestellten Ausdriicken ist die Terminologie zwar im 
hauptsachlichsten, aber keineswegs vollkommen erschopft. Vor allem 
ist die recht umfangreiche folkloristische Nomenklatur fast ganz auBer 
acht gelassen. Auf einige besonders charakteristische Volksausdriicke 
wird spater zuruckzukommen sein. Auch konnten nur die uns nachst- 
liegenden Kultursprachen, von den alten die griechische und latei- 
nische, von den modernen die deutsche, englische und franzosische 
berucksichtigt werden. Unter den Naturvolkern und Volkern der Halb- 
kultur gibt es namentlich fiir die feminineren Typen iiberall besondere 
Nam en, die, im Gegensatz zu denen der Kulturvolker, meist kein Wert- 
urteil enthalten, sondem sich mit einfachen Konstatierungen begnugen. 
So findet sich in der Suaheli-Sprache fiir homosexuelle Manner der 
Ausdruck mke-simume, der wortlich „Weib, kein Mann" bedeutet. 

Einige dieser fremdsprachlichen Ausdriicke, wie die durch Ham- 
mo n d s ^i) Aufsatz iiber „the disease of the Scythians" bekannter 
gewordenen mexikanischen ,,Mujerado8" und der aus dem Spanischen 
stammende „puto", begriff lich und vielleicht auch sprachlich das- 
selbe wie pathicus, haben sich iiber ihr Ursprungsland hinaus ver- 
breitet. 

Bei der Ftille vorhandener Namen muB es auf den ersten 
Blick hochflt verwunderlich erscheinen, wenn bei mandien 
Vclkern des Mittelalters die Homosexualitat als „nameless 
crime**, als eine unter Christen unaussprechliche Handlung, be- 
zeichnet wird. In England wird noch heute die Pedicatio viel- 
fach, vor Gericht wie im Mittelalter, allgemein durch die Formel : 
peccatum illud horribile inter christianos non nominandum um- 
schrieben. Es ist das freilich nicht verwunderlich in einem 
Lande, in dem die Richter fiir penis the person, fiir Schwanger- 
schaft a certain condition sagen. Auch in anderen Landern 
finden wir alle moglichen Umschreibungen angewandt, nur um 
die Sache nicht beim richtigen Namen zu nennen. Diese groBe 
Scheu entspringt einem inneren Widerstand, der weniger in ver- 
standesmafligen Motiven als in Affekthemmungen wurzelt, einem 
nicht leicht zu analysierenden Empfindungskomplex, der teil- 
weise vielleicht auf einem HaB gegen die eigene, iml Laufe der 
Entwicklung bis auf ein Rudiment latent gewordene homo- 
soxuelle Komponente beruht. 

Um nur einige dieser Umschreibungen zu erwahnen, so finden 
wir in alten Codices die Homosexualitat oft nur als crimen nefandum 
Oder damnatissima libido bezeichnet, als das „unnat\irliche oder verab- 
scbeuungswiirdige Laster", als „die scheuBliche Entartung", „flagitium 
contra naturam", in Schriften spanischer Jesuiten als diabolico 6 ne- 

^1) Hammond, William A. : The disease of the Scythians (Mor- 
bus feminarum) and certain analogous conditions. In: The American 
Journal of Neurology and Psychiatry edited by P. A. Mc. Bride, 
London, Carter Gray, Edward C. Spitzka, M. D., Vol. L, No. 3, August 
1882, p. 339—355. 



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38 

fando acto de Sodoma, als maldita usanza, la abominacion, die 
Schmach oder el pecado, die Siinde an sich. 

Die Pariser Polizei nannte noch im 18. Jahrhimdert die Homo- 
sexuellen einfach les infames^^)^ wohl in Anlehnung an die corpore 
infames des Tacitus, von denen es aber, wie wir im historischen Teil 
sehen werden, noch keineswegs erwiesen ist, daU gerade die Gleich- 
geschlechtlichen damit gemeint waren. 

Bedeutend wohlwollender war eine andere Umschreibung, die man 
in Frankreich im 18. Jahrhundert vielfach gebrauchte, um gleich- 
geschlechtliche Neigungen zu kennzeichnen. Man sprach von dem 
„petit defaut", was, wie Numa Pratorius^^^ mi^ Recht hervor- 
hebt, um so verwunderlicher erscheint, wenn man beriicksichtigt, 
daB damals noch die schwersten Strafen auf die Betatigung dieser Nei- 
gung ruhten. 

Auch der in nordischen und altgermanischen Sagen ^*) fur femi- 
nine Homosexuelle gebrauchliche Ausdruck „argr" und .,ragr", der 
sich noch in den jiingeren Eddaliedern aus dem 10. Jahrhundert 
findet, bedeutet so viel wie der Arge, der Bose. So befiirchtet T h o r 
als er sich mit L o k i zu dem Riesen T h r y m begibt, um den ihm von 
jenem geraubten Hammer Miolnir wiederzuholen, dafi, wenn er weib- 
liche Gewandung anlege, man ihn fur einen argr halten werde. 

Wir finden, daB man schlieBlich nicht nur den Namen der Bul- 
garen-Sekte auf die Homosexuellen iibertrug, sondern daB die Katho- 
liken ganz allgemein Worte fiir verachtete ^Menschen, wie Ketzer, 
Heiden, Freimaurer mit dem Nebensinn, es ist ein Homosexueller, ge- 
brauchten. Ob man mit diesen vollig sinnlosen Obertragungen wohl 
etwas vorsichtiger umgegangen ware, wenn man gewuBt hatte, daB 
auch in Rom die ersten Christen verachtlich als „tertium genus" titu- 
liert wurden? 

Das Schlimmste war, daB diese Priiderie, das auszusprechen, 
was man eigentlich meinte, auch dorthin iiberging, wo scharfste 
Prazision am Platze gewesen ware: in die Gesetzbiicher. Hatte 
man statt; „widernaturliche Unzucht** klar und deutlich im 
Strafparagraphen gesagt: „die immissio et susceptio penis in 
anum*' oder „die aktive und passive Padikation unter Personen 
mannlichen Geschlechts ist strafbar**, so waren den Eichtern 
sicherlich viele peinliche, oft geradezu spitzfindige Feststel- 
lungen, Auslegungen und Unterscheidungen und vor allem den 
Homosexuellen viele Voruntersuchungen und Strafen erspart ge- 
blieben, die ursprunglich gar nicht im Sinne'der Gesetzgeber 
gelegen waren. 

Wir werden uns in diesem Buche in erster 
Linie des Wortes homosexuell in der gegebenen 
Begriffsbestimmung bedienen, daneben der Aus- 
driicke kontrare Sexualempfindung und Uranis- 



'2) Cf. Dubois-Desaulle : Les inf§,mes. Pr^tres et moines non 
conformistes en amour. (M^moires secrets de la Lieutenance Gen4rale 
de Police). (Paris, Editions de la Raison 1902.) 

•3) Vierteljahrsberichte Jahrg. IV. Heft 1, p. 26. 

'*) Spuren von Kontrarsexualitiit bei den alten Skandinaviem. 
Mitteilungen eines norwegischen Gelehrten. Im Jahrb. f. sex. Zw. 
Jahrg. IV, pag. 214 ff. 



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39 

mus, alle drei mit ihren zahlreichen Ableitungen. 
Trotzdem wir uns bewniJt sind, daB diese Ausdriicke, unter die 
etymologische Lupe genommen, mancherlei zu wtinschen tibrig 
lassen, haben wir von neuen sprachlich richtigeren Wortbil- 
dungen Abstand nehmen zu miissen geglaubt. Im Wettbewerb 
der um die Volksgunst ringenden Worte siegt meist nicht das 
begrifflich klarste und systematisch. am voUendetsten gebildete, 
sondern das mundgerechteste oder das aus irgendeinem Zu- 
fall zum „Schlagwort*' gewordene. Diesem tJbergewicht leben- 
diger Sprachentwieklung wird wohl oder libel schlieBlich auch 
dor noch so kritische Forseher Folge leisten miissen. 



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ZWEITES KAPITEL. 

Die Diagnose der HomosexualitSLt des Mannes 
und des Weibes. 

Das Yerhalten homosexaeller M&nner and Fraaen 
gegenflber dem eigenen Oeschlecht. 

Dio Erkenntnis der Homosexualitat ist keineswegs in alien 

Fallen eine leichte. Das gilt sowohl fiir die Beurteilung des 

eigenen Zustandes als ftir das Erkennen des Homosexuellen 

durch einen anderen als auch nicht zum wenigsten ftir den Arzt, 

der sich in einem konkreten Fall vor die Entscheidung gestellt 

sieht, ob wirklich Homosexualitat vorliegt oder nicht. MaC- 

gebend ftir die Diagnose ist der Nachweis einer homosexuellen 

Psyche, einer seelischen Triebrichtung, die sich von dem 

als Liebe bezeichneten Geftihlskomplex, der den Mann zum 

Weibe und das Weib zum Manne zieht, nur dadurch iintei-^ 

scheidet, daB sie sich Personen zuwendet, die dem gleichen Ge- 

schlecht angehoren. 

Wenn der Satiriker Lukian^) einmal bemerkt, „man konne eher 
fiinf Elefanten als einen einzigen Kynaden uater der Achsel verbergen", 
so gilt dies doch nur fiir eiae sehr eng begrenzte Gruppe extrem lemi- 
niner, sich mehr oder weniger absichtlich recht auffaliig gebardender 
Homosexueller ; ebensowenig ist es begriindet, wenn Homosexuelle er- 
klaren, sie konnten jeden Homosexuellen leicht herauserkennen ; so 
sagt de Joux in den „Enterbten" (p. 60): „Die Natur hat alien 
Uraniden irgend ein Geburtszeichea aufgednickt, woran sie ein- 
ander auf den ersten Blick erkennen, welches aber dem 
normalen Mensohen durchaus verborgen bleibt und immer unerkenn- 
bar ist. Man stelle den Evasohn vor ein gauzes Heer gleichuniformier- 
ter Soldaten in gleich stranuner Haltung und Disziplin — er wird mit 
untriiglicher Sicherheit alle Uranier herausfinden. Das trifft nicht 
zu. Es unterliegt keinem Zweifel, daB die Urninge oft jemanden fiir 
gleichempfindend halten, der es nicht ist, und haufig jahrelang mit 
lemandem verkehren, ohne von dessen Anlage eiue Ahnung zu haben. 
Ich kenne homosexuelle Geschwisterpaare, die nicht wenig iiberrascht 

1) Lukians Werke. Ubersetzt von August Pauly, 11 Band- 
cben. Stuttgart 1830, pag. 1432. 



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waren, als sie erst mit 30 oder 40 Jahren durch einen Zufall von ihrem 
gememsamen Lebensschicksal erfuhren. 

So hatte einmal ein Urning von 43 Jahren, Geschaftsfiihrer eines 
Hotels, einen 20jahrigen Burschen mit sich genommen. Als dieser sich 
in dem Zimmer des Homosexuellen umsah, blieb sein Blick auf einem 
Bilde haften, das auf dem Schreibtisch stand. „Bei diesem Herrn 
bin ich auch schon gewesen," bemerkte er. „Das ist ein Irrtum," 
erwiderte der andere, „der verkehrt nur mit Frauen". Sie stritten 
bin iind her; stutzig wurde der Herr, als der Bursche die Wohnung 
des von ihm wiedererkannten Mannes angab. „Dann woUen wir also 
morgen zusammen zu ihm gehen", meinte er, „es ist mein Bruder". 
Sie tateu es, und nicht gering war das beiderseitige Erstaunen, als 
auf diese Weise das so lange angstlioh vor einander behiitete Geheim- 
nis offenbar wurde. Noch ein zweites Beispiel. Ein homosexueller 
Pfarrer aus dem Staate Newyork befand sich auf einer Reise nach 
seiner stiddeutschen Heimat. Auf dem gleichen Schiffe wie er fuhr 
ein ihm gut bekannter Geistlicher. Nach langen inneren Eampfen be- 
schloB er, sich ihm anzuvertrauen. Er hielt ihn zwar fur vollig 
heterosexuell, jedoch fur wissenschaftlich und ethisch so gebildet, 
daB er ein Verstandnis fur seine Lage voraussetzte. Zogernd begann 
er: „Lieber Amtsbruder, Sie wissen vielleicht, daB es Manner gibt, 
die sich von dem geschlechtlichen Umgang mit dem Weibe abgestoBen 
fuhlen.** „Just like me, gerade so ist es bei mir," entgegnete der 
Amtsbruder." „Diese werden dann nicht selten mehr von Freunden 
angezoeen,** fuhr der andere fort, und wieder lautete die Antwort: 
„Just like me." „Bei manchen auBert sich diese Freundschaft wie 
richtige Liebe." Als immer wieder die lakonische Entgegnung lau- 
tete: „Genau so wie bei mir," hatten sich die RoUen allmahlich so 
vertauscht, daB der Pfarrer, der in das Vertrauen gezogen werden 
sollte, sich eher als gleichempfindend eroffnet hatte, als der, welcher 
urspninglich das Bediirfnis hatte, sich anzuvertrauen. 

Besonders haufig wird eine irrtiimliche Annahme, jemand sei 
homosexuell, bei Frauen durch mannliche Alliiren, bei Mannern durch 
ein weibliches Gehaben hervorgerufen. Wir werden es in dem Ab- 
schnitt „Differentialdiagnose" an Beispielen erharten, dajJ dieser Um- 
staud a 1 1 e i n niemals ausschlaggebend sein kann. Eine Zeitlang war 
es in manchen Kreisen fast Kegel, Frauen mit kurzgeschnittenen 
Haaren (Tituskopfen) oder Manner, die als Damenimitatoren auftraten, 
kurzerhand als homosexuell anzusehen. So einfach liegt die Sache 
denn doch nicht. Wer allerdings mit den verschiedenen Formen 
und Nuancen der Geschlechtsiibergange wohl vertraut ist, wird uber- 
all vielen zwischen dem mannlichen und weiblichen Geschlecht stehen- 
den Typen begegnen; ich selbst sehe beispielsweise durch die jahre- 
lange uoung auf der StraBe ganz unwillkiirlich tatsachlich nicht zwei, 
sondern drei Geschlechter, aber zu welcher der vier Hauptgruppen 
der Zwischenstufen die Betreffenden gehoren, ob zu den Hermaphro- 
diten, Androgynen, Transvestiten oder Homosexuellen, oder ob Misch- 
formen vorlie^en, dies zu sagen diirfte ohne eingehende Nachforschung 
unmoglich sein. 

Der Nachweifi einer homosexuellen Handlung spricht 
ebensowenig mit Sicherheit f ti r das Vorhandensein echter Homo- 
sexualitat, wie die Auslibung eines heterosexuellen Aktes seitens 
einer Frau oder eines Mannes mit Bestimmtheit dagegen 
spricht. Das, worauf es bei der Diagnose ankommt, ist die auf 
dasselbe Geschlecht gerichtete „kontrar€ Sexual empfindu n g", 
die, wenn auch zunachst meist unbewuiit, mit dem Er- 



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wachen des Geschlechtetriebis einsetzt und bis zu dessen Er- 
Icschen anhalt. Dieser spontanen Attraktion entspricht als 
Revers die sexuelle Repulsion vom anderen Geschlecht in ganz 
der gleichen Weise, wie eich bei der reinen Heterosexualitat 
die Anziehung durch das andere und die Abstofiung durch das 
eigene Geschlecht verbinden. 1st dieses Negativ der Homo- 
sexualitat nicht vorhanden, besteht also neben der Zuneigung 
zum cigenen keine sexuelle Abneigung gegen das andere Ge- 
schlecht, Ziehen also Personen beiderlei Geschlechts an, so 
sprechen wir von Bisexualitat, innerhalb derer die homo- 
sexuelle oder heterosoxuelle Komponente das Ubergewicht haben 
kann. 

Die in der Hauptsache *sich auf das Verbal ten gegen- 
iiber beiden Geschleohtern stlitzende Diagnose wird durch zwei 
weitere Momente untersttitzt, die so haufig sind, dafi man 
annehmen kann, daU sie dort, wo sie nicht vorhanden zu sein 
scheioen, wegen ihrer relativen Geringfiigigkeit oder aus anderen 
Griinden ^icht nachgewiesen werden konnten: das eine sind 
sexuelle Inkongruenzen, d. h. mit dem Geschlechts- 
charakter der Genitalien nicht in Ubereinstinimung stehende 
psychische und korperliche Geschlechtszeichen, das andere ist 
eine neuropathische Disposition nicht im Sinne 
direkter Entartung als in dem einer fast stets auch bei anderen 
Pamilienmitgliedem vorhandenen relativ starkeren Labilitat und 
Affizierbarkeit des Zentralnervensystems. 

Es sei voraus bemerkt, daU von diesen vier Punkten der 
S3''mptomatologie der e r s t e , das Verhalten zum gleichen 
Geschlecht, ftir die Diagnose der Homosexualitat bei weitem 
die groBte Wichtigkeit beansprucht; der zweite Punkt, 
das Verhalten zum anderen Geschlecht, zeigt ein fast ebenso 
typisches symptomatisches Bild; dem drit ten Punkt, der 
sexuellen Inkongruenz, wohnt nicht die gleiche diagnostische 
Bedeutung inne, immerhin fallt er bei der Entscheidung, ob 
angeborene Homosexualitftt vorliegt, schwerwiegend in die Wag- 
schale; nahezu dasselbe gilt von der Familiendisposition, die, 
wenn sie ausgesprochen vorhanden ist, als weiteres diajgnostisches 
Merkmal angesehen werden kann. 

Wenden wir uns der genauen Betrachtung der Einzel- 
erscheinungen dieses Symptomenkomplexes zu, so zeigt sich, daB 
sich in alien Fallen echter Homosexualitat die Betreffenden 
lange Zeit, bevor es zu einem homosexuellen Akt gekommen 
ist, seelisch heftig zu bestimmten Personen desselben Geschlechts 
hingezogen gefuhlt haben. Diese unfreiwillige, lustbetonte Fixie- 



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rung des Sensoriums und der Psyche ist viel fruher vorhanden, 
als ihr sexueller Charakter als solcher ins BewuBtsein tritt. 
Wir wollen aus einer iiberreichlichen Kasuistik mlindlicher und 
schriftlicher Berichte, die uns hinsiehtlich der einzelnen 
Symptome der Homosexualitat zur Verfiigung stehen, einige 
Stellen wiedergeben die in unmittelbarer Lebendigkeit am 
klarsten das spezifische Bild veranschaulichen. 

Zunachst Mitteilungen zweier sehr zuriickgezogen lebender homo- 
sexueller Damen von hoher Intelligenz, die ich bereits seit mehr als 
15 Jahren beobachte. Die eine schreibt: „Auf dem Lande geboren, 
wo meiu Vater einen groBen Landbesitz hatte, bin ich bis zu meinem 
14. Jahre dort erzogen. Ich war die Jungste von meinen Geschwistern. 
Mein al tester Bnider hatte etwas Madchenhaftes und war mehr der 
Liebling meiner Mutter und wenig nach dem Sinn des Vaters, dessen 
Liebling wieder meine alteste Schwester war. Ich bin das gauze 
Ebenbild meines Vaters in alien Charaktereigenschaften sowohl, als 
in meiner sinnlichen Veranlagung. In spateren Jahren hat mein 
Vater oft gesagt : „Bei dir und Ludwig (unserm altesten Bruder) 
hat die Natur sich geirrt. Du hattest ein Junge werden miissen 
und Ludwig ein Madchen." Dabei bin ich gewiS, daB mein Vater 
von Homosexualitat keine Ahnung hatte, und daB auch mein Bruder 
nicht homosexuell war. Bei mir zeigte sich meine Veranlagung schon 
als Kind, denn mein sehnsiichtiger Wunsch war es, ein Junge zu 
sein. Ich zog mir als zwei- oder dreijahriges Kind die Westen 
meines Vaters an, setzte mir dessen Miitze aur, nahm einen Spazier- 
stock und stolzierte so auf dem Hof herum. Mit Puppen spiefie ich 
selten, hatte auch absolut keine Ne^ung Mr weibliche Handarbeiten 
und ebensowenig fiir die Kiiche. Dagegen trieb ich mich in den 
Stallen herum zwischen den Knechten, verstand die Pferde anzu- 
schirren und beaufsichtigte gem die Landarbeiter, so daB ich der 
kleine Inspektor hieB. Meine erste Schwarmerei gait einer Erzieherin 
auf einem benachbarten Gute; die hatte dunkle Haare und groBe, 
graue Augen, ein Typ, der stets meine Geschmacksrich- 
tung geblieben ist. Fiir sie hatte ich mir fast den Hals 
gebrochen, da ich, um ihr zuerst den Wagenschlag zu offnen, ein- 
mal von einem in voller Fahrt befindlichen Wagen sprang. Ich war 
etwa 12 Jahre alt, als ich diese Schwarmerei hatte. Als ich 14 Jahre 
alt war, zogen meine Eltern in die Stadt; ich sah daS Theater, und 
da waren es zwei Damen vom Theater, die ich anbetete und denen 
ich taglich Fensterpromenaden machte oder stundenlang nachlief, wenn 
ich sie sah. Dann kamen die Jahre, wo die Herren der Schopfung an- 
fingen, mir den Hof zu machen; das machte mir zwar SpaB, aber ich 
selbst empfand nichts dabei. Von der gleichgeschlechtlichen Liebe 
hatte ich keine Ahnung, und wenn ich diese oder jene Dame an- 
schwarmte, so hielt ich das fiir ein sehr lebhaftes Freundschafts- 
gefiihl. Allerdinffs hatte ich mir die Haare abgeschnitten und ging 
gem in Mannerkleidem durch die StraBen oder zu bekannten Damen, 
die ich dann gern abkiiBte, aber Liebesbeziehungen, die hielt ich nur 
zwischen Mann und Frau fiir moglich, denn ich wuBte es damals nicht 
anders.** 

Auch der folgende Bericht einer weiblichen Homosexuellen, 
die ebenso wie die vorige einem alten Adelsgeschlecht ent- 
stammt, zeigt deutlich das erste Erwachen homosexueller Nei- 
gungen. 



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„Obwohl ich sehr leidenschaftlich veranlagt bin, kam ich erst 
mit 20 Jahren zu sexueller Betatigung. Das erste schwarme- 
r i e h e Gefiihl fiir ein weibliches Wesen entsinne ich mich deut- 
lich mit 9 Jahren gehabt zu haben. Es bezog sich auf ein sehr hub- 
aches jungea Madchen von 17 Jahren. Dooh war ich der reine 
Toggenburg. Ea geniigte mir voUig, die Angeschwarmtc anzusehen, 
ihr von weitem zu folgen; ich habe nie ein Wort mit ihr ge- 
aprochen und verlangte auch gar nicht danach. Mit 13V9 Jahren 
Icxun ich in ein UrauEnerinnen-Kloster, wo ich zwei Jahre blieb. Ich 
war bia zu meinem 14. Jahre eine fanatische Eatholikin, da kamen 
die eraten Glaubenazweifel, die mich derartig seeliach in Aaapruch 
nahmen und qualten, daB ich^ die die Kirche doch ao leidenschaft- 
lich celiebt hatte, fiir das aexuelle Problem absolut keinen Sinn und 
kein Interesse hatte ; ea kam iiberhaupt nicht in den iCreis 
meiner Gedanken. Ich arbeitete aehr fleiBig, apiirte in der 
Geachichte und in der Naturgeschichte nach Belegen fur meine Glau- 
benazweifel und suchte mich in den Sprachen zu vervollkommnen, wozu 
das Eloster die beste Gelegenheit bot, da wir dort stets franzosisch 
sprachen. Ich schwarmte nacheinander und gleichzeitig fur eineKeihe 
von Nonnen, aogenannte weltliche Lehrerinnen und altere Pensiona-" 
rinnen. So intenaiv diese Schwarmereien auch in einigen Fallen waren, 
gingen aie doch nicht hinaua iiber das Verlangen, den Angebeteten 
die Hande zu kuasen, auch die Wangen; ein KuB auf den Mund 
kam mir gai* nicht in den Sinn. Ich muB hier einfiigen, daB ich 
meine Mutter abgdttiach liebte und aie mein Orakel una Evangelium 
war; aie hatte una von friih an gesagt, „man" kizBte nicht auf den 
Mund, das taten nur Mann und Frau, sonst kiiBte man nur auf die 
Backe. Das saB in mir fest, und das Eussen auf den Mund schien 
mir unanstandig und widerlich. Erst aehr viel apater kam ich zu 
einer anderen Anaicht. Ein Bedurfnia war ea mir aber, meinen 
„Flammen** Ritterdienate zu leisten, ihnen Sachen zu tragen, die Tiiren 
aufzureiBen u. dgl. ; in den Stunden, die eine Nonne oder Lehrerin 
hatte, die ich anschwarmte, gab ich mir ganz besondere Miihe und 
war in heller Emporung, wenn aie von einer Mitschiilerin geargert 
wurde. Meine hocnate Wonne war es, wenn meine Flamme mir ein- 
mal einen sanften EuB auf die Wange hauchte, und ich habe spater 
in den leidenschaftlichsten Liebesstunden kaimi je eine groBere Selig- 
keit verspiirt, als einmal im Eloster, als eine altere Mitpensionaxin, 
die ich leidenschaftlich verehrte, und lange gebeten hatte, mir einen 
EuB zu geben, eines Tages ganz plotzlich meinen Eopf in jhre Hande 
nahm und mich nach der im Eloster iiblichen franzosischen Sitte 
auf beide Backen herzlich kuBte. Ich weiB es noch, als ware es gestern 
gewesen, wie ich ganz von Gliick betaubt dastand, es kaum glauben 
konnte und nur den Namen der Geliebten stammelte. Ich bin froh, 
daB meine erste Jugend ao rein war: die eigentlichen Liebesgeniisse 
kommen noch immer fruh genug, und wenn man sie vorwegnimmt, 
beraubt man sich dieser entziickend zarten, poetischen Freuden, die 
einem zwar spater nicht mehr geniigen, in jenem Zustand der 
Unschuld und Unwissenheit aber uns mit uberschwanglicher Selig- 
keit erfullen und in der Erinnerung jener Zeit einen zarten Duft und 
Schmelz verleihen, dem n i c h t s gleichkommt, was man auch sp§,ter 
genieBen moge." 

VCllig analog den Kindheitserinnerungen weiblicher sind 
die der m&nnlichen Homosexuellen. Sehr charakteristisch heiOt 
es in einer der vielen Schilderungen : 

„Die ersten noch unbewuBten Regungen des homosexuellen Lebens 
fallen etwa ins 10. und 11. Jahr. Wir hatten einen Eutscher, einen 
achonen und kraftig gebauten Menschen mit dunklem, langem Schnurr- 



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bart. Es machte mir stets Vergnugen, um ihn zu sein und ihn io 
seinen hohen Stiefeln, Lederhosen und Livreerock oder Winters in 
seinem russischen Schafpelz zu betrachten. Ich hatte schlieBlich 
das unwiderstehliche Verlangen, ihn zu umarmen, da das aber schwer 
anging, so schlich ich mich ofters, wenn ich ihn bei der Arbeit wuUte, 
in seine Wohnung, schliipfte in seine riesigen Stiefel, hing seinen 
Rock Oder Pelz um mich, und hatte ein Getuhl des seligsten Wohl- 
behagens. Ich driickte die Kleidungsstiicke fest und krampfhaft an 
mich, und der Geruch der Lederstiefel und der ledernen Hosen, welche 
ich auf meinem SchoB hielt und ofters an mich driickte, verbunden 
mit dem Gedanken an den schonen groBgebauten Kutscher, den ich 
mir dachte, indem ich die Kleidungsstiicke an meinem Eorper be- 
Mhlte, verursachtjen mir heftige Erektionen, iiber die ich jedesmal, 
ohne mir bewuBt zu sein, infolge wovon sie entstanden, entsetzt war, 
da ich sie flir eine krankhafte Erscheinung hielt. — Eines Tages 
nach reiflichem Hin- und Herdenken wuBte ich mit Hilfe meiner Eame- 
raden, Knaben, die mit mir erzogen wurden, eine Szene ins Werk 
zu setzen, bei welcher der Kutscher veranlaBt wurde, mich zu sich 
emporzuheben. Diese Gelegenheit benutzte ich nun, da meine Kame- 
' raden mich ihm entreiBen wollten, meine Wange an sein bartiges 
Kinn zu legen, meinen Arm imi seinen Nacken zu schlingen imd meine 
Beine fest an seinen Korper zu pressen. Ich schloB die Augen und 
verspiirte ein Gefiihl schwindelnder Wonne. 

Ein anderes Erlebnis steht lebhaft in meiner Erinnerung. Es 
ist ein wolkenloser, sonnig klarer Herbsttag. Das Getreide ist ge- 
schnitten und liegt in schimmernden Garben auf dem Stop|>elfelde. 
Das Laub der Baimie in den Alleen schimmert gelblich, rotlich und 
in der Feme, vom dunkelsten Griin bis in die heUsten Schattienmgen 
des Blau, dem Himmel gleich, sich verlierend, die endlosen Walder 
meiner Heimat. Wir Jungens sind auf der Jagd nach Feldmausen, die 
wir unter den Getreidehaufen hervorscheuchen. Da ein heller schal- 
lender Ton, der mich aufhorchen macht — und in der Richtung, wo 
es herkommt, da blitzt und glitzert es. Die Musik wird lauter — 
und das Blitzen und Funkeln, das auf der LandstraBe naher und 
naher kommt, ist ein Trupp Soldaten mit blinkenden Sabeln und 
Flinten. Jetzt biegen sie von der StraBe ab imd marschieren iiber die 
Wiese, die sich langs dem Felde hinzieht, auf dem wir uns befinden. 
Den Soldaten voran marschiert ein Offizier, der erste, den ich in 
meinem Leben gesehen. — Er ist groB und kraftig, mit blondem 
Schnurrbart und blauen, froh leuchtenden Augen. Jede Bewegung 
an ihm ist Kraft und Leben und Freude — mir ist, als ware er 
die lustige Militarmusik, die ich horte, als ware er der klare wolken- 
lose Himmel und die reine kostliche Herbstluft, die mich umgab. Es 
iiberkommt mich ein Gefiihl groBer endloser Freude, ein Gefiihl edler 
Taten- und Schaffensfreudigkeit, und zugleich eines schrecklichen, 
mich erstickenden Sehnens, so daB ich unwiUkiirlich die Hande empor- 
streckte, — und dann zu weinen beginne — mir selber nicht bewuBt, 
warum. — Die anderen Knaben waren den davon marschierenden 
Soldaten nachgelaufen, so war ich unbeachtet geblieben. — Zu Hause 
an^ekommen, erfuhr ich, daB der Offizier unser Gast war. — Aus 
welcher Veranlassung damals sich der kleine Trupp Soldaten inunsere 
weltentlegene Waldeinsamkeit verirrt hatte, vermag ich heute nicht 
zu sagen. — Im Vorhause entdeckte ich den Sabel und Mantel des 
Offiziers. Ich konnte der Versuchung nicht widerstehen, den Sabel 
zu befiihlen, und meinen Kopf in den Mantel zu stecken, wobei mir, 
mit den peinlichsten Erektionen verbunden, deutlich die Szene auf 
dem Felde vor Augen stand. — Bei Tisch, wo ich kaum meine Augen 
zu erheben wa^te, fesselten die strammen Beine unseres Gastes meine 
Aufmerksamkeit. . . . Ich hatte diese Beine, in der kleidsamen Uni- 
form sitzend, umarmen und driicken mogen. Beim Abschiede hangte 



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mir der Offizier ein goldenes Kreuzchen, an einer braunseidenen 
55chnur, urn den Hals. Ich war damals, wie wenigstens meine alteren 
(jJescliwister behaupten, ein ausnehmend hiibscher Junge. — Das Ge- 
scLenk machte mich selig. Man stelle sich daher meinen Schmerz 
und meine Wut vor, wie meine streng orthodoxe, evangelisch-luthe- 
rische Mutter mir verbot, das Kreuz zu tragen, well es ein nach grie- 
chisch-katbolischem Muster geformtes war, und es mir einfach fort- 
nahm. Icb beulte, aber was half es ! Noch Jahre ist der Besitz dieses 
Kreuzes das hochste Ziel meiner Wiinsche gewesen, ja ich ging 
sogar einmal mit dem Gedanken um, den Schreibtisch meiner Mutter 
zu erbrechen, um mich so in den Besitz des Heiligtums zu bringen. 
Aber die Jahre vergingen, und das Kreuz ist in Vergessenheit ge- 
raten.*' 

Ein weiteres Beispiel sei hinzugeftigt, das zugleich das 

durchau8 nicht seltene Vorkommnis belegt, da6 die erste un- 

bewuBt sexuelle Neigung liber die im spateren Sexualleben so be- 

deutsame Inzestschranke hinweg nahe Verwandte, wie 

Eltern und Geschwister zum Gegenstand hat: 

„Ich haCte Knaben und Knabenspiele; meine Schwester war 
mein alter ego, wahrend mein 13 Jahre alterer Bruder, ein sehr schoner 
Maun, mein kindliches, reines, unschuldiges Herz furchtbar verwirrte. 
Ich habe ihn weit mehr seiner Schonheit als seiner guten Eigen- 
schaften wegen angebetet. Dabei wurde ich auUerlich immer schroffer 
gegen ihn. Ich erinnere mich genau, dafi im 6. oder 7. Jahr voriiber- 
gehend meines Bruders Schonheit mir wie ein geoffenbartes Mysterium 
ciurch Mark und Bein zitterte. Mit 10 Jahren weinte ich eine ganze 
Nacht, als ich mich in seiner mir schaurig-siiCen Gegenwart zur 
Ruhe habe begeben miissen. Ich empfand ein Schamgefiihl, wie ich 
es in Mutters und Schwesters Gegenwart nicht kannte. Klar und 
bewuBt, naturlich als tiefstes Geheimnis zumal vor ihm, habe ich ihn 
voDi 10. — 15. Jahre vergottert, am hcichsten stand diese Verehrung 
vom 10. — 12. Jahre, als er sich verheiratete. Ich war totunglucklich, 
dafi er uns dadurch ferner riickte, und empfand es als ctwas Entsetz- 
liches, daB er, wie ich glaubte, nun seine Jungfriiulichkeit einbiiBte." 

Man wird hier einwenden, dafi solche gleichgeschlechtliche 
Schwarmereien, auch. bei Kindern, die spater scharf heterosexuell 
werden, vor, innerhalb, oft sogar noch einige Jahre nach der 
Pubertat nichts Ungewohnliches, dafi sie namentlich in Schnlenj 
Pensionaten und Internaten ungemein haufig sind, so Jiaufig, 
da6 man i,hr Vorkommen in der Indifferenzperiode des Ge- 
schlechtstriebcs geradezu als einen physiologischen Zustand be- 
zeiehnet hat^). Gleichwohl unterscheiden sich die urnisohen 



-) Aus der 2iemlich umfangreichen Literatur, welche sich teils 
wissenschaftlich, teils kunstlerisch mit Liebesverlialtnissen zwischen 
alteren und jiingcren Schiilern befaBt, seien genannt: 

Hoc he, Xeurologisches Zentralblatt, Bd. 15 (1896), p. 66. — 

Rohleder, Die IMasturbation (1899), p. Ill, welcher unter 
audercn hierfiir Rousseau, Salzmann, Chevalier, Four- 
nier, Blasemann und F ii r b r i n g e r zitiert. 

Max Dessoir, Zur Ps ychologie der vita sexualis. In der 
AUgenieinen Zeitschrift f. Psych, und .Md., 50. Band, p. 2. — 

Ausfiihrliche Fillle iibor homosexuellen Verkohr in Tnternateu 
und fSchulen rcferieren Moll, Untersuchuugen iiber die Libido sexu- 



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von den nioht urnischen Kindern nicht nur in ihren noch zu 
besprechenden Charaktereigensohaften, sondern auch in ihren 
erotisch gefarbten Freundsohaften wesentlich. Einerseits sind 
sie in der unklaren Empfindung, daO den von ihnen vorgenom- 
menen Zartlichkeiten eine tiefere Bedeutung zukommt, als der 
gewohnlichen Sehiileronanie, befangener, zuriickhaltender, wahle- 
rischer, anderseits inniger, bestandiger als die heterosexuellen 
Kameraden. Es ist sehr bezeichnend, wenn eine der oben- 
erwahnten homosexuellen Frauen mitteilt, dafi sie sich im Kloster 
an den sexuellen Beziehnngen der Madchen, von denen sie 
spater zu ihrem Erstaunen horte, iiberhaupt nicht beteiligt 
habe. Haufig sind allerdings gerade die homosexuellen Kinder 
cin mit Vorliebe gesuchter Zielpunkt der sexuellen Anwand- 
lungen ihrer Mitschliler und Mitschlilerinnen, weil diese in- 
stinktiv das Feminine im urnischen Knaben, den virilen Ein- 
schlag im urnischen Madchen herausftihlen. Vor allem aber trjigt 
die homosexuelle Betatigung der heterosexuellen Schiiler einen 
mehr episodischen Charakter ; sie tritt bald nach der Eeife gegen- 

alis, I. Band, II. Teil p. 450—162, Hirschfeld, Der Urnische 
Mensch, iu Jahrbuch f. sexuelle Zwischenstufea, Bd. V 1, p. 61 f. 
und p. 62 f. H. Ellis: sexual inversion, Anhang. 

Ferner sind zu nennen : Dr. Ludwig Gurlitt, Knabenfreund- 
scliaften. In „Sexual-Problemen*' von Max Marcuse. Oktoberheft 1909. 

Hans Joachim von Eeitzenstein, Ein Schiilerselbst- 
mord, in der Zeitschrift „Pan*' vom 30. Mai 1912. — C. Lino-Fer- 
r i a n i , Minderjahrige Verbrecher (deutsch von Alfred Kuliemann). 

Walter Unus, Schiilertagebuch. 

Achilla Essebac, Dede (Paris 1901. Deutsch von Georg 
Herbert. Leipzig 1903). Hermann Hesse, Untcrm Had, B i 11 
F o r s t e r , Anders als die andern. Roman. (1909, Berlin.) Louis 
d'Herdy, L'homme-sirene (Paris 1900). — Paul Bourget, Un 
crime d'amour. — Fried rich Perzynski, Weltstadtseelen („Zwei 
Welten**) (Miinchen 1901). — J o li a n n e s W i 1 d a , Aus der Knaben- 
zeit, in „Die Woche", Berlin, (Xr. 21. 1912). — E. Irenaeus Prime 
Stevenson, Left to themselves, or the fortunes of Philip -and 
Gerald (Newyork, Philips and Hunders.,) A great patience (Scribner's 
Magazine Newyork 1899). — A. W. Clarke, Jasper Tristram. — 
Hans Ryner, La f illemanquee (Paris 1903). Ferri-Pisani, 
Les pervertis (Paris 1905). Jean Rodes, Adolescents. Moeurs col- 
legiennes (Paris Mercure dc France 1901). — L. van Dyssel, De 
kleine Republiek. (Hollandisch.) 

Liebesverhaltnisse zwischen Madchen behandeln unter anderen: 
C liar les M on fort, Le journal d'une Saphiste (Paris 1902). — 
Francis Lepage, Les fausses vierges. Roman. (I^aris 1902.) Do- 
lorosa, Fraulein Don Juan (Die Chore des Lebens I. Band.) (Ber- 
lin 1903.) — Vergl. dazu die Bemerkungcn in der Bibliographic der 
Jahrbiicher fiir sexuelle Zwischenstufen von Priitorius Bd. II, p. 397 ; 
Bd. II 324; Bd. V. 2, p. 1011; Bd. VL p. 619 p. G3j Bd. VIL 2., p. 867 ; 
Bd. VII, 2, p. 839, 891. Bd. IX, p. 611 usw. Ferner Cfr. Die VicrteL- 
jahrsberichte II. Jahrgang p. 324, ebenfalls vergleiche die Bemer- 
kungen von J. L. P a v i a , London, Vierteljahrsberichte III. Jahr- 
gang p. 310 und 315. 



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48 

ijber der imtoer starker erwachenden Liebe zum anderen Ce- 
schlecht ganz zuriick, w&lirend sie um dieselbe Zeit sich bei 
den von Hause homosexuellen Kindern erst recht vertieft und 
sicli dann ebenso sehnsuchtsvoU auf das eigene Geschlecht richtet, 
wie die der heterosexuellen Jtinglinge und Jungfrauen anf das 
andere. Immerhin ist flir die Diagnose der Homosexualitat 
beim K i n d e und i n den Entwicklungsjahren die eigen- 
tiimliche Artung der Personlichkeit wichtiger als die vom 
Erwachen des Gescblechtstriebes an auf das gleiche Geschlecht 
zielende Bichtung. Denn bei der Ftille ungeklarter Sexual- 
antriebe und Phantasievorstellungen erscheint letztere oft nur 
als ein Teil der noch nicht entwirrten infantilen Sexualitat, 
wahrend die mit ihr verbundenen Eigenarten der kindlichen 
Individualitat meist eindeutiger und deutlicher erkennbar sind. 

Icli will das Gesagte durch einen Bericht — ein Beispiel fiir 
. viele — belegen, der aus einem katholischen Waisenhause fur Knaben 
stammt. Ich verdanke die Mitteilung einem sehr zuverlassigen Be- 
obachter, der dort 10 Jahre lang uuter 120 Mitschiilern erzogen 
wurde. „Ich war 8 Jahre alt", schreibt er, „als ich in das Institut 
kam. Da ich schon friiher gerne mit Knaben zusammen war, hatte 
ich nur die ersten Tage etwas Heimweh und fiihlte mich sehr bald 
wohl unter den 120 Knaben im Alter bis zu 14 Jahren, nur wenige 
waren 15 oder 16 Jahre alt. Der freundschaftliche Verkehr unter 
diesen Knaben war ein so inniger, daB man glauben muBte, lauter 
Urningc vom reinsten Wasser vor sich zu haben. Fast alle von den 
alteren suchten sich unter den jiingeren Knaben einen Freund, den sie 
alsdann hegten und schiitzten. Dieses war fiir den jiingeren Teil 
nicht gerade unangenehm, denn unter soviel Knaben haben die 
kleineren gewohnlich manchen StoP auszuhalten, hatte er aber einen 
alteren zum Freunde, so durfte keiner es wagen, ihn hart anzufassen, 
beide ijberboten sich gegenseitig in Erweisungen von Zartlichkeiten. 
AJs ich selbst 9 Jahr alt war, geschah es, daB zwei altere auf einmal 
um micli warben und keiner dem andern weichen wollte. Es wurde 
dann durch einen Kampf unter den beiden entschieden, die anderen 
stellten sich herum, damit die Warter nichts sehen sollten, und 
schauten zu, bis einer kampfunfahig wurde; der Sieger hatte als- 
dann ein offentliches Anrecht auf mich. Dieser war mein Freund 
fast ein ganzes Jahr lang, bis er bei seinem 14. Jahre aus der An- 
stalt entlassen wurde. An seine Freundschaft erinnert mich noch 
heute ein ziemlich groBer Buchstabe, der An fangs buchstabe seines 
Namens, den wir uns gegenseitig damals mit chinesischer Tusche 
und einer Nadel in den Oberarm tatowierten; wie gliicklich war ich 
damals, fiir meinen Freund diese Nadelstiche ertragen zu diirfen. 
Dieser Junge war von einer solchen Liebe zu mir beseelt, daB er mir 
alles tat, was er an meinen Augen absehen konnte. Da er ver- 
mogend war und seine Familie in der Nahe wohnte, bekam er jede 
Woche einmal Besuch und wurde dann mit allem moglichen beschenkt; 
hatte er diesen Besuch empfangen, so versaumte er nie, abends an 
mein Bett zu kommen und seine Schatze vor mir auszubreiten, und 
oft hatte ich Miihe, ihn zu bewegen, daB er selbst auch etwas davon 
behielt. Er unterlieB es auch me, wenn wir abends in den Schlaf- 
saal gefiihrt warden, einen giinstigen Moment abzuwarten, um mich 
zu kiissen. 



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40 

Hatte man einen Jungen gefunden, der einem besonders gefiel, 
so warb man um ihn, man verfolgte ihn auf Schritt und Tritt und 
suchte sich ihm iiberall angenehm zu machen, man machte ihm Ge- 
schenke oder bat einen Kameraden, den Vermittler zu spielen. Ein 
eigenartiges Mittel wandte einmal ein Junge mir gegeniiber an, den 
icli auch lange schon im Stillen gem hatte, der aber so hiibsch war, 
daB ich eine Erwiderung fiir ausgeschlossen hielt. Ich hielt micb 
von ihm fern, weil ich mich keiner Demiitigung aussetzen wollte, denn 
einen Korb zu bekommen, gait als sehr schimpflich. An einem 
Abend nun kam er wahrend der Vorlesung neben mich und wir setzten 
zu zweien auf seine Anregung ein Spiel in Szene, wobei man auf die 
Hand des anderen einen Schlag zu versetzen sucht, der andere muB 
dabei sehr auf der Hut sein, da die Schlage sehr empfindlich sind, 
und mufi deshalb seine Hand schnell fortziehen. Nachdem er nun an 
die Keihe kam, hieb er nur ganz leise und lassig zu, und als ich ihn 
nacli dem Grunde fragte, sagte er mir, er konne mir nicht wehe tun, 
er hatle mich zu lieb. Ich war gliicklich; wir kiiBten uns und er- 
zahlten uns, wie wir uns schon so lange gern gehabt. Solche Freimde 
tauschten dann mittags bei Tisch ihre Teller und ihr Besteck, weil 
es ihnen ein besonderes Wohlgefiihl war, aus Gegenstanden zu essen, 
die der Freund friiher benutzt hatte. Derjenige, der das Amt hatte, 
bei Tisch zu bedienen, muBte sich deshalb immer auf dem Laufenden 
erhalten und war von jedem neuen Freundschaftsverhaltnis genau 
unterrichtet und sorgte gewissenhaft, daB jeder die Gegenstande seines 
Freundes bekam, ebenso wuBte er, wenn ein Verhaltnis sich loste, 
er gab alsdann jedem sein richtiges Besteck wieder, das aber alsdann 
selten wieder benutzt wurde, die Teller zerbrach man gewohnlich und 
das Besteck warf man in den Miillkasten und kaufte neue. Ebenso 
hatte ieder Knabe im Winter seinen bestimmten Shawl, man trug aber 
stets den des Freundes, da derselbe in so enger Beriihrung mit dessen 
bloBem Halse gewesen. Das Tatowieren der Arme mit den Anfangs- 
buchstaben des Freundes war an der Tagesordnung, doch muBte 
man bei dem alien sehr vorsichtig sein, damit die Lehrer nichts 
merkten. 

Sahen diese von zweien eine besondere zartliche Freundschaft, 
so wurde ihnen strenge verboten, weiter miteinander zu verkehren, 
doch tat man es alsdann um so lieber, und bekam man Strafe, so 
war man gliicklich, fiir den anderen leiden zu konnen. Hatte einer 
einen Streich gespielt, so geschah es oft, daB der Freund die Tat auf 
sich nahm, der andere dies aber nicht litt und der Lehrer alsdann 
zwei Missetater vor sich stehen sah und nicht wuBte, wer der eigent- 
liche war. Bekam der Freimd Priigel, so ging das dem anderen so nahe, 
daB er mitweinte. Diese kleinen Einzelheiten zeigen, wie der Freund 
einem alles war, welche Innigkeit in dieser Freundschaft lag. DaB 
dabei der geschlechtliche Verkehr nicht ausblieb, ist wohl selbst- 
verstandlich. Ich war 9 Jahre alt, als ich die Onanie kennen lernte, 
manche noch jiinger. Besonders bot der Winter viel Gelegenheit zum 
gescblechtlichen Verkehr, man ging abends unter dem Vorgeben, aus- 
treten zu miissen, hinaus, der Freund folgte einige Minuten spater, 
und drauBen war man dann ungestort; wenn dies auch zunachst ge- 
schah, um sich nur kiissen und umarmen zu konnen, in der Er- 
regung biieb dann das andere nicht aus. Dann fand der Verkehr 
auch nachts viel in den Betten statt. Ich glaube aber bestimmt, daB 
dabei nur Onanie getrieben wurde. Kam ein neuer in die Anstalt, 
so wurde sofort darauf geachtet, ob er hiibsch war, und es dauerte auch 
nicht lange, so hatte sich der oder jener mit ihm angefreundet, wo- 
bei es oft nicht ohne heftige Eifersuchtsszenen abging. Es wiirde 
zu weit fiihren, noch mehr Einzelheiten anzugeberu Man findet ja 
in alien Instituten, daB die Knaben geschlechtlich miteinander ver- 
kehren, aber wohl selten so allgemein. Wenn man von einem An- 
Hirtchfeld, HomosexuiUtit. 4 



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60 

erziehen der Homosexualitat sprechen konnte, so hatte sich das hier 
bewahrbeiten miissen, besonders da die meisten wenigstens 3 — 4 Jahre, 
einige bis zu 8 Jahren in der Aastalt verblieben und so lange diesem 
Einflusse ausgesetzt waren. Wie mir genau bekannt ist, ver- 
kehren aber alle meine Mitschiiler jetzt sehr reee 
mit dem Weibe. Besonders will ich zwei Knaben erwahnen, der 
eino war 16, er kam als 1 jahriges Kind dorthin, der andere 9 Jahre 
in der Anstalt, beide hat ten damals sehr stark fiir den Freund ge- 
t'iihlt und sehr viel mit ihm geschlechtlich verkehrt und fiihlen heute 
nur fiir das Weib. Ich selbst interessierte mich schon vor meinem 
8. Lebens jahre, also be vor ich in dieses Institut kam, geschlechtlich 
fiir Manner, und ich bin auch nachher nicht anders geworden. Dafi 
gerade diese Anstalt einen so starken Freundschaftsverkehr aufwies, 
fiihre ich darauf zuriick, daB die Knaben auBer der Schulzeit und 
den Stunden, die nicht durch Gebet — es wurde viel gebetet — aus- 
gefiillt waren, zuviel auf sich selbst angewiesen waren. Die An- 
stalt war streng katholisch imd man glaubte, durch vieles Beten die 
Knaben erziehen zu konnen, doch wir langweilten uns nur bei dem 
ewigen Einerlei des Rosenkranzes und benutzten die Zeit, um ge- 
schlechtlichen Gedanken nachzuhangen. Fiir Sport und Turnen war 
kein Interesse vorhanden, sogar im Stundenplan war kein Turnen an- 
gesetzt. Baden gait fiir unsittlich; man furchtete die Kinder dadurcb 
auf unsaubere Gedanken zu bringen. Von der Aufienwelt war man voll- 
standig abgetrennt. Das Haus lag vor der Stadt und war mit hohen 
Mauern umgeben, nur Sonnta^s wurde man einige Stunden ins Freie ge- 
fiihrt. Die Biicher waren emer strengen Zen^ur unterworfen, es ^e- 
niigte schon eine kleine unschuldige Liebesgeschichte, um uns die- 
selben zu verbieten." 

Den leidenschaftlichen Charakter mancher dieser gleichgeschlecht- 
lichen Neigimgen zeigt anschaulich ein Beispiel, das Carpenter 8) 
von einem Lenrer, der an einer indischen Schule tatig war, erzahlt 
wurde : „Zwei etwa IGjahrige Burschen besuchten dieselbe Schule 
imd waren unzertrennliche Freunde. Aber eines Tages kam fiir sie 
die Stunde der Trennung. Den einen holten seine Eltern ab, um 
mit ihm nach einem entfernten Orte des Landes zu reisen. Der 
andere war untrostlich. Als ihm sein Kamerad entrissen wurde, 
ging er still an einen Brunnen im Schulbereiche, stiirzte sich hinein 
und ertrank. Diese Nachricht wurde mit dem Drahte weitergesandt 
and erreichte den Freund noch unterwegs. Er sagte nur wenig, aber. 
auf einer Station verlieB er den Zug und verschwand. Der Zug fuhr 
weiter; nach kurzer Entfernung lief der Knabe aus dem Gebiisch auf 
die Strecke, warf sich auf die Schienen und fand hier auch seinen 
Tod." 

Die ersten oft sehr leisen Erscheinungen gleiehgeschlechth 
lich'en Empfindens bleiben in ihrer Bedeutung oft vollig un- 
erkannt; so berichtet mir ein Uranier, ,,dalJ schon in frtihester 
Jugcnd, wenn er zwei Preunde Arm in Arm gehen sah, ihn ein 
Geftihl tiefer Ergriffenheit und Einsamkeit iiberkam, wenn er 
auf dem Eise zwei junge Manner Hand in Hand Schlittschuh 
laufen sah, wurde er haufig zu Tranen gertihrt. Er konnte 
sich diese Geftihle, deren er sich schamte, nicht deuten, jetzt 
seien sie ihm klar." Ganz ahnlich wie wir bei den Hetero- 
sexuellen zwischen 16 und 20 nicht selten homosexuelle Schwar- 



^) Carpenter, Mittelgeschlecht, a. a. O. p. 149. 



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mereien finden, die ganz den Eindruck maehen konnten, als 
handle es sich um Affekte echter Homosexueller, kommen bei 
Homosexuellen in diesem pubischen Alter heterosexuelle Epi- 
soden vor, die nicht allein auf der libermachtigen Suggestion 
zu bernhen scheinen, die das Beispiel der Erwachsenen und die 
Liebesliteratur, welche fast ausschlieBlich die Liebe zwischen 
Mann und Weib preisen, ausiiben. Es ist eben die Zeit unab- 
geschlossener Entwicklung, in der, ebenso wie die scharfe korper- 
Jiche Differenzierung noch nicht durchgefiihrt ist, beispiels- 
weisc Bart und Briiste noch nicht die definitive geschlechtliche 
Akzentuierung aufweisen, auch der Geschlechtstrieb noch un- 
sicher tastend, bald nach der einen, bald nach der anderen Seite 
schwankt, suchend, pendelnd, bis er sich entweder aus dem 
Unklaren, Unbestimmten, Unbewuflten heraus allmahlich auf das 
adequate Geschlechtsziel einstellt, oder sich durch eine groBe 
Liebesleidenschaft plotzlich, fast mochte man sagen „mit hor- 
barem Ruck", fixiert. Die folgende Schilderung einer homo- 
sexuellen Dame gibt ein aus dem Leben gegriffenes Beispiel: 

„Da kam auch die Stunde, in der ich mich in einen Mann ver- 
liebte, dei* freilich sehr madchenhaft aussah und war, so daiJ 
er einmal sogar in Damenkleidern auf einen Ball gegangen war, ohne 
als Mann erkannt zu warden. Diese Liebe hatte mich ziemlich un- 
glucklich gemacht, weil wir uns nur kurze Zeit sahen und spater nur 
in Brief wechsel standen. Ich war der Meinung, daC jene Liebe mich 
vollkommen absorbierte, bis ich eine Schauspielerin in einer Manner- 
rolle sah, und man mir plotzlich erzahlte, ,,sie liebe Frauen". — — 
Zuerst sah ich bei der Nachricht die Sprecherin verstandnislos an, 
dann aber wuBte ich genau, daU ich jene Schauspielerin liebte, liebte 
bis zur Narrheit, und auf einmal war mir iiberhaupt klar, daU ich mich 
fiir Prauen und nicht fiir Manner interessiere. Von meiner soge- 
nannteu imgliicklichen Liebe fiir jenen Mann war ich plotzlich ge- 
heilt. Ich unterhielt mich sehr gern mit Mannern, aber nur solange 
sie mir nicht den Hof machten, und ich von ihnen lernen konnte ; 
es langweilte mich namlich schrecklich, wenn in Damengesellschaft 
nichts als iiber Putz und Klatsch gesprochen wurde. Sobald mir 
aber ein Mann den Hof machte, kam ich in graBlichste Verlegenheit 
und wuBte gar nicht, wie ich mich benehmen sollte." 

Es ist ungefahr das 18. Lebensjahr, bei manchen etwas 
eher, bei anderen etwas spater, in dem bei homosexuellen Man- 
nern und Frauen genau so wie bei Heterosexuellen jener ideale 
Erotismufi ausbricht, der sich in liberschwanglichen Verehrungen, 
Fensterpromenaden, Dienstleistungen aller Art, Liebesbriefen 
unVl Liebesgedichten erschopft, mit dem einzigen Unterschiede, 
daU der Gegenstand dieser ^,Verhimmelung*' nicht dem anderen, 
sondern dem gleichen Geschlechtc angehcirt. Horen wir eine 
homosexuelle Frau und einen homosexuellen Mann, beide aus den 
gebildeten Standen, selbst schildern, was sie mit 18 Jahren 
empfanden. Die Homosexuelle berichtet: 



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„DaB ich zuerst b e w u 1} t sinnlich, wenn auch uoch nicht ge- 
schlechtlich fiir eine Frau fiihlte, war mit 18 Jahren, und auch da 
kam ich nur ganz alhnahlich zur Erkenntnis, daB dieses sinnliche 
Gefiihle sein miiBten. Es handelte sich um eine blendend schone 
Frau — — sie wurde allgemeiii „die schone Frau von So und So" 

genannt die iibrigens meine Mutter hatte sein konnen- Sie stand 

im Hochsommer ihrer Schonheit und war wie eine vollerschlossene 
Kose. Kie werde ich den Augenblick vergessen, da ich sie zum ersten 
Male sah. Ich war so vollkommen liberwaltigt von ihrem Anblick, 
dafi ich ihre mir entgegengestreckte Hand • ganz iibersah und sie 
fassungs- und wortlos anstarrte. Sie nahm mir diese Unhoflichkeit 
auch weiter nicht iibel, denn die Bewunderung ihrer bestrickenden 
Schonheit stand wohl in Riesenlettern auf meinem Gesichte ge- 
schrieben, da jede Beherrschung und Verstellung mir bei meiner 
Ahnungslosigkeit fehlte. Spater horte ich denn auch, daB ein Herr 
gesagt hatte, es ware ja „widerlich", wie ich diese Frau mit meinen 
Blicken verschlange. An jenem ersten Nachmittag brachte ich es 
nicht fertig den Blick auch nur eine Minute von ihr loszureiUen. Id 
diese heiTliche Frau, die auBer ihrer Schonheit auch noch mit den 
reichsten kiinstlerischen Gaben ausgestattet war, verliebte ich mich 
immer leidenschaftlicher, verzehrte mich vor Sehnsucht, wenn ich 
sie nicht sah und war iiberselig und doch auch voller Qual in ihrer 
Gegenwart. Sie war sehr liebevoU zu mir und duldete lachelnd meine 
iiberschwangliche Anbetung; da sie aber durchaus normal und Mutter 
mehrerer Kinder, die in meinem Alter waren, konnte von irgendwelcher 
Gegenliebe natiirlich keine Rede sein, das hatte ich auch nie zu er- 
warten und zu hoffen gewagt. Ich betete sie an wie ein junger Bitter 
seine Konigin. In ihrer Gegenwart bemerkte ich nun zuerst an mir 
eine Erregung, die mir bis dahin unbekannt geblieben war. Ich bekam 
rasendes Herzklopfen, wenn ich sie sah, zitterte am ganzen Korper, 
wenn ich sie beriihrte, und bekam einen gliihenden Kopf und eisige 
Hande, wenn ich langer mit ihr zusammen war. Und dann cmpfand ich 
eine so. unbestimmte Qual und Sehnsucht, die ich mir absolut nicht 
zu erklaren wuBte, soviel ich auch dariiber griibelte. Wie oft fragte 
ich mich: Was ist das nur? Was willst du eigentlich? DaB dieses 
nicht mehr eine „rein seelische Anschwarmerei" war, m u B t e ich mir 
eingestehen, aber daB ich als Frau fiir eine andere Frau sinn- 
liche Gefiihle hatte, war mir ganz und gar unbegreiflich. Sie 
merkte allmahlich selbst, daB ich regelrecht in sie verliebt war, viel- 
leicht noch eher, als ich selbst mir dariiber klar wurde, denn ich 
weiB noch, wie es mich frappierte, als sie eines Abends, da ich sie, 
ganz berauscht von ihrer Schonheit, bat, mir einen KuB zu geben, 
sagte: „Ach, du verliebter Katerl" Sie gab mir dann aber einen 
sanften KuB, iiber den ich fast den Verstand verier vor Wonne. Ihre 
Worte aber hielten mich noch lange wach, als ich an jenem Abend 
im Bett lag und iiber meine Gefiihle nachgriibelte. 

Spater verliebte ich mich in ihre alteste Tochter, die in meinem 
Alter war, die Mutter betete ich aber auch da noch weiter an. Das 
Verhaltni^ zu der Tochter war anfangs ein rein freundschaftliches 
und wurde erst allmahlich das, was die Franzosen eine „amitie amou- 
reuse" nennen. Wir waren leidenschaftlich zartlich miteinander und 
konnten uns nie genug tun in Kiissen und Liebkosungen ; ihr gegen- 
iiber fiel ja auch die Schiichternheit, die naturgemaB ich der Mutter 
gegeniiber empfa*nd, fort und so wagte ich schlieBlich auch sinn- 
licne Liebkosungen, streichelte und kiiBte ihren Hals, ihre Arme, ihre 
Schultem und ihre Brust, — aber weiter ging es nicht, da wir beide 
zu unschuldig und zu unwissend dazu waren. 

Ich weiB, daB ich sie manchmal an mich preBte und sagte r 
„Ich habe solche Sehnsucht nach dir," und wenn sie dann sagte, „aber 
ich bin ja bei dir," antwortete ich: „Ja ja, aber das ist es nicht, icl> 



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53 

mochte etwas anderes, aber ich weiB selbst nicht was." Unsere 
Briefe waren die leidenschaftlichsten Liebesergiisse und aufierdem 
fuhrte ich ein Tagebuch, in dem ich j e d e n Abend in unendlichen 
Variationen niederschrieb, ob sie lieb gewesen, oder mich gequalt 
hatte, wie siiB sie wieder ausgesehen una wie ich sie liebte. Leider 
babe ich das Tagebuch spater verbrannt, es ware mir interessant, 
es jetzt wieder zu lesen, da ich es doch in einem Zustand ge- 
schrieben habe, der weit vom klaren Bewufitsein meiner Veranla^ung 
entfernfc war, sozusagen in einem Zustand der „Tumbheit". Ubrigens 
war unser Verhaltnis, das nie ein Verhaltnis wurde, durchaus nicht 
ausschlieBlich sinnlich, im Gegenteil ich liebte sie mit meinem panzen 
Herzen, hielt sie fiir die Erganzung meiner Natur und wiinschte "nichts 
sehnlicher als fiir das ganze Leben mit ihr vereint zu bleiben. Ich 
flehte sic an, nicht zu heiraten, sondern immer nur mir zu gehoren. 
Sie versprach das auch, hat es aber leider nicht gehalten. Sie 
ist der bestc Beweis dafiir, daB die eigentliche Natur des Menschen 
sich alien Einfliissen zum Trotz doch Bahn bricht, und daB kein 
Meusch dauernd homosexuell wird, der es nicht von Natur ist. Ich 
hatte seinerzeit einen so starken EinfluB iiber sie, daB sie a 1 1 e 
meine Ansichten bedingungslos annahm, sie war nur noch mein Echo, 
was ich fiir vollkommene tJbereinstimmung hielt, sie bildete sich ein, 
gleich mir die Manner zu hassen, nie einen Mann lieben zu konnen, 
meine Gefiihle ganz zu erwidem. Das dauerte ja nun wirklich mehrere 
Jahre und sie fiihlte tatsachlich nicht nur Freundschaft fiir mich: 
der Unterschied war aber, daB ich sie als W e i b liebte, sie in mir 
aber, ihr und mir unbewuBt, den M a n n I Sie hatte verschiedene 
Heiratsantrage ausgeschlagen, so stand sie in meinem Bann. Das 
dauerte so lange, wie sie unter meinem unmittelbaren EinfluB war, 
dann verlegte meine Mutter ihren Wohnsitz nach Miinchen und von 
dem Augenblick an, wo wir getrennt wurden, lieB mein EinfluB 
nach. Jetzt ist sie eine sehr gliicklich verheiratete Frau, ^ch stehe 
in keiner Verbindung mehr mit ihr, da ich es nicht verwinden kann, 
dieses siiBe Geschopf, das mir so unendlich lieb und teuer war, an 
einen Mann verloren zu haben." 

Ein homosexuelles Bauernmadchen schreibt mir: 

„ Man wollte mir das Stricken eines Strumpfes beibringen, aber 

obne Erfolg — denn ich warf den Strumpf beiseite und rannte hinter 
dem Knecht her, um mitfahren zu konnen und die Leine fiihren zu 
diirfen, oder in den Kuhstall. Es war vergebens, mich fiir weibliche 
Arbeiten zu interessieren, und noch heute bore ich die traurige 
Stimme, mit der meine Xante oft sagte: „Was soil aus dir werden, 
wenn das deine Mutter selig wiiBte !" Oder ich bestieg ein Brett und 
fuhr den FluB entlang und deuchte mir ein Kapitan, der sein Schiff 
durch Sturm und Wetter in den sicheren Hafen fiihrt, imd neben 
mir in meiner Phantasie stand dann mein Weib ; ich sah ihren be- 
wundernden Blick iiber meine mannliche Kraft -und Energie. Ich ging 
gern in Mannerstiefeln, sogenannten Stulpenstiefeln ; je schwerer sie 
waren, je mehr imponierten sie mir; ich half auch gern bcim Dreschen, 
sogar beim Mistauf- und -abladen, was mir sehr streng verboten war ; 
ich tat es aber heimlich doch. Mein Onkel nannte mich immer 
„Dicker** und zum Arger meiner Xante lieB er mich oft allein mit Pferd 
und Wagen fahren, mit der AuBerung, daB ich dies besser konne als die 
Knechte. Fiir Peitschen- hatte ich eine groBe Vorliebe, ebenso wie 
noch heute fiir Spazierstocke. Heimlich nahm ich oft aus der Ecke 
meines Onkels derben Knotenstock und ging dabei mit einem unsag- 
baren, gliicklichen Gefiihl, mich dabei als Mann fiihlend, heimlich 
iiber die Felder, tiichtig ausschreitond. Hatto ich Gelegenhoit, mit einer 
Freundin allein in einem Wald zu soin, so erfiillte mich der Gedanke 
mit einem stolzen Empfinden, wenn sie angstlich war, mich als ihren 



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Beschutzer zu fuhlen, und ich war gliicklich, wenn sie es empfand 
und meinen Mut lobte. 

Bestimmend fur mein Leben wurde foleende Begebenheit, die 
ich heute noch nach Jahren nicht iiberwinden Kann : Als ich 19 Jahre 
zahlte, lernte ich ein Madchen von 16 Jahren kennen. Sie war sehr 
gut erzogen, ihr ;Vater war Lehrer im Dorf. Sie war ein Gretchen 
mit bis an die Erde reichenden Zopfen von echt madchenhafter Lieb- 
lichkeit. Ich empfand zum erstenmal eine echte groi3e Leidenschaft. 
Wo es sein konnte, zeigte ich mich galant und aufmorksam. Ich 
brachte ihr kleine Geschenke und hungerte, um sie bezahlen zu konnen. 
Ich war gliicklich, bot sich mir die Gelegenheit, ihr Aufmerksamkeiten 
zu erweisen, ihr Jackett oder ihren Schirm tragen zu diirfen. Die Liebe 
zu ihr erfiillte mein ganzes Sinnen, und ich war ihr auch nicht gleich- 
giiltig. Sie litt es, daB ich sie kiifite, sie mein Lieb nannte, und ich 
schenkte ihr einen Ring mit der Inschrift: „Sei treul" Sie schrieb 
mir einen Brief, daB sie jetzt immer Liebeslieder singe und schenkte 
mir auch einen Ring. Wir lebten eine selige Zeit — es war die schonste 
meines Lebens. — Da eines Tages kam sie traurig zu mir und erzahlte, 
daB ihre Eltern ihr den Verkehr mit mir untersagt hatten. Jedenfalls 
hatte man einen meiner Briefe gefunden, und was wir noch nicht 
wuBten, das ahnten die Eltern. Als gut erzogener Mensch wollte ich 
den Wunsch ihrer Eltern respektieren, wenn ich auch wuBte, daB ich 
es nicht ertragen wiirde ; aber sie wollte nicht von mir lassen. So 
trafen wir uns heimlich. Unsere Liebe wurde in dieser Zeit gliihen- 
der — ich wurde mannlicher und mein Verstand scharfer. Eines Tages 
hatten wir eine Eifersuchtsszene, es kam zu einer Aussprache ; dann 
kamen die inhaltsschweren Worte: „Du willst, daB ich dich liebe, 
wic ich nur einen Mann lieben kann, aber du bist doch gar keiner." 
Diese Worte trafen mich wie Keulenhiebe — und ich sank vernichtet 
in mich zusammen. Als ich ihr die Hande zum Abschied reichte, 
hielt sie mich zuriick, — ich riB mich aber los, schloB mich ein, 
zertrat den Ring und warf ihn ihr am nachsten Tag vor die FiiBe. 
Ich war kein Mann — ein Mann muBte ich sein, damit sie mich lieben 
konnte ! In mein Gehirn und in meine Gedanken kam keine Ruhe 
mehr — warum war ich kein Mann?" 

Auch der folgende Bericht uber das erste Erwachen seiner 

Liebe — er rlihrt von einem Studenten her, der sich noch nie 

sexuell betatigt hat — bestatigt den Satz, daB sich der homo- 

sexuelle Trieb wohl in seiner Richtung, nicht aber in seiner 

Naturwiichsigkeit von der normalsexuellen Liebe unter- 

scheidet : 

„Ich bin in Berlin aufgewachsen, habe mit vielen gleichaltrigen 
Kameraden eine offentliche Schxile besucht, bin sogar in einer Pension 
gewesen, wo es sicher .nicht sehr zart herging, und habe mir trotz- 
dem gerade in sexueller Beziehung merkwiirdig lange meine Kindlich- 
keit bewahrt. Ich habe nie wie andere Kinder Vergniigen daran ge- 
funden, dariiber zu reden und zu griibeln, „woher die Kinder kom- 
men," ich hatte sogar eine merkwiirdige Scheu, deren Ursachen mir 
ietzt noch unerklarlich sind, iiber solche Dinge reden zu horen. So 
gait ich noch mit 15 Jahren, und zwar mit Recht, unter meinen 
Kameraden fiir „unschuldig" ; an den Klapperstorch glaubte ich ja 
gerade nicht mehr, aber ich hatte keine Ahnung von dem Wesen 
des Unterschieds der Geschlechter und von irgendwelchen sexuellen 
Beziehungen. Natiirlich verstand ich auch nichts von den bekannten 
Witzen, die iiber dieses Thema gemacht wurden, was am meisten 
dazu beitrug, den Ruf meiner „Unschuld" zu verbreiten. In dieser 
Zeit, ich war 17 Jahre, faBte ich eine eigenartige Zuneigung zu einem 



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56 

meiner Mitschiiler, dem Primus der K^asse. Es war so herrlich schon, 
sich vorzustellen, wenn wir beide so recht sehr befreundet waren, 
immer zusammen sein konnten, die Schularbeiten gemeinsam machton 
und uns nie zu trennen brauchten. Und wenn ich dann abends inj 
Bett lag, malte ich mir alle moglichen Ereignisse aus, die eintreten 
miiBten, damit wir recht eng befreundet werden konnten ; da konnte 
doch z. B. sein Haus abbrennen, und dann wiirde er keine Wohnung 
haben, und ich wiirde ihn auffordern, bei uns zu wohnen ; und dann 
wiirde er sogar bei mir im Bett schlafen, so dafl ich ihn sorecht 
fest umarmen und an mich driicken konnte, um ihm zu zeigen, 
wie lieb ich ihn habe. 

Wohlgemerkt, diese Gedanken kamen mir und erfiillten mich mit 
gi'ofiter Seligkeit, ohne daB ich eine Ahnung von den sexuellen Be- 
ziehungen der Geschlechter hatte. Mein Gemiit war vollstandig rein 
und unverdorben durch unsaubere und schmutzige Geschichton, wie 
sie andero GroBstadtkinder oft allzu friih zu horen bekommen. Und 
dennocii kamen mir diese „unsittlichen, unzdchtigen" VorsteUungen *? 
Ncin, es lag nicht das geringste Unsittliche in diesen Gedanken, und 
diese Tatsachen, die ich an mir selbst erlebt habe, die ich gefiihlt und 
gedacht habe mit meinem 'innersten Herzen, sind mir der sicherste 
und unumstoBlichste Beweis dafiir, daB in der Homosexualitat an sich 
keine Spui- von dem enthalten ist, was Unwissenheit und* Unkenntnis 
hineinlegen wollen. Es sei denn, daB man das Geschlechtliche iiber- ■ 
haupt als etwas Unsittliches ansieht, daB man die natiirliche Welt- 
ordnung anzutasten versucht, indem man das Heiligste im Menschen- 
leben in den Schmutz zieht, dann kann man die gleichgeschlechtliche 
Liebe gleich mit verdammen. — Jetzt weiB ich, daB das, was sich 
damals abspielte, nichts anderes war, als das erste Erwachen der 
Liebe, in emem noch kindlichen Gemiite, das nicht wuBte, was in 
ihin vorging, und doch von dieser neuen Herrlichkeit ganzlich er- 
fiillt wai". 

Und wie hier beim ersten Male der Gegenstand meiner Liebe 
ein mannliches Wesen war, so ist es bei mir bisher geblieben. Wenn 
andere „normale" Manner auf der StraBe ein hiibsches Madchen sehen, 
so blickeu sie sich unwillkiirlich danach um ; mir ergeht es ge- 
nau so mit schonen Jiinglingen, denen ich ebenso 
nachsehe. Trete ich in eine Gesellschaft, komme ich auf einen 
Ball usw., so geschieht es oft, daB mir ganz unbewuBt einer der 
jung-eu Leute, die ich nicht kenne, auffallt, und ich ertappe mich 
nachher dabei, daB ich fortwahrend darauf geachtet 
habe, was der Betreffende tut, mit wem er tanzt usw. usw. 

Jene erste Liebe wurde nach einiger Zeit abgelost durch eine 

andere grofiere Leidenschaft, die mich zu einem anderen Mitschiiler 

ergriff, der zwar ein ganzes Jahr alter war als ich, aber in einer 

tieferen Klasse saB. Ich kann mich darauf besinnen, wie ganz all- 

mahlich die ersten Zeichen dieser Liebe bei mir auftauchten, wie ich 

jede mogliche Gelegenheit benutzte, mit ihm zusammen zu sein; auf 

dem Schulhofe, auf der StraBe, bei den Turnspielen u. s. a. Und dabei 

war es noch besonders schwierig, diesen Verkehr reger werden zu 

la^sen ; nicht nur, daB er in einer anderen Klasse war, sondern es 

gab auch eigentlich gar keine gemeinsamen Interessen zwischen uns, 

wir batten keine gemeinsamen Freunde, und er war gerade im Kreise 

meiner nachsten Freunde besonders unbeliebt. Um so auffalliger 

muDte es sein, wenn ich mich mit ihm naher befreundete, und icb 

suchte die verschiedensten Vorwande, diese Annaherung zu erklaren, 

nicht nur vor anderen, sondern besonders vor mir selbst, der ich noch 

imnier nicht ahnte, was in mir vorging. Aber gerade in dieser Zeit, 

icii V7 SkT 18 Jahre, ging mir schlieBlich doch das Licht iiber die 

wahre Uedeutung der Sache auf, in dieser Zeit, wo ich den Moment 

abpaBte, ^m ihm „zufallig" zu begegnen, und an nichts anderes dachte 



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56 

als ail ihn. Ja, ich wuBte bald, daB ich ihn wirklich und regelrecht 
liebt^, aber es ihm zu sagen, dazu hatte ich nicht den Mut, ja, 
ich gab mir lange sogar noch Miihe, es ihn nicht merken zu lassen. 
Am Ende wurde aber das Gefiihl, das mich zu ihm hinzog, so iiber- 
machtig, und ich wurde der Heuchelei vor ihm und mir selbst so 
miide, oaB ich ihm eines Abends, als wir in seinem Zimmer zusammcD 
arbeiteten, um den Hals fiel, ihn mit Kiissen iiberschiittete, imd ihm 
alles beichtete. Er nahm diesen Ausbruch etwas verwundert, aber 
doch ganz ruhig hin, ohne zunachst zu begreifen, um was es sicb 
eigentlich handelte. 

Die nun folgenden Wochen waren die schonsten meines Lebens: 
fast jeden Abend waren wir zusammen, ich half ihm bei alien seinen 
Schularbeiten, und wenn wir damit fertig waren, safien wir eng anein- 
ander jgeschmiegt und sprachen uber alles und nichts. Doch es 
waren ISider nur wenige Wochen ; denn genau zu derselben Zeit stellte 
sich auch bei meinem K. die Liebe ein — aber nicht zu mir, sondem 
zu einem kleinen Madchen. Und wenn ich jetzt nachmittags zu ihm 
kam, dann hatte er mir von nichts anderem zu erzahlen, als von 
i h r , und auf dem Schulwege sprach er mit mir von i h r , und abends 
ging ich mit ihm dahin, wo er s i e tref fen wollte, wartete mit ihm, 
bis sie kam, sprach ein paar Worte mit ihr, und verabschiedete mich 
dann, um die beiden allein zu lassen — ich war ja uberfliissig. Es 
floB wohl auch ein Teil meiner Liebe zu K. auf seine Freimdin 
uber, da sie es ja war, die ihn gliicklich machte. Aber das Herz 
blutete mir doch, wenn er mir seine Tagebiicher gab, in denen nur 
von ihr stand, was sie tat und sagte und dachte, und ich kaum mit 
einem Worte erwahnt wurde. Am meisten jedoch schmerzte mich. 
daB er sich energisch weigerte, meine Kiisse imd Zartlichkeiten weiter 
zu dulden, denn gerade weil ich ihm klar gemacht hatte, dafi meine 
Empfindungen zu ihm wahre Liebe seien und ich ihn mit alien 
Mitteln, die mir zu Gebote standen, iiberzeugt hatte, daB meine Liebe 
zu ihm etwas Berechtigtes sei, wie die zwischen Mann und Weib, ge- 
rade darum behauptete er, ihr untreu zu werden, wenn er sich noch 
ferner von mir kiissen lieBe. „Freunde konnen wir ja bleiben," 
sagte er, „denn ich habe dich ganz gem, aber nicht anders wie andere 
Freunde wollen wir sein." 

Und so blieben wir Freunde noch zwei Jahro lang, und ich 
schmeichle mir, einen recht guten EinfluB auf ihn ausgeiibt zu haben; 
nicht nur, daB ich ihm bei seinen Arbeiten half, sondem ich ver- 
suchte auch, ihm etwas hohere Interessen beizubringen, aJs er sie 
leider besaB, ihn zu veranlassen, sich auch mit wissenschaftlichen, 
politischen usw. Fragen zu beschaftigen, auf die ihn die Erziehung, 
die er gehabt hatte, das Milieu, in dem er lebte, und seine eigene 
Interesselosigkeit bisher nicht hingewiesen hatten. Meine Liebe zu 
ihm blieb lange Zeit mit unverminderter Starke bestehen, und noch 
heuto bin ich von dieser Leidenschaft nicht ganz geheilt. 

Im Laufe dieser Jahre wurde mir meine Veranla^ung auch nach 
der negativen Seite hin klar. Als meine Mitschiiler anfingen, von 
ihren Liebsten zu erzahlen, deren Namen in die Schulbanke einzu- 
kratzen, bei jeder Gelegenheif- ihnen Ansichtskarten zu schreiben, 
dachte ich anfangs, besondert, da ich immer einer der Jungsten 
in der Klasse war, das wiirde mit der Zeit bei mir auch noch kommen. 
Dabei ahnte ich nicht, daC die Zuneigung zu meinem K. nichts anderes 
als wirkliche, wahrhaftige Liebe war, starker vielleicht und tiefer, 
ais sie die meisten anderen zu ihren Madels empfanden. Erst durcli 
Analogien, die mir auffielen, kam mir eine Ahnung des wahren Sach.- 
verhalts. Wie jeder richtig Verliebte ging ich taglich, so oft wie 
moglich, und wenn es die groBten Umwege kostete, an seinem Hause 
vorbei und war gliicklich, wenn er einmal am Fenster stand. So 
dammerte es 'u mir auf, und einmal aufmerksam geworden, unwil3- 



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67 

kiiiiicL weitere Anhaltspunkte suchend, kam ich bald zur GewiBheit 
uber micb. Ich entsinne mich z. B. nocb genau, welch tiefen Ein- 
druck es auf mich machte, als meine Mutter einmal scherzend zu 
mil* sagte: „Paul, Paul, wer immer so allein spazieren geht, der ist 
verliebt ;*' ich hatte ja tatsachlich meinen Bruder nur darum nicht 
mitnehmen wollen, um, wenn ich i h n treffen soUte, allein mit ihm 
zu sein." 

Deutlich tritt in diesen Wiedergaben homosexueller Empfin- 
dungen eines der untriiglichsten Zeiehen echter Liebe: die 
Eifersucht zutage. Die mannlichen und weiblichen Homo- 
sexuellen sind diesem unlustbetonten Affekte genau so wie die 
Heterosexuellen unterworfen. In vielen Fallen erstrecken sich 
die eifersuchtigen Regungen nur auf Mitbewerber, die d e m - 
8 e lb en Geschlecht wie die Liebenden angehoren, also auf 
andere Homosexuelle, in sehr vielen Fallen sind homosexuelle 
Frauen aber auf heterosexuelle Manner, homosexuelle Manner 
auf Frauen eiferstichtig. 

Zwei Beispiele fiir viele. Eine Homosexuelle erteilt mir folgende 
Auskunft : 

„Icli bin jetzt seit mehreren Jahren mit einer Frau sozusagen 
„verheiratet**. Sie liebt nichts auf der Welt als mich und ich liebe 
sie von Herzen wieder, bin ihr aber schon oft untreu geworden, wes- 
wegen es schon oft zum Bruch gekommen ist, doch konnen wir aui 
die Dauer nicht voneinander lassen und ich fiihle mich genau so ge- 
bunden, als wenn ich staatlich oder kirchlich mit ihr getraut ware. 
Ich wiirde mich unter keinen Umstiinden berechtigt fiihlen, sie 
zu verlassen, selbst dann nicht, wenn ich eine andere Frau mehr 
liebte als sie. Das einzige was uns trenncn konnte, ware eine Un- 
treue ihrerseits, denn ich verlange aljsolute Treue und konnte 
eine Untreue n i e m a 1 s verzeihen. 

Das mag seltsam erscheinen, ist aber wohlbogriindet. Sie ist eine 
Frau, die nicht ausschliefilich mit den S i n n e n untreu werden konnte, 
ihr H e r z ware mitbeteiligt, sie ware mir also viel untreu er, als 
ich es ihr in den weitaus meisten Fallen bin. AuBerdem verlange ich 
von der Frau, der ich mich fiirs Leben verbinde, daB ich „Allein- 
herrscher aller ReuBen" bin, wenn ich mit jemand t e i 1 e n solJ, so 
danke ich bestens. Sie ist alter als ich, ich bin nicht nur ihre 
einzige, sondern audi ihre e r s t e Liebe, sonst hatte ein Biindnis 
fiirs Leben fiir mich auch nicht in Frage kommen konnen ; eine .,Ver- 
gangenheit", den Gedanken, daO dieselhen Gefiihle und Liebesbezeu- 
gungen vor mir schon jemand anders empfan«:en hatte, konnte ich 
nicht ertragen. „Meine Frau," wie ich sie oft ncnne, ist mir ein 
sexuelles Ratsel. Sie ist ca. 30 Jahre alt geworden, ohne sich jcmals 
verliebt zu haben, w e d e r in einen Mann noch in eine Frau. Sie 
hat zum SpaB mit Mannern kokettiert, um sich nachher iiber sie lustig 
zu machen. Dann lernte sie mich kcnnen, und ich verliebto micli 
in sie, glaubte aber, daB es lediglich eine Episode wie andere blcibcn 
wiirde. Sie aber faBte eine heiue tiefe Liebe zu mir, und licC mich 
nioht wieder los ; auch seitdem hat sie sich nie fiir einen anderen 
Menschen interessiert. Zum tragischen Bruch zwischen uns kam es 
wegen einer schonen Frau, in die ich mich so abgottisch verliebte, 
daB ich glaubte, das Leben ohne ihre rJofjenliebe nicht ertragen zu 
konnen. Sie konnte sie mir niclit scheuken, da sie ,, normal" ver- 
aplagt ist. Ich machte einon Selbstmordversuch, an dcm iibrigens 
ein durch Uberarbeitung und Nikotinvergiftung zerriittotes Nerven- 



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68 

system wohl im Grunde die Hauptschuld trug. Zum Gliick miBlang 
er, da ich aus anatomischer Unkenntnis fehlerhaft schofi. Heute 
begreifo ich nicht mehr, wie ich mich so hinreiBen lassen konnte, 
und gabe viel danim, wenn ich diesen Dummeiijungenstreich un- 
geschehen machen konnte. Jene schone Frau ist mir aber immer nocb 
gefahrlich und ich vermeide sie soviel ich kann." 

Ein homosexueller Arbeiter F., den ich vor dem Schoffengericht 
in Neukolln zu begutachten hatte, gibt das folgende anschauliche Bild 
seiner Eifersuchtsregxingen. Er war wegen tatlicher Beleidigung an- 
geklagt, weil er einen Lehrling, den er von der Werkstatt heimbeglei- 
tete, auf der Treppe gekiifit hatte. Eine Hausbewohnerin hatte den 
Vorgang gesehen und inn dem Vormund des Jungen gemeldet, der dar- 
aufhin Strafantrag wegen Beleidigung stellte. In F.'s schlichter Lebens- 
beschreibung lautet eine Stelle: 

„Nicht lange darauf sollte mir ein herrlicher Freund erstehen, 
fiir den ich mir eine Kugel durch die Brust ^geschossen habe, so un- 
aussprechlich habe ich ihn geliebt, leider traf sie mich nicht tod- 
lich. Acht Jahre in treuer Liebe war ich mit ihm verbunden. Wir 
lebten wie Mann und Frau. Wie unzahlige Male sagte er nicht zu 
mir, wenn wir uns beide selig umarmt hielten: Max, mache was du 
wilist mit mir; ^ch glaube, er ware fiir mich gestorben, so wie ich 
fiir ihn. Als Lehrling lemte ich ihn kennen und zwar in einer 
Druckerei, wo ich auch annahernd sieben Jahre beschaftigt war. 
Sein freundliches Wesen und sein siiBes Gesicht zogen mich mit solcher 
Gewalt zu ihm hin, daB ich mich nicht halten konnte, und ihm sagte, 
daB ich ihn so sehr gem habe ; darauf sagte er mir : „Das ist so wie 
ein Liebesgestandnis, und er gestand mir, daC er mich auch gen) 
hat. Er gab sich mir ganz hin, wie er war, mit Leib und Seele, 
wir hatten uns beide gesucht und gefunden. Er fiihrte mich bei 
seinen Eltern und Geschwistern ein, wo ich sehr gern gesehen wurde ; 
es hatte niemand etwas dagegen, dafi ich mit meinem einzigen Lieb- 
ling verkehrte, es nahm niemand Anstofi, daB ich alter war als er. 
Und ich war so gliicklich, endlich ein Wesen gefunden zu haben. 
Mit Madchen hatte er sich die ganzen Jahre nicht abgegeben. Icb 
sagte ihm immer wieder, ich lasse nicht mehr von dir, eher lasse 
ich mich in Stiicke reiBen, ich kann ohne dich nicht mehr leben, 
so liebe ich dich. Aber mit einem Male geschah es, ich konnte da- 
gegen kampfen, wie ich wollte, alles umsonst, er war verloren fiir 
mich, fiir immer. Es zog ihn plotzlich mit machtiger Gewalt zum 
weiblichen Geschlecht hin und gleich dermaBen, daB er sich von einer 
Liebschaft in die andere stiirzte, bis die eine kam, die mir mein 
einziges Gliick, was ich auf der Welt hatte, meinen einzigen Lieb- 
ling raubte. Ich haBte dieses Madchen und basse sie auch jetzt noch, 
wo sie schon mehrere Monate mit ihm verheiratet ist. Dieser Schick- 
salsschlag traf mich damals so tief, daB ich glaubte, ihn niemals tiber- 
winden zu konnen. So ging ich, um meinem traurigen Dasein ein 
gewaltsames Ende zu machen, in den Grunewald, nahe dem Selbst- 
morderfriedhof, wo ich mir nach tagelangem Herumirren eine Kugel 
durcli die Brust schoB. Der SchuB hatte leider das Herz nicht ge- 
troffen, er ging durch die Brust und kam hinten am Riicken wieder 
heraus. Dann lag ich 7 Wochen schwer verletzt im Krankenhaus. 
Von da aus kam ich noch 6 Wochen in eine Heilstatte. Und er, 
um den ich hatte sterben wollen, zeigte sich wieder als treuer Freund- 
Er besuchte mich standig; noch einmal war ich selig, wie in vfer- 
gangenen Zeiten. Dann zog ihn das ewig Weibliche doch zu sehr 
an, und er heiratete. Ich wiinsche ihm alles Gute, ich werde ihn 
nie vergessen. Meine einzige Sehnsucht ist Sterben." 

Wie in diesem Falle sind alle moglichen Affekthand- 

luiig en infolge unglticklicher Liebe bei Homosexuellen haufig 



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59 

vorgekomlneii nnd beobachtet worden: Morde, Selbstmorde, die 
mit den im zweiten Teil unter den ,,Folgen der Verfolgung** 
Homosexueller zu besprechenden Selbsttotungen nichts zu tun 
haben, Doppelselbstmorde und Morde mit Selbstmorden. Diese 
Gewalttaten sprechen sehr viel flir die Echtheit und Starke 
des seelischen Affekts, denn wenn es sich nur um ^ie Ausf lihrung 
eines Geschlechtsakts, um eine „Kaliberfrage'* handeln wiirde, 
wie einmal ein Autor in einer durch Sachkenntnis ungetriibten 
Erorterung des Problems meinte, wtirden schwerlich von Homo- 
sexuellen aus unglticklicher Liebe so furchtbare, folgenschwere 
Delikte begangen werden. 

Ein solcher Mord aus Eifersucht war es gewesen, der im vorigen 
Jahrhundert die wissenschaftliche Behandlung des homosexuellen Pro- 
blems inangurierte, indem er Heinrich HoBli in Glarus zur Ab- 
fassung seines „Eros" Anlafi bot. Am 30. September 1817 war zu 
Aarwangen in der Schweiz durch Schwert und Rad sein Landsmann, 
der 323ahrige Doktor der Rechte Franz Desgouttes hingerichtet 
word«en. Desgouttes hatte am 29. Juli desselben Jahres den 
22 jabrigen Daniel Hemmeler ermordet, der seit mebreren Jahren 
in seiner Schreibstube beschaftigt war, um den Advokatenberuf zu 
erlernen. MaBloser Schmerz iiber die Gleichgiiltigkeit des von ihm 
iiber alles geliebten Freundes, die furchtbare Angst ihn zu verlieren, 
Eifersucht auf Viktoria Dennler, bei der er trotz aller Be- 
schworungen und Vorstellungen immer wieder „nocturnirte" (wie es 
in seinem Tagebuche heiflt), hatten ihm den Mordstahl in die Hand 
gedriickt. 

In dem Tagebuch Desgouttes, das Prof. K a r s c h *) vor 

einigen Jahren im Bemer Staatsarchiv bei den ProzeBakten ausfindig 

macnte, spiegeln sich die Eifersuchtsqualen wieder, die der Ungliick- 

liche um den Geliebten litt. Wir geben einige Proben aus diesen 

ps3''choIogisch bemerkenswerten Aufzeichnungen, die sich fast aus- 

schlie£]ich mit der Person des Freundes besohaftigen, wieder. Etwa 

ein halbes Jahr vor der Katastrophe heifit es: Wenn ich ihn be- 

trachte, seitdem der unselige Geschlechtstrieb in ihm erwacht ist, 

so muB ich diesen verwiinschen ; denn mioh vergiBt er und denkt nur 

an das Vergniigen, Ball, Madchen und Wein ohne doch ein Saufer oder 

Wustling zu sein. Bedenke ich meine traurigen Umstande, meine ent- 

setzliche Lage und den Undank des Daniel, so nimmt's mich Wunder, 

daJS nicht die voUste Verzweifelung mich ergreift. Doch Glauben an 

Gott, Philosophie, Hoffnung — — das halt mich emporl" 

Kurze Zeit darauf findet sich folgende Auf zeichnung : Ach, guter 
Daniel, hab' ich auch gegen dich gefehlt, so verzeihe; denn dein kalt 
verwerfendes Wesen konnte mich verzweifeln machen. 

Und am Neuiahrstage : „Warum fehlte da Daniel? Warum betrug 
er sicli schon am Morgen kalt? Warum blieb er aus, da er doch wuBte, 
wie seiiT ich daran hing, ihn auch am Abendessen bei mir zu sehen? 
Waram mnfite ich selbst ihn holen? O, das war fiir mich ein Todes- 
stich ! Ich sah nun, daB er mich gar nicht, andere iiber alles liebt. 
O Gott, welch marternde, verzweifelnde Empfindungl Dies betaubte 



4) VgL im iibrigen iiber Desgouttes vor alien: Quellenmaterial 
zur Bettrteilung angeblicher und wirklicher Uranier. Zusammengestellt 
von F- K a r 8 c h , Dr. phil., Privatdozent in Berlin. 5. Franz Des- 
eouttes C^'^^^ — 1817). In „Jahrbuch fiir sex. Zwischenstufen", 5. Jahr- 
|ang Bd. I P- 657 ff. 



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60 

mich furchterlich, brachte mich halb zur Wut. Ach, die grimmige 
Empfindung folgte mir nach. Ich trank immer mehr iind mehr." 

Im Beginn des Monats, an dessen Ende es zu der schrecklichen 
Katastrophe kommt, schreibt der ungliickselige Advokat: 

„ Daniel Hemmeler nokturniert bei Viktoria Dennler, wie auch 
ecbon am 3. Juli. — 6. Juli: Einsam sitz ich hier, kein Daniel, der 
mich trostet, mich aufrecht halt und mir beisteht, wenn schwache, 
melancholische Stunden mich umdiistern. Welch* ein MenschI Wo 
ist, wo bleibt die Freundschaft, die er so hoch preist? Wo sein inniges 
hohes Gefuhl fiir mich? Wo sind die seligen Zeiten, da er nur in 
mir und durch mich lebte? Wo die Verhaltnisse, die ihn allein an mich 

banden? Wo die Reize, die er einzig in meinem Umgange fand? 

Ach, von allem dem ist nichts mehr vorhanden, als das traurige An- 
denken, das mir nur schmerzhafte Erinnerungen gibt. Und nun, was 
ist zu tun?" 

Und am 26. Juli, 4 Tage vor der Untat: „Daniel, — ich rufe wie 
einst Gott unser Herr: Saul, Saul, was verfolgest du mich?" Uber 
den Mord selbst nach K a r s c h folgendes : 

„Nach festem Schlafe wachte Desgouttes in der Morgen- 
dammerung gegen 3 Uhr mit wehmutigen Empfindungen auf, erhob 
sich, ergriff eine kleine Flasche Likor, die auf dem Ofen stand, und 
trank in Hast da von; da fuhr ihm der Gedanke durch den Kopf: 
„Wie, wenn du ihn jetzt totetest?" Und dann wieder: „Wenn du seiner 
vorher noch genieBen wiirdest?" So stand er im bloBen Hemde in 
seinem Schlafzimmer am Ofen. Schnell trank er, wie um sich Mut 
zu holen, die Flasche fast bis auf den Grund leer und geriet, ein zum 
Morde geeignetes Instrument suchend und ein Taschentuch ergreifend, 
in entsetzliche Wildheit. Er ergriff ein frisch geschliffenes Messer; 
dieses in der rechten Hand hStend, stiirzte er in Hemmelers 
Schlafzimmer. Hier lag der Schutzlose mit unbedeckter Brust auf 
dem Rdcken im Bett, seine linke Seite dem Trunkenen zugewendet. 
Dieser suchte mit der linken Hand die Herzgegend und versetzte ihm 
mit dem Messer einen Stich dahin. Mit der Frage: „Was soil das?" 
flchlug Hemmeler die Augen auf, schrie zweimal laut und warf 
sterbend einen wehmiitigen Blick auf seinen ungliicklichen Morder. 
Die groBe Menge des aus der Wunde des Verblutenden hervorspru- 
delnden warmen Blutes versetzte den verstorten Morder in Schrecken 
und Grausen und er rannte in sein Zimmer, von wirren Gefuhlen be- 
stui-mt; so war ihm noch nie gewesen. Auf einmal wachte, wie wenn 
dem Drama der SchluBakt fehlte, seine WoUust auf und ging schnell 
in Satyriasis iiber ; er eilte in das Zimmer des Hemmeler zuriick 
und deckte den verblutenden Korper bloB; allein der Anblick des Er- 
starrenden erfiillte ihn mit psychischem Abscheu gegen Befriedigung 
seiner Sinnenlust. Nachdem er ein Flaschchen Scheidewasser auf die 
Geschlechtsteile seines Opfers gegossen hatte, ergriff er, wie zum Ab- 
schied, des Geliebten Hand und zo^ die Decke liber den Leib des 
Sterbenden bis an den Hals ; sein Entsetzen ging in Wehmut und. 
voUiee Abspannung iiber und so driickte er dem, den er iiber alles 
gelieot hatte, die Augen zu. Dann packte ihn die Angst vor Ent- 
deckung, die Furcht vor der Schande, welche er seiner Familie be- 
reitet, und er kroch auf alien Vieren durch das Mittelzimmer, dessen 
Fenster nicht verschleiert waren, in sein Schlafgemach, kleidete sicb 
an und verlieB das Haus ohne Plan und ohne klare Besinnung." 

Heinrich Zschokke widmet in seinem „Gesprach uber d.ie 
Liebe** *) Desgouttes folgenden Nachruf : „In Griechenland wajre 
er vielleicht ein groBer Kiinstler, der Weisen oder Vaterlandsheldon 
einer geworden, durch die Freundschaft der Seelen, bei uns ward er 
dadurcli Morder und die Gesetze fiihrten ihn zum Rabenstein. Sein 

*) P- 270. 



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61 

fanzes Lreben voller Widerspruch und Verirrung, sein Allesopfem fur 
en Geliebten; sein ewiges Bemiihen, diesen zum vollkommensten, 
tugendhaftesten, edelsten Mann zu bilden; sein Kampf mit sich und 
einer Leidenschaft, die ihn irre an sich selbst machte; seine An- 
strengungen Zerstreuungen zu finden; sein geflissentliches Streben, 
sich selbst mit geistigen Getranken zu betauben, seine wiederholten 
Entschlusse zum Selbstmord; endlich die Ennordung des Freundes — 
alles erklart sich aus seiner nicht anerkannten Seelenberechtigung." 
In Kiel spielte sich vor einigen Jahren eine ahnliche, allerdings 
bei weitem nicht von so tiefgehenden Folgen begleitete Eifersuchts- 
tragodie auf homosexueller Grundlage ab, deren Opfer ich spater 
selbst zu behandeln Gelegenheit hatte. Es war der ISjahrige Hand- 
lungsgehilfe H., der, als er eines Morgens in sein Geschaft gehen 
woUte, im Begriff sich von seiner Mutter zu verabschieden, aus dem 
Hinterhalt einen SchuB in die Schlafe erhielt. Er sank von der 
pugel getroffen, vor den Augen seiner Mutter zu Boden. Ein 
zweit^r SchuB folgte, und hinter dem Busch fand man einen Mann, 
welcher sich durch einen SchuB in die Schlafe entleibt hatte. Die 
sofort alarmierte Polizei lieB den noch lebenden H. in die chirurgische 
Klinik schaffen, wahrend der Fremde als Leiche ins Schauhaus ge- 
bracht wurde. Aus einem hinterlassenen Briefe, welcher von der 
Polizei beschlagnahmt wurde, ging hervor, daB es sich um einen rus- 
sischer. Baron C. v. Ch. handelte. Nach diesem hat der junge Mensch 
zweifellos zu dem Baron in homosexuellen Beziehungen gestanden. An 
einer Stelle des Briefes heiBt es u. a. : „Ich liebte ihn wahnsinnig 
und aufrichtig. Da er meine Liebe verschmahte und seine Neieung 
einem andem gonnte, ist es besser, wir beide sind nicht mehr.*^ 

Ebenfalls um einen homosexuellen Eifersuchtsmord und Selbst- 
mord handelte es sich in einem Falle, der sich am 26. September 
1910 auf dem Lido von Venedie zutrug. Dort totete ein geistig hoch- 
stehender Mann von etwa 40 Jahren, Edoardo Brazzoduro, 
Richter am Gericht der kleinen Stadt Pordenone den 23 jahrigen V e r- 
gilio Bilban, zu dem er eine „unermeBliche Liebe" gefaBt hatte. ^) 
Vergilio war ein jimger Mann von schiichternem Wesen, mit sehr 
f einen, gleichsam weiblichen Gesichtsziigen („un giovane di carattere 
timido dei lineament! finissimi e quasi femminei ). Brazzoduro 
hatte von seinen Eltem — .der Vater war ein kleiner pensionierter 
Beanater — die Erlaubnis erbeten und erhalten, ihren talentierten 
Sohii zu sich zu nehmen und fiir seine Ausbildung zu sorgen. Der 
Sohn hatto den sehnlichsten Wunsch, Musik zu studieren; da dies 
in dem kleinen Stadtchen, in dem der Richter amtierte, nicht gut 
moglicb war, wollte er nach Venedig zuriickkehren. Von heftiger Sehn- 
suciit getrieben, folgte ihm der Richter; vergebens versuchte er ihn 
zur Riickkehr zu bewegen. Der Widerstand des Jiinglings verse tzte 
ihn in groBte Erregung, die sich wiederholt in Tranenergiissen auf- 
loste. Eines Tages trat das Zimmermadchen des Speisehauses, in 
dem er wohnte, in der Annahme, daB er abwesend sei, in sein Zimmer, 
um das IBett zu machen; sie iiberraschte ihn in einem Zustande, der 
sic • erschiitterte. Er weinte und klagte mit stammelnden Worten 



«) Dr. M. Hirschfeld, Morde an Homosexuellen. (Prozesse 
gegeu Breuer, Kragujevics usw.) In „Vierteliahrsberichte des 
W.-h. Komitees", Jahrg. Ill, Heft 2. pag. 169 ff. 

Uber den Mord des Pariser Millionars Remy durch den fiinfzig- 
^rigeu Oberdiener Renard, der nach der Anklage durch die heftige 
Leidenschaft Renards zu dem Neffen Remys, mit dem er sexuell ver- 
kehrt liatte, verursacht wurde, vgl. N. Pratorius: „Homosexuelle Er- 
eignisse in Frankreich und Italien aus den Jahren 1908 und 1909" 
in den Vierteljahrsberichten des W.-h. K. Jahrg. I, Heft 2, S. 179 ff. 



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62 

und schien ganz aus dem Gleichgewicht gebracht. Das Madchen ver- 
suchte ihn zu trosten, und Brazzoduro fiihlte das Bediirfnis der 
Mitteilung. Er sagte ihr, wie er leide, well er einen jungen Mann 
nicht bei sich haben konne, den er mehr liebe als einen Sohn (che 
a^mava pid di un figliuolo). Kurze Zeit darauf, an einem Sonntag nach- 
mittag, machte er mit Vergilio einen Jagdausflug. Als mit Herein- 
brucb der Nacht beide nicht heimkehrten, wurden die Eltern unruhig, 
stellten mit Freunden Nachforschungen an und fanden schlieBlicn 
zu ihrem Entsetzen Vergilio und Brazzoduro tot am Ufer 
des Kanals. Der junge Mann hatte zwei Schiisse in der rechten Schlafe 
und am Hinterkopf, der Richter, dessen Hand noch den Revolver um- 
klammert hielt, hatte sich erst einen SchuB in die Schlafe und, als 
dieser ihn nicht totete, noch einen HerzschuB beigebracht. Die be- 
schlagnahmten Briefe lieBen keinen Zweifel, daB zwischen bsiden ein 
homosexuelles Liebesverhaltnis bestand. Wie stark die Eifersucht des 
alteren Freundes war, bewies besonders das Zeugnis des Musik- 
professors Gottfredo Giarda, welcher sich zweimal wochentlich 
zur Erteilung des Unterrichts von Venedig nach Pordenone begab. 
Brazzoduro ging eines Tages mit dem jungen Mann und seinem 
Lehrer in den StraBen von Pordenone spazieren, und Vergilio 
lieB sich auf dem Spaziergang iiber ein junges Madchen den Ausdruck 
der Bewunderung entschliipfen : „Welch' schones junges Madchen!" 
Brazzoduro wurde zornig, und sein Zorn ging so weit, daB er 
den jungen B i 1 b a n schlug. Darauf geschah es, daB Giarda dem 
Brazzoduro Vorhaltungen machte, da der junge Mann ihm sich 
bereits vorher anvertraut und allerlei Klagen und Beschwerden vorge- 
bracht hatte. „Geben Sie ihm mehr Freiheit; schlieBlich ist er ein 
junger Mann von 22 Jahren und muB das Leben kennen lernen", rief 
Prof. Giarda. Brazzoduro entgegnete : „Frei ist er, sogar in 
dem MaBe, daB die Rollen vertauscht sind, so daB ich nicht von 
Hause fortgehe, nicht einen Brief schreibe und iiberhaupt nichts 
tue, wenn er es nicht gebilligt hat." „Wenn er ein Madchen be- 
wundert, ist das doch nichts Sesonderes", meinte der andere; darauf 
Brazzoduro: „Ach was! Ich bin in mein Alter gekommen, ohne 
mich je einem Weibe genahert zu haben. Es ist nicht notig, das 
Feuer sich ausbreiten zu lassen." Brazzoduro hatte schon vor 
seiner Abreise von Pordenone dem verzweifelten Vorsatz schriftlich 
Ausdruck gegeben, er wiirde, wenn sein Vergilio nicht zuriick- 
kame, der Qual ein Ende machen. Auf seinen auigezeichneten Wunsch 
wurden die beiden Leichen in zwei benachbarten Grabern auf dem 
Kirchhof des Lido beerdigt. 

Auch F o r e n) hatte einen 19jahrigen jungen Mann zu begut- 
achten, der auf der StraBe mehrere Schiisse auf einen Freund abgab, 
welcher nichts mehr von ihm wissen wollte. Nach der Tat schoB 
er sich selbst in die Brust. Er wurde, ebenso wie der Freund, wieder- 
hergestellt. Auf F o r e 1 s Gutachten, der kontrare Sexualempfindung 
und Hysteric mit phantastischer Schwarmerei, beides auf Grundlage 
schwerer hereditarer Belastung, annahm, wurde das Strafverfahren ein- 
gestellt. 

Ein ahnliches Attentat beging in Amerika ein homosexuelles 
Weib, Alice M. Sie hatte sich leidenschaftlich in eine Frau verliebt, 
mit der sie sich zu verheiraten wiinschte. Da diese ihr widerstrebte, 
totete die junge, intelligente, in guter sozialer Lage sich befindende 
Alice M. eines Tages die Freundin auf offener StraBe durch einen 
Schnitt in den Hals. Nach dem Morde zeigte sie zwar tiefe Trauer 

■') August Forel, Zwei kriminalpsychologische Falle. Ein 
Beitrag zur Kenntnis der Cbergangszustande zwischen Verbrechen und 
Irrsinn. Separatabdruck aus der Zeitschrift fiir Schweizer Strafrecht. 
2. Jahrg., 1. Heft. Bern 1889, pag. 21. 



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63 

liber den Tod der Geliebten, aber keine Reue. Auch in diesem Falle 
nahm der Gerichtshof an, daB die Angeklagte bei Begehung der Tat 
geisleskrank gewesen sei und iiberwies sie eincr Irrenanstalt. 8) In 
dem Briefo einer Urninde an ihre Freundin heiBt es: v^^^ diirstete 
nach deinem Leib. Auf deinen Viktor war ich eifersiichtig wie der 
Rivale auf den anderen. Ich litt alle Hollenqualen der Eifersucht. 
Ich haBte diesen Menschen und hatte ihn gem getotet." 

In Wien erregte in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts 
der Fall der Fabrikarbeiterin Johanna Buchbinder Aufsehen, die „wie 
ein Mann lebte, zechte, rauchte und Allotria mit Weibern trieb", und 
die man den „schlimmen Pepi" nannte. Sie spielte sogar in sozialdemo- 
kratischen Veranstaltungen eine nicht mibedeutende RoUe, in denen sie 
durch ihre flammende Beredsamkeit die Zuhorer fortriC. Zuletzt hatte 
siij einen gemeinsamen Haushalt mit einem jungen schonen Madchen; 
audi an einem Kinde fehlte es ihnen nicht, dem natiirlichen Sohne 
ihrer Konkubine. Fines Tages kehrte der Vater dieses Kindes zuriick, 
und es kam zu stiirmischen Auseinandersetzungen, in denen erst 
Johanna Buclibinder, dann ihr Rivale das Messer zogen. Schwer ver- 
wundet wurde sie in das Inquisitenspital gebracht, wo man erst fest- 
stellte, dalj sie eine Frau war. 

Ich kenne mehrere Falle, in denen sich die Eifersucht Homo- 
sexueller sogar gegen die eigene Mutter richtete ; sie gerieten in 
heftige Erregung, wenn sie die von ihnen geliebten Personen mit 
ihren Miittern im vertraulichen Gesprache fanden. Noch groCer ist 
namentlich die Eifersucht homosexueller Frauen auf die MUtter der 
von ihnen geliebten Madchen. Mehr als ein Beispiel ist mir bekannt, 
in denen sich zwischen Mutter und Freundin die heftigsten Eifer- 
suchtsszenen abspielten. 

Tjrehoren so extreme Falle verzweiflungsvollen Verlangens, 
wie die gekennzeichneten, immerhin zu den groBen Seltenheiten, 
so zeigen sie doch zur Evidenz, daB Sehnsucht und Eifersucht 
f lir die homosexuelle Liebe ebenso symptomatisch sind wie 
ftir die heterosexuelle. Als das Geschick Biilow von Platen 
trennte, schrieb der Dichter in sein Tagebuch : ,,Ich schlang 
die Arme um einen Baum, legte meine Wange an die harte Rinde 
und weinte die bittersten, heiflesten Zahren meines Lebens." 

Allein nicht nur das ,,zu Tode betrtibt", sondern auch das 
„himmelhochjauchzend**, nicht nur die negativen, sondern auch 
die positiven. Gefuhlstone sind unabhangig von eigentlichen Ge- 
schleehtsakten sowohl an mannlichen als weiblichen Homo- 
sexuellen in groBer Fiille nachweisbar. Wie die u n g 1 ii c k - 
1 i c h e Liebe die Lebensfreudigkeit und Leistungsfahigkeit erheb- 
lich herabsetzt, so steigern sie lustbetonte Eindriicke und Erleb- 
nisse in hohem MaBe. Dieses Wachsen liber sich hinaus, das 
sowohl in der eigenen Gllicksempfindung als in dem Bestreben 
zutage tritt, den andern ,,glucklich zu machen**, tritt dem Er- 
forseher und Kenner der Homosexualitat auf Schritt und Tritt 



8) Cf. das Referat iiber: „Sim, The caste of Alice M." von 
Ct e o r g c H. R o h e in Annual universal medical sciences, edited by 
Saioua and seventy associate editors. Vol. II. 1893. Philadelphia 
D. 21. 



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64 

entgegen. Ich habe oft beobachten konnen, wie sich das Benehmen 
und Auss^hen vergramter und verbitterter Homosexueller vollig 
veranderte, wenn sie in Gesellschaft ilinen sexuell sympathischer 
Personeri weilten. Schweigsame wurden gesprachig, langsame 
beweglich, die dtisteren Mienen ii^llten sich auf, das Auge 
strahlte, das ganze Gesicht verklarte sich. Eine homosexuelle 
Dame, die viel an Prakordialangst litt — ich kenne sie seit mehr 
als zehn Jahren — , berichtet, dafl es sich wie ein Alp von 
ihrer Brnst lost, wenn sie die Stimme ihrer nicht sehr treuen, 
gleichwohl aber leidenschaftlich geliebten Freundin am Tde- 
phon hort. 

Schon Westphal hob bei der ersten von ihm 1864 in der 
Charit6 beobachteten Kontrarsexuellen hervor, wie sich ihr Gesichts- 
ausdruck veranderte, wenn sie von den Vorziigen des von ihr ge- 
liebten Madchens sprach. Besonders lebhaft, fahrt er fort, ^o) schwebt 
ihr das Bild des jungen Madchens, die seit langem an einem ent- 
fernten Ort lebt, zur Zeit der Periode, und auch in ihren Traumen vor." 
Sehr bezeichnend sind die Ausdriicke, mit denen Homosexuelle 
die subjektiven Empfindungen beschreiben, welche sie im ungeschlecht- 
licben Zusammensein mit Menschen fiihlen, die sie erotisch anziehen : 
es „durchrieselt", „durchdringt'*, „durchschauert*', „durchzuckt" ihren 
Korper ein unbekanntes Etwas, es „geht ihnen durch und durch", „e3 
iiberlauft sie so eigentumlich", „sie fiihlen sich wie elektrisiert", wie 
„gebannt", „fieberhaft erregt**, „enthusiasmiert", „ihr ganzes Wesen 
revoltiert*'. U 1 r i c h s i^) spricht von der „magnetischen Durchstro- 
mung, die der Urning in der korperlichen Beriihrung mit einem bliihen- 
den, jungen Manne empfindet und gleichsam schmeck;t", wir fiihlen, 
wie eine „nervenstarkende, wunderbare Lebenskraft" uns durchrinnt, 
und unter Berufung auf Lukian fiigt er hinzu: „Schon die geringste 
Einzelberiihrung wirkt ahnlich". Ein andrer Homosexueller bemerkt: 
„Beim Anblick meines Falles gerat mein Blut in Wallung, das Herz 
schlagt rascher und die innere Bewegung wiirgt so an der Kehle, 
daB ich kaum sprechen kann, zuerst kann ich mich auf nichts be- 
sinnen von dem, was ich vorher sagen woUte, ich bin wie gelahmr. 
und erst ganz allmahlich lost sich dieser Bann und geht iiber in 
eine intensive Lebensfreude, die auch meine intellektuellen Fahigkeiteu 
verstarkt und mich iiber das gewohnliche MaC meines Lebens hin- 
aushebt." Und eine Urninde ^2) schreibt iiber sich: „bei der fliichtig- 
sten Beriihrung von Frauen vibrierte mein ganzes Nervensystem." 
Solche AuBerungen einer im Grunde — und das ist das Beachtens- 
werte — spontanen vom Wollen unabhangigen Reizbarkeit konnte ich 
verdutzendiachen. Bei sensitiven Homosexuellen geniigen oft m i n i m e 
Reize fiir maxime Reaktionen. 

Ich kannte einen Homosexuellen, den es voUkommen befriedigte, 
wenn er sich von Jiinglingen, zu denen er gravitierte, bedienen lieB. 
Er machte mit Vorliebe Friseurliiden ausfindig, in denen blonde Ge- 
hilfen, die „seinem Fall" entsprachen, beschaftigt waren, lieB sich 



10) Archiv fiir Psychiatric und Nervenkrankheiten. Herausgegeben 
von Gudden, Leyden, Meyer und Westphal, 2. Bd. Berlin 
1870. 

pag. 80. „Die kontrare Sexualempfindung, Symptom eines neuro- 
pathischen (psychopathischen) Zustandes." Von Prof. C. Westphal. 

11) Inclusa. V, p. 36. 

12) Jahrb. f. sex. Zw. Bd. III. p. 34. 



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yon ilineh rasieren, frisieren und vor allem shamponieren. Das ener- 
gische iReiben der Kopfhaut und der Haupthaare fiihrte bei dem 
iiberempfindlichen Homosexuellen nicht selten zu einer Ejakulatiou, 
von welcher der auslosende Partner nichts geahnt haben wiirde, hatte 
der dankbare Urning es nicht fiir seine Pflicht gehalten, ihn durch 
ein Trinkgeld von mehreren Makrk zu belohnen. Ein Seitenstiick zu 
diesem Fall bildet ein Berliner Homorse"xueller, desseil Befriedjgun^ 
darin bestand, am Spandauer Schiffahrtskanal intensiv die Schiffer 
anzustarren, welche die schweren Ladungen bin und her schleppten ; 
Oder er nahm Maurer aufs Korn, die in inrer bestaiibten Arbeitstracht 
die Steine auf und ab trugen. Ihre Bewegungen, ihre Kleidung, ibr 
eigentiimliches Stohnen unter der Last versetzte ihn in eine mehr 
und mehr ,sich steigemde Erregung, auf deren Hohe er schliefllich 
hinter einem Gebiisch oder Verschlag unbemerkt masturbierte, fest den 
Blick auf die Schiffer oder Maurer geheftet, mit denen er so ganz 
ohne deren Wissen und Zutun verkehrte. Ein urnischer Gutsbesitzer 
aus Polen berichtet: ,,Die erotischen Traume zeigten mir vielfach FluB- 
landschaften mit badenden Burschen. In friiheren Jahren unternahm 
ich oft weite Wege auf der LandstraBe, indem ich hoffte, einen mir 
zusagenden Burschen vom Lande anzutreffen, von dem ich unter dem 
Vorwande, ich sei fremd, mir den Weg zeigen lieB. Das be- 
friedigte mich sexuell vollkommen." 

Wir werden noch eingehender auf die homosexuellen Be- 
ta tignngsf or men zurtickkommen, hier handelt es sich nicht 
sowohl um den Ausdruck homosexueller Empfindungen, 
als um den Eindruck, die Wesensveranderungj welche 
Personen desselben Geschlechts im Homosexuellen bewirken. 
Dieser geht nicht nur von der lebenden Person aus, sondern iiber- 
tragt aich bis zu einem gewissen Grade auch auf ktinstliche, 
und zwar nicht etwa nur ktxnstlerische Nachbildungen und 
Darstellungen des menschlichen Korpers, oft so, daU die Be- 
treffenden lange Zeit fiir ein rein asthetisches Interesse halten, 
was in Wirklichkeit bereits ein erotisches ist. 

Wenn Goethe einmal zur Erklarung der paderas-tischen 
Ueigungen Winckelmanns ausfiihrt, ,,daB die asthetische 
Bewunderung bei ihm zur sinnlichen Leidenschaft jgeworden 
ist**, so ist auch der groBe Weimaraner hier dem so haufigen 
Tmgschlusse unterlegen, in dem was Ursache ist, die Wirkung 
zu eehen. Es wird hier eben wie so oft im Liebesleben S u b - 
jektives unbewuBt objektiviert. Eher darf man annehmen, 
daB Winckelmanns urnisches Empfinden mitsprach, wenn er 
die antiken J iinglingsstatuen eines Antinous und Hermes so viel 
hoher stellte als die einer Artemis und Aphrodite. Ein urnischer 
Kammerdiener schrieb mir einmal : „In einem Palais, wo ich 
diente, streichelte ich oft ungesehen tiber die Schamgegend am 
belvederischen ApoU.** 

Die Art, wie die Homosexuellen ihre Umgebung gestalten, 
Ihat fur die Besonderheit ihrer sexuellen Eigenart und Ge- 
cschmacksrichtung oft etwas ungeinein Charakteristisches. 

Hirschfeld, HomosexualitSi. g 



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66 

Abgesehen davon, daB Zimmereinrichtung und Wandschmuck be- 
senders bei femininen Urningen oft das Zarte, Weichliche, bisweilen 
audi das Exzentrische ihrer Personlichkeit verraten, sind es die glei- 
chen, sicli haufig wiederholenden Kunstwerke, denen wir in den Woh- 
nungeu von Homosexuellen vielfeich begegnen. Zu solchen bevor- 
zugten Kunstwerken gehoren von Bildern unter anderen: der heilige 
Sebastian in den verschiedensten Darstellungen der italienischen Bliite- 
zeit, der „blue boy" von Gainsborou g h , van Dycks Knaben- 
gestalten, der Karton „Badende Soldaten" von Michelangelo, 
Tiroler Bnrschen von Defregger, und die zur Schwemme reiten- 
den Offiziere eines schwedischen Malers; von Skulpturen: der Dorn- 
zieher, der Adorant, der Hermes des Praxiteles, Michelange- 
los Jiinglings- und Mannergestalten, wie seine „Sklaven", der Speer- 
werfer des rolyklet, von neueren M e u n i e r und R o d i n s Ar- 
beitertypen und manche andere. Es ist natiirlich nicht zulassig, aus 
vereinzelten Kunstwerken dieser Art Schliisse Ziehen zu wollen; nur 
wenn sich zahlreiche Darstellungen ahnlichen Genres haufen, wenn 
man nach der intimen Art der Placierung rein dekorative Absichten 
Oder den bloBen Zweck des Sammelns von Kunstgegenstanden mog- 
lichst ausschliefien kann, gewinnt im Zusammenhang mit an- 
deren Momenten diese Erscheinung eine diagnostische Bedeutung. 

Oft finden wir auch Abbildungen zeitgenossischer Beriihmtheiten, 
wenn dieselben dem Sexualgeschmack der betreffenden Homosexuellen 
entsprechen, in auffallender Anzahl in ihre'n Wohnraumen. Viele 
sammeln Ansichtskarten, Modebilder, Illustrationen aus Zeitungen; so 
befinden sich bestimmte Titelblatter der Jugend in den Handen sehr 
vieler Homosexueller. 

Ich gebe die Schilderung eines gerontophilen Homosexuellen, der 
sich etwas ausfiihrlicher iiber diesen Punkt aufiert: „Bis zu meinem 
25. Lebensjahre fiihlte ich mich zu Mannern im Alter von 40 bis 
50 Jahren hingezogen. Je alter ich wurde, um so gleichgiiltiger wurden 
mir relativ viel unter 50 Jahren stehende Manner. Vom Jahre 
1899 an bis vor kurzer Zeit war ich in einen kiirzlich verstorbenen 
20 Jahre alteren Herrn verliebt — ich bin 44 — dessen intime Be- 
kanntschaft ich auBerst gern gemacht hatte. Wahrend einiger Jahre 
hatte ich den Stundenplan meines angebeteten Lieblings genau im 
Kopfe, so daB ich zum Zeitpunkte, wo der Mann seine Lehrstunden 
verlieB, stets ihn zu begegnen oder, wenn ich im Bureau saB, voa 
meinem Schreibpultplatze aus seiner ansichtig zu werden suchte. Der 
Mann war hoherer Gymnasiallehrer und hatte mit seinen diversen. 
Nebengeschaften ein Einkommen von ca. 10 000 Fr., so daB ihn auBere 
Elegauz von vielen seiner Kollegen, welche gemeinhin nur bis 6000 Fr. 
houoriert sind, vorteilhaft auszeichnete. Der Typus war mittelgroli, 
kraftig und mittelkorpulent (alles Magere bezw. Hagere ist mir gleich- 
giiltig) uud hatte — fiir mich eine great attraction — einen schonen 
weiBen Vollbart. Ich liebe nur Typen mit schonen regelmaBigen 
Gesichtern, am meisten jedoch solche mit weiBen Vollbarten unci 
gewisser Distinktion. Ich habe mir aus illustrierten Zeit- 
schriften eine ganze Kollektion Bildnisse sozial 
hochstehender und beriihmter alterer Manner, wie 
z. B. Konig Eduard von England, Konig Oskar von Schwe- 
d e n , Maler B o c k 1 i n , Lord Salisbury, Marquis Beresford, 
Violinvirtuose Joseph Joachim, Marquis d e V o g u 6 (alio mit 
weiBem Vollbart) usw. herausgeschnitten und, um meine 
Manie zu verheimlichen, in ein Konversationslexi- 
kon an die diese Manner betreffenden Stellen ge- 
legt. Auch habe ich diverse Bromsilberbilder be- 
riihmter antiker Skulpturen, unter denen mich das 
Bild von Ercole (von Lichas) aus dem Museo Tor- 
Ionia in Rom ganz besonders fesselt, gesammelt. 



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67 

Das einzige, was ich an diesem Bilde als Kunstwerk sowie auch aus 
dem Grunde, well ich das Nackte am liebsten sehe, zu tadeln habe, 
ist, daC das ominose Feigenblatt die Geschlechtlichkeit verhiillt, da- 
gegeu floBt mir das ebenfalls weitberuhmte Biid „L'Aretino** aus den 
Uffizien in Florenz trotz unverhiillter Geschlechtlichkeit, der gemeinen, 
zuriicktretenden Stirne, der groCen Hiinde uad FiiBe, wie auch des bart- 
losen Gesichtes wegen, einen wahren Widerwillen ein, wahrend- 
dem mir wiederum das Mannerbildnis „I1 crepusculo" 
von dem !Monumente des Lorenzo di Medici in Flo- 
renz entziickend schon erscheint. Einen solchen Korper 
mochte ich umarmen und kiissen, um dabei all meine seelische Qual 
und den ewigen Jammer, fiir den ich geboren bin, zu vergessen. Gegen- 
wartig fiihle ich mich wieder hingezogen zu einem ca. TO — 72 Jahre 
zahlenden Arzte, den ich anlaClich eines Vortrages vor einem Jahre zum 
ersten Male sah. Wie oft spazierte ich nicht schon an dessen Woh- 
nung vorbei, in der Iloffnung, denselben nur von weitem zu sehen. Be- 
gegno ich demselben, was leider erst zweimal im Stadtinnerii ge- 
schah^ so iiberkommt es mich wie ein elektrisches Fluidum, und sogar 
meine doch sonst so feste Gangart bekommt eine sonderbare Unbe- 
standigkeit mit Knickebeinattacken. Der Herr ist in meiner GroBe, 
(mittelgroB), hat distinguiertes AuCere und tragt weiBen Bart k la 
Kaiser Franz Joseph. — Fiir meine Frau, mit welcher ich nun schon 
17 Jahre verbunden bin, ohne je nur einen Versuch zu einer sinnlichen, 
gescbweige denn zu einer wirklichen ehelichen Umarmung gemacht 
zu habeu, verbindet mich nur pures Freundschafts- und Achtungs- 
gefiihl. Ich glaubte durch Verbindung mit einem reinen, weiblichen 
Wesen, welches sich durch Schonheit, Talent und hausliche Tugen- 
den in hohem Grade auszeichnet, wie dies bei meiner Gattin def Fall 
ist, allmahlich meine mir selbst unsinnig vorkommende Liebe zum 
eigenen Geschlecht zu verlieren. Nach so langer Erfahrung bin ich 
in meiner Zuversicht leider nicht nur arg enttauscht worden, sondern 
zu der Cberzeugung gelangt, daC meine Neigung bis zu dem alles er- 
losenden Tode andauern wird." 

Ein auderer, der den tiefen Eindruck hervorhebt, den ein Bild 
auf ihn machte, und zwar lange, ehe er sich iiber seine geschlecht- 
liche Triebrichtung klar war, schreibt: 

„SoweiL ich mich zuriickerinnern kann, habe ich immer so ge- 
fiihlt, d. h. ich hatte nie ein Gefiihl der sinnlichen Liebe fiir Frauen 
iibrig. Ich erinnere mich noch lebhaft an ein Erlebnis zwischen 
meinem 9. und 10. Jahre. Ich sah in irgend einer Zeitschrift 
einmal ein Bild, welches einen im Schlaf vom Feuer iiberraschten Mann 
darstellte, wie er, ein Kind im Arrae, im Hemde iiber eine Leiter sich 
aus dem brennenden Hause fliichtete. Das Bild erregte mich 
derart, daB ich es wie wahnsinnig kiiBte; ja ich ging 
sogar in der Folge ofter an einen unbelauschtenOrt, 
um es mir, mit mir bisher noch ganz unbekannten 
Gefiihlen zu betrachten." 

Und wieder ein anderer schickt in sehr charakteristischer Weise 
das Bild, das den ihn anziehenden Typus wiedergibt, mit folgenden 
Begleitworten : „Beigehend das Bild meines Falles, d. h. des Typus, 
der mich im meisten reizt. In alien meinen Traumen von Liebe 
ist der Held wie dieser von kraftvoller strotzender Mannlichkeit, mit 
treuherzigem Blick 'des Auges. Man betrachte diesen Arm, dieses 
Bein!" 

Es gibt unter den homosexuellen Mannern und Frauen sehr 
viele, die bildliche Darstellungen des von ihnen geliebten Typus 
bei sich fiihren, vor allem natiirlich 'Bilder von Personen, 
deren Originale ihnen personlieh bekannt sind oder nahe stehen. 



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68 

Brief taschen homosexueller Manner und Frauen, die keine Ab- 
bilder der ihnen anziehend erscheinenden Personen enthalten, 
geharen zu den Seltenheiten. Vor einiger Zeit hatte ich einen 
aus § 175 angeklagten Menschen zu begutachten, dessen straf- 
barer Verkehr von einem erpresserischen Wirt dureh ein in die 
Tiir gebohrtes Loch bsobachtet war. Wahrend der Verhandlung 
fielen mir seine Manschettenknopfe auf. Als ich sie naher 
betrachtete, waren es auf kleinen Porzellantafelchen angefertigte 
Photographien seines mitangeklagten Freundes. 

Besonders ftir Selbstanfertigvng von Photographien in alien 
mcglichen Stellungen besitzen viele Homosexuelle eine wahre 
Leidenschaft, bei einigen erstreckt sich diese Neigung namentlieh 
auf Herstellung von Aktphotographien ; andere begniigen sich 
init deren Besitz. Die von einigen italienischen und deutschen 
Firmen, deren Eigentlimer meist selbst homosexuell sind, an- 
gefertigten tnannlichen Akte befinden sich in tausenden Exem- 
plaren in den Handen von Homosexuellen aller Erdteile. Dabei 
ist zu bedenken, daU, so sehr der Besitz solcher KoUektionen 
fiir homosexuelle Neigungen spricht — absolut beweisend ist er 
naturiich nicht — , keineswegs durch ihn festgestellt wird, dafl 
der Inhaber sich seiner Homosexualitat bewuBt gewesen ist 
oder gar homosexuelle Akte ausgeftihrt hat. Ich hebe das hervor, 
weil wiederholt die Beschlagnahme solcher Bilder in 'liesem 
Sinnc gedeutet wurde^^). 

Andererseits kann der Besitz solcher Bilder gerade in foren- 
siscber Beziehung von differentialdiagnostischer Bedeutung sein. So 
war vor einigen Jahren ein friiherer Jockey wegen versuchter Leiclien- 
tledderei angeklagt, der auf einem Berliner Balinhof von einem Stations- 
beamten dabei betroffen wurdc, wie er sich an den Hosen eines 
schlai'enden Matrosen zu schaffen machte. Er bestritt die Absicht 
einer Beraubung des tief Schlafenden, der in der Tasche des Bein- 
kleids sein Portemonnaie getragen hatte, indem er behauptete, er be- 
saBe eine Schwilche fiir die biauen weiten Matrosenhosen, er babe 
nicht stehlen, sondern sich durch die Beriihrung und „Liebkosung" 
der Hosen geschlechtlich erregen wollen. Das Gericht hielt diese 
Angabe fiir eine Ausrede, doch konnte entlastend angefiihrt werden, 
dai3 die Haussuchung in der Wohnung des Vcrhafteten Dutzende von 
Matrosenbildern zutage forderte. 

In der Leidenschaft mancher Homosexueller fiir Bilder und Skulp- 
turen liegen iibrigens die Wurzeln zum Pygmalionismus, auf 
den wir bei Besprechung der Vergesellschaftung der Homosexualitat 
mit anderen Triebanomalien gelegentlich zuriickkonimen werden. 

Es liegt nahe, daB ktinstlerisch angelegte Homosexuelle 
sich nicht mit Photographien und Illustrationen begniigen, son- 
dern selbstschopferisch ihr Ideal zu malcn oder zu formen ge- 



^2) Cf. Triumph der Liebe, Aus den Papieren eines Geachtetcn. 
Herausgegeben von Pugnator. Leipzig 1902. p. 23. 



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neigt sind. Bei vielen Kindern kann man lange vor dem Er- 

wachen des Geschlechtstriebes beobaditen, wie sie in meist un- 

beholfener Weise die Uinen sympathischen Figuren zu zeichnen 

verfeuchen. Die meisten geben dieses Bemtihen bald wieder auf, 

wenn sic der Schwierigkeiten der Darstellung inne geworden 

sind; Befahigtere setzen es fort und entwickeln es wetter, ohne 

daU ihnen die erotisdie Unterstromung ihrer Liebhaberei ins 

OberbewuBtsein dringt. 

So suchte mich einmal ein sehr vortrefflicher Maler auf, der 
von der Mutter eines iungen Magyaren, der ihm jahrelang als itodell 
gedient hatte, mit Scnmahbriefen bedacht wurde, in denen sie ihn 
einer homosexuellen Leidenschaft fiir ihren Sohn beschuldigte. Er 
hatte dem jungen Manne und seiner Familie erst ganz spontan, dann 
in Erfiillung ihrer Wiinsche groBe Wohltaten erwiesen. Als er ihren 
Bitten und Anspruchen nicht mehr genii^en konnte, kam es zum Zwist 
und zu diesen Beschuldigungen. Dieser Maler hatte eine groBe Freude 
an Jiinglingsbildern, die ihm ganz mcisterhaft gelangen. Die Ori- 

finaJe seiner Bilder, denen er ein Freund in des Wortes bestem 
inne war, verehrten ihn schwarmerisch. Er selbst hatte, trotzdem 
er schon die DreiBig liberschritten, etwas sehr Jungenhaftes, zugleich 
in seiner zarten Schonheit und Weichheit auch viel Weibliches. Als 
ihm nun die Magyarin seine Homosexualitat mit bosen Schimpfworten 
ins Gesicht schleuderte, war er aufs auBerste betroffen, dann sehr 
entrustet, imi so mehr, als er, der sexuell voUig abstinent lebte, der 
tJberzeugung war, durohaus nicht homosexuell zu sein. Anfangs 
entschlossen, die Frau zu verklagen, nahm er jedoch davon Abstand, 
als er durch die Lektiire der ihm bis dahin vollig unbekannten Lite- 
ratur seinu seelische Bisexualitat mit starkem tjberwiegen der homo- 
sexuellen Komponente erkannte. 

tJber Michelangelos ProduJction als Projektion seiner 
umischen Psyche auBert sich Carpenter ^^a) einmal f olgendermaBen : 
,,rn Michelangelo haben wir einen Kiinstler, der mit dem Pinsel und 
MelBel buchstablich tausende menschlicher Gestalten nachbildete, aber 
mit der Besonderheit, daB, wahrend ganze Reihen seiner mannlichen 
Fig^uren offenbar von einer romantischen Empfindung iibergossen und 
eiijgegebeu sind, dasselbe kaum von einer seiner weiblichen Gestalten 

fesagt werden kann. Letztere bringen das Weib meistens in seiner 
loUe als Mutter, Dulderin, Prophetin oder Dichterin, als Greisin oder 
in irgendeiner Veranschaulichung von Kraft oder Zartheit, mit A u s - 
n a h m e der jenigen, welche sich mit der leidenschaftlichen Liebe 
verbindet, zur Darstellung." „Dennoch," schlieBt Carpenter, „sind die 
Reinlieit und die Wiirde von Michelangelos Mannergestalten unanfecht- 
bar und legen ein beredtes Zeugnis ab fiir jenen ihm innewohnendeu 
Adel der Empfindung, welchen wir schon in seinen Sonetten sich haben 
kujid^eben sehen." 

Ganz thnlich wie zu bildlichen Darstellungen verhalten 
sich die Homosexuellen auch zu dichterischen Beschrei- 
bungen der sie erotisch fesselnden Typen. Das Lustgeftihl iiber- 
trdgt sich hier von der Wahrnehmung auf die durch die Lek- 
tiire liervorgerufene Vorstellung. 

Oha.rakteristisch ist folgendes Bekenntnis einer homosexuellen 
Frau: „Pann las ich „Idylle Sapphique" von Liane de Pougy und 

isa^ „Die homogene Liebe" p. 10 f. 



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70 

verliebte mich so heftig in die groBe Kurtisane Annine de Lys, daU 
ich lange brauchte, bis ich meine innere Ruhe wiederfand. Das 
Bild der Liane de Pougy steht seitdem immer vor mir auf dem 
Schreibtisch, weil ich glaube, dafl sie sich selbst in Annine de Lys 
geschildert hat. Ich kann mich iiberhaupt nach einem Buche genau 
so stark in eine Frau verlieben, als ob ich sie w i r k 1 i-c h kenne, 
und ich finde, dafi die Verliebtheit in eine solche Phantasiegestalt die 
allerqualendste ist, denn sie ist vollig losgelost von der Alltaglichkeit 
und man kann ihr andichten, was man will, und dadurch wird sie 
immer begehrenswerter, und man glaubt schlieBlich, dafl man bei ihr 
so unerborte Wonnen und Seligkeiten finden wiirde, wie man sie 
in der Wirklichkeit noch nie gefunden hat, denn in der Wirklichkeit 
ist ja bekanntlich „die Wollust aller Kreatur gemengt mit Bitter- 
keit**, in der Phantasie sieht man aber n u r die Wonnen." 

Namentlich lyrische Gedichte homosexuellen Charakters werden 
mit groBer Begeisterung empfunden, vorgetragen und, wenn moglich, 
selbst gedichtet. Unter den Aufzeichnungen Homosexueller, die ich 
im Laufe der Zeit erhielt, befinden sich viele Hunderte solcher 
Poeme und Novellen, deren Kunstwert allerdings zumeist ein sehr ge- 
ringer ist. Es liegt durchaus in der menschlichen Natur, etwas, das 
den Ausgangspunkt und die Quelle starker Gliicksempfindungen bildet, 
riihmend zu schildern. Diesen rein biologischen Faktor iibersieht 
Hans GroB, wenn er den Homosexuellen zwar die sexuelle Betati- 
gung als straflos verstatten will, dagegen wiinscht, daB gegen die 
homosexuelle belletristische Literatur so scharf als moglich vorge- 
gangen wird. „Dieser Literatur gegeniiber wiinsche man sich die 
scharf ste Lex Heinze." ^*) 

Es interessiert uns an dieser Stella das Verhaltnis Homo- 
sexueller zu homosexuellen Dichtwerken nur vom diagno- 
stischen Gesichtspunkt aus, auf den Standpunkt ihrer Zu- 
lassigkeit werden wir an anderer Stelle zuriickzukommen haben. 
Die diagnostische Bedeutung des Lesens und Verfassens von 
Dichtungen, die in so bestimmter Weise eharakterisiert sind, 
namentlich wenn, wie bei Platen, Walt Whitman oder 
Sappho, das gleiche Geschlecht fast ausschlieBlich dichte- 
risch verherrlicht wird^ ist insofern von Wert, weil es sich 
hier um AuBenprojektionen innerer oft sogar unbewuBter 
Empfindungskomplexe handelt, um Phantasieprodukte, die nicht 
selten sogar eine gewisse Verwandtschaf t mit Tagtraumen 
aufweisen. 

Damit soil nun allerdings nicht gesagt sein, daB aus den 
Typen, die ein Kiinstler mit Vorliebe schildert, ohne weiteres 
ein SchluB auf sein subjektives Empfinden gezogen werden 
kann. Gerade der Kiinstler, der, gleichviel ob homosexuell oder 

1*) Vergl. GroB, Besprechung des Jahrbuchs f. s. Zw. Band 3, 
in der Zeitschrift f. Kriminalanthropologie und Kriminalistik. Bd. 7, 
1. und 2. Heft, p. 184 ff. und dazu die ausfiihrliche Besprechung von 
Numa Pratorius, Jahrb. f. s. Zw. Bd. 4, p. 858 ff., ferner die 
Vorbemerkung des Herausgebers GroB zu dem Aufsatz von Bruno 
Meyer, „Homosexualitat und Strafrecht" in dem Archiv f. Krimi- 
nalanthropologie und Kriminalistik. Bd. 44, p. 219 ff. Am eingehendsten 
widerlegt Pratorius den Standpunkt von GroB im Jahrb. V. p. 980 ff. 



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lieterosexuell, meist das rezeptive unci produktive, aktive und 
passive Element starker vermischt in sich beherbergt, als der 
einseitig virile oder feminine Typ, besitzt die Gabe des E i n - 
flihlens in alien moglichen Geftihlsnuancen oft in besonders 
hohem MaJJe. 

G o e t h e s Lied „An den Mond" („Selig, wer sich vor der Welt 
ohne Hal3 verschlieBt, einen Freund am Busen halt und mit ihm ge- 
nieCt"), sein „Erlk6nig" C,Ich liebe dich, mich reizt deine schone 
Gestalt"), sein Epigramm („Knaben liebt ich wohl auch, doch lieber 
sind mir die Madchen") lassen noch keinen SchluB auf homosexuelles 
Empf inden zu, so wenig man dieses ohne weiteres aus Shake*- 
8 p e a r e s Sonnetten f olgern kann. Wie Leo B e r g i^) gegenuber 
dieser Annahme mit Recht betont, hat Shakespeare „auBer den Son- 
netten denn doch auch die typischste h e t e r o sexuelle Liebestrago- 
die der Weltliteratur („Romeo und Julia"), die gewaltigste hetero- 
sexuelle Jlifersuchtstragodie („Othello"), das groflte heterosexuelle Deka- 
denzdrama der Welt („Antonius und Kleopatra") und die bitterste 
Liebessatire („Troilus und Kressida") geschrieben". 

Auch neuere Dichtwerke, in denen gleichgeschlechtliche Empfin- 
dungen wiedergegeben werden wie ^ etwa E e k h o u d s Escal Vigor, 
Wedekinds Fil d'Ecosse, oder Der Tod in Venedig von Tho- 
mas Mann als Beweisstiicke fiir die Homosexualitat ihrer Ver- 
fasser zu erachten, scheint mir unzulassig. 

Besonders augenfallig macht sich das unbe'wuBte Weben der 
homosexuellen Psyche in den Nachttraumen gel tend. Wie 
eng Tagesphantasien und Traume bei Homosexuellen zusammen- 
hlLngen, moge die folgende Schilderung eines Urnings aus seiner 
Jugendzeit illustrieren : 

„Im Sommer pflegten wir ein Haus am Strande zu beziehen. 

Dicht an der Veranda, zwischen Haus und Meer, fiihrte eine StraBe 

vorbei, auf welcher zu gewissen Stunden die Strandgendarmen vor- 

bei patrouillierten. Ich fiihlte mich sofort zu den strammen Kerlen 

mit der straffen Uniform und den gebraunten Gesichtern hingezogen. 

Bald konzentrierte sich all mein Denken auf sie. Abends im Bett, 

vor dem Einschlafen, malte ich mir Szenen wie folgende aus: Es 

klopft ans Fenster, ich offne neugierig, da langt plotzlich eine braune 

Hand, ein Arm herein, an dessen Armel ich die militarischen Auf- 

schlage und Knopfe wahrnehme. Ehe ich mich umsehe, werde ich 

hinausgezogen. Unter dem militarischen Mantel geborgen, an der 

Brust eines Mannes liegend, den ich fest umklammere, so dafl ich mein 

und sein Herz zusammen schlagen hore, werde ich eilenden Schrittes 

davongetragen. Dazu hore ich den Sabel klirren, empfinde den festeD 

Tritt der derben Stiefel und den Ledergeruch, den sie ausstromen. 

In eine Hutte tief im Walde bringt mich der Gendarm, legt mich in 

sein Bett, kiiBt mich und legt sich dann mir zur Seite, ich klammere 

mich fest an ihn und bin endlos gliicklich, selig. Resultat dieser 

Phantasien waren die Traume, in denen sie fortge- 

sponnen wurden, wobei ich zum ersten Male Pollu- 

tionen hatte, bei denen ich stets erwachte und entsetzt war 

uber die merkwiirdige Erscheinung, die ich fiir eine Krankheit hielt. 

SchlieBlich verspiirte ich ein riesiges Verlangen, diese Phan- 
tasien zu verwirklichen. — Abends wenn es bereits dammerte, ver- 

-^) Vergl. „Ge8chlechter" von Leo Berg, Kulturprobleme der 
Gegenwart, zweite Serie, Band 2. Berlin 1906. p. 164 und 165. 



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steckte ich mich im Walde hinter einen Busch an der StraBe, auf 
welcher der Gendarm vorbei kommeii mufite. Wie klopfte mein Herz, 
wenn ich seine Schritte horte. Oft ging er so nahe vorbei, daO ich 
nur meine Hand hatte auss tree ken zu brauchen, um seine FiiBe zu 
beriihren — aber ich tat nichts dergleichen — in einer Art Starr- 
krampf lag ich da, mit geschlossenen Augen, in der Hoffnung, er 
wiirde mich entdecken, unter seinen Mantel stecken und mit mir 
davongehen — wie im Tramn. Meinen Angehorigen teilte ich nie 
etwas von meinen Gedanken und Gefuhlen mit — nicht, weil ichetwas 
Unrechtes zu tun glaubte, aber doch wohl, weil ich mir schon damals 
uuwillkiirlich werde bewuBt gewesen sein, etwas zu empfinden, das 
mir nur selber verstandlich war. — — — " 

Bei der Diagnostik der echten Homosexualitfit legt 
N a c k e 1^) mit voUem Rechte besonders Wert auf den Nach- 
weis, dafl, ebenso wie der Heterosexuelle heterosexuell traumt, 
das Traumleben des Homosexuellen von seiner Triebrichtung 
beberrschi wird. Wie eine sehr grofle Anzahl von Einzelermitte- 
lungen zeigt, ist dies tatsachlich auch fast durchgangig der 
Fall. Dabei erscheint es beaehtenswert, daB die anf^enehmen 
Traume der Urninge, wie gerade das letzte Beispiel lehrt, auch 
schon vor Eintritt der Reife von geschlechtlichen Vorstellungen 
erfiillt sind, sowie dafi Traume qualvoUer Art durchaus nicht 
selten durch normale Kohabitationsversuche hervorgerufene Be- 
angstigungen zum Inhalt haben. Ein Urning gibt an: „Tch 
tr&ume oft; ich bin verlobt oder verheiratet. Dabei habe ich 
das Gef iihl f urchtbarer Beklommbnheit und einer undefinierbaren 
Angst.'* Eine Urninde schreibt: „Einmal schlug ich meine 
liebstc Preundin im Traume, nachdem ich ihr aufgelauert und 
den Verdacht eines Betruges bestsltigt zu finden glaubte." Eine 
andere, die in Mannerkleidern lebt, berichtet: „Ich traumte 
wiederholt, dafi ich wieder in Mannerkleidern ging, aus diesen 
Traumen wachte ich stets vor Entsetzen in SchweiO gebadet auf." 

Ahnlich wie im Tramn fiihlen und benehmen sich homosexuelle 
Manner im Trancezustand vielfach weiblich, homosexuelle Frauen mann- 



i«) N a c k e : Kritisches zum Kapitel der normalen und patho- 
logischen Sexualitat. Archiv f . Psych. Bd. 32. Heft 1. 1899. N a c k e : 
Die forensische Bedeutimg der Traume. Archiv f. Kriminalanthr. 1900, 
Bd. 3. N a c k e : Probleme auf dem Gebiete der Homosexualitat in der 
H. L a e h r schen Zeitschrift f. Psychiatrie usw. 69. Bd. p. 812, 813 
und 825. N a c k e : „Die diagnostische und prognostische Brauchbar- 
keit der sexuellen Traume", in der arztlichen Sachverstandigenzeitung 
Nr. 2. 1911, besprochen in den Vierteljahrsberichten des W.-h.-K. 
Januar 1913 von Pratorius. N a c k e: „t}ber Kontrasttraumo und speziell 
sexuelle Kontrasttraume" in dem Archiv fiir Kriminalanthropologie von 
H. GroB, Bd. 28. Heft 1 und 2 (besprochen von Pratorius Jhb. IX. 
S. 516). Sodann die friihere Arbeit „Der Traum als feinstes Rea^eus 
fur die Art des sexuellen Empfindens" in der Monatsschrift fiir Krimi- 
nalpsychologic und Strafrechtsreform 2. Jahrg. 1905. (Besprochen von 
Pnitcrius im Jhb. VI IL S. 792.) 



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lich'^a). F re i mark berichtet von einer Dame, die in ihren seltenen 
mediumistischen Phasen, deren Eintritt sie zu verhindern bestrebt 
war, eine rabiate cynische Individualitat mit durchaus mannlichen 
Alluren, mannlicher Stimme etc. offenbarte. 

N a c k e war iibrigens nicht der erste, der auf die Bedeutung 
homosexueller Traume hingewiesen hat ; schon U 1 r i c h s hob in dem 
ersten seiner Verwandtenbriefe diesen Punkt als bedeutsam hervor. 
Er schreibt: „Fragt jeden Uranier: er wird genau zu erzahlen wissen, 
daB bei nachtlichen Pollutionen der Traum ihm etets 
mannliche, niemals weibliche Bilder vorgegaukelt 
h a b e." Wenn U 1 r i c h s hier „stets" schrieb, 80 ging er, wie ihm 
eine groBere Erfahrung gezeigt hat, zu weit. Er selbst erwahnt spater, 
so in Memnon^'), Falle von Uraniern, denen der „Nachtlichkeits- 
traum weibliche Gestalten zeigte". In einem dieser Falle bemerkt er, 
dai3 dieser Umstand auf „Uranodionai8mus", wie wir jetzt sagen 
wiirdeu, auf Bisexualitat schlieBen laflt. Auch Krafft-Ebing^^) 
schreibt bereits: „Wie tief die angeboreije kontrare Sexualempfindung 
wurzelt, geht auch aus der Tatsache hervor, daO der woliiistige Traum 
des mannlichen Urnings mannliche, der des Weib liebenden Weibes 
weibliche Individuen, bezw. Situationen mit solchen zum Inhalt hat." 

Von 100 Homosexuellen, denen ich die Frage vorlegte: „Bezogen 
sich die Liebestraume auf Personen desselben oder anderen Ge- 
schlechts? antworteten 87 Prozent ausschlieUlich auf Personen mann- 
lichen Geschlechts." Von dem Rest hat ten die meisten k e i n e ero- 
tischen Traume oder konnten sich nicht an solche erinnern. 

Im wesentlichen kann man die Traume homosexueller 
Manner und Frauen in zwei Hauptgruppen teilen: in solche, 
die sich auf die Andersgeschlechtlichkeit der eigenen Person 
beziehen — so trllumen Urninge nicht selten, sie stillten Kinder, 
Urninden, sie waren Soldat — , sowie zweitens in solche, die 
sexuellen Verkehr, meist Umarmungen und Liebkosungen von 
Personen desselben Geschlechts zum Gegenstand haben. 

Wir geben hier noch einige Beispiele homosexueller Traume. So 
berichtet ein durch Intelligenz und Selbstbeobachtung sich aus- 
zeichnender Urning: 

„Bemerkenswert ist ein Traum aus meiner Primanerzeit, der ganz 
homosexueller Natur war, obwohl ich damals von gleichgeschlechtlicher 
Liebe noch nicht die geringste Ahnung hatte. Dieser Traum ist fiir 
micli der untriiglichste Beweis, dafl mein Urningtum unverschuldet 
ist: Einer meiner Lehrer, ein hiibscher, unverheirateter Herr, war mein 
Ideal. Bei ihm hatten wir Geographic und Geschichte. Um ihm zu 
gefallen, bereitete ich mich fiir seine Stunden mit der groBten Sorg- 
lalt vor und blieb selten eine Frage schuldig. Von ihm traumte ich 
nun, und zwar so lebhaft, daB ich noch beim Aufwachen das deut- 
liche Gefiihl davon hatte, er liige bei mir im Bett. Der Traum war 
ungeheuer wolliistig und bewirkte eine Ejakulation. Ich mufite sehr 
oft daran denken, sprach aber zu niemandem davon, weil ich mich 
scbamte. Als ich bei ihm, nach dem Abiturienten-Examen, meine 
pflichtschuldige Visite machte, kiiiite er mich gluckwiinschend und 
abschiednehmend auf die Stirn. Dieser Kufl erregte mich so stark, 
dafi ich an mich halten muBte, ihm nicht um den Hals zu fallen. 



*••) Freimark, Der Sinn des Uranismus p. 33. 
") Memnon. p. 151 ff. § 105. 
") Psych, sex. 7. A. p. 228. 



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Heute bedaure ich, es nicht getan zu haben; ich glaube er hatte mir 
meine Dreistigkeit verziehen. 

Einen oft wiederkehrenden urnischen Traum, der auch mir oft 
ahnlich berichtet wurde, schildert Krafft-Ebing^^) wie f olgt : 
„Somniat se esse ipsum partem passivam, activam partem, virum 
16 — 20 annorum se amplecti, osculari conjunctionem membrormn con- 
ficere- Tum celeriter fit ejaculatio seminis." 

Wie die Traume homosexueller Manner den Verkehr mit Mannern, 
so haben die mit sexuellen Erregungen verkniipften Traume homo- 
sexueller Frauen den Verkehr mit Frauen zum Inhalt. Einige traumen, 
sie seien Manner, andere wiederum, sie schmiegten sich als Frauen 
an von ihnen geliebte Weiber. 

Schon im ersten vorchristlichen Jahrhundert schildert der grie- 
chische Dichter Meleagros f olgenden Traum : 
„Fiihrte in siiBem Traum das Bild eines holden Epheben . . . 
Eros ins Lager mir heut. Ich preBte den wonnigen Korper 
Fest ihn umschlingend ans Herz, pfliickte das eitele Gliick. 
In der Erinnerung qualt mich nun die Sehnsucht, derm immer 
, Schwebt mir vor Augen der Traimi, ruft die Erscheinung zuruck. — 
Ungliickseliges Herz, laB ab, an den Bildern der Schonheit 
Nachtlich zu schwelgen im Traum, wenn die Wirklichkeit fehlt." 

• ' Finer der haufigsten Traume homosexueller Frauen ist, daB sie 
von einem geliebten Weibe ein Kind empfangen haben, eine Vor- 
stellung, die auch sonst in ihren Phantasien und Tagtraimien eine 
Rolle spielt. 

Westphal berichtet von seiner Patientin: „sie erklart mit groBer 
Entschiedenheit, sie wiirde ohne jede Erregung unter Mannern wohnen 
und schlafen konnen .... In ihren wolliistigen Traumen erschien sie 
sich stets in der Situation des Mannes ; oft horte sie dabei schone 
Melodieen." 

Der diagnostische Wert sexueller Traume wird nicht unwesent- 
lich durch libidinose Traume beeintrachtigt, die der gewohnlichen 
Geschlechtsempfindung des Traiunenden entgegengesetzt sind. Man 
nennt sie Kontrasttraume, und diirfte die Erklarung N a c k e s*o), 
der sie auf die urspriingliche bisexuelle Anlage des Menschen zuriick- 
fiihrt, vvohl die zutreffende sein. Nicht ohne eine gewisse Berech- 
tigung schreibt auch Leo Berg in seinem Buche „Geschlechter** 
p. 108: „Es ist verkehrt, all ein aus dem Traumleben des 
Menschen seine Liebesbeanlagung schlieBen zu wollen, da oft gerade 
das Umgekehrte richtig ist; denn im Traume lebt nicht der ganze 
Mensch, und seine wildesten Triebe sind oft in Ketten gelegt, so 
daB sich nur ein gewisses Unterhalb und Nebenher seiner Seele, ein 
gleichgiiltig unbewachtes Teil seiner Selbst hier entfaltet." Ein be- 
donders leurreiches Beispiel bringt N. Praetorius^i): 

„Ein heterosexueller Kaufmann, Mitte der DreiBiger, der regel- 
maBig heterosexuellen normalen Verkehr pflegt und von dem Wesen 
der Homosexualitat keine Ahnung hat, traum te, er fiihre sein Glied 
in anum eines Freundes und erwachte im Moment der Ejakulation. Der 
im Traume passive Freund ist allerdings ein Homosexueller, der sich 
aber seinem heterosexuellen Freund nicht entdeckt hat, doch waren 
Geriichte liber seine Homosexualitat im Umlauf, die zweifellos auch 
zu dem Traumenden gelangt waren. DaB der Heterosexuelle gleich 

1^) Krafft-Ebing, Der Contrarsexuelle vor dem Strafrichter, 
Leipzig und Wien, 1895. p. 42. 

20) Dr. P. N a c k e , Ober Kontrasttraume und speziell sexuelle 
Kontrasttraume. (In dem Archiv fiir Kriminalistik und Kriminal- 
anthropologie. Bd. 28, Heft 1/2.) 

21) Jahrb. f. sex. Zwischenstuf. Jahrg. IX, pag. 617. 



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an Pedikation gedacht, ist, wie Numa Pratorius riohtig be- 
merkt, verstandlich, da er das Wesen der Homosexualitat nicht kannte 
und im landlaufigen Vorurteil befangen, Homosexualitat mit Pedi- 
kation identifiziert." 

Von entscheidender Bedeutung sind sexuelle Traume oft in 
Fallen von Pseudohermaphroditi^mus, in denen die Geschlechts- 
zugehorigkeit noch nicht festsieht. In diesen sprechen auf das 
weibliche Geschlecht gerichtete Traume sehr ftir die Existenz 
von Testes, auf das mannliche Geschlecht sich beziehende Lust- 
traume fiir das Vorhandensein von Ovarien, doch darf auch 
hier nicht die, wenn auch nicht gerade sehr wahrscheinliche 
Mcglichkeit auBer acht gelassen werden, daB auch unter Pseudo- 
hermaphroditen Homosexuelle vorkommen konnen, also weib- 
liebende trotz innerer Ovarien und mannliebende trotz mann- 
lichem Keimgewebe, so in dem Winterschen Falle, in dem eine 
Braut, die sich durch innefen Testes-Befund als Mann erwies, 
nicht von ihrem Brautigam, den sie innigst liebte, lassen woUte. 
Allerdings muB dabei bisweilen auch die starke Beeinflussung 
der Psyche durch die Erziehung und durch die Gewohnung 
an die Empfindungsweise des aufoktroyierten Ge- 
schlechts in Betracht gezogen werden. 

Sehr Beachtenswertes iiber das Traumleben Homosexueller findet 
sich auch in der kleinen Schrift des Petersburger Arztes Tar- 
no w s k y , die in Sachen der Homosexualitat einige ganz ausge- 
zeichnete Beobachtungen neben vielem Phantastisch-spekulativen ent- 
halt : 22) 

„Das Kind mit angeborener sexueller Perversitat, sagt er, ent- 
wickelt sich und wachst anscheinend in jeder Hinsicht regelmafiig 
auf. . . . . Die erste AuBerung des Schamgefiihls findet 
nicht hinsichtlich Madchen oder Frauen statt, son- 
dern erwachsenen Mannern gegeniiber. Der Knabe 
z. B. schamt sich mehr, sich vor einem fremden Manne 
zu entkleiden, als vor einem Weibe. ... Endlich stellt 
sich die Pubertat ein; in der Nacht kommen heftige Erregungen mit 
Samenentleerung vor. Die Pollutionen sind von Traumen 
begleitet, zuerst von undeutlichen, leicht verge B- 
baren; doch sie werden mit jedem Male deutlicher, 
bestimmter und frappieren ha u fig den Jiingling 
selbst durch ihre Sonderbarkeit. Im Traum er- 
scheinen ihm nicht weibliche Liebkosungen, nicht 
Begegnungen mit Frauen, sondern er reproduziert 
den Handedruck, den KuB erwachsener Manner, vor- 
ziiglich korperlich gut entwickelter. Die auBersto 
mit SamenerguB endende sexuelle Erregung wird im 
Traum nicht durch eine Frauengestalt in verfiihre- 
rischen Posen und Bewegungen herbeigefiihrt, son- 
dern durch Umarmungen, Liebkosungen und Kiisse 
von Manner n." 



M) Tarnowsky, Die krankhaften Erscheinungen des Ge- 
schlechts. Berlin 1886, p. 11 f. 



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Tarnowsky erwahnt hier auch mit Recht die Besonder- 
heit des bomosexuellen Schamgefuhls. In der Tat ist dieses 
ein weiteres wichtiges diagnostisches Merkmal. Gewohnlich er- 
6treckt sich die Scham eines Mensehen auf das Geschlecht, zu 
dem er sich hingezogen fiihlt. Ganz besonders ist dies beim 
Weibe der Fall. Bei dem aggressiven Mann ist das Schamgef iihl 
gegenliber dem Weibe, das er gewinnen will, weniger stark aus- 
gepragt. Es kommen aber gerade auf diesem Gebiet auch unter 
ganz heteroaexuellen Mannern und Frauen sehr groBe Ver- 
fichiedenheiten vor, und die Zahl der Frauen, die sich ebenso 
vor Frauen wie vor Mannern genieren, ohne homosexuell zu 
sein, ist sicherlich recht betrachtlich, ebenso wie viele ganz 
normalsexuelle Manner auch Mannern gegenliber ein starkes 
Schamgef iihl besitzen. Im allgemeinen verhalt sich der homo- 
sexuellc Mann in dieser Hinsicht ahnlich wie ein Weib, die 
homosexuelle Frau mehr wie ein Mann. Die Schamhaftigkeit 
mancher Urninge Mannern gegenliber ist ungemein grofl. Es 
gibt Homosexuelle, denen es blutsauer wird, sich zwecks Unter- 
suchung vor dem Arzt zu entkleiden, die bei der militarischen 
Genitalvisitation wahre HoUenqualen ausstehen, die in Anwesen- 
heit anderer Manner auBerstande sind zu urinieren ; im Berliner 
Volk hat man flir diese auch sonst ziemlich weit verbreitete 
Erscheinung den bezeichnenden Ausdruck „Harnstottern** — . 

Ein femininer Timing berichtet, dafl schon vor der Pubertat 
das MaBnehmen des Schneiders ein Vorgang war, der eT)enso 
stark Lust- wie Schamgeflihl in ihm wachrief. 

Nameutlich in der Pubertatszeit schamen sich oft homosexuelle 
Jiinglinge und Jungfrauen der auftretenden Zeichen ihrer Reife, der 
Scljamhaare, des Stimmwechsels, der „Junglingspicker', urnische 
Madchen besonders der Periode und des Wachstums der Briiste. 

Sehr instruktiv ist folgende Schilderung eines Homosexuellen, 
der von Beruf katholischer Geistlicher ist: 

„Ich habe mein Leben lang ein so zartes Schamgefiihl besessen, 
wio es nur wenigen Mensehen eigeu zu sein pflegt. Dieses Scham- 
gefiihl auJJerte sich spontan und unwillkiirlich immer nur allein dem 
Biafinlichen Geschlechte gegenliber. Madchen gegenliber befliU ich 
mich awar gleichfalls eines zlichtigen Benehmens, aber ich b e f 1 i B 
Okich dbsselben eben, ich folgte einem Gebote der Sitte, es war nicht 
9111 naturlicher Instinkt, von dem ich mich angetrieben fiihlte. Noch 
erinnero ich mich lebhaft daran, wie einst, als eine Blatternepidemie 
ausgebroohen war, der Arzt erschien um in der Schule zu impfem 
Die Knaben muBten die Rocke ausziehen und die Hemdarmel zuriick- 
schlagen. Darliber war ich nun vollig emport und ich woUte heimlich 
davonschleichen. Ich gab meinen Unwillen und meiner Befangen- 
heit in so deutlicher Weise kund, daB ich dem Lehrer auffiel. von 
ihm befragt, iiuBerte ich, daB ich mich vor den andern Knaben nicht 
mit entbloBten Armen sehen lassen woUte. Es nutzte freilich nichts, 
ich moBte. Aber als ich an die Reihe kam, brannte das Gesicht mir 
heifi vor Scham und das Herz pochte mir horbar vor Aufregung. 



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Hatte ich mit den Madchen zusammen mich ^ntbloBen mussen, es WM*e 
mir vollstandig eleichgiiltig gewesen. Ich hatte nicht die leiseste Spnr 
irgend eines Geiuhls der Unlust oder der Scham in mir wahrgenommen. 
So aber ging ich nach beendeter Impfung gekrankt und in meinem 
kindlichen Gemiite aufs tiefste verletzt von dannen. — — Ich hatte 
nm alles in der Welt niemals mit anderen Knaben zusammen gebadet 
Oder mich nur im Hemd vor ihnen gezeigt. Ich hatte deshalb viel 
von meineij Kameraden zu leiden und wurde oft bis zur Unertraglich- 
keit geneckt. Auch am Gymnasium ging es mir nicht viel besser. Als 
einst der Religionslehrer vom heiligen Aloysius erzahlte und erwahnte, 
dafi dieser es nicht einmal iiber sich gebracht habe, barfuB vor 
irgend jemand sich sehen zu lassen, da ging ein kicherndes Gemurmel 
durch die Klasse, aus dem deutlich mein Name herauszuhoren war, 
und von den verschiedensten Seiten richteten sich die Blicke auf 
an mich heran und apostrophierten mich: „Heiliger Aloysius, bitt* 
fur uns !" — — Als einst in die Wand zwischen dem Abort unserer 
Klasse und dem einea andem Kurses der Unterhaltung wegen ein 
Loch gebohrt worden war, wagte ich zwar nicht Anzeige zu erstatten, 
da icli dabei verlacht zu weraen fiirchtete, aber ich nahm nun stets, 
was fiir ein Bediirfnis ich auch zu befriedigen haben mochte, ein 
Blatt Papier und eine Stecknadel mit mir, so lange, bis das Loch 
vom Schuldiener bemerkt und Abhilfe geschaffen war. Als ich zum 
ersten Male — ich war etwa 16 Jahre alt — von den Sitten 'und 
Gebrauchen der Kaseme erzahlen horte, war ich dariiber so entriistet, 
daB mich ein voUiger HaB gegen den ganzen Militarismus erfaBte. 
Ich erblickte in ihm eine Negation meiner Natur und meines Emp- 
findens, einen Hohn auf meine Gefiihle. . . . Der Tag an dem ich 
mich selber stellen muBte — ich war nur einmal dazu ^notigt — let 
mir einer der qualvollsten meines Lebens eewesen. Dagegen emp- 
finde ich, wie gesagt, dem weiblichen Geschlecht gegeniiber nichts, 
was iiber ein bloBes Anstandsgefiihl hinausginge. Ein eigentliches 
Schamgefnhl dem Weib gegeniiber kenne ich nicht. Es ist mir voll- 
kommeu fremd." 

Die homosexuelle Frau ist, von verdrangter libido, un- 
behindert, dem Manne gegeniiber viel ungenierter, unbefangener 
und offener als das heterosexuelle Weib. Ungeschlechtlich und 
kameradachaftlich fuhlt sie sich oft zu ihm hingezogen; um 
so peinlicher bertihrt zieht sie sich aber in sich zuiiick, wenn 
sie sich von seiner Seite als Geschlechtsobjekt angesehen wahnt. 
Alles das ist meist mehr instinktiv als bewufit. Beispielsweise 
kostet es der homosexuellen Frau im Gegensatz zu der lietero- 
sexuellen meist keine Cberwindung, sich vor dem Arzt zu 
entkleiden. Besonders frei fiihlt sie sich in Gesellschaft des 
homosexuellen Mannes, in der sie sich nicht nur vor sexueller 
Begehrlichkeit sicher weiB, sondern voraussetzt, daU er ihrer 
Personlichkeit Verstandnis und wohlwollende Unparteilichkeit 
entgegenbringt. Diese sexuelle Uninteressiertheit hat homo- 
sexuellen Mannern und Frauen nicht seiten den Gedanken nahe 
gelegt, miteinander eine Scheinehe zu schlieBen. Wir werdeti 
aber spater sehen, daB, wie die Erfahrung gelehrt hat, dieser 
Ausweg kein gliicklicher ist. 

Viel verschamter wie deiu Mann verhalt sich die homosexuelle 
Frau anderen homosexu-^Uen Frauen gegeniiber. namentlich geniert 



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sich die femininere Homosexuelle oft sehr vor der virileren Homo- 
sexuellen. 

Ich kenne ein langjahriges Verbal tnis zwischen zwei h.-s. Frauen, 
von denen mir die virilere berichtete, daB ihre weibliche „Halfte" 
so schamhaft sei, daB sie sie noch niemals an den Genitalien beruhrt 
habe, und daher iiberhaupt nicht wiiBte, ob sie ebenso, oder anders 
gebaut sei, als sie selbst. Wie mir erfahrene h.-s. Frauen versichem, 
soil eine ahnliche Zuriickhaltung nicht selten sein. 

Geht aus alien angeftihrten Symptomen deutlich der see- 
lische Charakter der homosexuellen Liebe hervor, so sind die 
enorme Geschmacksdifferenzierung, „der homosexuelle Elektivis- 
mus**, die Individualisierung, die in keiner Weise der hetero- 
sexuellen Liebe nachsteht, die oft beachtete Bestandigkeit einer 
glucklichen, die Dauerhaftigkeit einer ungliicklichen Liebe, Iiber- 
haupt der absolute Parallelismus des homo- und heterosexuellen 
Greschlechtstriebes in alien seinen Stadien und Einzelerschei- 
nungen, weitere Anzeichen, die die psychische Wurzel der Homo- 
sexualitat aufier Zweifel stellen. 

Diesem seelischen Komplexe gegeniiber kommt dem Nach- 
weise, dafi tatsachlich homosexuelle A k t e , selbst anale, statt- 
gefunden haben, nur eine untergeordnete diagnostische Be- 
deutung, zu. Was wir darliber bei alteren Arzten lesen, — und 
noch heute drucken Lehrbticher flir gerichtliche Medizin diese 
„Zeichen** immer wieder gewissenhaft nach — mutet uns 
geradezu 'vorsintflutlich an. 

So heiBt es in Kaans lateinisch geschriebener „Ps ychopathia 
sexualis***^). pag. 44: 

„Paederastia est ratio nisum sexualem amplendi cum pueris im- 
maturis. — S i g n a sunt rubor, dolor ardens ad anum, vestigia sangu- 
inis effusi, tenesmus, difficultaa incedendi, condylomata, haemorr- 
hoides, inflammatio ani et intestini recti, ruptura perinaei, fistula, 
prolapsus intestini recti, atonia ejus et vesicae urinariae.** Es scheint 
uns heute kaum noch glaublich, dafl noch vor einigen Jahrzehnten 
der franzosische Arzt T a r d i e u bei Erorterung der Frage, woran 
man Menschen mit gleichgeschlechtlichen Empfindungen crkennen 
konne, meinte, daB fiir sie, wenn nicht immer, so doch oft, einiger- 
maBen charakteristisch ein Glied sei — das sich nach der Eichel 
mehr und mehr verdiinne und um sich selbst gewunden sei, so daB 
der Urinstrahl nach rechts und links geht, was wiederiun von der 
schraubenformigen Immission herriihre, die beim Widerstand des 
sphincter ani erforderlich ware. (Vergl. C a s p e r s Handbuch der 
gerichtlichen Medizin, Berlin 1881, Bd. 1. p. 187. Anm.) 

Auch Deformitaten der weiblichen Genitalien infolge homosexuel- 
len Verkehrs sind beschrieben worden, namentlich von franzosischen 
Autoren wie Martineau und von Garnier, sogar angebliche 
Erkenuungszeichen an den Lippen und der Zunge der Fellatrix. Schon 
Martial fabelte davon. Allen diesen Merkmalen kommt fur die 
Diagnose der Homosexualitat selbst gar kein Wert zu, einigen hoch- 
stens ein ganz selomdarer. 



*') Henricus Kaan, Psychopathia sexualis, Lipsiae 1844. 



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79 

Viel bedeutsamer als der Nachweis absichtlich herbeigefiihrter Akte 
Bind fur die Diagnosestellung des Arztes unwillkiirliche Sexual- 
erregungen. So muB es sehr zu denken geben, wenn ein Weib mit- 
teilt, „sie verliere, wenn sie an ein ischones Weib denkt, etwas Schleim", 
Oder wenn jemand berichtet, daB er von Erektionen und Ejakulationen 
— oft sind es die ersten — „\iberrascht" wurde, als er d i c h t neben 
einem Kameraden oder Alteren saB, „fiir den er bis dahin eine ganz 
reine Verehrung zu haben glaubte". Dabei ist zu bemerken, daB 
ebensowenig wie „gleichgeschlechtliche Akte kontrare Sexualempfin- 
dung" beweisen, ihr ganzliches Fehlen kontrare Sexualempfindung aus- 
schlieBt; im Gegenteil kann ihr scheinbarer Mangel ein Zeichen beson- 
ders starker homosexueller Reizbarkeit sein. Ich fiihrte bereits Beispiele 
an, in denen die bloBe, langere Zeit fortgesetzte Beobachtung anziehen- 
der Personen zum Orgasmus fiihrte. Bei anderen ersetzen Traumvor- 
stellungen voUkommen die Wahmehmungen. Mir sind Falle bekannt, 
wo ea bei Homosexuellen, welche die Beriihrung der Genitalien ver- 
ab^cheuten, lediglich durch intensives Kiissen zur Ejakt^ation kam ; 
andercj die „fertig wurden", wenn sie, anscheinend spielerisch, die 
von ihnen geliebte Person- auf den SchoB najhrnen oder sich mit ihr 
balgten, ohne daB der Partner iiberhaupt gewahr wurde, daB er zum 
Geschlechtsverkehr diente. Manche Urninge geben an, daB es ihnen 
schon ein eigentiimliches Wohlbehagen bereitet, wenn sie Worte wie 
Jiingling, Bursche, Mann, Held oder gewisse mannliche Vornamen 
lesen oder horen; Uminden berichten in ahnlicher Weise, daB ihnen 
Ausdrucke wie Maid, Madchen, Weib, Freundin und ebenso Frauen- 
namen besonders wohllautend lerscheinen. 

Aus allem geht hervor, daB Dr. Capellmann, der Ver- 
fasser der Pastoralmedizin^*), von dessen Anschauungen uns im 
tibrigen eine Welt trennt, recht hat, wenn er schreibt: „Fur 
die kontrare Sexualempfindung eprechen nicht perverse Akte, 
sondern nur perverse Empf indungen.*' Krafft-Ebing 
driickt dies so aus: ,,GleichgescIileclitliche Akte beweisen nicht 
kontrare Sexualempfindung. Diese ist nur bedingt 
durch Angezogenwerden durch die physischen 
und psychischen sekundaren Gesch lechtscha- 
raktere einer Person des eigenen Geschlechts.*' 

**) Dr. C. Capellmann, Pastoralmedizin. 16. A. Aachen 1910. 
p. 143. 



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DRITTES KAPITEL. 

Da$ Verhalten homosexuelier MSnner und Frauen 
gegenliber dem anderen Geschlecht 

Fiir die Diagnose der Homosexualitat beanspnicht das 
negative Verhalten gegenliber dem anderen Geschlecht die- 
selbe Wichtigkeit wie das positive gegenliber dem eigenen. 1st 
letzteres lustbetont, so ist ersteres teils indif- 
ferent, teils unlustbetont. Vielfach, namentlich bei 
homosexuellen Frauen, ist es dieser Revers der Empfindung, 
der sic sich liberhaupt erst ihrer Homosexualitat bewuBt werden 
lalJt. Mir sind viele Frauen bekannt, die, bis sie eine "Ehe ein- 
gingen und fzum Verkehr mit dem Manne gelangten, uber- 
reugt waren, daB die innige Zuneigung, die sie zu einer 
Freundin hatten, nur ein bei ihnen iibermaflig stark ehtwickelter 
Freundschaftsenthusiasmus ware. Erst aus dem Unbehagen bei 
der Umarmung des Mannes, als sie versptirten, dafl diese so ganz 
das Gegenteil von dem in ihnen ausloste, was sie beim KuB der 
Frau empfanden, merkten sie plotzlich oder allmahlich, daB ihre 
sexuellc Triebrichtung sie vom Manne ab zum Weibe drangte. 
Audi der homosexuelle Mann gewinnt die voile Klarheit iiber 
sich oft erst im Verkehr mit dem Weibe. Hier tritt als ein 
haufiger und wichtiger, wenn schon fiir die Diagnose der 
Homosexualitat nicht ausschlaggebender Umstand die korper- 
liche Impotentia coeundi hinzu, die physische Unmoglich- 
keit, von der bei der homosexuellen Frau im allgemeinen nicht 
die Rede sein kann. Manche Manner deliken, wenn sie bis zu 
den Kohabitationsversuchen mit dem Weibe von einer ausge- 
sprochenen Inklination zu einer Person ihres Geschlechts noch 
nicht ergriffen waren, zunachst, daB sie einfach impotent seien, 
und werden sich ihrer Homosexualitat erst nach und nach be- 
wuflt, vielfach allerdings stellen bereits vor den Koitusversuchen 
homosexuelle Erlebnisse die Triebrichtung auBer Zweifel. 



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81 

Wir werden uns auch hiei* liber da» Verhalten der Homosexuellen 
(iem a n d e r e n Geschlecht gegenuber am besten ein klares Bild 
macbeu konnen, wenn wir zuverlassige Personen, die gleich- 
geachlechtlich empfinden, selbst reden lassen. In sehr bemerkens- 
werter Weise scbildert beispielsweise der folgende Homosexuelle die 
Versucbe, welche von ihm nach heterosexueller Richtung vor- 
genommen wurden: 

„Es war vor etwa 24 Jahren, — ich befand mich Ausgangs der 

Zwanziger — als ich einigen vertrauten Freunden in einer Zeit seeli- 

scher Bedrangnis meine homosexuelle Natur offenbart hatte. Sie be- 

wahrten mir, trotzdem sie ausgesprochen heterosexuell waren, ihre bis- 

herige Zuneigung und Achtung. Aber der eine von ihnen konnte 

und wollte nicht an meine Homosexualitat glauben. Er hielt sie 

damals nicht fiir eine physiologisch-psychologische Sondererscheinung 

inuerhalb des Naturganzen, sondern betrachtete sie als eine A b - 

i r r u n g von der Natur, die er nur Wiistlingen oder Geisteskranken 

zutraute ; und fiir beides konnte er mich bei unserer jahrelangen Be- 

kanntschaft nicht halten. Also nahm er an — und sagte mir das 

auch — daC ich nur aus Schiichternheit und iibertriebenen sittlichen 

Bedenken mich bisher nicht an das Weib herangewagt hatte 

und somit zu einer falschen Beurteilung meiner selbst gelangt ware. 

Er riet mir, ernstlich den Versuch zu machen, mich mit einem Weibe 

geschJechtlich einzulassen; dann wiirde ich — so meinte er — meine 

eingebildete Homosexualitllt fahren lassen und gleich ihm und alien 

ganzen Mannern mich in meiner Neigung und meinem Verkehre 'dauernd 

dem weiblichen Geschlecht zuwenden. Bevor ich diesen Versuch nicht 

ausgefuhrt hatte, und derselbe — was er fiir ausgeschlossen hielt — 

erfolglos verlaufen ware, wollte er meine homosexuelle Natur als 

etwas Angeborenes und Unausrottbares nicht anerkennen. Seinem 

' wiederholten Drangen, das vor allem einem herzlichen Interesse fiir 

meine Person entsprang, ^ab ich schlieBlich nach. Ich begab mich 

eines Tases abends spat in ein Caf^, um mir eine Prostituierte zu 

fluchen ; doch ich ging nicht allein : ein anderer der Freunde, die ich 

iiber mich aufgeklart hatte, hatte sich auf meine Bitte bereit erklart, 

mich zu begleiten. Merkwiirdig: Einem jungen Manne gegeniiber hatte 

ich in den damals noch wenigen Fallen, in denen ich geschlecht- 

liclien Verkehr gesucht und gefunden hatte, niemals Beklommenheit 

gefuhlt, und hier wo es sich um den normalen Geschlechtsumgang 

handelu sollte, war ich befangen, ja, angstlich — nicht vor irgend- 

welchen unangenehmen Eventualitaten, sondern vor dem Akt selbst, 

vor der Situation, der ich entgegen ging, die mir 

peinlich erschien, well ich mich ihr nicht gewach- 

sen fiihlte. Wir entdeckten bald ein leidlich hiibsches Madchen, 

das durch ein Matrosenkleid, das sie trug, ihre schlichte Haarfrisur 

und ihren frischen, etwas herben Gesichtsausdruck einen mehrkuaben- 

haften, als iippig weiblichen Eindruck machte. 

AJs sich das Madchen entkleidet hatte, wurde mir ihre Erschei- 
nung mit jedem fallenden Stiick uninteressanter. Im Unterrock und 
Korsett war sie mir bereits recht unangenehn^ und als sie gar in 
ihren Frauenhosen und dem Hemd, das den Busen freilieB, vor mir 
stand, erfaUte mich ein gelinder Ekel, der sich noch 
steig; e T te , als sie die letzten sparlichen Hiillen ent- 
f e rn t e und nun auch ihr weiblicher Korperduf t auf mich eindrang. 
Hatte der Duft von Jiinglingen mich mehr oder minder berauscht, so 
fiihlte ich mich von diesem hier beengt und belastigt und es bedurfte 
einiger Uberwindung mich zu ihr, die sich ins Bett gelegt hatte, auf 
den Bett rand zu setzen. Sie gab nun ihrer Verwunderung daruber 
Ausdruck, daC ich noch angekleidet war; ich vertrostete sie. Sie 
beriihrte mich, es zeigten sich keinerlei Anzeichen einer 
Erregung. Ich- erklarte ihr dies durch starken BiergenuB — was 
Hirschfeld, HomosexiuUitSt 6 



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62 

eine falsche Ausrede war. Da ich aber einmal ein Weib vor mir hatte, 
wollte ich wenigstens etwas profitieren, namlich die Einrichtung der 
weiblichen Geschlechtsorgane, die ich bisher nur aus Abbildungen 
kanute, in natura in Augenschein zu nehmen. Ich untersuchte dalier 
mit dem Finger die Labien und die Vagina — nicht anders als 
wenn ich ein totes naturwissenschaftliches Prapa- 
rat vor mir gehabt hatte. Ihr behagte das iibrigens nicht 
und so lieC ich davon ab, bezahlte sie und ging davon, innerlich froh, 
der ganzen Sachlage entronnen zu sein. 

Als ich nun meinem ersten Freunde von meinem MiUerfolge Mit- 
teilung machte, war er noch keineswegs iiberzeugt, sondem meinte, 
dieser ware darauf zuriickzufiihren, dafi das Madchen eine Prostituierte 
gewesen ware. Meinem feineren Empfinden ware der Umstand — 
zumal beim ersten Male — abstofiend erschienen, xmd er verlangte, 
ich solle mich einem anstandigen Madchen nahern. Die Gelegenheit 
bot sich einige Zeit spater. Ich befand mich auf dem Geburtstags- 
feste eines mir befreundeten verheirateten Herrn, bei dem es frohlich 
herging. Wein wurde getrunken, Champagner, wir gerieten in eine 
animierte Stimmung. ifnter den Anwesenden war eine ungefahr 20- 
jahrige Seminaristin, frisch, aufgeweckt, etwas keck, eher mager als 
iippig, dabei hiibsch; Haare blond, nicht in iibermaBiger Fiille und 
knapp frisiert. Auch sie trug ein Kleid mit Matrosenkragen (icb 
liebe, nebenbei gesagt, das Matrosenkostiim sehr) und machte im 
ganzen wieaerum einen etwas knabenhaften Ein- 
d r u c k. Mir f iel die Forderung meines Freundes ein, ich f ing an die 
junge Dame interessierter zu beobachten, ihr auch einmal verstohlen 
die Hand zu driicken, was sie erwiderte. Der Zufall kam mir entgegen 
— Oder war es Fiigung — indem mich der Hausherr bat, die Dame, 
die allein war, nachts nach Hause zu begleiten. 

Als wii* das Fest verlassen hatten, bestiegen wir eine Droschke 
und ich legte ohne viele Umschweife meinen Arm um ihren Nacken. 
Sie sank hingebend an meine Brust; wir kiifiten uns. Nun beriihrte 
ich ihren Busen, welcher hart und fest vor Erregung wurde; alles 
dies vermochte ich zu tun, da ich unter der suggestiven 
Forderung meines Freundes stand und da es in der 
Droschke dunkel war, so daB ich, zumal unter der Nachwir- 
kung des W eines die Vorstellung haben konnte, dafi neben mir 
statt eines Weibes ein Junge safie. Ich ging weiter. Plotzlich aber, als 
ich ihre Finger umklammert hielt, kam es mir zum klaren BewuBtsein, 
besser gesagt, ich hatte die bewuBte Empfindung, dafi ein weibliches 
Wesen neben mir saC (nebenbei gesagt, war bei mir von irgend einer 
Erektion nicht die Rede). Mich erfaflte, als ob ich eine Krote be- 
rubrt hatte, Ekel und zugleich Reue. Von einem Sturm von 
Gefiihlen durchtobt, stiefi ich ihre Hand zuriick und fiel weinend 
zu ihren Fiifien, sie bittend, mir zu verzeihen und noch 
mehr mich anklagend, dafi ich mich gegen meine innerste Natur ver- 
siindigt hatte. Sie war im hochsten Grade erschrocken, verstand mich 
nicht und suchte mich zu trosten, indem sie ein iiber das andere Mai 
sagte, „dafi das Ganze ja nicht so schlimm gewesen ware und dafi 
sie ebensoviel Schuld hatte wie ich." 

Vor ihrem Hause angelangt, verliefi ich sie und ging, innerlich 
zerrisseu und zerschlagen nach Hause. Nach einigen Tagen erhielt 
ich einen Brief von ihr, in dem sie iiber das „Droschkenabenteuer" 
scborzto und mich um ein Rendezvous bat. Ich antwortete nicht, 
Darauf schickte sie mir einen emst \md innig gehaltenen Liebesbrief, 
in dem sie mir auseinandersetzte, dafi sie mich infolge meines Schwei- 
gens auf ihren ersten Brief erst wahrhaft in meiner Tiefe und 
moralischen Gesinnung erkannt hatte, mich bat, das Vorgefallene 
zu vergessen und mich ihr in Liebe zuzuwenden, um auch sie von 
dem Leichtsinn, der in ihr lebte, zu befreien. Sie wollte mir, den 



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83 

sie liebte und verehrte, auf immer in unverbruchlicher Treue ange- 
horen. I c h antwortete nicht. Sie schrieb noch einmal — unge- 
mein schmerzlich; und als ich wieder nicht antwortete (ich zwang 
mich dazu, um ihr alle Hoffnung, der ich ja doch keine Nahrung 
geben konnte, zu nehmen), unterlieB sie die weitere Korrespondenz. 
Ich aber habe mich nie wieder mit weiblichen Wesen in 
ahnliche Si,tuationen e ingelasse n." 

Diese aus dem Leben gegriffene Schilderung mogen noch einige 
kurze typische Angaben erganzen. 

Eiu 31jahriger Landwirt schreibt: „Der Gedanke, zu heiraten, 
existiert fiir mich nicht, weil er mir schauererregend ist. Geschlechts- 
verkehr mit dem Weibe ist mir ganz unmoglich, ich fiihle mich von 
Ekel erfullt, wenn ich nur an die Moglichkeit denke. Versuche, den 
normalen Akt auszuiiben, habe ich nie augestellt, und, werde es vor- 
aussichtlich, weil der Widerwille zu groB ist, niemals' konnen. Weil 
mir junge Damen unheimlich waren, nahm ich schon keine Tanz- 
stunde. ich besuchte keine Balle und meide moglichst Gesellschaften, 
zu denen junge Damen herangezogen werden. Meine Unbehilflichkeit 
jungeren Madchen gegeniiber scheint man, ohne Argwohn zu schopfen, 
bemerkt zu haben, denn es ist mir neuerdings angenehm aufgefallen, 
daC man mich zwischen bejahrte Damen setzt, mit denen ich mich 
zwanglos, gem und rege unterhalte." 

Ein Franzose von 38 Jahren gibt an: „Ich habe nie mit einem 
Weibe zu tun gehabt und konnte es nicht um alles in der Welt. 
Hubsche Gesichtsziige bewundere ich so voriibergehend bei einem 
Weibe, wie man ein hiibsches Bild betrachtet, sollte ich aber das- 
selbe Weib nackt vor mir sehen, o, mon dieu, ich wiirde die Flucht 
ergreifen." Ahnlich erzahlt ein Schweizer: „Vor dem intimeren Ver- 
kehr mit weiblichen Personen empfinde ich einen uniiberwindlichen 
Abscheu und habe daher nie ein Weib beruhrt. Der Umgang mit 
Dameu ist freundlich, so lange sie keine wanneren Gefiihle fiir mich 
zeigen, geschieht dies, so erwacht ein Unlustgefiihl und ich ziehe mich 
so bald wie moglich zuriick." 

Diesen mehr oder weniger vollig impotenten Homo- 

sexuelleD stehen solohe gegeniiber, denen es unter Unlust- 

gefiihlen jnoglicih ist, mit dem Weibe zu verkehriBn. Auch 

hior einige Beispiele: 

Ein Fabrikant auCert sich: „Hatte ich vorher die iiber die 
Homosexualitat aufklarende Lektiire gekannt, ich hatte nicht das Un- 
gluck der Ehe iiber mich hereingebracht. Es war gewissermafien 
ein Yerzweiflungsakt in dem torichten Wahn, ich konnte mich doch 
vielleicht andem; ich habe mich aber nur doppelt unglucklich ge- 
macht und leider dazu noch eine gute Frau, die ein anderes Gliick 
verdient hatte, als einen Urning zum Manne zu haben. Der Akt ist 
moglich, ich bringe es zur Ejakulation, aber ganz ohne Wonne- 
gefmil und bin nachher sehr angegriffen. Mir bei dem mir wider- 
sprechenden Verkehr eine edle Jiinglingsgestalt vorzustellen, bringe ich 
nicht fertig." Ein Offizier teilt mit: „Ich habe viele Bordelle besucht, 
und mit Erfolg, d. h. ich blamierte mich nicht. Ich sagte den Damen 
immer, daB sie bald wieder einen ordentlichen Lebenswandel fiihren 
soJlten und sie versicherten mir, noch nie einen so braven Herrn 
gesehen zu haben. Vor dem Beginn habe ich meistens gezittert, 
aber es gait meinen guten Ruf zu erhalten und nachher triumphierte 
ich wie ein Feldherr nach gewonnener Schlacht." Ein Arbeiter, der 
Frau und Kinder hat, gibt folgende Schilderung: „Ich fiihre den Bei- 
schlaf aus, aber mit groBtem Widerwillen und fiihle mich dabei zum 
Sterben ungliicklich ; am liebsten mochte ich unmittelbar danach den 
Akt mit einem Manne aus fiihren konnen." 



6* 

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84 

Mindestens ebenso sehr wie homosexuelle Manner leiden 
homosexuelle Frauen unter dem heterosexuellen Geschlechtsver- 
kehr. Ich habe bei verheirateten Urninden wiederholt schwere 
hysierischc Zustande beobachtet, namentlich Herzneurosen und 
hochgradige nervose Dyspepsien, voUige Schlaflosigkeit und lioch- 
gradige Schwache, die langen Sanatoriumskuren * trotzten und 
erst wiehen, wenn es zu einer Trennung der Eheleute, zum 
mindesten einer Trennung der Schlafraume kam. Auch hier 
Belege : 

Ich kannte eine urnische Dame, die mit 17 Jahren „eine sehr 
gute Partie machte", well man ihr allgemein ziiredete, und sie sich 
wohl selbst durch den Antrag des angesehenen Mannes geschmeichelt 
fiiblte. Ala sie sich nach der Hochzeit den sexuellen Annaherun^en 
des Mannes aufs energischste widersetzte, lieB der Gatte schlieChch 
die Schwiegermutter kommen, damit diese ihre Tochter iiber die „ehe- 
liche Pflicht" aufklarte. Die junge Frau erwiderte darauf der Mutter: 
„Wenn das meine eheliche Pflicht ist, dann ware es eure elterliche 
Pflicht gewesen, mir das vorher zu sagen, denn wenn ich das gewuBt 
hatte, hatte ich nie und nimmer geheiratet." Die Dame blieb fest und 
8 Jahro setzte der Mann mit immer langeren Unterbrechungen die Ver- 
suche fort — er liebte seine Frau sehr — bis er schlieBlich in die 
Trennung willigte. Die Frau lebt jetzt seit mehreren Jahren mit einer 
FreundiD zusammen, der Mann ist unverheiratet geblieben. 

de Joux erzahlt von einer „3ungen allbeneideten Braut, welche 
die Eltern gezwungen hatten, einem sie auf rich tig liebenden, braven 
und schonen Manne Gattin zu werden", folgendes: „Sie betet zu Gott, 
der allein ihre namenlose Angst vor der Beriihruug eines Mannes kennt, 
um Starkung bei ihrem Martyrium; die triigerische Hoffnung, sie werde 
ihren entsetzlichen, tmnaturlichen Ekel vor der Umarmung des Gatten 
siegreich iiberwinden, halt sie aufrecht. Doch der Himimel ist ihren 
Bitten verschlossen. Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach- 
Sie kann sich gegen ihre innerste Natur nicht auflehnen imd wahlt 
zwischen Brautbett und Selbstvernichtung das kleinere tJbel, die 
Myrthe wird zum Totenkranze." Sie nahm Gift. 

Eine andere Urninde gibt iiber ihre eheliche Gemeinschaft fol- 
genden Bericht: „Mein Gatte ist ein Ehrenmann, ich schatze ihn lun 
seiner vorziiglichen Charaktereigenschaften willen, aber 1 i e b e n , nein 
1 i e b e n kann ich ihn nicht. Er ist ein prachtiger Mann und hatte 
wahrlich ein besseres Los verdient, denn er liebt mich wirklich- 
Nun denn, ich lieC ihn wenigstens niemals merken, welche fiirchter- 
liche Qualen mir seine Liebkosungen verursachten, wie namenlos elend 
ich mich fiihlte, wenn ich ihn am Gipfel seiner Wiinsche sah. Ein- 
mai schiitzte ich Migrane, ein andermal heftige Zahnschmerzen vor, um 
mich seiner eliihenden Zartlichkeit entziehen zu konnen. Ach, wie 
gerne hiitte ich mir taglich einen gesunden Zahn re i Ben lassen, und wie 
Berenike, meine Locken geopfert, um mich loszukaufen I Von einem 
wahrhaft schrecklichen Zorne, der beinahe an Tobsucht grenzte, wurde 
ich erfiillt, als sich die ersten Zeichen von Schwangerschaft ein- 
stellten. Mir d a s I . . . Ich turnte und focht f leiBig, nahm eiskalte 
Bader und ignorierte absichtlich meinen skandalosen Zustand. Ich 
haBte das Ungeborene wahrhaftig, und schniirte mich, so stark, bis 
mir toteniibel wurde. Endlich geschah eine Fehlgeburt. Als ich 
genas, war es meine erste Sorge, ein iippiges, gesundes Bauernmadchen 
in das Haus zu nehmen, um meinen Mann wenigstens einigermaBen 
schadlos zu halten. Lange harrte ich vergeblich ; endlich, als ich 
mich entschloB, zur Kur in ein bdhmisches Bad zu reisen, gelang meiae 



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85 

List und mein Gatte ging in die liebenswiirdige Falle. Wer war gluck- 
licher als ich. Das Madchen, ein gutherziges unwissendes Ding, 
brachte mich nur ein einziges Mai selbst in Verwirrung, als ich sie 
halb entkleidet iiberraschte. AUein ich widerstand der Versuchung. 
Hanni ist in meinen Gatten iiber alle MaBen verliebt, sie kuCt seine 
Hande unaufhorlich und kann nur in seiner Nahe Schlaf finden. 
Ich bat meinen Herrn deshalb, sein Bett in ihrer Stube aufzuschlagen. 
Das half. Schon fiinfmal stellte sich der Storch bei ihr ein und 
jedesmal mit einem zappelnden Biiblein, zur Freude und Lust des 
Vatcrs. Die Knaben ^edeihen prachtig und die zwei altesten lernen 
schon bei mir, die sie sehr lieb haben, lesen und schreiben. Ich 
bin iiber die erfreuliche Wendung der Dinge, iiber die jauchzende 
Lust, die nun auf unserem SchloBchen herrscht, umso glUcklicher, 
als ich in Franzensbad eine herrliche Frau kennen gelernt, die 
A., welehe von ihrem Gemahl geschieden, ebensowenig Weib ist als 
ich, und fiir mich eine iiberaus heftige Leidenschaft gefaBt hat. Ich 
konntc mich von ihr nicht mehr trennen. Mein Gatte war nachsichtig 
genug, einzuwilligen, daB mein Idol sich in unserer nachsten Nahe 
ansiedelte. Unsere Liebe wird nur mit dem Tode erloschen. — Ich 
schwore ihnen, daB dies alles strenge auf Wahrheit beruht." 

Ein unverheiratetes umisches Madchen bemerkt: „Ich liabe bis 
vor dem Erkennen der erotischen Annaherung eines Mannes Gleich- 
ffiiltigkeit, nachher geradezu Ekel schon im bloBen Gedanken einer 
vereinigung empfunden. Mit der gleichen Berechtigun^ konnte man 
mich mit einem Hund schlafen gehen heiBen. Es ist mir vollkommen 
unverstandlich, wie man mit so wenig ausgeglichenen, groben und 
unzarten Wesen in ein intimeres Zartlichkeitsverhaltnis kommen kann. 
Diese groBen Hande, die rauhe Haut, die tiefe Stimme — alles Dinge, 
die doch geradezu abstoBen: als Kamerad ist mir der Mann beinahe 
lieber als das Weib, weil seine geistigen Eigenschaften wertvoUer 
und durchdringender sind. Jedoch muB ein Slensch, mit dem ich 
mich gut verstehen soil, in keiner Weise den „Mann", den Herrn der 
Schoplung herauskehren ; ich finde das genau so liicherlich, als tate 
er es in Gesellschaft seiner Geschlechtsgenossen. Er wird mir dann 
sofort zuwider — sehr zum Bedauern meines Verstandes, der gewohn- 
licli einen ganz lieben Partner hergeben muB. Z. B. war mir ein wirk- 
lich guter Frexmd sofort fremd, als er bei einer Ballheimfahrt mir 
im Auto eine Liebeserklarung machte und damit wie gewohnlich nur 
das libliche Langeweile-Gefiihl weckte. Ich besah mir den Menschen 
neben mir mit Neugier geradezu, nahm mich furchtbar zusammen, urn 
nicht loszulachen imd fand die ganze Situation hochst komisch und 
befremdlich. Ich hatte den guten Kerl wirklich gem, und um ihm nicht 
'well zu tun, versuchte ich es mit der „miitterlichen" Note. Das half. 
— Einem Madchen an seiner Stelle ware ich auch nicht eine Sekunde 
ausgewichen. " 

Sehr merkwiirdig sind die Mittel, welche von manchen 
homosexuellen Mannern im Verkehr mit Frauen angewandt 
werden, um eine Potenz herbeizufiihren. Bei vielen ireniigen 
PhaDtasievorstellungen, andere bedienen sich eigenartiger Kunst- 
griffe und Kniffe. 

Ein Kaufmann berichtet: „Ich kann mit Frauen den Verkehr aus- 
dben, aber nur durch den Gedanken an den, der vor mir das Weib 
besessen hat." Ein junger Berliner Arbeiter erzahlt: „Als ich 
17 Jahre alt war und sich alle gleichaltrigen Kollegen Verhaltnisse und 
liraute anschafften, nahm ich mir auch mein Miidchen. Da ich mir 
meines eigenartigen Wesens nicht bewuBt war, war es mir seibstver- 
QtaiidUch, daB ich mir spater auch als Mann eine Frau anschaffen 



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86 

muBte. Beim Geschlechtsakt mufite der sinnliche Reiz stets durch 
Vorstellung einer mannlichen Person herbeigefiihrt werden. Nachher 
war icli durch die groCe Anstrengung senr abgespannt, und ich 
schwur mir, mich nie wieder auf derartiges einzulassen. Ich fiihlte 
mich damals zu einem Verwaudten sehr hingezogen. Ich als 
der Altera uad bei den Weibern Einflufireichere mufite fiir ihn immer 
die Madchen beschwatzen und so haben wir oft nacheinander deo 
Akt vollf iihrt. Die Beobachtung seines heifien Tempe- 
raments reizte mich bis zum auliersten und war dann die Aus- 
fiihrung des Verkehrens ein leichtes." Ein Hotelier aus einer mittel- 
deutschen Residenz berichtete ganz ahnlich, daC er, wenn er mit 
seiner Frau verkehren wolle, zuvor seinen Oberkellner „abkiissen" 
miisse. Dies verschaffe ihm die geschlechtliche Erregung, mit der er 
so rasch wie moglich zu seiner Frau, deren Bett sich im Nebenzimmer 
befande, eile. 

Vor etwa 6 Jahren suchte mich ein h.-s. Jurist mit der Frage auf, 
ob er heiraten diirfe. Ich riet ihm nach eingehender Exploration mit 
aller Entschiedenheit ab. Zwei Jahre spater tat er es dennoch. Seine 
Frau war ein Muster an Frische, Gesundheit und Tiichtigkeit. Der 
Geschlechtsverkehr stellte sich fiir den Mann als vollkommen unaus- 
fiihrbar heraus. Beide waren tief ungliicklich. Die Frau wiinschte 
sich sehi* ein Kind. Sie glaubte, wenn sie nur von ihm ein einziges 
Kind besaBe, wiirde sie sich mit seiner Unfahigkeit fiir immer abfinden 
konnen. Der Mann lieB nichts unversucht. Medikamentose Kuren, Ein- 
spritzungen von Sperminum Poehl, Liebestranke aus alter und neuer 
Zeit wurden gebraucht, er unterzog sich einer hypnotischen Behand- 
lung, einer langwierigen Psychoanalyse nach Freud, und lieB sich 
operieren, mn eine Phimose zu beseitigen. Nichts fruchtete. SchlieB- 
lich verfiel er auf Folgendes: Sobald sich seine Frau zu Bett begeben, 
ging er in sein Studierzimmer und besichtigte dort Aktstudien und 
obszone Photographien ihn sexuell erregender mannlicher Personen. 
Nachdem er sich so „g e 1 a d e n" — dieser Ausdruck stammt von ihm 
selbst — eilt er zu der Frau, die von dieser Praparation nichts 
wuBte und war einige Male imstandc, den erwiinschten Akt zu vollziehcn. 
Doch auch dies gelang nur kurze Zeit. Jetzt sind beide iiberein- 
gekommen, eine kiinstliche Befruchtung der Frau mit dem mastur- 
batorisch gewonnenen Sperma des Mannes vornehmen zu lassen. Wenn 
auch dieses Mittel erfolglos bleibt, soil die Scheidung in die Wege ge- 
leitet werden. 

Ich will diese Paradigmata aus dem Leben mit den Angaben eines 
Patienten schlieBen, der mich wegen sexueller Hyperasthesie kon- 
sultierte, die so stark war, daB er beim Oberschreiten der Berliner 
SchloBbriicke angesichts der Jiinglingsstatuen Erektionen bekam. Es 
war ein Kaufmann von 42 Jahren. Um die potentia coeundi zu er- 
langen. geniigte es nicht, an einen ihm sympathischen Mann zu denken, 
sondern er muBte von ihm sprechen, etwa so: „Erinnerst du dich an 
den Diener des Graf en, der Vormittag die Waren abholte, hat er dir 
ge fallen'.' Ein sauberer Bursche, nicht wahr? Seine Livree schien nea 
zu sein? Fandest du nicht, daB sie ihm etwas eng saB? Fiir wie aJt 
haltst du ihn?'* Nur wenn er solche Gespriiche mit seiner Frau fiihrte, 
deren Absicht zu verdecken groBes Geschick erforderte, gelang es ihm, 
zu ejakulieren und — Kinder zu zeugen, deren er drei besaB. 

DaB auch hinsichtlich der Geschlechts-Substituierung die Frau 
dem ]Mann nicht nachstoht, lehrt schon der alte Ehrenberg^), indem 
er anfiihrt, daB oft „die Beweglichkeit der weiblichen Phantasie der 
Freundin hcimlich den (Jeliebten unterschiebt, dem dann in der Tat 

1) Fried r. Eh renberg: Euphranor, Cber die Liebe. Ein Buch 
fiir die Freunde eines schonen, gebildeten und gliicklichen Lebens. 
1. Teil, 2. Auflage. Elberfeld und Leipzig 1809, S. 114 ff. 



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87 

die Warme der Umannung gilt." Das klassischste Beispiel solcher 
Illusionen bietet Goethe in den Wahlverwandtschaften durch die 
Schilderung janer Liel>esnacht, in der sich „Abwesendes und Gegen- 
wartiges reizend und wonnevoll durcheinander webte," in dem Charlotte 
statt des Gat ten den Hauptmann, Eduard sein Idol, Ottilien liebend 
zu empfangen glaubt. Ein Berliner Ehepaar, bei dem, wie es nicht selten 
vorkommt. beide Gatten urnisch waren, variirte, wie es selbst sagte, 
die Goethe sche Szene, indem Eduard den Hauptmann und Char- 
lotte Ottilie substituierte, anfangs in der Phantasie, spater aber auch 
in Wirklichkeit. 

Haufig liegt auch dem Verkehr zu dritt, dem sogenannten 
Triolismus, verkappte Homosexualitslt zugrunde. Sie ist den 
Veranlassern des Verkehrs keineswegs immer bewuBt, und auch 
fiir den Sexualforscher ist es nicht ganz leicht zu erkennen, 
durch welchen der miteinander verkehrenden Partner bei dem 
Voyeur die oft zu spontaner Entspannung ftihrende Erregung 
ausgelost wird, zumal da in diesen seltsamen Fallen die al>- 
wcichendc Triebrichtung oft mit larviertem Masochismus oder 
Sadismus vergesellschaftet ist. 

Folgender Fall zur Illustration des Gesagten: 

Vor einiger Zeit konsultierte mich eine Dame aus einer rheinischen 
GroBstadt. Sie sei seit sechzehn Jahren verheiratet. Bald nach der 
EheachlieBung sei der Mann mit folgendem Ansinnen an sie heran- 
getreten, dem sie auf sein heftiges Bitten und Betteln nach langem 
Strauben nachgegeben hatte: Ihr Mann lade einen seiner auswartigen 
GescLaftsfreimde zum Abendessen ein. Sie miisse diesen in leichtem 
verfiihrerischen Gewand empfangen und ihren Mann entschuldigen, 
er sei durch ein dringendes Telegramm nach auBerhalb abberufen." 
Nach reichlichem Mahl, bei dem auf guten alten Rhein- und Mosel- 
wein besonderer Nachdruck gelegt wiirde, spiele sie dem Gast etwas 
auf dem Klavier vor und mache ihm dann „Avancen". Alles dies 
3chriebe ihr der Gemahl im einzelnen vor, der in Wirklichkeit nicht 
verreist sei, sondern aus einem dunklen Nebenzimmer durch 
eine in der Tiirritze geschickt angebrachte Spalte die ganze Szene 
gemau verfolge. Die Hauptsache sei, daB der Fremde nicht die 
geringste Ahnung davon haben diirfe. Allmahlich wurden beide Teile 
zartlich und schlieBlich kame es auf einem vor dem geheimen Beob- 
achtungsposten des Gatten stehenden Divan zum Koitus. Unmittel- 
bar darauf miisse dann die anscheinead beunruhigte Frau den Gast 
bitten, jetzt aber sofort zu gehen, es sei spat geworden, und mog- 
lichei'weise konne ihr Mann doch noch heimkommen. Kaum ist die 
Haustiir hinter dem Geschaftsfreund ins SchloB gefallen, so stiirzt 
der Mann aus dem Versteck hervor, um nun selbst in leidenschaft- 
lichster Zartlichkeit mit seiner Frau den Verkehr zu voUziehen. Aus 
dieser Ehe ist ein 15jahriger Sohn hervorgegangen. Lasse sie sich 
auf d as von ihrem Mann gef orderte Verfahren ein, erzahlt die Dame, 
so sei ihr Gatte — ein wohlhabender Geschaftsmann — „der beste 
Mann von der Welt", tate sie es nicht, hatte sie „die HoUe auf Erden". 
Die Frau. die seelisch sehr leidet, wollte von mir wissen, ob das Vor- 
gebei. ihres Mannes, hinter dessen Rucken sie zu mir kame, wohl auf 
Krankheit beruhe, und ob es wahr sei, daB, wenn es zur Scheidung 
kame — die allerdings fiir sie als fromme Katholikin kaum moglich 
sei — , 8 i e als Ehebrecherin fiir den schuldigen Teil erklart werden 
wiirde. Die erstere Frage muBte bejaht, die letztere konnte verneint 
werden. 



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88 

Wi3 weitgehende Gedankentibertragungen hier sowohl nach 
der positiven als nach der negativen Seite vorkommen konnen, 
mogen noch zwei weitere Mitteilungen aus der Praxis zeigen: 

Ein aJterer Schauspieler ist in einen Jiingeren, den er hatte aus- 
bildeu lassen, sehr heftig verliebt. Dieser ist ihm sehr ergeben, lehnt 
aber alles Sexuelle ab, um, wie er sagt, die ideale Freundschaft nicht 
herabzuziehen. Seit dieser groBen Liebe stellt sich nun bei dem Urning, 
der in sechsjahriger Ehe bis dahin auCerstande war mit dem Weibe 
zu verkehren, nach jedesmaligem Zusammensein mit dem Freunde die 
zum Sexualverkehr mit der Ehefrau erforderliche Potenz ein. Anderer- 
seits berichtete mir einmal ein mit starker Phantasie begabter Homo- 
sexueller, dafi er, um ihm lastige Erektionen zum Verschwinden zu 
bringen. nur notig habe, sich den normalsexuellen Coitus vorzustellen. 

Fasse ich die Essenz der so zahlreieh von mir beobachteten 
Falle zusammen, so unterscheiden sich die horaosexuellen Manner 
und Frauen von den heterosexuellen in ihrem sexuellen Ver- 
halten in dreifacher Hinsicht: in ihrem Empfinden und Wesen 
vor, wahrend und nach dem Akt. 

A. Vor dem Akte fehlt bei den Homosexuellen die eigent- 
liche Lust zum Akte, wie im Akte die voile Lust am Akte. 
Die meisten voUziehen den Koitus nicht aus gefuhlsm&fligem 
Drange oder gar Zwange, sondern aus irgendwelchen ver- 
standesmafligen Griinden, etwa um ihre Potenz zu priifen 
oder um dem andern Teile zu Gefallen zu sein oder in Erftillung 
ehelicher Pflicht^n. Von 500 Homosexuellen waren 417:=84o/o 
unverheiratet, 83 = 16o/o verheiratet. Auf die Frage nach dem 
Grunde ihrer Verheiratung erhielt ich folgende Antworten: 
.in der Hoffnung, von der h.-s. Leidenschaft loszukommen, 
in der Annahme, die Liebe zur Frau wlirde sich von 
selbst finden, andere sagten, sie hatten sich ,,aus Unkenntpis" 
verehelicht, oder „auf Zureden*' „auf Wunsch der Eltern** oder 
„um dem Gerede der Verwandten und Bekannten ein Ende zu 
machen", einer schrieb „aus^schwesterlicher Zuneigung zu seiner 
seine Perversion kennenden und ifin deshalb doppelt liebenden 
Frau" ; mehrere antworten, „um ein Heim zu haben*', einige 
„wegen der Mitgift**, viele schreiben: ,,auf den Rat des Arztes", 
ebenso viele ,,aus G^schaftsrlicksichten**. Aus den 83 Ehen 
stammten 112 Kinder, liber deren Beschaffenheit spater noch 
einiges zu sagen sein wird. 

Homosexuelle Frauen heiraten aus ahnlichen ,,'Beweg- 
griinden" ; einige fiihren an, ,,um unabhangig zu sein** ; eine 
schreibt, ^,um mein eigener Herr zu sein*' ; von mehreren weiB 
ich, daB sie Ehen eingingen, um in den Besitz eines Vermogens 
zu gel an gen, das ihnen nur im Falle ihrer Verheiratung aus- 
gezahlt werden soUte. 



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89 

Es ist fur das Vorhandensein und die StSrke der sexuellen 

Triebrichtung von diagnostischer Bedeutung, ob eine Erregung 

erst bei Bertihrung der Genitalien oder bereits bei den Liebes- 

Praliminarien beim Ktissen, beim Umarmen, bei dem bloflen 

Gedanken an die geliebte Person, bei ihrem Anblick, beiin 

Horen ihrer Stimme erfolgt, ob dem Akte ein sich in kurzer Zeit 

steigern der Drang vorangeht oder ob Vorstellungen, Mittel irgend- 

welcher Art zu Hilfe genommen werden mull ten. Der Akt, 

der eine Folge passiver peripherischer Reizungen war, !mu6 

anders bewertet werden, als der, welcher aus spontanem Sehnen 

hervorging. Wird bei einem Ehevertrag, den zwei Menschen 

aus Vernunftsgriinden schlieBen, von seiten der Zuredenden das 

Argument ins Feld gefiihrt: „Die Liebe wird sich schon mit 

der Zeit einstellen**, so spricht das nicht fiir die sexuellei 

Alfinitat der Betreffenden. Allerdings kann die allmahliche 

Gewohnung fiir die Moglichkeit des Verkehrs ein wich tiger 

Faktor sein. 

Unter meinem Beobachtungsmaterial befindet sich ein Lehrer, der 
vor 10 Jahren — damals 25 Jahre alt — zu mir kam ; er hatte noch 
nie mit einem Weibe verkehrt, liebte in exaltierter Weise dazu noch 
masochistisch altere Manner und besaB nicht nur in psychischer, 
sondern auch in korperlicher Hinsicht viele feminine Stigmata ; be- 
sonders auffallend war seine weibliche Stimme. Ich sah ihn zwei 
Jahre lang wiederholt, verier ihn dann aber aus dem Auge, bis er mich 
vor einem Jahre aufsuchte, um sich „nach einem moglichst unschad- 
lichen Mittel zur Verhiitung der Empfangnis" zu erkundigen. Ich 
erfuhr, daU er nicht nur verheiratet, sondern bereits Vater zvveier 
Kinder sei. In einer Familie, in welclier er verkehrte, habe er ein 
schon etwas altliches Madchen kennen gelernt, die sich seiner sehr 
liebevoll angenommen ; da sie auch ein kleines Vermogen habe, hatte 
er sich auf Zureden von seinen und ihren Verwandten entschlossen, 
mit ihr die Ehe einzugehen. Drei Jahre habe er mit seiner Frau das 
Lager geteilt, ohne daC es zu einem yerkehre gekommen ware. Nach 
einem Familienfeste, bei welchem beide ziemlich viel alkoholische Ge- 
tranke zu sich genommen hatten, habe er infolge intensiver Be- 
riihrungen seiner Frau zum ersten Male eine Erektion verspiirt, welche 
ihm den Koitus ermoglichte, den er seitdem durchschnittlich einmal 
in der Woche vollziehen konne. 

Diese Anpassung und Gewohnung ist aber nur ein Aus- 

nahmefall. Ich kenne Falle, in denen Homosexuelle Jahrzehnte 

verheiratet sind, ohne daU sie jemals mit ihrer Frau geschlecht- 

lich zusammenkamen. 

Vor kurzem schrieb mir ein Gymnasiallehrer : „Meine Gattin, an 
der ich auf der Hochzeitsreise einen Versuch machte, der miBgliickte, 
da ich aus Widerwillen abbrach, ahnt nichts von meinem Zustand. 
Sie ist heldenhaft in ihrer Liebe zu mir, wir sind im zehnten Jahre 
verheiratet und sie ist noch Jungfrau, so rein, wie vor ihrer 
Ehe. Die Summe der Qualen, die beiderseitig in diesen Worten liegt, 
schildere ich nicht." Und ganz ahnlich ein aus besten Kreisen 
stammender Herr: ,,Als die Meinen in mich drangen, mich zu ver- 
heiraten, entschlofi ich mich zu diesem Schritt, frug um die Hand 



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90 

einer jungen, S3rmpathischen Dame aus bester Familie, die mich schon 
vielfacli ausgezeicnnet hatte, und erhielt ihr Jawort. Wir verlobten 
uns, heirateten nach einigen Monaten, anscheinend einer gliicklichen 
Zukunft entgegensehend, die jedoch mehr oder weniger durch meinc 
Scbuld zur Holle fiir uns warden soUte. — Icb batte micb grenzen- 
los getauscbt iibcr die Macbt der mir offenbar angeborenen Triebe. 
Trotz Aufbietung meiner ganzen Willenskraft konnte icb den Horror, 
den icb stets gegen den gescblecbtlicben Verkebr mit dem Weibe 
empfunden, aucb der mir angetrauten, lieblicben Gattin gegeniiber nicht 
iiberwinden; die Hocbzeitsreise nacb dem sonnigen 
Italien wurde zu einer seeliscben Marter fiir una 
b c i d e , imd tief verstimmt und einander entfremdet kehrten wir 
zuriick in unser Heim, das, von treuer Eltern- und Gescbwisterliebe 
reizend ausgeschmiickt, unser wartete. 

Seitber sind lange 15 Jabre vergangen; meine Fran und icb 
leben neben-, aber nicbt fiireinander und fuhren in den Augen der 
Welt eine musterbafte Ebel Uber den scbweren, delikaten Punkt 
baben wir nie mebr gesprocben, seitdem icb ibr Trennung anbot, 
damit sic an der Seite eines ibr wiirdigeren Mannes ein gliicklicberes 
Dasein finden konne. Sie, die von meinem Zustand keine Abnung 
hat und meint, es liege demselben ein organiscber Febler bei mir 
zugrunde, erklarte mir, micb nicbt verlassen zu wollen, da sie mich 
trotz allem liebe. Wie sebr icb unter dem ScbuldbewuBtsein leide, 
ein so edles weibliches Wesen an mein elendes Schicksal gekebtet 
zu baben, kann icb nicht beschreibeni Mein Dasein ist eine end- 
lose Kette geheimer Angstigungen ; icb lebe immer in Furcht, meine 
Leidenschaft konne offenkundig werden, namentlicb seit dem Skan- 
dalprozefi, der sich vor wenigen Monaten in den biesigen Mauern 
abspielte und in welcbem durch eine Bande schrecklicher Erpresser 
mehrere Herren aus der besten Gesellschaft offentlich blofigestcllt 
und unmoglich gemacbt worden sind." 

Die Abneigung verheirateter liomosexueller Manner und 
Frauen gegen ihre Ehehalften ist mebr eine gefuhls- als ver- 
standesmSfiige; oft mit einem Bedauern verbunden, daU dem 
anderen Teil, den sie wohl achten und ehren, aber nicht lieben 
kcnnen, kein besseres Los beschieden war. Bezeichnend sind 
die Worte, die der homosexuelle Bruder Friedrichs des 
G r fi e n , Prinz Heinrich, seiner Gattin widmete, die er 
mebr als 30 Jabre tiberhaupt nicht zu Gesicht bekam; er 
sehreibt: „ich hege kein Geftihl des Hasses gegen die Prinzessin, 
meine Gemahlin; die Vemunft und ftir mich traurige Verhalt- 
nisse baben mich genotigt, von ihr entfernt zu leben. Ich 
verbanne jede unangenehme Erinnerung, indem ich ihr Rube und 
den GenuJJ aller moglichen Gliter wiinsche, deren sie sich in 
ihrem Alter noch erfreuen kann.*' 

Eine Urninde schrieb: „Wir sind Kontrebande und kommen unter 
falscher Etikette zur Welt. Webe dem Manne, der uns auf dem Ebe- 
markte erstehtl Wir l>etrugen ihn um sein Lebensgliick, selbst obne 
es zu woflen". Es liegt nabe, dafi viele Ehen, die homosexuelle Manner 
Oder Frauen mit heterosexuellen Frauen oder Mannern eingegangen sind, 
nach kiirzerer oder langerer Zeit wieder geschieden werden. Daibei wird 
baufig, ungerechterweise, der Heterosexuelle wegen Ebebruchs fiir den 
scbuldigen Teil erklart, wahrend es in Wirklichkeit der urnische Partner 



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91 

ist, dessen Verhalten erst fiir den anderen die Veranlassung war, 
sich anderweit schadlos zu halten. Besonders typisch sind fiir Ehen mit 
Homosexuellen „Trennungen im Guten". Sehr bezeichnead ist fol- 
gendes Abschiedsgedicht, welches ein Urning am Tage der Trennnng 
seiner verflossenen Gattin iibersandte. Es heifit in ihm: 

jjWas wir erlitten und erduldet 

Dnrch meine Fehler, deine Schwachen, 

Was ich geirrt, was du verschuldet, 

Wir wollen nicht dariiber sprechen. 

Ich weifi nnr eins, nur eines fiihle 

Im Herzen ich, dem trauervollen : 

Wir hatten in dem Weltgewiihle 

Uns nie und nimmer finden solleni 

Und weil wir dennoch iins gefunden, 

So laB uns ziirnen nicht und klagen 

Ob air den Schmerzen und den Wunden, 

Die eins dem andern wir geschlagen. 

Nicht boser Wille ist's gewesen, 

Der uns gebracht so herbe Leiden, 

Uns trennet unser tiefstes Wesen, 

Der Gott im Innern heifit uns scheiden." 

Selbstmorde vor oder kurz nach der Hochzeit beruhen haufig auf 
Homosexualitat, allerdings nicht immer, da nicht selten auch auf 
anderen Griinden beruhende wirkliche und fast ebensooft vermeint- 
liche Impotenz zu diesem Schritte fiihrt. 

Oft kommt es vor, daB homosexuelle Manner und Frauen Ver- 
lobungen eingehen, diese aber auf Grand psychischen Unbehagens bei 
naheren Beriihrungen zuriickgehen lassen. 

Ein Homosexueller meiner Kasuistik hatte sich nicht weniger als 
V i e r m a 1 verlobt, um immer wieder unter allerlei Ausfliichten das 
Biindnis zu losen. Das vierte Mai war er aber an eine sehr energische 
Braut geraten, die ihn fast gewaltsam zum Traualtar schleppte, trotz- 
dem ich selbst ihr schlieBlich auf seinen Wunsch dringend abgeraten 
hatte. Vier Wochen nach der Hochzeit rief man mich. Er hatte sich 
im Keller erhangt. 

Ich begegnete einmal einem mir bekannten Homosexuellen aus 
Osterreich in Luzern. Nach der BegriiBung sagte er: „Ich befinde 
mich auf meiner Hochzeitsreise, aber all ein." Wie sich ergab, hatte 
er die Verlobiing mit einer reichen Witwe am Tage vor der angesetzten 
Verehelichiing aufgehoben, alien geladenen Gasten abdepeschiert und 
ohne Frau die mit ihr projektierte Schweizer Reise angetreten. 

Auch homosexuelle Braute fiihlen sich durch die Lieb^ 
kosuDffen ihres Brautigams oft so angewidert, daB es zur Losung 
des Verlobnisses kommt. Eine sehr schone urnische Kiinstlerin 
erzahltc mir, daB sie dreimal Werbungen von Mannern ange- 
nommen hatte. Trotz groBter Miihe, die Zartlichkeiten zu er- 
tragen, sei aber die Cbelkeit, welche die mannlichen Ktisse und 
Umarmungen in ihr auslosten, so „unbeschreiblich** gewesen, daB 
sie in keinem Falle den Gang zum Standesamt riskieren konnte. 

Ein Brautigam, selbst Arzt, lieB die Verlobung zuriickgehen, weil 
ihm seine Braut erklarte: wenn er sie auf den Mund kiisse, fiihle sie 
nur eineu Druck auf den Lippen, wenn aber ihre schwedische Freun- 
din sie kusse, sei es ihr, als ob sie in einem rosenroten Abgrund ver- 
sinke. Eine urnische Opemsangerin von groBer Schonheit teilte mir 
mit, daB sie viermal verlobt war, das eine Mai mit einem Millionar, 



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92 

immer wieder hoffte sie die ihr entgegengebrachte Liebe orwidern zu 
konnen, es war ihr nicht moglich, im Gegenteil verursachten ihr die 
Liebkosungen der Manner so starkes Unbenagen, daB sie zum Stannen 
und Kummer ihrer Verwandten stets wieder das Verlobnis nach eini- 
gcn Wochen loste. 

Fast jedpr Urning hat Episoden ahnlicher Art erlebt, wie sie 
ein urnischer Off izier in lebensvoUer Anschaulichkeit wie f olgt schildert : 

„. . . . Ungeachtet meiner 29 Jahre war dies das erste Weib, 
das in meinen Armen lag, das mich mit einer schier versengendeo 
Glut umschlang, und nach meinen Kiissen beinahe verschmachtete. 
Und ich Unglucklicher empfand nichts als furchtbares Grauen, es 
war mir als legte eine ungeheure, eiskalte Eidechse ihre Arme um 
mich, als ware ein Leichnam aus dem Grabe emporgestiegen, mich in 
namenloses Entsetzen zu hiillen. Ich rang mich los, stiirzte zu 
meinem Sabel, meinem Mantel. „Verzeihung, ich muB fort," keuchte 
ich miihsam hervor. Sie starrte mich an. Und nun folgte etwas, 
was ich nicht fiir moglich gehalten hatte. Sie sprang auf, stiirzte 
zur Tiire, verriegelte sie, und stand nun hochaufgerichtet, am ganzeD 
Leibe bebend, vor mir. „Du willst fort — j e t z 1 1 Nachdeni ich 
mich dir vor die FiiBe geworfen, jetzt, nachdem du weiBt, daB ich 
aus Liebe zu dir beinahe gestorben bin, jetzt, da du mich zu lieben 
vorgabst!" „Da8 tat ich nicht, Elise. Ich beschwore Sie, fordern 
Sie keine ErklSlrung von mir. Ich k a n n nicht, ich d a r f nicht 
sprechen." „Al80 liebst du eine andere I" schrie sie wild auf. „Nein, 
ich liebe keine andere . . . Ich bitte um den Schliissel. Ich 
muB fort, sogleichl" „Ah, das ist ja kein Mensch, das ist ein fiihl- 
loses Ungeheuer, ein Vampyr, der mir das Herzblut aussaugt!" . . . 
Sie brach in ein herzzerreiBendes Schluchzen aus. „Um Gottes AVillen, 
Elise, beruhigen Sie sich. Ich wollte Ihnen nicht wehe tun, ich 
aohte und liebe Sie wie eine Sch wester. Konnten Sie doch in mein 
Herz sehen, wie es vor Mitleid fur Sie blutet. Ich leide unsaglich." 
„ Aber warum 1 e i d e n ? Bin ich denn so haBlich, so verabscheuens- 
wiirdip, um von einem Manne so gedemiitigt zu werden?" „Nein, 
Sie sind schon und liebenswert^ Elise; gesegnet ist der Mann, den 
Sie mit Ihrer Liebe begliicken I Warum muBte es denn gerade ich 
seiu, den Sie erw§<hlt! Ich beschwore Sie noch einmal, geben Sie 
mir den SchlCLssell" Sie sprang auf, erhob ihren Arm und versetzte 
mir mit dem Schliissel einen so heftigen Schlag ins Gesicht, daB 
ich aus dem Munde zu bluten begann. „Da, nimm ihn, elender, feiger 
Bube!" Mil diesen im auBersten Paroxismus hervorgellenden Worten 
fiel sie wie eine Ra,sende mit dem Gesicht zur Erde und grub ihre 
Na^el, von Krampfen geschiittelt, in den Teppich. Ich schloB auf 
und stiirzte hinaus. Ich kam nach Hause, warf mich auf mein Bett 
und meine bis zum ZerreiBen angespannten Nerven losten sich end- 
lioh in Tr&nen auf. Seit zwolf Jahren, seit meines unvergeBlichen 
Vaters Tode hatte ich nicht mehr geweint. Es waren die bittersten 
Zahren, die ich jemals vergoB. Aber nur Gott allein sah mein grenzen- 
los schweres Urningselend. Am nachsten Morgen sandte ich Elisen 
Krafft-Ebings Buch, aber sie nahm es nicht an." 

Ubrigens spiiren viele normalsexuelle Frauen im Zusammensein 
mit Urningen nicht selten instinktiv, ohne zu wissen, imi was es 
sich eigentlich handelt, das refraktare, ebenso wie auch normale 
Manner die erotische Unnahbarkeit urnischer Frauen oft „im Ge- 
fiihl" haben. 

Von reinen Homosexuellen sind nach meinem Material tiber 
50<Vb dauernd impotent, bei den ubrigen besteht zeitweise 
Potenz, meist ermoglicht durch mechanische Reizungen oder 
Phantasievorstellungen. Die Starke des psychischen horror 



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93 

feminac beim homosexuellen Manne ist ebenso wie der Orad 
des horror viri bei der homosexuellen Frau nicht allein fur 
die Ausfuhrbarkeit des Aktes aussehlaggebend. 53o/o der Urninge 
haben iiberhaupt niemals Versuche gemacht, mit dem Weibe 
Geschlechtsverkehr auszuiiben, darunter ^befinden sich sogar, 
wenii auch sehr vereinzelt, Verheiratete. Die Verhaltniszahl 
homosexueller Frauen, die alien Versuchungen, mit dem Manne 
zu verkehren, dauernd Wideretand entgegensetzten, dilrfte 
noch hcher eein. Virgines intactae, die ich nach dem dreiUigsten 
Jahre zu untereuchen Gelegenheit hatte, waren fast ausnahmslos 
selbst homosexuell oder hatten homosexuelle Manner. 

Wie fehlerhaft auch hier Schliisse gezogen werden, lehrt der 
folgende Fall, den mir ein Kollege mitteilte: Eine virile Homo- 
sexuelle von etwa 40 Jahren hatte ein Madchen von etwa 18 Jah- 
ren ihrer Mutter entzogen. Auf ihr Betreiben war beantragt wor- 
den, der nach ihren Behauptungen leichtsinnigen Mutter die elter- 
liche Gewalt abzuerkennen ; sie selbst wollte Vormunderin ihrer sehr 
wohlhabenden Geliebten werden. Der Verteidiger der Mutter wies auf 
die Homosexualitat der Lehrerin hin. Darauf antwortete der alte 
Vormundschaftsrichter : „Lassen Sie mich mit diesen mddernen Cochon- 
nerien in Ruhe. Die Dame hat mir das Attest eines Arztes gebracht, 
daC sie virgo intacta ist, da kann von dergleichen wohl keine Rede 
sein." 

B. let der Geschlechtsakt moglich, so tritt beim Urning eehr 
haufig als ein auf den ersten Blick ziemlich paradoxes Symptom 
Ejaculatio praecox ein, in der wir aber nur eine Abart der 
Impotenz zu erblicken haben; paradox nenne ich diesen plotz- 
lichen ErguB mit Erschlaffung deshalb, weil er von weniger Er- 
fahrenen als Zeichen gesteigerter Libido aufgefaUt werden 
konnte. 

In einem Ehescheidungsgutachten, das ich gemeinsam mit Dr. 
Otto Adler, dem bekannten Verfasser der „mangelhaften Ge- 
schlechtsempfindung des Weibes***) iiber einen Fall abzugeben hatte, 
in dem die Ehefrau Homosexualitat ihres Mannes behauptete, heiBt 
es hieriiber: 

„Ermangelt somit die Hypo these der Ehefrau, ihr Mann sei homo- 
sexuell, der wissenschaftlich erforderlichen positiven Unterlagen, so 
muU doch zugegeben und erwahnt werden, daB gerade die Impotenz, 
an welcher der Mann leidet — die nS,mlich, bei der etwaige iljakula- 
tionen ohne beischlafartige Bewegungen ganz plotzlich und fast ge- 
fuhllos vor sich gehen — gerade die Form ist, welche sich verhaltnis- 
mafiig haufig bei Homosexuellen findet, woraus allerdings noch keines- 
wegs Homosexualitat gefolgert werden kann, da ebendieselbe Form 
der Impotenz auch bei nicht homosexuell Gearteten vorkommt." 

Der normalsexuelle Mann, der mit einer homosexuellen Frau 
verkehri, ist im Eintritt und in der Starke seines Orgasmus 
bei weitem nicht so abhangig von der libido und dem Orgasmus 

*) Dr. Otto Adler, Die mangelhafte Geschlechtsempf indung 
des Weibes. Berlin 1911. p. 215. 



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94 

der Partnerin wie die heterosexuelle Frau von der Ejaculatio 
praecox oder ante portas des Mannes. Sehr mit Recht sagt 
daher A d 1 e r in unserm zitierten Gutachten^) : „6erade die 
Fehlversuche der vorlie^enden relativen dironischen Impotenz 
(Ejaculatio praecox) mnJJten auf die Ehefrau viel abstoBender 
wirken als die voile Unfahigkeit eines absolut Impotenten.*' 
Selbst wenn dem homosexuellen Manne der Koitus mit dem 
Weibe gelingt, ist sein Verlauf selten qualitativ so geartet und 
fur die Frau so "befriedigend, wie die Kohabitation des hetero- 
sexuellen Mannes. Sie fuhlt das auch meist instinktiv, wenn 
auch oft nur so unbestimmt, wie der folgende charakteristische 
Bericht zeigt: 

Es handelt sich bier um die Frau eines Landpfarrers, der wegen 
homosexueller Betatigung in Untersuchungshaft gekommen war, sie 
scbreibt mir u. a.: „Meine Verwandten und Bekaonten konnen es 
nicbt begreifen, daB icb nocb zu ibm balte, ich kann aber nicbt 
anders, weil ich ibn zu genau kenne. Als er mich beiratete, 
war er 32 Jabre, er boffte wobl, in der Ebe von der ibn peinigenden 
Leidenscbaf t loszukommen. Nacb dem Verkebr , der nacb meinem 
Glauben normal war, batte er immer Kreuzscbmerzen und 
rieb sicb dann den Riicken mit Franzbranntwein ein. 
Ebelicbe Gemeinscbaft pflegten wir wabrend der 15 Jabre unserer 
kinderlosen Ebe obne grofl^ Unterbrecbungen, und docb kann icb 
den Glauben nicbt los werden, er tat es obne GenuB, mebr um seine 
Neigung zu iiberwinden und sicb an das Natiirlicbe zu gewobnen. Das, 
was ibn bei den anderen reizte, die Telle zu seben oder 
zu betasten, lockte ibn bier nie, im Gegenteil, er vermied 
angstlicb, mit den Handen oder sonstwie in deren Nabe zu kommen. 
Er bing mit groBer Liebe an seiner Mutter und seinen Scbwestern. 
Das bat mir in den ersten Jabren unserer Ebe oft recbt web getan 
und oft babe icb ibm gesagt, erst kame in seinem Herzen Muttcben, 
dann die Scbwestern, dann seine Freunde, dann die Dorfjungen und 
dann erst icb. Seine Liebe zu mir unterscbied sicb in 
nicbts von der Art der Liebe, die er fiir seine Ange- 
borigen empfand, sie war anders als die der anderen Manner 
zu ibren Frauen, mebr vaterlicb, mit der Zeit aber wurde ich sein 
vertrautester Freund. Seine Freude an dem Umgang mit den Jungen 
war mir, da icb von der Existenz solcber Neigungen bei den Menschen 
iiberbaupt nicbts wuBte, unbegreiflicb ; und als er so oft die Abende 
in Gesellscbaftsspielen mit ibnen verbrachte, wo er docb gar keine 
Anregung batte, sondern immer nur der Ausgebende war, versuchte 
icb in den ersten Jabren mit guten und bosen Worten es ibm abzu- 
gewobnen, es half nicbts; er sab dann so gequalt und traurig aus, 
klagte und weinte sogar, wenn icb dariiber scbalt, so daB icb scblieB- 
licb nicbts mebr sagte, sondern mich meist, und zwar innerlicb 
schweren Herzens, auBerlicb mich zu einem freundlicben Gesichte 
zwingend, an den Spielen beteiligte. Die Freundscbaft und die dank- 
bare Liebe der Jungen zu meinem Manne selbst, bis in spate Jabre, 
und daB sie fast alle ordentliche Menschen wurden, lieBen mich auch 
in dem Glauben, daB er einen guten, veredelnden EinfluB auf sie 
ausiibte. Zu anderen wagte ich nicbt zu klagen, weil ich mich 
immer wieder mit dem Gedanken plagte, es miisse 
docb an mir liegen, ich verstande es vielleicbt nicbt, es ibm 

») Loc. cit. p. 212. 



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96 

behaglich zu machen. Vielleicht lage es auch daran, daB wir keine 
Kinder hat ten, oder dafi ich nicht die rechte Frau fiir ihn sei. Ich 
bill 10 Jabre jiinger als mein Mann, gab mir die groBte Miihe, meinen 
Platz ausfuUen zu lernen und an seinen Interessen Geschmack zu 
finden. Daber war er auch immer giitig und zartlich zu mir, hatte es 
nicht gem, wenn ich langer als einen Tag verreiste und lieB mich von 
Jahr zu Jahr mehr an seinem geistigen Leben teibiehmen. Ich babe 
ihn von Jahr zu Jahr lieber gewonnen und ich glaube, er mich auch. 
Auf seine Unruhe und Erregbfiu-keit nahm ich Riicksicht, da ich alhnah- 
lich wohl einsah, dafi sie wohl krankhaft war. Ich babe ihn so 
hocli gestellt, weil er nie iiberhebend, immer so bescheiden und nick- 
sichtsvoll gegen jeden war, der mit ihm zu tun hatte, so schonend 
fiir Leid und Kimimer der anderen und so vielen in seiner guten auf- 
richtigen Weise zurecht geholfen hat. Er genoB bei Vornehm und 
Gering groBes Vertrauen und verdiente es auch, denn er dachte, 
wo es etwas aufzurichten gab, nie an sich oder etwaige Miihe und 
Unbequemlichkeit, er litt und fiihlte mit jeder armen Seele. Als 
dann das furchtbare Ungliick iiber uns hereinbrach, 
war mir mit einem Schlage vieles so klar. Wie vie] 
mehr ist mein Mann zu beklagen, als ich, wie stark mufi diese 
krankhafte Neigung sein, die solche Willens-, Cha- 
rakter- und Herz ens s tirke zu iiberwinden imstande 
i s t." 

Krafft-Ebing beschreibt *) die Geschichte einer 28 Jahre 
alten Dame, die sich in eine jiingere verliebt. Sie wohnten zusammen. 
Ihre Gemeinschaft wahrte vier Jahre, bis sie infolge der Heirat 
der jiingeren abgebrochen wurde. Die altere verfiel oarauf in eine 
furchtbare Gemiitsstimmung, in der sie sich entschloB, selbst zu 
heiraten, obgleich sie keine wahre Lust dazu fiihlte. Nun aber ver- 
schlimmerte sich ihr Seelenzustand immer mehr. Zuletzt erkrankte 
sie emstlich. Die herbeigerufenen Arzte erklarten, daB Besserung 
eintreten werde, sobald sie nur ein Kind hatte. Der Gatte, der sein 
Weib aufrichtig liebte, konnte ihr ratselhaftes Benehmen nicht be- 
greifen. Sie war gegen ihn freundlich, duldete seine Zartlichkeiten, 
aber blieb „tagelang danach verstimmt, erschopft, gequalt vonRiicken- 
marksbeschwerden, und nervos". Da fand gelegentlich einer Reise 
des Ehepaares ein Wiedersehen mit der ehemaligen Freundin statt, 
die nun seit drei Jahren verheiratet war, ebenfalls unglucklich. Beide 
Damen zitterten vor Freude und Aufregung, als sie einander in die 
Arme fielen, und blieben seitdem unzertrennlich. Die Manner aber 
beeilten sich abzureisen." 

t)brigens h5rt man oft von Homosexuellen, daB es ihnen 
eher mdglich sei, ein Weib zu koitieren, als es zu kiissen, auch 
daB ihnen die manuelle Berlihrung der Geuitaliexi eine gifpBere 
Oberwindung koste, als der eigentliche Akt. 

Auch sich beriihren zu lassen, ist vielen sehr zuwider. Schon 
Liselotte von der Pfalz schreibt in ihren Briefen, „daB Monsieur" 
— damit meinte sie ihren Gatten, Philipp von Orleans, den Bruder 
Ludwj^s XIV. — „der an nichts denkt, als was seiner Buben Bestes 
ist, sich von ihr. nicht anfassen lasse." U 1 r i c h s ^) schildert das 
negative Verhalten dem anderen Geschlechte gegeniiber wie folgt: 
„In korperlicher Beriihrung mit einem Weibe, selbst mit dem bliihend- 
sten, fuhlen wir von magnetischer Durchstromung nichts. Im Gegen- 
teil, sobald diese Beriihrung irgendwie geschlechtlichen Charakter an- 

*) Psychopathia sexualis, 7. Aufl., p. 276. 
») Ulrichs, Inclusa, pag. 38. 



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96 

zunehmen beginnt, empfinden wir ein gewisses imangenehmes Ge- 
fuhl, welches schwer naher zu beschreiben ist, und welches uns 
gebieterisch befiehlt, der Beriihrung zu entfliehen." Andere Homo- 
sexuelle bezeichnen den Orgasmus als ein schwaches kurzes Kitzel- 

fefiihl, 68 sei mit dem Lustgefiihl nicht zu vergleichen, das sie im Ver- 
ehr mit einer ihrem Triebe entsprechenden Person empfanden, manche 
sagen, es ware nur ein leises Kribbeln, etwa wie in eingeschlafenen 
Fufien. Bei homosexuellen Frauen ist die Frigiditat und Anasthesie, 
wahrend der Mann mit ihnen den Akt voUzieht, oft eine vollkommene. 
So wie mir einmal ein homosexueller Lehrer erzahlte, daB er mit Vor- 
liebe wahrend des Aktes, den seine Frau von ihm fordere, mathe- 
matische Aufgaben lose, genau so sind die homosexuellen Frauen mit 
ihren Gedanken, wahrend der Mann den Beischlaf mit ihnen voUzieht, 
meist ganz wo anders, bei ihrer Wirtschaft oder ihrem Beruf, manche 
unterbrechen den Mann mit gleichgiiltigen Fragen oder Bemerkungen 
wie jene Frigida, die zu ihrem Gatten im Moment, als bei ihm der 
Orgasmus eintrat, plotzlich sagte: ,jDu, Mann, ich glaube, ich habe 
heute im Warenhaus meinen Schirm stehen gelassen." 

Troiz dieser „mangelhaften Geschlechtsempfindung** sind 

aber sowohl der homosexuelle Mann als die homosexuelle Frau 

— fast mochte man vom eugenischen Standpunkt hinzufiigen: 

„leider** — zeugungsfahig. t)ber die Qualitat dieser Nachkom- 

menschaft wird spater noch einiges zu sagen sein. 

Vor einiger Zeit konsultierte mich einmal der homosexuelle Ka.m« 
merdiener eines Grafen. Er war in einen alteren Diener verliebt und 
litt sehr, mit ihm das Schlafzimmer teilen zu miissen. Infolge der 
Erregungen, die er den vollig heterosexuellen Kollegen nicht merken 
lassen woUte, war er schlaflos und sehr elend. Ihm selbst stellte 
eine Kammerzofe seiner Herrschaft nach, die von dem alteren Diener, 
der sie seinerseits zu verfiihren suchte, nichts wissen wollte. Schliefl- 
lich verkehrte der homosexuelle Diener einmal mit diesem Kammer- 
madchen, es gelang ihm auch der Koitus, doch fiihlte er sich danach so 
angegriffen, dafi er sich sogleich, ohnehin stark durch die ungliick- 
liche, ganzlich unerwiderte Liebe mitgenommen, krank meldete und 
die Stellung aufgab. Damals suchte er mich auf. Wer beschreibt 
das Erstaunen des jungen Homosexuellen, als er etwa zehn Monate 
nacli diesem Vorfall vom Amtsgericht eine Benachrichtigun^ erhielt, 
daB er der Vater des Kindes der Kammerzofe sei, die er nie wieder 
gesehen hatte. 

C. Ganz besonders wichtig ftir die Beurteilung, ob ein Ge- 
schlechtsakt seinen Ursprung in dem eigentlichen Geschlechts- 
trieb hatte, ist bei beiden Geschlechtern das Verbal tnis nach 
dem Verkehr. Entsprach derselbe der wirklichen Geschmacks- 
richtung nicht, so stellt sich danach Ekel, Abneigung, ja 
HaB ein. 

Ein 26 jahriger Arbeiter berichtet : „ Als ich, 17 Jahre alt, ein- 
mal von einem alteren Freunde verleitet wurde, mit einem Weibe ge- 
schlechtlichen Umgang zu pflegen — ich wuBte damals noch nichts 
von meiner urnischen Natur — empfand ich eine derartige t?belkeit, 
daB ich Erbrechen bekam. Seitdem hatte ich eine heilige Scheu vor 
der Beriihrung mit dem Weibe, bis ich vor wenigen Wochen, zur 
Verzwei flung getrieben, mit meiner Natur zu brechen suchte. Es 
war vergebens, weder eine richtige Erektion noch Ejakidation trat 



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97 

ein, dagegen habe ich mir infolge der vergeblichen Anstrengung eine 
Gliedentzundunfi: zugezogen." 

Ein Kaufmann aus Bayern: „Die Folgen des wiederholten Ver- 
kehrs mit dem Weibe waren schwere Nervenstoningen, starkes Un- 
wohlseio mit Erbrechen und tagelange Migrane. Der Geruoh, welchen 
das Weib ausstromt, verursaoht mir das groflte Unbehagen, ich bin 
ietzt Tinfahig, ein Weib zu befriedigen, wogegen die Umarmung eines 
Soldateu mir ein unaussprechliclies Wonnegeiiihl verschafft und mich 
kraftigt und starkt." 

Ein Homosexueller teilte mir mit, dafi er zwar mit einem Weibe 
^inz eut verkehren konne, nach dem Akt aber solche Wut gegen die 
Frail liabe, dafi er einmaJ hinterher vor einer ausgespien hatte; um 
das nicht wieder zu tun, laufe er jetzt immer unmittelbar nach der 
Ejakulation so rasch wie moglich aus dem Zimmer. 

Bis zu welcher Hohe sich solche Aversion stei^ern kann, zeigt 
der Fall des homosexuellen Herzogs von Praslin-Choiseul, 
der 1864 in Paris seine junge Gattin, die Tochter des Generals 
Sebastiani post coitum erdrosselte. Es mag hier hinzu^efiigt 
werden, dafi die Mehrzahl der sadistischen Frauen, die masochistischen 
Mannem auf deren Wunsch die schwersten korperlichen und geistigen 
MiBhandlungen verabreichen, in Wirklichkeit homosexuelle Frauen sind, 
die eine sexuelle Abneigung gegen Manner haben. Professor Albert 
Eulenburg sagte mir, daB die angeblichen Sadistinnen, die er 
kennen gelernt hat, Sich samtlich als homosexuell herausgestellt hatten. 
Auch ich kenne unter zwolf Sadistinnen nur drei, die Homosexualitat 
in Abrede stellen. 

Die dem Trieb nicht entspreehende Handlung ist sehr haufig 
aueli dadurch charakterisiert, daB sie die sexuelle Begierde 
nicht stillt, sondern im Gegenteil erregt. Normalsexuelle mann- 
liche Prostituierte konnen nach dem Zusammensein mit ihren 
homosexuellen Geldgebern oft nicht eilends genug zu ihren 
Madchen kommen. In ganz analoger Weise werden innerhalb der 
Ehe homosexuelle Manner und Frauen nicht selten durch den 
Verkehr mit ihren normalsexuellen Ehehalften zu gleich- 
geschlechtlichen Akten angestachelt. Wie anders, wenn der Akt 
aus dem Geschlechtstrieb entsprang. Es besteht dann ein Gef (ihl 
der Ruhe, Eraftigung, Erleichterung und Freudigkeit. Alles 
dies fehlt, wenn das Objekt der gleichgeschlechtlichen Handlung 
nicht das Objekt des geschlechtlichen Triebes war. 

Namentlich homosexuelle Frauen werden mit der Zeit durch 
di3 ihnen wider ihren Willen auferlegte Erflillung ehelicher 
Pflichten sehr nervos und leiden, abgesehen von Angstzustanden 
und Schlaflosigkeit, an schweren Depressionen. 

Auch abgesehen von dem eigentlichen Geschlechltsverkehr 
bietet das Verhalten der Homosexuellen gegentlber dem anderen 
G^schlecht mancherlei Bemerkenswertes. Besteht bei einigen nur 
ein Mangel jeglicher Attraktion, so macht sich bei anderen 
eine aiisgesprochene Misogynie und Androphobie bemerk- 
bar. Homosexuelle Manner geben oft an, sie bemerkten auf 

Hirtchfeld, Homosexualitit 7 



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98 

der StraUe, in Lokalen und anderen Samtnelplatzen die Frauen 
iiberhaupt nicht; wenn sie beispielsweise Tanzende beobachteten, 
achteten sie unwillktirlich nur auf die Bewegungen der Manner. 
Ganz analog berichten homosexuelle Frauen; auf der Biihne 
lenkie sich ihre Aufmerksamkeit immer nur auf die Frauen, 
die Manner erschienen ihnen „als Staffage**. Homosexuelle 
Kiinstler (allerdings nicht nur diese) setzen auseinander, daiJ 
doch „objektiv** der weibliche Korper „niit seinen Ausbuch- 
iungen*' viel unschdner sei als der mannliche, wahrend homo- 
sexuelle Frauen versichern, der bebartete, rauhbeinige, iiefstim- 
mige Mann erinnere viel starker an das Tier als der Korper 
der Frau. Ein homosexueller Russe — noch dazu ein Maler — 
sagtc mir einmal: „Ich kann die Gesichter der Frauen so wenig 
wie die der Chinesen voneinander unterscheiden, schon scheinen 
sie ja zu sein, aber sie sind alle so ahnlich, so ausdruckslos." 

Bei hochgestellten homosexuellen Damen, Chefinnen usw. ist as 
oft sebr auffallend, wie viel unfreundlicher sie die mannlichen An- 
gestellten, Diener usw. behandeln als das weibliche Personal. Es 
gibt homosexuelle Manner, die jede weibliche Bedienung perhorres- 
zieren, „prinzipieH" deshalb nicht in Restaurants, in denen Kellnerinnen 
serviereu, gehen. Umgekehrt gibt es homosexuelle Frauen, die aus 
ahnlichen Empfindungen heraus Geschafte mit mannlichem Per- 
sonal moglichst meiden. Ohne zu wissen weshalb, empfinden es homo- 
sexuelle Madchen schon friih als iiberfliissig und lastig, sich von Herren 
„nacii Hause begleiten" zu lassen. Vielen llrningen und Urninden ver- 
ursacht es schon ein physisches Unbehagen, sich von einer Person des 
anderen Geschlechtes auch nur den Paletot anhelfen zu lassen. Es sind 
mir einige homosexuelle Arzte von iibergroDer Sensitivitat bekannt, bei 
denen die Abneigung gegen die weiblichen Sexualcharaktere eine so 
hochgradige ist, daB korperliche Untersuchungen von Frauen, speziell 
von deren Geschlechtsteilen und Briisten fiir sie mit lebhaften Un- 
lustempfindungen verbunden sind, die sich bis zu der Unmoglichkeit, 
die Untersuchung vorzunehmen, steigern konnen. Es spricht sehr fiir 
Grilljiarzers, wenn auch sublimierte. Homosexual! tat, daB er be- 
merkte, es sei ihm sogar der Gedanke unertraglich, zu wissen, daB 
K a t h i sich in seiner Nahe wasche, daB das heriibertonende Ge- 
platscher des Wassers allein schon ihm peinliches Unbehagen be- 
reite. 

Die Mutter eines 20 jahrigen homosexuellen Madchens erzahlte mir, 
daB ihre Tochter vor einer Gesellschaft einmal zu ihr bittend gesagt 
hiitte: „Kann ich denn nicht eine Tischdame bekommen?" 

In Charlottenburg kannte ich einen Homosexuellen, der sich 
riihmte, daB niemals ein weibliches Wesen seine Wohnung, die er 
seit mehr als 20 Jahren innehatte, betreten habe. Zimmerreinigung, 
Kiiche, alles Wirtschaftliche besorgte er sich selbst. Dieser Fall 
ist nicht vereinzelt. Anderseits muB schon hier betont werden, daB 
nicht etwa jeder Weiberfeind und jede Milnnerfeindin homosexuell 
sind. Das trifft ebensowenig zu wie etwa die Voraussetzung, daB 
alle homosexuellen Manner ausgesprochene Misogynen oder ixlle homo- 
sexuellen Frauen Androphoben sind. 

Vie]e Homosexuelle neigen dazu, ihr durch Erkenntnis und 
Wissen unbeeintrachtigt'es Geflihl zu objektivieren. Sie eifern 
deshalb gegen heterosexuelle Liebesbeziehungen, die sie fur un- 



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99 

zuchtig halten, wahrend sie die ihren fiir harmlos ansehcn. 
So berichtet Hammer^): „Eine den gebildeten Kreisen an- 
gehcrende Uranierin machte ihrer Schwester, der eine solche 
Gefiihlsriehtung abging, die bittersten Vorwiirfe, well sie sich 
so wegwurfe, mit einem Manne zu verkehren. Wenn sie mit 
ihrer Schwester ausging, konnte sie nur mit Mtihe davon zu- 
riickgehalten werden, einen Herrn wegcn eines Blickes, den sie 
fiir beleidigend hielt, energisch zur Rede zu stellen. Die Dame 
selbst verkehrte aber seit friihester Jugend gesehleehtlich mit 
Frauen; das hielt sie fiir entschuldbar. Doch Mannerverkehr 
sei unsittlich.** 

Im strikten Gegensatz zu dem auf bewuBter oder unbe- 
wuBter Sexualablehnung beruhenden Negativismus gegeniiber 
dem anderen Geschlecht steht das kameradsehaftliche Gefiihl 
der Zugehorigkeit und Zusammengehorigkeit, sobaid das 
sexuelle Moment in Fortfall kommt. Das tritt zunachst ganz 
deutlich und vollig instinktiv in der mehr asexuellen Kindheit 
hervor, in der sich stets das urnische Madchen unter gleich,- 
altrigen Knaben, der urnische Junge unter Madchen wohler und 
behaglicher f tihlt als unter den Kindern seines Geschlechts, unter 
denen ihn ein eigentumliches Fremdheitsgefiihl beherrscht, das 
in seiner Erinnerung oft noch in spaten Jahren fortlebt. Nicht 
fiir alle, aber fiir die meisten urnischen Kinder ist diesQ 
Erscheinung, die mit auffallender Uebereinstimmung angegeben 
wird, typisch. 

Wenn v. Notthafft^) solchen Schilderungen gegeniiber 
meint, es seien „frei nachempfundene Kopien der Kranken- 
geschichten von Krafft-Ebing und Moll**, so ist das eine 
Icere, durch keine auch nur einigermaUen gewissenhafte Nach- 
priifung gestiitzte Behauptung. Wir geben als Pendants zwei 
Schilderungen aus den Selbstbiographien eines Urnings und 
einer Kontrarsexuellen. Ein sich durch gute Selbstbeobachtung 
auszeichnender homosexueller Klinstler schreibt: 

„Meine erste Jugend verlebte ich auf dem Lande. Auch meine 
ersten zwei Schuljahre liefien mich meine Eltern in die Dorfschulo 
geben, wo Koedukation herrachte. Dort nun waren mir die Knaben 
stets zu wild, und ich suclite mir die nettesten und saubersten kleinen 
Bauernmadchen als Freundinnen. Meine Eltern erzahlen, daB ich „oft 
an jedem Arme drei Madclien hjingen hatte", wenn ich aus der Scliulc 
kam. Dann spielten wir Bail, Ringelreihen, Blindckuh, bauten im 
Sand und bepflanzten den Garten. Im Winter spielten wir auch 
„Kaufladen**. Meine Leidenschaft war aber das Kasperltheater ; da 
gab ich ganze Vorstellungen und meine jungen und alten Zuhorer 

^) W. Hammer, Die Tribadie Berlins. GroBstadt-Dokumente, 
Bd. 20. Berlin und Leipzig, pa^. 12. 

^) Bei K o B m a n n una W e i B , Mann und Weib, Stuttgart, Bd. II, 
pag. 536. 

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100 

muBten geduldig ausharren und zuhoren. Auch hatte ich eine be- 
sonders „gute Preundin", mit der ich oft stundenlang durch die 
Felder streifte und Blumen pfliickte. Ganz anders war mein Ver- 
haltnis zu den Knaben. Kann ich mich der Madchen, die mit mir 
zur Schule gingen, kaum mehr entsinnen, so waren bei den Sym- 
pathien oder Antipathien, die ich meinen Mitschiilern geffenuber emp- 
Sfand, schon gleiich AuBerlichkeiten mai3gebend, so dafl icn mich noch 
heute einzelner Knaben, die mir besonders gefielen oder auffielen, er- 
innere. Naher verkehrt habe ich nur mit einem. Das war mein erster 
„Freund" und mir, damals schon, ein ganz anderer „Freund**, als 
die Madchen mir „Freundinnen*' waren. Diese Verhaltnisse anderten 
sich, als ich mit 8V2 Jahren auf das Gymnasium kam. UnbewuBt 
fuhlten sowohl ich als meine Kameraden, daB ich anders war als sie. 
Als Ursache vermutete man wohl den Umstand, daI3 ich „Klassen- 
primus" war. Still, empfindsam, zart, verschlossen, und schweig- 
sam konnte ich nicht so recht „mitmachen", wie andere „frische 
Jungens". Dagegen reizte meine Erscheinung und Art, andere — 
meist recht groBe und iibermutige Knaben — mich zu necken, was 
ich stets sehr schmerzlich empfand, besonders wenn es — wie oft — 
diejenigen waren, die ich besonders liebte. Lange vermutete ich 
hinter alledem den Neid meiner Kameraden auf meine Schulleistungen. 
Jetzt glaube ich, daB meine Art zu erroten und mich mit ihnen nicht 
in Streii einzulassen, sie dazu reizte. Ich konnte weder einen anderen 
schlagen, noch ihm ein boses Wort sagen. Ich nahm das viel schwerer, 
wie andere Knaben, die einen GenuB darin fanden, andere zu verpriigeln, 
weil eben die Kameraden eine viel zu groBe Rolle in meinem Gefiihls- 
leben spielten. Bezeichnend ist, was ich im Alter von 13 Jahren 
in mein Tagebuch schrieb. Bei Erwahnung zweier Personen, 
von denen ich glaubte, daB sie mir nicht besonders wohlgesinnt und 
iiberhaupt keine guten Charaktere seien, schreibe ich: „. • • • trotzdem 
habe ich beide gem ; ich bin so liebebediirftig ohne schmeicheln zu 
konnen. Ich kann nie ein rechter Junge (in meiner Heimat sagt man, 
so'n „echter Bub") sein. Vielleicht habe ich etwas Madchen- 
h a f t e s. Und dann habe ich alle in der Klasse so lieb. Deshalb 
bin ich auch in den Konflikten mit .... nicht tatkraftig genug 
aufgetreten. Also mit 13 Jahren fiihlte ich anders zu sein, als meine 
Kameraden, und glaubte etwas Madchenhaftes zu haben." 

Auch ein Professor bemerkte, ich sei etwas madchenhaft. Auf- 
fallend war auch, daB alle Spitz- und Kosenamen, die mir die engste 
Familie gab, weiblich waren. 

Nicht minder instruktiv ist der folgende Bericht eines 
homosexuellen Weibes, den es in einem Artikel der Jahrbiicher, 
betitelt „Die Wahrheit iiber mich", veroff entlichte : 

„Meine Jugend ging hin wie die aller — Knaben, welche den 
heiTlichen Vorzug genieBen, zugleich die Freiheiten des Landlebcns 
mit den Annehmlichkeiten der GroBstadt verbinden zu konnen, was 
wohl nur eine kleine Residenz gewahrt. Wenn ich sage, ich lebte 
wie die Knaben, so bediene ich mich absichtlich dieses Ausdrucks ; 
schon damals fiihlte ich mich vollkommen als „Bube". O wie be- 
dauerte ich die armen Madchen, welche „ehrbar und sittsam", die 
Biichertasche unter dem Arme, die Notenmappe an der Hand, dahin- 
schreiten muBten, wahrend ich mich mit meinen tollen Kameraden 
herumbalgte und -jagte, daB die Wangen gliihten und die Haare wild 
im Winde flatterten. 

Aus unserem Spiel „Ilauber und Gendarme" war mit der Zeit 
eine ganze Rauber- und Zigeunerbande entstanden. Ich wurde zum 
Hauptmanne erwahlt und ein zarter blonder Spielgenosse war die 
„K6chin" des Trupps, „weil er so herrlich Spatzen braten konnte." 



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101 

Das SchieUen der Sperlinge besorgten wir mit sogenannten Plitz- 
bogen. Wir besaBen eine gehorige Cbung darin und lachten uns bei 
einem Fehlschusse gegenseitig aus. Mitten auf dem Felde hatten wir 
einige Zelte aufgeschlagen und in dem einen derselben einen steinernen 
Herd errichtet. Das Holz stahlen wir — Zigeimer miissen atehlen — 
von einem benachbarten Bauplatze. Wartenbergs Karl hatte eine Brat- 
pfanne, eine Schachtel „Schweden" und nach und nach ein ganzes 
Schock Eier aus der heimatlichen Kuche nebst einem groBen Stiick 
Speck, Butter und einer Tiite Salz herbeigeschleppt. Aus den um- 
liegenden Peldem wurden Kartoffeln, Riiben und dergleichen aufge- 
hoben. Und so litten wir, wenn wir von der Jagd oder anderen 
wilden Streifzii^en zuriickkehrten, keine Not; denn unsere „famose 
Kochin** hatte in der Zwischenzeit alles wohl zubereitet und sogar 
die Sperlinge ausgenommen und gerupft. 

Aber die Sache sollte ein Ende mit Schrecken nehmen, als wir 
uns daran machten, in einem ziemlich entfernten Dorfe einem Bauern 
ein Huhn zu stehlen. Der Alte wollte unsere Erlauterung, daB wir 
Zigeuner waren, nicht verstehen und erklarte sich erst c£,zu bereit, 
von einer Anzeige abzustehen, nachdem wir unsere ganze Barschaft 
zusammengeschossen und ihm dieselbe als Ersatz fiir den beinahe 
gehabten Verlust zuriickgelassen hatten. Ich fiihlte mich gedrangt, 
als Hauptmann der Bande ein strenges Gericht iiber die un- 
wiirdigen Mitglieder zu halten, welche so dumm sein konnten, sich 
abfassen zu lassen. Auf einen Wink von mir wurden die Bosewichter 
von den Kameraden mit Taschentiichern und Bindfaden, die wir zum 
Zwecke des „Drachensteigenlassens" gewohnlich bei uns trugen, ge- 
fesselt und in den nahen Wald geschleppt. Ich stieg auf einen Baum 
— klettem konnte ich aus dem „ff". War damals auch leider noch 
nicht die bequeme Mode eingefiihrt, ein „Radfahrkostiim", d. h. eine 
festgeschlossene „Pumphose" unter dem Frauenrock zu tragen, so 
konnte ich es doch durch eine sehr praktische Methode den Knaben 
in alien Leibesiibimgen, Welleschlagen, Kopfstehen, auf den Handen 
gehen usw. gleichtun. Ich trug namlich bestandig eine groBe „Sicher- 
heitsnadel" oei mir. Mit derselben befestigte ich das hintere Ende 
meines Rockes, indem ich es durchzog, an den vorderen Teil des 
Kleides. So hatte ich die mir leider versagte Hose. Ich muB ge- 
stehen, daB ich fast bis zu meiner Universitatszeit den Glauben hegte, 
der ganze Unterschied zwischen den „Jungens" und mir bestande 
einzig und allein in der Kleidung, und ich war zuweilen recht unzu- 
friedeu dariiber, daB man mich von Anfang an durch den Anzug zum 
Madchen gestempelt hatte. — 

Nachdem ich zur Bestrafung der tJbeltater meinen erhohten Sitz 
einffenommen hatte, fielen auf meinen Wink die Fosseln und ich 
hieit strenges Gericht. Die Hauptmissetater, d. h. die Diimmsten emp- 
fingen den niederschmetternden Urteilsspruch, daB sie dem „Hann- 
chen" — so nannten wir unsere Kochin, wahrend man mir den 
Namen „Hans" beigelegt hatte, — im Haushalte helfen sollten, indessen 
wir auf einen frischen, frohlichen Kriegszug ausgehen wiirden. 

Als wir aber ausgezogen waren und Hannchen den einen bat, 
die Biiben „zu schaben**, den anderen die Kartoffeln „zu schalen'*, 
brachen Unwille und Revolte aus. „Wir sind keine Madchen, wir 
konnen und werden nicht kocheni" Hannchen versuchte sie zu be- 
ruhigen. Umsonst. Kurt ergriff einen brennenden Holzspahn und 
ziindete das Zelt an. Da ein kraftiger Wind blies, so sprang die 
Flamme lustig weiter und das Feuer flackerte hell empor. Es hatte 
ein Ungliick geben konnen ; denn ein groBer Bauplatz mit vielem 
Holzc lag ganz in der Nahe. Aber die dort beschaftigten Arbeiter 
hatten den Brand sofort bemerkt. Sie eilten herbei und es gliickte 
ihnen ihn in kurzer Zeit zu loschen. 



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102 

Natiirlich wiirde die Geschichte in der Stadt bekannt. Und es war 
wohl keiner von iinserer ganzen Zigeunerbande, der ohne Schlage da- 
von kam. Was indessen noch schlimmer war, man deckte die meisten 
unserer Streiche auf. So erzahlte man sich s^. B. daB wir im Nachbar- 
dorfe ein Schweinchen „gemopst" batten. 

Wie viel an der Sache wahr ist, will icb, meiner Kameraden wegen, 
nicht verraten, auch nicht, ob wir wirklich die Fenster der SchloB- 
kircbe eingeworfen haben, wie man behauptete. Genug, daB man 
uns dessen fur fahig bielt. Gegen jeden von uns wurden, da so 
etwas „denn docb iiber die Hutschnur ging", gebieterische MaBregeln 
ergriffen, und mir untersagte man ein fur allemal, mit den Jungen 
zu spielen. Nun, das war nicht so schlimm. Icb hatte genug ge- 
spielt, — daB ich mich mit Madchenumgang entschadigen konnte, 
der Gedanke i^ mir nie gekommen — jetzt nahm ich meine Zuflucht 
zu den Biichem. Ich ging in des Vaters Bibliothek und las alles, 
was mir in die Hande fiel, besonders Kriegsgeschichten und See- 
abenteuftr. 0, weshalb konnte ich nicht Soldat, wes- 
halb nicht Matrose werden? — — — " 

Wie schon als Kind, so gibt sich auch als Erwachsene das 
homosexuelle Weib dem Manne viel unbefangener als das hetero- 
sexuelle ; sie f uhlt sich ihm gleichberechtijgt-er und gleich- 
gearteter; in seiner Gesellschaft, die sie aus geistigen Interessen 
fiucht, bewegt sie sich viel freier und ungenierter; nur wenn 
sie merkt, daB der Mann in ihr das Geschlechtsobjekt wittert, 
hat sic eine peinliche Empfindung, wird kiihl und reserviert. 
Auch homosexuelle Manner lieben vielfach das Zusammensein 
und die Unterhaltung mit Frauen, mit denen sie viele gemein- 
same Baziehungen verbinden. Namentlich altere Frauen sind 
Homosexuellen sehr sympathisch^). 

Meisners®) Bemerkung: ,, Gegen altere Damen und die 
haufig von der Mannerwelt verspotteten alten Jungfern ist der 
Urning voll Artigkeit und Hoflichkeit, weshalb ihn diese auch 
besonders gem haben**, trifft voUig zu. 

Nur wenn in den Frauen erotische Gefiihle zu dem jiingeren 
Homosexuellen zutage treten, was erfahrungsgemaB nicht selten der 
Fall ist, gerat der ifrning in eine unbehagliche Lage. Ich kenne einen 
Fall, in dem sich eine etwa GOjahrige Grafin in einen 26jahrigen homo- 
sexuellen Schriftsteller verliebte, dem sie Hunderttausende schenkte. 
Trotz der ansehnlichen auBeren Vorteile, die der Homosexuelle aus 
diesem Verhaltnis zog — beide durchreisten die Welt im elegantesten 
Stil — , geriet er durch die Verliebtheit der alten Dame in einen liber- 
aufl nervosen Zustand; er meinte, es ware ihm, als befande er sich in 
einem goldenen Kafig. Dritten Personen tauschen diese Verbindungeii 
zwischen homosexuellen und heterosexuellen Mannern und Frauen oft 
Liebe vor, ein Eindruck, der von den Homosexuellen selbst, um der 
Welt Sand in die Augen zu streuen, oft absichtlich noch sehr ge- 
fordert wird. 

Manchc Homosexuelle halten sich „Renommierweibe r". XJr- 
nische Juristen der Berliner Gesellschaft pflegten die Damen, in deren 



^) M e i s n e r , Der Uranismus, p. 18. 



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103 

Begleitung sie sich auf Rennen, boi Premioren und sonst in der Offcnt- 
lichkeit zeigten, untereinander ihre ,,A 1 i b i b e w e i s e" zu neiinen. 
„Seit ich wissend bin**, schreibt ein hoher Staatsbeamter, „kJeido ieh die 
Freuiidschaft zu meiuer Frau in das (Jewand der Tiiehe und die Liebe 
zu meineii Lieblingen in das Gewand der Freundschaft, und so schroite 
ich mit einer Tauschun<; meiner Umgebung — urspriinglich selbst 
getauscht — weiter durcli das Lebon.** 

Der Unterschied zwischen den unerotischen Bezieliungen 
iiomosexueller Manner und Frauen zum a n d e r e n und den e r o t i - 
s c h e n zum e i g e n e n Geschlecht will ich an zwei historischen Bei- 
spielen des naheren ausfuhren. Michelangelos Freundschaft zur 
Marchesa Vittoria Colonna ist oft als erotisches Verhaltnis er- 
klart worden. G o 1 1 i 9) geht sogar so weit, zu behaupten, die an mann- 
liche Personen gerichteten Liebesbriefe des groBen Kiinstlors seion 
in Wirklichkeit fiir die ("olonna bestimmt gewesen, die Namen dor 
Freunde hatten nur die Bedeutung von De(*ka<lrossen und Mittels- 
personen. Auch die vertrauten Freundschaften Christines von 
Schweden mit so vielen beriihniten M a n n e r n ihrer Zeit gaben 
der Mitwelt AnlaC zu Pampldeten. Wer aber nur einigernial3en mit 
den psychologischen Unterschieden von Freundschaft und Liebe ver- 
traut ist, wird allein aus den hinterlassenen Briel'en der Konigin, 
von denen Archenholz 4 Biinde gesammelt hat, und den er- 
haltenen Gedichten Michelangelos leicht feststellen konnen, 
wie ganz anders die Gefiilde gewesen sein miissen, die Christine 
fiir die Gelehrten und Kiinstler empfand, mit denen sie in fiinf 
Sprachen korrespondierte, als die fiir ihr Hoffraulein Grafin E b b a 
Si)arre, die sie mit Satzen schloB wie: „ Adieu, Belle, adieu. Je 
vous embrasse un million de fois" oder „Adieu, vivez heureuse et 
souvenez vous de moi. Je vous embrasse un million de fois et vous 
prie, d'etre assuree, que je vous aime de tout mon coeur." Wie ver- 
scbieden die Briefe und Verse Michelangelos an Vittoria 
Colonna, die, wie Scheffler^^) bemerkt, bereits einc fromme 
Matrone mit „kaltem platonischen Lacheln** war, als der Siebenund- 
funfzigjahrige sie kennen lernte, dabei die einzige Frau, die in seinem 
Lcben eine RoUe spielte, und die seinen Freunden geweihten (iedichte, 
die liebestrunkenen, uberschwanglichen Sonette an Tom mas o C a- 
valieri, mit dem ihn ein 32 jahriges fcstes Freundschaftsverhaltnis 
verband ; die Briefe an den gleich empfindenden R i c c i o , auf dessen 
Liebling, den im 17. Lebensjahre verstorbenen Cecchino Bracci er 
riihrende Epitaphien verfaBt, die Liebeslieder an Febo di Poggio, 
von denen eines beginnt: 

„Vor Deiner Augen Pracht 

Sinkt jeder Blick, der Trotz ist iiberwundenl 

Wenn einer je den Freudentod gefunden, 

Geschieht's in solchen Stunden, 

Wo Schonheit unterliegt der Liebe Macht." 

Vergebens hat sich ein Groi3neffe Michelangelos bemiiht, 
den Text der Sonette einer ,, Revision** zu unterziehen, indem er den 
„Si^or** in eine ., Donna*' verwandelto. Die erst im Laufe des 
vorigen Jahrhunderts veroffentlichten Briefe Michelangelos ^^) haben 
den frommen Betrug der Neffen, der nioht vereinzolt in der Literatur- 



9) Gotti, Vita di M. A., Firenze 1875. 

i<i) Jahrb. f. sex. Zw. 11. Jahrg. pag. 257 8. 

") Wie Numa Pratorius erwahnt. ist ein groBer Teil der 
an M. - A. gerichteten Briefe noch nicht veroffentlicht. Wahrscheinlich 
liegt der Grund dieser Saumnis in dem allzu deutlichen Charakter 
dieser Korrespondenz. Jahrb. f. sex. Zw. XL Bd. pag. 25G. 



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104 

feschichte steht, zur Evidenz aufgedeckt. i*) Heute kann es keinem 
weifel mehr unterliegen, daB das, was Michelangelo fiir die C o 1 o n n a 
fiihlte, Freundschaft, und das, was er fiir Cavalieri empfand, 
Liebe war. Und ebenso daB Christine, die ebenso wie er un- 
vermahlt blieb, und die einst Oxenstierna i'), als er ihr ein 
Eheprojeki unterbreitete, antwortete: „Non sit alterius, qui suus esse 
potest**, fiir Manner Freundschaft, fiir Frauen Liebe 
empfand. Sehr fein charakterisiert der groBe Historiker Leo- 
pold von Ranke, der ihr in seinem Werke „Die romischen Papste 
in den letzten vier Jahrhunderten" ein besonderes Kapitel gewichnet 
hat, ihre Mannerfreundschaften in folgendem Satze: „Sie hatte deo 
Ehrgeiz, beriihmte Leute an sich zu ziehen, ihres Unterrichts zu 
genieBen — sie bemachtigte sich in kurzem der wichtigsten alten 
Autoren, und selbst die fiirchenvater blieben ihr nicht tremd. Im 
Jahre 1650 erschien Salmasius, endlich ward auch Cartesius 
bewogen, sich zu ihr zu begeben; alle Morgen um 6 Uhr hatte er die 
Ehre, sie in ihrer Bibliothek zu sehen; man behauptet, sie habe seine 
Ideen, ihm selbst zur Verwundening, aus dem Plato abzuleiten ge- 
wuBt. Es ifit gewiB, daB sie in ihren Konferenzen mit den Gelehrten, 
wie in ihren Besprechungen mit dem Senat die tJberlegenheit des gliick- 
lichen Gedachtnisses und einer kiihlen Auffassung und Penetration 
zeigt: „ihr Geist ist hochst auBerordentlich", ruft Naud&us mit 
Erstaunen aus. „Sie hat alles gesehen, alles gelesen, sie weiB alles." 

Zu einem Weibe allerdings ftLhlt sich der Homosexuelle 
in einer ganz besonderen Liebe hingezogen: zu seiner Mutter, 
und auch hier fehlt nicht die Analogic, die uns oft ein besonders 
inniges Verhaltnis zwischen der urnischen T o c h t e r und ihrem 
Vater zeigt. Das Attachement des Homosexuellen an seine 
Mutter ist so typisch, dafl die Freudsche Schule in diesem 
„Mutterkomplex" eine Ursache der Homosexualitat tat er- 
blicken wollen. Ich halte diese Folgerung fur einen 
Trug scblufi. Der Homosexuelle entwickelt sich nicht zum 
Uming, weil er sich schon als Kind zu der Mutter so stark 
hingezogen fiihlt, sondern friiher ahnend als wissend lehnt er 
sich in dem unbestimmten Geftihl seiner Schwache und Sonderart 
an die Mutter an, die ihrerseits, ebenfalls instinktiv^ ihn oft 
zu ihrem Lieblingskinde macht. 

Auch hier mogen einige Beispiele das eigenartige Verhaltnis illu- 
strieren. Zunachst eine Schilderung, die ich den Aufzeichnungen 
eines Homosexuellen entnehme, den ich zu begutachten hatte. Er 

^2) Vergl. Ludwig von Scheffler: M.-A. Eine Renaissance- 
studie. Altenburg 1892. — M.-A. Buonarotti; Epistolario pubb- 
licato da G. Milanesi 1888 und M.-A. Buonarotti di F. Par- 
lagroco. Napoli 1888. — Wilhelm Lang, Die Gedichte M.-A.'s. 
PreuB. Jahrbiicher 70. Bd. 4. Heft 1892. — Arch, di Psichiatr. XL 
3 — 4, 1890 und Cesare Lombroso: Entartung und Genie. Neue 
Studien. Deutsch von Kurella. Leipzig 1894. p. 24. — Anton 
Springer: Raffael und M.-A. 2. Bd. 3. Aufl. Leipzig 1896. 
p. 301. — Hermann Grimm: Leben M. -A.'s. 2. Bd. f. Aufl. 
Berlin 1894. p. 348 f. — Dr. Numa Pratorius: M. -A.*s Urning- 
tum. Jahrb. f. sex. Zw. IL Bd. p. 254 ff. 

13) Vergl. Dr. R. S c h u 1 z e , Das Pro jekt der Vermahlung Fried- 
rich Wilhelros von Brandenburg mit Cl^ristin^ vpn Scfeweden. 



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105 

hatte leichtfertige Handlungen begangen, die ihn mit dem Gesetz 
in KoDflikt brachten ; indem er diese auf den bedriickten Zustand 
zuruckfiihrt, in den er durch den Tod seiner Mutter versetzt war, 
schreibt. er: 

„ileine Mutter war mein Alles, sie war mein bester Freund, sie 
war das alpha und omega meines Lebens. Fiir sie hatte ich viele 
schone Plane geschmiedet, um ihr Alter zu verschonern . . . Da er- 
eignete sich die Katastrophe, die fast die Vernichtung meines Lebens 
bedeutete, der Tod entriB mir meine so innigst geliebte Mutter. Die 
Nachricht ihrer Erkrankung, die mich das Schlimmste befiirchten 
lieB, traf mich im Norden von Irland, und die Qualen, die ich in 
den zwei Tagen und zwei Nachten auf der Reise nach Deutschland 
ausstand, konnen keine Worte beschreiben. Leute verlieBen mein 
Coup^ in der Bahn, weil sie fiirchteten, ich konne wahnsinnig werden. 
. . . Ich pflegte meine Mutter Tag und Nacht drei Wochen lang, da 
entriB sie mir Gott, und ich blieo als einsamer Wanderer, an Leib 
und Seele gebrochen, zuruck. Dies war ein Schlag, von dem ich mich 
nie wieder erholen konnte. Ich kehrte des Vergessens wegen in 
meine alte Tatigkeit nach England zuriick, aber alles war umsonst. 
Vergessenheit gab es fiir mich nicht, der Schmerz nagte Tag und 
Nacht an meiner Seele und meinem Korper. Ich hatte alle Wider- 
standsfahigkeit verloren. So ging ich wieder nach meiner Heimat 
in das alte Familienhaus, wo meine Familie schon 100 Jahre gelebt 
hatte. Oft war ich dem Wahnsinne nahe und fiihlte mich nur etwas 
ruhiger auf dem Friedhofe an den Grabern meiner El tern. Da ich keine 
Ruhe fand, reiste ich. In alien Kirchen und Kathedralen der Stadte 
und alien Kapellen der Dorfer habe ich Gott fiir die Seele meiner 

feliebten Mutter angefleht. Der ewig qualende Schmerz iiber den 
od meiner geliebten Mutter hatte meine Nerven sehr angegriffen 

Durch diese heftigen Gemiitsbewegungen fiihlte ich mich wie gelahmt, 
mein Denkvermogen war wie paralysiert, ich verfiel in Triibsinn und 
Melancholie, obgleich ich mich oft anstrengte, mich aufzuraffen. Ich 
gab alien Briefwechsel auf, da niemand mich zu trosten vermochte. 
Als die Welt, die zwischen meiner Mutter und mir herrschte, erlosch, 
hatte das Leben kein Interesse mehr fiir mich." 

Bei dem Heterosexuellen, der das, was ihm die Eltern waren, 
auf die Kinder 'tibertragt, werden wir solchen Gefiihlsliber- 
schwang nur selten finden, bei dem Urning ist eine so starke 
Fixierung an die Mutter haufig. Wie zwanglos sie sich erklart, 
ohne dali wir notig haben, zu Inzesthypothesen unsere Zuflucht 
zu nebmen, moge das folgende Beispiel zeigen, das der Schrift- 
steller M. S., dem Leben foljgend, entworfen hat. 

„Der kleine muntere Jiinge, der gerne mit den kleinen gleich- 
altrigen Madchen spielte, mit ihnen sang und tanzte, aber die der- 
beren Knabenspiele scheute, wurde deswegen viel gehanselt. Er konnte 
so anmutig sein, daU ihn die Dienstmadchen oft in Miidchenkleider 
steckten, und wenn man ihm bei den Kindervorstellungen die Miidchen- 
roUen zuteilte, war er vollig in seinem Element. Der Vatcr ver- 
achtete ihn deswegen ein wenig, ihm war der jiingere Sohn in seiner 
flotten Knabenhaftigkeit lieber. Vor dem Zorn des Vaters fliichtete 
er zur Mutter, die ihn oft mit ihrem Leibe vor den Schlagen des 
Vaters schutzte. Der kleine Junge fUrchtete den Vater schon, wenn 
dieser ihn nur unzufrieden anblickte, seine Hiinde zittcrten und scino 
Seele bebte. Alles das sah die Mutter mit steigender Sorge. Oft saB 
der Jungo tiefbekiimmert da, er traumte offenen Auges und die 
Trauen flossert die Wangen herab. Tnmitten seines Kummers fuhlte 



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106 

er sich plotzlich umarmt, gekuBt, die Mutter hielt ihn fest um- 
schlungen; sie zog sein kleines Gesicht an das ihrige, und ihre Tranen 
flossen zusammen, bis sie ihn getrostet hatte, und seine Augen wieder 
lachten. Das waren unvergefiliche Momente im Leben des homo- 
sexuellen Kindes. Er spiirte, daB sein treuester Freund die Mutter 
war, und sein dankbares Herz malte sich aus, wie er sie beschenken 
und ehren werde, wenn er einmal groB sein wiirde; wie sie strahlen 
sollte neben ;ainderen Miittern. Sein ganzes Wiinschen und Hoffen 
drehte sich um sie. Ihretwegen machte er seine Schulaufgaben, ihret- 
wegen hxitete er sich, den Vater zu erziirnen; sie sollte nicht seinet- 
weffen gescholten werden. Sie zufrieden zu sehen, war sein Lebens- 
ziel. DaB sie es nicht war, fiihlte er, ebenso wie daB auch er daran 
mitschuldig flei, und mit verdoppelter Zartlichkeit hing er an ihr, 
der stillen Dulderin. 

Inzwischen ward er 16 Jahre, es reifte in ihm das Geschlecht, 
und eine verwirrende Unruhe erfaBte ihn. Die Kameraden erzahlten 
ihm gaJante Abenteuer. Nichts von allem, was sie gliicklich machte, 
verspiirte er. Er fiihlte sich vielmehr tief ungliicklich, als sein bester 
Freund ihn mit einem Madchen „verriet". Er fing an, sich iiber sich 
selbst klarer zu werden, und die erschreckende Erkenntnis, daB er 
sic]i seiner verirrten Gefiihle zu schamen hatte, machte ihn erbeben. 
Er wollte alles daran setzen, in die rechte Bahn zu kommen. Aber 
hier zu Hause konnte er mit seinem Geheimnis nicht leben; seiner 
Mutter, die er iiber alles liebte, wollte er das Herz nicht erschweren; 
er muBtc fort; so verlieB er das Elternhaus, ging in die Fremde, um 
sein Geschlechtsleben zu reparieren. In der Feme erhielt er die 
zartlichen Briefe seiner Mutter, an die er wie an eine Geliebte schrieb. 
Nach zweijahriger Abwesenheit kehrte er in die Heimat zuriick. Sein 
Leben entwickelte sich fortab unter den Augen der Mutter, in der 
er den Inbegriff aller Weiblichkeit sah. Seine Liaisons mit Frauen 
waren keuscn. Er verehrte sie und hatte das Verlangen, ihnen zu 
dienen. Friih ward er ihr Vertrauter, denn seine weibliche Seele 
machte ihn zu ihrem natiirlichen Genossen. Dennoch war er tief un- 

glucklich, da seine Gefiihle fiir sie sich nie in Sinnlichkeit umsetzten — 
ie geschlechtliche Anziehung blieb aus. Erst leise 
und immer lauter meldete sich die Sehnsucht zu sterben. Er war also 
nicht „geheilt", die arztlichen Beriihmtheiten mit all' ihrer Wissen- 
schaft hatten ihm nicht geholfen. Das wurde ihm GewiBheit, als 
ihn eines Tages heftige Leidenschaft, unzweideutige Liebe zu einem 
seiner Freunde erfaBte. Vergeblich suchte er dieses Gefuhls Herr zu 
werden, igegen das sich sein Sozialgefiihl straubte. Denn diese Nei- 

fung war verfemt. Und er brachte seine Liebe abermals zum Weibe. 
Tmsonst, er liebte das Weib nur platonisch, konnte es nicht 
anders lieben. Der aufreibende Kampf mit sich und dem Vorurteil 
der Welt, die ihn entehren wiirde, hatte sie die Wahrheit auch nur 
geahnt, machte ihn nervenkrank. Immer war es die Mutter, welch.e 
mit alien erdenklichen Mitteln ihn der Lebensfreude wiederzugeben 
suchte. Noch wuBte sie nichts. Sie war so diskret, offnete keinen 
seiner Briefe, drangte sich nicht in sein Geheimnis. Sie sah mit 
stummem Schmerz das Drama ihres Kindes und bewahrte es als tiefes 
Geheimnis selbst vor dem Gatten. Des Nachts, wenn sie den Solin 
schlafend jglaubte, wahrend ihr Mutterherz wachte, erhob sie sicli 
vom schlaflosen Lager, offnete leise die Tiire zu seinem Gemaclx, 
trat leise an sein Bett, das von einem Lichtstrahl der StraBenlaternen 
beschienen war, schaute ihm ins Gesicht, hauchte einen KuB a.uf 
seine miide Stirn, und ging dann an das Fenster, um mit gefalteten 
Handen ein stummes Gebet zum Sternenhimmel zu senden. Uann ent- 
fernte sie sich, wie sie gekommen war. Der Sohn hatte unter zittem- 
den Wimpem alles gesehen, er hielt an sich, um nicht in TrsLnen 
auszubrechen. 



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107 

Nach langem Kampfe hatte der Sohn der Stimme der Natur 
gehorcht — seiner Natur. Er hatte sich dem Freund anvertraut, 
den er inbriinstig liebte. Er zog ihn in das Haus seiner Eltern. Der 
Vater fiihlte sich vom Freunde seines Sohnes instinktiv abgestoBen. 
Er sail es nicht gerne, daB sein Sohn so groBen Wert auf dessen 
Naho legte, daB er ihm ein durch die Heirat seines Bruders frei- 
gewordenes Zimmer als Wohnraum einrichtete. Wieder war es die 
Mutter, die alles in Ordnung brachte. Sie kannte ihren Sohn, sie 
wuBte, daB ihr Kind keinen schlechten Instinkten folgte; sie ver- 
traute seinen Motiven, auch wenn sie die Handlung nicht begriff. — 
Eines Tages waren die beiden Freunde im Zimmer des Sonnes in 
der innigen Umarmung eines Abschieds versunken. Sie bemerkten 
nicht, daC jemand die Tiire offnete. Der Sohn erkannte noch den 
Schatteu seiner Mutter, als sie sich rasch zuriickzog, einen Schimmer 
ihrer feinen Seele, die er immer anbeten muBte, je mehr er die Zart- 
heit ihrer schmerzensreichen Liebe erkannte. — 

Die Mutter starb. Die Tage und Nachte, die ihrem schnellen 
Sterben vorangingen, fanden den Sohn ununterbrochen an ihrem 
Krankenbette. Er zitterte um dieses einzige Herz, das ihn verstatid, 
ohne je ein Wort dariiber zu sprechen. Wie erstarrt sah er den un- 
aufhaltsamen Verfall dieses kostbaren Lebens. Seine Augen waren 
fest auf sie gerichtet, wie um das enteilende Bild fiir immer fest- 
zuhalten; sie aber schaute mit unendlicher Giite auf ihn, dessen 
Hand sie festhielt, um sie mit Kiissen zu bedecken. Einen Augen- 
blick blieben sie allein. Da erhob die Sterbende sich von den 
Eissen, blicktc um sich, ob sie auch niemand anders horen konnte, 
und dann sagte sie zum Ohr des Sohnes geneigt : „GriiBe mir 
deinen Freund, sage ihm, daB ich ihn segne." Dann 
fiel sie in die Kissen zuriick. Es war das erste Mai, da5 sie es aus- 
spracb, wie tief sie in die Seele ihres Kindes geblickt hatte. 



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VIERTES KAPITEL 

Kindheit und Relfezeit urnischer Knaben und MSdchen. 

Frahdiagnose der Homosexaalit&t. 

Dfiis Zufiammengehorigkeitsgefilhl homosexueller Knaben zu 
heterosexuellen Madchen und homosexueller Madchen zu hetero- 
sexuellen Knaben, diese anfangs noch so unbestimmte Empfin- 
dung, „anders als die andern" zu sein, ist nichts lauSerlich 
Aufgesetztea, sondem der unmittelbare AusflulJ der femininen 
oder virilen Komponente im urnischen Kinde. Es ist ein 
Fehler vieler Forscher auf diesem Q^biete, dali sie das Ge- 
schlccliteleben vielfach als Erscheinung fiir sich, losgelost von 
der Pers5nlichkeit, untersuchen, mit der es in Wirklichkeit ganz 
untrennbar verbunden ist. Sciion in einer meiner ersten Arbeiten 
iiber diesen Gegenstand, in dem Leitartikel der Jahrblicher ftir 
sexuelle Zwischenstufen, schrieb ich: „Der homosexuelle Mensch 
darf nicht allein in seiner Sexualitat, er muli in seiner gesamten 
Individualitfit aufgefalit und erforscht werden. Seine geschlecht- 
lichen Neigungen und Abneigungen sind nur Symptome, se- 
kundM.re Folgeerscheinungen, das Primare ist seine 
Psyche und sein Habitus in ihrer Gesamtheit." 

Man hat demgegeniiber geltend gemacht, dafi den mannlichcD 
und weiblichen Einschlagen, auf die man bei der Beschreibung urni- 
scher Individualitaten den Hauptwert gelegt hat, ein so hoher dia- 
gnosiischei* AVert nicht beigemessen werden konne, da sich die meisten 
dieser Merkmale gelegentlich auch bei Nichturningen finden und an- 
dererseits Urninge sie nicht selten vermissen lassen. An der Tat- 
sache an sich, dafl namlich auch bei heterosexuellen Mannern dann 
und wann feminine Stigmata, etwa hohe Stimme oder Bartlosigkeit, 
und ebenso bei heterosexuellen Frauen virile Zeichen, wie Bartwuchs 
oder Mannerbecken, vorkommen, ist an sich nicht zu zweifeln, nur 
iibersieht man, daB es bei samtlichen Geschlechtscharakteren auch 
unter vollig normal sexuellen Verhaltnissen stets nur auf das durch- 
schnittliche MaB ankommt, daB der Begrif f der Norm hier mehr 
noch wie sonst nur ein relativer, also mit dem Begriff der 



1) J. f. sex. Zw., Jahrg. I, pag. 4ff. : Die objektive Diagnose der 
Homosexualitat. 



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109 

Mehrheit zusaznmenfallender ist. Daa ist begrundet in der sexuellen 
Variabilitat iiberhaupt, die ihrerseits allerdings eine absolute ist, 
da es zwei gleiche Sexualindividualitaten iiberhaupt nicht gibt. Vollig 
irrtiiinlich ist es, aus den Abweichungen von der Kegel einen SchluB 
auf die Ungiiltigkeit der Kegel iiberhaupt zu Ziehen. Nehmen wir 
ein Paradigpa: In den anatomischen Lehrbiichern heiBt es, daB die 
mittlere GroBe des Mannes 167, die des Weibes 156 cm betragt. Wie 
auBerordentlich haufig kommt es nun aber vor, daB bei einem Ehe- 
paare der Gatte kleiner ist als die Frau. Es scheint fast, als ob 
kleine, zierlich gebaute Manner sich morphotaktisch oft gerade von 
groB und stark gewachsenen Frauen angezogen fiihlen. Trotzdem 
ware es natiirlich toricht zu behaupten, der anatomische Satz: „der 
Mann ist groBer als das Weib" sei unrichtig. Die Kegel bezieht sich 
eben nur auf das Gewohnlichere und Haufigere. 

Jedenfalls erleichtern gynandrische Zeichen die Diagnose 
der Homosexualitat wesentlich. Dali meist nur einige Abwei- 
chungen vom Sexualtypufi vorhanden sind, kann den Arzt um 
80 weniger verwundern, als, wie wir wissen, niemals weder im 
BereicJi des Pathologisehen noch innerhalb der Breite des Physio- 
logificheu a lie Symptome einer Erscheinung vorhanden sind. 
G>3heii diejenigen zu weit, die aus dem Schwanken alterosexueller 
Mtrkniale, dem gelegentlichen Fehlen einzelner oder scheinbar 
aller ihre diagnostische Bedeutungslosigkeit folgern, so gehen 
nach der anderen Seite auch diejenigen in ein Extrem, die 
diesen Zeichen eine allzu spezifische Bedeutung zuschreiben, 
etwa meinen, je ausschlieBlicher eine f'rau homosexuell sei, 
um so viriler mtisse sie sein; mit der Homosexualitat einer 
Frau, der man nichts anmerke, konne es „nicht weit her" sein, 
oder die wie Ulrichs glauben, ein Homosexueller, der viele 
ieminine Zeichen hat, ftihle sich nicht zu jungen bartlosen; 
Leuten hingezogen, sondern nur zu reiferen, alteren Mannern. 
Alle diese mehr theoretischen Konklusionen halten gegeniiber 
einer ausgiebigeren praktischen Erfahrung nicht stand. Nur 
zeigt sJch bei gewissenhaf tester Priifung und Untersuchung der 
Homosexuellen, bei langerer Beschaftigung mit ihrem Zustand, 
daB die homosexuelle Frau in ihrem Gesamtstatus, namentlich 
dem psychischen, niemals den voU weiblichen Frauen gleicht, 
dafJ sie zwar wesentlich femininer als die viril 
homosexuelle Frau, aber nicht so feminin wie 
ein Weib ist, und daB es ganz ahnlich mit den homosexuellen 
Mfinnern ist. Auch hier gibt es viele, denen man auBerlich 
nichts anmerkt. BewuBt und unbewuBt erstreben die oneisten 
dies auch ; fast taglich richtet unter den Homosexuellen, die 
mich aufsuchen, der eine oder andere die Frage an mich, ob 
man ihm wohl „etwas ansehen** konne. Sehr oft ist dies zu 
verueinen, denn viele machen in der Tat zunachst einen ganz 
mftimlichen Eindruck. Siets wird aber auch bei ihnen der 



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110 

sorgsame Expert nach und nach zum mindesten psychische 
Zeithen finden, welche die tJbergangsstufe charakterisieren. Ich 
kenne hier keine Ausnahme. 

Ulrichs Angabe ist in diesem Punkte um so bemerkenswerter, 
als er, wie mir viele, die ihn personlich kannten, beispielsweise Mar- 
chese Persichetti, versicherten, keineswegs feminin wirkte. In 
„Inclusa"*) schreibt er: „Abge9ondert von der weiblichen Richtung 
unseres geschlechtlichen Liebestriebes tragen wir Urninge noch ein 
a n d e r e 8 weibliches Element in uns, welches, wie mir scheint, den 
positiven Beweis liefert, dafi die Natur in uns korperlich 
den mannlichen Keim entwickelte, g e i s t i g aber den weib- 
lichen. Dieses andere weibliche Element tragen wir in uns von 
unserer ersten Kindheit an. Unser Charakter, die Art wie wir 
fiihlen, unsere ganze Gemiitsart ist nicht mannlich, sie ist ent- 
schieden weiblich. Dieses innere weibliche Element ist auCerlich an 
uns erkennbar durch ein auBerlich hervortretendes weibliches Wesen. 
Nur insofern ist unser auBeres Wesen mannlich: als Erziehung, die 
stete Umgebung in der man uns aufwachsen lieB, und die soziale 
Stellung, die man uns gab, mannliche Manieren uns kunstlich aner- 
zogen haben." 

Wie die seelischen In- und Deklinationen sich bereits in 
friiher Jugend verraten — Westphal meinte, daU ihre ersten 
Anzeichen im a c h t e n Lebensjahr in die Erscheinung treten — , 
so ist auch der sexuelle Eigenstatus, namentlich in seinen 
psychischen Ztieen, meist lan^e vor der Pubertat bemerkbar. Er 
iat fur die Friihdiagnose sogar oft bezeiclinender als die Zu- 
und Abneigungen. Je mehr unsere Kenntnis der urnischen 
Natur sich erweitert, um so frtihzeitiger wird hier eine Er- 
kenntnis moglich sein. Es erscheint nicht ausgeschlossen — 
wenn schon es wohl vorlaufig noch gute Weile haben wird — , 
daU wir einmal dahin gelangen werden, an dem verschieden- 
artieren Plus oder Minus der Evolution bereits bei der Geburt 
die Angehorigen des dritten Geschlechts wie die der beiden 
anderen bestimmen zu konnen. Jedenfalls ware aber ein Ver- 
setzen des Ursprungs der ETomosexualitat in das achte Lebens- 
jahr ebensowenig gerechtf ertigt, wie ' ihre Zurtickf uhrung auf 
das fiinfte Jahr. — Magnan^) schrieb: ,,Die Verkehrung des 
geschlechtlichen Empfindens (inversion du sens genital) laacht 
sich schon in friiher Jugend, zuweilen vom ftinften Jahre 
an geltend, also bevor fehlerhafte Erziehung oder lasterhafte 
Gewohnheit den Menschen verderben konnen", — oder wie es 
einigo Autoren der Freudschen Schule tun auf das viert« 
Lebensjahr. 



2J K. H. Ulrichs, Inclusa, p. 26 f. 

*) Mag nan, Psychiatrische Vorlesungen, II./III. Heft iibersetst 
von Mobius, Leipzig 1892; II. aus dem Jahre 1887 stammende Vor- 
lesung S. 26. 



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Ill 

Ebenso scharfsinnig wie zutreffend bemerkte schon vor mehr 
als 20 Jahren von Schrenck-Notzing*): „Sehr wichtig 
fur die originare Anlage zur kontraren Sexualempfindung ist 
derNachweis, dali sich der weibliche Typus im mannlichen Kinde 
schon vor der Zeit der ersten sexuellen Regungen (vor der 
Pubertat) charakterologisch entwickelt hat, und daiJ 
aufl diesem weiblichen Charakter, als eine folgerichtige Teil- 
erscheinung, weibliches Geschlechtsgefiihl entstand ohne einen 
Zwang der auBeren Verkaltnisse**. v. Schrenck hielt, als er dies 
schrieb, diesen Nachweis nicht erbracht, heute scheint es mir 
sicher zu stehen, daU der Uranier von vornherein den Stempel 
seiner korperlichen und geistigen Eigenttimlichkeit tragt. Seine 
Besonderheit ist von frtihester Jugend vorhanden, wahrend sie 
bei anderen, trotz gleicher Erziehung und gleichem Milieu, fehlt. 
Jedcr Homosexuelle erinnert sich, daU er anders geartet war als 
die gewohnlichen Knaben. Sehr oft war ihm die Tatsache, 
wenn auch nicht die U r s a c h e , schon wahrend der Schulzeit 
klar. Weniger von ihm selbst, als von seinen Angehorigen und 
Pernstehenden wird in dieser Eigenart das Madchenhafte er- 
kannt. 

Wir geben einige Urteile der Umgebung wieder, die uns in groBter 
Mannigfaltigkeit vorliegen. Ein homosexueller Schriftsteller scnreibt: 
„Das Wort : ,Du warst besser ein Madchen geworden*, habe ich unend- 
lich oft horen. miissen. Als fiinf jahriger Junge nahm ich oft ein Tuch 
und schlug es um, so daU es schleppte, und sagte: nun bin ich ein 
Madchen; das war mein groBtes Vergniigen." Ein urnischer Chemiker 
berichtet: „Ich war als Kind sehr artig und habe im Gegensatz zu 
meinen Briidern von meinen Eltern nie Priigel bekommen. Onanie blieb 
mir bis heute unbekannt. Die wilden Knabenspiele waren mir zuwider, 
ich schloB mich mit Vorliebe an Madchen an und hatte deswegen v i e 1 
Neckerei und Spott zu erdulden; das war mir sehr un- 
angenehm, doch konnte ich nicht dagegen an. Ich liebte zu nahen, 
zu stricken, beim Eochen und Backen zu helfen und mich mit Bandern 
wie ein kleines Madchen zu schmiicken. Es ist mir noch jetzt sehr 
peinlich, wenn diese Jugenderinnerungen von Verwandten ausgekramt 
werden." Andere Mitteilungen von Urningen lauten: „Im Kadetten- 
korps hiefi ich die keusche Jungfrau." „In der Schule nannte man 
mich allgemein Fraulein." „Als ich 13 Jahre alt war, sagte unser 
Hausarzt, ich sei kein Kerl, sondern ein hysterisches Frauenzimmer." 
„Mein Vater rief mich immer Wilhelmine". „In der Tanzstunde 
uannten mich die Damen: Willy mit den Madchenaugen". ,, Schon 
zu Hause, wie spater in der vornehmen Gesellschaft fiihrte ich den 
Spitznamen: Baronesse". „Wenn ich einen Stein in die Luft warf, 
sagten die Jugendgespielen : ,Da Widdigs Jong wirft grad wie ein 
Madchen*." „Meine Mutter sagte von mir, ,er ist meine kleine Tochter*.** 
.,Von mir und meiner altesten Schwester hieB es stets, wir seien ver- 
wechselt worden". „Man meinte stets, meine Schwester hatte der 
Junge und ich das Madel werden sollen". „Als Kind hieB ich schon 
Mademoiselle". Urnische Damen berichten: „So lange ich denken 
kann, wurdc ich boy genannt". Eine andere: „Schon als Kind trug 

*; A. a. O. S. 194. Aus dem Jahre 1892. 

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112 

ich mit Vorliebe Miitze und Rock meines Vaters, kletterte auf die 
hoohsten Baume und wurde immer Junge gerufen". Eine Dritte: „Ich 
nierkte bereits im 6. Lebensjahr, daB ich anders war. Es wurde haufig 
gesagt: ,,an dir ist ein Junge verdorben". Eine andere: ,Jch zog 
Jungenspiele vor, besaB Bleisoldaten und einen Spazierstock. Beim 
Spielen war ich immer der Vater. Ich zog mich von der Schulzeit an von 
den Altersgenossinnen zuriick." Bemerkungen wurden gemacht: „Sie 
ist der reine Junge." Madchen fand ich entsetzlich dumm und laiig- 
weilig. Weibliche Kinderspiele verachtete ich. Die Knaben betrach- 
teten mich als zu ihnen gehorig. Man nannte mich bis zu meinem 
12. Jahre immer ,Willi*." Und noch eine andere teilt mit: 

„Ich zog heimlich die Kleider meines jiingsten Bruders an, schnitt 
kiihn entschlossen mein wundervolles Haar stb, nahm Cberzieher und 
Stock und musterte mich vor dem Spiegel, — die Mannertracht stand 
mir vortrefflich. Mein Kopf war so kostlich leicht und frei ohne die 
schweren Flechten, meine Muskeln fuhlten sich stahlhart an, und 
mit dem lastigen Mieder fiel jeder unertragliche Weiberzwang von mir 
ab. Ich fiihlte mich zum ersten Male ganz als Mann — es war ein 
Hochgefiihl ohne gleichen." 

Charakteristisch durch ihr weibliches oder mannliches Greprage 
sind oft die Kinderphotographieen der homosexuellen Manner 
und Frauen. 

Oft untersttitzen die Angehorigen die Veranlagung urnischer 

Kinder und beschaftigen sie dementsprechend. Die Vater fiihlen 

sich zu urnischen Tochtern besonders hingezogen — die Mutter 

verwenden hingegen ikre urnischen Sohne gern zu allerlei haus- 

lichen Beschaftigungen. Man glaube jedoch nicht, daB erst 

durch die Erziehung diese femininen oder virilen Eigenschaften 

hervorgerufen werden, bei einem nicht urnischen Knaben wiirde 

die Mutter tiberhaupt nicht seiche Verwendung versuchen. Wenn 

Krafft-Ebing in seiner Epikrise des Falles der Grafin 

Sarolta Vay schreibt: „eine Marotte des Vaters war es unter 

anderen, dali er S. ganz als Knaben erzog, sie reiten, kutschierea, 

jagen lieli, ihre Energie als Mann bewunderte, sie Sander nannte. 

Dagegen lieli dieser narrische Vater seinen zweiten Sehn in 

W^jiberkleidung gehen und als Madchen erziehen", so darf man 

zugunsten des Vaters annehmen, dali er vermutlich nur der 

ausgesprochenen Neigung und dem starken Drangen der Kinder 

all zu willfahrig entgegenkam. 

Auch Oskar Wilde soil, wie S h e r a r d berichtet, von seiner 
Mutter, die iibrigens viele virile Ziige aufwies, noch als groBerer Kna1:>e 
oft in Madchenkleidern gesteckt worden sein. Mir haben die Mutter 
von Urningen wiederholt oerichtet, wie ungliicklich ihre Kleinen waren, 
als sie „die ersten Hosen" erhielten, wie so nichts von Stolz in ihnen 
war, mit dem diese Umkleidimg echte Jungen erfiillt. 

Ulrichs*) erzahlt von sich selbst: „Sehr schmerzte es micli, 
als ich zuerst „Jungenszeug" anziehen muBte. Oft habe ich in jener 
meiner ersten Kindheit, wie man mir spater erzahlt hat, klagend und 
protestierend gesagt: ,Nein, ich will ein Madchen sein*. Ich bin cLa- 

*) U., Memnon, pag. 113/14. 

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113 

niaia nooli so idein gewesen, daB ich das Wort yMadchen' noch nicht 
einznal auszusprechen yermocht« und dafiir ,Madzeii' gesagt habe." 

Auch hier einige Beispiele elterlichen Nachlebens. 

£in junger Leutnant erzahlt: „Sobald ich dem Schul- 
zimmer entflohen war, elite ich zu meinen Freundiimen. Meine 
Mutter liebte es, mich zu ihren Greschalts^angen mitzunehmen 
udd fragte mich dann bei Einkaufen: wie mir dieses oder jenes 
gefiele. Bei jedem neuen Hute, den sich meine Mutter kaufte, wurde 
ich als ModeU verwandt, das heifit, mir wurden die verschiedenen 
Damenhiite auf den Kopf gesetzt und der mich am besten kleidete, 
den erkor meine Mutter fiir sich. „Du siehst wie ein kleines Madchen 
aus, sagte mir meine Mutter haufig bei der Hutprobe, schade, daB 
du keiu Madel geworden bist." Derselbe Gewahrsmann gibt noch 
folgende sehr bezeichnende Schilderung: „Mein Vater war Offizier 
und seinem Willen gemaB soUten seine drei Sohne auch Offiziere 
werden. Ich stand im 13. Lebensjahre, als ich zum Kadettenkorps ein- 
berufen wurde. Von meinen Vorgesetzten habe ich nur Gutes er- 
fahren, da ich selbst ein recht braver Schiiler war und zum Tadeln 
wenig Veranlassung bot. An den wilden Jugendspielen beteiligte ich 
mich wenig und nur auf hoheren Befehl, mein liebstes .waren Plauder- 
stiindchen mit gleichgesinnten Eameraden, die wilden mied ich, eines 
Tages aber konnte ich die Erfahrung machen, daB ein solch wilder 
Bursche eine besondere Zuneigung zu mir faBte, mich ofters mit 
Eleinigkeiten beschenkte und mir half, wo er helfen konnte, dabei 
bemerCte er, ich besaBe ein so „atherisches Wesen", das gefiele ihm 
so, er behauptete, ich duftete inmier nach Vanille. Im Singen war ich 
die Saule des Soprans, wie der Lehrer sich ausdriickte, una als in der 
Literaturstunde SchiUers Jungfrau von Orleans mit verteilten Rollen 
gelesen werden sollte, und es sich um die Besetzung der Jeanne d'Arc 
nandelte, da war mein Lehrer keinen Augenblick im Zweifel und 
iibertrug dieselbe mir unter allgemeiner Akklamation der Kameraden. 
Von da ab behielt ich im Korps den Titel: „Jungfrau von Orleans" 
Oder auch „Fraulein Johanna 1" Die Vorliebe der normalsexuellen fiir 
den umischen Mitschiiler, dessen weibliche Grundnatur sie instinktiv 
herausfuhlen, ist sehr charakteristisch ; so berichtet ein anderer Offi- 
zier, der aujt einer Ritterakademie erzogen wurde, daB, als er 13 Jahre 
alt war. fast alle alteren Knaben in ihn verliebt waren. 

In den Jugenderinnerungen einer homosexuellen Kiinstlerin heiBt 
ea: Von klein an habe ich nie Geschmack an den liblicben Puppen- 
spielen, am Kochen oder Mutter- und Kinderspielen gefunden. Icb 
kletterte lieber auf jede nur erreichbare Leiter, kroch in alle Korbe 
und versetzte durch mein „Schliddern" auf dem glatten FuBboden 
die Madchen in Schrecken. DaB ich haufig dabei tiichtig hinschlug 
und mehr als einmal blutende Hande und Kase davon trug, tat dem 
Vergnugen keinen Eintrag. Meine Puppen behandelte ich iuBerst non- 
cliamnt, sie lagen in alien Ecken und wurden selten hervorgeholt. Da- 
gegen bereitete mir ein kleiner Spazierstock, den man mir einmal 
schenkte, unglaubliche Freude. Ich war vielleicht vier Jahr alt; mit 
meinen kurzen Hosen und dem Enabenpaletot machte ich den Ein- 
druck eines kleinen Dandy, den Spazierstock am Arm, die rechte Hand 
in der Tasche meiner Matrosenkleider (die ich bis zu meinem 15. Jahr 
bevorzugte) ; ich werde nie vergessen, welches „Hochgef\ihl" sich mei- 
ner kleinen Eitelkeit bemachtigte, wenn ich auf diese Art ausgehen 
durfte. — 

Mit fiint Jahren schenkte mir auf unablassiges Bitten eine Kochin 
ein Gewehr. Ich riihrte von alien Geburtstagsgeschenken nichts an, 
stolzierte den ganzen Tag mit „Gewehr iiber" und konnte mich auch 
abends von dem Liebling nicht trennen. Auch spaterhin, bis in diese 
Tage hinein, spielten Waffen eine groBe Rolle in meinen Traumen ; ich 
Hirschfeld, Homosexualitlt. g 



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lU 

geriet spater haufig sehr heftig mit meinem jiingeren Bruder zusammeti, 
der sich das Wegnehmea seiner Pistolen, Sabel und sonstigen Armie- 
ruiigen nicht gefallen lassen woUte. . . . Gem setzte ich mir die 
Hiite meiues Vaters auf und machte ,,Papa" nach. . . . Bei Reisen 
an die See lieB ich mich in die Strandburgen als Mitglied eintragen, 
die von Einheimischen und Kurgasten gebaut und verteidigt wiirden. 
Ich kaufte mir einen kleinen holzernen Sabel, setzte meinen Siid- 
. wester nacb Art der Siidwestafrika-Kampfer auf und war bei all^ 
Geschrei und Getiimmel am lautesten. Meine Unbeliebtheit bei den im 
Umkreise unserer Tatenlust befindlichen Badegasten erhohte nur mei- 
nen Stolz. Ich veranstaltete auch oft Wettrennen, wobei es nicht 
ohue wilde Balgerei abging. — Mit 13 Jahren faBte ich den Plan, 
Zoologie zu studieren. Ein Onkel schenkte mir ein Werk — und nun 
begann ich lateinische Namen auswendig zu lemen, kannte jedes 
Tier, jede Gattung und fand ein groBes Vergniigen in der Vergleichung 
dieser und jener Arten und in der Erorterung von allerlei Kreuzungs- 
moglichkeiten. Ich legte mir auch eine Schmetterlingssammlung an 
und fing und praparierte die einzelnen Exemplare selbst. Die so- 
genannte Backfischliteratur fand ich langweilig und ich entsinne 
mich, daC ich einmal bitterlich weinte, als die Heldin ihrem von mir 
so bewunderten Herrengeist entgegen sich am Ende doch ihrem Helden 
ergab. Lieber las ich „Lederstrumpf", „Buffalo Bill" u. a. — Die Eolge 
dieser Lektiire war, daB wir unsere Zimmer in Rauberhohlen verwandel- 
ten und (Tberfalle inszenierten, wobei meine groBe Puppe die geraubte 
Jungfrau darstellte. Meine schonste Kindheitserinnerung ist ein Ferien- 
aufenthalt im Riesengebirge, wo ich im Knabenhemd und Hose die 
Berge durchstreifte. — Es ist eine eigene Sache um Kinderspiele, in 
ihnen liegt oft ein Orakel fiir das zukiinftige Leben." 

Von manchen Seiten, besonders von Tarnowsky, ist 
vorgeechlagen, Knaben, welche zu weiblichen Beschaftigungen 
neigen, recht zu vcrspotten, um so der Entwicklunghomosexueller 
Trie'be vorzubeugen. Es heiiJt die Macht der Erzielbiing weit 
iiberschatzen, wenn man annimmt, dafl dadurch eine so tief 
iu der Personlichkeit wurzelnde Triebkr af t nennenswert beeinf luflt 
wcrden konnte. Wir halten diese prophylaktischen Maflnahmen 
nicht nur fur wirkungslos, sondern auch fiir verhangnisvoll, weil 
si3 geeignet sind, das ohnehin schtichterne, empfindsame urnische 
Kind noch zaghafter und scheuer zu machen. Diese Kleinen 
epliren es instinktiv, dafl sie eigentlich weder zu den Knaben, 
noch zu den Madchen gehoren, ihr Selbstvertrauen leidet unter 
diesem Zwiespalte, sie nehmen alles tiefer und ernster als die 
glcichaltrigen Kameraden. Unter den jugendlichen Selbstmordern, 
die sich wegen gekrankten Ehrgeizes ein Leid an tun, befinden 
sich relativ viel urnische Knaben. Eine wohlbedachte Erziehung 
soil das psycholof^ische Erfassen der Kindesseele zur Grund- 
lagc haben, sie sollte individualisieren, indem sie die vorhandenen 
guten Keime in die rechten Bahnen leitet, die schlechten Anlagen 
liebevoU hemmt. Statt dessen werden in voUiger Unkenntnis 
der urnischen Kindesseele, welche sich schon deutlich von der 
Knabenseele durch eine grciflere Eezeptivitat, von der Madchen* 
seele durch starkere Produktivitat unterscheidet, viele Kcime^ 



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115 

dereu sorgsame Pf lege sich auBerordentlich verlohnen wlirde, mit 

einer das kindliche Zentralnervensystem oft schwer affizierenden 

Gewalt unterdrtickt. 

Die oft in hohem Grade vorhandene geistige Begabung bei 

urnischen Knaben wird durch eine gewisse Unsicherheit und 

Vertraumtheit, oft auch durch Zerstreutheit infolge allzii reger 

Phantasie beeintrachtigt, doch kommen die meisten reclit gut in 

der Schulo mit ; viele sind Primi ; eine besondere Vorliebe besteht 

f tir fichongeistige Facher, namentlich f iir Literatur, iGe- 

schichte und Geographie, auch fiir Musik und Zeichnen, etwas 

weniger fiir Sprachen, dagegen zeigen sich von 100 urnischen 

Kindorn 90 ungewdhnlich schwach fiir Mathematik veranlagt. 

Merkwiirdig erscheint es demgegenliber, dafl von den iibrig- 

bleibenden lOo/o jedoch 4 eine weit iiber dem Durchschnitt 

stehende mathematische Bef ahigung auf weisen. 

So schreibt ein urnischer Ingenieur: „Ich darf ohne Oberhebung 
sagcn, dafi ich als Knabe das DurchschnittsmaB sicherlich erheblich 
iiberragte. Ich war vor alien Dingen als guter Rechner und Mathe- 
matiker bekannt, und von den Kameraden war meine Hilfe bei ihren 
Arbeiten stark gesucht. Vokabein lernte ich spielend lejcht. Zu 
Hause zu arbeiten hatte ich nicht notig, ich lernte alles bei der ersten 
Durchnahme in der Schule. Das sogenannte Praparieren und Repe- 
tieren kannte ich nicht, ich extemporierte stets, ob es sich um 
lateinische, griechische, franzosische oder englische Klassiker haudelte. 
In Mathematik iiberraschte ich meine Lehrer haufig durch rasche 
elegante Losung der Konstruktionsaufgaben und fand ein groBes Ver- 

fnugen daran, meine Lehrer selbst gelegentlich „hineinzulegen". Den 
rimusplatz hatte ich bis in die oberen Klassen inne." 

Was die iibrigen Facher anlangt, so besteht um die Reife- 
zeit herum bei urnischen Knaben oft eine starke religiose 
Schwarmerei, zum Turnen mangelt es vielen an Muskelkraft und 
Mut, 4och wird dieser Ausfall oft durch Geschicklichkeit und 
astheiisches Wohlgef alien an den korperlichen tlbungen der 
Mitwirkenden und Eifer es ihnen nachzutun, ausgeglichen. Das 
Intercssc fiir den Unterrichtsgegenstand steht bei vielen im 
engsten Zusammenhange mit der Person des Lehrers. Wie sehr 
auch als Schulkind das urnische Madchen ein Pendant des 
urnischen Knaben darstellt, moge der folgende Bericht einer 
homosexuellen Frau veranschaulichen, die sich selbst als Privat- 
-gelehrte bezeichnet: 

„Ich will nicht behaupten, daC ich besonders gern lernte. Ich 
bewaitigte mein Pensum hauptsachlich aus Ehrgeiz. Das Arbeiten 
wurde mir leicht. Etwas einmal hciren oder einmal durchlesen, und 
die Sacho saB und blieb haften. Die schriftlichen Aufgaben schiittelte 
ich mir, sozusagen, aus dem Armel. Aber es ware oft auch das ein- 
malige Durchlesen unterblieben, wenn ich es iiber mich gewonnen 
hatte, in der Klasse einen anderen, als den ersten Platz inne zu 
haben. 

8* 



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116 

Wir hatten in unserem Stadtchen eine kleine Privatschule fur 
Knaben. Da dieselbe hauptsachlich auf besonderen Wunsch meines 
Vaters eingerichtet worden war, so wurde mir die Erlaubnis erteilt, 
an samtlicnen Unterrichtsfachern teilzunehmen. Das war etwas fiir 
mich. Natiirlich bestarkte mich das noch mehr in dem Glauben, daU 
ich „eigentlich" ein Knabe und kein Madchen sei. Nebenbei hatte ich 
Handarbeitsstunden, Eonversation in den neueren Sprachen usw. Es 
war indessen merkwiirdig, eine so gute Schiilerin ich in den Au^en 
meiner Lehrer war, eine ebenso unausstehliche, trotzige, eigensinnige 
gegeniiber den Lehrerinnen, fiir die ich nicht „8chwarmen" konnte. 
Und zu diesem Gefiihl rifi mich nur die 20jahrige Franzosin fort, weil 
— sie so wunderbar groBe blaue Augen, so herrliches schwarzes Haar 
hatte, iiberhaupt so schon war. Ich erfuhr bald, dafi die Offiziere 
der Residenz meinen Geschmack teilten, worauf ich nicht wenig stolz 
war. Als indessen einer derselben meine Angebetete als Gattin heim- 
fiihrte, hatte ich diesen am liebsten gefordert. Nichts konnte mich 
bewegen, zu der Hochzeitsfeierlichkeit, zu welcher ich geladen war, 
zu gehen. Ich schlofi mich den halben Tag iiber in mein Arbeitszimmer 
ein und stampfte von Zeit zu Zeit heftig auf den Boden. Damals war 
ich 14 Jahre alt. 

Im nachsten Monat soUte unser Elassenunterricht ein Ende haben. 
Die Knaben, meist alter als ich, hatten ihr Einjahrigen-Zeugnis ,4n 
der Tasche", und bezogen das Gymnasium einer groBeren Stadt. Und 
ich, die ich das beste Examen gemacht hatte? Ich wurde nicht auf- 

genommen, weil ich ein Madchen war. Das war die erste wirk- 

liche Enttauschung meines Lebens. Weinen las nicht in meiner 
Natur. Ich mufite handeln, trotzen. Ich wollte dennoch meine Abi- 
turientenpriifung bestehen, und noch friiher als meine Freunde. So 
verschaffte ich mir den Lehrplan des betreffenden Gymnasiums und 
arbeitete mit Hilfe meines Vaters nach demselben. 'Nebenbei trieb 
ich Musik, in welcher ich es jedoch nie zur VoUkommenheit gebracht. 
Fines Tages horte ich, dafi die ganze Stadt in Aufregung war, weil eine 
Dame aus der Gesellschaft, die mir sehr wohl bekannt, in dem jugend- 
lichen Alter von 18 Jahren ihr Lehrerinnenexamen gemacht habe. 
„Wenn es weiter nichts isti" dachte ich, ging zu der Vorsteherin der 
betreffenden Bildungsanstalt und lieB mien von dieser zunachst 
privatim priifen. Mir wurde der Bescheid, daB ich wohl die notigen 
Kenntnisse, aber nicht das vorgeschriebene Alter habe. Was tun? 
Warten hieB die Losung I Ich hatte mir nun einmal vorgenommen, auch 
dieses Examen zu bestehen. DaB man mir auBerdem, gleichfalls wieder 
privatim, die Abiturientenprufung abnahm — noch bevor meine 
fiiiheren Spielkameraden fertig waren — wurde mit vieler Miihe durch- 
gesetzt. Nun ging es in die Schweiz, um mich fiir das Universitats- 
studium zu immatrikulieren." 

ttber ihr Studentenleben fiigt diese Urninde dann nochi 
spater hinzu: 

„Wie ich das Studentenleben zugebracht? Nun, wie alle. In der 
ersten Zeit gebummelt, gekneipt, gespielt, die Freiheit in vollen Zugen 
ausgekostet, auf die Berge geklettert usw. 1 Ich bin eine enthusi- 
astische Naturschwarmerin, und eine schone Landschaft kann mich 
bis zur Trunkenheit begeistern. Der zweite Teil meines Universitats- 
programms hieB jedoch arbeiten. Ich hatte neben Astronomie und 
alten Sprachen die Medizin als Hauptstudienfach ergriffen und wollt-e 
auch hier meinen mannlichen Herren KoUegen nicht im Wissen und 
Konnen nachstehen. So machte ich denn ein recht gutes Examen 
und lieB mich als „Privatgelehrte" in einer der idyllischsten Gegenden 
rueines Vaterlandes nieder. wo ich vereint mit „Ihr*' noch heute ein 



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117 

Leben fuhre, wie es im Eden nicht himmlischer, nicht seliger sein 
kann." 

Um noch einmal kurz auf die Kinderspiele zuriickzu- 
kommen, so halte ich ihre Beschaffenheit fiir die Diagnostik 
sexueller Zwischenstufen von fast ebenso hohem Wert wie die 
Traume, wobei allerdings in Betracht gezogen werden mnB, 
dali manche Kinder zu Spielen neigen, die weder ein mannliches 
noch weibliches Geprage tragen, und daU es auch solche gibt, 
die tiberhaupt Spielen abhold sind. Ich mochte die Rasuistik 
dieses wichtigen Absohnitts noch mit Mitteilungen aus dem 
Leben zweier bekannter Urninge schlieBen, der Schilderung der 
Kinderspiele von U 1 r i c h s , den ich f tir den feinsten, klarsten 
nnd gewissenhaftesten Selbstbeobachter seiner eigenen urnischen 
Psyche halte, und der von Louise Michel, auf Grund deren 
Aufzeichnungen uns Karl v. Levetzow in den Jahrbiichern 
eine vortreffliche Charakterstudie geliefert hat. 

Ulrichs schreibt*): 

„Der Uming zeigt als Kind ganz unverkennbaren Hang zu mad- 
chenhaften Beschaftigtingen, zum IJmgang mit Madchen, zum Spielen 
mit Madchenspielzeug, namentlioh mit Puppen. Wie sehr beklagt 
ein solches Kind, dafi es nicht Knabensitte ist, mit Puppen zu spielen, 
daB der Weihnachtsmann nicht auch ihm Puppen bringt, und daB man 
ihm mit den Puppen seiner Schwester zu spielen verbietetl Solches 
Kind zeigt Wohlgefallen am Nahen, Stricken, Hakeln, an den weich 
und sanft anzufiBilenden Kleidern der Madchen, die es am liebsten 
selbst tragen mochte, an farbigen seidenen Bandern und Tiichern, 
von deneix es sich geme einzelne Stucke aufbewahrt. Den Umgang 
mit Knaben, deren Beschaftigimgen, deren Spiele, scheut es. Das 
Steckenpferd ist ihm gleichgiiltig. Am Soldatenspielen, dem liebsten 
Zeitvertreib der Knaben, hat es keinen Gefallen. Es flieht der Knaben 
Raufcreien, deren Schneeballwerfen. Am BaJlspiel findet es wohl 
Gefallen, aber nur mit Madchen. Auch wirft es den Ball mit der 
zarten und schwachlichen Armstellung der Madchen, nicht mit dem 
kraftigen Armgriff der Knaben. Jeder, welcher einen Urning als 
Knaben beobachten konnte und mit einiger Aufmerksamkeit wirklich 
beobachtete, wifd dies bestatigen oder doch ganz ahnliches. SoUte 
das alles Verstellun^ sein? Die geschilderten Eigentumlichkeiten habe 
ich an mir personlich schon langst nicht nur gekannt, sondem sie 
sind mir auch stets auffallend gewesen, ohne daB ich jedoch gerade 
etwas Weibliches in ihnen erkannt hatte. Im Jahre 1854 teilte ich 
dieselben auch einem meiner Verwandten mit, als etwas mir Auf- 
fallendes. was wohl mit meiner geschlechtlichen Natur zusammen- 
hanpen moge. Weil dieser jedoch mir diesen Gedanken ausredete, 
so fieB ich ihn fallen. Erst 1862 habe ich ihn wieder aufgegriffen ; 
weil mir namlich Gelegenheifc ward, auch andere Urninge zu beobachten, 
und ich den weiblichen Habitus merkwiirdigerweise bei alien sich 
wiederholen sah, wenn auch variierend in den einzelnen Ziigen. Auch 
bei den Weibem variiert ja der weibliche Habitus in den einzelnen 
Zi3gen. TTber mich selbst, als Kind von 10—12 Jahren, folgendes. 
Wie oft seufzte meine gute Mutter: „Karl, du bist nicht so, wie 
andere JungenI" Wie oft sagte sie wamend: „Wenn du nicht anders 



«) Ulrichs, Inclusa, pag. 27 ff. 

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118 

wirst, wirst. du ein Sonderling." Das KnabenmaBige, das einmal nicht 
in mir war, brachte alles Wamen, aller Zwan^, alles Animieren zur 
Teilnahme am Sohneeballwerfen usw. nicht m mich hinein. Ich 
war eben scbon ein Sonderling, namlich von Natur. — Als konnte 
durch kunstliche Gewohnung an Schneeballwerfen usw. das Knaben- 
maBige erzeugt werdeni und als ware nicht vielmehr die Antipathie 
gegen das Schneeballwerfen nur das Symptom einer anderen Indi- 
vidualitat. Dieses meines weiblichen Wesens wegen bin ich schon 
als Knabe mancher Demiitigung unverschuldet ausgesetzt gewesen. 
Als ich im Jahre 1844, I8V2 Jahre alt, das Gymnasium verliefi, mn zur 
Universitat abzugehen, sagte mir ■ beim Abschiede eine wohlmeinende 
altere Freundin: „Karl, werden Sie recht mannlichl" und ein Geist- 
IJcher: „Erhalten Sie sich Ihren kindlichen Sinnl" Mannlichkeit 
also haben beide in meinem damaligen Wesen nicht wahrgenommen. 
Als ich im November 1862 einzelne Ziige meines Wesens aufzeichnete, 
sie damals ausdriicklich als weiblichen Habitus bezeichnete, und die 
Aufzeichnung mehreren meiner Verwandten vorlegte, schrieb einer der- 
selben an den Rand hinzu: „Einen solchen weiblichen Habitus glaube 
ich an Earl allerdings stets wahrgenommen zu haben." 

Vergleichen wir nun damit, waa uns v. Levetzow aus Louise 
M i c h e 1 8 Kinderzeit berichtet '') : 

„In den Kinderspielen zeigte es sich schon. Keine Lieblings- 
puppe, keine Kuchengerate, kein Mutter- und Hausfrauenspiel, wie bei 
anderen kleinen Madchen. Sie ist ein rechter Wildfang und wenn 
nicht ein Buch oder GroBvaters Erzahlungen von der ersten Revo- 
lution das friihreife kleine Wesen an den Stuhl, in die Stube fesseln, 
tollt es durch Garten und Stalle oder zieht sich von einem Trofi 
gezahmter Tiere umgeben in die alte Turmstube des Hauses zuruck, 
wo es den Stiirmen und Gewittern lauscht und allerhand Buben- 
streiche ausheckt: so z. B. alle Taschen mit Kroten und Wasser- 
froschen anzufullen und sie unliebsamen Leuten zwischen die FiiBe 
zu werfen. Dann sind es wieder mit dem Cousin Jules Kletterpartien 
von Ast zu Ast in den hohen Baumen, die schlieBlich in einer 
wiisten Prugelei enden, weil Jules mit richtigem Instinkt heraus- 
gefiihlt hat, daB Louise „une anomalie" ist, und es ihr sa^. Eine 
beliebte Unterhaltung ist auch das Jagdspiel: Die Hausschweine stell- 
ten die Eber vor, und wir, mit brennenden Besen als Fackeln, gallop- 
pierten mit den Hunden hinterdrein und machten dabei einen Hollen- 
larm mit Schafertuten, die wir Waldhorner nannten. Meist endete 
es ,mit einem zwangsweisen Zuriicktreiben der Schweine in ihreu 
Stall; manchmal aber auch damit, daB sie in das Wasserloch des 
Kuchengartens plumpsten; sie grunzten verzweifelt, bia man sie wieder 
herauszog, und das war nicht immer leicht. Es muBten Leute mit 
Stricken dazu geholt werden, die dann auf uns schimpften. Ich 

fenoB ganz besonders den Ruf, „wie ein wildes Foh- 
en" zuspielen, berichtet Louise. Ihre Spielkameradschaft mit 
Jules entspricht genau dem Verhalten der Knaben in der vorpubischen 
Lebensperiode : „Vom Madchen reifit sich stolz der Knabe". Die em- 
steren Unterhaltungen, von denen uns Louise erzahlt, waren drama- 
tische Darbietungen : Die Ereignisse von 1793 oder die Verbrennung 
von Johannes HuB oder andere ahnliche Episoden gaben der Ge- 
schichto den Vorwurf ab. Louise spielte darin vorzugsweise „Manner- 
rollen". 

Auch die weibliche Eitelkeit fehlt ihr ganz. Sie lauft zerrissen 
herum, wie ein toller Junge, und es macht ihr Freude. „Meine Mutter 
war damals eine Blondine mit blauen, freundlichen, sanften Augen 
und langem, lockigen Haar, so frisch und hiibsch, daB ihre Freun- 
dinnen lachend behaupteten: „Es ist nicht moglich, daB das ha&- 

') Jahrb. f. sex. Zwischenst., Jahrg. VII, 1, pag. 345 ff. 

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119 

Jiche Kind von Ihnen ist." Ich fiir meine Person, groB, mager, zer- 
zaust, wild und wagemutig, wie ich war, sonnenverbrannt, und oft 
mit Rissen und Lochem in den Kleidern, die mit Nadeln zusammen- 
gesteckt waren, wurde mir vollstandig gerecht und es machte mir 
SpaB, daB man mich haBlich fand. Meine arme Mutter kriinkte sich 
oft dariiber." 

Gauz ahnlich ist die folgende Schilderung, die Anne v. den 
E k e n ■) von der Kindheit einer ihr bekannten Urninde gibt : 

„Sie ist als jiingste Tochter einer sehr strengen, aber ,,schrullen- 
haften** Mutter erzogen. Letztere beschaftigte sich viel lieber mit 
wissenschaftlichen Werken, als mit ihren Kindern und dem Haus- 
wesen. Die altere Tochter ist sehr weiblich und vollkommen normal. 
Die Jiingste hatte keinerlei Interesse fiir Puppen oder Madchen- 
spiele, sic sammelte Kafer, Eidechsen, Schlangen und alle raogliohen 
anderen Dinge, imi die sich sonst nur Knaben kiimmern. Sie stahl 
ihren bereits erwachsenen Briidern Zigarren, rauchte aber am lieb- 
sten eine Pfeife, die sie, in Ermangelung von Tabak, — mit ge- 
trockneten NuBblattern stopfte. Weibliche Handarbeiten waren ihr 
zu wider. Sie verschaffte sich ein vollstandiges Schreinerwerkzeug und 
verfertigtc allerhand Mobelstiicke. Mit Vorliebe strich sie auch Mauern 
und Gartenzaune an, und zwar volli^ kunstgerecht. . Als erwachsenes 
Madchen machte sie ganz allein weite FuBtouren durch die Walder, 
iibemachtete in Kohlerhiitten, Schafstallen oder Heustadeln, ohne jede 
Furcht. Als die gedachte junge Dame erwachsen war, hatte sie 
einen sehr mannlich gebauten Korper, starke Knochen, schmale Hiif- 
ten, flache Brust, br^ite Schultern und sehr groBe Hande und FiiBe. 
Das ProfiJ des Kopfes war sehr mannlich und energisch, das Organ 
auffallend tief. Niemals hat sie einen Mann geliebt, trotzdem sie 
nun schon 40 Jahre alt ist. Sie besitzt absolut keine weibliche 
Eitelkeit, Toilettenfragen sind ihr ein Greuel. Am liebsten ginge 
sie in Mannerkleidern. Sie hangt mit groBer Zartlichkeit an einer 
sehr weiblich veranlagten Dame, mit der sie nun schon seit Jahren 
zusammen wohnt und die sie vollstandig beherrscht — wie manche 
Manner ihre Frauen." 

Treffend wird in diesen Berichten die mangelnde Eitelkeit urni- 
scher Madchen hervorgehoben. Nicht ohne Grund sagt ein feiner 
Eenner der umischen Psyche: „Auf ein junges Madchen, welches bei 
einem Spiegel achtlos, ohne hineinzusehen, vorubergehen kann, wenn 
es sich ankleidet, auf einen Knaben, der mit groBem Vergniigen 
immer wieder zu demselben zuriickkehrt, muB man achthaben, denn 
beide verraten oft hierdurch friihzeitig ihre urnische Natur." 

In der Reifezeit zeigen sich bei urnischen Knaben und 

Madchen allerlsi von der Norm abweichende Erscheinungen. Der 

Stimmwechsel tritt oft tiberhaupt nicht ein, manehmal 

eiBtreckt er sich liber eine lange Zeit, nicht selten macht er 

sich verhaltnismaBig spat, mit 19 oder 20 Jahren, bemerkbar; 

sehr vielo haben nach der Mutation noch die Neigung, Sopran 

oder Fistelstimlne zu singen, andere, die nicht mutiert haben, 

sind imstande, durch methodische tlbungen ihr Organ wesent- 

lich zu vertiefen. 

So berichtet ein hervorragender urnischer Baritonsanger: „ Meine 
Stimmc hat nie einen merklichen Umschwung oder Obergang gehabt, 
mit 23 Jahren konnte ich Sopran singen und kann es noch heute 



») A. V. den Eken, 1. c. p. 18. 



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(30 Jahre), tiefere Sprech- und Singtone habe ich erst durch Schule 
uud Dbung erlangt. Wahrend die VergroBerung der Stimmbander 
ausblieb, vergroBerten sich in diesem Fall wahrend der Reife um 
80 mehr die Briiste, die, wie ich mich durch Inspektion nnd Pal- 
pation Gberzeugte, tatsaohlich einen weiblichen Charakter tragen. Oft 
werdeii junge Urninge wegen ihrer hohen hellen Stimme geneckt, 
80 echreibt ein urnischer Arbeiter: „Meine Stimme ist nicht ge- 
brochen, man nannte mich in Arbeiterkreisen mit 19 Jahren wegen 
meiner hellen Stimme: „Gretchen". Bei vielen bleibt die Stimme 
ohne mannliche Kraft. Wie Ulrichs in Memnon mitteilt, begegnete er 
einst in Miinchen einem 32jahrigen Urning^a) „von vorwiegend weib- 
lioher Erscheinung, die nur ein starker Bartwuchs virilisierte. Ihm ist 
die Luftrohre, soweit auBerlioh sichtlich, durchaus weiblich gebaut. 
Vom Adamsapfel ist, wenigstens auBerlich, keine Spur vorhanden." 
Dieser sagte ihm: „Bis zum 18. Jahre hatte ich eine sehr schone 
Mezzosopranstimme und sang oft und gern. Dann trat die Mutation 
ein, sehr schwierig, langer als zwei Jahre dauernd, wona-ch die 
Stimme beim Sprechen zwar tief, aber etwas 'belegt ward, wahrend 
die Singstimme ganz ausblieb. Allein sang ich seitdem oft „in 
der Fistel." Urnische Madchen bekommen zur Zeit der Pubertat 
oft eine tiefere Stimmlage. loh kenne einen derartigen Fall, wo 
ein Spezialarzt fiir Halskrankheiten, weil er einen Kehlkopfkatarrb 
annahm, mehrere Monate die Stimmbander pinselte. Eine urnische, 
jetzt 25iahrige Journalistin berichtet: „In der Reifezeit trat der 
Adamsapfel starker bei mir hervor. Ich bekam eine Singstimme, die 
sich nur bis zum zwischen der dritten und vierten Linie er- 
streckt, dagegen das tiefe des Basses lunfaUt. Ich pflege Lieder 
und anderes stets in einer tieferen Oktave des Soprans, auso im Tenor 
zu singen. Man sagt allgemein, ich hatte auch einen Tenorklang." 
Der Bartwuchs stellt sich bei urnischen Junglingen oft sehr spat, 
oft auch recht sparlich und ungleich ein. Dagegen ist hie und da 
bei urnischen Knaben ein mit Schmerzhaftigkeit verkniipftes An- 
schwellen der Bruste zur Reifezeit zu beobaohten. 

In Krafft-Ebings Psychopathia sexualis (S. 269) findet sich 
die Autobiographie eines urnischen Arztes, welcher vom 13. — 16. Jahr 
Milch in den Briisten hatte, die ihm ein Freund aussaugte, wahrend 
hingegen urnische Madchen haufig recht mangelhafte Brustentwicke- 
lung darbieten. Bei urnischen Knaben kommt nicht selten ein be- 
sonders iippiger, an das Weib erinnemder Wuchs des Haupt- 
h a a r e s vor, hingegen weist die Korperbehaarung urnischer 
Madchen oft virile Anklange auf. Von pathologischen Storungen 
findet man bei urnischen Jiinglingen verhaltnismaBig haufig M i g r a n e 
und Chi prose, zwei Krankheiten, von denen sonst mehr das weib- 
liche Gesohlecht heimgesucht wird. Bei urnischen Madchen findet 
man im Gegensatz hierzu die Pubertatsanamie auBerst selten, jedoch 
tritt : nicht selten die Menstruation bei ihnen verhaltnismaBig spat 
ein. vor allem bei den virileren homosexuellen Frauen. So berichtet 
N a c k e ^) von einer 32 jahrigen Zahnarztin : 

„Sie war schon zweimal verlobt gewesen, im letzten Augenblicke 
aber dem Brautigam entlaufen. Manner geliebt hatte sie nie, nur 
Frauen. Mit 17 Jahren bekam sie zuerst die Regel und 
seitdem hat sie diese nur einmal im Jahre. Wie die 
Arzte festgestellt haben soUen, ware der eine Eierstock atrophisch.** 
Auch von der Sarolta Vay berichtet Krafft-Ebing: „Die 

■a) Ulrichs, Memnon pag. 124. 

^) N a c k e (kriminologische und sexologische Studien. Zum Kapi- 
tel der Transvestiten nebst Bemerkungen zur weiblichen Homosexusui- 
tat. pag. 262). 



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Menses stellten sich erst mit 17 Jahren ein, verliefen immer schwach 
und ohne Beschwerden." 

Man wendet auch hier ein, dafl alle diese Abweichungen 
vom Sexualtypus in der Kinder- und Reifezeit noch keinen 
fiicheren Schlufl auf Homosexualitat zulassen, daU diese Lebens- 
periode ohnehin in geschlechtlicher Hinsicht indifferenziert ist, 
dalJ flicherlich oft Knaben und Madchen, Jtinglinge und Jung- 
frauen vorkommen, die trotz starker Androgynie und sexueller 
Inkongruenzen spater voUig heterosexuell werden. Namentlich 
diirften die der Homosexualitat verwandten Cbergangsformen 
in der Kindheit oft ahnliche Vorstadien wie die Homo- 
sexualitat aufweisen; so zeigen auch der Transvestit und die 
Transvestitin oft schon in friiher Jugend ihrem Geschlecht 
nicht entsprechende Ziige, und sicherlich werden auch manche 
Passivisten, Succubiaten, Masochisten echon als Knaben nicht 
sehr mannlich, weibliche Aktivisten, Incubisten, Sadisten in 
ihrer Madchenzeit nicht sehr weiblich gewesen sein, wiewohl 
sie nachher das andere Geschlecht lieben, also heterosexuell 
geartet sind. In solchen Fallen pflegt dann aber das Verhalten 
zu den beiden Geschlechtern anders zu sein als beim urnischen 
Kinde. 

EiDS kann jedenfalls als sicher gelten. 1st ein Kind urnisch, 
so entwickelt sich aus ihm ein homosexueller Mensch, und 
zwar mit derselben unabanderlichen Notwendigkeit, mit der 
sich aus dem „Normalkinde" ein heterosexueller Mensch ent- 
wickelt. So steigt die urnische Personlichkeit als ein Ganzes 
elementar aus der Tiefe der Individualitat empor. Waren die 
gleichgeschlechtlich en^findenden Menschen nur in der Jlich- 
tung des Geschleohtstriebs und sonst korperlich und seelisch 
in nichts von dem Durchschnitt der heterosexuellen Menschen 
unterschieden, waren die urnischen Manner ebenso von Mann- 
lichkeit erflillt wie die heterosexuellen Manner und Frauen, 
dann waren sie in der Tat die monstrosen Erscheinungen, als 
welche sie heute noch so vielfach gelten. Da dies aber nicht der 
Fall, haben wir alien Grund, eine mit aidh selbst in so weit- 
gehender tJbereinstimmung stehende Erscheinung als eine 
Variante des genus homo sapiens, als eine tJbergangsstufe anzu- 
sehen, wi:5 solche in der Natur nirgends fehlen. Freilich diirfen 
wir uns hier bei der Beurteilung der Personlichkeit als einer 
Einheit nicht an einen einzigen Teil halten, der, wenn er auch 
der Geschledhtsteil ist, doch immer nur ein Teil bleibt. 

Andererseits ist hinsichtlich des Pubertatsverlaufs kontrarsexuel- 
ler Personen allerdings nicht auCer acht zu lassen, daC ohnehin bis 
in die zwanziger Jahre hinein psychisch und physisch die Jiinglinge 



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122 

eine sichtlich weibliche, die Madchen eine puerile Beimischung zeigen: 
erstere tritt beispielsweise in der Bartlosigkeit, der noch nicht stark 
entwickelten Muskulatur dem sehr empfanglichen und oft ausge- 
sprochen sanften Gemiite des Junglings zutage, wahrend die virile 
Note beim Madchen (im Backfischalter) in den noch schwach ent- 
wickelten Briisten und Hiiften, der fehlenden Fettbildung, sowie einer 
stark eren Agilitat und Aktivitat des Charakters und Geistes zum 
Ausdruck kommt. Es ist wohl denkbar, daiJ mit dieser gleichzeitigen 
Bisexualitat des Korpers, Geistes und Geschlechtstriebes die Natur 
ausdriicken wollte, daC der Jiingling und die Jungfrau in dieser, 
fiir die Ausbildun^ und Vervollkommnung ihrer eigenen Individualitat 
so eminent wichtigen Lebensperiode sich noch nicht in den Dienst 
der Zeugung stellen soUten, daB ihnen vielmehr auch die Moglichkeit 
gegeben ist, durch Anlehnung an eine sie liebende und leitende Person 
desselben Geschlechtes geistig empfangend ihre indifferente Ge- 
schlechtssehnsucht zu befriedigen. Ich kann mir wohl vorstellen, 
daB spatero Zeiten, in denen die gleichgeschlechtlich liebenden Men- 
schen von der Verkennung, Verachtung, Verfolgung und dem Vorwurf 
der Verfiihrung befreit sind, unter denen sie jetzt noch schwer zu 
leiden haben, ahnliche Probleme aufwerfen und in den Kreis ihrer 
Erorterungen Ziehen werden, Zeiten, in denen man dem Ausspruche 
Nietzsches mehr Rechnung tragen wird, der lautet : „Bs ist mehr 
Vernunft in deinem Leibe, als in dei^er letzten Weisheit." 

Jedenfalls soUten wir eine Naturerscheinung nicht deshalb als 
„wider die Natur" proklamieren, weil sie sich anscheinend nicht in 
das Weltbild hineinfiigt, das wir nun gerade fiir das natiirliche halten. 
Mit der Vorstellung, dafi die Homosexualitat etwas Naturwidriges 
Oder Widernatiirliches sei, hangt nun aber auch die Auffassung zu- 
sammen, die selbst unter Fachgelehrten noch weit verbreitet ist, daC 
der Geschlechtstrieb aus dem Stadium relativer Indifferenziertheit, 
die ihn bis in die ersten Jahre nach der Reife charakterisiert, 
durch auBere Einwirkungen nach der homosexuellen Richtung ab- 
gelenkt werden konnte, oder dafi es sogar regelmafiig auBere 
Einwirkungen dieser Altersperiode sind, die hierfiir entscheidend sind. 
Trafe das wirklich zu, dann wiirde der Geschlechtstrieb eine Aus- 
nahmestellung unter den iibrigen Geschlechtscharakteren einnehmen. 
Entwickeln sich doch alle, von den eigentlichen Genitalien bis zu 
den Briisten der Frau und dem Barte des Mannes aus der bisexuellen 
Anlage durch ein indifferenziertes Stadium hindurch endogen, mjig 
diese Prazisierung nun in das intrauterine Leben oder erst in die 
Jahre der Pubertat fallen. 

Ware eine • solche Ausnahmestellung des Geschlechts t r i e b e s 
an sich schon unwahrscheinlich, so sprecnen auch die Tatsachen, die 
sich dem Beobachter natiirlich nur aus der Erfahrung des Lebens 
und der FuUe des Materials erschlieBen konnen, entschieden da- 
gegen. Es kann an sich nicht bestritten werden, daB es auch fiir den 
Geschlechtstrieb ein Stadium der Indifferenziertheit gibt, wenn auch 
schon in diesem Stadium die der Personlichkeit adaquate Triebrich- 
tung deutlich fiir den tiefer dringenden zum Ausdruck kommt. DaB 
diese sich durch auBere Eindriicke in ihrer Entwickelung nicht auf- 
halten oder ablenken laBt, das beweisen die zahllosen Falle, in 
denen bei normalgeschlechtlichen Jiinglingen und jungen Madchen, 
die jahrelang, sei es aus eigenniitzigen Motiven oder aus selbstloser 
Freundschaft, Anhanglichkeit, Verehrung, Dankbarkeit — a u s - 
schlieBlich homosexuellen Geschlechtsverkehr unterhalten haben, 
mit dem Zeitpunkte der abgeschlossenen Entwickelung der praformierte 
heterosexuelle Trieb unwiderstehlich zum Durchbrucn kommt, der sie 
nicht sei ten aus den Armen des Freundes und der Freundin in die 
der Gattin und des Gatten treibt. 



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123 

Umgekehrt verkehren viele jugendliche Homosexuelle viele 
Jahre lang in Unkenntnis ihrer eigentlichen Veranlagung ausschlieC- 
lich nonnalgeschlechtlich, bis auch bei ihnen die eigentliche Trieb- 
richtung mit elementarer Gewalt diirchbricht. Die auslosende 
Ursache ist meist die Begegnung mit einem adaquaten Sexualobjekt, 
niemala aber kann diese selbst den eigentlichen G r u n d der homo- 
sexuellen Triebrichtung bilden. Wirken doch wahrend der Entwicke- 
lung jedes einzelnen so mannigfache sexuell^ Anreize auf ihn ein, 
daU der Sexualitat reichlich Gelegenheit geboten ist, auf die ihr ada- 
quaten zu reagieren. 

Der oberflachliche Beobachter ist leicht geneigt, von dem 
Zeitpunkt an, in dem im Subjekt diese Reaktion auf ein ein- 
drucksfahiges Objekt eintritt, die Homosexualitat zu datieren, 
indem er die Wirkung als die Ursache nimmt. Tatsachlich -aber 
kann der adaquate AuBenreiz nur dort wirken, wo er in einem 
Menschen eine adaquate Aufnahmestelle trifft. Der inadaquate 
Roiz hingegen gleitet reaktionslos ab. 

Das Gesagte zusammenfassend geben /wir folgende t)ber- 
sicht der Wahrscheinlichkeitsdiagnose des urni- 
schen Kindes. 



I. Eigenstatus: 



Urnischer Knabe: 
Er bevorzugt Madchen- 
spiele, meidet ausge- 
sprochene Knabenspiele, 
hat viel Madchenhaftes 
ipi Charakter und Be- 
nehmen, haufig auch 
im Aussehen (Beraer- 
kungen der Uragebung: 
„er ist das reine Mad- 
chen"). 

II. Verhalten Er befindet sich lieber 
gegeniiber dem in Gesellschaft vonMad- 
andern Ge- chen. 
schlecht. Seelische Fixierung an 

die Mutter. 



m. Verhalten 
gegeniiber dem 
eigenen Ge- 
schlecht (unbe- 
wu6t erotisch ge- 
farbt). 



Instinktive Zuriickhal- 
tung^und Schamhaftig- 
keit gegeniiber Knaben. 
Oft sch warmerischeVer- 
ehrung eines Lehrers 
oder Mitschiilers. 



Urnisches Madchen 
Sie bevorzugt Knaben- 
spiele, hat Abneigung 
gegen weibliche Hand- 
arbeiten, Naschereien 
usw., viel „Knabenhaf- 
tes" in Wesen, Be- 
wegungen, oft auch im 
Aussehen (Beraerkun- 
gen: „sie ist wie ein 
Junge"). 

Sie tummelt sich lier 
ber mit Knaben. 
Innigeres Verhaltnis 
zum Vater. 



Die Schamhaftigkeit ist 

gegeniiber Madchen 

groBer. 

Haufig Schwarmerei f ilr 

eine Lehrerin, Mitschii- 

lerin oder eine andere 

weibliche Person. 



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124 

Jedes dieser Symptome beweist flir sich noch keine Homo- 
flexualitSt; finden sich aber bei einem heranwachsenden Knaben 
Oder Madchen alle Punkte gemeinsam vor, so kann man init 
einer an Sicherheit grenzenden Wahrscheinlichkeit annehmen, 
daD es sich um einen Uming oder eine Urninde handelt. 



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FCNFTES KAPITEK 

Die Diagnose der mMnnlichen und weiblichen Homosexualitit 

Sexaelle Inkongraenzen. 

a) Andersgeschlechtliche Einschiage auf kOrperlichem Gebiete. 

a. Genitalapparat. 

Wenden wir uns nun der Erorterun^ der Frage zu, ob 
und inwieweit die Geschlechtscharaktere erwachsener mann- 
licher und weiblicher Homosexueller von dem heterosexuellen 
Durchsclmittstypus abWeichen, so empfiehlt es sich, mit den 
markantesten Geschlechtsunterschieden beginnend, allmahlich auf 
die weniger scharf differenzierten iibergehend, ein Sttick nach 
dem andern zu untersuchen. Wir gehen dabei von der Grund- 
ansehauung aus, daB ein Wesen, das mannliche Keime und 
Keimstocke : — Samen und Hoden — besitzt, als ein mannliches, 
jedes, das weibliche Keimzellen, Eier und Eierstocke, Ovarien Ihat, 
als weibliches anzusehen isjb, woUen aber hier gleich auf den 
extremsten Fall hinweisen, daB bei einer auBerlich voUig weib- 
lichen Person, die, well sie nur Frauen liebte^ als homosexuell 
gait, Spermasekretion aus der Harnrohre ermittelt wurde, ein 
Fall, auf den wir bei der Differentialdiagnose von Homosexuali- 
tat und Hermaphroditismus noch zuruckkommen werden. Der 
erste Abschnitt, mit dessen Beschaffenheit bei Homosexuellen 
wir uns zu beschaftigen haben, ist der Genitalapparat. 

Er zeigt bei urnischen Mannern und Frauen keinerlei 
nennenswerte Abweichungen von der Norm. Testes, prostata 
und penis sind bei Umingen nach Form und GroBe genau so be- 
schaffen, wie bei Heterosexuellen. Die Mitteilung von Havelock 
Ellis, daB die Geschlechtsorgane Homosexueller bei beiden Ge- 
schlechtern zuweilen ubermaBig, haufiger noch ge ringer ent- 
wickelt seien als in der Norm „mit einer leichten Annaherung 
an den Typus des Kindes", konnte ich auf Grund nieiner Be- 
obachtungen nicht bestatigen. Regelwidrigkeiten wie Kryptor- 



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126 

ohismus und Phimose kommen gelegentlich vor, anscheinend aber 
nicht haufiger als bei Heterosexuellen. Phimose ist vielleicht 
ein wenig mehr verbreitet. Eine Reihe von Fallen kenne ich, 
in denen Homosexuelle sie beseitigen lieBen, in der Annahme, 
durch den Eingriff beim Weibe potent zu werden. Doch hatte 
das keinen EinflulJ. Azoospermie und Aspermie scheint sehr 
selten zu sein. 

Bernhardi, 1) der den Samen von vier passiven Homosexuellen 
zu untersuchen Gelegenheit hatte, woUte gefunden haben, dafi „nicht 
nur durchaus jede Spur von Spermatozoen fehlte, es mangelte auch 
das Sekret der Samenblaschen, was durch das Nichtvorhandensein 
der Spennakristalle klar erwiesen war. Die entleerte Fliissigkeit, der 
der Name Same in keinem Falle zukam, war hellweifi, fast durchsichtig, 
wenig schleimig und gelatinierte selbst nach langerer Zeit nicht voll- 
kommen." Anderweitig ist diese Angabe jedoch nicht bestatigt. 

In einieen Fallen besteht Aspermie; in den „Geschlechts- 
iibergaugen" nabe ich das Bild eines Gynakomasten gebracht, der trotz 
starker libido auf den Vollmanntypus im Orgasmus noch nie eine 
Ejakulation hatte. Im 28. Jahre stehend hatte er bisher n\ir drei- 
mal eine geringe Schleimabsonderung, und zwar stets im Schlaf. 
Ich kenne noch zwei weitere Falle von alteren Urningen, bei denen 
niemals eine Ejakulation — trotz libido und Orgasmus — statt- 
gefunden hat. 

Auch unter dem Mikroskop unterscheiden sich die Sperma- 
tozoen Homosexueller nicht von denen Heterosexueller, ni5glich, 
da6 eiumal eine weitere Verbesserung optischer oder sonstiger 
Hilfsmittel qualitative Differenzen erkennen laflt. Bisher sind 
solche jedenfalls an den Keimzellen selbst nicht nachweisbar. 
Epispadia sah ich in keinem Fall. Hypospadie ist auBerordent- 
lich selten, ich fand sie relativ haufiger bei Heterosexuellen 
als bei Homosexuellen. VoUkommen falsch sind die Angaben 
der alteren Literatur tiber eine besondere Beschaffenheit des 
Penis bei Homosexuellen. 

Sie stiitzen sich besonders auf Tardieu,*) der auf Grund von 
133 Beobachtungen den Penis der Homosexuellen wie folgt beschreibt: 
„nach vom zugespitzt, hundepenisartig, hinten dick, vorn diinner 
werdend : iiberhaupt ist er im groBen und ganzen bei aktiven Paderasten 
schwach, bisweilen gleichsam ein wenig gedreht, gewunden, so daU 
das Orif icium urethrae seitwarts gestellt ist. Trotzdem hereits Cas- 
per und L i m a n diesen angeblichen Erkennungszeichen jede Be- 
deutung abgesprochen haben, gibt es noch jetzt gerichtliche Sachver- 
standige, die ihnen einen Wert beilegen; so auBerte sich in dem 
ProzeB des wegen Mordes angeklagten Radfahrers B r e u e r in Trier 
ein alterer Arzt, daC er aus dem nach vorne zugespitzten Penis des 
Ermordeten und dem anus infundibuliformis B r e u e r s (den ich bei 
der von mir vorgenommenen Nachuntersuchung nicht bestatigen. 
konnte) annehme, daB zwischen dem Verstorbenen als aktivem und dem 



^) Bernhardi, W., Der Uranismus, Losung eines mehrtausend- 
jahrigen Ratsels, Berlin 1882. p. 27. 

*) T a r d i e u , Etude m^dico-legale sur les attentats aux moeurs. 
Paris 1858. 



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127 

Angeschuldigten als passivem Paderasten ein analer Verkehr bestanden 
habe. Auch die Angabe Coutagnes^), dafi bei aktiven PaderasteD 
eine ringformige Furche an der Grenze des vorderen und mittleren 
Dritt-el der Eichel vorkomme, ist nicht ernst zunehmen. 

In dem gleichen MaUe wie das hundepenisartige Glied h.-s. Manner 
ist die keulenf onnige Clitoris h.-s. Frauen, von der Mantegazza 
spricbt, ein Phante.sieproduckt. Martineau*) geht sogar noch 
weiter, er gibt an, dafi die Clitoris der Lesbierinnen „derartig volu- 
minos und vorspringend sei, dafi sie einen Hocker vom Volumen des 
Daumens eines erwachsenen Menschen bilde".' In einem Fall will 
er sogar eine Clitoris von Kleinfingerlange beobachtet haben, wahrend 
Parent-Duchatelet solche von Zeigef ingerdicke and 7 — 8 cm 
Lange beschreibt, und Moreau de Tours (in „ Aberrations du sens 
g^nesique**) eine von PenisgroBe. Forberg*) zitiert Nicolas Ve- 
nette, nach welohem ein gewisser Plater bei einer Frau eine 
Clitoris von der Lange eines Gansehalses beobachtet haben will. 

Alle diese Deformitaten haben^ soweit sie nicht iiberhaupt 
in das Reich der Fabel gehoren, mit der Homosexualitat, mit 
der sie in Zusammenhang gebracht warden, an sich nichts zu 
tun. Es sind vielmehr, ahnlich wie die Hypospadia des! Mannes, 
pseudohermaphroditische Entwicklungsanomalien, die 
mauchma], aber nach meiner Erfahrung nur auDerst selten, mit 
homosexuellem Empfinden vergesellschaftet sind. 

Der Fall Martineaus, in dem die Clitoris einer Lesbierin 
fast durchbissen war, so dafi er grofie Miihe hatte, die Blutung des 
gefafireichen Organs zu stillen, stellt sicherlich ein sehr vereinzeltes 
Vorkommnis dar. 

Fur vollends hinfallig halte ich die Hypothese Mantegazzas 
and anderer, dafi sich die urspriinglich normale Clitoris erst durch 
den weiblichen Verkehr selbst so enorm ver^rofiert und deformiert hat. 
Martineau unterscheidet von diesem Gesichtspunkt aus die Clitoris- 
defonnierung infolge von Mzisturbation und Sapphismus (la deformation 
clitoridienne, r^smtant de la masturbation ou du sapphisme) von 
der physiologischen (malformation physiologique, s'il n'y a ni mastur- 
bation ni sapphisme) und gibt eine getreue Schilderung, wie man beide 
Arten voneinander unterscheiden konne. Da unseres Erachtens die 
„pby8iologische" Clitoris permagna mit Homosexualitat nichts zu tun 
bat, die artifizielle aber kaum je vorkommt, eriibrigt es sich, auf 
diese differentialdiagnostischen Spitzfindigkeiten einzugehen. Auch die 
sonstigen Angaben iiber Genitalveranderungen bei homosexuellen 
Frauen, die sich zum Teil auch Rohleder zu eigen macht — die 
blaulicli und rotlich verfarbte vulva und vagina, die hypertrophischen, 
statt rosa graubraunen labia minora, die gerunzelten labia majora, der 
klaffende introitus vaginae, der entziindete meatus urinarius externus, 
das, wenn vorhanden, erschlaffte oder verdickte Hymen — Verande- 
run^en, die teils durch den tactus, teils durch die tribadische frictio 
genital iom, vor allem aber auch durch cunnilinctio entstehen sollen, 
kann ich auf Grund meines Materials nicht bestatigen. In einem 
Fall sah ich bei einer virilen Urninde aus Stettin die eine der kleinen 
Labien nach Art einer sogenannten Hottentottenachiirze 5 cm lang 
herunterhangen. Die Person, die auch eine mannliche Bildung des 



*) Coutagne, Lyon mM. 35, 36. 

*) Martineau, Legons sur les deformations p. 25. 

*) F o r b e rg , Antonii Panormitae Hermaphroditus. 1908, pag. 305. 



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128 

Kehlkopfes mit sehr tiefer Stimme hatte, kam au mir, well sie das 6e- 
bilde fiir einen penis hielt. 

Haufiger als hypertrophische fand ich bei homosexuellen 

Frauen, namentlich bei virilen, atrophische Abweichungen von 

der Norm, eine Annaherung an den Befund, wie ihn 

Krafft-Ebing hinsiditlich einer von ihm beobachteten 

Urnindc wie folgt beschreibt: 

„Der Mons veneris ist mit dichten dunklen Haaren bedeckt. 
Genitalien vollkommen weiblich, ohne Spur von hermaphroditisohen 
Erscheinungen, aber auf der infantilen Stuie eines lOjahrigen Madchens 
stehen geblieben. Die Labia majora beriihren sich fast vollstandig, 
die minora haben hahnenkammartige Form und prominieren liber die 
groBen. Die Clitoris ist klein und hochst empfindlich. Frenulum 
zart, perineum sehr schmal, Introitus vaginae enge, Schleimliaut normal. 
Hymen fehlt (wahrscheinlich angeboren), ebenso die Caruncalae myr- 
tiformes. Vagina derart enge, dafi die Einfiihrung eines Membrum 
virile unmoglich ware, iiberdies hochst empfindlich. Ein Coitus hat 
bisher jedenfalls nicht stattgefunden. Uterus wird durchs Rectum 
etwa wallnufigroB gefiihlt, derselbe ist unbeweglich und retroflektiert." 

Vor allem sind Uterus und Ovarian homosexueller Frauen 
oft auffallend klein. Das Hymen fand ich in der Mehrzahl 
von mir beobachteter Falle erhalten, namentlich bei virileren 
Frauen oft sehr konsistent. 

Viele Uminge sind sich der Mangelhaftigkeit ihrer Betati- 
gungsweise wohl bewuflt; sie sprechen, mit unverhohlenem Neid 
auf die Heterosexuellen, von dem „so bequemen Apparat des 
Weibes**, viele Urninden von der so vollkommenen Vereinigung 
der Frau mit dem Manne. Aber diese objektive An- 
erkennung reicht nicht aus, um den subjektiven 
Negativismus zu tiberwinden. 

Stark virile homosexuelle Frauen empfinden das Fehlen 
eines membrum nicht selten als ein entschiedenes Manko ; es sind 
mir mehrere bekannt, bei denen die VorsteUung eines Vakuum, 
einer bei ihnen klaffenden Llicke so stark war, dalJ sie in "zwar 
.iehr naiver, aber durdhaus ernst gemeinter Weise den Arzt 
fragten, ob es nicht moglich sei, ihnen auf operativem Wege, 
etwa durch Plastik aus der Bauchhaut, ein Glied zu Widen, das 
organisch mit ihrem Korper verbunden sei. Fast ebenso storend, 
wie diese Frauen den Mangel, empfinden manche extrem 
feminine homosexuelle Manner den Besitz der mannlichen 
Genitalien. 

Manche kneifen sie beim Entkleiden zwischen die Oberschenkel, 
andere binden sie nach oben fest, um sie zu cachieren, wieder andere 
erwagen, nicht etwa nur um den homosexuellen Trieb zu unter- 
driicken, den Gedanken der Kastration. 

Heliogabal soil, wie romische Historiker berichten, von den 
Arzten verlangt haben, daiJ sie ihm anstelle der mannlichen Geni- 
talien weibliche herstellten. 



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I2d 

Auck li a m m o n d bericktet von einem t>^all, in dem ein Effemi- 
iiierter sich seine Genitalien abschneiden lassen wollte. 

Wie weit die naive Abneigung mancher Urninge gegen ihre Geni- 
talien gehen kann, zeigt die folgende Stelle aus der Schrift „Urnings- 
liebe" von H. Marx: „Der Urning kann nichts dafiir, dafi der Schopfer 
ihn mit einem seinen Leib schandenden Organ geschaffen hat, das 
fur den Uming ganzlich unbrauchbar ist. Wollte ein Urning einen 
solchen ihn schandenden Korperteil ^ebrauchen, um als Mann mit 
dem Weibe Liebe zu genieUen, so ware er einfach ein Mann und 
dazu ein verkommenes, naturwidriges Geschopf." 

Wenn allerdings L u k i a n die erste Ausfiihrung der Kastration 
nberhaupt auf ^leichgeschlechtliche Betatigung zuriickfiihren zu konnen 
meint, indem ein Mann, „der zuerst einen anderen Mann wie ein Weib 
nahm, sei es mit Gewalt oder List, diese Roheit ausfiihrte", so ist 
dies eine ebensosehr jedes Beweises entbehrende Annahme, wie die von 
M o 1 1 «) zitierte Angabe Dupouys, daJ3 in der Prostitution des Mannes 
der Ursprung der Kastration zu suchen sei. Dagegen scheint die noch 
heute bei den Australnegern geiibte Mica-Operation '), die darin be- 
steht, dafi die Unterseite des Penis vom Scrotimi bis zur Fossa na- 
vicularis aufgeschlitzt wird, wobei also durch Freilegung der Harnrohre 
eine kiinstliche Hypospadie erzeugt wird, (artificial hypos padias is, \ulva- 
penis, subincision, introcision) — mit dem gleichgeschlechtlichen Leben 
dieser Volker in Beziehung zu stehen. Wahrend C r e e d ^ und andere 
in ihr eine Art Malthusianismus sehen, den Versuch der Eingeborenen, 
aus Griinden der Ernahrung die Geburtenziffer einzuschranken, erklaren 
von Keitzenstein^) und andere sie fiir eine „Art von Homo- 
sexualitat." 

Von besonderer Wichtigkeit ist es, die Beziehungen zwischen 
der homosexuellen Veranlagung und einer so bedeutsamen Er- 
scheinung des Sexuallebens wie der Menstruation zu untersuchen. 
Zunachst kommen hier die homosexuellen Frauen in Betracht^ 
bei denen man nach ihrer korperlichen Beschaffenheit dio 
gleichen Verhaltnisse wie bei den heterosexuellen voraussetzen 
miilite. Das Bedbachtungsfmaterial laBt indessen ganz entschieden 
den Sehlufi zu, dafi gewisse Menstruationsanomalien und .-be- 
sonderheiten bei homosexuellen Frauen auffallend haufig, jeden- 
falls entschieden haufiger vorkommen, als bei normalen. Zu- 
nachst tritt die Periode bei einer groUen Anzahl homosexueller 
Frauen verhaltnismaBig sehr spUt ein, — — besonders haufig 

wird das 17. Jahr angegeben vielfach tritt sie nur selten, 

beispielsweise nur alle 2 oder 3 MonatC; und in vielen Fallen 
nur sehr sp§rlich, ein bis zwei Tage lang, auf. Auch die nervosen 
Begleiterscheinungen der Menstruation sind bei homosexuellen 



«) A. Moll, Contrare Sexualempfindun^. A. a. O. p. 42. • 

7) Cf. Karsch, Das gleichgeschlechtliche Leben der Natur- 
volker p. 68—82. 

«) J. M. Creed, in Australian Medical Gazette II, 1883, p. 95 
nach T. P. Anderson Stuart, in Journal and Proceedings of 
the Society of New South Wales, 1896, Sydney XXX, 1897. 

») F. von Reitzenstein, Der Kausalzusammenhang zwischen 
Geschlechtsverkehr und Empfangnis in Glaube und Branch der Natur- 
und Kulturvolker. Berlin 1909. 

Hirsctafeld* HomosexualitiU. q 

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130 

Franen meist nur wenig ausgesprochen ; oft hort man von ihnen 
die Versieherung, dafi ihr Unwohlsein ihnen nicht die geringsten 
Besc-hworden bereite, so daU sie es kaum bemerkten. Die 
Tats ache der Menstruation seheint vielen homosexuellen 
Frauen iiberaus unangenehm und peinlich zu sein. Viele geben 
das direkt zu. Oft habe ich gefunden, daB Urninden, die son.^t 
ihrer virilen Art entsprechend nicht im geringsten priide und 
zuruckhaltend sind, erroten und verlegen werden, wenn man 
nach ihrem. Unwohlsein f ragt. Was Krafft-Ebing von der 
Graf in Vay anfiihrt: „B6sprechung menstrualer Vorgange per- 
horresziert S. sichtlich, das sei etwas ihrem mannlichen Be- 
wulitseiri und Ftihlen sehr Zuwideres" entspricht der Erfahrung, 
die ich an sehr vielen homosexuellen Frauen machte. 

Wir wissen, dafi periodische Erseheinungen, wie sie beim 
Weibe die Ovulation mit sich bringt, auch beim' mannlichen 
Geschlechte vorkommen. Dieselben konnen sich sowohl somatisch 
als Blutungen aus Nase, Mund oder After bekunden als auch 
psychisch in Verstimmungfen und nervosen Beschwerden, die 
wir als „molimina menstrualia*' bezeichnen, zum Ausdruck ge- 
langen. 

Beiden Erseheinungen begegnen wir in unserem Beobachtungs- 
materialo bei homosexuellen Mannern haufig. Ein besonders krasser 
I'all betrai" einen jungen Aristokrateu, der vom 15. Jahre an regel- 
maBig monatlicli so heftige mit Schleimhautblutungen verbundene Be- 
schwerden hatte, dali er wahrend der Dauer dersolben das Bett hiiten 
muCte. Da zufallig diese Perioden zeitlich mit der Menstruation der 
Stiefmutter zusammenf ielen, pflegte der Vater daun scherzend zu sagen : 
„Meine Damen haben wieder einmal ihr Unwohlsein". Ein anderer 
mir bekannter Uranier leidet seit seinem 14. Lebens jahre alle 28 
Tage an Migriine, zugleich an heftigen Riicken- und Kreuzschmerzen. 
Dieselben waren Veranlassung, dafi seine Mutter ofter bemerkte: „das 
ist ja bei dir wie bei uns." Neuerdings — Patient ist jetzt 36 Jahre 
alt . — haben die Erseheinungen wesentlich nachgelassen, doch tritt 
immer noch vierwochentlich eine hochgradige Mattigkeit auf. 

Manche der als Menstruationsaquivalente angegebenen Verande- 
rungen erscheinen als solche recht f ragliqh, so der von B 1 ii h e r ^o) 
mitgeteilte Casus. B 1 ii h e r schreibt : .,Der Mann hat bekanntlich 
normalerweise auch gewisse „Perioden", die der weiblichen Menstrua- 
tion entsprechen, nur dafi die RegelmaBigkeit geringer ist und sich 
kcine lokal-physiologischen Begleiterscheinungen einstellen. Mir ist 
aber ein Fall bekannt, wo bei einem homosexuellen Liebespaar der 
etwas jiingere Geliebte alle vier Wochen zienilich regelmafiig ein Wund- 
werden der Praputialschleimhaut mit leichten Sekretionen bekam, so 
daB an diescn kritischen Tagen, ganz wie bei normalen Ehen, der Vcr- 
kehr unterbrochen werden muCtc." 

Ein scliwedischer Urning entwirft folgende Schilderung seiner 
„Menses": ,,Seit meinem 11. Lebensjahre habe ich alle 28 Tage Men- 
strualbeschN\erden, die etwa 6 Tage wahren: plotzliche Hitze und 
Kalte, WaJlungen nach dem Kopfo, lliickenschmerzen, die Brustwarzen 

^") Jahrbuch f. sex. Zwisclienstufen Bd. XIII. Heft 4. Juli 
l^Ji:.. p. -UU 



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131 

achmerzeu und pulaieren. Geschmack im Mimde - wie von Blut. Mcine 
Haut wird fleckig; Depression; ausgesprochener Wuasch eine echtej 
von einem Mann sehr geliebte- und l^wunderte Frau zu sein." 

Vor alien Dingen scheinen aber periodische psychische und 

nervose Verstimmungen, die man als Menstruationsaquivalente 

ansprecheu kann, bei Homosexuellen vprzukommen. Im Zu- 

sammenhange damit steht es wohl auch, daJJ wir in den Lebens- 

jahren, die dem KlimaKterium der Frau entsprechcn/ auch 

bei homosexuellen Mannern ungewohnlich oft psychischen Sto- 

ruagen, vorwiegend depressiver Art, begegrien, die eine auffal- 

lende Analogie zu den klimakterischen Psy chosen des weibUchen 

Geschlechts darstellen. Cberhaupt isl das, was KurfMendel 

als Klimakterium des Mannes beschrieben hat, eine bei Urningen 

gaiiz besonders haufig zu beobachtende Erscheinung. Homo-v 

sexuellc Frauen hinwiederum werden von den Beschwerden der 

Wechseljahre fast gar nicht betroffen. Auch die offenbar mit 

der inneren Sekretion bei ihnen zusammenhangenden Er- 

nahrungsstorungen, aus denen der Altjungferntypus resultiert, 

werden bei Urninden sehr viel seltener beobachtet, alff bei 

norma Isexuellen Frauen. 

Von Wichtigkeit ware es bei h.-s. Mannern und Frauen, die Se-^ 
krete der Genitaldriisen auf ihren Geschlechtscharakter mikroskopiscH 
zu untersuchen. Im Schleim der weiblichen Harnrohre und vagina." 
wird besonders auf den^Nachweis von Sperma, in dem der mannliohen 
Urethra auf periodischen Abgang von Blutkorperchen zu achten sein. 
Bereits vor einigen Jahren wies Prof. Paul Albrecht (cfr. Jahrb. 1. p.) 
darauf bin, daB in regelmaBigen, Zwischenraumen im Urin beini Manne 
weilie Blutkorperchen auftreten, drei bis vier Tage deutlich nachweis- 
bar sind, um dann wieder zu verschwinden. Er erblickt in djesem 
Vorgangc „ein^ Art Menstruation". Einen ganz besonders merkwiir-.' 
digeu Fall teilt Dr. Arnold Heymann, Ddsseldorfi^ a) mit. Efi 
handfelte sich um einen ITjahrigen Gymnasiasten, der bei n,prmalen 
auBereia Genitalien in regelmaBigen vierwochentlichen Zwisphenraumen 
durcli die Harnrohre unter starken Kreuz- und Leibschmerze^ 31ut 
ausschied. Die Untersuchung ergab in der Nahe der rechten Becken-. 
vrand einen Korper von Form und GroBe* einer Birne, der sich bei der' 
Operation als Gebarmutter erwies. Auch waren Eierstocke vorhanden.^ 
Der Liebestrieb des Patienten war zuerst auf das weibliche Geschlecht" 
gerichtet, spater entstand eine liebesartige Freundsohaft. zu einem. 
Kameraden. Dieser Fall ist ein vollkommenes Seiienstiick zu der von. 
mix mitgeteilten Beobachtung der Spermaabsonderung aus der. weib-. 
lichen Harnrohre einer anscheinend h.-s. Frau. 

• Das Gemdinsame beider Falle ist: bei einem XJrning inner* 

lich weibliche, bei einer. Urninde inner lich mannl,iche Sekretion.' 

Unter den sich in der Reife deutlicher markierendeai Gte- 

schleehtsunterschieden sind fiir den Mann die tiefere Stimme 



loa) lu Nr. 29 1906 der Wiener klini;schen Rundschau unter 
dem Titel ^Heterotypischer .Pseudohermaphroditism us. feminiaus ex- 

._^« * • . .. • „ ' ■ • . 



ternus 



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132 

und der Bart, ftir die Frau die voUen Briiste und b'reiten Hliften 
biesonders typisch. Bei homosexuellen Mannern und Frauen 
zeigen alle diese Geschlechtscharaktere haufig sehr deutliche 
Abweichungen vom heterosexuellen Durchschnittstypus. 

b. Stimme und Sprache. 

Auf Anomalien des Stimmwechsels bei Homosexuellen wies 
ich schon bei Besprechung der Pubert&t hin. Wir woUen die 
dort angef tihrten Beispiele zunachst noch durch Schilderung der 
Stimmen zweier urnischer Dichter, des Danen Andersen 
und des Amerikaners Whitman erganzen. 

H a D 8 e n ^1) schreibt von Andersen : „Eines Tages trug Andersen 
in der Fabrik, wo ihn die Mutter versuchsweise angebracht hatte, ein 
Lied vor, und da die Arbeiter erstaunt ausriefen, er ware ganz be- 
stimmt kein Junge, sondern eine verkleidete Jungfrau, faCte emer der- 
selben Andersen an, um sich liber diesen Pimkt etwas genauer 
aufzuklaren. „Die anderen Gesellen", erzahlt er, fanden diesen rohen 
Scherz amiisant und hielten mich an Armen und Beinen fest, ich heulte 
aus vollem Halse und stiirzte, schamhaft wie ein Madchen, aus dem 
Hause zu meiner Mutter, die mir versprechen mufite, mich nimmer 
dahin senden zu woUen." 

Ganz besonders charakteristisch schildert uns B e r t z ^s) das Organ 
Walt Whitmans, dessen Uranismus er zwingend bewiesen hat : 
„Wenn auch seine Stimme nicht gerade extrem weiblich gewesen sein 
mag, jedenfalls nicht bis zum Lacherlichen oder Peinlichen, so naherte 
sie sich doch zweifellos mehr der weiblichen als der mannlichen Klang- 
farbe. „Seine Stimme war ein weicher Bariton," sagt John Bur- 
roughs. ,,Eine Stimme von gewinnender und emschmeichelnder 
Freundlichkeit," auBert W. D. How ells. „Seine Stimme hat eine 
hohe Lage und ist musikalisch," berichtet der englische Arzt Dr. John 
Johnston. „Es ist seine wunderbare Stimme, die es so angenehm 
macht, mit ihm zu sein," sagte ein Musikverstandiger zu Dr. B u c k e. 
Von einer „ Stimme, die mit all^n Schattierimgen des Tones und 
der Farbe spielt," spricht Horace Traubel. Und endlich erzahlt 
Isaac Hull Piatt, daB ein alter Schuler Whitmans gleich- 
falls in der Stimme einen seiner besonderen Reize erblickt hal^. An 
anderen Stellen sprechen Buj- roughs und B u c k e allerdings auch 
von seiner tiefen sympathischen, von seiner tiefen, klaren und em- 
steu Stimme ; aber B u c k e fiigt gleich hinzu, daB sie wie sixBe Musik 
wirkte ; sie muB also melodischer gewesen sein, als tiefe Stimmen 
es zu sein pflegen. Zieht man von alledem, meint B e r t z , ab, 
was auch in dieser Angelegenheit die Schonfarberei der Esoterischen 
an der Wahrheit retouchiert hat, so wird wohl als Rest ungefahr die 
Charakteristik iibrig bleiben, die Theodore de Wyzewa in die 
Worte faBt : „Le ton tout feminin de sa voix", i*) — der vollig weib- 
liche Ton seiner Stimme." 

U 1 r i c h s erzahlt in Formatrix i*) von sich selbst : „Es hat mir 
von jeher Vergniigen gemacht, weiB ich mich allein, in Kopfstimme, 

") Jahrb. f. sex. Zw. III. Jahrg. Pag. 202 ff. : H. C. Andersen, 
von Albert Hansen, Kopenhagen. 

i«) Bertz, Walt Whitman, Leipzig 1905. 

Ecrivains 6trang'ers. Paris 1896. pag. 114. 
T 1 r i c h s , Formatrix, pag. 43. 



") Ec 

1*) u: 



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133 

(„durch die Fistel")' zu singen. WeiB ich mich allein, so rfinge ich 
gem, nie aber in mannlicher Stimme, stets durch die Fistel: ofc^leich 
ich iu Singvereinen ersten, ja zweiten BaB gesungen habe. Bei Man- 
nern findet diese Liebhaberei fiir weiberartige Kopfstimme meines 
Wissens nie statt. Im Gegenteil, sie pflegt ihnen zuwider zu sein." 
Hierher gehort auch eine Bemerkung d e J o u x ' : „Ganz seltsam. ist 
es, zu beobachten wie viel echte Evasohne, auch durchaus musika- 
lische, unwillkurlich in der Sopranlage, also mit Kopfstimme, zu 
singen pflegen, wie haufig sie aus beliebten Opem die Arien der 
Primadonnen, und nicht die markigen Gesange der Helden, nach- 
trallem. Man erzahlt sich, Graf L., m Graz, singe die Gounod sche 
Schmuckarie Margarethens in der Originaltonart wie die Nil son, 
Baron W., in Wien, Rossinis „Una voce poco fS," trotz einer Rosina- 
Patti." 

Die Gesangsstiminen homosexueller Manner und Frauen 
scheinen am haufigsten zwischen Alt und Tenor, Mezzosopran 
und Kontra-Alt zu liegen, der Stimtntimbre erinnert nicht selten 
an Bchilderungen, die uns aus friiheren Zeiten liber die 
Kastratenstimmen liber lief ert sind. Im Jahre 1911 starb im 
Norden Berlins ein urnischer Altsanger florentinischer Ab- 
kunf t, Leo d'Ageni. Einst Schtiler L i s z t s war es der Stolz 
seines Lebens, bei der ersten Parsifal- Aufftihrung in Bayreuth 
als AltsSnger mitgewirkt zu haben. Seitdem lebte er in Deutsch- 
land und emahrte sich teils durch Gesangsunterricht. Er war 
eine iiberaus groteske Erscheinung, an der alles gefarbt und 
unecht war, so daU man nicht wuUte, ob er '40 oder 70 Jahre 
zahlte; von diesen Schwachen abgesehen ein Ehrenmann durch 
und durch. In den Versammlungen des Wissenschaftlich-humani- 
tflren Komitees entztickte er die Musik-Sachverstandigen mehr 
noch als durch seine vollkommen nattirliche Altstimme durch 
die weibliche Anmut seines Vortrags. 

Er bildete ein Gegenstiick zu einer freilich weit gproBeren Kiinst- 
lerin, Maria Stegemann aus Stettin, die unter dem Namen F e 1 i - 
citas von Vestvali in den siebziger Jahren des vorigen Jahr- 
honderta ihre Zeitgenossen begeisterte. Wie ihre Biographin, Rosa v. 
Braunschweig, erzahlt, entwickelte sich unter Mercadantes 
Leitong ihre Stimme zu einem Kontra-Alt von so phanomenaler Tiefe, 
dafi spekulative Impresarien ihr rieten, Tenorpartieii zu studieren. 

Kamentlich als „Tancred" und „Romeo" in Bellinis „Romeo 
und Julia" hatte sie einen grandiosen Erfolg. Von einer anderen Ur- 
oinde, der Michel, erzahlt Levetzow^'^) folgende Anekdote: 

„£ines Abends verfolgt sie auf ihrem Gauge durch einsame StraBen 
ein Herr mit Liebesantragen. Anfangs beachtet sie ihn nicht und laBt 
ihn mitlaufen oder nachlaufen. SchlieBlich aber, um ein Ende zu 
machen, dreht sie sich rasch um und singt ihm mit ihrer mannlich- 
sten Stimme eine Skala ins Gesicht, immer tiefer und tiefer gehend 
und den Buchstabennamen der Tone aussprechend, durch den auch 
iiberdies noch ein hochst derbes, sehr mannliches Wort herauskommt ; 
worauf der nachtliche Liebeswerber erschreckt die Flucht ergreift, 

1*) li. M., von Karl Frhr. v. L e v e t z o w - Marseille, Jahrb. 
t sex. Zw. VII. Jahrg. Bd. I. pag. 326. 



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134 

wahrscheinlich in der Meinung, auf einen verkleideten Mann gestoBen 
zu sein.*' 

Hohe und Tiefe der Stimmen hangen unmittelbar von der 
Beschaffenheit der Stimmbander ab. Ihre Lange und Breite 
bewirken weiter ein starkeres oder schwacheres Hervor- 
springen des Schildknorpels, der sich beim Manne als Boge- 
nannter Adamsapfel heraushebt, wahrend er bei der Frau unter 
der weichen H^Jsrundung auBerlich fast unsichtbar bleibt. Die 
engo Beziehung, welche zwischen der Sexualitat einerseits, 
Kehlkopf und Stimme anderseits besteht, zeigen der wahrend der 
Reife eintretende Stimmwechsel und die bei Kastratioii ein- 
tretenden Stiminveranderungen. Es lag daher sehr nahe> bei 
Homosexuellen das Augenmerk auf den Bau des Kehlkopfs zu 
richten. Schon Ulrichs tat es, und in exakter Weise ge- 
schah es spater von Theodox S. Flatau, der. namentlich 
bei homosejcuellen Frauen wiederholt „zweifellos Andeutungen 
eines mMnnlichen Kehlkopfs**, teils sogar „entschied€jn mann- 
liche Formen ihres Kehjkopfs** fand. Auch ich beobachtete bei 
urnischen Frauen haufig das gleithe und konnte bei 463 be- 
Uebigen Urningen, die ich hintereinander darauf untersuchte, 
feststellen, daJJ . 128mal der Adamsapfel nicht, 219mal sehr 
wenig hervortrat, , wahrend er in 116 Fallen den gewohnlichen 
inftnnlich'en Habitus darbot; einmal war Kropf vorhanden. 

In der Tat ist die Neigung, in Fistelstimtne zu sprechen 
bder zu singen, bei den Urningen weit verbreitet. Ich' fand sie 
in I60/0 meiner Falle. Ihr entspricht bei homosexuellen Frauen 
die Neigung, die Stimme zu vertiefen. Im Ubrigen. scheint 
sowohl die Stimme der hoiiiosexuellen Manner als homosexuell6r 
Frauen dio Mitte zwischen mannlicher und weiblicher zu halten, 
bald der weiblichen, bald der mannlichen naher stehend; oft ist 
eie charakteristisch durch eine schwer zu beschreibende Weich- 
heit, die bei Mannern nicht selten mit einer gewissen Geziertheit 
und Dilrf tigkeit, bei Frauen mit ein wenig Rauheit und dem ver-. 
bunder, ist, was man als eine Kommandostimme bezeichnet hat. 

Schon Martial entwirft ein anschauliches Bild der Urnings- 
stimme. In dem Epigramm an Carmenion (10. 65.), in dem er sich 
verbittet, dafi dieser ihn Bruder nennt, („quare desine, me vocare 
fratrem"), er wiirde ihn sonst Schwester rufen („ne te Carmenion,. 
vocem sororem")> sagt er, „dein Mund sauselt und deine Sprache 
ist matt, ich rede kraftiger, wenn ich fliistre": 

„Os blaesum tibi debilisque lingua: 
Nobis sibila fortius loquuntur.* 

Schon am Tele ph on treten nicht selten die geziert hohe Stimme 
des Timings, die tiefe, sonore der Urninde so deutlich hervor, dafi 
sie mir vor personlicher Bekanntschaft die Wahrscheinliohkeitsdia- 
gnose gestatteten, die ich nicht nur bei Gesprachen in Berlin, sondern 



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135 

bei Anrufeii aus Miinchen, Koln, Hamburg, VVieii und anderswoher 
oft bestatigt gefunden habe. 

Das Eigentiimliche der homosexuellen Stimmlage tritt am mar- 
kantesten zutage, wenn Laute reflexartig, etwa durch einen Schreck, 
ausgelost werden. So erzahlte mir ein guter Beobachter, der zufallig 
bei einer Panik in einem homosexuellen Lokal anwesend war, die aus- 
brach, als sich plotzlich ein Gast in die Stirn schoB und blutiiber- 
stromt zu Boden sank, es sei ganz auffallig gewesen, wie weiblich 
die Schreie des Entsetzens geklungen batten, mit denen die Urnirige 
den Vorfall begleiteten. Auch das Lachen klingt bei Urningen oft 
imgewohnlich hoch, bei Urninden verhaltnismaBig tief. 

c. Behaarun^. 

Hinsichtlich dieses wichtigen Geschlechtscharakters finden 
sich bei homosexuellen Mannem und Frauen oft Abweichungen 
vom heterosexuellen Durchschnittstypus, Wir nehmen behufs 
naherer Betrachtung eine Vierteilung vor in K o p f haare, B a r t - 
haare, S eh am haare und Korperhaare. 

Das Haupthaar der Urninge ist verhaltnismaBig haufig auf- 
fallend weich, diinn und gewellt als Einzelhaar und uppig in 
seiner Gesamtheit, das der Urninden im einzelnen oft relativ 
kraftig, hart, struppig, als ganzes oft nur bis zum tinteren Rande 
des S*.hulterblattes reichend, im Gegensatz zu heterosexuellen 
Frauen, bei denen es sich nicht selten bis zum oberen Rande 
des Beckens erstreckt. 

Die Haarfarbe zeigt kaum Besonderhoiten. Von 374 Urningen 
deutscher Abkunft zwischen 25 und 50 Jahren, die ich nach diesem 
Gesichtspunkte fortlaufend priifte, befanden sich 125 Hellbloride, 100 
Dunkelblonde, 10 mit rotlichem, 86 mit braunem, 38 mit schwarzcm 
Haar; 12 waren grau, drei weiC, davon einer bereits mit 20 Jahren; 
bei 83 unter diesen war das Haupthaar von Natur gelockt, wahrend es 
nahezu ebensoviele selbst krausclten. Viele Urninge verwendcn im 
Gegensatze zu den Urninden eine groBe Sorgfalt auf ihre Frisur. Schon 
im Altertum hieBen sie deshalb capillati und comati. Von dem athe- 
niensischen Urning Demetrius Phalereus erzahlt Athenaeus 
(lib. 12 pag. 542) : „Sein Haar krauselte er und gab demselhen eine 
Goldfarbe. Sein Gesicht schmin(kte er." Die Urninden traj^^en das 
Haupthaai- gern schlicht, glatt gescheitelt oder ungeordnet. Diekom- 
plizierte Damenfrisur verursacht ihnen oft nicht geringe Schwierig- 
keiten. Viele schneiden sich die Haare kurz, andere wiirden es gern 
tun, scheuen aber die Bemerkun^en „unverniinftigor" Menscheii iiber 
ihren „Tituskopf**. Bemerkenswert ist, wie auch hier die der Psyche 
nicht entsprecnende Physis friih instinktiv las tig empfunden wird. 
Sehr anschaulich schildert dies eine Kontrarsexuelle in ihrcr Lebons- 
beschreibung ^^) : „Man versuchte mich auf meine wilden Haare eitel 
zu machen und bewunderte den natiirlichen Kopfschmuck so lange, 
bis ich, kurz entschlosscn, zum Friseur ging und — mich scheren 
lieB. Wozu auch dieses unniitze AnhangseT, welclies mir beim Jjaufen 
und Springen nur hinderlich war? Die Buben hatten das viel be- 
quemer, Weshalb sollte ich es ihnen nicht gleichtun? Der Haar- 
kiinstler war zuerst entsetzt iiber meine Aufforderung, so daB er 



16) Jahrb. f. sex. Zw. Bd. III. Pag. 292 ff. „Die Wahrheit iiber 
mich." 



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136 

mich ganz starr ansah und in den Ausruf ausbrach: „Nein, das ist 
zu schadel Ich tue es nichtl" „So gehe ich zu einem anderen." 
Dieses half. Er machte noch einen sohwachen Versuch, mich durch 
tJberredung zuriickzuhalten, mit dem Hinweis, daB das „prachtige 
Haar" erst in drei Jahren seine jjetzige Fiille und Lange" wieder- 
erhalten haben wiirde. „Die soil es ja iiberhaupt nicht wieder be- 
kommen. Wozu lasse ich denn den Rummel herunternehmen?" Als 
er sah, daC alles nichts niitzte, machte er sich mit einem schweren 
Seufzer ans Schneiden. Hei, wie forsch kam ich mir nach vollendeter 
Tat vor! Nun sollte es nur jemand wagen, mich „Madchen" zu 
schimpfen, wie es kiirzlich Winterfelds Fritz getani Ich war gerade 
80 gut ein Junge, wie er. Jetzt blickte ich sogar in den Spiegel, 
was ich sonst liir eine hochst iiberfliissige Sache hielt. „Soll ich 
das Haar vielleicht brennen?" Ich brach in schallendes Gelachter 
aus. „0 nein, neini Ich will mich doch nicht zum Dandy heraus- 
bildenl" Der Kiinstler wickelte meinen Zopf sauberlich in Seiden- 
papier und wollte mir denselben feierlich iiberreichen. „Was soil 
ich damit anfangen? Behalten Sie ihn nur I" „Wiirden Sie ihn fur 
10 Mark verkaufen?" Gem willigte ich ein. Dafur konnte ich mir 
ein hiibsches Buch anschaffen. Und Biioher, BiLcher,-die sind stets 
meine Passion gewesen und auch geblieben. So troUte ich denn 
wohlgemut nach Hause, wo es natiirlich gehorige „Dresche" gab. Was 
tat das? So etwas schiittelte man bald wieder ab, und an der Haupt- 
sache war nichts zu andern. Auch kam das redlich erworbene Geld, 
mit dem ich nocH an demselben Tage zum Buchhandler eilte, mit in 
Betracht." 

Es sei hier auch an die fiir das weibliche Urningtum iiberaus 
charakteristische Erzahlung Lukians^') von der Urninde MegiUa 
erinnert. Sie beginnt mit einer allgemeineren Bemerkung: . . . totavtag 
ywalxaff, vjco dydgcbv fisv ovx i^sXovaag avxo Jtdoxeiv, ywai^l dk avtdg TtXrjauxCovaaSf 
woneg ivSgag, „solche Weiber dulden nicht einen umarmenden Mann, wollen 
vielmehr selber, Mannem gleich, Weiber genieBen". Von der Megilla 
heiBt es dann : ^ yyvtj deivcjg dvdQvxij iaxiv : „sie ist ^ewaltig mannlich''. 
Sie liebt (iefv) die Zitherspielerin Leaena. Megilla und noch eine 
andere Urninde namens Demonassa, haben eines Abends die noch 
nichts Ahnende zum Zitherspielen zu sich ^eladen. Leaena, durch 
Geschenke veranlaBt, noctem praebet. Von dieser Nacht erzahlt nun 
Leaena folgendes: „Sie kiiliten mich und umarmten mich und driick- 
ten mir die Briiste, wie es Manner tun, wobei Demonassa sogar biB. 
Plotzlich zog Demonassa ihre ganze Haarfrisur vom Kopfe; es war 
eine falsche. Sie erschien nun so kurz geschoren, wie ein recht mann- 
licher Athlet. Sie sagte zu mir: „Hast du schon einen so schonen 
jungen Mann gesehen, wie ich bin?" Ich erwiderte: „Aber ich sehe 
hier doch keinen jungen Mann, Megilla." Sie: ,,Mache mich nicht 
zum Weibe ; ich heiBe Megillus. Diese Demonassa habe ich einst 
geheiratet, sie ist mein Weib. To nav dvije sifji. Ich bin ganz Mann. 
'Eyevn^^v fikv dfioia xaXg dXXaig vfiZv ^ yva>firj di xat ^ exi^fiia xai xSXXa 
ndvxa drdgog iari fioi, Zwar bin ich ebenso geboren wie ihr anderen Wei- 
ber. Meine S e e 1 e aber und die Begierde in mir ist die eines 
Mannes. Darauf habe ich sie wie einen Mann umschlungen. . . Dabei 
atmete sie heftig und schien iiber die MaBen Wonne zu empfinden." — 

Fast ebenso negativ wie die Uminden gegen den Haupthaar- 
schmuck, verhalten sich viele Urninge gegen den Bartschmuck. 
Auch hier wtirden noch mehr als es ohnehin tun, glattrasiert 
gehen, wenn sie nicht oft in iibertriebener Angstlichkeit ftirch- 



^^) Dialog, meretr. 5. 



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137 

teten, beargwohnt zu werden. Ganz ohne Bartwuchs sind nur 
wenige Urninge. Unter 500 liber 20 Jahre alien befanden sich 
14, die keine Spur von Bartwuchs hatten, bei 15 war nur ein 
leichter Bartflaum vorhanden, weitere 132 zeigten schwachen 
Bartwuchs, der wesentlich geringer war, als im Durchschnitt 
bei Mannern, wahrend der Rest wenig oder gar nichts Ab- 
weichendes aufwies. Im Gegensatz hierzu findet sich bei urni- 
schen Frauen verhaltnismafiig oft mehr oder weniger gut ent- 
wickdtes Barthaar, aus dessen allelnigem Vorhandensein einen 
Schlufi auf Homosexualitat zu Ziehen allerdings nicht angangig 
ist. Eigenttimlicherweise sind ^erade die eigentlichen Bart- 
damen, die feminae barbatae (bearded women der Englander), 
ahnlich wie wir es bei den Frauen mit grofier Clitoris sahen, 
fast nie homosexuell. Es hat den Anschein, als ob die starksten 
Umkehrungen sekundarer Geschlechtscharaktere nicht so oft 
Begleitersoheinungen der Homosexualitfit sind wie leichtere und 
mittelstarke maskuline bezw. feminine Einschlage; die kras- 
seren sexuellen Transformationen kommen ofter isoliert, die 
sohwacheren haufiger kombiniert vor. 

Ein gutes Beispiel viriler Bart- und Korperbehaarung bei einer 
Urninde stellt der von Wilhelm Hammer ^8) beschnebene Fall 
der von ihm als „Schriftstellerin Ottilie Ehrlich" bezeichneten 24 jah- 
rigeu Person dar. Er berichtet: 

„Die Behaarung ist stark, namentlich unterhalb des Kinnes. Vom 
Sebamberg zieht ein Haarstreifen nach dem Nabel, wie das bei Man- 
nern haufig, bei Frauen selten ist. . . . Das Haar ist mafiig kurz 
geschnitten, emporgekammt, Ibren Bart laBt sie sich rasieren ; die Be- 
haarung an Kinn und Hals ist, wie ich mich durch Betastung der 
Stoppelu iiberzeugte, so erheblich, daB mancher gleichaltrige Jiingling 
froh sein diirfte, wenn er iiber ahnlich starke Behaarung verfiigte. 
Ahnliches sah ich wiederholt. Wenn homosexuelle Manner sich einen 
Vollbart wachsen lassen, so wirken sie infolge ihrer weichen Gesichts- 
ziige manchmal wie Bartdamen. Manche gef alien sich darin, einen soge- 
nannteu Christuskopf zu tragen mit wehendem Haupt- und Barthaar. 

So lernte ich in Rom in der deutschen Herberge einen h.-s. Schuh- 
macher kennen, der sich schon seit Jahrzehnten bei den jungen Kunden 
groCer Beliebtheit erfreut und unter ihnen infolge dieser Haartracht, 
zum Teil vielleicht auch infolge seiner salbungsvollen Predigerart, den 
Beinamen „Heiland" fuhrte. Rosegger gibt von dem urnischen 
Dichter K. M. V a c a n o , einem hochst seltsamen Doppelmenschen, 
in seinem Buche: „Gute Karaeraden" folgende Schilderung: „V. trug 
einen Mosesbart und eine Lorgnette, ,Patriarch und Gigerl* unterschrieb 
er sich einmal und ein anderesmal sagte er von sich selbst, er sei eine 
Koquette und ein Betbruder in einer Person." 

Ein hochst merkwiirdi^es Paar wurde mir von einem Kenner der 
homosexuellen Welt in Pans vorgestellt, ein Maler und eine Malerin, 
die miteinander kameradachaftlich verheiratet waren, beide urnisch. Er 
trug einen „Christuskopf", sie einen „Tituskopf". Krafft-Ebing 
erzahlt, dali die V a y , um Bartwuchs zu erzielen, „allerlei Rasierexperi- 

18) W. Hammer, „Die Tribadie Berlins". GroBstadt-Dokumente, 
herausgegeb. v. Hans Ostwald. Bd. 20. pag. 23. 



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138 

mcnto" in Anwendung zog. Andere Urninden lieben cs, sich wenigstena 
vor dem Spiegel gelegentlich einen Schnurrbart anzumalen odor anzu- 
kleben. Ich besitze eine stattliche Anzahl Photographien, die Frauen 
mit „schneidigem Schnurrbart" darstellen, den sie sicli sehr iiatur- 
getreu aufsetzten. Und audi hier wieder das Seitenstiick, wobei immer 
zu beachten ist, daB der extreme Fall nicht so sehr wegen seiner 
selbst .interessiert, als weil der Cbertreibung ungleich zahlreiohere 
Beispiele entsprechen, in denen, was dort Handlung wurde, in 
Neigungen existiert. Es gibt Urninge, die so weit gehen, ihren Bart, 
wie andere Geschlechtszeichen, zu eliminieren. So heiOt es in dem 
Referat Frankels^^) iiber den urnischen Selbstmorder Blank: ,,Er 
legte sein Haar in Locken, zerstorte seinen Bart und stopfte sich 
Busen und Hiiften aus." 

Was die Schamhaare anlangt, so ist auch hier bei urni- 
schen Menschen nicht selten der sonst meist so pragnante mann- 
licho iind weibliche Typus verwischt. Wie in dem erwahnten 
Hammer schen Falle sieht man hauf ig langs der Linea alba 
einen deutlichen Haarstrich zum Nabel ziehen, ferner schneiden 
die. pubes nicht mit der Basis des Mons veneris ab, sondern setzen 
sich rautenformig nach oben fort, wahrend sie bei homosexuellen 
Mannern relativ oft nach Frauenart in Dreieckform, mit der 
leicht konkaven Breitseite nach dem Bauche zu, gruppiert sind. 
Noeh haufiger aber wie die Schamhaare zeigen die ubrigen 
K (i r p e r h a a r e bei Homosexuellen ein charakteristisches Bild. 

Unter 500 Homosexuellen zeigte sich bei 98 der Korper iiberhaupt 
nicht behaart, bei 78 ungemein schwach, in 176 Fallen, d. i. in 35,2 ^,'o 
unter dem Durchschnittstypus. Unter den iibrigen fanden sich viele, 
die iiber ihre oft sogar recht erhebliche Korperbehaarung eine iustink- 
tive Scham empfanden, beispielsweise sich deswegen genierten, offeiit- 
lich zu baden. Manche gehen sogar so weit, die Haare, besonders 
von der Brust, abzurasieren. Ich konnte dies bei der Korperunter- 
suchung selbst recht mannlich erscheinender Urninge in der Sprcch- 
stunde gar nicht selten konstatieren. Namentlich im AUcrtum scheint 
unter den Homosexuellen die Enthaarung mit Harz, Pech und anderon 
Mittehi weit verbreitet gewesen zu sein. Bei Seneca und and(?ren 
werden sie aus diesem Grunde, im nur scheinbaren Widerspruch zu ca- 
pillati, dej>ilati, bei Martial als glabri, bei Juvenal als rcsinati, 
bei Per si us als leves, bei Kratinos im Titel seiner Komodie als 
,,ef4jiurgdiii€vot" , „Die Abgesengten", bezeichnet.^^a) in dem oben er- 
Epigramme Martials an Carmenion heiiJt es : 

„Tu flexa nitidus coma vagaris: 

Hispanis ego contumax capillis. 

Laevis pumice tu quotidiano: 

Hirsutus ego cruribus genisque." 

„Du wandelst einher geputzt mit gekriimmtem Haar, ich mit 
hispanischem, das gegen Haarkiinsteleien sich straubt. Du bist glatt 
dutch tagliches Bimsteinschaben, ich an Schenkeln und Wangen rauh- 
haario:.** 

Wenn wir hiermit nun wieder die Korperbehaarung urnischer 
Frauen vergleichen, so sehen wir auch hier die vollkommcn ent- 

19) Med. Ztg. vom Verein f. Heilkunde i. PreuBen. Bd. 22. 1853 
pag. 101. (Homo mollis). 

^*a) Cf. nach B 1 o c h , Dieses Handbuch, Bd. I, pag. 413. 



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sprecbenden maskulinen Einschlage. Namentlich die Streckseiren der 
Extremitaten sind in der Mehrzahl der Falle auffallend stark be- 
haart, besonders die Beine, etwas seltener die Arrae. Als gates Bei- 
sj>iel dienc folgende, durch Inspektion bestatigte Angabe einer Urninde : 
„Arme etwas, Beine ziemlich behaart. Haarfarbe dunkelblond, Frisur 
nicht besonders ordentlich, da die Kunst des Frisierens absolut nicht 
verstehe. Liebe bei Frauen aber sehr gute, schicke Frisur. Leiser 
Bartanflug ist bei mir vorhanden." Ob wohl die Saris im Talmud 
feminine Homosexuelle waren? Fast konnte man es annehmen, wenn 
man in Jebamoth Bd. 1 20) ihre Kennzeichen wie folgt liest: 

„Er ist ein Mensch, der mit seinem zwanzigstcn Jahre noch keine 
zwei Haare auf seinem Korper hat, und bekommt er diese spater, so 
ist er doch ein Saris. Er hat keinen Bart, seine Haare sind fein und 
sanft. seine Haut ist glatt: Sein Wasser bekommt keinen Schaum. 
Er urniniert nicht mit den anderen. Sein Samen ist nicht gebunden. 
er ist klar wie Wasser. Seine Stimme ist wie die einer Frau." 

d. Milchdrusen. 

Einen weiteren wichtigen Geschlechtsunterschied haben wir 
in don Milchdrusen der Saugetiere zu erblicken. Bis zur Reife- 
zeit bei beiden Geschlechtern einheitlich gebildet, tritt im pu- 
bischen Alter bei Madchen und Knaben ein geringes Anschwellen 
des Brustdrtisenkorpers ein, das beim ,weiblichen Geschlecht als- 
bald enorm zunimmt, wahrend es beim mannlichen bis auf den 
Rest der Sau^arze zuriickgeht. Dieses Rudiment veranschau- 
licht besonders deutlich die ursprunglich einheitliche, bisexuelle 
Anlage der Geschlechtscharaktere, so daB U 1 r i c h s 21) nicht ganz 
unroebt hatte, wenn er in Memnon eine Parallele zwischen kor- 
perlichem und seelischem Zwittertum ziehend, ausruft: „So 
wenig der Mann Verfolgung verdient dafiir, daB er Brustwarzen 
an sich tragt, so wenig verdient sie der Urning dafiir, daB er 
nicht Weiber, sondern Manner liebt.*' 

Den Alten gefiel es, in ihren Hermaphroditen und Ama- 
zonen ein Zusammentreffen sowohl mannlicher Genitalien und 
wciblicher Briiste, als weiblicher Geschlechts- mit mannlicher 
Brustbildung plastisch und poetisch festzuhalten, in Wirklich- 
keit ist aber diese Inkongruenz verhaltnismaBig doch nur eine 
recht seltene. VoUentwickelte mannliche Gynakomastie und weib- 
liche Andromastie sind Raritaten und fallen, wie auch sonst 
die starkeren Abweichungen somatischer Geschlechtscharaktere, 
keineswegs in der Regel mit homosexuellem Empfinden zusammen. 
Dagegen sehen wir auch hier leicht'Cre Annahcrungen an die 
Bildung des anderen Geschlechts relativ oft, sicherlich viel hau- 
figer als bei Heterosexuellen. Dazu gehort bei homostexuellen 
Frauen Mikromastie und Stillungsunfahigkcit, bei homosexuellcn 
Mfinnern ein ungewohnlich groBer Warzenhof, deutliche Aus- 

20) pag. 94/96. 

2^) tl 1 r i h 8 , Memnon, p. 26. 



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bildung der Montgomeryschen Dnisen, Polymastie, starkes Fett- 
polster anstelle der Milchdrilse. 

Ein Wiener Urning, der sehr viel mit Gleichempfindenden ver- 
kehrte, schrieb an Ulrichs:") 

„Be8onders oft fand ich die Brustwarzen weit groBer, als bei 
Dioningen, die Brust rechts iind links iiberhaupt voller, runder und 
fleischiger. Beim Baden erregen wir damit oft der Dioninge Staunen. 
Hier in Wien gibt es einige mit wahrhaft prachtvollen formlichen 
„Brii8ten"." 

Ein urnischer Heilgehilfe berichtet mir: ,,Meine Briiste sind so 
stark entwickelt, daB ich mich oft genierte, mich auszukleiden, da ich 
oft gefoppt wurde, ich soUe ,mich als Amme vennieten*." 

Unter 440 Homosexuellen zeigten 214 den normal mannlichen 
Brusttypus, unter den iibrigen 226 befanden sich 6 ausgesprochene 
Gynakomasten, darunter ein Fall, in dem die rechte Brustwarze bei 
Druck ein milchartiges Sdkret absonderte; bei 78 fand sich ein relativ 

froBer Warzenhof auf vollen, fleischigen Briisten, die in den iibrigen 
43 Fallen ohne groBen Warzenhof vorhanden waren, mehrere betonen 
die Starke sexuelle Reizbarkeit der Brustdriisen, einige ihre zeitweise 
Schmerzempfindlichkeit, die auch bei mehreren der Krafft-Ebingschen 
Explorierten hervorgehoben wird. 

Ungefahr ebenso haufig, wie bei homosexuellen Mannern „volle", 
finden sich bei homosexuellen Frauen „flache", „platte", „magere** 
Briiste, es besteht aber auch hier durchaus keine Ubereinstimmung 
mit den iibrigen Geschlechtszeichen, so sah ich najnentlich bei Vira- 
gines oft recht gut entwickelte Brustdriisenkorper, die im Vergleich 
zu ihrer sonstigen Mannlichkeit frappierten. Ganz nach Mannerart 
sind bei homosexuellen Frauen oft die Saugwarzen gebildet ; auch finden 
sicli nicht selten an ihnen kleine Harchen. Gebaren homosexuelle 
Frauen, so besteht fast stets eine groBe Abneigung, das Kind zu 
stillen, selbst wenn sie dazu in der Lage sind, was allerdings vielfach 
nicht der Fall ist. Feminine homosexuelle Manner traumen dage^en 
ahnlich wie transvestitische nicht selten, daB sie ein saugendes Kind 
an der Brust liegen haben. «8) Auch hier sehen wir wieder die in- 
stinktive seelische Tendenz, dort, wo etwas korperlich nicht als adaquat 
empfunden wird, mehr oder minder kiinstlich nachzuhelfen, vor allem 
tritt dies natiirlich bei transvestitischen Homosexuellen zutage, unter 
denen die Manner auf die Hervorkehrung eines iippigen Busens, die 
Frauen auf flachen Brustkorb Wert legen. Es wird dabei auch der 
Atmungstypus zu beeinflussen gesucht, was Homosexuellen oft nicht 
schwer fallt. Ich sah homosexuelle Manner mit wogenden Busen und 
homosexuelle Frauen ohne eine Spur von kostaler Atmung. 

Auch bei dem von W a c h h o 1 z **) beschriebenen Fall eines auf 
Capri lebenden Urnings, stellte der untersuchende Arzt fest, daB 
,,dieser den hohen Atemtypus der Frauen besaB." 

Vor einiger Zeit suchte ein sehr femininer Urning Dr. S t a b e 1 
einmal mit der Frage auf, ob man ihm nicht „durch Paraffininjektion 
einen weiblichen Busen herstellen konne." Abschlagig beschieden, 
war er sehr unzufrieden. Umgekehrt fragen virile Urninden gelegent- 
lich, wie der G a r r 6 sche Hermaphrodit an, ob man ihnen nicht die 
Briiste ^.mputieren konne. 

**) U 1 r i c h s , Memnon, p. 130. 

23) Cf. „Transvestiteii" Fall XIII. p. 100 ff. 

2*) Leo Wachholz: Zur Kasuistik der sexuellen Verirrungen. 
Friedreichs Blatter fiir gerichtliche Medizin und Sanitatspolizei. 43. 
Jahrgang. Nurnberg 1892, S. 433 ff. 



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141 

Ein Seitenstuck zu den oben erwahnten Saris unter den Mannern, 
bilden die Ailonith unter den Frauen. Von ihnen heiBt es im 
Talmud**): „Sie haben keine Bruste, und die Kohabitation ist ihnen 
widrig. Sie haben keinen weiblichen Mons veneris. Sie haben eine 
mannliche Stimme." 

e. Beck en unti Figur. 

Die weibliche „!Figur", auf die von echten Frauen ein ebenso 
hoher Wert gelegt wird wie von den sie liebenden Malnnern, 
ist auBer von der Konfiguration der Bruste namentlich von der 
Bveite des Beckens, „den Htiften**, und der zwischen beiden 
Rumpfhalften sich bildenden „Taille** abhangig. Auch hier 
zeigt sowohl der urnisohe Manner- wie Frauentypus vielfach 
den Zwisehenstufencharakter. Sein Hauptmerkmal ist das Ver- 
haltnis der Beckenlinie zur Schulterlinie (Troehanterenabstand 
zum Akromialabstand), welches beim weiblichen Geschlecht po- 
sitiv (Beckenlinie langer als Schulterlinie), beim mannlichen 
negativ (Beckenlinie kleiner als Schulterlinie), beim gynandri- 
schen Typ nahezu gleich ist. 



Schulter: + — + 



Becken: Weib Mann Zwischenstufe 

Selbst ein umgekehrtes L&ngenverhaltnis beider Durchmesser 
gehort bei homosexuellen Mannern und Frauen nicht zu den 
Seltenheiten. Das ungewohnlich breite Becken fallt oft schon 
dem Laien, namentlich den Schneidern, beim Maflnehmen auf. 

Ein Urning berichtet, bei der militarischen Einkleidung habe der 
Vorgesetzte gesagt, „er habe wohl bei der Verteilung des GesaBes 
zweimal ,hier* gerufen." Umgekehrt sind homosexuelle Frauen oft 
schmalhiiftig ; sie haben keine gute Taille. v. Levetzow26) ent- 
wirft von der Figur der Michel folgendes Bild: ,,Sie ist groii, 
schlank, mager, von flacher Brust und schmalen Hiiften, wenig aus- 
gesprochener Taille, so daB sie in Mannerkleidern nicht auffallt." 

Noch bezeichnender schildert Krafft-Ebing^T) die Sarolta 
V a y : „Der Rumpf entspricht durchaus nicht weiblicher Bauart. Es 
fehlt die Taille. Das Becken ist so schmal und so wenig prominierend, 
dali eine von der Achselhohle zum entsprechenden Knie gezogene 
Linie der Richtung der Geraden entspricht und. durch eine Taille 
nicht ein-, durch das Becken nicht auswarts gedrangt wird .... 
Das Becken erscheint als ein allseits verengtes mit entschieden mann- 
lichem Typus. Die Distanz der vordersten Darmbeinstachel betragt 
22,6 (statt 26,3), die der Darmbeinkamme 26,5 (statt 29,3), die der 
Rollhiigel 27,3 (31), die auiJere Conjugata 17,2 (19—20), daher ver- 
mutlich die innere 7,7 (10,8) haben wird. Wegen mangelhafter Breite' 

»*) Jahrb. f. sex. Zw., Bd. V, 2. Teil, pag. 920 in „Die androgy- 
nischc Idee des Lebens". Von Dr. L. S. A. M. v. Rome r. 

w) Jahrb. f. sex. Zw., Jahrg. VII. Bd. I. Pag. 326. Louise Michel. 
Von Frhr. v. Levetzow -Marseille. 

»0 Krafft-Ebing, Psych, sex., 1903, pag. 305 und 306. 



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142 

d6S Beckens ist auch die Stellung der Oberschenkel keine convergente 
wie beim Weibe, sondern eine. gerade." 

Ahaliqhe BeckenmaBe und Verbaltniszahlen fand ich bei Ur- 
ninden wiederholt, so in einem Falle langsten Schulterumfang 98 cm, 
langsteu Hiiftenumfang 86 cm, Taille 70 cm, in einem anderen distantia 
acromialis 85 cm, distantia cristarum 80 cm Umfang, Taillenweite 
68 cm. Ich gebe noch eine Gesamtiibersicht der Korpermalie eines 
mannlichen Homosexuellen : 

Alter: 27 Jahre 7 Monate. GroBe 157 cm. Gewicht 721/2 Kilo. 

Kopf: Umfang 56/0. Abstand Glabella-Protub. occip. ext. 18, 5. 
Abst. Temper. 16, 0. . •: 

Brust: Umfang 86/92. Abst. Sternum-Brustwirbeldomfortsatze 
20,5. Abst, Acrom. §4,0. Abst. d. mammae 24,0. . 

Arm: Acrom. — Spitze d. digitus medius 65,5. Acrom. — caput 
radii 48,5. Acrom. — Oberarm 26,5, Oberarm — Prot. styl. radii 22,0. 
Umfang Ob.--A. unterhalb des Muse. delt. 29,0. Umf. Unt.-A. an 
der starksten Stelle 27,0. 

Bein: Abst. Spin. ant. sup. — Malleolus ext. 84,5. Abst. Spin, 
ant. sup. — Mitte d. Patella 45,0. Abst. Trochanter — Mitte d. 
Patella 38,5. Mitte der Patella- Malleolus extern. 39,5. FuB: Ferse — 
Spitze der groBen Zehe 24,0. Umfang Oberschenkel unterhalb d. Dam- 
mes 54,5. Unterschenkel an der starksten Stelle 34,0. 

Becken: Gerader Beckendurchmesser 20,5. Abst. Spinae ant. sup. 
23,5. Cristae ossium ilium 26,5. Abst. der Trochanteres 30,5. Abst. 
symphyse-jugulum 49,5. GesaBumfang 93,0. 

Auffallende Merkmale: Gynakomastie, ausgebild. Mons veneris, 
hohe Stimmlage, Genu valgum. 

I)a3 Wesentliche ist, daB, wahrend wir bei der homosexuellen 
Frau Schulterumfang 98 cm, Hiiftenumfang 86 cm fanden, "wir beim 
homosexuellen Manne ein umgekehrtes Verhaltnis, namlich 86/92 cm 
Brustumfang zu 93 cm GesaBumfang feststellten. 

Es sei aber auch hier wieder besonders betont, dali nicht 
ohne wei teres aus Schmalhtiftigkeit der Weiber und Breithiiftig- 
keit der Manner Homosexualitat geschlossen warden kann. Im 
ganzeu fand ich unter rund 1000 Homosexuellen 352, also iiber 
Vj, ausgesprocheri mannlich, 344, ebenfalls iiber ^/g, weiblich 
behuftci, wahrend man etwas unter ^/g weder als ausgesprochen 
weiblich noelL mannlich in Anspruch nehmen kann. Ziemlich 
haufig ist bei Homosexuellen ein auffallend hohles Kreu^, so 
dafl eine vom 7. Halswirbel zum SteiUbein gezogene Gerade 8 ctn 
und mehr von der tiefstejp Einsenkung der Lendenwirbelsaule 
cntfernt bleibt. Diese Eigentlimlichkeit ruft oft den Eindruclc 
eines besonders starken GesaBes bei schmaler Taille hervor. Auch 
hi(.T beobachten wir wieder das Bestreben, der Natur nachzu- 
helfen. Wahrend homosexuelle Frauen meist eine groBe Ab- 
neigung gegen die enge Taille und das Korsett haben, bedienen 
sich homosexuelle Manner nicht selten dieses Marterwerkzeugs, 
um sich die Taille so schnial als moglich zu schniiren. Mehr 
als eiumal sah ich bei homosexuellen Tauzvergniigungen Urningo 
ohnmiiehiig werden, weil sie sich zu eng geschntirt batten. 



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143 

Von der Breite des Beckens hangt die Stellung der Beine ab, 
die bei der homosexuellen Frau oft wie beim Manne mehr saulen- 
artig oder zur X-Form geneigt ist, wahrend bei homosexuellen 
Mannern niclit selten eine Tendenz zu 0-Beinen, wenn aiich 
meist nur leichten Graides, nachweisbar ist. A r is to tele s^^) 
erwahnt ihre „einwarts gebogenen Kniee". Im iibrigen 
bietet das Skelett der Homosexuellen wenig Besonderheiten. In 
bezug auf die KorpergroBe fand ich unter den homosexuellen 
Mannern iiber ^5 mittelgroB 160 — 180 cm, gegen Y5 liber 180 jem 
und ebensoviel unter 160 cm. Einige haben ungewohnlich zarte, 
ihrem Alter nicht entsprechende Figuren. Ein hervorragender, 
mil* perscnlich bekannter Schriftsteller, der jetzt Mitte der 40 
ist, sagt von sich, daU er den Korperbau eines etwa 15jahrigen 
Juiigen habe. Solehe zierliche Gestalten sieht man nicht ganz 
selten unter den Homosexuellen, doch begegnet man auch wahren 
Enaksgestalten, mit deren Riesenleib dann oft eine iibergroBe 
Wcichheit um so seltsamer kontrastiert. Unter den homosexuel- 
len Frauen diirfte das Verhaltnis der groBen, kleinen und mitt- 
leren Figuren ahnlich sein. Besonders unter den Virilen stoBt 
man gelegentlich auf sehr starkknochige, groBe; so war lange 
Zeit eine als Riesin in einem Panoptikum auftretende Frau ein 
sehr ,.angesehener*' Gast in den homosexuellen Lokalen Berlins. 
Aber auch unter den mannlichst gearteten Urninden sieht man 
Miniaturfiguren, die dann durch ihr strammes Auftreten um 
so sonde rbarer wirken. 

Im Verhaltnis zu dem iibrigen Skelett sind bei Urninden 
die Hande und FliBe oft ungewohnlich groB, bei Urningen klein. 
Ulrichs legte der „zart gebauten und schcin geformten Hand" 
als urnischem Zeichen besondere Bedeutung bei. 

Ich selbst fand folgendes: 



Hand: 


Klein 


Mittel 


OroB 


Von 500: 


224 =- 44,8^/0 


151 -= 30.2*Vo 


125 == 25,0^0 


F u a : 


Klein 


Mittel 


OroB 


^Vm 500: 


204 = 40.8«/^ 


167 = 38,4«io 


129 =- 25,8^/0 



Bei etwa 75 0/0 allef Falle weiseii Hiinde und FiiBe gleiche Pro- 
portioneu auf, so daB kleine Hande und kleine FiiBe korrespon- 
dieren; bei etwa 25o'o firidet man Incongruenzen, kleine Hande bei 
groBen FiiBen oder umgekehrt. 

Homosexuelle Manner tun sich ofter etwas darauf zugute, daB 
sie weiblichc Schuh- und Iland.schuhnummern tragen miissen, wahrend 
homosexuelle Frauen oft miinnliclie Schuhc und Ifandschulie brauchen. 
Der Hajidedruck homosexueller Frauen ist oft besonders kriiftig und 
feat, wahrend er bei homosexuellen Mannern oft eigentiimlich s£j,,nft 
und geziert ist. 



28) Aria to teles, Schriften zur Naturphilosophie.- Obersetzt 
Krcutz. Stuttgart 1847. Bd. 11, pag. 31.'}. 



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144 

f. Korperdecken,Muskel-,Haut-un(lFettgeweb6. 

Ehc wir aber auf dieses wichtige Gebiet urnischer Be- 
vvegungen kommen, woUen wir zunachst noch die Decken des 
Knochengerlistes, das Muskel-, Haut- und Fettgewebe homo- 
sexueller Manner und Frauen einer Betrachtung unterziehen. 
Im allgemeinen erscheinen die Formen des mannlichen Korpers 
in ihrer Gesamtheit sowohl wie in der Ausbildung der einzelnen 
Partien geradliniger und eckiger, die des weiblichen weicher, 
welliger und mehr abgerundet. Ihren Grund muB diese Ver- 
schiedenheit natiirlich in der andersartigen Beschaffenheit der 
anatomischen Unterlagen haben. Diese setzen sich, abgesehen 
vom Skeletl, aus der Muskulatur und dem Unterhautzellgewebe 
zusammen, dessen Beschaffenheit und Form im Wesentli^hen 
durch seinen Gehalt an Fett bestimmt wird. In der Tat zeigt 
dio Muskulatur beim mannlichen und weiblichen Geschlechte 
erheblichc Unterschiede, die zum Teil durch die ihrerseits wieder 
von Neigungen und sozialen Gewohnheiten abhangige Tatigkeits- 
art ausgebildet werden, im Wesentlichen aber bereits in der 
Aulago gegeben und vorgebildet sind. 

Dio. Muskulatur des Mannes ist in der Kegel in der Faser 
fester und zaher, in der Konsistenz gedrungener und kjompakter, 
die der Frau im allgemeinen schwScher entwickelt, weicher, 
und da, wo sie durch Cbung starker ausgebildet ist, inehr 
elastisch als fest. Bai den Homosexuellen beiderlei Geschlechtes 
finden wir nun zunachst wieder einen Cbergangstypus, der bei 
feminineu Urningen u.nd virilen Urninden zu einer gewissen 
Ahnlichkeit der Muskelbdidung ftihrt, die mir so haufig auf- 
gestoBen ist, daB ihr eine charakteristi^he Bedeutung nicht 
abgesprochen werden kann. Die Muskulatur zeigt in diescn 
Fallen Formen, die mit mUnnlicher Zahigkeit weibliche Ab- 
rundung oder mit der elastisch schwellenden Konsistenz des 
weiblichen Muskels die gedrungene scharf konturierte Form 
des mannlichen verbinden. 

In ausgesprochenen Fallen finden wir bei Mannern einen 
durchaus weiblichen, bei Frauen einen ausgesprochen mannlichen 
Muskeltyp. Solche Inkongruenzen sind bei Homosexuellen jeden- 
falls relativ h&ufiger als bei Normalen. Mir sind durchaus 
willensstarke homosexuelle Manner Jbekannt, die trotz groBter 
Anstrcngungen, zu denen sie namentlich Ehrgeiz und Furcht 
vor Spott antrieben, beim Turnen niemals einen Klimmzug zu- 
stando brachten, wahrend Urninden nicht selten schon in ihrer 
Kindheit von ihren mannlichen Spielkameraden ihrer Muskel- 
kraft halber geftirchtet wurden. Im Verlaufe des Lebens greifen 



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145 

Aiilage, Neigimg und Beschfiftigungsart nattirlidx ineinander, um 

die Muskelentwickelung immer charakteristischer zu gestalten. 

Belegen wir das Gesagte noch durch einige statistiache Er^eb- 
nisse, so fanden wir unter 600 Homosexuellen, die nach dieser Rich- 
tung untersucht wurden, bei 280 oder 56o/o die Muskulatur schwach, 
bei 129 oder 25,8 o/o kraftig entwickelt, bei 3,4 o/o (17) fand sich 
schwache Arm- und starke Beinmuskulatur, bei dem Rest 14,8 o/o (74) 
konnte die Muskulatur als mittelkraftig bezeichnet werden. Das Fleisch 
selbst fiihlte sich bei 30,4o/o (152) fest und hart, bei 69,4o/o (347) 
weich und schwellend an. Unter den homosexuellen Frauen zeigten 
sich 2/3 muskuloser als der Durchschnitt heterosexueller Frauen. 

Das Unterhautzellgewebe , dessen Entwickelung na- 
mentlich mit Bezug auf seine Durchsetzung mit Fett in einem 
gewissen Antagonismus zu den entsprechenden Muskelgruppen 
steht, pflegt sich bei den Frauen beaonders lippig und schwel- 
lend geradc liber, um' und zwischen den Muskelpartien zu formen, 
dh durch ihre derbere Beschaffonheit und gesteigerte Inanspruch- 
nahme beim Manne seiner Entstehnng hinderlich sind ; in erster 
Linie gill dies flir den Schulterglirtel und die Arme; die weichen, 
abgerundeten Formen, die das fettreiche Zellgewebe diesen 
Kcrperpartien gibt, nennen die Damen „ein gutes Decollete". 
Es gibt nun viele mannliche Homosexuelle, die auf ihr gutes 
Decollete stolz sind ; und, wie ich aus Erfahrung an vielen Bei- 
spielen bestatigen kann, nicht ohne Grund. — Ferner pflegt 
sich bei Mannern in vorgertickteren Jahren ein Fettpolster 
haufig dber den Korperpartien zu bilden, die bei der Frau 
durch die Muskeltatigkeit der Bauchpresse seine Entwicklung 
nicht begiinstigen, der unteren Bauchgegend. Auch hier be- 
gegenen wir bei alteren Urninden, die ein stattliches Bauchlein 
ihr eigen nennen, nicht selten sehr mannlichen Formen. 

Hinsichtlich der Korperlinien konnen wir unter den Homosexuel- 
len dxei Gruppen imterscheiden, eine mit runden, vollen Konturen, 
zu denen man 57,6 0/0 rechnen konnte, eine abgeflachte, eckige mit 
31,4 0/0 imd eine mittlere Gruppe, die 11 0/0 betragt; einen abgerundeten 
Schulteransatz zeigten 61 0/0 (305 von 500). Unter den homosexuellen 
Frauen ist das Verhaltnis etwa umgekehrt, ^/^ zeigen eckige, abge- 
flachte, ^/jj abgerundete Formen. 

Die AuBenhlille der KorperformQn, die Haut, zeigt bei 
beiden Geschlechtern im allgemeinen verschiedene Beschaffen- 
heit. Abgesehen von den Unterschieden, die Bart- und Korper- 
behaarung bedingen, ist die Haut des Mannes in der Kegel 
rauher, derber und matter gefarbt, die der Frau weicher, zarter 
und glanzender. Bei der Beurteilung, wie weit diese Verschieden- 
heiten auf ursprlinglicher Anlage beruhen, gilt es auBere Ein- 
flixsse, wie die der Witterung, auf die unbedeckten Partien 
der KorperoberfljLche, insbesondere das Gesicht, die korperlicher 
Arbeit auf die Haut der Hande, ferner die Erfolge sorgfaltiger 

Hirschfeld, HomosexualiUt. 10 



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146 

Korperpflege und endlich auch die Einwirkung groberer oder 
feinercr Kleidung auf die bedeckten Hautpartien nach Moglich- 
keit auszuschalten. Doch bleibt auch hier zu berucksichtigen. 
dalJ diese auBeren Einwirkungen, vielfach auf einer fiir die 
sexuelle Individualitat charakteristischen ursprtinglichen Anlage 
benihen; das gilt im gleichen MaBe fur die Beschaftigung, 
soweit deren Wahl eigener Neigung entspringt, wie fiir die 
mehr oder minder raffinierte Korperpflege, als auch fiir die 
Wahl der Kleidung, soweit fiir dieselbe nicht materielle Rlick- 
sichten bestijnmend sind. Immerhin zeigt auch dann, wenn 
wir von diesen Resultaten auBerer Einfltisse absehen, die Haut 
der Humosexuellen vielfach die Beschaffenheit des anderen Ge- 
schl edits. 

Meiner Erfahrung nach trifft das besonders fiir inann- 
liche Homosexuelle zu, deren Gesichtshaut oft, trotzdem sie 
Wind und Wetter in besonderem MaBe ausgesetzt waren^ zart 
und rein bleibt, und deren Hande oft trotz anhal tender und 
anstrengender korperlicher Arbeit eine auffallend weiche Haut- 
bedeckung zeigen, wahrend Urninden meiner Beobachtung nach 
gerade Id bezug auf die Beschaffenheit der Haut nicht so oft einen 
virilen Typus zeigen, was vielleicht darin seinen Grund hat, daB 
sio auBerei Umstande halber doch nur ausnahmsweise zu einer 
solchen korperlichen Aktivitat der LebensfUhrung sich durch- 
ringen konnen, wie sie in erster Linie zur Entwicklung eines 
mannlich derben Hautgewebes erforderlich ist. 

In 89,8 o/o fanden wir bei Urningen einen reinen „Teint", 
bald mehr zart weiB, bald mehr hell gelblich, bald rosig oder 
rotlich frisch, die Urninden zeigten etwa in der Half te der 
Falle erne verhaltnismaBi^ dunklere, derbere Hautbeschaffenheit. 

Von manchen Seiten wird besonders die „rosige", „gleichsam 
durchsichtige", „zarte" Haut vieler Uminge henrorgehoben. 

Vhev Walt Whitmans Teint schreibt John Bur- 
ro ugh s^s): „Sein Korper, wenn auch prachtvoll, war in merkwur- 
digei' Weise der Korper eines Kindes, man sah dies an seiner Form, 
an seiner rosenroten Farbe und an dem zarten Gewebe der Haut." 

Mit dem groUeren Fettgehalt ihrer Haut hangt vielleicht das 
geringere Warmebediirfnis vieler Uranier zusammen. Im allgemeinen 
fiafit sich die Haut der Urninge warmer an, als die der rersonen 
ilirer Umgebung. Es scheint, daB die im Volke verbreitete Bezeich- 
nung „warmer Bruder" (auch das Wort schwul = schwiil meint ahn- 
liches) in dieser Erscheinung. ihrc physiologische Begriindung hat, 
wahrend der romische Ausdruck homo mollis, ebenso der grieohische 
fiakaxo^ (iKndo bedeuten w'eicher Mann), auf di6 Weichheit der Haut 
und Muskulatur zuriickgefiihrt werden durfte. Bemerkenswert fiir die 

29) John Burroughs, Notes on Walt Whitman as Poet and 
Person. New-York 1867. — John Burroughs, Walt Whitman, A 
study. Boston 1896. 



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147 

Starke GefaCerregbarkeit der Haut ist, dafi sich unter 500 mannlichen 
Homosexuellen 352 (70,4 o/o) befinden, die iiber mehr oder minder 
starkes Erroten klagen, bei einigen steigert sich diese Disposition 
zu ausgesprochener Erythrophobie. 

Die SchweiCabsonderung femininer Urninge riecht nicht selten 
weiblich, die viriler Urninden mannlich, wahrend die Transpirationen 
maskuliner Urninge oft sexuell indifferent, d. h. weder mannlich noch 
weiblich duften. Das gilt auch von den Ausdiinstungen der Haare, 
besonders der Achselhaare. Gustav Jager schreibt : ^o) 

„Uber den Ausdiinstungsgeruch Homosexueller kann ich nur das 
mitteilen: Mir, einem Normalsexuellen, riechen alle reifen mannlichen 
Normalsexuellen scharf, brenzlich, sauerlich iind nicht angenehm. 
Dieser eigentiimliche mannliche Geruch fehlte den paar Homosexuel- 
len, die Oder deren eingesendetes Hasir ich zu beriechen in der Lage 
war; ich kann ihren Geruch nur als fade bezelchnen, doch bin ich 
iiberzeugt, daB das bei einem „Supervirilen" anders ausf alien wiirde. 
So ist ja bekannt, daB der ausgesprochene supervirile Alexander der 
GroBe fvir die Manner wie Veilchen duftete." 

Seit altersher ist es bekannt, daB viele Urninge ihre Korper- 
oberflache mit allerlei Farbemitteln zu verschonern suchen. Manche 
legen sich Rot auf, manche pudern sich, andere tuschen sich die 
Augenbrauen mit Kohlenstiften oder farben sich die Haare blond. Ge- 
stattete die Mode Schonheitspflasterchen, so waren es sicherlich 
Urninge, die in der geschickten Anbringung der kleinen „mouches" 
das groBte Raffinement entwickelten. Der romische Geschichtsschrei- 
ber Lampridius erzahlt von dem urnischen Kaiser Heliogabal: 
„vultum eodem, quo Venus pingitur, schemate figurabat", „er stellte 
sich sein Gesicht nach demselben Schema her, nach dem man die 
Venus malt". Manche feminine Urninge haben eine formliche Leiden- 
schaft, sich zu bemalen; vielen, die zu mir kamen, verbot ich es 
energisch, doch sah ich sie, trotzdem sie sonst folgsam wajren, immer 
wieder in diese Liebhaberei zuriickfallen. Indes gibt es auch hier 
wieder viele, die alle Toilettenkiinste perhorreszieren. Unter den Urnin- 
den befinden sich diese in der Mehrzahl. 



50) Jahrb. f. sex. Zw. Bd. II. p. 117. 



10* 



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SECHSTES KAPITEL. 

Die Diagnose der mSnnifchen und weiblichen HomosexuaiitSt 

Sexaelle Inkongruenzen. 

p) Andersgeschlechtliche Einschiage auf dem Gebiete des 
Nerven- und Seelenlebens. 

g. Bewegungen und Handschrift. 

Ahnlich wie im Korperbau treten auch in den Bewegungen 
der Homosexuellen beiderlei Geschlechts symptomatische Er- 
scheinungen zutage. Schon die Alten, wie Lukian, Petron 
und Juvenal hoben hervor, daB man die Urninge v u 1 1 u 
incessuque, an Miene und Gang am besten erkenne. Wir 
wollen die Bewegungen nach den Korperpartien in vier Gruppen 
teilen: a. Kopfhaltung und -Bewegungen, einschlieBlich der 
Gesiditsmimik, b. Bewegungen der oberen Extremitaten, c. des 
Rumpfes und d. der unteren Extremitaten. 

Die mimischen Bewegungen des Gesichts stehen im engsten 
Zusammenhange mit dein Ausdruck der Gesichtsztige, aus dem 
sie liervorgehen und zu dem sie zuriickkehren. Wir sind ^- 
wchnt, den Gesiclitsausdruck des Mannes markanter zu finden, 
als den der Frau. Die scharfer ausgepragten und aus- 
gearbeiteten Gesichtsziige verraten in hoherem MaUe Denk- und 
Wilienstatigkeit. Die weniger bestimmte, infolge leichteren 
Wechsels der Affekte bewegliehere Physiognomie der Frau 
deutet auf ein tJberwiegen des Gemlits liber das Verstandesleben. 
In der Mimik zeiehnet den Mann eine gewisse Ktirze, Unge- 
zwungenheit und Entschiedenheit, die Frau mehr Schmiegsam- 
keit, Unentschlossenheit oft bis zur Geniertheit aus. 

In der geraden, aufrechten Kopfhaltung beim Manne pflegt 
sich mehr SelbstbewuBtsein, in der leicht schragen der Frau 
mehr Selbstgefalligkeit zu dokumentieren. Man konnte viel- 
leieht sagen, dafi die Mimik des Mannes in ihrer Gesamtheit 
mehr eine Bejahung oder Verneinung des Lebens, die der Frau 



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149 

niehr eine Frage an d as Leben ziim Ausdruck bringt. Doch sind 
audi hier wie iiberall, nicht die spezifisch mannlichen Eigen- 
tiimlichkeiten auf das mannliche Geschlecht und die spezifisch 
weiblichen auf das weibliche beschrankt. Nur vom Durch- 
schnitt ist die Rede. DaB VoUmann und VoUweib in der Mimik 
bemerkeBswerte Unterschiede bieten, kann kein Physiognomiker 
in Zweifel ziehen. Nach dem personlichen Eindrucke, den ieh 
aus so iiberaus zahlreichen Beobachtungen gewonnen habe, sind 
nun aber bei Homosexuellen alle diese Unterschiede bei weitem 
weniger markant, als bei nicht gleichgeschlechtlich Veranlagtcn. 

Zunachst fallt bei vielen Homosexuellen eine gewisse Un- 
bestimmbarkeit und Veranderlichkeit des Gesichtsausdruckes auf. 
Es laBt sich oft nicht recht entscheiden, ob mehr mannliche 
oder *weibliche Ztige darin vorherrschen. Oft wechselte der 
Eindruck auch so, daC man ihn bald als mannlich, bald ebenso 
ausgesprochen als weiblich bezeichnen konnte. 

Bei einer groBen Anzahl Homosexueller, sicher aber bei 
relativ mehr Homosexuellen als Normalgeschlechtlichen kann 
man eine durchaus im Sinne des anderen Geschlechts ausge- 
pragte Mimik beobachten. Haufig fand ich bei homosexuellen 
Mannern weiche Gesichtszlige, schmachtenden Ausdruck und 
Aufschlag der Augen, kokettes Hochziehen der Lippen, zittern- 
des Bcben der Nasenfltigel, ein Riickwartsheben des Kinns und 
Seitwartsneigen des Kopfes und andere mimische Bewegungen, 
di'3 wir als typisch feminin bezeichnen konnen, und ebenso oft 
bei homosexuellen Frauen scharfe Ziige, festen, oft fast harten 
Blick, kurze ruckweise Kopfbewegungen und andere charakte- 
ristische Zeichen viriler Mimik. 

Ein amerikanischer Professt>r schrieb mir: „In allera, was ich 
hier nieder^geschrieben, ist nicht. viel Neues. Es ist immer das alte 
Lied, welches Sie, mein lieber Doktor, bei Ihrer langen Erfahrung 
schon geniigend kennen. Aber da ist ein Punkt, den ich nieraals in 
der Literatur beriihrt gefunden, das ist die Physiognomie der 
Homosexuellen. Ich will mich naher erkliiren. vor wenigen Jahren 
machte ich in Boston die Bekanntschaft eines homosexuellen Malers. 
Er sail einem Herrn aus Denver so auffallend ahnlich, daC ich spiiter 
diesen vorsichtig ausfragte — auch die Sprache und Ausdrucksvvcise 
waren dieselben — , und nun erfuhr, daB er auch homosexuell sei. Ein 
zweiter Fall. Vor einiger Zeit war hier ein homosexueller Lehrer, niit 
dem ich recht befreundet wurdc, und der, wie so viele Nordamerikaner, 
ganz unwissend schien iiber seine Veranlagung. Er war an einen 
(normalen) Kollegen sehr attachiert. Letzten Sommer traf ich nun in 
einem Bostoner Bad einen ausgesprochenen, jungen Homosexuellen von 
2.3 Jahren, der dem Lehrer ganz auffallend ahnlich war, im AuBeren 
wie in der Stimme." 

Vielea Charakteristische wird man nur bei grofier Dbung heraus- 
finden konnen. Wer Hunderte von Trningen und Urninden gesehen 
hat, wird nicht zweifeln, daC sie ganz bestiramte Gesichts- 



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150 

t y p e n aufweisen. So schwer es sich aber definieren laBt, was im 
Grundo den mannlichen oder weiblichen Gesichtsausdruck ausmaclit, 
so wenig kano man dem Laien das Eigentiimliche klar machen, das dem 
Kenner am Urning oft schon beim Anblick der Photographien in die 
Augen fallt. Wiirden die Geschlechter dieselbe Kleidung tragen, ware 
man vermutlich eher in der Lage, die Ubergangsstufen herauszufinden, 
BO beeinfluBt die Verscbiedenheit in Anzug una Haartracht das Urteil 
wesentlich. Docb kommt es aucb so. noch oft genug vor, daB urnische 
Manner fdr verkleidete Madcben und urnische Damen fiir verkleidete 
Herren gehalten werden. Lassen sich Urninge, selbst solche, die recht 
mannlicL erscheinen, den Bart abnehmen und legen weibliche Klei- 
dungsstiicke an, so ist es meist geradezu verbliiffend, wie sehr der weib- 
liche Typus, namentlich in der Augenpartie, zum Vorschein kommt. 
Ich befand mich einmal mit einem urnischen Gelehrten in dem seiner 
Volkstrachten und Volkssitten wegen bekannten Fischerdorf Volen- 
dam am Zuideraee. Wir betraten des Studiums halber eine der eigcn- 
artigen Behausungen. Im Laufe der Unterhaltung setzte sich mein 
Begleiter eine der ortsiiblichen Frauenhauben auf. Der Erfolg war 
dberraschend. Die braven Fischerfrauen konnten sich iiber die Ver- 
wandlung gar nicht beruhigen und riefen ein iiber das andere Mai 
aus: „Wie ein Madchen, wie ein Madchen". Auch ich selbst konnte 
seitdem nicht mehr den weiblichen Eindruck los werden, der mir 
in dem Gesichte des Forschers, weil ich darauf nicht achtete, zuvor 
nie aufgefallen war. Viele Homosexuelle sehen als „Weib bedeutend 
besser aus wie als Mann". Ich erinnere mich eines urnischen Aristo- 
kraten, den ich jahrelang nur in Damentoilette gesehen hatte, in 
der er sich hochst elegant ausnahm. Als er mich das erste Mai im 
Henenanzug besuchte, erkannte ich ihn fast gar nicht wieder, so 
zu seinen Ungunsten verandert sah er aus. Bei manchen tritt das 
undefinierbar Weibliche erst im Affekt starker hervor. Ein Richter 
schreibt, sein Gesicht sei scharf geschnitten, doch sei ihm von Damen, 
die seine homosexuelle Natur nicht kannten, bemerkt worden, wenn 
er lachle, habe er die Augen eines Weibes. Ein urnischer Offizier, 
der sich durch eine „martialische" Erscheinung (mit etwas breiten 
Huften) auszeichnet, teilt mir mit, daB, wenn er sich in Erregung 
befande, seine sehr groBen, blauen traumerischen Augen von ganz- 
lich unbefangener Seite als weiblich erkannt worden seien. 

Im Gegensatz hierzu will ich an zwei Beispielen von vielen den 
Gesichtsausdruck typischer Urninden schildern. Theophil Zol- 
1 i n p , der Louise Michel um 1880 interviewt hat, beschreibt 
sie m seiner „Reise um die Pariser Welt" (Stuttgart 1882), p. 62: 
.,Die hohe nervige iiberschlanke Gestalt, mit dem groBen energischen 

Kopfe, will nicht zum Frauengewande passen In ihrem Ange- 

sichte erinnern hochstens die verschnittenen Locken, welche, in der 
Mitte gescheitelt und hinter die Ohren gestrichen, in ziemlich dich- 
ten, bemahe ins Graue spielenden Ringeln riickwarts auf das schwarze 
Halstuch fallen, und etwa das kleine, charakterlose Kinn an ihr 
Geschlecht. Starke Backenknochen begrenzen den breitgeschlitzten 
Mund, dessen dicke, blasse, aufgesprungene Lippen keineswegs zum 
Kusse einladen, und verdecken die kleinen eisigen Augen, die hinter 
buschigen Brauen lauern. Unter der kraftig und nicht unedel ge- 
schnittenen Nase schattiert sich ein Schnurrbartchen, das den Neid 
eines Gymnasiasten erwecken wiirde. Das Gesamtbild dieser Ziige 
ist vulgar, trotzig abstoBend, hart, mumienhaft, wird aber vermensch- 
licht durch den Ausdruck physischen und psychischen Leidens, der 
daiiiber ausgegossen ist, und den Strahl der' Begeisterung, welcher 
im Affekt in den grauen Augen phosphoresziert und das sonnenver- 
brannte, vorzeitig gealterte Antlitz verklart. Man sieht, daB man 
vor einer Intelligenz, einem Willen und einer Oberzeugung steht, die 
bis zur Scliwarmerei und zum Verbrechen gehen kann.*^ Von der 



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151 

V'ay sagt Krafft-Ebing*): ,,Ein nicht unschones, intelligentes 
Gesicht, das trotz einer gewissen Zartheit der Zuge und Kleinheit 
aller Partien ein ganz entschieden mannliches Gepriige hatte, wenn 
nicht der schwer entbehrte Schnurrbart fehlen wiirde. . . . Blick 
intelligent, Miene etwas verdiistert." 

Hicr einiges noch liber das Aussehen der Homosexuellen. 
Wir begegnen hier in der Literatur ganz falschen Angaben. 
So sprichl Braunschweig^) von der verengerten Lidspalte 
der Homosexuellen als einem Kainszeichen, Ostwald^) von 
de.i umschatteten und umflorten, andere sogar von den ,,fisch- 
artigen** Augen^) der Urninge, einige heben die bleiehe Gesiehts- 
farbc, andere die HaBlichkeit der Homosexuellen im all^emeinen 
hervor, die bei Michelangelo sogar der 'Grund gewesen 
sein fioU, daB er, zu abstoBend flir das weibliche, sich dem 
gleichen Geschlecht zuwandte. AUe diese Behauptungen er- 
mangeln der Materialkenntnis. Jeder, der sehr vielc Homo- 
soxuellc zu sehen Gele^enheit hat, wird die Gesichter sowohl 
der mannlichen als der weiblichen Homosexuellen als in der 
groBen Mehrzahl wohlgebildet bezeichnen mlissen. Viele /jeichnen 
sicli durch schone, seclonvoUo Augen, eino feingeschnittene Nase, 
wohlgeformte Lippen und Ohren, frische Farben, feine, ge- 
wtUte Haare und gefallige anmutige Ziige aus. Manche haben 
kindcrahnliche Gesichter. 

M(isner^) gibt als besonderes Cliarakteristikum an, daB 
Uranicr oft jugendlicher aussehen, als sie sind, und sich langer 
jung halten, als normale Manner. Das gleiche gilt auch fiir 
homosexuelle Frauen. Krafft-Ebing betont, daB die bei 
ihm Rat suchonden Uranicr zumcist von auffallender Schonheit 
der Gesichtszuge und dos Leibes, strotzead von frischer Mann- 
lichkeit und Gesundhoil, lebhaft zuwcilen bcoonders geistvoll 
und immer „intercssant*' geweson seien.** 

Die A r m bewegungen stehen, soweit sie dem Ausdrucke 
psychischer Regungen dienen, mit der Mimik in engsicm Zu- 
sammenhange. Wir fassen diese Bewegungsgruppe unter der 
Bfzeichnung „Gesteu** zusammen, und finden in ihnen in ganz 
besonderem MaBe die sexuelL^ Eigenart ausgepra.i^t,. Die fcsti^n 
und ruhigen, der Situation entsprechend bostimint zustimmead^m 
oder abweisenden, fast immer etwas eckigen Armbewegungen 
in Verbindung mit den fast nur in dor Vertikale])ene ausi^o- 
flihrten Ruckenb^wegungen konnen wir als mehr mannlich, die 

1) Krafft-Ebing, Psych, sex. 1903, pag. 301 und 305. 

') Braunschweig, Das dritte Geschleclit, p. 11. 

') Ostwald, Mannliclie Prostitution, p. 60. 

*) Cf. Liebchen, Ein Roman unter IMiinnerii 1908, p. d. 

*) Meisner, Uranismus, p. II. 



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152 

graziosen, unruhigen, oft zu der Situation nicht ganz passenden 
und das adaquate MaB leicht litferschreitenden, fast immer aber 
abgcrundeten Armbewegungen in Verbindung mit einem Drehen 
und Neigen des Riickens als mehr weiblich ansprechen. Kurze 
Gesten der Hand geben das virile, biegsame und gezierte, das 
feminine Bild. 

Aucb hier finden wir bei Homosexuellen sehr oft ilie Ge- 
schlechtscharaktere verschoben. Auf keinen Fall habe ich bei 
Normalgeschlechtlichen so haufige und weitgehende Ab- 
wcichungen vom Gesdilechtstypus gefunden wie bei den Homo- 
siexuellen, bei denen der ganze hier dn Betracht kommende 
Bewegungsmechanismus oft derart im Sinne des anderen Q&r 
schlechto ausgebildet ist, daU man fast von einem „Trans- 
gestismus", einer Umkehrung der Gesten, spreehen konnte. 

Uber die Handbewegungen schreibt ein sachkundiger Korrespon- 
dent an Ulrichs*): „Fast ebenso verraterisch sind die Bewegungen 
der Hande. Der Weibling spricht gem mit Affektation und kokettiert 
und affektiert dabei mit den Handen. Namentlich weiblich ist auch 
die Art, wie er die Hand zum GruB darreicht. Selbst bei Mann- 
lingen fand ich meist weibliche Handbewegung. An der Hand- 
bewegung habe ich schon in manchem den Urning erkannt, ohne 
daB ich mich dabei getauscht hatte." 

In innigstem' Zusamtnenhange stehen gerade die Arm- 
bewegungen mit der Beschaftigungsart der in Frage stehenden 
Personen Sind doch einmal beide von dem gleichen Empfinden 
und Neigungen diktiert, soweit es sich um zusagende Arten 
der Bewegung und Beschaftigung handelt, und ubt doch anderer- 
seits die korperliche Tatigkeit riickwirkend einen sehr bemerkens- 
werten EinfluB auf den Bewegungsmechanismus der beteiligten 
Muskelgruppen, in erster Linie den der Arme aus. So bilden 
sich aus Anlage, adaquater Tatigkeit, Anspannung und Ge- 
wchnung eigentiimliche Bewegungsmodalitaten aus, die zu be- 
sonders charakteristischen Bildern flihren. Wir finden deshalb 
unter weiblichen Homosexuellen Personen, die mit nerviger Faust 
den Schmiedehammer, unter jnannlichen solche, die geschickt 
und zierlich Stricknadel und Hakelhaken flihren. 

In recht charakteristischer Weise schildert Martial (7,67) die 
Bewegungen der Philaenis, deren Leidenschaft fiir Frauen wilder als 
die eines Ehemannes, eines maritus, ist. Wie ein junger Mann iibt 
sie sich in den Kampfiibungen der Fecht- und Ringschule. 

.... gravesque draucis 
Halteraa facili rotat lacerto; 
Et, putri lutulenta de palaestra, 
Uncti verbere vapulat magistri. 



«) UlrichSj Memnon, pag. 131. 



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153 

Mit leichtem Arm schwingt sie Bleigewichte, welche fur kraf- 
tige Burschen schon schwer genug sind; und wenn in der oltriefenden 
Ringschule der Fechtmeister einmal mit schwanker Rute unter die 
eingeriebenen Zoglinge fahrt, so wird auch sie nicht verschont. Aucb 
unter den Urninden nachromischer Zeit gibt es offenbar viele, die 
ihren Arm besonders gem in der Fechtkunst erproben, so Made- 
moiselle M a up i n , die ihren beriihmten Fechtmeister S 6 r a n n e bald 
an Geschicklichkeit libertraf, und die, als sie einmal auf einem 
Ballfest im Palais Royal wegen zartlicher Zudringlichkeiten zu einer 
jugendlichen Opernsangerin unliebsames Aufsehen erregte, drei Kava- 
liere, die ihr deswegen Vorstellungen machten, mit ihrem Degen zu 
Boden schlug. Als die Vestvali in Leipzig den Hamlet spielte, 
schrieb der beriihmte Kritiker R. v. Gottschall am Schlufi seiner 
Besprechung: „ — und um neben der geistigen Auffassung auch das 
Tecbnische nicht zu vergessen: fechten sahen wir auf der Biihne nie- 
malfl besser". 

Die R u m p f bewegungen haben wir bereits im Zusammen- 
hang-3 niit denen der Arme erwahnt und wollen sie noch kurz 
ill Verbindung mit denen der Beine, zum Gegenstand unserer 
TBetrachtungen machen. Wir gelangen hier zu d^n gleichen 
Beobachtungsresultaten wie dort: Drehen und Wiegen des 
Riickens relativ haufig bei homosexuellen Mannern, virile straffe 
und aufrechte Rlickenhaltung bei homosexuellen Frauen. 

Der Beinhaltung und den Beinbewegungen wohnt wieder viel 
Charakteristisches fiir die sexuelle Individualitat inne. Im Sitzen ist 
das ungezwungene 0bereinanderschlagen der Beine oder das Kreuzen 
der Fiile bei zuriickgezogenen Unterschenkeln typisch fiir die mann- 
liche, das Neben- und Auseinanderhalten der Beine und Fiifie fiir weib- 
liche Eigenart. Ein recht charakteristisches Phanomen ist zu beob- 
achten, wenn man sitzenden Personen zugeworfene Gegenstande mit 
den Beinen auffangen laCt. Der Mann wird die Beine rasch zusammen- 
bringen, um die Gegenstande festzuklemmen, die Frau die Beine aus- 
einander breiten, um sie in ihrem Schofie aufzufangen. In alien diesen 
Einzelheiten konnte ich bei mannlichen Homosexuellen auffallend 
haufig den femininen, bei weiblichen den virilen Typus in Haltung 
und Bewegungen beobachten. Oft wirkt es geradezu verbliiffend, 
wenn man eine virile Urninde mit leger iibereinandergeschlagener 
Beinen und einen femininen Urning mit peinlich nebeneiuanderge- 
stellten und zierlich nach auBen geknickten FuBgelenken Seite an 
Seite sich unterhalten sieht. Wie fortlaufende Bewegungen stets 
die sexuellen Eigentiimlichkeiten in hoherem MaBe hervortreten lassen, 
als vereinzelte, so treten diese beim Gauge ganz besonders deutlich 
hervor. Der Mann pflegt bei aufrechter Rumpfhaltung feste und lange, 
die Frau bei wiegenden und drehenden Rumpfbewegungen kleine, zier- 
lich trippelnde Schritte zu machen. Auch hier konnte ich die feminine 
Gangart xelativ haufig bei homosexuellen Mannern, die virile bei 
homosexuellen Frauen beobachten, bisweilen in einem Grade, daU der 
Gang dieser ein feminin tanzelnder, jener ein extrem viril vier- 
schrotiger genannt werden konnte. 

Dies"i Gangart Homosexueller ist so .charakteristisch, daB 
ich oft von meinem Sprechzimmer aus an der Art des Auf- 
tretens erkannte, wenn ein Urning in mein Warte^mmer kam. 

Ein urnischer Pastor gibt folgende Schilderung von sich: „Es 
besteht Neigung zu wiegendeji Bewegungen, ich suche jedoch diese 



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154 

Neigung so gut wie moglich zu uberwinden, da ich mich auBorst be- 
schamt fiihle, wenn jemand etwas Damenhaftes an mir entdeckt. 
Trotzdem ist letzteres dann und warm schon vorgekommen. Be- 
sonders mein Gang wurde schon ofters „damenhaft" gefunden. Die 
Schritte sind mehr klein, mitunter schliirfend, die Schultern wiegen 
sich beim Gehen etwas bin und her, wenigstens wenn ich mir keine 
Gewalt antue, auch die Art und Weise, wie ich mich niedersetze, ist 
schon aufgefallen". Ein homosexueller Polizeibeamter erzahit, daJi 
eine Dame von ihm sagte: „Der Kommissar mit dem leichten Madchen- 
schritt.** Der Gang eines Menschen ist ohne Zweifel nicht nur von 
anatomischen, sondem auch von psvchischen Faktoren abhangig. Das 
will sagen, daB zwar die somatischen Verhaltnisse des Urnings, die 
Breite der Hiiften, die infol^edessen staxker konvergierenden Ober- 
schenkel, die schwache Entwicklung der Beuge- und Streckmuskeln 
auf den Gang nicht ohne EinfluB sind, daB aber auch seelische Ein- 
wii'kungen in Frage kommen. Dafiir s^richt, daB Uminge, die sich, 
um sich nicht zu verraten, ruhigere, gravitatische Schritte angewohnen, 
leicht bei Erregungen, oft schon oeim Laufen, in ihre naturliche 
Gangart verfallen. Der eben zitierte Polizeikommissar bemerkt: „Meine 
Schritte waren sehr klein und hiipfend, ich habe es mir aberzogen, 
es tritt aber immer wieder hervor, sobald ich neben einem jungen, 
schonen Herren gehe." 

Bei manchen Urningen kann man ein eigentumliches Anheben der 
Riickseite der Beinkleider beobachten, als ob sie eine Schleppe raff ten. 
„Gehe ich iiber nasse Stellen", schreibt ein Urning an MolH^ „so 
bin ich stets ganz unwillkiirlich in Versuchung, mir die Kleider 
hochzuheben." 

Besonders kommen die feminin-graziosen Bewegungen der 
Homosexuellen im Tanze zur Geltung, dem viele leidenschattlich er- 
geben sind. Es gibt Urninge, die nur als Dame, Urninden, die nur als 
Herr tanzeii konnen. 

Die stramme Haltung und Gehweise urnischer Frauen hat oft 
etwas Militarisches, Decidiertes. Von einer Urninde in Cassel schreibt 
im Memnon (pa^. 201) ein Korrespondent : „Sie ging wie ein Offizier". 
Unter 600 Urningen waren 279 (66,8 o/o), deren Schritte klein, zum 
Teil ausgesprochen feminin waren; jeder Muskeltatigkeit abhold waren 
90, 153 batten eine Vorliebe fiir wiegende Beweguneen, besonders 
Tanzen, 113 bevorzugten FuBtouren und Bergsteigen, 22 Tumen, 16 
Schwimmen, 6 Reiten, wahrend 77 Neigung zu kraftiger Muskeltatig- 
keit hatten und 23 energische Sportsleute waren. 

Es seien noch elnige Bewegungsformen hervorgehoben, die fthn- 
lich wie das bereits erwahnte Fangen von Gegenstanden mit sich 
naljemden Oberschenkeln bei Urninden, sich entfemenden bei Ur- 
ningen besonders typisch sind. Dazu gehort, daB viele Urninge beim 
Wasserlassen sich m besonderer Stellung iiber da^ Nachtgeschirr 
niederlassen, wahrend es heterosexuelle gewohnlich emporheben. Um- 
gekehrt finden wir bei Urninden vielfach die Neigung, im Stehen zu 
urinieren. So ist in den Akten der Sarolta Vay das Zeugnis 
einer Familie E. erwahnt, deren Kinder bekundeten, sie hatten wieder- 
holt beobachtet, daB sie sich bei Promenaden hinter einen Baum 
gestellt habe, um als Mann dem Bediirfnis der Urinsekretion zu ge- 
nugen, auch auf Aborten hatte sie in aufrechter Haltung die Blase ent- 
leert. 

Manche homosexuelle Frauen haben eine grofle Vorliebe, im 
Herrensattel zu reiten, hingegen gab und gibt es Urninge, die instinktiv 
dem Reiten nach Frauenart so sehr den Vorrang geben, daB sie sich 
wie Mario Vacano und ein unter dem Namen Ella Zoyara 
auftretender Amerikaner als Zirkuskiinstleriunen produzierten. Auch 

7) 1. c. p. 161. 



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155 

das Werfen und Fangen des Balles, wie iiberbaupt die Ann- und BeiD- 
bewegungen im Spiel und Sport sind oft typisch. 

Aucli die von dem amerikanischen Radiumforscher Professor Dr. 
Everard Hustler studierten Schwingungsphanomene am „s i d e- 
rischen Pende T'^a) verdienen nachgepriift zu werden. Um die in 
Frage kommende Erscheinung hervorzurufen, bedarf es eines sehr ein- 
fachen Experiments. Man braucht nach Hustler dazu nur einen silbernen 
EBloffel und einen an einem Zwirnfaden aufgehangten goldenen Trau- 
ring. Man wiokelt das freie Ende des Fadens zweimal iiber den rechten 
Zeigefinger und laBt das von dem Ring beschwerte langere Ende iiber 
den Daumennagel hangen, gerade iiber den EBloffel, der vor dem Experi- 
mentierenden auf dem Tiscne liegt. Um einer zu friihen Ermiidun^ vor- 
zubeugen, wird empfohlen, den Ellbogen aufzustiitzen. Nach emiger 
S^eit wird der Ring in schwingende Bewegung geraten, die je nach dem 
Geschlecht des Experimentierenden verschieden ist. Bei einer mann- 
lichen Person schwinfft der Ring in der Langsrichtung des 
Loffels, bei einer we ib lichen Person in der Querrichtung. 
Wenn eine andersgeschlechtliche Person die freie linke Hand des 
Experimentierenden beriihrt, geht der Ring erst in die Ruhelage 
iiber, und fangt dann aufs neue zu schwingen an, und zwar in einer 
eewissen Mittellage, so daB also der EinfluB der zweiten Person 
deutlich wahmehmbar ist. Ein urnischer Gelehrter, der Hustlers Ver- 
suche nachpriifte, will sie bestatigt gefunden und bei Homosexuellen 
folgende Abweichungen wahrgenommen haben: 



Mann 
heterosex. 


Frau 
heterosex 


Mann und 

Frau 
heterosex. 

/ 

/ 


2 Ma 

bei 
heter 


nner 

de 

osex. 


2 Frauen 

beide 
heterosex. 


Mann 
homosex. 


Mann 
heterosex. 
u. Mann 
homosex. 

/ 



Verstiirkte 
*Schwingiin^'on 

Viele Urninge haben eigentiimliche Verlegenheitsbewe- 
g u n g e n — wenn sie angeklagt sind, kann man diese besonders hauf ig 
wahrnehmen — , streicheln sich verlegen iiber die Stirn, spielen sich am 
Ohr, beriihren mit der linken Hand den rechten Mundwinkel oder kratzen 
sich mit dem Finger die Kopfhaut — digito scalpunt uno caput, sagt 
Juvenal (IX. 131 ff.) von ihnen. Auch das Zerkniillen von weichen 
Gegenstanden, insbesondere von Taschentiichern in der Hand, ' das 
Stemmen des im Ellbogen gekriimmten, nach vorn gehaltenen linken Arms 
in die Taille, das Anlegen des vorderen Handriickens an die Wange sind 
typischo Stellungen. Besonders aber ist der schwer zu definierende 
Ausdruck und die Bewegungen der Augen bemerkenswert. Schon 
Patron spricht von ihrem weichen Augenaufschlag. Viele senken 
verschamt den Blick, um ihn dann wieder sanft, innig, schmachtend 
zu erheben. Einer sagte von sich, „er habe troue Hundeaugen", bei 
anderu finden sich folgende Beschreibungen des Augenausdrucks : 
schwarmerisch, schmelzend, verziickt, traumerisch, verschleiert, schwer- 
miitig, matt, fragend, suchend, dann heiBt es wieder siiBlich, kokett 
Oder kindlich, gewinnend, treu, mild. Hingegen wird der Blick der 
Urnindeu fest, ruhig, klar, offen, ernst, sicher, dann wieder als durch- 
dringend, «techend, forschend, fixiercnd, priifend, beoba^htond, herrisch, 
Strang, scharf, trotzig, finster, diister, ironisch usw. beschricben. 

'a) Vgl. „Das siderische Pendel" von Fr. Kallenberg, Miinchen 



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166 

Seit Ulrichs begegnet man in der Literatur immer wieder der 
Angabe, dafi Homosexuelle nicht pfeifen konnen. Dies stimmt mit 
unsern statistischen Feststellungen nicht iiberein. Unter 500 Ur- 
ningen standen 385 Pfeifern (77 o/o) 115 (23 o/o) Nichtpfeifer gegeniiber. 
Wirklich gut pfeifen allerdings nur wenige; namentlich einen durch- 
dringenden Pfiff hervorzubringen, sind die meisten auBerstande, da- 
gegen konnen urnische Frauen oft ungewohnlich gut pfeifen; zwei, 
die icli kenne, treten sogar als Kunstpfeiferinnen auf. Auch Kraf f t- 
E b i n g 8) erwahnt eine homosexuelle Malerin, die wegen ihrer vir- 
tuosen Fahigkeit sich pfeifend zum Klavier zu begleiten, bekannt war. 
Beim Rauspern und Schnauben pflegen Urninden den Schleim kurz 
und kraftig, Urninge oft langsam und zach herauszubefordern. tJber 
das Niesen der Urninge f indet sich bei Dio Chrysostomos (orat. 
33. p. 410) f olgende merkwiirdige, auch von Iwan Bloch») mitgeteilte 
Geschichte: Ein bedeutender Mann riihmte sich, den Charakter und 
die Eigenschaften eines jeden Mannes aus seinem AuBeren erkennen 
zu konnen. Auf den ersten Blick konnte er sagen, ob jemand mutig 
Oder feige, ein Prahler, ein Ehebrecher, ein Kinade oder was sonst 
immer sei. Einmal brachte man ihm in einer Stadt einen Menschen 
von unordentlichem Aussehen, mit Schwielen an den Handen, un- 
regelmaBigem Haarschnitt, mit grobem Gewand. Nach langem Be- 
trachten erklarte er, der Mensch solle gehen, er wisse nicht, wer \md 
was er sei. ImFortgehenniesteer. Da rief er sof ort : „Das 
ist ein Mann, der geschlechtlich mit Mannern verkehrt." 

Da P 1 i e B 'behauptet hat, daU sich unter den Homosexuellen 
viel Linkshander befanden, habe ich auch nach dieser Richtung 
bin mein Material statistisch durchforscht. Als ausgesprochen 
rechtshandig bezeichnen sich unter den Homosexuellen 87 o/o, 
als iinkshandig 7 o/o, wahrend 6 o/o angeben, links- und recht»- 
handig, bezw. bei einzelnen Beschaftigungen links zu sein. Nach 
einer in der Deutschen Medizinischen Wochenschrift ver5ffent- 
lichten Arbeit liber die Haufigkeit der Linkshander im deut- 
schen Heere waren 1909 „unter 266 270 untersuchten Leuten 
10 292 Linkshander, d. h. 4 v. Hundert.** Danach scheinen 
allerdings unter den Homosexuellen etwa doppelt soviel Links- 
hander vorzukommen, wie unter den Heterosexuellen. 

Vor allem aber verdient hier eine motorische Ausdrucks- 
form Erwahnung: 

die Handschrift. 

Unter den Bewegungsarten nimmt sie eine ^anz besondere 
Stellung ein. Es werden zwar bei alien willkiirlichen Be- 
wegungen die vorhandenen Empfindungen und Vorstellungen 
ihren Stem pel auf das Bild der Bewegung drticken, beim 
Schreiben aber werden diese psychologischen Paktoren ein be- 
sonders gunstiges Peld ihrer Betatigung finden, weil die zum 
Schreiben erforderlichen Bewegungen der feinsten Abstufung 



8) Jahrbuch f. s. Zw. III. Bd. p. 26. 

») Iwan Bloch, Bd. I, Dieses Handbuch, S. 410. 



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157 

fahig, so daB sie darin vielleicht sogar die verwickelten, beim 

SprecheTi ausgeflihrten Zungenbewegungen noch libertreffen. 

AUh Niianceii des Seelenlebens konnen in der Handschrift 

zum Ausdruck kommen. Da sich die Psyche der Frau im ali- 

gemeinen von der des Mannes dadurch unterscheidet, daB sie 

mehr dem Empfinden als dem WoUen und Handeln zugewandt 

ist, so werden mannliche und weibliche Handschriften in wesent- 

lichen Merkmalen differieren. 

Wie Schneidemuhl^'^) ausfiihrt, pflegen die Handschriften 
der Frauen in der Kegel diinner nnd zarter, meistens auch schrager, 
zu sein als diejenigen der Manner. Wahrend die Merkmale fiir 
Willensstarke, Tatkraft und Ausdauer nicht selten fehlen, sind solche 
fur Empfindsamkeit und Selbstgefalligkeit ofters vorhanden. Die Hand- 
schriften der Frauen pflegen weniger Charakter zu haben, ausdrucks- 
loser zu sein, als die der Manner. Professor Schneidemiihl hebt 
selbst hervor, daB es zwischen den typischen Frauenhandschriften 
und den typischen Mannerhandschriften eine groBe Anzahl von 
Zwischenstufen und Cbergangen gibt. Oft zeigen die Schriftziige von 
Mannern direkt weibliche Merkmale und die von Frauen ausgesprochen 
mannliche. Natiirlich tragen in solchen Fallen auch die seelischen 
Eigenschaften der Schreiber iiberwiegend das Geprage des andereu 
Geschlechts. Daneben gibt es nun noch zahlreiche Abstufungen, bei 
denen in mannlichen Handschriften mehr oder weniger zainlreiche 
weibliche Ziige und umgekehrt in weiblichen in groUerem oder ge- 
ringerem Grade mannliclie Ziige vorhanden sein konnen. 

Schon in meinem Buche „Der urnische Menseh'* wies ich 
darauf hin, daB ich bei den Handschriften von Homosexuellen 
mehrfach in ganz besonders charakteristischer Weise die Merk- 
male des anderen Geschlechts feststellen konnte, und brachte als 
Belege dafiir die Reproduktion einiger nach dieser Richtung 
hin besonders pragnanter Autogramme. Es handelt sich hier 
natiirlich nicht um eine Erscheinung, die als solche fiir die 
Homosexualitat charakteristisch sein konnte, sondern lediglich 
um den Ausdruck einer im Sinne des anderen Geschlechts ab- 
weiehenden Personlichkeit, wie wir sie eben unter Homo- 
sexuellen relativ so haufig antreffen. Unter dem ^roBen Jiand- 
Bchriftlichen Material mannlicher und weiblicher Homosexuellen, 
das mir zur Verfiigung steht, finden sich t)bergangstypen in 
iiberaus groBer Zahl, man kann wohl sagen, gewisse fiir das 
andere Geschlecht charakteristische Niiancen bei den ineisten 
urnischen Schrif tproben. Doch auch ausgesprochen femi- 
nine Ziige sind bei mannlichen und virile bei weiblichen Homo- 
sexuellen sicher relativ haufiger anzutreffen, als bei Hetero- 
sexuellen. Ganz besonders auffallig ist aber bei manchen Ur- 
ningeu sowohl als Urninden eine groBe Versohiedenheit ihrer 
Handschrift, bald markig mannlich, bald zierlich feminin. 



0) S c h n e i d c m ii h 1 , Handschrift und Charakter, Leipzig 1911, 



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158 

Hammer!*) hat bei mehreren der in seinem Buche „Die Tri- 
badie Berlins** beschriebenen Uminden Handschriften beobachtet, die 
er teils al8 „geschlechtslos**, d. h. weder typisch mannlich, noch 
typiscL weiblich, teils als „dem mannlichen Typus nahekommend" 
bezeicbnet. Mit Recht sagt er: „Wenn diesen graphologischen Zei- 
chen allein auch nicht unbedingtes Vertrauen geschenkt werden darf, 
so geben sie doch immerhin einen Anhaltspunkt ab, der bei vorsichtiger 
Verwertung, neben anderen Anhaltspunkten in die Wagschale fallen 
kann." 

Birnbacher i^a) schildert die Handschrift der nrnischen Sarolta 
Vay wie folgt: „. . . . die Schriftziige, so sehleuderisch und von zer- 
flossenen Tranen verzerrt sie mancnmal sind, haben den Charakter 
der Festigkeit und Sicherheit, sind echt mannliche Ziige." 

h. Lebensf iihrun^. 

Dei- psychomotorische Charakter, der, wie wir sahen, in 
Gang und Handschrift zum Ausdruck kommt, driickt Ineist 
auch der Lebensfuhrung der Urninge beiderlei Geschlechts seinen 
Stempel auf. 

So fin den wir die Energie und Aktivitat des urnischen Wei- 
bes, ihre GroB zti g i g keit nicht nur in ihren Schrift z ii g e n , 
sondern auch in ihrem sonstigen Auftreten vielf ach wieder. 
Sie ist iebendiger, unternehmender, tatkraftiger, aggressiver, 
heroischer, abenteuerlustiger als das nichturnische Weib und der 
urnischc Mann. Ihr derbburschikoses, in seiner Steigerung nicht 
solten riicksichtslos-brutales Wesen bildet einen scharfen Kon- 
trast zu der stillen Zuriickhaltung, die wir so oft bei homo- 
sexuellen Mannern finden, dieser oft fast angstlichen Reserve, 
die in irgend einer Lieblingsbeschaftigung Geniige findet, sich 
in Hans, Htjf und Garten am Wohlsten f iihlt, sich in Wissenschaft 
und Kunst vergrabt, oder sammelt, forscht und reist. Dort ein 
keckcs Draufgangertum, oft massiv ungeschickt, doch meist von 
orstaunlicher Kaltbliitigkeit, hier eine liebenswiirdige Verbind- 
lichkeit, eine konziliante Form, die nicht selten etwas Zimpei- 
liohes oder Serviles an sich hat. 

Unternehmungslust und Freiheitsdrang, ein A^erhalten, das von 
den Mitmenschen oft als „unweiblich** empfunden und gescholten 
wird, treiben urnische Frauen oft zur Betiitigung im offentlichen Leben, 
zu geschaftlichen Aktionen und Griindungen, ja zu gewagten Finanz- 
operationen, die ebenso gut zu einem gliicklichen wie zu einem schlech- 
ten Ende fiihren konnen. Selbst als Jagerinnen und Kriegerinnen 
stellen sie ihren Mann. 

Carpenter 12) sagt von ihnen : „Sie leben gem auBer dem 
Hause, lieben Spiel und Sport, treiben Wissenschaft, Politik oder selbst 



11) GroCstadtdokumente ; Berlin und Leipzig. 

i^a) Friedreichs Blatter fur gerichtliche Medizin 1891. Niirn- 
berg. Heft 1 : Dr. C. Birnbacher : „Ein Fall von kontrarer Sexualempf in- 
dung vor dem Strafgericht." 

'*) Carpenter, Das Mittelgeschlecht, p. 35. 



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159 

Geschafte. Sie zeigen organisatorische Talente, sehen sich gem in 
einer verantwortlichen Stellung und wissen sich oft vortrefflich und 
energiscli in einer fiihrenden Rolle zu bewahren. Es liegt auf der 
Hand, dai3 ein derartiges Weib bei ihrer eigenartigen Vereinigung von 
Fahigkeiten oft zu hervorragenden Leistungen befahigt ist, sei es 
im Berufsleben, oder als Institutsvorsteherin, oder auch als Beherr- 
scherin eines Landes." 

Von Christine von Schweden, „der groBten fiirstlichen 
Fran aus dem Zwischenstufengeschlecht", sagt Leopold von 
Ranke^'): „eine weibliche Arbeit hat sie nie begriffen, . . . dagegen 
sitzt sie anf das kiihnste zu Pferde. Auf der Jagd weiB sie das Wild 
auf den ersten SchuB zu erlegen. Sie studiert Tacitus und Plato 
and faBt diese Autoren zuweilen selbst besser als Philologen von Pro- 
fession.** 

Eine hochgelehrte Urninde war auch die Jungfrau Anna Maria 
Schiirmann (geb. 1607 zu Koln). Sie sprach ein Dutzend Sprachen, 
darunter Arabisch, Hebraisch und Griechisch, hatte als Malerin und 
Bildhauem einen groBen Ruf, besaB bedeutende Fachkenntnisse in der 
Musik und hielt mit Philosophen und Mathematikem ersten Ranges 
die gelehrtesten Dispute. 

Es soli damit nun natiirlich nicht gesagt sein, JaO alle in 

die.ser Weise tatigen, viril gearteten oder im offentlichen Leben 

stehenden Frauen homosexuell sind, sondern nur, dafi der Pro- 

zentsalz der Homosexuellen unter diesen ein ungewohnlich lioher, 

zura mindesten aber ein un verba Itnismailig viel hoberer ist 

als unter den beterosexuellen Frauen. 

Cberaus wechselvolle Schicksale sind es, die uns entsprechend 
ihrer Eigenart im Leben der Uminden entgegentreten. Von den vielen 
Typen, die hier angefiihrt werden konnten, sei wiederum nur auf wenige 
Beispiele Bezug genommen. Ein gutes Beispiel bietet die bereits 
wiederholt erwahnte Felicitas von Vestvali. In Stettin 1829 
als Beamtentochter geboren, entflieht sie eines Tages dem elterlichen 
Hause in Knabenkleidern, um Schauspielerin zu werden. In Leipzig 
findet sie ein Engagement, geht aber bald nach Paris, wo sie mit 
unermiidlichem Eifer Gesang studiert. Nach einer Konzerttournee, die 
sie nach der Insel Jersey fiihrt, sucht sie zur Fortsetzung ihrer 
Studien Neapel und Florenz auf, debutiert in der Scala in Mailand 
und bald darauf mit grandiosem Erfolg in London. 1854 zieht sie 
nach Amerika, was damals noch mehr bedeutete als jetzt, erhalt in 
New York 10 000 Franks Monatsgage und bereist die ganze Union. In 
Mexiko tragt man ihr die Direktion des dortigen Nationaltheaters an. 
Rasch entschlossen fahrt sie nach Europa, um eine auserlesene Gesell- 
schaft zusammenzustellen ; als sie zuriickkehrt, macht ihr die mexi- 
kanische Regierung sechs herrliche Pferde zum Geschenk und iiberhauft 
sie mit groBten Ehrungen. Sie revanchiert sich, indem sie in spani- 
scher Sprache den Figaro singt. Kurze Zeit darauf finden wir sie 
aber schon wieder in Italien bei der Einweihung des Theaters in Pia- 
cenza und dann in Paris, wo Napoleon sie an die GroBe Oper enga- 

fiert. Nach zwei Jahren zog sie aufs neue nach den Vereinigten 
taaten. Sie wollte den Amerikanern G 1 u c k nahe bringen. Das 
Unternehmen scheitert. Erbittert zieht sie sich auf eine Villa bei 
San Francisco zuriick und studiert den Hamlet. In den RoUen 
Romeo und Hamlet bereitet ihr das Publikum in alien Stadten der 
Union eine enthusiastische Aufnahme. 1868 spielt sie in London 

^^) Leopold von Ranke, „Die romischen Papste in den 
letzten vier Jahrhunderten". 



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160 

22mal den Romeo, 20mal den Hamlet nnd den Petrucchio, von der 
Kntik als „weiblicher Kean" gefeiert. Nachdem sie bis dahin eng- 
lisch, spanisch, franzosisch und italienisch gesungen und gespielt hatte, 
regt sich plotzlich in ihr die Liebe zur Muttersprache und zum Vater- 
lande. In Hambui*g und Leipzig, dann am Nationaltheater in Berlin, in 
Wien und anderen deutschen Platzen gastiert sie mit grofitem Bei- 
fall, teils in ihren mannlichen RoUen, teils als Isabella und Elisa- 
beth. Uberarbeitet sucht sie Ruhe auf ihrer Villa im Riesengebirge. 
Doch untatig konnte sie nicht sein. Sie wirft sich auf Bauspeku- 
lationen, kauft Terrains, baut in Warmbrunn die ganze russische Kolo- 
nie und laBt in Warschau Bauten ausfiihren. Da befallt sie eine unheil- 
bare Krankheit und bereitet im Jahre 1880 ihrem talent vollen 
Lebeu ein friihes Ende, einem Leben, dessen hervorstechendsten Grund- 
zuge, wie ihre Biographin Rosa von Braunschweig schreibt, 
„Furchtlosigkeit und Edelmut" waren. 

Sehen wir an diesem Beispiel die Entfaltung einer ur- 
nischen Individualita,t, die durch das, was sie leistete und der 
Mitwelt an Kunstgentissen bot, den Durchschnitt heterosexueller 
Frauen, ja Manner weit iibertraf, so sehen wir am anderen 
Ende Gebtalten, die ihre Tatkraft im entgegengesetzten 3inn 
zu antisozialen Zwecken gebrauchen. Die grofle Oberzahl steht 
zwischen diesen beiden Extremen. 

Als Fall einer urnischen Schwindlerin und Zeitgenossin der V e s t - 
V a 1 i fiihre ich Adele Spitzeder an; erst ebenfalls Schauspiele- 
rin, dann Abtissin, darauf Griinderin einer Bank verspielte und ver- 
schwendete sie sehr hohe Summen, bis ihre Dachauer Bank zu- 
sammenbrach, viele Existenzen vemichtend. Aus dem Gefangnis ent- 
lassen, bereist sie als Musikmeisterin einer Damenkapelle die Welt. 
Einen ihr nicht unahnlichen Hochstaplerinnentyp hatte ich vor eini- 
gen Jahren in Berlin zu beobachten Gelegenheit: eine groCe, stark- 
knochige Urninde aus einfachem Stande, ungewohnlich befahigt, von 
faszinierender Tiichtigkeit, aber in der Wahl ihrer Mittel so skrupel- 
los, daB sie immer wieder mit dem Gesetz in Eonflikt kam. Eines Tages 
erschoB sie sich. Auch hier stoBen wir auf eine beachtenswerte Anti- 
these : Die urnische Frau, die am Leben verzact, greif t mit Vorliebe zum 
Revolver, der urnische Mann nimmt relativ oft Gift. Ich sehe noch leb- 
haft eine andere Homosexuelle vor mir, ebenso viril wie ihr Bruder fe- 
minin, eine bedeutende Spekulantin, die heute viele Tausende an der 
Borse gewann, um sie morgen wieder zu verlieren. Als man ihr schlieB- 
lich die alten Familienmobel, an denen sie sehr hing, pfandete, griff 
sie zur Pistole. Ihre Freundin, eine schone blonde Englanderin, rief 
mich herbei. Ich fand sie in sitzender Stellung tot am Schreibtisch. 
Die eine Hand hielt die Waffe, mit der sie sich mitten ins Herz ge- 
troffen, fest umklammert, wahrend zwischen den Fingern der anderen 
noch eine halbverrauchte Zigarette saB. 

Auf die Frage nach ihren Lieblingsbeschaftigungen erhalten wir 
von den Urninden Antworten wie folgende: „ArbKeit im Haushalt ist 
mir zuwider. Neigung zu Rudern, Segeln, Schwimmen, iiberhaupt 
fiir ein Leben auf See." — „Interessiere mich fur Politik (nicht fur 
Mode), fiir alles Moderne auf dem Gebiete der Entwickelung der 
Menschheit, fiir soziale Fragen. Theater liebe ich, doch mache ich 
mir nichts aus Operetten und Lustspielen." Von einer anderen: „Frau- 
liclie Beschaftigungen liegen- mir absolut nicht. Jagen, SchieBen, 
Reiten sind mein Element, Pferde imd Hunde meine groBte Freude." 
Und von einer weiteren: „Habe groBe Neigung fiir Sport und Karten- 
spiel (ausdauernd und gut). GroBe Abneigung gegen weibliche Be- 
schaftigungen." 



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161 

Wie ganz anders lauten die Antworten der umischen Manner 
auf dieselbe Frage. Hier entgegnen von 600 Homosexuellen nicht weni- 
ger als 93, daB sie sich fiir Kochen, Putz und Handarbeiten inter- 
essiereu, 89 schreiben im allgemeinen : weibliche Beschaftigangen ; 
zusammen sind das 36o/o. Diesen stehen 77 gegeniiber, deren Haupt- 
interesse Sport, Jagd und Pferde sind, 68, die Politik und AVissen- 
schaften, 46, die Wissenschaft, Literatur und Politik als Hauptneigung 
angeben, insgesamt 38o/o. Die iibrigen 26o/o interessieren sich haupt- 
sacblicb fiir Musik, Theater, Romane, Blumen (14o/o), sowie fiir Natur, 
Kunst und Religion (12o/o). , 

In einem andern Beobachtungsmaterial geben 59o/o der Homo- 
sexuellen an, daB sie geistige, lOo/o, daB sie korperliche Arbeit be- 
vorzugen ,wahrend 31o/o beides wechselweise lieben. 30o/o bezeichnen 
sich selbst als mehr produktiv, 6O0/0 als mehr rezeptiv, wahrend wie- 
deruni 10 0/0 glauben, daB ihnen beide Fahigkeiten in gleichem MaBe 
innewohnen. In der Lektiire bevorzugen unter 100 45 wissenschaft- 
liche Werke, 32 Belletristik, 30 Dicntungen, 6 Reisebeschreibungen, 
15 Kriminalromane, 10 Humoristisches, 8 Zeitungslektiire, 2 Sport- 
lektiire, 2 rein Erotisches. 44 0/0 schreiben Briefe gerne, (vor allem 
an Freunde), 56o/o schreiben Briefe ungern. 29 0/0 aller Urninge sind 
Sammler der verschiedenartigsten Gegenstande. Es ist hiernach sehr 
schwierig, eine pragnante Schilderung der so ungemein differenzier- 
ten Urningspsyche zu geben, um so schwieriger, je mehr Homo- 
sexuelle man tennen lernt. Wesentlich scheint mir zu sein, daB 
bei ihnen durchschnittlich eine relativ groBere Subtilitat der 'drei 
Seelenqualitaten, des Fiihlens, Denkens und Wollens vorhanden ist, 
als beim heterosexuellen Manne und der virilen Urninde. 

AuBere Eindrticke wirken auf den Urning ungleich sLcLrker 
eir. als auf den VoUmann, sein Gemiit ist weniger widerstands- 
fahig, die Bestimmbarkeit ist bei ihm groBer, die Stimmung 
wechseluder. Freude, Hoffnung, Begeisterung heben ihn hoher, 
Schmerz und Laid driicken ihn tiefer daniieder. Der erbitterte 
Konkurrenzkampf, ein energisches Eintreten ftir seine Reclite 
und Interessen liegen ihm gewohnlich nicht. 

Man kann haufig beobachten, daB in exklusiven Verbanden, 
namentlich in militarischen und studentischen, urnische Mitglieder 
wegen ihres hoflichen, gefalligen, aufopferungsfahigen Wesens anfangs 
sehr wohl gelitten sind, im Laufe der Jahre aber Scnwierigkeiten haben, 
weil sie sich nicht der strengen Etikette fiigen konnen und mit AuBen- 
stehenden nicht genehme Beziehungen ankniipfen. Die Unterschiede 
des Standes, d^r Religion, der Rasse und Nationalitat spielen bei 
dem Urning ni jht im entferntesten die Rolle, wie bei dem normalen 
Manne. 

Er besitzi nicht den Stolz, das SelbstbewuBtsein, den hohen Ehr- 
begriff des Vollmannes. Wohl ist er empfindsam und leicht verletzt, 
aber die Fahigkeit zu hassen scheint ihm abzugehen. Eine Beleidi- 
gung durch eine andere, starkere zu erwidern, ist ihm nicht gegeben. 
Findet sich doch schqn in der Grettissaga (28) der kriegerischen 
Wikinger der bezeichnende Spruch: „Der Sklave racht sich, der Arge 
(d. i. der Urning) nie". Weniger aus Feigheit, als weil ihm das Ge- 
fiihl der Rachsucht mangelt, zieht er sich eher zuriick. Immer wie- 
der zum Verzeihen geneigt, ist die GroBmut, welche der Urning Feinden 
gegeniiber zu zeigen imstande ist, oft geradezu erstaunlich. Freier von 
vorurteilen wie der Durchschnittsmann, ist er meist unfahig, ein 
hartes Urteil zu fallen. Alle diese Eigenschaften befahigen ihn ungemein 
zum Vermittler und Dberwinder sozialer Gegensatze. Ein pathetischer 
Hirschfcld, HomosexualiUt. 4^ 



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jT 



162 

Urning schreibt iiber seine SchicksalsgenOsseti : „Die zartlictien llegutt* 
gen in seiner Brust, sein allzu weiches, leicht erschuttertes Herz, seine 
zarte Empfindlichkeit und Empfanglichkeit fiir alles Hohe und Reine, 
seine Sanftmut, Giite und unerschopfliche Langmut — all diese gott- 
lichen Gaben seiner Seele weisen deutlich darauf bin, daB sicb der 
erbabene Weltenlenker in den Urningen ein erhabenes Priestertum, 
ein Samaritergescblecbt, einen streng keuscben Orden von Mannern 
scbaffen wollte, um der mit der wachsenden Kultur Hand in Hand 
gehenden Entsittlichune der menschlicben Gesellscbaft ein starkes 
Gegengewicbt zu bieten/* 

Oft fehlt es den homosexuellen Mannern an Mut und Be- 
standigkeit, gute Vornahmen in die Tat umzusetzen. Der Wille 
ist beim Urning nicht so schwach — 40o/o, die sich selbst als 
willensschwach bezeichnen, stehen 35o/o gegentiber, die sich wil- 
Jensstark nennen — aber es besteht daneben vielfach ein be- 
trachtlichei Hang zur Bequemlichkeit und Angst vor der Men- 
schen Gerede. Im allgemeinen zieht ihn die geistige Arbeit 
mehr an als die korperliche. Von vielen wird die Arbeit als 
grofle Trosterin empfunden. Der Trieb, andere geistig zu be- 
fruchten, ist haufig sehr ausgesprochen. Es resultiert daraus: 
eine bci Urningen weit verbreitete Befahigung zum Padagogen^ 
zum Volkserzieher im engeren und weitern Sinne. Unterstiitzi 
wird dieser Drang durch einen mehr oder weniger bewuJJten 
Ehrgeiz, sich vor der Umgebung auszuzeichnen. Besonders an 
urnischen Bauern und Arbeitern fallt es auf, wie sehr sie ihr 
Milieu iiberragen. Mit diesem Ehrgeiz verbindet sich oft eine 
starke Empfanglichkeit fur Beifall und Bewunderung, die aber 
fast immcr in eigenartiger Weise mit einer gewissen Scheu und 
Bescheidenheit aufzufallen verknlipft ist. Der Urning schafft 
fast stets aus dem Gefiihl heraus. Vorerst kommt bei ihm der 
Trieb zu empfangen, aufzunehmen, und erst aus der Empfang- 
nis heraus formt und gestaltet er. Seinem starken Gefiihls^- 
leben entsprechend ist das asthetische Empfinden, der Sinn fiir 
schcne Formen in Natur, Kunst und im taglichen Leben hoch- 
gradig entwickelt. 

Uber die Intelligenz der Urninge und Urninden im Vergleich 
zu der der Heterosexuellen ein allgemeines Urteil abzugeben, ist. 
ungeraein schwierig; daB viele den intellektuellen Durchschnitt. 
iiberragen, ist sicher, ebenso sicher aber auch, dafl viele ihnj 
nicht erreichen; man wird hier voriaufig wohl auf quantitative 
Feststellungen verzichten und sich mit qualitativen begniigen 
miissen. 

Den Lichtseitien der urnischen Natur stehen nicht uner- 
hebliche Schattenseiten gegentiber. Wo die Korpermuskulatur 
zu wtinschen iibrig laflt, zeigt gewohnlich die Zungenmuskulatur 
eine starkere Aktivitat, und so finden wir denn, daB bei den 



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163 

Urningen, ahnlich wie bei den Frauen, die Redseligkeit oft 

eine recht betraohtliche ist. Einer bemerkt: ,,Plappern kann ich 

fur zwei, aber nur mitDamen oder Gleichgesinnten, Herren da- 

gegen genieren mich.** 

Die Alten hielten sogar, weil feminine Homosexuelle allgemein 
flir geschwatzig galten, umgekehrt redegewandte Manner meist fiir 
homosexuell. Selbst Demosthenes entging wegen seiner Rede- 
fertigkeit nicht diesem Verdachte, und auch Ausonius spricht von 
einem „rhetor s e m i v i r" ^^a>). Mit dieser oft fast euphorischen Stim- 
mungslage ist nicht selten, wenn auch keineswegs immer, eine gewisse 
Klatschsucht und Boshaftigkeit — 22o/o sagen selbst, daB sie „an 
Klatscn Gefallen finden" — , gelegentlich aucn ein Hang zur Intrigue 
und List verbunden, Fehler, die es oft recht schwer machen, sich der 
Uruingo. anzunehmen ; was aber wollen diese Fehler einzelner Ur- 
niuge besagen gegeniiber der Beurteilung und Behandlung, die man 
ihnen alien zuteil werden lafit? 

Von einigen Autoren wird die Lligenhaftigkeit der Urninge 
hervorgehoben. MolH^) schreibt: ,,Ein etwas suOliches Be- 
nehmen, liinter dem sich nicht selten die raffinierteste Verlogen- 
heit verbirgt, charakterisiert viele Homosexuelle.** Er gibt 
auBerdem die Zuschrif t ^^) eines Herrn N. N. wieder, die lautet : 
„Glauben Sie mir, die hysterischsten und verlogensten Weiber, 
die es gibt, treffen Sie unter uns Urningen an ; denn Weiber sind 
wir ja, das leugnen wir nicht.*' 

Raffalovich^6) macht Krafft-Ebing den Vorwurf, daB 
er „die Liigen der verlogensten Rasse, namlich der Kontra- 
ren und Perversen, zu bereitwillig aufgenonimen liabe". 

Ahnliches wiederholt v. Notthaft ^^a) und neuerdings S a d - 
ger, der sich in einem popularwissenschaftlichen ArtikeU^b) zu dem 
Satz versteigt: „Die Selbstbeschreibungen veil Urningen sind keinen 
SchuB Pulver wert." 

Wie schwerwiegend solche AuCerungen sein konnen, zeigt, daC 
sich der Abgeordnete Thaler, als er im Deutschen Reichstag fiir 
den Weiterbestand des § 175 eintrat, sich auf diese AuBerung von 
Raffalovich berief, der erklart hatte, „daB Krafft-Ebing in 
seinem Buche die Liigen der verlogensten Rasse, namlich der Perver- 
sen und Kontraren, zu bereitwillig aufgenommen und ausgesprochen 
hatte, dali die Homosexuellcn Lligner seien, die, wenn sie von ihrer 
Kindhcit spriichen, sich nur rein zu waschen suchten oder sich durch 
Leidenschaft oder Geraeinheiten interessant machen woUten." 

AUes das sind Fehlurteile, wie jede einseitige Be- 
wertung einer so grolJen und mannigfach gearteten Menschen- 
klagse, unter denen es nattirlich gute und schlechte, sympathische 

13a) Cf. Bloch, dieses Handbuch I. p. 416. 
u) Moll, Kontr. Sex. pag. 179. 

15) Moll, ibid, pag. 178. 

16) Raffalovich, Die Entwicklung der Ilomosexualitat, pag. 9. 
ifia) Loc. cit. p. 536. 

i^b) „Der Wert von selbstverfaBten Lebensbeschreibungen ge- 
schlechtlich Verirrter" in „Die Umscbau", Frankfurt a. M., 20. Sept. 
1913. Sadgers Bmerkungen widerlegt Bloch in ,.Umschau**, Nov. 1913. 

If 



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164 

tind unsympathisclie gibt. Gehen wir der Ltigenhaftigkeit und 
Unaufrichtigkeit, soweit sie tiberhaupt vorhanden sind, der Ur- 
ninge auf den Grund, so werden wir finden, daU sie •oft ein 
Ausfluil libertriebener Scham und Angstlichkeit, nicht selten 
eine Ausgeburt der langjahrigen Selbsttauschung oder 
der Tauschung anderer sind, zu der die wirklichen oder von 
ihnen vorausgesetzten Anschauungen einer libergroBen Majoritat 
die Urninge veranlassen. Dann und wann mag es sich audi wohl 
um einen Fall von pseudologia phantastica in Verbindung mit 
psychischer Debilitat auf Grund einer psychopathischen Konsti- 
tution handeln, aber alles in allem ist die verallge- 
meinerte Behauptunghomosexueller Lligensucht 
nichts weiter als ein haltloses Gerede, und soweit 
sie sich Arzte zu eigen machen, ein Zeichen, daU 
diese es nicht verstanden ha ben, sich das Ver- 
trauen der sie aufsuchenden homosexuel len 
Manner und Frauen zu erwerben. 

Ein gutes Beispiel hierf iir gibt S a d g e r selbst in dem ^Fragment 
der Psycho-Analyse eines Homosexuellen" (Jahrb. f. sex. Zw., Jahrg. 
IX, p. 339 ff.). Er berichtet hier, wie ein junger Homosexueller eu 
ihin kommt, um durch Psychoanalyse geheilt zu werden. Zunachst 
laBt S. den Patienten seine Lebensgeschichte schreiben und trostet 
ihn iiber seine Veranlagung. Nachdem er durch verschiedene Fragen 
den Zusammenhang des jetzigen Zustandes mit sexuellen Kindheits- 
erlebnissen zu konstruieren yersucht hat, stellt er plotzlich dem 
Patienten gegeniiber die Behauptung auf, daB er in ihn, den Arzt, 
verliebt sei und aus Schamgefiihl mit einem offenen Bekenntnis zuriick- 
halte (p. 392). Der Patient weist diese Zumutung ab; er erblicke in 
S. nur den Arzt und gabe sich die groBte Miihe, alles zu erzahlen, 
aber mehr, als er wisse, konne er nicht sagen. S. bleibt bei seiner 
Behauptung, er sei verstockt. In der nachsten Sitzung wiederum 
vergeblicher Versuch, aus dem Patienten herauszufragen, daB er fiir 
sciuen Vater homosexuell im Alter von vier Jahren empfunden habe. 
Durch dsia Zureden eingeschiichtert, kommt schlieBlich dem Patienten 
der Gedanke (p. 400): „Um allem vorzubeugen (dem Vorwurf namlich, 
nicht aufrichtig zu sein), sagst du auf alles „ja" und gibst alles zu ! I" 
SchlieBlich gibt S. ihm in der Hypnose Suggestionen, ihm alles, was 
er in der Kindheit erlebt habe, zu erzahlen. Nachdem der Patient 
durcn dif3 immer wiederholten, drangenden Fragen darauf vorbereitet 
war, was man von ihm wissen will, gibt er in der Sitzung nach der 
Hypnose in der gewiinschten, detailliertesten Weise iiber sexuelle 
Kindhcitserinnerungen Auskunft und gibt auch zu, daB er in Sadger 
veriiebt gewesen sei. Als aber S. jetzt wieder aus ihm herausfragen will, 
daB er auch auf seinen Vater sexuelle Wiinsche gehabt habe (p. 415 f. ; 
420), und er dem Patienten wieder Unwahrheit und hartniickiges 
Schweigen vorwirft, wird diesem die Behandlung zu lastig ; er bleibt 
fort — und der verlassene Arzt riihmt sich, „ welch gewaltig Material 
aus dem verborgensten UnbewuBtseiu ihm in nur 11 Sitzungen zu 
schopfen mc)glich war" (p. 423), ja er glaubt, daB bei langerer Dauer 
der analytischen Behandlung aucli der gewiinschte Heileffekt nicht aus- 
geblieben ware. 



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165 

Im librigen gibt es unter den Urningen wie unter den Ur- 
ninden Kriminelle und Helden. Wahrend aber die Verbrechen 
der Urninden einem Cbermail von Initiative entstammen, gehen 
die der Urninge aus einem Zuviel an Schwache hervor. DaJJ es 
auch unter ihnen Tatmenschen im besten Sinne gibt, kann nie- 
mand bezweifeln, der die Geschichte der Welt und die Geschichte 
des Uranismus kennt. Aber es sind doch weniger durch ToU- 
kuhnheit imponierende Helden, weniger Gewaltmenschen als 
Helden einer Idee, Helden des Geistes, der Feder, auch wohl 
Helden aus Ehrgeiz oder aus Liebe zu den Personen, mit 
denen oder flir die sie kampfen; oft Helden mit einem Stich 
ins Schrullenhafte und Sentimenliale, wie Friedrich der 
G r 11 e , der testamentarisch zwischen seinen Windspielen sein 
Grab bestimmt, oder Konigin Christine, die, trotzdem ihr 
Name als Sibylle des Nordens, als Pallas suedica bewundert, 
in alien Sprachen ertonte, nach kaum zehnjahriger rxihmreicher 
Regierung dem Thron Gustav Adolfs entsagte, um fur 
immer Stockholm mit dem papstlichen Rom zu vertauschen. 
Ob hierbei unbewuBt „das sexuelle Moment des Mariendienstes 
eine RoUe spielte", wie ihre feinsinnige Biographin Sophie 
Hochstetter meint, mag dahingestellt bleiben. 

i. Gegenstandswahl. 

(Wohnung und Kleidung). 

Wie in seiner Lebensftihrung, so projiziert sich die Eigen- 
art eines Menschen auch in denjenigen Dingen nach auiJen, 
mit denen er sich umgibt, die er seinen Neigungen entsprechend 
wahlt, in seiner Geschmacksrichtung, wobei wir unterscheiden 
mtissen zwischen dem, was ihm fur seine eigene Person, und 
dem, was ihm an anderen gefallt. Das, was ihm an sich selbst 
gefallt, gibt ihm das individuelle, das, was ihn an anderen 
anzieht, das sexuelle GeprSlge. Auf den !^usammenhang zwischen 
diesen beiden Geschmacksrichtungen, der ein ganz gesetzmafliger 
ist, hier einzugehen, wtirde, so reizvoU es ist, zu weit fiihren. 
Hier wollen wir nur untersuchen, wie der Urning sein Milieu, 
vor allem seine Wohnung und Kleidung gestaltet. Soweit bei 
der Einrichtung seiner Behausung bewuilt oder unbewuilt die 
Erotik eine entscheidende Rolle spielt, gingen wir bereits oben 
darauf ein. Davon abgesehen, werden wir in den Gebrauchs- 
gegenstanden Homosexueller immer wieder jene ei^enttimliche 
Mischung m&nnlicher und weiblicher Tendenzen antreffen, wie 
sie seine Psyche charakterisiert. Wer sich liber die spezielle 
Eigenart eines Homosexuellen ein Urteil bilden will, soUte nicht 



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166 

versaumen, ihn in seinem Heim aufzusuchen. Oft warden wir 
zwar nicht viel Typisches wahrnehmen, ebenso oft aber werden 
wir sehr wertvolle Anhaltspunkte flir die Sonderart des Ein- 
wohners gewinnen. Das Sprichwort: Sage mir mit wem du 
umgehst und ich werde dir sagen wer du bist, konnte auch 
lauten: Zeige mir, womit du dich umgibst, und ich werde dir 
sagen, wer du bist. 

Betreten wir den Wohnraum einer Urninde, so werden die 
schweren Mobelstiicke, die ledernen Klubsessel, der massive Schreib- 
tisch, die ernsten Farben uns oft genug an ein Herrenzimmer ge- 
mahnen, wahrend die Urningsstube mit ihren zierlichen Stiihlen, 
Tischen, Spiegeln und Servanten, mit ihren bunten Vorhangen, TapeteD 
und Beziigen, ihren Nippes, Bildchen und Schleifen, ebenso haufig an 
cin Damenboudoir erinnern. Im Schlafzimmer des Timings begegnen 
wir vielfach einem Himmelbett mit seidenen Decken, in dem der 
Urninde einer eisernen Feldbettstelle. Bei der Urninde stromt uns 
oft eine Tabakwolke, beim Urning feiner Parfiim- und Blumendaft ent- 
gegen. 

Wie weit diese Neigung in extremis gehen kann, moge der fol- 
geade Bericht zeigen, den uns ein Urning vom Hochadel entwirft. 
Die Angaben werden in bemerkenswerter Weise erganzt durch die 
Mitteilungen, die er iiber sein „Gegenst\ick", eine urnische Sangerin, 
eibt. Nachdem er iiber den Tod seiner Mutter und Sch wester erzahlt, 
fahrt er fort, wie er sich nach seiner GroBjahrigkeitserklarung das 
Leben gestaltet: „Meine bisherige Wohnung war mir zu herrenmaCig, 
ich richtete mir daher in einigen Kaumen, die friiher von meiner Mutter 
und Schwester bewohnt waren, eine Wohnung her mit allem Luxus 
einer eleganten Modedame. Das Schlafzimmer wurde weiB, das Boudoir 
blau, das Toilettenzimmer rosa, der eine Salon mit gelbem, der andere 
mit . rotem Damast eingerichtet, das EBzimmer weiB und gold. 
Marianne und ihre Tochter Julie, die beiden Kammerfrauen, waren 
nach dem Tode meiner Mutter und Schwester ohne Beschaftigung, 
beide dem Hause sehr attachiert, und da sie meine Passionen genau 
kannten, fiir mich sehr passend. Julie iibernahm sogleich meine per- 
sonliche Bedienung. Nun fiillten sich bald die Kasten mit der besten 
Damenwasche, Hemden, Hosen aus feinstem Battist, mit Spitzen und 
Bandorn geziert, seidene und Battist- Unterrocke, ebenfalls mit Spitzen, 
seidene Striimpfe, Hiite, Schuhe usw., vor allem die schonsten Roben 
aller Art: es waren ihrer viele, solche fiir junge Madchen, und solche 
fiir junge Frauen, Ballroben mit und ohne Schleppen, Soir6etoiletten, 
allerlei StraCen- und Haustoiletten, Deshabill^es, Mantel, Jackchen, 
auch Kostiime fiir Maskenballe ; ich erwahne nur Bauerin, Spanierin, 
Baby, Fantasieblumenmadchen, Schaferin k la Watteau, Rokokodame, 
Maria Stuart, Empirekostiime. Was meine Tageseinteilung anlangt, so 
nahm ich nach dem Friihstiick um 10 Uhr ein laues parfiimiertes Bad; 
nachher kleidete mich Julie an, irgend eine mit Spitzen verzierte 
Matinee oder ein Hauskleid. Den Vormittag verbrachte ich dann mit 
Stricken, Hakeln, Klavierspiel, Lektiire. Nach dem Dejeuner, das um 
1 Uhr serviert wird, muBte ich mich manches mal noch als Mann 
kleiden, doch geschah dieses nur selten, da ich mich aus meinem 
friiheren Kreise mehr und mehr zuriickgezogen hatte. Die Manner- 
kleider waren mir sehr lastig, meist blieb ich Dame, auch wenn ich 
ausfuhr und ausging, niemand erkannte meine Verkleidung, ich war 
eben fiir den Unterrock geboren. Marianne war als Gardedame heraus- 
staffierD worden. Um 7 Uhr war Dinerstunde, abends pflegte ich 
otters das Theater zu besuchen, hierzu kleidete ich mich als junges 
Madchen oder als junge Frau, Marianne chapronierte mich und sah 



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167 

sehr possierlich an ihrem Ehrenplatze aus. Besonders gem besuchte 
Ich ein Operettentheater, dessen Star, eine Sangerin namens Lea, bei- 
nahe ausschlieBlich in HosenroUen auftrat. Sie war fiir dieses Genre 
wie geschaffen, hoch und schlank gewachsen, das Gesicht schon, doch 
scharf geschnitten mit mannlichen Ziigen, die Stimme mit merkwiirdig 
tiefem Timbre. Wenn sie als Mann ?iuftrat, war sie ganz Mann, sie 
ging und bewegte sich als solcher, alles Weibliche war bei ihr ver- 
schwunden; sie trug kurz geschnittenes Haar und ging zu Hause stets 
in Mannerkleidern. Auch horte ich von ihr erzahlcn, sie fuhle sich 
ungliicklich in ihrem Geschlechte. Es drangte mich, ihre Bekannt- 
scbEift zu machen. In einem Briefe entwarf ich ihr ein Bild von mir, 
meinem Fuhlen und Denken und driickte ihr den sehnlichsten Wunsch 
aus, mich ihr vorzustellen. Umgehend erhielt ich eine bejahende Ant- 
wort; sie lud mich fur den folgenden Tag nach dem Theater zu sich 
mit dem Beifiigen, daB wir allein sein wiirden. Ich machte sorg- 
faltige Toilette, mein Haar wurde in einen griechischen Knoten ge- 
steckt und mit Brillanten umgeben, in einem langen, mit Seide ge- 
futterten Mantel fuhr ich zu Lea, welche mich in einem schicken 
Frackanzuge erwartete; sie machte ganz und gar den Eindruck eines 
f einen jungen Mannes. Als ich eintrat, kam sie verwundert auf mich 
zu, wir standen einen Moment unter dem Eindrucke, d a B wir 
seelenverwandt, uns gefunden; welche merkwiirdige 
Metamorphose, sie, dEtsWeib, stand da als eleganter Mann und ich, der 
Mann, alt? schiichtemes Madchen. Endlich kiiBte mir Lea galant die 
Hand und machte mir Komplimente iiber mein Aussehen und meine 
Toilette, wir freundeten uns gleich an, wir waren ja ganz dazu ge- 
schaffen, uns zu verstehen. Beim Tee sitzend, sprachen wir lange, 
lange iiber unser Empfinden und Denken. Erst spat in der Nacht 
kehrte ich heim. Wir sahen uns beinahe taglich. Ich lernte bei ihr 
auch einen Prinzen aus koniglichem Hause, der im gewohnlichen LBben 
Leutnant in einem Kavalerieregiment ist, in einem reizenden, duftigen 
Eleidchen aus weiBem Tautropfentiill mit Maiglockchen usw. kennen. 
Er klagte sehr uber seine Stellung; wie gem wiirde er die Uniform mit 
M3,dchenkleidern, den Sabel mit dem Facher vertauschen, der arme 
Junge. Bis dahin war ich ganz unschuldig. Duvch Lea wurden mir 
die Augen geoffnet, mein Staunen war groB, doch der natiirliche Trieb 
ist machtiger als alle Gesetze." 

Ein sehr ahnlicher Typus wie dieser Osterreicher war der aus 
Rio de Janeiro stammende raradeda, den ich personlich kannte. 
Ein Korrespondent, der unmittelbar nach seinem tragischen Selbstmord, 
der unter der XTberschrift „Ende einer mannlichen Braut" im Jahre 
1906 durch die Presse ging, die Wohnung des Verstorbenen aufsuchte, 
schreibt von ihm: „Tante Didi", wie er von dem Tochterlein der 
Wirtin angeredet wurde, besaB in jeder Beziehung einen vornehmen 
Gescbmack; ein Blick in das Boudoir, vor allem aber in den mit den 
allerkostbarsten Toiletten gefiillten Schrank, zeigte, daB es der Pseudo- 
Eomtesse auch nicht an Mitteln gefehlt hat, den verwohnten An- 
spruchen zu geniigen. Eine helle Kobe ist vollstandig aus irischer 
Handstickerei gefertigt, ihr Wert soil iiber 3000 Francs betragen. Wir 
sahen femer eine weifiseidene Bluse mit handgearbeiteter, f einer 
Spachtelspitze, ein zartes Spitzentaschentuch, das in seiner Feinheit 
als ein kleines Kunstwerk der Handstickerei angcsehen werden darf, 
weiterhin einen prachtigen Facher mit kiinstlerisch ausgefiihrter Elfen- 
beinschnitzerei, zartrosafarbene, seidene Jupons, gleichfalls mit kost- 
baren Spitzen besetzt, und viele andere Sachen, wie sie nur cine Dame 
von Distinktion und Geschmack zu tragen pflegt. Von gleicher Eleganz 
war die FuBbekleidung, die in goldfarbenen Halbschuhen, schwarzen 
Lackschuhen und seidenen Pantoffeln bestand. Die silbernen Toiletten- 
gegenstande, wie Haarbursten usw., tragen unter einer Krone das 
Honpgraznm „A. P.". Auch alle Hilfsmittel der Kosmetik waren auf dem 



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168 

Toilettentisch zu finden. Sie wai* nicht nur in weiblichen Hand- 
arbeiten, in der Herstellung kiinstlicher Blumen, im Garnieren von 
Damenhiiten usw. sehr geschickt, man erfreut sich nicht nur an ihrem 
verhaltniflmaBig guten Klavierspiel, — auch „ilire" Kenntnisse in 
Kuchenangelegenheiten waren erstaunlich, und die Pensionswirtin hat 
manche gute Lehre aus diesen^ Kenntnissen schopfen diirfen. Von 
Interesse fur die Charakteristik (ies Verstorbenen diirfte es noch sein, 
daB auf seinen Wunsch der griin tapezierte Salon seiner Wohnung 
rosafarbene Tapete erhielt und die gleichfalls griinen Pluschmobel 
mit rosa Satin iiberzogen werden muBten, weil ihm diese Farben- 
tonung sympathischer war." 

Von einem gewissen diagnostischen Werte ist der 

Tascheninhalt der Homosexuellen. Auch hier finden miv 

h&ufig bei m&nnlidben Homosexuellen Gegenst^nde, die nach Art 

ujid Beschaffenheit besser in das Handtaschchen einer Dame 

passen wlirden, und bei Urninden solche, die wir eher in der 

Hosentasche eines VoUmannes vermuten wiirden. Von Gegen- 

standen erstgenannter Kategorie seien zierliche Lederporte- 

monnaies und GeldbSrsen, Riechflaschchen, Puderbtichsen und 

-quasten, kleine Spiegel und Kamme, von denen der letzteren 

kraftige Messer, Korkzieher, volumin<5se Brieftaschen, Zigarren- 

etuis und Feuerzeug besonders erwahnt. Hervorzxiheben w§,re 

auch, dalJ Uminge haufig zarte Seiden- oder Battdsttaschen- 

tlicher, oft mit zierlichen Stickereien oder Spitzen verziert, 

Urninden vielfach groBe Sacktiicber von derber Leinwand tragen. 

In der Hand lieben die weiblichen Homosexuellen Stocke zu 

tragen, welche umgekebrt viele Urninge nicht m5gen. 

Bemerkenswert ist auch das Verhalten der Homosexuellen gegen- 
iiber Schmucksachen. Unter 600 mannlichen Homosexuellen ^eigten 
216 Oder 43 o/o eine ausgesprochene Vorliebe fur Schmuckgegenstande 
am eigenen Korper, 285 oder 67 o/o standen diesen Kostbarkeiten ab- 
lehnend oder gleichgiiltig gegeniiber. Sehr ahnliche Zahlen fand 
Schneidenberger an einer anderen Gruppe unseres Materials. 
Unter 100 auBerten 41 eine ^oBe Vorliebe fiir Schmuck (gem, sehr 
gem, viel), 46 hatten eine direkte Abneigung gegen Schmuck, 13 o/o 
tragen wenig Schmuck oder sind weder dafiir noch dagegen. Jeden- 
falls ist die Zahl derer, die groBes Gefallen an Schmuck nnden, unter 
den homosexuellen Mannem viel groBer als unter den heterosexuellen. 
Viele iiberladen sich geradezu mit seltenen Edelsteinen, Brillanten 
und Perlen (letztere anscheinend bei femininen weniger) ; ich sab 
welche, die sogar uber ihre Glac^handschuhe Ringe mit kostbaren 
Steinen gezogen hatten. Manche legen insgeheim sogar Ohrringe an. 
Weibliche Homosexuelle tragen dagegen fast nie Ohrringe; ihre 
Broschen wahlen sie sehr einfach; auch Armbander findet man bei 
ihnen selten, jedoch sehr haufig Siegelringe, die sonst bei normal- 
sexuellen Frauen selten vorkommen. Bei Herren hat man gelegent- 
lich in Armbandem ein homosexuelles Symbol erblicken wollen. Das 
trifft nicht zu. Relativ haufig sieht man dagegen feine Kettenringe, 
womoglich mit Zieraten, an den Fingern von Homosexuellen. 

Mehr noch als der Schmuck ist die K lei dung psycho- 
gnomisch. WieGang undSchrift, so ist auch die Tracht Irotz der 
AUgemeinheit ihrer Grundregeln in hohem MaBe eine individuell 



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169 

«eelische Ausdnicksform^''). Der instinktive Drang, ganz oder 
teilweise in der Kleidung des anderen Geschlechts zu ^gehen, 
den wir als transvestitischen bezeichnen, ist unter den Homo- 
eexuellen seit altersher weit verbreitet. AUerdings keineswegs, 
wie man frliher angenommen hat, nur unter Homosexuellen, 
Mein Buch „Die Transvestiten" beschaftigt sich sogar in 
erster Linie mit den heterosexuellen Transvestiten tmannlichen 
and weiblichen Geschlechts. Immerhin ist die Anzahl der Trans- 
vestiten unter den Homosexuellen ohne Zweifel viel groBer, wie 
unter den heterosexuellen Mannern und Frauen. 

Absolut genommen gibt es vielleicht ebenso viele nichturnische 
als urnische Transvestiten. Wenn man aber beriicksichtigt, daB die 
Zahl der Heterosexuellen etwa zwanzigmal so groB als die der Homo- 
sexuellen, so ist relativ genommen der Prozentsatz der Transvestiten 
unter den Homosexuellen ein ungemein viel hoherer. Unter 500 Homo- 
sexuellen verspiiren 48 einen starken Drang, in Frauenkleidern zu 
gehen, dem sie auch zum groBten Teile zeitweise entsprechen ; 6 da von 
tragen im Hause stets Frauenoberkleidung — und auBerhalb ihrer 
Wonnung Herrenober- mit Frauenunterkleidung. Hinsichtlich der 
Starke des Verkleidungstriebes gilt fiir die homosexuellen Manner und 
Frauen vollig das, was ich auf Grund eingehender Beobachtungen in 
den „ Transvestiten" 18) ausfiihrte: „In der Tracht ihres eigenen Ge- 
schlechts fuhlen sie sich eingeengt, unfrei, gedruckt, sie empfinden sie 
als etwas Fremdes, ihnen nicht Entsprechendes, und Zugehoriges ; da- 
ge^en finden sie nicht Worte genug, um das Gefiihl der Ruhe, Sicher- 
heit und Erhebung, das Gliick und Wohlbehagen zu schildern, das 
Hie in der Gewandung des anderen Geschlechts iiberkommt." 

Zu diesen ca. lOo/o Totaltransvestiten kommen noch ca. 
30 0/0 (151 unter 500) Partialtransvestiten, die, ohne Feti- 
schisteu im igewohnlichen Sinne zu sein, eine wahre Leidenschaft haben, 
einzelne weibliche Kleidungsstiicke zu tragen, etwa lange Striimpfe mit 
weiblichen Strumpfbandern, Frauenschuhe mit hohen Absatzen, Kor- 
setts usw. Bei 13 erstreckt sich diese Vorliebe auf Facher. Auch von 
Heliogabal berichten seine Biographen, daB er „8tatt des Zepters einen 
Facher'' trug. Diesen 40 o/o stenen 301 (60 o/o) gegeniiber, die nicht das 

feringste Interesse fiir Frauenkleider oder weibliche Toilettenartikel 
aben, davon haben aber 48 noch „cisvestitische" Neigungen. Der Aus- 
druck „Cisvestiten" stammt von einem meiner Patienten. Bald nach 
Erscheinen meines Transvestitenbuches suchte mich ein sozial ziemlich 
hochstehender Mann mit der Bemerkung auf, er sei „Ci8vestit". Ich 
wuBte zunachst nicht, was er meinte, er erklarte mir dann, daB er 
nicht den Drang verspiire, in den Kleidem des anderen Geschlechts 
zu ^ehen, er hatte aber eine Neigung, die an Intensitat der trans- 
vestitischen Leidenschaft nichts nachgebe, sich zeitweise als Lakai 
zu kleiden. Er habe als solcher auch schon zeitweise vollig unerkannt 
in feinen Berliner Hotels als Aushilfe gearbeitet. Ahnliche cisvesti- 
tische Neigungen habe ich wiederholt bei Homosexuellen beobachtet, 
ohne daB ich allerdings ebensowenig wie fiir den Trans vestitismus be- 
haupten mochte, daB nicht ganz Ahnliches auch unter den Hetero- 
sexuellen vorkommt. Finer liebte es als Stallbursche, ein anderer ah 



17) Cf. „Die Transvestiten, eine Untersuchung iiber den erotischen 
Verkleidungstrieb" von Dr. Magnus Hirschfeld. Berlin 1910. 
pag. 259 — z75, „Die Kleidung als Ausdrucksform". 

i«) „ Transvestiten", pag. 160. 



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170 

Schornsteinfeger, ein dritter als Forster zu gehen, mehrere verkleideten 
sich zeitweise als Arbeiter, andere als Matrosen, einer als Page, zwei, 
die ich kennen lernte, als Jockei einige sogar als Schiller und Studenten 
mit Miitze und Band; wieder andere trugen gem bestimmte Volks- 
trachten, aber nicht etwa nur um sich der Klasse, zu der sie sich 
erotisch hingezogen fiihlten, anzupassen, oder zum Zwecke der Tau- 
schung, — auch das kommt natiirlich beides vor — sondern um eine 
seltsame Doppeltheit ihres Wesens zum Ausdruck zu bringen. 

Dber die Kleidung eines von ihm in Capri beobachteten Urnings 
schreibt Dr. Jakubowsk i^^) : „Seine auffallende Kleidung bestand 
aus einer weiten Samtjacke, einem hellgrau seidenen, um den nackten 
Hals gewundenen Tiichel, silberschwarzen, engen, nur bis zu den 
Knieen reichenden Beinkleidern, langen, buntseidenen Striimpfen, end- 
lich aus Halbschuhen von Atlas, die mit zierlichen Schleifen und 
Pompons gcschmiickt waren. AuBerdem trug er stets reich gestickte 
Damenhemden. Nach meiner, sowie auch der Ansicht der zu derselbeai 
Zeit auf Capri weilenden Maler und Bildhauer, entsprach seiin Korper- 
bau, zumeist die Hiiftgegend und die FnQe, einer Frauensperson. 
Seine tagliche Beschaftigung bildeten Malen und Sticken." 

Wiederholt habe ich Urninge gesehen, die es liebten, sich als 
Knaben anzuziehen; so einen allerdings sehr jugendlich aussehenden 
Leutnant von 22 Jahren, der sich aui seinem im tiefsten Inkognito 
verbrachten Urlaub stets als etwa ISjahriger Junge kleidete. 

DaB es auch „partielle Cisvestiten" gibt, die nicht mit Fetischisten 
zu verwechseln sind, sei — um das Dargelegte nicht zu sehr zu kom- 
plizieren — hier nur nebenbei erwahnt. 

Einen eigenartigen, aber recht bezeichnenden Fall von partiellem 
Transvestitismus erzahlt U 1 r i c h s i^) aus seinem eigenen Leben. „Bei 
einer Dame fand ich die Probe eines eleganten Seidenstoffes. Ich 
erbat sie mir. Mit der Probe ging ich zum Kaufmann, um rair von 
diesem Stoff Zeug zu einer Weste zu nehmen. Von diesem Stoff hatte 
er nichts mehr vorratig. Von ihm befragt, nannte ich nach einigem 
Zogeru ihm meinen Zweck. Da legte er mir „ Stoff e zu Herrenwesten" 
vor. Diese habe ich samtlich entschieden verschmaht. Ich forderte 
ausdriicklich der Probe ahnliche Stoffe. Unter den mir nun vorgelegten 
Stoffen gefiel mir ein auBerst zartes blaBgriines Seidenzeug. Wieder- 
holt bemerkte dazu der Kaufmann: „Dieser Stoff eignet sich nicht 
zu Herrenwesten" und: „Es ist ein Stoff zu Ballkleidern fiir Damen". 
Allein er fand taube Ohren. Ich lieB mich nicht irre machen. Ich 
kaufte wirklich von dem Stoff ein Quantum zur Weste." 

Wenn Grabowsky*®) meint, daB der Urning sich nur deshalb 
verkleidet, um so leichter Manner an sich locken zu konnen, so 
zeigt er sich sehr mangelhaft iiber die Psyche des Urnings orientiert. 
Nicht selten erstreckt sich der transvestitische Drang homosexueller 
Fraueu besonders auf Uniformen. Ich besitze eine Reihe Photo- 
graph ien schneidiger Offiziere der Kavallerie und Infajiterie, hinter 
denen wohl kaum jemand homosexuelle Frauen vermuten diirfte. Der 
partielle Transvestitismus erstreckt sich im ubrigen bei Urninden 
auf Herrenpaletots, Herrenhiite, Mannerstiefel mit niedrigen Hacken, 
Stehkragen und Krawatten, eng anliegende Jacketts, Westen, cnglische 
Stoffe u. dgl. Es soil natiirlich nicht gesagt sein, daB das Tragen 
dieser unter dem weiblichen Geschlecht so weit verbreiteten Kleidungs- 
siiicko den SchluB auf Homosexualitat oder auch nur auf Virilitat 
ohne weiteres zulaBt. Nur im Zusammenhang mit den 



^^a) Cf. Friedreichs Blatter fiir gerichtliche Medizin. Niirnberc: 
1892. p. 431. 

"^ Ulrichs, Formatrix, pag. 46/46. 

*^3 Grabowsky, Die verkehrte Geschlechtsempfindung p. 19. 



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171 

iibrigen Zeichen gewinnt diese Erscheinung eine symptomatische 
Bedeutung. 

Oft besteht unter Urningen imd Urninden, entsprecliend ihrer 
weder vollmannliohen noch vollweiblichen Artung, eine V^orliebe fiir 
geschlechtslose Gewandungen. Viele halten das antike griechische 
Gewand fiir das schonste, ein urnischer Kiinstler bemerkt: „Tch 
schwarme fiir lange, wallende Ge wander, trotz der Gewohnung eines 
halben Menschenalters schame ich mich in der gewohn- 
lichen Mannerkleidung, ohne langen Mantel betrete ich nie 
die StraBe, am meisten genicre ich mich im Frack bei Ausiibung meines 
Berufes auf dem Podium, zu Hause trage ich nur schleppende Gewan* 
dung." Ein anderer homosexueller Kiinstler auBerte sich: „Ich liebe 
Kleidung, die das Geschlecht nicht erkennen laBt, weil diese meinem 
eigentlichen Wesen entspricht." Und ein urnischer Eisenbahnarbeiter 
schreibt: „Ea tut mir leid, daB der Pelerinenmantel altmodisch wurde." 
Bezeichnend fiigt er hinzu: „Ein schoner Jiingling sollte doch stets 
einen glatten Cberzieher tragen." Andere schreiben, daB sie am lieb- 
sten k la Dieffenbach gehen wiirden, andere, daB sie „M6nchskutten" 
am schonsten finden. Unter den sogenannten „Naturmenschen", die 
ebenfalls anschlieBende Gewander perhorreszieren, gibt es eini^e sehr 
feminine. Wie bei den Urningen ist auch bei den Urninden der Drang 
nach alteroslexueller Kleidung bereits lange vor der Ge- 
schlechtsreife nachweisbar. Eine homosexuelle Frau berichtet aus ihrer 
Jugendzeit: „Ich trug bestiindig eine groBe „Sicherheitsnader* bei mir. 
Mit derselben befestigte ich das hintere Ende meines Rockes, indem 
ich es durchzog, an den vorderen Teil deis Kleides. So hatte ich die mir 
leider versagte Hose. Ich muB gestehen, daB ich fast bis zu meiner 
Universitatszeit den Glauben hegte, der ganze Unterschied zwischen 
den „Jungens" und mir bestiinde einzig und allein in der Kleidung, 
und ich war zuweilen recht unzufrieden dariiber, daB man mich von 
Anfang an durch den Anzug zum Madchen gestempelt hatte." Be- 
sonders gegen Korsett und Schleier haben homosexuelle Frauen oft 
eine ungemein starke Idiosynkrasie. 

Bei manchen homosexuellen Frauen ist der transvesti- 
t i s c h e Trieb so hef tig, daB sie ganz als Mann leben. Ich kenne 
solche, die dies seit 20, 30 Jahren und langer tun. Man ist oft 
ganz iiberrascht, wenn man homosexuelle Frauen oder homo- 
sexuelle Manner, die man stets nur in der ihrer Seele adaquaten 
Tracht sah, zufallig in der sieht, die ihrem Korper entsprieht. 
Neuerdings sind wiederholt homosexuelle Frauen bei der Be- 
horde um die Erlaubnis eingekommen, sich als Manner kleiden 
zu diirfen; es ist ihnen dies auch meist auf Grund eines arztr 
lichen Gutachtens gestattet, namentlich wenn sie etwas androgyn 
gebaut sind, so dail sie in Mannerkleidern nicht auffallen. 

Ich will den zahlreichcn ausfiihrlichen Gutachten, die ich in 
den Biichern „Transvestiten" und „Geschlechtsumwandlungen" sowie 
in den Aufsatzen iiber solche Fiille veroffentlichte, noch einen neueren 
Fall hinzufiigen, in dem ich gemeinsam mit meinem KoUegen B u r - 
chard f olgendes Gutachten abgab : 

„Die 21 Jahre alte Stenographin Bertha B. steht seit nahezu 
1/2 Jahr in unserer spezialarztlichen Beobachtung. Die Wahrnehmun- 
gen, die wir wahrend diescr Zeit gemacht, und die Mitteilungen, die 
wir von ihr selbst erhalten haben, suchten wir nach Moglichkeit 
dadurch zu erganzen, daB wir bei Personen ihres Bekanntenkreises 
Erkundigungen iiber ihr Wesen und Verhalten einzogen. 



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172 

Wir haben dadurch ein klares, eindeutiges Bild von der Person- 
lichkeit der B. gewonnen und geben auf Grund dessen das folgende 
Gutachteii ab: 

Vorgeschichte: Bertha B. stammt aus einer littauischen 
Familie. Die Ehe der Eltern war nicht gliicklich, da der Vater starker 
Alkoholiker war. Er starb im Alter von 66 Jahren infolge einer Gas- 
vergiftung (vermutlich Selbstmord), wahrend die Mutter 49 Jahre 
alt an Herzschlag starb, nachdem sie die letzten 91/2 Monate ihres 
Lebens in einer frrenanstalt als unheilbar krank interniert war. Nur 
die alteste Schwester ist am Leben geblieben, drei darauf folgende 
Geschwister starben an Lebensschwache ; sie selbst ist das jiingste 
Kind. 

Gehen und Sprechen lernte sie ziemlich spat, mit li/i bezw. 
2 Jahren. Die Entwicklung der spateren Kinderjahre lieC bei B. 
immer mehr Ziige hervortreten, die wir im allgemeinen als cha- 
rakteristisch fiir Knaben ansehen. Sie spielte nur mit Jungen und 
nahm an ihren wildesten Spielen mit solcher Selbstverstandlichkeit 
teil, daC sie von ihren Kameraden vollig als ihresgleicben angesehen 
und immer nur „\Villy" genannt wurde. Ihre Lieblingsfacher in der 
Schule waren Turnen und Geographie. 

Mit 151/4 Jahren stellte sich die Menstruation ein, die seitdem 
ziemlich regelmaBig auftritt, aber von kurzer Dauer, sparlich und 
kaum von irgendwelchen korperlichen oder seelischen Erscheinungen 
begleitet ist. 

Eiu Anschwellen der Briiste machte sich erst im 20. Lebensjahre 
bemerkbar, doch haben sich die Briiste iiberhaupt nur in sehr geringem 
Grade entwickelt. 

In seelischer Hinsicht traten mit zunehmendem Alter die mann- 
lichen Ziige bei B. B. immer mehr hervor und pragten sich in ihrer 
beruflichen Tatigkeit, der sie mit Pflichttreue, Ausdauer und Energie 
nachgeht, sowie in alien ihren Lebensgewohnheiten immer deut- 
licher aus. 

Wie wir von ihr selbst und ihren Bekannten vielfach und stets 
libereinstimmend gehort haben, sind ihre Neigungen und Gewohnheiten 
ausgesprochen mannliche. Sie ist ausdauernd und couragiert im Sport, 
besonders im Schlittschuhlaufen, Rodeln und Rudern, tiichtig in jeder 
Muskelarbeit und mutig korperlichen Gefahren gegeniiber. Im Bil- 
lard- und Kartenspiel nimmt sie cj mit jedem Manne auf, vertragt 
Bier und Kognak gut, weiB aber, wenn sie genug hat und laBt sich 
nicht zu Exzessen verleiten. 

Sie hat das ausgesprochene, ununterdriickbare Verlangen, ganz 
als Mann leben und sich kleiden zu konnen und haCt weibliche Be- 
schaftigung ebenso sehr wie weibliche Tracht am eigenen Korper. 
Dagegen hat sie Interesse fiir Herrenmoden und legt in Mannerklei- 
dung Wert auf guten Schnitt und elegante, namentlich engUsche 
Stoffe. 

Ihr Liebesempfinden hat sich von jeher in durchaus bestimmter 
Richtung ausschlieUlich auf das weibliche Geschlecht gerichtet, 
wahrend sie mit Manne rn kameradschaftliche Beziehungen unterhalt 
und an ihren Beschaftigungen und Interessen in jeder Beziehung 
teilnimmt. 

Besonders wertvoll nach dieser Richtung bin waren fiir uns die 
Angaben eines jungen Mannes, mit dem die B. seit Jahren kamerad- 
schaftlich verkehrt, und der urn so weniger Veranlassung hat, ihren 
Wunsch, in Mannerkleidung zu leben, zu unterstiitzen, als er kein 
Hehl daraus macht, daO er sie innig liebt, und dafi demgemaB dieser 
ihr Wunsch und die Tatsache, daB er sich seiner Berechtigung nicht 
verschlieBen kann, ihm schwere seelische Qualen verursacht. 



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173 

Befund und Beobachtungsverlauf. B. B. ist eine 
gracil gebaute Person von elastischen, bestimmten Bewegungen, ziem- 
lich weichen Korperformen, aber fester, sehniger Muskulatur. Das 
Knocheugeriist zeigt insofern Anklange an das mannliche Geschlecht, 
als der Schultergiirtel die Hiiften an Breite iibertrifft (98 cm bezw. 
86 cm). Die ifilnde sinjd klein aber kraftig, die FiiBe mittelgroB, 
breit und derb gebaut. 

Das Gesicht ist von jugendlicher Weichheit, aber starkknochig 
gebildet, bestimmt und entschieden in Ausdruck und Mimik- 

Die Briiste sind nur wenig entwickelt; die Haut ist weich und 
zart, das Haupthaar lang und weich, der Korper nicht behaart. Die 
inneren Organe sind durchaus gesund. 

Die bereits in der Vorgeschichte wiedergegebenen Mitteilungen 
iiber das Wesen, Verhalten, die Neigungen una Gewohnheiten der B. 
B. fanden wir wahrend unserer Beobachtungszeit durch eigene Ein- 
driicke durchaus bestatigt. 

Es war etwas schwer, in das Seelenleben der B. B. einzudringen, 
da sie entsprechend ihrer littauischen Stammeszugehorigkeit im afige- 
meinen zuiiickhaJtend und wenig mitteilsam ist und erst bei langerer 
Bekanntschaft oder in ungezwungenem geselligen Kreise nach und 
nach auftaut. 

So standen wir zunachst dem dringend und fortgesetzt gleich- 
lautend wiederholten Wunsche der B., Mannerkleidung tragen und in 
jeder Hinsicht als Mann leben zu diirfen, skeptisch gegeniiber. Wohl 
konnten wir uns dem Eindruck von vornherein nicht verschlieBen, daB 
der Kern ihrer Personlichkeit ein iiberwiegend mannlicher ist, wohl 
iiberzeugten wir uns durch eigenen Augenschein davon, daB sie in 
mannlicher Tracht einen natiirlicheren Eindruck machte, sich freier 
und ungezwungener bewegte als in weiblicher, doch blieben in Anbe- 
tracht der Tragweite und des fiir ihr ganzes spateres berufliches und 
privates Leben entscheidenden Bedeutung ihres Schrittes gewisse Be- 
denken dagegen langere Zeit bei uns bestehen. Wir haben daher 
die Beobachtung moglichst lange ausgedehnt und hat ten wahrend 
derselben nach und nach immer mehr Gelegenheit, die B. B. in den 
Grundziigen ihrer Personlichkeit kennen zu lemen. Je mehr sich 
uns dabei das eigentliche Wesen ihrer Individualitat erschloB, desto 
deutlicher lernten wir deren iiberwiegend mannliche Komponente er- 
fassen und verstehen. 

Das Ernste und Bestimmte im ganzen Auftreten der B. verleug- 
nete sich wahrend der ganzen Beobachtungszeit nicht, obwohl eine 
etwas schiichterne und bescheidene Zuriickhaltung den Eindruck dieser 
Wesensziige im Anfange abschwachte. 

Niemals haben wir bei B. B.- eine Spur von weiblicher Ziererei 
Oder Zimperlichkeit feststellen konnen. Je ungezwungener und freier 
sie in ihrem Verhalten uns gegeniiber wurde, desto mehr machte sie 
den Eindruck einer ausgesprochen mannlichen Personlichkeit. Mehr 
und mehr iiberzeugten wir uns davon, daB die anfangliche Scheu und 
Zuriickhaltung und ihr gezwungenes Wesen zum groBten Teil wohl 
das Produkt der ihrer Individualitat ganzlich freoiden RoUe waren, 
die sie in Frauentracht zu spielen gezwungen ist. 

So lernten wir verstehen, daB der Wunsch, diese Rolle von sich 
zu werfen ihr Lebensbediirfnis ist, das ihrer bestimmten Versicherung 
nach wichtiger fiir ihre Existenz ist als Liebe und Freundschaft, ohne 
desseu Erfiillung ihr Dasein fiir sie zwecklos und wertlos sein wiirde. 

Gutachten. Nach den vorausgehenden Schilderungen, aus 
denen hervorgeht, wie unsere Auffassung iiber B. B. sich gebildet 
hat, konnen wir uns in unserer gutachtlichen Beurteilung des Falles 
kurz fassen. 

Wir haben es hier mit einem jener noch nicht lange wissenschaft- 
lich erkannten und bekannten, aber doch durchaus nicht seltenen 



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174 

Falle vzn tun, in denen den Kern der sexuellen Individualitat das Be- 
diirfnis bildet, in Kleidung, Lebensweise und Tatigkeit nach der Art 
des anderen Geschlechts zu leben, Falle, bei denen naturgemaB die 
Anderung der Tracht als die Vorbedingung, dem Drange der inneren 
Notwendigkeit folgen zu konnen, im Vordergrunde des gesamten per- 
sonlichen Strebens und Wiinschens steht. Da alle iibrigen Wiiiische, 
sogar die starken Impulse des eigentlichen Sexualtriebes, hinter diesem 
Bediirfnis zuriicktreten oder doch sich ihm unterordnen, haben wir 
voile Berechtigung, derartige Personen, die sogenannten „Transvesti- 
ten** als einen besonderen, wissenschaftlich wohl umschriebenen Sexual- 
typus zu bezeichnen. 

In der Tat ist fiir derartig veranlagte Menschen die Moglich- 
keit, ibren auCeren Menschen durch entsprechende Kleidung dem per- 
sonlichen Fiihlen geraaB gestalten zu konnen, eine Lebensfrage. 

Audi Bertha B. gehort, wie aus unseren Schilderungen wohl zur 
(ieniige hervorgeht, zu dieser Kategorie. 

Unser Gutachten geht demnach dahin: Es 
handelt sich bei Bertha B. um eine Personlich- 
keit, bei der die mannliclie Sexualkomponente 
entschieden iiberwiegt. Es ist daher unserer 
Oberzeugung nach eine Notwendigkeit, daB 
ihr die Genehmigung erteilt wird, sich dem- 
entsprechend kleiden zu diirfcn. 

k. Sinnesorgane und Nervensystem. 

Lassen die vielfaltigen zentrifugalen AuBerungen innerer 
Antriebe, welche wir empirisch untersuchten, auf eine Besonder- 
heit der homosexuellen Psyche schlieGen, so wird diese SchluB- 
folgerung noch wesentlich untersttitzt durch die Art und Weise, 
mit der das Zentralnervensystem lust- oder unlustbetont auf 
die zentripetalen Reize reagiert, welche die peripheren Sinnes- 
organe von auBen treffen. Vor allem kommt hier natiirlich ihr 
Verhalten gegentiber erotisch wirksamen Eindrticken in Be- 
tracht. Das haben wir bereits eingehend in den beiden Ab- 
schnitten untersucht, in denen wir betrachteten, wie der homo- 
sexuelle Mann und das homosexuelle Weib auf Personen des 
eigenen und des anderen Geschlechts reagieren. Es gibt aber 
auch von Gefiihlstonen begleitcte Reizungen peripherer Nerven- 
enden, denen ein sexueller Charakter nicht innewohnt. Die 
Grenze zwischen diesen zwei Reizbarkcitsgruppen ist nicht 
immer ganz leicht zu zichen, und sichcrlich laufen zwischen 
beiden unterbewuBte Ideonassoziationen in groBerem Umfange, 
als wir heute bereits wissen. Es muB aber schon ein sehr 
enragierter Pansexualist sein, der alle angenehmen Empfin- 
dungen sexuell deutend, auch den Anblick der Niagarafalle, das 
Anhoren einer Beethovenschen Symphonic, den Geschmack einer 
StraBburger Ganseleberpastete, als Gcschlechtsgentisse auffaBt. 
Ftir den Gegenstand, der uns hier beschaftigen soil, ob und 
inwieweit die sensorische Reizbarkeit Homoscxueller auch auBer- 



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176 

kalb der SeiualspKare Besonderheiten darbietet, ist diese Streit- 
frage zunachst auch von sehr untergeordneter Bedeutung. Dafl 
aber auch hier wieder, und zwar sowohl hinsichtlich der Quan- 
titat als der Qualitat nervoser Erregbarkeit bei gleichgeschlecht- 
lich Empfindenden, Annaherungen an den alterosexuellen Typus 
vorhanden sind, ist unverkennbar. 

Zunachst etwas liber die geftihlsbetonte A f f e k t erregbar- 
keit im allgemeinen. UnterlOOUrningen betonen nichtweniger als 
99ihr „weiches G e m ti t". Die Bezeichnungen der Homosexuellen 
durch die Alten als juaXaxog und mollis erscheinen also nicht 
nur in korperlicher, sondern auch in psychischer Richtung 
gerechtf ertigt. 20o/o nennen ihre Gemutsart sogar sehr, ungemein 
Oder auiJerordentlich weich. 26o/o betonen ihre Neigung ;zum 
Weinen. Doch besteht zweifellos bei vielen auch eine starke 
Empfanglichkeit flir Freude. Es will mir sogar scheinen, als 
ob das Grundtemperament der meisten Homosexuellen ein kind- 
lich heiteres, oft naives ist, das ihnen allmahlich erst durch das 
Leben verkiimmert und vernichtet wird. 

Bei 7 o/o kann sich der Affekt zu konvulsiven Anfallen, Lach- und 
Weinkrampfen. steigern, und einige zeigen sogar die seltsame Paradoxie, 
dafi der Gefiihlsausdruck mit dem Getuhlseindruck in Widerspnich 
steht, 80 daB sie bei Freude weinen, und bei traurigen Anlassen lachen 
miissen. Vor einigen Jahren suchte mich einmal ein Homosexueller auf, 
der sehr darunter litt, dafi er bei Kondolationen Lachkrampfe bekam ; 
er hatte sich bei der Beerdigung seines Freundes nicht anders zu 
helfeu gewuBt, daB er im Trauerhause den Angehorigen um den Hals 
gefallen sei, um sein Gesicht nicht sehen zu lassen. Wahrend diese 
glaubten, er schluchze krampfhaft, hatte er sich vor Lachen geschiittelt ; 
dabei sei sein Kummer ein groBer und aufrichtiger gewesen. Im 
allgemeinen entspricht aber die Entspannung der Art des Affekts, nur 
die Intensitat ist eine besonders heftige. In der Trauer Hadrians, 
der im iibrigen von seinen Biographen recht mannlich geschildert 
wird, um seinen Liebling A n t i n o u s , heben die Alten das weibliche 
Element hervor. So sagt Spartianus (Leben Hadrians Kap. 14): 
„Antinoum suum, dum per Nilum navigat, perdidit. Quem muliebriter 
flevit." 

Ulrichs^i) selbst erzahlt von sich: „Ich hoffe nicht mein 
Heiligtum vor die Hunde zu werfen, wenn ich mitteile, daB ich, 
31 Jahre alt, bei der Nachricht vom Tode meiner Mutter langer als eine 
Stunde bitter geweint habe. Etvva fiinf Jahre spater babe ich ein- 
mal am Allerseelentage spat abends vor einem Kirchhofe, in weiter 
Feme von ihrem Grab, noch in der Erinnerung an sie recht lange ge- 
weint. Hore, sehe oder lese ich eine edle Tat oder einen Zug ruhrender 
Liebe, sei es Geschlechtsliebe, dionische wie urnische, oder sei es 
Mutterliebe, so treten mir sogleich die Tranen in die Augen. Ich 
habe oft Liebesgedichte gemacht. Wohl die H a 1 f t e ihrer Manuskripte 
ist mit meinen Tranen benetzt." 

Unter den lustbetont empfundenen Sinneseindriicken steht obenan 
die Musik. Von 100 Homosexuellen verhielt sich nur einer der Musik 
gegeniiber ablehnend, zwei bezeichneten sich als wenig interessiert, 
•alle iibrigen, also 98 o/o, stehen in engem Verhaltnis zur Musik, fiir 

21) U 1 r i c h s , Formatrix, pag. 37. 

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176 

mehrere ist Musik „eiii Lebensbedurfnis", auf andere wirkt sie „Tiber- 
waltigend**. Sehr viele begeistern sich fiir Wagner. Doch sind aucb 
Antiwagnerianer dabei. In 80/0 besteht Hinneigung zu leichter Musik, 
die meisten anderen bevorzugen „klassi3che", „ernste", „gute" Musik 
(35 0/0). 

Unter den Urninden gibt es relativ viel mehr unmusikalische als 
unter den Urningen. 

Das Auge wird hinsichtlich lust- und unlustbetonter Reize un- 
gemein stark von erotischen Eindriicken beherrscht. Abgeseben hier- 
von werden die meisten anderen indifferent empfunden. Was angenehnj 
ohne erotische Unterstromung wabrgenommen wird, wie etwa eina ecbone 
Landscbaft, tragt im Wesentlicben kein gescblecbtliches Vorzeichen; 
aucli verdient bei bomosexuellen Mannern der bereits oben kurz erwahnte 
groDe Farbensinn bervorgeboben zu werden. Dies gilt besonders wieder 
fiir die feminineren. Bei den virileren findet man haufig eine Vor- 
liebe fiir eine bestimmte Farbe. Im Altertum wurde als solche griin 
bezeichnet. Merkwiirdig ist, daB in unseren statistiscben Unterlagen 
die der griinen nabestebende blaue Farbe — blau selbst war im Alter- 
timi nocb unbekannt — eine sehr bevorzugte Rolle spielt. Blau wird 
viermal so oft als jede andere fiir die Lieblingsfarbe erklart. In einem 
anderen Untersuchungsmaterial wurde von 100 Homosexuellen 21mal 
blau, violett, lila una blaugriin als bevorzugte Farbe angegeben, rot 
4mal, griin 3mal, schwarz 2mal, andere Farben, wie gelb, rosa, nur 
einmal. Aucb unter den homosexuellen Frauen scheint blau am be- 
liebtesten zu sein, an zweiter Stelle stehen schwarz und grau. 

Hinsichtlich des Geschmackes findet man bei Homosexuellen 
vielfach eine lange iiber ihre Kindheit hinaus andauernde Neigung zu 
silBen Speisen und Naschereien, wahrend homosexuelle Frauen oft eine 
Vorliebe fiir stark gewiirzte, „pikante", saure, salzige, ja selbst bittere 
Speisen zeigen. Sehr bemerkenswert ist das VerhaJten urnischer 
Manner und Frauen gegeniiber Tabak und Alkohol. Mindestens ^/^ 
aller weiblichen Homosexuellen rauchen, teilweise sehr stark, die 
meisten Zigaretten, nicht wenige aucb Zigarren. Eine rheinlandische 
Urninde schreibt: „Rauche seit meinem 8. Jahre, die letzten Jahre 
besonders stark. Kann Zigaretten, Zigarren, Pfeife, alles vertragen." 
Viele trinken ungewohnlich viel alkoholische Getranke, namentlich 
Bier, aucb Kognak und Branntwein, einige bis zur Berauschung. So 
schreibt Kr af f t- E bi ng2«) iiber die Vay: „S. war oft berauschti" 
Wie ganz anders verhalten sich in dieser Hinsicht die Urninge. 38 0/0 
sind Nichtraucher, 54 0/0 maBige, und nur 8 0/0 starke Rancher. Unter 
den letzteren gibt es allerdings einige, die 30 und mehr Zigaretten im 
Tag rauchen. Alkoholabstinent sind 18 0/0, maBig oder sehr maBig 
triuken 81 0/0, nur 1 0/0 sind starke Trinker. Nicht weniger wie 46 0/0 
sind alkoholintolerant, konnen nur ganz wenig oder kemen Alkohol 
vertragen. Einige darunter leiden an pathologischen Rauschzustanden, 
ferner sind auch periodische Trinker mit typisch dipsomanischen 
Anfallen nicht ganz selten unter Homosexuellen anzutrerfen. 

Was den Geruch betrifft, so findet sich bei vielen Homosexuellen 
eine ungemein starke Vorliebe sich zu parfiimieren. Schon die Alten, 
wie Catull, Menander und E u p o 1 i s 23) erwahnen ihren reich- 
licheii Verbrauch von wohlriechenden Salben und Olen, an deren Stelle 
in unseren Zeiten atherische Pflanzenextrakte und Stoffe wie Moschus 
und Patschouli getreten sind. Friiher bedienten sich viele auch eines 
Riechflaschchens. Ganz im Gegensatz zu vielen Urningen und Frauen 
zeigen die weiblichen Kontrarsexuellen meist eine starke Abneigung 

22) Krafft-Ebing, Psych, sex. pag. 

") Catull, 56. 142. „unguentati". Eupolis fragm. 163. 6^ x^^Q^^^^ 
fih ^sfi' ^Menander fragm. 274. i^Sv fWQov. cfr. B 1 o c h , Dieses Hand- 
buch I, p. 414. 



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177 

gegen Parftais, dagegen oft eine seltsame Vorliebe fiir gemeiniglichhin 
nicht als wohlriechend geltende Substanzen. So schreibt eine Urninde: 
„rarfum ist mir zuwider; aber ich liebe den Geruch von gebranntem 
Kaffee und frischer Wasche; auch Majoran und Lysol." 

Beziiglich der Hautnerven ist neben dem bereits oben (bei der 
Haut) Erwahnten die groBe Schmerzempfindlichkeit der Urninge zu 
bemerken. tJber 75 o/o heben ihre groBe Empfindsamkeit korperlichen 
Schmerzen gegeniiber hervor, die sich bei einigen bis zu Ohnmachts- 
anfallen steigert. Andere heben als charaktenstisch hervor: „groBen 
Schmerz bei kleinem Leiden, kleinen Schmerz bei groBem Leiden. Wie 
ganz anders lauten die Berichte von Urninden, unter denen viele nichta 
weniger als wehleidig sind. Als einmal in Havre ein Attentater auf 
Louise Michel zwei Revolverschiisse abgab, von denen einer sie 
nicht unerheblich hinter dem Ohre verletzte, gibt Rochefort iiber 
ihr Verhalten bei der arztlichen Untersuchung folgende Schilderung: 
„Meine tapfere Freundin lieB voll Heroismus eine erste Operation 
uber sich ergehen. Sie legte sich hin, ohne einen Klagelaut, den 
Kopf auf ein Tuch gestiitzt, wahrend die sogleich herbeigerufenen 
Arzte die Wunden sondierten und durchsuchten. Obgleich man das 
Kratzen des Stahles an dem Knochen horte, stieB Louise nicht einen 
Schrei aus und erzahlte ruhig weiter von ihrer Cousine, die sie in 
Paris en^'artete, und von ihren Tieren . . . ." Allerdings iiberwinden 
auch Urninge oft ihre Schmerzen, aber weniger kraft natiirlicher Harte, 
als durch die Kraft der Liebe. So erzahlt Plat on, daB von den 
Hellenen, die in antiken Schlachten an der Seite ihrer Lieblinge 
kampften, keiner, trotz groBter Gefahr, den Freund verlassen haben 
wiirde. 

Im librigen weist sowohl das Nervensystem der Urninge als 
der Urninden zwei charakteristische Merkmale auf, eine eben- 
so erhebliche Elastizitat als Labilitat. Dire Elastizitat be- 
wirkt die oft erstaunliche Fahigkeit, mit der sie ^ich nach 
heftigsten seelischen Erschtitterungen, wie sie ihr Leben ihnen 
in hohem Grade bietet, oft verhaltnismaBig rasch wieder auf- 
zurichten vermogen. Die nervose Labilitat bringt sie dagegen 
vielfach leicht aus dem Gleichgewicht und laJJt sie schlieBlich 
meist ausgesprochene Neurastheniker werden. Dabei ist aller- 
dings schwer zu entscheiden, was eine Folge der durch die 
Homosexuality t exogen verursachten Aufregungen, und was auf 
Rechnunff einer von Hause aus nervosen Konstitution zu setzen 
ist. TJnter 500 Urningen erwiesen sich nicht weniger als 
336 = 67,20/0 mit erheblichen Storungen des Nervensystems be- 
haftet, und sicherlich gab es unter denen, die sich frei von 
nervosen Storungen erklarten, auch noch manche, deren Nerven- 
8(ystem sich bei naherer Nachpriifung auch nicht als gan2 
vollwertig herausstellen wtirde. Unter den 336 litten beisplels- 
weisc 75 an starker Schlaflosigkeit, auBerdem 5 an Schlaflosig- 
keit nur bei Enthaltsamkeit, 4 an Schlafsucht, 15 an Migrane, 
9 an Kopfdruck, 24 an Schwindelgefiihlen, 22 an Zittern, 43 
an hochgradiger Mattigkeit, 3 an Ohnmachtsanfallen, 4 an 
Stottern, 7 an „Herzkramj)fen**, Prakordialangst, mehrere an 

Hirschfeld. Homosexualitlt. J2 



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178 

nervosem Erschrecken, andere an Zwangsvorstellungen und 
sonstigen nervosen Beschwerden. Wir werden in den Kapiteln, 
in denen wir die Ursache, sowie in dem, in welchem wir (uber 
die Folgen der Homosexualitat handeln, nochmals auf diese 
nervosen Zustande zurtickzukommen haben, ferner auch dort, 
wo wir tiber die forensische Beurteilung der Homosexualitat 
sprechen, da es ein grolJer XJnterschied fiir die Frage der 
Beherrschbarkeit des Geschlechtstriebes ist, ob sich das Nerven- 
system in stabilem oder labilem Gleichgewicht befindet. 



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SIEBENTES KAPITEL. 

Differentiaidiagnose zwischen Freundschaft und gleich- 
geschlechtlicher Liebe. 

Trotzdem die Symptomentrias der Homosexualitat — das 
unwillkurliche Angezogenwerden durch Personen des gleichen 
Geschlechts, das negative Verhalten gegeniiber dem anderen 
Geschlechte und drittens die alterosexuellen Einschlage — 
einen umgrenzten Erscheinungskomplex darstellt, ist die Dia- 
gnose der Homosexualitat in vielen Fallen doch wesentlich 
schwieriger, als es nach diesem einheitlichen Bilde den An- 
schein hat. Das hat verschiedene Grtinde. Was zunachsf die 
Inklination zum eigenen Geschlecht betrifft, so ist hier die oft 
erhebliche Schwierigkeit zu beriicksichtigen, zwischen erotischer 
und nicht erotischer Anziehung, zwischen Liebe und Freund- 
schaft (ramaur, Tamiti^ und I'amitie amoureuse) die Grenze 
zu Ziehen, ein namentlich bei jugendlichen Personen oft sehr 
diffiziler Unterschied. Ferner wird die Erkenntnis durch den 
Umstand erschwert, daB die ftir deA Geschlechtsakt erforder- 
lichen Vorbedingungen und Veranderungen nicht immer auf see- 
lischen Zustanden beruhen, sondern bei manchen auch reflek- 
torisch durch periphere Reizungen hervorgerufen werden konnen, 
mi thin also die Moglichkeit des Geschlechtsaktes jbeim 
Mannc und Weibe kein absoluter Beweis iHrer triebhaften 
Sexualempfindung ist. 

Hinsichtlich der Abneigung gegen das findere Geschlecht 
ist zu beachten, daB eine solche auch ohne Zuneigung zum 
eigenen vorkommen kann. Beispielsweise ist dies bei den 
Asexuellen und Monosexuellen der Fall, jenen selt- 
samen, bisher wissenschaftlich noch nicht ausreichend studierten 
Mannern und Frauen, die liberhaupt keine sexuellen Regungen 
Oder nur — wie uns besonders Rohleder an einigen Kranken- 
g^schichten klargelegt hat — „automonosexuelle** d. h. auf 
sich selbst gerichtete aufweisen. Aber selbst Manner, die sich 

12' 



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180. 

erotisch durch das Weib gefesselt fiihlen, konnen trotzdem, ja 

manchmal vielleicht sogar deshalb, ausgesprochene Weiber- 

feinde sein. 

F r e u d s psychologische Forschungen haben gezeigt, wie oft sich 
unter der Ablehnung eines Geschlechts verdrangte Anlehnung, unter 
Abneigung unterdruckte Zuneigung verbirgt. Aus der scharfen Frauen- 
verachtung eines Tilly, Schopenhauer, Strindberg, Wei- 
n i n g e r , als Revers sexuelles Gefiihl f iir den ^Mann zu f olgern, ist 
keineswegs angangig, ebensowenig wie es zulassig ist, Homosexualitat 
lediglich aus dem sehr verstiegenen MannerhaiJ mancher Frauenrecht- 
lerinnen anzunehmen. Ungleich haufiger als eine Sexualablehnung 
b e i d e r Geschlechter ist eine auf beide, wenn auch in verschiedener 
Starke gerichtete Zuneigung. Wir gelangen damit zu der wichtigen, 
jedoch oft ebenfalls nicht leicht zu ziehenden Differentialdiagnose 
zwischen Homosexualitat und Bisexualitat. 

Nicht minder groBe differentialdiagnostisehe Schwierigkeiten 
kcDnen uns die alterosexuellen Einschlage bereiten. DaB sie fiir 
viele Falle von Homosexualitat ungemein typisch sind, kann 
fiir einen Sachkenner auch nicht dem geringsten Zweifel unter- 
liegen. Aber sie sind oft nur in geringem MaBe, in seltenen 
Fallen vielleicht uberhaupt nicht oder wenigstens nicht nach- 
weisbar vorhanden und konnen andererseits auch bei anderen 
Formen der Geschlechtslibergange vorkommen, so die psychischen 
Einschlage namentlich bei den Transvestiten, die korperlichen 
bei den Androgynen und Hermaphroditen, und zwar — und das 
ist das wesentliche — vergesellschaf tet mit heterosexuellem 
Empfinden. Von Bedeutung ist auch, daB alle andersgeschlecht- 
lichen Einschlage ebenso wie die Homosexualitat Pseudoformen 
bs?sitzen, so kann die tiefe Stimme eines Weibes durch chro- 
nischen Kehlkopfkatarrh bedingt sein, die anscheinende Weib- 
briistigkeit eines Mannes auf Fettsucht beruhen, die Geschlechts- 
verkleidung keine triebhafte, sondern eine zu bestimmten 
Zwecken vorgenommene Handlung sein. 

Beriicksichtigen wir alle diese Moglichkeiten, bei deren Auf- 
zahlung wir Raritaten, wie etwa homosexuelle Wahnideen auf parano- 
iscber, hysterischer oder alkoholischer Grundlage absichtlich bei Seite 
lassen, so wird man verstehen, wenn wir hier nicht der Ansicht von 
Priitorius beipflichten konnen, der in einer seiner ausgezeich- 
neten Besprechungen einmal meinte, daB die Diagnose der Homo- 
sexualitat eine leichtc sei. DaC sie dies in einer groBen Anzahl der 
Fiille tatsiichlich nicht ist, zeigt, daB es wohl kaum eine Frage 
gibt, die unter homosexuellen Manuern und Frauen so oft erortert 
wird, als die, ob jemand, den sie kennen gelernt haben, „auch so 
sei", ob er wohl „echt" sei, oder nur mitmache, wissenschaftlich 
ausgedriickt, ob er homosexuell, heterosexuell oder bisexuell empfinde. 
Auch daB viele Personen erst sehr spat zur Erkenntnis ihrer Homo- 
sexualitat gelangen, ja sogar Arzte aufsuchen, um iiber sich ins Klare 
z\i kommeu, zeigt die Schwierigkeit der Diagnose, und auch der Um- 
stand, daB hinsichtlich historischer Personen die Ansichten sich oft 
schroff gegeniiberstehen ; so wird Michel An g e 1 o s Homosexualitat 
von T h o d e und Walt Whitmans von Joh. S c h 1 a f ebenso 



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181 

heftig bestritten, wie sie von Pratorius und B e r t z behauptet und 
unseres Erachtens auch bewiesen wurde. 

Sprechen bei solchen „Ehrenrettungen" vielfach falsche Vorstel- 
lungen vom Wesen der Horn osexuali tat mit, so laBt sich andererseits 
nicht leugnen, daB von inanchen doch auch beziiglich der Bezeichnung 
benihmter und nicht beriihmter Personlichkeiten als homosexuell recht 
unkritisch zu Wege gegangen wird. So werden in den von K a r s c h 
mit so immensem FleiBe zusammengestellten Berichten iiber Paderastie 
und Tribadie bei den Naturvolkern Homosexuelle, Bisexuelle, Herm- 
aphroditen und Transvestiten b);uit durcheinander gewiirfelt, so wird 
von manchen jeder „Damenimitator" einfach als homosexuell ange- 
sehen, oder in jedem iiberschwanglichen Gedichte oder Briefe an eine 
Person desselben Geschlechts ohne Priifung sonstiger Zeichen ein 
ausreichendes Beweisstiick homosexuellen Empfindens erblickt. Das 
ermangelt der Exaktheit, die auf diesem Gebiete zu erreichen aller- 
dings Sache sorgsamen Studiums und langer Ubung ist. Wenn jemand 
Richard Wagner fiir homosexuell erklart, weil er in seiner Ge- 
schmacksrichtung, beispielsweise in bezug auf die Kleidung, gewisse 
weibliche Ziige erkennen lafit, und die fiir sein Werk so bedeutungs- 
voUe, begeisterte Zuneigung Konig Ludwigs erwidert, indem er schreibt: 
.jTaglich schickt er ein- oder zweimal. Ich flioge dann immer wie 
z u r G e 1 i e b t e n ", so schiirft diescr Diagnostiker ebenso an der 
Oberflache, als wenn er die Mutter von Cosima Wagner, die 
Graf in Marie d*A g o u 1 1 fiir kontrarsexuell ansehen wollte, weil 
von ihr, die eine hervorragende „histoire de la revolution de" 1848" 
schrieb, ein beriihmter Kritikor, Heinrich von Breitinger, 
sagte: „Selten ist wohl von einem Parteimanne, mitten im Sturme des 
Kampfes, so viel Mannlichkeit, Ruhe und Klarheit in der Priifung der 
Tagesgeschichte bekundet wordon. Die edle Einfachheit der festen 
groBen und reinen Ziige der Form erinnern an die aristokratische 
Haltung unseres groBen Historiographen R a n k e i)." 

Es gibt eben auBer der Homosexualitat und Bisexualitat 
noch viele andere NUancen und Varianten zwischen dem voll- 
mannlichen und vollweiblichen Typus, ohne deren genaue 
Kenntnis eine gewissenhafte Diagnosenstellung auf diesem Ge- 
biete nicht moglich ist. 

Betrachten wir zunachst den Unterschied zwischen dem 
Geschlechtstrieb einerseits und ungeschlechtlicher Sympathie 
andrerseits, so ist die Abgrenzung zwischen beiden Empfindungs- 
komplexen in der Tat oft eine so schwierige, dafi manche Au- 
toren einen prinzipiellen Gegensatz zwischen Lieb»^ und Freund- 
schaf t nahezu negieren. Zu ihnen gehorte beispielsweise Bene- 
dict Friedlander, der in seiner Renaissance 2) fiir homo- 
sexuelle Geschlechtsneigung die Bezeichnung ,,physiologische 
r'reundschaft** einzuftihren sich bemlihte ; zu ihnen rechnen in 



1) Marie Grafin d'A g o u 1 1 , geb. F 1 a v i g n y. Eine Lebens- 
skizze von C. Fr. Glasenapp. Zu ,,Wegweiser fiir Besucher der 
Bayreuther Festspiele 1912". Bayreuth, pa<?. 90. 

2) Benedict Friedlander. Die Renaissance des Eros Ura- 
nios. Die physiologische Freundschaft ein normaler Grundtrieb des 
Menschen imd eine Frage der mannlichen Gesellungsfreiheit in natur- 
wissenschaftlicher, naturrechtlicher, kulturscos'^hichtlicher und sitten* 
kritischer Beleuchtung. 1904. Schmargendorf-Berlin. 



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182 

gewissem Sinne auch Freud und seine Schliler, die unter dem 
Begriff erotischer Liebe eine viel umfassendere Form der Zu- 
neigung verstehen, als wir im Interesse praziser Forschungs- 
grundlagen ftir notwendig halten^). Zu ihnen zahlt auch Ale- 
xander von Gleichen-RuBwurm, der in dem sehr 
lesenswerten Werk: „*Preundsehaft, eine psychologische For- 
eohungsreise***) seinen anfechtbaren Standpunkt in Satzen wie: 
„Freundschaft ohne Liebe ist nur Bekanntschaft*' (p. 292) verrat. 

Fiir den Homosexuellen selbst ist die Trennung zwischen Liebe 
und Freundschaft um so schwerer, je . mehr der ihn sexuell an- 
ziehendo Typua ein solcher ist, der ihm auch gesellschaftlich, beruf- 
lich und im Alter nahesteht. Ein homosexueller Universitatsprofessor, 
der fiir ArbeitsBurschen inkliniert, wird die Begriffe Freundschaft und 
Liebe leichter auseinanderhalten, als ein Offizier, der Offiziere liebt, 
selbst wenn er den militarischen Stand erwahlte, um dem ihn, wenn 
auch vielleicht nur unbewuBt, reizendsten Milieu anzugehoren. Auf 
Grund seiner subjektiven Empfindungen schreibt ein 28jahriger Theo- 
loge, der „geistig oder sozial mindestens auf gleicher Stufe stehende 
Personen, die aber einige Jahre alter sein miissen", liebt : „Freund- 
schaft und Liebe sind fiir uns Homosexuelle nicht leicht zu unter- 
scheiden." 

Als Hauptunterschied zwischen Freundschaft und Liebe 

ist das korperliche Moment anzusehen. Die k o r p e r - 

liche Erscheinung des anderen ist es, die den Liebienden 

anzieht, fesselt, korperlich erregt und schlieBlich dazu treibt, 

sich an dem andern korperlich zu entspannen. 

V\'elcher Unterschied zwischen dem kurzen fliichtigen Handedruck 
sich begrilBender Freunde und dem langen, innigen zweier Menschen, 
die sich lieben, bei welchen von der Beriihrungsstelle aus ein Strom 
wohltuender Erschiitterung durch die Reihen der Neurone zum Zentral- 
organ zieht. Wie verschieden der oberflachliche KuB zwischen Ver- 
wandten von jenem Kontakt der Lippen, bei dem die Summation der 
Nervenreize zu einer weit im Korper irradierenden Hyperamisierung 
fiilirt. Ein Urning schreibt: „Der KuB auf die Lippen eines Weibes 
war mir wie eine Suppe ohne Salz, wahrend ich den Mann in- 
briinstig kiisse und am Kiissen nicht satt werden kann." Gerade diese 
oft schwer zu definierende, stets aber doch deutlich wahrzunehmende 
Art der Empfindung wahrend der Beriihrung ist dafiir entscheidend, 
ob eine Beziehung erotischer oder unerotischer Natur ist. Ist sie 
erotiscb, so konnen schon ganz leichte Beriihrungen, etwa der FuB- 
und Fingerspitzen, der Knie oder Ellbogen, das eigenartige Lustgefiihl 
wachrufen, das bei sexuell abstoBenden Personen unangenehm, bei 
neutralen als neutral, d. h. belanglos, iiberhaupt nicht ins BewuBtsein 
dringt. Die erotische Anziehung unterscheidet sich von der Freund- 
schaft ferner durch ihr plotzliches Auftreten. Bei der Liebe ist die 
leibliche Gegenwart des Objekts das Begliickendste, die korperliche 
Trennung das Schwerste. Bei langerer Abwesenheit der geliebten 
Person fiiblt der Mensch eine Verlassenheit, eine Depression, wie sie 
die ruliigc Freundschaft nicht kennt. In ihr herrscht nicht das Ge- 
fiihl, sondern der Gedanke ; die Basis der Freundschaft ist Sympathie 
der Charaktere, gegenseitige Achtung und Ehrung, sie ruht in ahn- 

») Cf. dariiber „Naturgesetze der Liebe", pag. 21 ff. 
*) Stuttgart, 1911. 



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183 

lichen Anschaunn><en, in gleichen ideellen und praktischen Bestre- 
bungen. in gemeinsamen Interessen, im Mitteilungstrieb, in dem durch 
Furcht vor dem AUeinsein verstarkten Geselligkeitsbediirfnis. Daher 
ist die Freundschaft eine Verstarkung, die Liebe eine Erganzung der 
eigenen Personlichkeit. 

Zur Charakterisiening des Wesens beider Affekte fiige ich hier 
noch eine Gegeniiberstellung hinzu, die sich in der Zuschrift eines 
Homosexuellen befindet, welcher sowohl iiber die Freundschaft, als iiber 
die Liebe in einem reichen Leben viel Erfahrungen gesammelt hat: 
„Freundschaft", fiihrt er aus, „ist die inni^e, aber leidenschaftslose Zu- 
neigung zu einem Menschen, das Bediirfnis, iiber alles, was mich be- 
wegt, mit ihm Gedanken auszutauschen, ihm nahe zu sein in Stunden 
der Freude und Trauer, ihn zu trosten und zu starken, das Verlangen, 
mich selbst im Verzagtsein an ihm aufzurichten, mit ihm meine Freude 
zu teilen. ,Liebe*, das heiiJe Sehnen nach einem Menschen und seinora 
Wesen zu alien Stunden, alien Zeiten, das unendliche Schonheitsgefiihl, 
mit dem seine Gegenwart, mit dem das Bewufitsein allein schon, daB 
ein solcher lebt, mein Dasein erfiillt, das Aufgehen meiner Person in 
seine und die daraus sich ergebende Geburt von etwas Anderem, 
Besserem, Hoherem in mir, die Ahnung des Gottlichen im Menschen. 
Efl gibt fiir mich viele Freunde, ohne daB ich fiir sie dieses Gefiihl der 
Liebe empfande, es gibt aber keinen geliebten Menschen, der nicht 
meine innigste treue Freundschaft besaBe." Mit Recht deutet hier 
der Schreiber an, daB Liebe und Freundschaft sich in der Beziehung 
eines Menschen zu einem anderen nicht ausschlieCen, daB sie in ver- 
schiedener Intensitat nebeneinander vorkommen konnen. Wenn das 
Feuer der Liebe erloschen, glimmt oft noch die Freundschaft lango 
erwarmend waiter. So kann zu einer leichten erotischen Anziehung, 
die nicht zu sexuellen Akten fiihrt, eine sehr cntwickelte Freundschaft 
und auch zu heftiger Liebesleidenschaft kameradschaftliche Schatzung 
trcten. 

Noch einige weitere Angaben, herausgenommen aus hunderten 
ahnlicher, mogen das Gesagte belegen und erganzen. Die erste riihrt 
von einem Urning, die folgenden stammen von Urninden: „Ich habe 
mich gewohnt", schreibt ein homosexueller Philologe, „fiir das Wort 
Freundschaft der alltaglichen Sprache das Wort Kauieradschaftlichkeit 
zu setzen. Ein solches kameradschaftliches Verhaltnis, in dem auBcres 
Aussehen, sofern es nicht meinem asthetischen Gefiihl widerspricht, 
keine Rolle spielt und erotische Momente irgendwelcher Art wegfallen, 
ist moglich bei gegenseitiger personlicher Wertscliiitzung, und der Ge- 
meinschaft einzelner geistiger Interessen, wahrend bei der Liebe 
zwischen Freunden jeder Laut des Ich in dem Du wicderklingen. wird. 
Kameraden mogen sich verloben und verheiraten, beim Freunde wiiide 
mir Umgang mit dem Weibe der groBte Schmerz sein. Ich besitze 
kajneradschaftliche Verhaltnisse in der gekennzeichnctcn Art zu aus- 
gezeichneten, begabten Menschen, doch konnon sic mir niemals die 
begehrte Liebe zu dem ersehnten Freunde ersetzen. Liebe kann nur 
jener erwecken, dessen Korperformen meine Sinne aiuegen, wenn icli 
auch seinen Charakter verachten miiBte." 

Eine homosexuelle Frau schreibt: „Ich habe schon wunder])are 
Freundschaftsverhaltnisse mit Mannern gehabt, ich fande ein Fround- 
schaftsverhaltnis mit einem Menschen meiner Art auch sehr ideal, 
hauptsachlich darum, weil man dann ganz verstanden wiirde. Freund- 
schaft ist ein gutes, treues Zusammenhalten in Freud und Leid, ein 
riickhaltloser Austausch aller Erlebnisse. Man kann mit einer geliebten 
Person nicht immer iiber alles so offen sprechen wie mit einem 
Freunde, aus vielerlei Griinden. Das Hochste, Siisseste fallt aber in 
der Freundschaft fort. Ich konnte eventuell einen Freund fiir eine Ge- 
liebte opfern, niemals aber eine Geliebte fiir einen Freund." Und eine 
andere: „Freuadschaft empfinde icl^ mannlichen Pcrsonen gegeniiber. 



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184 

Sie beruht auf Sympathie und gleichen Interessen fiir Sport und 
Spiel (z. B. Rudern, Roll- und Schlittschuhlaufen, Billard- und Karten- 
spiel usw.) Ein aolches Freundschaftsverhaltnis besteht seit einem 
Jahre. Beim Schlittschuhlaufen gehe ich als Junge verkleidet und wir 
flirten gemeinsam mit Madchen. Zwischen meinem Freunde und mir 
werden n i c h t die geringsten Zartlichkeiten ausgetauscht." 

Vergleichen wir mit den Ausfiihrungen Homosexueller die von 
Heterosexuellen, iiber die ihrer Natur adaquate Liebe und Freudschaft, 
80 wird uns die Verschiedenheit beider Empfindungskomplexe vollends 
klar. Ein solcher schreibt: 

„Mich interessiert das Problem der Homosexualitat objektiv. 
Subjektiv stehe ich ihm verstandnislos gegeniiber. Ich kann mir 
herzliche Sympathie fiir einen Mann in dem Grade denken, daB ich ihn 
freundschaftlich mnarme. Fiir die Auslosung sexueller Reize, sowohl 
passiv als aktiv, mit einem Manne durch irgendwelche Manipulationen 
fehlt mir aber jeder Nerv. Mir erscheinen die sogenannten Homo- 
sexuellen wie die Bewohner eines anderen Planeten, 
die ich respektiere, aber nicht verstehe. Die Erscheinung im ganzen als 
ein Laster anzusehen, weil lasterhafte Einzelerscheinuiigen damit ver- 
bunden sind, erscheint mir angesichts der Auswiichse der erlaubten 
Liiste pharisaisch und philisterhaft. 

Icn gestehe, daO es mir iiberhaupt nicht vorstellbar ist, wie selbst 
die hochstgesteigerte herzliche Sympathie und Geistesverwandtschaft, 
auch zu einem auBerdem korperlich wohlgebauten Manne, das Bediirfnis 
nacli sexuellem Orgasmus mit ihm wachrufen konnte. Keine mora- 
lischen oder sonstigen Griinde hinderten mich, sondern allein der In- 
stinkt, daB ich fiir meine Bediirfnisse dabei nicht auf die Rechnung 
kame. Er ware mir, trotzdem ich vielleicht anerkennen miiBte, daB er 
im kiinstlerischen Sinne wohlgebauter und anziehender ist, als 
ein minder schones Weib, doch nicht „sch6n" genug. 

Auch der Umstand, daB ein Mann, dem ich sehr intensiv freund- 
schaftlich verbunden wiire und der, weil er vielleicht homosexuell 
veranlagt ist, mir eine Vertrauensfrage stellte, konnte mcin subjek- 
tives Empfinden nicht andem. Erklarte er mir, wie das bei Ver- 
liebten war, bis auf und seit den Tagen Romeos und Julias, daB nicht 
bloB sein Leben, sondern auch seine Seligkeit davon abhinge, ob ich 
und daB ich ... so fande ich das so riihrend, daB ich ihm einen 
mit Schopenhauerschen Zitaten wohlgespickten Vortrag iiber das 
Nichtige unserer Ilhisionen und speziell dieser hielt — ohne Hoff- 
nung auf Erfolg. Also: Ich kann mir denken, daB ich unter Um- 
standen fiir einen Freund mein Leben einsetze, aber nicht, daB ich 
ihm Rechte einraumen konnte, bei deren Ausiibung mir die Komik der 
Situation das einzige Vergniigen bereitete." 

Trotz allem ist sicher, dafl zwischen Liebe und Freund- 
schaft, von denen jede fiir sich so viele feine 'Niiancen und Bchat- 
tierungen aufweist, die Grenze oft schwer gezogen werden kann. 
Man denke nur an den von manchen fiir eine contradictio in 
adjecto gehaltenen Begrif f der platonischen Liebe. Wenn Car- 
penter^) einmal sagt: „Wir wissen von Freundschaften so 
romantisch und schwarmerisch, dafl sie in Liebe tiberzugehen, 
von Liebe so seelenvoU und durchgeistigt, dafl sie der Sphare der 
Leidenschaft entrllckt zu sein scheint,** so begreifen wir, wie. 
oft die Trager der Empfindungen selbst, geschweige denn Dritte 

^) Carpenter, c. J. p. 17 



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185 

nicht wissen, ob das, was sie flir jemanden ftililen, Liebe oder 
Freundschaft ist. 

Viel Wahrheit liegt in Nietzsches Ausspruch, daB eine 
IFreundschaft zwischen iMann und Weib nur dann moglich sei, 
wenn eine kleine pbysische Antipathie vorhanden sei. Ein wenig 
verdachtig in bezug auf die geschlechtliche Affinitat ist 
es, wenn jemand gar zu sehr betont, die Frau soUe ihm in orster 
Linie die gute Kameradin, die gdistige Gefahrtin sein, iimge- 
kehrt auch, wenn Leute sich gar so eifrig daflir ins Zeug legen, 
daU doch eigentlich in jeder Freundschaft Sexualitat stecke, 
dafi Liebe und Freundschaft genau genommen identisch seien. 
Ich will damit nicht etwa sagen, dalJ diejenigen, welche solches 
behaupten, bewuflt bestrebt sind, den Verdacht gleichgeschlecht- 
licher Neigungen von sich abzulenken, sondern nur, dalJ yie, wie 
es auf dem Gebiete des Geschlechtslebens tiberhaupt haufig der 
Fall ist, in ihren eigenen subjektiven, etwa bisexuellen Emp- 
findungen allgemein gtiltige Gesetze zu erblicken geneigt sind. 

Sehr richtig bemerkt Pratorius^a) einmal gegeniiber der von 
Friedlander vorgenommenen Verquickung freundschaftlicher und 
geschlechtlicher Empf indungen : 

„Nicht dadurch unterscheiden sich Freundschafts- und Liebes- 
gefiihle, daC in ersterem Falle es zu keinem, in letzterem Falle zu einem 
Geschlechtsakt kommt, sondern dadurch, daB bei dem Liebesgefiihl 
der geschlechtliche, wenn auch nur der geschlechtlich-sentimentale 
Trieb, kurz der Geschlechtstrieb durch den Freund an- 
geregt wird, wahrend bei der Freundschaft die Nahe des Freundes 
nicht das direkt psychisch und physisch begliickende, die ganze 
Personlichkeit durchstromende Lustgefiihl auslost. Ob es zu ge- 
schlechtlichen Handlungen kommt, ist gleichgiiltig, nur be- 
steht in dem einen Fall die Lust imd der — mehr oder minder heftige — 
Trieb zu solchen Handlungen, im anderen Falle dagegen nicht. „Phy- 
siologische Freundschaft" im Sinne von Friedlander, also die 
Freundschaft, welche Freundschaft und doch keine Freundschaft, die 
homosexuelles Gefiihl und doch keine rr chte Homosexualitat ist, stellt 
sich dar als ein Ding, das so recht den Namen „Zwitterding", unge- 
sundes, nebelhaftes Gefiihl verdient, oin Gefiihl weder Fisch noch 
Fleisch, das sicherlich auch mitunter vorkommen mag, aber zu den 
groUen Seltenheiten gehort." Sinnreicher, als von „physiologisclier 
Freundschaft" zu reden, ist es denn schon gewesen, in Fallen, in 
denen dor sexuelle Charakter des Empfindungskomplexes nicht ganz 
deutlich hervortrat, von „erotisch betonter" Freundschaft oder, wie 
Kupffer*) es tat, von „Liebf reundschaf t" zu reden. 

Sehr zu beachten ist bei der Differentialdiagnose zwischen 
Freundschaft und Liebe die Zeit- und Landessitte. In einem 
Lande, wo sich das Klissen zwischen Freunden, das Einhaken 
der Arme unter ihnen zu einer symbolischen Form verfltichtigt 
hat, werden diese Handlungen eine weit geringfligigere Bedeu- 

5a) Jhb. f. s. Zw. IX. p. 503. 

^) E. von Kupffer, Lieblingminne und Freundesliebe in der 
WeltUtera.tur. 



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186 

tung haben als dort, wo sie von der jeweils herrschenden Mode 
verpont sind. Man findet Gegenden, in denen das Tanzen der 
.Manner so iiblich ist, wie bei uns das Tanzen der Frauen unter- 
einander. Dort wird ohne nahere Priifung von Besonderheiten 
der Tanz von 'Mann mit Mann als erotisches Zeichen viel weniger 
in die Wagschale fallen, wie hierzulande, wo er oft direkt ver- 
ibbten ist. 

Es hat Zeiten gegeben, in denen sich ein starker Freundachafts- 
enthusiasmus in Briefen und Versen allgemein zu Zartlichkeitsaus- 
driicken und Anreden verstieg, wie sie gegenwartig fast nur noch in 
wirklichen Liebesbriefen und Gedichten iiblich sind. Schillers 
„t}ber alles Gliick geht doch ein Freund, 
Der's fiihlend erst erschafft, der*s teilend mehrt." 

sein Vers: 

„Weni der groCe Wurf gelungen, 

Fines Freundes Freund zu sein", 
Goethes 

„Selig, wer sich vor der Welt 

Ohne HaB verschliefit, 

Einen Freund am Busen halt, 

Und mit ihm genieBt, 

Was von Menschen nicht gewuBt 

Oder nicht bedacht, 

Durch das Labyrinth der Brust 

Wandelt in der Nacht." 

verlieren in einem solchen Zeitalter der Empfindsamkeit gedichtet, 
viel von der Bedeutung, die sie in einer anakreontischer Poesie ab- 
holden Epoche besitzen wiirden. Wer Gleichen-RuBwurms 
Werk ,,Dio Freundschaft" liest, das besser sein wiirde, wenn es nicht, 
selbst bei Winckelmann, Platen und der antiken Jiinglings- 
minne, urn das Problem der Homosexualitat angstlich herumginge, „wie 
die Katze um den heiBen Brei", wird vielen Freundschaftspaaren der 
Wcltgeschichte begegnen, bei denen, wie in dem Freundschaftsbiindnis 
unserer Oeistesheroen Schiller und Goethe, von gleichgeschlechtlichcr 
Liebe nicht die Rede sein kann. Das Scherzwort, das vor Jahren 
einmal in der „Jugend" unter dem Bilde ihres Weimarer Doppelmonu- 
ments stand: „ Schiller, .laB die Hand los, Dr. Magnus Hirschfeld 
kommt," hatte mehr Berechtigung, wenn ich nicht seibst die Grenzen 
zwischen Freundschaft und Liebe besonders scharf zu Ziehen be- 
miiht gewesen ware. 

Von Homosexualitat reden wir also nur dann 
— und damit kommen wir zur differentialdiagnostischen Zusam- 
menfassung dieses Abschnitts — wenn bei einem Manne 
odereiner Frau die von einer Person desselblen 
Geschlechts ausgehenden dis tan tiell en Sinnes- 
eindriicke (besonders die Gesicht und Gehor treffen) als 
Lust, die durch sie bewirkten proximalen Reize 
(der Kontakt) als hohere Lust, die von ihr ausgelosten 
genitalen als hochste Lust empfunden werden. 



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ACHTES KAPITEL. 

Differentialdiagnose zwischen Homosexualitat und Pseudo- 

homosexualit&t 

Fast ebenso schwierig, wie psychische Homosexualitat von 
der Freundschaf t, sind manchmal gleichgeschlechtlich© Akte ohne 
und mit psychischer Homosexualitat von einander zu unterschei- 
den. Nur wo das Korperliche ein Ausdruck des Seelischen ist, 
kann von echter Homosexualitat die Rede sein, wahrend fiir 
den kontraren Sexual verkehr ohne kontrare Sexual em p- 
findung der von Iwan Bloch gut gewahlte Ausdifuck 
Pseudohomosexualitat paflt, der aber nur hierftir, nicht etwa 
auch fiir Transvestiten und andere Formen der Geschlechtsliber- 
gange in Anwendung gezogen werden sollte. 

Das ganze Problem der Homosexualitat ware wesentlich 

vereinfacht, wenn der Geschlechtsakt der absolute Ausdruck des 

Geschlechtstriebes ware. Dies ist aber — fast mochte man 

hinzusetzen leider — ohne weiteres nicht der Fall; die Potenz 

fallt keineswegs immer mit der Libido zusammen. 

Fur die sich hiagebende Frau liegt dies deutlicher zutage. Man 
denke an das „Gewerbe** der Prostituierten, bei denen nicht die Liebe 
zu der Person, sondern die zu deren Gelde die treibende Kraft ist. 
Aber auch die verheiratete Frau sieht in dem Akte oft genug nichts 
weiter als eine „eheliche Pflicht", der sie sich mit Widerstreben 
unterzieht, und zwar gilt das nicht nur fur die homosexuelle Frau. 
Wenn es unter diesen nicht wenige gibt, die den Koitus mit dem 
Manne, trotzdem seine technische Ausfiihrung fiir sie ein Leichtes 
ware, unter keinen Bedingungen voUziehen, so beweist dies gerade, von 
welcher Bedeutung das Seelisch-Triebhafte in der Homosexualitat ist. 

Verfolgt man bei dem Geschlechtsakt irgendwelche bestimmte 
Absichten und Zwecke, oder ist er durch einen anderen Reiz 
hervorgerufen, als den, welcher vom Triebzentrum im Gehirn 
zu dem Reflexzentrum im Ruckenmark stromt, so konnen wir 
ihn fiir die Richtung des Geschlechtstriebes nicht mehr als 
beweisend erachten. Nun ist bei dem aktiven Manne die Mog- 
lichkeit der geschlechtlichen Vereinigung zwar noch mehr vom 



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188 

Willen unabhangig, wie bei dem empfangenden Weibe. Trotz 

aller Vorstellungen, Einbildungen und Bemtihungen ist es ihm, 

wie wir sahen, oft beim „besten Willen** nicht moglich, den Akt 

zu vollziehen. GleichWohl ist es aber auch bei ihm \iurchaus 

nicht immer der spontan vom Gehirn ausgehende Geschleehts- 

trieb, welcher zumVerkehr fiihrt, es konnen vielmehr die hierzu 

erforderlichen Vorbedingungen auch durch andere Faktoren be- 

wirkt werden, welche mit dem wirklichen Liebes- und Vereini- 

gungstrieb nichts zu schaffen haben. 

Dies beruht darauf, daB das Zentnim, welches die Erweiterung 
der mannlichen und weiblichen corpora cavernosa reguliert, ebenso wie 
das unmittelbar dariiber gelegene Zentrum der rhythmischen Muskel- 
kontraktionen, die im Orgasmus die AusstoBung des Samens beim 
Manne und des Zervikalpfropfens beim- Weibe hervorrufen, ihren Sitz 
nicht im Gehirn, sondern, wie die klinischen Erfahrungen an Riicken- 
markskranken und die Experimente von Brachet, Cayrade und 
G o 1 1 z 2) bewiesen, im Riickenmark haben, und zwar liegt das 
Erektionszentrum im Sakral-, das Ejakulationszentrum im Lumbalseg- 
ment. Dieses intermediare Zentrum, in dem die vom Geschlechts- 
trieb und den Geschlechtsteilen ausgehenden Neurone sich begegnen, 
kann sowohl vom Zentrum als von der Peripherie in Aktion gesetzt 
werden. Dabei ist es fiir unsere Frage praktisch ohne Bedeutung, 
ob die Ganglienzellen, welche diese Reflexe beherrschen, im unterstcD 
Teil des Riickenmarkes (Konus und Epikonus) selbst liegen, dessen 
Integritat fiir das Zustandekommen der Erektion und Ejakulation 
jedenfalls die conditio sine qua non ist, oder ob, wofiir L. R. M ii 1 - 
lerS) auf Grund von Tierversuchen und Beobachtungen am Menschen 
eingetreten ist, das eigentliche Reflexzentrum der Genitalorgane im 
Beckengeflecht des Sympathikus liegt, dessen Aste sich im Endstiick 
des Markes mit den Auslaufern der hoher gclegenen Partien des 
Zentralnervensystems treffen. 

Ich will eine ReUie von Beispielen anfiihren, welche uber- 

zeugend dartun, dalJ die Genitalreflexe in vielen Fallen auch 

dann funktionieren, wenn von einer Mitbeteiligung des Ge- 

schlechtstriebes gar nicht die Rede sein kann. 

Beispielsweise iibt die zwischen dem 60. und 70. Lebensjahre so 
haufig als Alterserscheinung auftretende VergroBerung der Vorsteher- 
driise (Prostatahypertrophie) einen peripheren Reiz auf die Nervi 
erigentes aus. Es stellen sich bei den alten Herren infolgedessen Erek- 
tionen ein, welche sie als ein Wiedererwachen ihres Geschlechts- 
triebes begriiBen — ein Irrtmn, der sie nicht selten veranlaBt, zum 
Erstaunen erwachsener Kinder und Enkel eine neue Ehe einzugehen, 
Ein anderes Paradigma sind die Erektionen, welche im Beginn einer 



*) J. L. Brachet, Recherches exp6riment. sur les fonctions du 
systeme nerveux gangl. Bruxelles 1834, S. 250. — J. Cayrade, 
Recherches int. et experiment, sur Ics mouvements reflexes. Paris 
1864, S. 45. — Fr. Goltz mit Ereusberg, Pfliigers Archiv 8, 
460, 1874. — Sehr eingehend ist die Innervation der Genitalorgane 
von Langley und Anderson bearbeitet worden, im Journal of 
Physiology 18, 67 (1895); 19, 71; 20, 372 (1896). 

') L. R. M ii 1 1 e r , in der Deutschen Zeitschrift fiir Xervenheil- 
kunde 21 (1902). 



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189 

gonorrhoischen Infektiou auftreten. Die sich entwickelnde Entzun- 
dung reizt reflektorisch die zum Riickemnark aufwarts ziehenden 
Nervenbahnen. In Unkenntnis des drohenden Leidena fassen die 
]ungen Leute die Tumeszenzen als geschlechtliche Erregung auf, der 
sie haufig genug michgeben, um so die Infektionskeime weiter zu 
tragen. Auch die Gliedschwellungen, mit welchen viele Manner in 
den Morgenstunden erwachen, haben nichts mit dem Geschlechts- 
t r i e b zu tun, sondern sind durch die Druckreize der gefiillten Harn- 
blase bodingt. Vor einiger Zeit suchte mich einmal ein verheirateter 
HomosexuelTer auf, der sechs Kinder hatte, das siebente stand zu 
erwarten. Ich fragte ihn, wie dies moglich gewesen ware. „Das ist 
doch so einfach," oemerkte er, nicht ohne ein gewisses SelbstbewuBt- 
sein, „ich benutze stets meine Friiherektionen." Diese Kinder ver- 
danken also nicht dem Geschlechtstriebe, sondern der gefiillten Harn- 
blase des Vaters ihr Leben. Auch die „Aphrodisiaika** sind hochst 
wahrscheinlich nur „Diuretica" ; das will sagen, daC das Renommee, 
welches einige Nahrungs- und Arzneimittel in bezug auf die Forde- 
rung der geschlechtlichen Potenz geniefien, ihrem blasenreizenden Ein- 
fluB zuzuschreiben ist, dessen indirekte Nebenwirkung der Genital- 
reflex ist. 

Ahnlich wirken auch die alkoholischen Getranke, welche in nicht 
zu groUen Mengen genossen, den Geschlechtstrieb aufstacheln. Die 
Exzesse in Baccho und Venere werden ja seit alters als zusammen- 
gehorig betrachtet. Es kommt hier allerdings hinzu, daC der Alkohol 
die Kraft der Ge^envorstellungen herabsetzt, wahrend er die Sinncs- 
scharfe zu vermindern scheint. So erklart es sich, dafl Hetero- 
sexuelle gelegentlich angeben, sie hatten unter AlkoholeinfluC mit 
dem Manne verkehrt, Homosexuelle, sie konnten angetrunken mit dem 
Weibe verkehren. 

Schrenck-Notzing machte sich diese Erfahrung zugute, 
indem er den von ihm hypnotisch behandelten Homosexuellen den 
Kat gibt, ante coitum groCere Alkoholmengen zu sich zu nehmen — 
ein meines Erachtens^ nichts weniger als einwandfreies Experiment. 

Bei Blasenleiden, wie Blasensteincn, Vesikaltumoren, auch nach 
Blasenoperationen ist ebenso wie nach operativen Eingriffen am Penis, 
z. B. nach der Phimosenoperation, ein reflektorischer, vom Geschlechts- 
t r i e b unabliangiger Priapismus eine haufige Erscheinung. Einen 
scltenen hierher gehorigen Fall hatte ich in meiner Praxis zu be- 
obachteu Gelegenheit. Ein Patient litt an einem Darmkarzinom, das 
durch die Blase perforiert war, so daU sich mit Urin vermischt Fazes 
durch die Harnrohre entleerten; in einer Nacht erwachte der Patient 
rait starker Erektion bei sehr schmerzhaftem Tnnendruck im Penis 
und voUiger Harnverhaltung. Beim Katheterisieren stieC ich auf eine 
harte Resistenz, die sich schlieBlich als ein Kirschkern erwies, welcher 
vom Darm durch die Blase in die Urethra gclangt war. Mit AusstoBung 
des Fremdkorpers verschwand sofort die Erektion. 

Wie die Schleimhaut der Harnwege, so iibt auch die dos bonach- 
barten Mastdarmes, die beide entwicklungsgeschichtlich densolben Ur- 
sprung in der embryonalen Kloake haben, einen reflektorischen Reiz 
auf die Nervi pudendi und erigentes aus. Solche zur Erektion fuhrende 
Mastdarmreizung tritt bei Kindern haufig infolge von Wurmj)arasiten 
auf, infolgedessen diese nicht selten zu Masturbationen Veranlassuiig 
geben, auch digitale Manipulationen an der Analgegend, die bei vielen 
eine stark erogene Zone ist, selbst Hamorrhoiden, sogar die Rektal- 
massage der Prostata, auch Schliige auf das GesiiB konnen reflek- 
torisch eine partielle oder totale Tumeszenz bewirken. 

Die Uberfiillung der Ductus ejaculatorii, vor allem die der Samen- 
blaschen mil Spermasekret, bewirkt einen anal^gen Reflexvorgang, der 
zu Ercktionen und AusstoBung des Ejakulats in Form von Pollutionen 
fiibrt. Die PoUutionstraume, welche fiir die innerliche Richtung des 



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190 

Gesohlechtstriebes von diagnostischer Bedeutung sind, sind s e k u n - 
dare Folge- und Begleiterscheinungen, nicht etwa der primare 
Ausgang der Pollutionen. 

Die peripherische Reizung der Nervi erigentes kann end- 

lich auch, und das ist flir die differentialdiagnostische Bewer- 

tung des Geschlechtsaktes besonders wesentlich, von der Oberhaut 

des Gliedes und ihrer Adnexe, vor allem den Pubes aus erfolgen. 

Die Papillarkorper sind in dieser Region mit so zahlreichen und 

empfindsamen Nervenkorperchen Iversehen, fwie in keinem anderen 

Hautgebiet. 

Von Onanisten wird berichtet, daB durch juckende Hautkrank- 
heit^n, durch Keiben des Gliedes beim Klettern am Tau, durch Kut- 
schen auf einem Treppengelander, durch Kitzel des sich unter dem 
Praputium ansammelnden Hauttalges die ersten Erektionen erfolgten, 
welche zui* Masturbation fiihrten. Bei dieser geht die Samenaus- 
stoflung rellektorisch durch Zusammenziehungen der Muskehi des Duc- 
tus deferens, der Samenblaschen und der Prostata, sowie der Muse, 
ischio- und bulbo-cavernosi vor sich, ohne daB der Geschlechts t r i e b 
beteiligt ist, es sei denn — was allerdings auch haufig zutrifft — 
daB der Onanist sich das Sexualobjekt und den Sexualakt in bestimm- 
ter Weise vorstellt. Auch bei den Frauen geben Juckreize, vor 
allem der pruritus vulvae und Entzundungen der Schamteile oft den 
ersten AnstoB zur Onanie. Bei vielen weiblichen Onanisten, die 
ich sah, war eine Entscheidung nicht moglich, ob der hyperamische 
Reizzustand der Genitalien eine Ursache oder Folge digitaler Mani- 
pulationen darstellte. 

Die neuroperiphere Reizung der Genitalien kann sowohl durch 
die eigene als durch fremde Hand, sowie anderweitig vorgenom- 
men werden, ohne dafi die Richtung des zentralen, 
davon g^nzlich unabhangigen Gesohlechtstrie- 
bes beeinflufit, derselbe dadurch womoglich gar „differenziert*' 
wird. So wenig jeman,d, weil die erste Erektion an cinem Tau 
erfolgte, fortan Stricke lieben wird, so wenig wird er sich sexuell 
zu Mannern, Frauen oder sich selbst hingezogen fiihlen, weU 
von einem dieser drei die erste Erregung ausging. Die Ursache 
des Gesohlechtstriebes liegt viel tiefer, konstitutioneller und 
komplizierter. Diese Feststelluni^ ist fiir die Frage der Ver- 
f ti h r u n g zur Homosexualitat, die uns spater noch beschaftigen 
wird, von groBer Wichtigkeit. 

Nun konnen zwar die Gegenvorstellungen vom Gehirn aus 
so stark sein, daJJ sie auf die rein periphere Reizungsmoglich- 
kcit einen wesentlichen EinfluB haben; so sagten mir wiederholt 
Homosexuelle^ daB sie sich nur den G^schlechtsakt mit dem 
Weibe vorzustellen brauchten, um lastige Erektionen zum Ver- 
schwinden zu bringen. Andrerseits kann aber auch der Mann, 
unabh&ngig von seiner heterosexuellen oder homosexuellen Trieb- 
richtung, in sehr vielen Fallen, namentlich im jugendlicheren 
Alter, bei einer sinnlich reizbaren Veranlagung sich passiv er- 



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191 

regen lassen, vor allem nach langer Entbehrung seiner ihm eub- 
jektiv natiirlichen Geschleehtsbefriedigung, sei es in der Absicht, 
sich jemandem gefallig zu erweisen, sich Vorteile irgendwelcher 
Art zu verschaffen, oder auch nur, um aus Leichtsinn oder 
Langeweile sich ein Gefiihl zu verschaffen, das, wenn es auch 
der Empfindung hei Stillung des eigenen Triebes nicht gleich- 
kommt, doch ein mehr oder weniger angenehmes Kitzelgef iihl isi 

Die relative Unabhangigkeit des zerebralen Geschlechtszentrunis 
vom Geschlechtsapparat ist auch daraus ersichtlich, daB der Ge- 
schlechts t r i e b vollstandig erhalten sein kann, wenn durch Funk- 
tionsunfahigkeit des Riickenmarkszentrums infolge pathologisch-ana- 
tomischer Storungen irnd Zerstorungen eine geschlecntliche Erregung 
iind Befriedigung iiberhaupt ausgescnlosseii ist. 

So finden wir bei Tabikern oder anderen Riickenmarksleidenden, 
bei denen die Reflexstelle in unreparierbarer Weise auBer Betrieb 
gesetzt ist, oft eine fast unverminderte Geschlechts lust. Dasselbe gilt 
auch in den meisten anderen Fallen von Impotenz, gleichviel, ob es 
sich um eine physische Impotentia coeundi, etwa um Penismange] 
handelt, oder ob eine Impotentia generandi, etwa Azoospermie, vor- 
liegi. In meinem Buche „Geschlecntsiibergange" habe ich sehr aus- 
fiihrlich einen Fall (S. 25 — 33) beschrieben, in welchem bei ciner als 
Mann lebenden Person ein vollkommen determinierter, auf den Mann 
gerichteter Geschlechtstrieb bei ganzlichem Mangel sowohl weiblicher 
als mannlicher Fortpflanzungszellen bestand. Auch die kiinstliche Ent- 
femung der Keimzellen hat auf die Richtung des Geschlechtstriebs 
keinen und auf die Triebstarke nur einen geringen EinfluB. Daher 
ist auch nur die von Homosexuellen wiederholt geforderte und friiher 
auch ausgefuhrte Kastration kontraindiziert. Ich sagte einmal einem 
homosexuellen Russen, der sich dariiber gar nicht bBruhigen konnte, 
daB. wenn er den Si tz seines Geschlechtstriebes durchaus los werden 
wolie, er sich nicht kastrieren, sondern enthaupten lassen miisse. 

Um das Bild von der Unabhangigkeit zwischen Ge- 
schlechtstrieb, Erektion und Ejakulation abzuschlie- 
Ben, sei noch erwahnt, daB auch durch die Reizungen der Leitungs- 
bahnen zwischen Gehirn und Riickenmarkszentrum an einem beliebigen 
Punkte ihres Verlaut'es eine Samenentleerung erfolgen kann. Diesen 
Nachweis fiii* den Menschen zu erbringen, ist schwierig, wir besitzen 
aber, von Tierexperimenten *) abgesehen, einige sichere Anhaltspunkte ; 
das sind die Beobachtungen, welche man an Erhangten und Gekopf- 
ten^) gemacht hat, in deren Bekleidungsstiicken frische Ejakulate ge- 
funden wurden. Ahnliche Wahrnehmungen wurden auch bei einigen 
Fallen von Genickbriichen und Frakturen der Wirbelsaule gemacht. Es 



*) Das alteste hier zu nennende Experiment ist das von Segala, 
welcher fand, daB Ausbohrung des Riickenmarkes beim Meerschwein- 
chen Erektion und Ejakulation bewirkt; publiziert in den Untersuchun- 
gen zur Physiol, und Pathologic von Friedrich und Nasse, Bonn 1835. 
Reizungen an den Pedunkuli, Pons usw., die Erektion bewirkten, wurden 
veroffentlicht von Eckhard, Beitrage zur Anat. und Phys., GieBen 
1863, und von Budge, Archiv f. path. Anat. 15, sowie zuletzt von Spina 
in den Wiener med. Blattern 1897 ; letzterer erzielte experimentell durch 
Quertrennung des Riickenmarkes bei Meerschweinchen um so sicherer 
Erektion, je tiefer er den Querschnitt anlegte. 

5) Vgl. die 1898 in Berlin von A. Gotz publizierte Inaug. -Disser- 
tation „Uber Erektion imd Ejakulation bei Erhangten", in welcher 
sich aacli die altere Literatur angegeben findet. 



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192 

wird wohl niemand behaupten, daB diese Samenentleerungen auch nur 
das eerinjjste rait dem Gesclilcchtstriebe zu tun haben. 

Icli glaube im Vorstehenden gezeigt zu haben, dafl im sexu- 
ellen Akte k e i n e absolute Beweiskraft fiir die Richtung des 
sexuellen Triebes liegt. Deshalb kann man aus der bloBen 
Moglichkeit, mit beiden Geschleclitern zu verkehren, nicht ohne 
weiteres, weder beim Weibe noch beim Manne, auf einen bi- 
sexuellen, auf beide Geschlechter gerichteten Trieb schlieBen. 
Um sich in konkreten Fallen ein Urteil zu bilden, wird man 
daher die frtiher eforterten Unterfragen zu beantworten haben, 
die sich auf das psychische Verhalten vor, wah'rend und 
n a c h dem Akt beziehen. Die scheinbar leichteren Liebkosungen 
fallen dabei flir die Erkenntnis der Triebrichtung oft schwerer 
ins Gewicht, als der ermoglichte Koitus. Je mehr der Ge.- 
schlechtstrieb beteiligt ist, um so mehr Wert wird von den 
Partnern auf das Vor- und Nachspiel des eigentlichen Verkehrs 
gelegt werden, das um so lastiger und unangenehmer empfunden 
wird, je weniger groB die zerebrale Neigung ist. Namentlich 
der KuB ist ein sehr feines Reagens. 

Auch bei der Frau ist flir die Bewertung des Verkehrs 
als eines ihrem Triebe entsprechenden ihr Benehmen im Vor- 
stadium und Akt selbst von Belang. Befindet sie ^ich nicht 
bereits vor demselben in einem Zustande gesteigerter Libido, 
so bleiben sehr haufig die von ihr als Orgasmus empfundenen 
Zuckungen und Schleimabsonderungen im Genitaltraktus aus. 

Wie konfuse Anschauungen auch hier noch herrschen, mag eine 
Episode zeigen, die ich einmal wahrend eines Prozesses erlebte, der 
gegen eine angesehene Personlichkeit verhandelt wurde. Der Staats- 
auwalt wollte die Homosexualitat des in anscheinend glucklicher Ehe 
lebenden Angeklagten feststellen. Zu diesem Zwecke hatte er Zeugen 
geladen, die unter Eid aussagten, mit dem Beschuldigten vor vielen 
Jahreii onaniert zu haben. Da meinte der anwesende Gerichtsarzt, 
desseu Wort in seinem Fache sehr viel gait, zu mir: „Sagen Sie, Kol- 
lege, wo steckt denn bei dem Manne eigentlich die Homosexualitat ; 
vvenn es ihm nur um die Onanie zu tun war, hatte er sich doch ebenso 
gut an seine Frau zu wenden brauchen. Die hatte ihm diese Bitte 
gewiB auch nicht abgeschlagen." Als ich ihm erwiderte, die Homo- 
sexualitat besteht ja eben darin, daO er sich nicht an seine Frau, 
sondern an die Mannsleute wandte, fuhr er fort: „Ich kann das nicht 
begreifen; ob Weiberhand oder Mannerhand die Spielerei vornimmt: 
Onanie bleibt Onanie." 

Unter den Personen, die, ohne homosexuell zu 
sein, homosexuell verkehren, haben wir drei Haupt- 
gruppen zu unterscheiden; zuniichst solche, die es ganz aus- 
schlieClich aus Eigennutz tun: mannliche Prostituierte, Halbprosti- 
tuierte, Gelegenheitsprostituierte, Chanteure, Individuen, die wir im 
II. Teii dieses Werkes naher zu betrachten haben. Hier nur so viel, 
daB sich hinsichtlich ihrer eignen Sexualempfindung unter ihnen fiinf 
Klasseii abheben : o) Vollstandig heterosexuelle mannliche Pro- 
stituierte, von denen ein groBer Teil mit weiblichen Prostituierten 



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193 

Kusammenlebt. p) Bisexuell veranlagte Prostituierte, die in alien mog- 
lichen Abstufungen, bald mehr homosexuell, bald iiberwiegend hetero- 
sexuell, vorkommen. Sie wissen vielfach selbst nicht, „waa" sie sind. 
y) Feminine homosexuelle Jiinglinge, die wie heterosexuelle weibliche 
Prostituierte gewerbsmaBig, aber ihrer eigenen Greschmacksrichtune ent- 
sprechend meist mit alteren Mannern verkehren. 6) Viril homo- 
sexuelle Prostituierte, die sich „fiir Greld" mit alteren, „aus Liebe" 
mit jUngeren oder gleichaltrigen abzugeben pflegen. «) Verhaltnis- 
mafiig haufig sind endlich unter den Prostituierten iiberwiegend mono* 
sexuelle, sie tun ziemlich indifferent gegen Entgelt, was von ihnen 
gefordert wird, bet§.tigen sich ihrerseits aber ausschlieBlich durch 
Automasturbation, der sie meist ohne Vorstellungen und ohne Beisein 
zweiter Personen exzessiv obliegen. Unter den weiblichen Prostitu- 
ierten, die gegen Entgelt mit homosexuellen Frauen verkehren, gibt es 
analoge Gruppen, doch heben sie sich weniger markant voneinander 
ab, iiberhaupt ist der Verkehr von Urninden mit weiblichen Prosti- 
tuierten bei weitem nicht so verbreitet, wie der entsprechende von 
Urningen mit mannlichen Prostituierten. Dagegen haben die berufs- 
maBig mit Mannern verkehrenden Dirnen oft untereinander lesbische 
Bezienungen, iiber deren Ursachen und Verbreitung in spateren 
Eapiteln noch einiges zu sagen sein wird. 

Eine zweite, nicht unbetrachtliche Gruppe von Normalsexuellen, 
die voriibergeheiid zu homosexueller Betatigung gelangen, sind die 
meist iugendlichen Personen, welche den Gegenstand homosexueller 
Liebe bihien. Trotzdem sie heterosexuell sind, finden sie sich oft 
aus Gutmutigkeit, Gefalligkeit, Freundsohaft, Mitleid, Dankbarkeit, An- 
hanglichkeit bereit mit dem Homosexuellen geschlechtlich zu verkehren. 
Solche Verhaltnisse sind ungemein haufig. Oft enden sie mit der Ver- 
lobung des Normalen. 

Der Urning fungiert als Trauzeuge oder Ehrengast bei der Hoch- 
zeit, bleibt Freund der Familie, wird Taufpate der Kinder, von denen 
eins oft seinen Namen erhalt, und ist in Notfallen bei der Hand. Eine 
urnische Frau liebte aufs zartlichste ein gleichaltriges normales Frau- 
lein, viele Jahre, sie war gliicklich, litt aber auch sehr viel, jetzt ist 
sie abgektihlt, aber die Freundin schreibt ihr noch taglich und kanu 
nicht „auf die ihr so wertvolle und liebe Verbindung verzichten". Ahn- 
liches kommt oft vor. 

Ein Grund, den man von heterosexuellen Leuten aus dem Volke, 
die sich in jugendlichen Jahren dem homosexuellen Verkehre ergeben, 
nicht selten als eine Art Entschuldigung angegeben findet, ist die 
Furcht vor Ansteckung. Namentlich solche, die sich mit 17 oder 18 
Jahren gonorrhoisch infiziert haben, auBern, daB sie sich dem nicht 
noch einmal „aussetzen wollten". 

Der dritte Grund homosexuellen Verkehrs ist fiir heterosexuelle 
Manner und Frauen nicht selten Mangel andersgesohlecht- 
licher Personen. Aus Internaten aller Art, Klostern, Gefang- 
nissen, Pensionaten, Kasemen, Schiffen, aus der Frcmdenlegion, Her- 
bergen und Asylen liegen Berichte iiber homosexuelle Betatigung als 
Surrogathandlung, „faute de mieux", vor. ^) Offenbar handelt es sich 

*) Beispiele finden sich: 

a) Aus Schulen cfr. p. 390 ; ferner H. v. Kahlenberg, „Nixchen** 
Wien 1904 p. 41; Forrest Reid, „The Garden God. A tale of 
two boys." liondon 1906. Octave Mirbeau, „Sebastian Roch". 
Wien und Leipzig 1902. 

b) Aus Klostern bei D op pet. Das GeiBeln und seine Einwirkung 
auf den Geschlechtstrieb. 

c) Aus Schiffen bei Ellis und Symonds, Das kontrare Ge- 
schlechtsgefuhl (1896) S. 11, Note 1. 

Hirscbfeld, Homosexualitit. \ 3 



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194 

auch hier nicht um Homosexualitat, sondern um eine Abart der Onanie, 
selbst wenD iramissio in corpus statthat. 

Wie wenig diese Personen einen solchen Xotbehelf dem natur- 
licheu Verkehrc gleichsetzen, mit welcher Naivitat sie ihn aber auch oft 
beurteilen, zeigte mir einmal eine Antwort, die mir in einer urnischen 
Soldatenkneipe, die ich mir ansah, ein reicher Bauemsohn gab, der 
bei den Dragonern diente. Auf meine Frage, warum er mit Mannern 
verkehre, erwiderte er: „Um meiner Braut treu zu bleiben." Die 
meisten Vertreter dieser Gruppe werden allerdings um sich zu ent- 
spanuen, die solitare Onanie mit Vorstellungen der mutuellen gleich- 
geschlechtlichen den Vorzug geben. Krafft-Ebing') meint, daB 
namentlicli oft Tochter hoherer Stande, die sorgsam vor Verfiihrung 
durch Manner gehiitet werden, aus Furcht vor Graviditat zu homo- 
sexuelleii Surrogatakten gelangen. 

Wenn Hammer 8) in einem Dimenkrankenhaus unter 41 von der 
Sittenpolizei zur Zwangsbehandlung eingelieferten Madchen 21 „Les- 
bierinnen** feststellte, so darf mit ziemlicher Sicherheit angenommen 
werden, daD von diesen nur ein kleiner Teil homosexuell war, wahrend 
die iibrigen .,mitmachten", also als pseudohomosexuell aufzufassen sind. 

A He die genanRten drei Gruppen homosexuell verkehren- 
der Heterosexueller haben zweierlei gemeinsam ; erstens, daB der 
homosexuelle Verkehr f lir sie nur eine vorlibergehende Episode dar- 
stellt, daU sie voUig normalempfindend bleiten und, sobaldihnen 
Gelegenheit geboten ist, ehelich oder auch auBerehelich mit dem 
anderen Geschlecht verkehren; zweitens, daB es sich in wenig- 
stens 750/0 der in Frage kommenden Personen um Jugendliche 
zwischen dem 15. und 25. Lebensjahr handelt. Ein Fremden- 
legionar sagte zu Rebierre^): „Geben Sie in das Lager 5 — 6 
Frauen und wir werden wahrscheinlich unsere jetzigen Ge- 
wohnheiten aufgeben.** In alien Fallen bleibt die Heterosexu- 
alitat der unerschtitterliche Bestand ihrer Wesenheit, genau so 
wie auch die homosexuelle Wesensart und Triebrichtung durch 
pseudoheterosexuelle Akte unbeeinfluBt bleibt. Denn alle drei 
Gruppen pseudohomosexueller Heterosexueller finden ihr Seiten- 
sttick in pseudoheterosexuellen Homosexuellen. Auch unter diesen 



d) Aus Gefangnissen bei W e v , zitiert bei Ellis und Symonds 
S. 13. 

e) Aus Kasernen. Tarnowsky, Die krankhaften Erscheinungen 
des Geschlechtssinns (1886) S. 66. E 1 1 i s u nd S y m on ds S. 10. 
Note 1. Raffalovich, Entwicklung der Homosexualitat (1895) 
S. 12. 

f) Aus der franzosischen Fremdenlegion. Cramer, Berliner klinische 

Wochenschrift Bd. 31. S. 962 (1897) und Gerichtliche Psychiatric 

S. 281 (1900). Oscar Wohrle, Der Baldamus. Cremer, 

Verlorene Sohne ; ferner Gustave Flaubert, „Salambo" VJher 

Beziehungen unter den karthagischen Soldnern. 

^) Jahrbuch f. sex. Zwischenst. Bd. III. p. 25. 

8) W. Hammer, Uber Prostitution und Homosexualitat, zugleich 

ein Beitrag zur Lehre von den Enthaltsamkeitsstorungen. Monats- 

schrift fiir Harnkrankheiten und sexuelle Hygiene, Heft 11, November 



1905 



R e b i e r r e. A. a. O. 



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195 

gibt es solche, die aus Eigennutz heterosexuell verkehren — 
man denke nur an die homosexuellen weiblichen Prostituierten 
— solche, die sich aus Mitleid oder Dankbarkeit bereit finden, 
heterosexuellen Wlinschen nachzugeben und auch solche, die sich 
mangels gleichgeschlechtlicher Personen heterosexuell betatigen, 
gewohnlich aber auch der von Phantasien begleiteten Solitar- 
onanic den Vorzug geben. Fur alle diese im Grunde homosexu- 
ellen Personen haben die heterosexuellen Erlebnisse ungefahr 
die Bedeutung onanistischer Manipulationen. Sie bilden fiir 
sie eine vortibergehende Phase und sobald sie kdnnen, stellen 
sie sich wieder auf das ihrer Sexualpersonlichkeit tentsprechende 
Sexualziel ein. Nur eine Gruppe bleibt s^hwankend, die von 
vornherein zur dauernden Bisexualitat Praf ormierten. Das Resul- 
tat der in diesem Kapitel angestellten Betrachtungen konnen wir 
aber nioht besser zusammenfassen als mit zwei Satzen Kraf f t- 
Ebings, der auch hier wieder den Kern der Sache scharf 
erfaUt hat. In dem Aufsatz liber „Weibliche Homosexualitat" 
im Jahrbuch fiir sexuelle Zwischenstufen i^) schreibt er: „Es 
kann nicht genug betont werden, daB geschlechtliche Akte an 
Personen desselben Geschlechts an und ftir sich durchaus nicht 
kontrare Sexualitat verburgen. Von dieser kann nur die Rede 
sein, wenn die physischen und psychischen sekundaren Ge- 
schlechtscharaktere einer Person des eigenen Geschlechts An- 
ziehungskraft fiir eine andere haben und bei dieser den Impuls' 
zu geschlechtlichen Akten an jener hervorrufen.** 

Was die Verwechselung homosexueller Handlangen mit solchen 
betrifft, die auf ganzlich anderm Gebiete liegen, so werden 
wir im II. Teil noch darauf zuriickkommen, wenn von der gericht- 
licheu Begutachtung dieser Handlungen die Rede ist. Es gehoren 
hierzu beispielsweise Fiille wie der, in dem auf einem Berliner Bahn- 
hof ein Bereiter wegen Leichenfledderei verhaftet und auch spater 
verurteilt wurde, der sich an den Beinkleidern eines schlafenden Ma- 
trosen zu schaffen gemacht hatte. Er gab an, er habe nur aus homo- 
sexuell-fetischistischen Motiven die ihm sympathische Hose des Ma- 
trosen gestreichelt und geliebkost. Doch schenkte ihm das Gericht 
keinen Glauben. Tatsache ist, daC recht oft schon homosexuelle An- 
naherungen fiir versuchte Taschcndiebstahle gehalten wurden. Es 
kommt aber auch vor, daB Taschendiebe speziell im Gedrange auf Ur- 
ninge fahnden, sich an deren Hosen anscheinend in sexueller Absicht 
zu schaffen machen, wahrend sie ihnen in Wirklichkeit nur das Porte- 
monnaie entwenden wollen. 

Vor einiger Zeit wurde in Worms ein homosexueller Soldat wegen 
Verdachtes der Spionage verhaftet, der sich wiederholt heimlich zu 
einem Franzosen in ein Hotel begeben hatte. Uber diesen Fall hiefl 
es in der Presse: Ein eigenartiger Spionagefall beschaftigt zur Zeit 
die Berliner Kriminalpolizei. Vor kurzem wurde in Worms, wie 
seinerzeit gemeldet, ein Soldat des 118. Infanterieregimentes namens 



10) Jahrb. f. sex. Zw., p. 23. Bd. III. 

13* 



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196 

Fritz Z. aus Berlin unter dem dringenden Verdachte des Verrates 
militarischer Geheimnisse verhaftet. Die Anzeige hatte der 23jahrige 
Hausdieuer H. erstattet, der in Mainz im Hotel „Zum Dominikaner" an- 
gestellt war. H. hatte beobachtet, wie ein in dem genannten Hotel 
wohnender Franzose an zwei aufeinander folgenden Tagen den Besuch 
eiues Soldaten empfing, mit dem er sich einschloB. Der Hausdiener 
will bemerkt haben, daC beide in ihrem Zimmer erregt aufeinander ein- 
sprachen, daC sie im Hotelzimmer photographische Aufnahmen machten 
und daB Z. dem Franzosen ein Paket iibergeben habe. Diese Beob- 
achtungeii teilte der Hausdiener, der bis vor kurzem als Freiwilliger 
bei dem Husaren-Regiment Nr. 8 in Paderborn diente, dem Komman- 
deur des 118. Infanterieregimentes mit. Daraufhin lieB der Oberst 
das ganze Regiment antreten. Nun sollte der Hausdiener den Schul- 
digeii bezeichnen. H. fand auch den Verdachtigen heraus, der zugab, 
die Besuche in dem Hotel gemacht zu haben. Es war der Soldat Z., 
der sofort in Haft genommen wurde. Z. verweigerte lange Zeit jede 
Auskunft. SchlieBlich gab er, in die Enge getrieben, an, er sei 
homosexuell veranlagt, habe den Franzosen in Berlin kennen 
gelernt und mit ihm Freundschaft geschlossen. Seinen Namen wisse 
er nicht. Z. bestreitet ganz entschieden, Spionage getrieben zu haben 
und will den Fremden nur „aus Liebe" besucht haben. Diesen An- 
gaben schenkt aber die untersuchende Behorde vorlaufig keinen 
Ulauben. Der Verhaftete hat sich nun entschlossen, die Namen einiger 
Homosexueller zu nennen, die ihn von Berlin her kennen. Diese 
Zeugen werden nun auf dem Berliner Polizeiprasidium vernommen. 
Von ihren Bekundungen wird es abhangen, ob Z., der sich bereits seit 
sechs Wochen in Untersuchungshaft befindet, von dem schweren Ver- 
dachte der Spionage sich wird mit Erfolg reinigen konnen. 

Dieser Fall steht nicht vereinzelt. Ich kenne allein aus Kiel, 
Cuxhaven und Wilhelmshaven mehr als ein halbes Dutzend Vorgange, 
in denen homosexuelle Herren besserer Stande, die sich mit Mann- 
schaften der Marine trafen und intimen Verkehr unterhielten, in Spio- 
nageverdacht gerieten. Wenn die beiden Verdachtigen zu ihrer Ent- 
lastung endlich den wahren Grund ihrer Beziehungen zugaben, kamen 
sie meist „aus dem Regen in die Traufe", indem man sie nun wegen 
homosexueller Verfehlungen verfolgte. Schon aus dem Altertum wissen 
wir von ahnlichen „Geschichten". So erzahlt Dio Cassius (67/11) 
in seinen Mitteilungen iiber Domitian, daB „ein junger Mann, 
Julius Calvaster, der, um in den Senat zu kommen, Tribunen- 
dienste tat, auf eigene Art sein Leben rettete. Er war iiberwiesen bei 
A.ntonius, dem romischen Feldherrn in Germanien, dem wegen 
einer Verschworung gegen Domitian der ProzeB gemacht wurde, 
alJein im Zelt verweilt zu haben, und konnte sich von dem Verdachte 
der Teilnahmc an der Verschworung nicht reinigen; da gab er an, sein 
Verkehr mit dem Feldherrn sei fleischlicher Natur gewesen, und wurde 
nun freigesprochen." 

Besonders haufig sind die Falle, in denen Studenten und Offi- 
ziere wegen Beleidigung zum Duell gefordert wurden, weil sie angeblich 
mit feindseligen Blicken jemanden „fixierten", wahrend sie in Wirk- 
lichkeit nur aus Verliebtheit „don Blick nicht von ihm lassen" konnten. 



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NEUNTES KAPITEL. 

Differentialdiagnose zwischen Homosexualitflt und Bisexualitflt. 

Die Homosexualitat von der Bisexualitat abzugrenzen, ver- 

ursacht gleichfalls nicht selten erheblich© Schwierigkeiten, die 

dadurch noch vergroJJert werden, dall „bisexu©ir' bisher nicht, 

wie Homosexualit&t, ein einheitlich festgelegter Begriff ist. 

Einige, vom Standpunkt der Potenz ausgehend, nennen bisexuclJ 
Personen, die f ahig sind, auBer mit dem einen audi mit dam anderen 
Geschlechte zu verkehren. Ob dieses Konnen auf einem nach Be- 
friedigiiTig drangenden Triebe beruht, oder auf eine der im vorigen 
Abschnitt beschriebenen peripheren Reizungen zuriickzufiihren ist, 
bleibt dabei unberiicksichtigt. Andere aber, und bier ist in erster 
Linie Krafft-Ebing zu nennen — der die Bisexualitat nocb 
„p8ychischc Hermaphrodisie" nannte — betonen ausschlieBlich die 
seelische Triebrichtung ; er sagt, daC „diese Stufe der kontraren 
Sexualempfindung dadurch charakterisiert ist, daU neben ausgesproche- 
ner sexueller Empfindung und Neigung zum eignen Geschlecht, solche 
zum andern vorgefunden wird." Wenn Krafft-Ebing unmittel- 
bar darauf sagt: „aber diese ist eine^ viel schwachere und nur cpisodisch 
vorhandene, wahrend die homosexuelle Empfindung als die primare 
und zeitlich wie intensiv vorwiegende in der Vita sexuaiis zutage 
tritt,*' so ist dies insofern nicht zutreffend, als es sicher auch psy- 
chisch hermaphroditische Manner und Frauen gibt, bei denen die 
heterosexuelle Komponente die homosexuelle an Starke iiberwiegt. 
Drittens wird aber der Ausdruck bisexuell auch vielfach auf die Per- 
sonlichkeit selbst bezogen, wobei teils mehr die doppelgeschlechtliche 
Anlage, teils mehr die dauernde Doppelgeschlechtigkeit dei: Men- 
schen als Folge der zweigcschlechtlichen Zeugung durch Mann und 
Weib bet on t wird. 

Je nachdem man mehr die eine oder andere Bedeutung der 
Bisexualitat im Auge hat, wird man die M e n g e der Bisexuellen 
enger oder weiter fassen. Wer jeden bisexuell nennt, der nicht 
nur mit dem einen, sondern auch, wenngleieh ohne Libido und 
Befriedigung, mit dem anderen Geschlecht gelegentlich den 
Koitus voUziehen k a n n , wird viel mehr Menschen f iir bisexuell 
halten als der, der nur den Geschlechts t r i e b flir maligebend 
erachtet, und noch viel mehr Bisexuelle wird annehmen, wer 
die zweigeschlechtliche Anlage und Beschaffenheit des Indi- 
viduums selbst im Auge hat. Einige neuere Autoren haben sogar 



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198 

in einer dauernden Bisexualitat des Geschlechtstriebes den eigent- 
lichen physiologischen Normalzustand, und in dem sich nur auf 
ein Geschlecht erstreckenden Trieb eine durch Verkiimmerung 
hervorgerufene Einseitigkeit erblicken woUen. So bezeiclinet 
Friedlander^) als jjKlilninerlinge** solche Manner, „deren 
Fahigkeit zur Lieblingminne durch den Sittendruck in ahn- 
licher Weise kllnstlich verkriippelt worden ist, wie die FilBe 
der Chinesinnen durch den mechanischen Druck der korperlichen 
Einzwangungsinstrumente". 

Aucb Wilhelm FlieB^) und Heinr ich Pudor^), der be- 
reits 1893 allerlei Tiefgriindiges iiber die „allgemeine Bi- 
sexualitat" auBerte, fassen den Begriff sehr weit. P u d o r sucht das 
„doppelgescblechtliche Fiihlen aus der Tatsache der korperlichen 
Bisexualitat** (p. 6) abzuleiten. Er meint, man miisse davon aus- 
gehen, dafi die Natur den Menschen nicht mit einem, sondern mit 
zwei polaren Geschlechtstrieben geschaffen babe, einem jiktiven (mann- 
lichen) und einem weiblicben (passiven). Diese beiden Geschlechts- 
triebe seien in unzahligen Varietaten prozentualiter vertreten. Nur 
duicli die Beobachtung, daB Manner nicht gebaren, sondern nur zeugen, 
Frauen nicht zeugen, .sondern nur gebaren, seien wir zu dem Fehl- 
schlufl gelangt, daB die „ Manner" genannten Menschen nur mann- 
lich, una die „Frauen" genannten Menschen nur weiblich empfinden 
konnten. Wir verwechselten physiologische und psychologische Ver- 
anlagung und Ausbildimg. An einer anderen Stelle sagt derselbe Autor : 
„Man darf heute wohl annehmen, dafl alle Menschen bis zu 
einem gewissen Grade bisexuell sind, dafl es sich bei 
Heterosexuellen und Homosexuellen nur um Gradunterschiede, nicht 
um absolute Unterschiede handelt, daB der Heterosexuelle nicht aus- 
schlieBlich heterosexuell, sondern auch homosexuell und der Homo- 
sexuelle nicht ausschliefllich homosexuell, sondern auch heterosexuell 
empfindet. Dies in tTbereinstimmung mit den Grundgesetzen des 
Naturlebens und des organischen Lebens, das keine Spriinge, sondern 
nur tTbergange kennt. Die Natur hat nicht zwei Klassen von Men- 
schen geschaffen, Heterosexuelle und Homosexuelle, sondern sie hat 
unendliche Spielarten von beidgeschlechtlichen Menschen geschaffen, 
in denen das heterosexuelle und homosexuelle Empfinden bisexuell 
in unzahligen, prozentual verschiedenen Mischungen vereinigt ist. In 
vielen Menschen ist das gleichgeschlechtliche Vermogen, in vielen 
Menschen ist die andersgeschlechtliche Anlage ganz schwach ausge- 
bildet; im ersteren Falle handelt es sich um die sogenannten Nor- 
malmenschen, im zweiten Falle um Anormale oder Homosexuelle. Aber 
auch im Normalmenschen ist homosexuelles Vermogen, wenn auch 
meist unbewuBt, vorhanden und im Homosexuellen heterosexuelle An- 
lage, wenn sie auch in diesem Falle selten an die Oberflache tritt." 
Entsprechend dieser Ansicht wiinscht Pudor, daB statt „Homosexuelle" 
„homosexuell differenzierte Bisexuelle", statt „ Heterosexuelle" „hetero- 
sexuell differenzierte Bisexuelle" gesagt werden soil und meint, daB 
den „sog. Homosexuellen" durchaus nicht, wie sie glauben, das 



1) B. Friedlander, 1. c. p. 86. 

-) Wilhelm FlieB und seine Nachentdecker O. W e i n i n - 
g e r und H. Swoboda von Richard Pfennig, Berlin 1906. 

') Bisexualitat. Untersuchungen iiber die allgemeine Doppel- 
geschlechtlichkeit der Menschen. Gegen Wilhelm FlieB. Von Dr. 
Heinrich Pudor. Berlin 1906. 



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199 

Familiengliick verschlossen sei, da ja das ,,AVeib ira Manne" rait dem 
„Manne im Weibe" eine Ehe eingehen konne. 

In den letzten Jahren hat namentlich die Freud srhe 
Schule das Verdienst, durch das psychoanalytische Verfahren 
gezeigt zu haben, dall bei fast alien Homosexuellen eine hetero- 
aexuelle, bei den meisten Heterosexuellen eine homosexuelle 
Komponente, wenn man in der Tiefe ihrer Empfindungen und 
ihrer Vergangenheit schtirft, als verdrangter Komplex nach- 
weisbar ist. Gleichwohl erscheint es mir nicht zutreffend, an- 
zunehmen, daB scharf Heterosexuelle und ausschlieClich Homo- 
sexuelle tiberhaupt nic^ht existieren. Das steht mit den Er- 
fahrungstatsadben im Widerspruch, welche es auBer Zweifel las- 
sen, daB in der libergroBen Mehrzahl der Falle die 
Lieb e und der Gesch lech tstr ieb absolut ziel- 
sicher und zielbewuBt auf e i n Geschlecht lossteuern. 
Auf welches, das hangt bei dem einzelnen ganz von „dem Gesetz" 
ab, nach dem er „angetreten**. DaB Friedlander, Freud, 
Pudor und andere den Begriff der Bisexualtitat so weit lassen, 
hangt offenbar damit zusammen, daB sie, wie wir oben sahen, 
in den Begriff der sexuellen Liebe Neigungen einbeziehen, die 
andere als nicht erotische erachten. Mag das nun letzten Endes 
begriindet sein oder nicht, praktisch und differentialdiagnostisch 
mijssen wir daran festhalten, daB auf der einen Seite scharf 
akzentuierte Heterosexuelle existieren, die einzig und allein 
das andere Geschlecht zu lieben imstande sind, wie auf der 
anderen Seite ebenso rein ausgesprochene Homosexuelle, denen 
diese Empfindung ganzlich verschlossen ist; auBer diesen Grup- 
pen gibt es dann allerdings auch, und zwar ebenso praformiert 
und an ihrer eigenen Personlichkeit verankert, Bisexuelle, die 
unter b e i d e n Geschlechtern sexuell anziehende Personen finden, 
Pseudohomosexuelle mogen in Wirklichkeit nicht selten Bisexu- 
elle sein, und auch das, was als periodische, tardive, vor allem 
auch als erworbene oder geztichtete Homosexualitat beschrieben 
ist, fallt zumeist in den Bereich der Bisexualitat. 

Vor allem miissen wir, um eine scharfe Differentialdiar 
gnose Ziehen zu konnen, den Begriff Sexualitat in alien :drei 
Fallen, dem der Heterosexuellen, Homosexuellen und Bisexuellen 
g 1 e i c h annehmen. Wenn wir also im Beginn dieses Buches die 
Homosexualitat als die auf das gleiche, die Heterosexualitat 
als die auf das andere Geschlecht gerichtete Sexualempfindung 
definierten, fiir beide die Triebr i ch tu ng , nicht die Moglich- 
keit des Geschlechtsaktes als ausschlaggebend ansahen, so kann 
auch konsequenterweise ftir die Bisexualitat nur eine sich auf 



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200 

b e i d e Geschlechter erstreckende Libido, nicht die blofle 
facultas coeundi maBgebend sein. 

Wir pflichten bier ganz und gar Numa Pratorius*) bei, 
der einmal in einer seiner Bucbkritiken scbreibt: 

„In V i e 1 e n Fallen sind iiberhaupt die sogen. Bisexuellen ent- 
weder Homosexuelle, die nur nacb dem Gescblecbtsverkebre mit denj 
Maune streben, aber wenn es sein muB, auch mit dem Weib ohne Ekel, 
aber ohne inneren Trieb verkehren konnen, oder Heterosexuelle, die 
iustinktiv nur das Weib zum Geschlechtsverkehr aufsuchen, die aber 
aus Gefalligkeit, Freundschaft, Eigennutz gleichgeschlechtliche Hand- 
lungen ohne Ekel, sogar mit 1 o k a 1 e m Reiz, aber ohne instinktmaBige 
Lust dulden." 

Ganz besondere Schwierigkeiten bietet diese Different ialdiagnose 
bei Jugendlichen, vom Erwachen des Geschlechtstriebes bis zum Ab- 
schluB der sekundaren Geschlechtscharaktere im Beginne der zwanziger 
Jahre. 

Schon G u t z k o w erwahnt in den „Sakularbildern" (Frankfurt, 
184G, Bd. I. S. 50) die Pubertats-Bisexualitat. Er sagt: „Gew6hnlicb 
geht der Liebe zum Manne eine oft grenzenlose Liebe zum Weibe vor- 
aus. Junge Madchen verlieben sich in altere, eine Erscheinung, die 
sich freilich auch bei den Knaben findet: wie ich mir denn bewuBt bin, 
einst als Knabe zu einem meiner Kameraden, der mir jetzt ganz fatal 
ist, die heiBeste Leidenschaft getragen zu haben." In vielen Fallen 
ist die Friihdiagnose zwar absolut sicher zu stellen. Man 
findet feminine Urninge und virile Urninden von 16 Jahre n, an deren 
homosexueller Geschlechtsnatur auch nicht der mindeste Zweifel ist, 
genau so, wie bei manchen auch die Heterosexualitat bereits in diesem 
Alter unverkennbar zutage tritt; aber oft ist es fast unmoglich, ein 
sicheres Urteil abzugeben. Erkundigt man sich bei jungen Freunden 
und Freundinnen homosexueller Manner und Frauen nach ihrer eigenen 
Triebrichtung, wie ich es in hunderten von Fallen zu tun Gelegenheit 
hatte, so erhalt man erstaunlich oft die Antwort: „Wir wissen es selbst 
noch nicht.**' Man muB dabei allerdings beriicksichtigen, daB viele 
sich fiir bisexuell oder unentschieden ausgeben, weil sie sich genieren, 
homosexuell zu verkehren, ohne es zu sein, oder auch weil sie die 
Bisexualitat fiir weniger „anriichig" halten wie die Homosexualitat. 
Aber hiervon abgesehen gibt es doch recht zahlreiche Personen, bei 
denen noch fiinf und mehr Jahre nach der Reife der Geschlechtstrieb 
in seiner Richtung nicht fest normiert erscheint. Er verhalt sich in 
dieser Hinsicht alien anderen Geschlechtsmerkmalen voUig analog. 
Sehr rich tig bemerkt Iwan Bloch^) „Der psychischen Bisexualitat 
entspricht oft genug die korperliche, eine leicht madchenhaf te Niiance 
beim Knaben, eine leicht knabenhafte beim Madchen, der Typus des 
traumerischen Jiinglings und des wilden Backfisches." 

Genau so wie die primaren Geschlechtscharaktere vor ihrer Fixie- 
ruug eine geraume Zeit in einem unterschiedslosen Zustand persistieren, 
den man als eingeschlechtlich oder ungeschlcchtlich bezeichnen konnte, 
wenn man nicht aus seiner Vorgeschichte und zukiinftigen Gestaltung 
wiiBte, daB er, in der Zusammenfassung des vom Manne und Weibe er- 
erbten, eigentlich doppelgeschlechtlich ist — genau so, wie 
von der Geburt bis zur Reife die sekundaren Geschlechtscharaktere, 
wie Kehlkopf, Milchdriise, Behaarung, undifferenziert verharren, bis sie 
sich nach der einen oder anderen Richtung entfalten — wie schlieBlich 
jedes Organ unseres Organismus durch die Doppelgeschlechtlichkeit 
hiudurch zur Geschlechtlichkeit gelangt, ebenso ist es mit denjenigen 



*) Jahrbuch f. sex. Zw. IX. Jahrg. 1908. pag. 506. 

•') Iwan B 1 o c h , Das Sexualleben unserer Zeit. p. 596. 



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201 

Teileii des Nervensystems, in denen der Geschlechtssinn und der Ge- 
schlechtstrieb ihren Sitz haben. 

Von Schilderungen bisexueller Neigung im jugendlichen • Alter, 
dereu ich eine Anzam besitze, will ich wenigstens ein Beispiel geben, 
einen Bericht, in dem ein liberwiegend heterosexneller Jiingling von 
20 Jahren, der mit einem alteren homosexuellen Mann in einem harmo- 
nischen Freundschaftsverhaltnis zusammenlebt, seine Empfindungen 
niedergelegt hat. Er schreibt: 

„Tch bin zurzeit 20 Jahre alt, mittelgroB, sehr kraftig, voll- 
kommen mannlicher Erscheinung und hochst mannlichen Charakters, 
schroff, energisch, ohne jede Spur von Weichheit oder Weiblichkeit, 
verschlossen, unzuganglich, dabei zu tollen Streichen — je mehr 
Lebensgefahr, desto besser — geneigt, fast libermaBig selbstandig, 
selbstbewufit. Was mein sexuelles Leben aniangt, so ist dasselb« 
ziemlicL fruh erwacht. Ich habe mich etwa von meinem 10. Jahre ab 
sowohl mit Madchen als auch mit Knaben sexuell vergnugt, anfangs 
ohne, seit meinem 13. Jahre mit Ejakulation onaniert. Stets fdhlte 
ich mich dabei ganz und gar als der dominierende, mannliche Teil. 
Etwa um mein 16. Jahr wurde ich durch Freunde zu offentlichen 
Dimen gefiihrt, mit denen ich den Koitus mit vollster Potenz, aber 
ohne rechten GenuB vollzog. Seitdem habe ich selten, im eanzen 
etwa lOmal, mit kauf lichen Weibern verkehrt, aber nieaus eigentlichem 
Verlangen, sondern nur aus Neugier oder . um in Gesellschaft mitzu- 
machen. Nie ging ich allein zum Weibe, sondern nur mit Freunden 
und in tknimierter Stimmung. Diese Enthaltsamkeit resultiert zum Teil 
aus einer gewissen scheuen Zuriickhaltung meines Wesens, die mir die 
Annaherung an Menschen iiberhaupt erschwert, zum Teil aus einer 
stark ausgepragten asthetischen Empfindsamkeit, die mich auch bei 
der sexuellen Auswahl stark beeinfluBt. Nur ein s c h 6 n e s Weib 
kann mich erregen. Die betreffende muB mittelgroB, schlank, kraftig, 
dunkel, lebhaften, gefalligen Wesens sein. Sie soil in jeder Beziehung 
mir unterwiirfig ersoheinen, darf also mich weder an GroBe, noch 
an Geist iibertreffen. Die Schilderung Lessings „das Madchen" paBt 
so ungefahr auf mein Ideal. In zweiter Linie zieht mich das mann- 
liche Geschlecht an. Sehr stark wirkt auf mich hohe Intelli^enz, 
ruhige Guto und Vornehmheit des Auftretens. Demgegeniiber spielen 
die asthetischen Momente nicht die Rolle wie beim Weibe, wenn ich 
allerdings auch nicht zu einem, in korperlicher Beziehung geradezu ab- 
stoBenden Manne, in nahrere Beziehungen zu treten vermochte. Liegen 
in letzterer Hinsicht keine Hemmungsgriinde vor, so bin ich fahig, 
auf Grund langerer Bekanntschaft und einer so begriindeten seelischen 
Attraktion einem Manne wirkliche erotisch-seelische Zuneigung ent- 
gegenzubringen. Freilich vermute ich, daB in rein sexueller 
Beziehung der Reiz des Weibes doch groBer sein wiirde, aJs jemals 
ein Mann, selbst der geliebteste ihn ausuben konnte. Aber ich kann 
hieruber keine bestimmten Feststellungen treffen, da ich bisher noch 
nie ein mich sexuell wirklich anziehendes Weib gefunden habe. So 
habe ich denn bisher wirklichen v o 1 1 e n GeschlechtsgenuB nur bei 
einem etwas alteren, zart und schlank gebauten jungen Manne gefuhlt, 
der im iibrigen durchaus mannlich, intelligent, aber mir gegeniiber von 
etwas weiblicher Hingebung und iiberdies in korper- 
licher Beziehung von einer fast madchenhaften Zier- 
lichkeit ist. Nicht die letztere als solche, sondern ihre Ver- 
bindung mit mannlicher Denkungsart zieht mich seelisch an. Ich 
resiimiere mich dahin, daB ich m rein sexueller Hinsicht etwa zu 
70 o/o zum Weibe, zu 30 o/o zum Manne neige. In beiden Fallen handelt 
es sich um eine wirkliche vorhandene Zuneigung seelischer und sinn- 
licher Natur. Das habe ich von jeher mit volliger Klarheit gefdhlt. 
Die Empfindungen vor dem Akte waren dem Weibe gegeniiber wesent- 
lich animalisch. Dem Manne gegeniiber, d. h. dem geliebten !Manne 



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202 

gcgenuber, waren sie mehr raenschlich, sicher aber wiirde eincm g e- 
1 i e b t e n Weibe gegeniiber das Gleiche der Fall gewesen sein. Die 
Empfiudungen bei und nach dem Akte hangen von der seelischen 
Zuneigung ab, die ich dem Betreffenden entgegenbringe. Den bisher 
vou mir gegen Geld gebrauchten Weibern gegeniiber habe ich stets 
Abscbeu empfunden. Nicht so bei einem geliebten Wesen, sei 
es Weib, sei es Mann." 

Man wird gut tun, bis zum Beginn der zwanziger Jahre 
mit der Diagnose Homosexualitat ganz besonders zuriickhaltend 
zu sein. Ahnlioh wie man in vielen Fallen von Hermaphroditis- 
mus externus mit der Entscheidung ob Mann oder Weib warten 
mu6, bis die sekundaren Geschlechtscharaktere differenziert sind, 
wird man bei vielen Jtinglingen und Jungfrauen ein sicheres 
Urteil iiber die Frage homosexuell oder heterosexuell erst ab- 
geben konnen, wenn die postpubische Bisexualitatsperiode als 
vollig abgeschlossen angesehen werden kann. Man muJJ sich 
also exspektativ verhalten, aus praktischen Grtinden vorderhand 
Heterosexualitat annehmen (und nac'h Moglichkeit fordern), 
ohne sich allerdings der Illusion hinzugeten, als ob durch irgend- 
welchen EinfluU von auBen, der Trieb nach der einen oder ande- 
ren Seito gedrangt werden konne. 

AVie lange oft die Entscheidung schwankt, moge das folgende 
Beispiel — Bekenntnis eines gebildeten homosexuellen Kaufmannes — 
zeigen : 

„Im Alter von 20 — 30 Jahren war ich nacheinander in vier bis 
fiinf M a d c h e n verliebt. Die Anregung dazu ging jedoch meist von 
ihnen aus, und weiter als bis zum Kiissen ist es nie gekommen. Es fie) 
mir dabei auf, daB sich beim Madchenkufl keine rechte sinnliche Er- 
regung einstellen wollte, was beim Kiissen von gleichaltrigen Freimden 
stets der Fall war. Vom 23. Jahre ab verkehrte ich mit langeren oder 
kiirzeren Pausen regelmafiig mit weiblichen Prostituierten und hatte 
dabei auch einen gewissen GenuB. Dabei beherrschte mich aber stets 
eine unaussprechliche Sehnsucht nach etwas Besserem, nach „dem 
groBen unbekannten Freund", der mir alles ware, fiir den ich den 
letzten Blutstropfen hinzugeben bereit ware. Die Verwirklichung dieses 
Traumes schien jedoch von Jahr zu Jahr in weitere Feme zu riicken. 
Im Alter von 27 Jahren wollte mich eine junge hiibsche Frau zu ihrem 
Hausfreund machen. Ich lieB mir die Sache anfangs gefallen, raachte 
ihr den Hof, es kam zu Mondscheinpromenaden mit Kiissen, welch* 
letztere mir aber eher unangenehm als angenehm waren, und als end- 
lich einmal die von ihr ersehnte Gelegenheit sich bot, muBte ich zu 
meiner Beschamung entdecken, daB sich bei mir keine Spur von sinn- 
lichem Verlangen zeigte. Sie nannte mich einen ,,Ritter Toggenburg" 
und suchte sich einen anderen. Mein Gemiitszustand wurde nun von 
Jahr zu Jahr trostloser. Ich begann mich mit der Frage vertraut zu 
machen, ob es nicht besser sei, einem so freudlosen, zwecklosen Da- 
sein freiwillig ein Ende zu machen, als ich einen jungen Mann kennen 
lernte, der die gliinzendste Erfiillung meiner heiBen Sehnsucht war; 
seit dieser Zeit wiirde ich es als einen Verrat an meinem Geliebten 
und mir selbst empfinden, wenn ich irgendwie mit einem Weibe in 
geschlechtliche Beriihrungen treten wiirde. Mein Verhaltnis zu den 
„anstandigon** Madchen und der jungen Frau, die mich verfiihren 
wollte, war nur Freundschaft, der Verkehr mit den Freudenmadchen 
nur ein mechanischer Reiz. Er erfiillte mich mit einem gewissen Stolz, 



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203 

griff mich aber korperlich sehr an. Der geschlechtliche Verkehr mit 
meinem Liebling endlich gewahrt mir die groBte Lust, die ich mir 
denken kann, und laBt naohtraglich weder korperlich noch seelisch 
das leiseste Unbehagen zunick. Ich fiihle mich im Gegenteil gesiinder 
und arbeitsfreudiger als zuvor, so daB es keinem Zweifel unterliegen 
kann, daU diese Art des Geschlechtsgenusses fiir meine Natur die 
einzig richtige ist." 

Ich kenne Beispiele, in denen die Selbstdiagnose j,Homo- 

sexualitat" noch viel spater erfolgte, wie in dem soeVen mit- 

geteilten; wir sehen an diesem Falle ferner — und auoh hier- 

fiir k6nnte ich manche kasuistische Unterlage beibringen — 

wie erst der Unterschied in den Empfindungen und dem 

Verhalten vor, wahrend und nach dem Verkehr die Diagnose 

vergleichsweise verstattet. Das geht so weit, daJJ Personen, 

die sich lange Zeit ftir bisexuell, ja heterosexuell iiielten, nach- 

dem sic homosexuell verkehrten, voUig ihre BisexualitUt leugnen. 

Auch hierfiir ein typisches Beispiel; ein Gewahrsmann schreibt: 
„Ich liebte Manner von 26 Jahren ab, mit Sohnurrbart, aber 
keineu VoUbart; Soldaten, am liebsten Unteroffiziere, auch Leute aus 
gewohnlichem Stande, aber keine vomehmen Herren oder Strichjungen. 
Setatigung hat mit beiden Geschlechtern stattgefunden, in den letzten 
zehn Jahren nur mit dem mannlichen. Die Empfindung nach dem Akte 
mit der Frau gewahrte keine Befriedigung, ich konnte sie nachher nicht 
langer mehr oei mir dulden, sie mufite dann sofort aus dem Bett. 
Eusse tauschte ich viel lieber und inniger mit dem Manne, der mir 
gefallt, Frauen gebe ich nur den kalten PflichtkuB. Ich bin ver- 
heiratet gewesen, da ich vorher nicht klar war iiber meine Natur, sonst 
hatte ich nie geheiratet. Hatte zwei Knaben; einer tot, einer lebt. 
Bin von der Frau eeschieden; sie weiB um meincn Zustand und ver- 
urteilt ihn jedenfauls, habe mit ihr nie dariiber geaprochen. B i- 
sexualitat halte ich fiir einen Zustand der Unwissen- 
heit und der Furcht. Wenn man sich erst iiber seine Natur 
klar geworden ist, und wenn man sich genau fragt, so gibt es nur 
das eine oder das andere. Jetzt halt einen vielfach die alte Anschau- 
ung, Gewohnheit oder auch Denkfaulheit ab, um sich uber sein Ge- 
schlechtsempfinden klare Rechenschaft zu geben. Ist man aber erst 
mit sich im reinen, dann wird man nur noch fiir das eine Geschlecht 
empfinden." 

Die Bedeutung dieser Auslassung liegt im Subjektiven. 
Wenn Schreiber indessen, wie so viele Mensohen auf sexu- 
ellem Gebiete, aus seinen Erlebnissen ein objektives Prinzip 
von allgemeiner Gliltigkeit abzuleiten bestrebt ist, so konnen 
wir ihm darin nicht folgen, denn es kann keinem Zweifel unter- 
liegen, daB die Bisexualitat durchaus* nicht immer ,,,ein Zu- 
stand der Unwissenheit und Furcht** ist, sondern daB Falle von 
dauernd doppelgeschlechtlicher Neigung existieren. 

Ulrichs erwahnt in Formatrix (1864) solche unter der Uber- 
schrift: „Uranodionaismus" § 81. Er sagt hier: „So kann ich mich 
namentlich nicht langer versperren gegen die sich mir aufdrangende 
Uberzeugung, daB es I)oppelnaturen gibt, welche fiir Manner wie fiir 
Weiber Liebe empfinden. N e r o s und Commodus* Doppelliebe 
diirfte durch die Klassiker hinlanglich beglaubigt sein. Nach seinen 



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204 

Liebesgedichten an Lydia und Ligurinus zu schlieBen, scheint auclj 
Horaz hierher zu gehoren. Auch aus der Gegenwart kenne ich Bei- 
spiele. Einer (aus dem nordlichen Kurhessen) tragt an Korper- wie 
an Gemiitsart einen ausgepragt mannlichen Geschlechtshabitus. Er 
liebt Madchen wie Burschen, weit iiberwiegend jedoch Burschen. Einee 
anderen (eines Bayern) Gemiitsart und Benehmen ist weiblich, wenn- 
gleich nicht gerade von entschiedener Auspragung. Derselbe war in 
seiner Jugend verheiratet mit einem jungen, sehr schonen Frauen- 
zimmer, welche sehr friih starb. Dieselbe will er innig geliebt haben. 
Jetzt liebt er, und zwar wie mir scheint mit wirklicher Liebe, Burschen, 
namentlich Soldaten. Ein Dritter (in Norddeutschland, in B.) mann- 
lichen Benehmens liebt beides ganzlich mischweise usw." 

Seit Ulrichs sind viele Falle bisexuellen Fiihlens bei 
Mannern und Frauen beschrieben worden, wenngleioh die uns 
iiber die Bisexualitat zur Verfligung stehende Gesamtliteratur 
nicht den Umfang hat, wie die tiber die mannliche und weib- 
liche Homosexualitat. Deutlich tritt aus ihr folgendes hervor: 
Aiif der einen Seite stehen Iiberwiegend heterosexuelle Manner 
und Frauen mit homosexuellen, auf der anderen vorwiegend 
homosexuelle mit heterosexuellen Einschlagen. Erwachsene Per- 
sonen mit volliggleicher Triebstarke naeh beiden Geschlech- 
tern dUrften selten sein. Auch das klassische Beispiel aus dem 
Altertum, Julius Casar, von dem Curio das oft genannte 
Wort aufbrachte: „er sei aller Weiber Mann und aller Manner 
Weib gewesen**, ist mehr Satire als Wirklichkeit. Am ver- 
standlichsten sind unter den Bisexuellen diejenigen, die einen 
Typus lieben, welcher sich unter beiden Gesehlechtern vorfindet; 
es sind teils mehr Heterosexuelle, die das sie am Madchen An- 
ziehendc nicht nur unter diesen, sondern auch in fjewissen 
Jlinglingstypen empfinden, teils mehr Homosexuelle, die das 
Jlinglingshafte, was sie anzieht, nicht nur im Jiingling, son- 
dern auch in manohen Madchengestalten wahrnehmen. 

Einer von letzteren sagte mir einmal: „Ich liebe Madchen, aber 
nur, wenn sie groBe Ahnlichkeit mit ihren Briidern haben** ; und ein 
anderer, der sich zu beiden Gesehlechtern nahezu gleich stark hinge- 
zogen fiihlt, schreibt: „Ich erinnere mich eines Geschwisterpaares, eines 
Jiinglings und eines Madchens, in die ich mich in einem Badeort zu- 
gleich verliebte; in den wochentlich stattfindenden Tanzunterhaltungen 
schwelgte ich in ihrem Anblick, wenn sie gelegentlich zusamraen 
tanzten, und wuBte wahrhaftig nicht, welches von beiden meine Sinne 
mehr gefangen nahm." 

Wiederholt sind Falle zu meiner Kenntnis gelangt, in denen sich 
Homosexuelle mit jungen Madchen verlobten, zu deren Briidern sie sich 
sexuell hingezogen fiihlten; einige auch, in denen homosexuelle 
Madchen den Antrag von Mannern annahmen, deren Schwestern sie 
liebten. 

Vor einigen Jahren vergiftete sich ein homosexueller Aristokrat. 
Er hatte sich in einen jungen Mann verliebt, der vollig heterosexuell 
war. Um ihn sich zu attachieren, heiratete er seine Schwester, die 
ihm ahnlich sah. Die biirgerliche Familie des Freundes hatte seine 
haufigen Besuche ohnehin auf die schone Tochter bezogen. Die Ehe 



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205 

fiel ungliicklich aus. Der Homosexuelle war ganzlich unfahig mit dem 
gesunden, leidenschaftlichen Madchen sexuell zu verkehren. Der 
Schwager, in den er verliebt war, niitzte ihn, ohne ihn zu erhoren, iD 
unglaublichster Weise aus. Er konnte ihm nichts abschlagen, trotzdem 
er sah, wie sein bis dahin sparsam verwaltetes Vermogen in leicht- 
sinnigster Weise verschwendet und verspielt wurde. Nachdem er sein 
Rittergut verkauft hatte, um schliefilich vollig ruiniert zu werden, 
machtc er, von seiner Frau als impotent, von seinem Freund als 
anormal verhohnt, seinem gescheiterten Dasein durch Gift ein Ende. 

Noch ein ahnliches Beispiel will ich anfdhren, eine Anfrage, die 
ich vor langerer Zeit erhielt: 

„Ich bin verlobt, 22 Jahre alt, habe mich in meinen jetzigen 
Schwager verliebt, und verlobte mich nur deshalb mit seiner Zwillings- 
schwester, weil diese ihm auBerordentlich ahnlich sah, und mir auBer* 
dem durch die Verlobung die Moglichkeit gegeben war, mit meinem 
Freunde zusammen zu sein, auch wufite ichim Anfang nicht, 
wen ich mehr liebte. Ich merkte dies erst daran, daB ich bei 
Abwesenheit viel groBere Sehnsucht nach meinem Schwager, als nach 
meiner Braut hatte, auBerdem daran, daB ich geschlechtliche Er- 
regungen hatte, wenn ich ihn kiifite, die ausblieben, wenn sie mich 
kiiBte. Mein Fall ist groB, schlank, dunkel, kleiner Mund, kleine 
Hande und FiiBe, elegant, aus gutem Hause. Zuerst sehe ich auf die 
Augen, dann auf die FiiBe. Trotzdem beide die gewiinschten Eigen- 
schaften haben, ist mein Gefiihl zu meinem Schwager doch ganz anders 
als zu seiner Schwester. Warum, weiB ich nicht, doch merke ich, daB, 
seitdem beide alter werden, (sie sind jetzt 19 Jahre) und die Ahnlich- 
keit abnimmt, — mein Freimd hat jetzt schon einen kleinen Schnurr- 
bart — die Liebe zu meiner Braut ab- und zu meinem Freunde zimimmt. 
Ich mochte wissen, ob ich unter diesen Umstanden die Ehe mit 
meiner Braut eingehen darf." Ich antwortete dem Frages teller, daB 
er sich noch einige Zeit abwartend verhalten soUe, doch sei er 
hochstwahrscheinlich zur Ehe nicht tauglich. 

Im allgemeinen iibertragt sich die Liebe des homosexuellen Mannes 
vom Bruder auf die Schwester, bei der homosexuellen Frau von der 
Schwester auf den Bruder. Einen Fall, in dem es sich umgekehrt ver- 
halt, schildert Adolf W i 1 b r a n d t *a) in „Fridolins heimliche Ehe". 
In dieser nach dem Leben geschilderten Geschichte springt die starke 
Liebe, welche der Professor der Kunstgeschichte Fridolin fiir Ottilie 
empfindet, bei der ersten Begegnung mit dem ihr sehr ahnlichen 
Bruder Ferdinand auf diesen iiber. Er sagt zu ihm, den er seinen 1 1 i ^ 
1 i u 8 nennt*b) : „Sie sind eine andere Ausgabe von ihr, eine Cbersetzung 
in die festere, straff ere Sprache der Mannlichkeit." Spater heiBt es 
dann weiter^c): „P16tzlich fiel ihm Ottilie ein. Es fiel ihm ein, daB 
er sie ja liebe." Aber welche Veranderung. Es tat ihm nichts dabei 
web. Er ftihlte keinen Schmerz. Da saB er wieder: der Junggesell 
Fridolin, der nicht heiraten soil und auch nicht heiraten mochte; 
nicht mehr der Graf lament, der um ein Madchen seufzt, sondern der 
Professor Sokrates, der Menschen wirbt, der sich in eine werdende 
Jun^lingsseele vertieft. Er sah gleichsam sich selber zu und muBte 
lacheln. Es war ihm, als erblickte er hinter einem Schleier das auf 
ihn geheftete stille, weise Auge der Natur, das ihm lautlos sagte: 
„Siehst du, mein Sohn, so spiele ich dir miti Vom Madchen weg 
locke ich dich zum Jiingling und von dem fiihre ich dich zu dir 
s e 1 b s t zuruck." — 



%) Wilbrandt, Adolf, Fridolins heimliche Ehe. Nach Er- 
innerungeu und Mitteilungen erzahlt. Dritte Aufla^e. Stuttgart, Verlag 
der J. G. Cottaschen Buchhandlung Nachfolger 1899. 

%) L. c. p. 186. 

fie) L. c. p. 187/8. 



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206 

Ob nicht auch die seltsame Sitte in Queensland, nach der, wie 
Walter Koth«) berichtet, a husband, during the absence of his 
wife, has bestial rights over her younger brothers in dieser bisexuel- 
len Geschwisterliebe ihre biologische Wurzel hat? 

Diesen bisexuellen Mannern, die das Virile im Madchen, 
das Feminine im Jlingling lieben, sind analog die bisexuellen 
Frauen, die weiblich „angehauchte*' Manner und mannlieh ge- 
artete Frauen lieben, don Mannern gegentiber in gewissem Sinne 
homosexuell, den Frauen teilweise heterosexuell gegentiberstehen, 
in Wirkliehkeit demnaoh. audi bisexuell sind. Hier sind auch 
die zahlreichen mehr normalsexuellen Madchen einzureihen, 
welche sich zwar wesentlich zu Mannern, aber doch auch ziem- 
lich stark zu dem Mannlichen im homosexuellen und virilen 
Weibc hingezogen ftihlen, sie entsprechen wiedorum den jungen 
Leuten, welche zwar hauptsachlich weibliebend sind, zugleich 
aber doch auch.eine Neigung zu homosexuellen Mannern haben, 
die eie zum mindesten nicht so abstoUen, wie sie der stark 
virile normalgeschlechtliche Mann abstoBen wtirde. 

Es ist vorgekommen, daB jemand sich in einen als Madchen 
verkleideten Jiingling oder ein als Mann verkleidetes Weib verliebte. 
Bei bisexuellen Naturen pflegt diese Neigung bei der Euthiillung anzu- 
halten, nicht so bei „unvermischten Uraniern", wofiir schon Ulrichs 
(IL 72) ein gutes Beispiel anfiihrt. Aus Pest wird der folgende Fall 
gemeldet : Die Frau eines 24 jahrigen Geigers verliebte sich in den 
jungen Violoncellisten seiner Kapelle. Umsonst ermahnte man die 
Frau IL, daC der Violoncellist eigentlich ein Madchen sei, die Frau 
verliebte sich mehr und mehr in Bela K. und erklarte rundweg* ihrem 
Gatten, daB sie ihn verlassen werde, um den Violoncellisten mit ihrer 
Liebe zu begliicken. Der verzweifelte Gatte wandte sich zuletzt an 
die Polizei, und es wurde offiziell konstatiert, daB der Violoncellist 
kein Mann, sondern ein Madchen ist. 

Ein ahnlicher Fall findet sich in „Burchards D i ar iu m**6a): 
Ein paar Tage zuvor (Anfang April 1498) hatte man eine Kurti- 
sane, d. h. eine ehrbare Dime, namens Cursetta, ins Gefangnis ge- 
worfen, die einen Mauren zum Freund hatte, der sich in Frauenkleidern 
bewegte, sich die spanische Barbara nannte und mit ihr verkehrte. 
Deshalb wurden beide zur Strafe des Argernisses zusammen durch 
die Stadt gefiihrt, sie in einem von oben bis unten offenen, ungegiir- 
teten schwarzen Samtkleid, der Maure in seinem Frauengewand, das 
bis zum Hemd, d. h. bis zum Nabel aufjgeschiirzt war, so daB jedermann 
seine Genitalien sah und seinen Betrug erkannte ; dabei waren ihm die 
Arme iiber den Ellenbogen fest auf dem Riicken zusammengeschniirt. 
Nach dem Umzug lieB man die Cursetta laufen; der Maure wurde ein- 
gekerkert und endlich am Samstag, 7. April 1498, aus dem Gefang- 
nis der Torre di Nona mit zwei andern Raubern herausgefiihrt, wo- 
bei ihnen ein Sbirre auf einem Esel voranritt, der auf der Spitze 
eines Stockes die beiden Hoden angebunden trug, die man einem 
Juden herausgeschnitten hatte, well er sich mit einer Christin ver- 
gangen hatte. Sie wurden auf das Flora-Feld gebracht und die beiden 

«) Walter E. Roth: Notes on Government, Morals and Crime, 
in North Queensland Ethnography, Bulletin Nr. 8, November 1905. 
Brisbane 1906. 

6a) Ci. Ludw. Geiger. Alexander VI. u. sein Hof. S. 190 f. 



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207 

Hauber hier aufgehangt. Der Maure wurde auf einen HolzstoB gestellt, 
am Stamm ^eines Gak^ens getotet, bekam einen Strick um den Hals, 
mit dem er an dem Stamm fest angeknebelt wurde. Dann wurde der 
StoB angeziindet, der aber wegen eines losbrechenden Regeus nicht 
recht brennen wolUe; nur die Schenkel verkohlten. — 

Von Grillparzer wird erzahlt, dafi er nur ein einziges Mai 
fiir ein weibliches Wesen Liebe empfand. Dieses Gefiihl weckte in ihm 
eine junge Sangerin, die er in einer Hosenrolle als Cherubim in 
M o z a r 1 8 „Figaro" gehort hatte. Das ist kein vereinzelter Fall. Ich 
habe oft wahrgenommen, einen wie starken Eindruck transvestitische 
Madehen, gleichviel, ob homosexuell oder heterosexuell geartet, auf 
manche Urninge ausuben. Ein in der Berliner Urningswelt beliebter 
Kavallerieleutnant iiberraschte eines Tages seine Bekannten mehr nocb 
wie mit der Anzeige seiner Verlobung mit der Nachricht, daU er vollig 
heterosexuell geworden sei. Die Mitteilung wurde v'ielfach bezweifelt, 
gewann allerdings dadurch an Wahrscheinlichkeit, daB schon friiher 
sein Fall in Frauenkleidern lebende Jiinglinge gewesen waren. 

Hier mochte ich auch noch eine feinsinnige Bemerkung Frank 
Wedekinds^) anfiihren : „Der Dichter, seinera Berufe ent- 
sprechend, im wesentlichen rezeptiv, verfallt leicht darauf, an einer 
Frau nicht dasjenige zu lieben, was sie Weibliches, sondern was sie 
ManDliches an sich hat." 

Es gibt aber auch Bisexuelle, die nicht nur verwandte 
Typen und unter diesen solche mit wenig stark ausgepragten 
Sexualcharakteren (manche sagen dionysische) lieben, sondern 
die sich zu Mannern und Frauen hingezogen ftihlen, die unter- 
einander ganz unahnlich erscheinen und zudem ausgesprochene 
Vertreter ihres Geschlechts sind. Geht man aber der Sache auf 
den Grund, so wird man meistens dann doch ' gewisse Eigen- 
tumlichkeiten herausfinden, die den fesselnden Einzelindividuen 
beider Geschlechter gemeinsam sind, beispielsweise eine gewisse 
Art sich zu bewegen, zu lacheln, sich zu kleiden. Es scheint, 
als ob in solchen Fallen die partielle Attraktion wesentlich 
starker ist als die totale. 

Manchmal ist es ungemein schwer, etwas Typisches bei den an- 
scheinend so verschiedenen Personen herauszufinden. So hat ein 
Professor, den ich gut kenne und dessen Geschmacksrichtung ich ziem- 
lich genau verfolgen konnte, einerseits sexuelle Vorliebe fiir jugend- 
frische Manner mit kleiijen Schnurrbarten, teil/3 mehr eleganten, teils 
mehr aus dem Volke, andrerseits Neigung zu Madehen mit drallen 
Formen, roten Backen, vulgaren Manieren, Bauernmadchen, Arbeite- 
rinnen, Dirnen. Er verkehrt sexuell mit beiden. 

Cber den Grad der Zuneigung schreibt er: „Die Zuneigung zum 
Manne ist starker als zum Weib. Durchschnittlich konnte ich sagen, 
sie ist doppelt so stark. Doch laBt sich dies kaum auf diese allge- 
meine Weise ausdriicken. Eine mich stark reizende Frau wird mich 
starker reizen, als ein Mann, der nicht „mein Fall" ist, und ich wahle 
lieber ein mir behagendes Weib, als einen Mann, der mir nicht ge- 
fallt. Aber unter den Mannern finde ich viel ofter sexuell wirkende 
Typen, als unter den Weibern, andrerseits ist die Sehnsucht nach 
dem mich reizenden Manne groBer, als nach der mich reizenden Frau. 
Den Verkehr mit dem Weibe kann ich vollig entbehren, den mit dem 

») Die Fackel, Wien, Nr. 205, VIII. Jahrgg. II. Juni 1906. 



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208 

Manne nicht, letzteres ware Unmoglichkeit I" 0ber die Art seiner 
Empfindungen auBert er sich: „Ein langeres Verweilen, ein langeres 
Anschmiegen und Sichversenken ist beim Manne viel eher moglich, 
als beim Weibe. Die Vereinigung mit dem Weibe kann nicht das 
Gefiihl der Einheit, des Zusammengehorens, des Verschmelzens in 
dem MaaBe hervorrufen, wie mit dem geliebten Manne. Insbesondere 
wirkt die Erinnerung an den Akt wonltuender, befriedigender nach 
dem Akte mit dem Manne als nach dem mit dem Weibe. Die Art der 
Befriedigung ist die gleiche. Beim Manne ist gewohnlich ein Plus 
fiir den Keiz vorhanden, das Feurig-Mannliche, das SiiB-Herbe, das 
zu entbehren mir unmoglich, wahrend das Lieblich-Anziehende des 
Weibes der nervenpackenden, bezwingenden Gewalt ermangelt." 

Eine Erklarung fiir die Fixierung an so verschiedene Typen 
unter dem mannlicnen und weiblichen Geschlecht ist in dem vor- 
liegenden Falle vielleicht darin zu finden, daB der Herr, um den es 
sich handelt, „KuBfeti8chist" ist, ferner schien es mir, als ob den 
ihm zusagenden Objekten ein schwer zu definieitender Gesichtsaus- 
druck, in dem sich eine gewisse kecke Natiirlichkeit mit naiver Be- 
sohranktheit eigenartig mischten, gemeinsam war. 

Es gibt auch bei beiden Geschlechtern eine gewisse Art 
Bisexueller, deren fomininer Komponente es wohltuend ist, sich 
von einem ^Iteren Manne oder einer ^Iteren Prau liebfen zu 
lassen, denen sie sich passiv gem hingeben; gleichzeitig drS.ngt 
sie aber eine in ihnen vorhandene virilere Komponente auch 
zu jiingeren m&nnlichen oder weiblichen Individuen, die sie 
mehr aktiv lieben; ich beobachtete folgende vier Kombina- 
tionen. Ein bisexueller Mann oder eine ebenso veranlagte Frau 
neigt passiv zu alteren Frauen, aktiv zu jungen Mannern oder 
passiv zu alteren Frauen, aktiv zu jungen Madchen, oder j)assiv 
zu filteren, aktiv zu jiingeren Mannern oder passiv zu alteren 
Mannern, aktiv zu Madchen. 

Sind beide Triebrichtun^en vorhanden, so sehen wir nicht 
selten, dafi in spateren Jahren — oft ist dies schon nach dem 
dritten Lebensjahrzehnt — die urspriinglich scliwachere zu- 
riicktritt und schwindet, wahrend die von Anfang starkere 
Libido mehr in den Vordergrund tritt. Es hangt das oft mit dem 
allgemeinen Nachlassen der Sexualitat zusammen. Nehmen wir 
einmal an, um einen zahlenmaJJigen Anhalt zu haben, jemand 
ware zu 75<yo homosexuell, zu 25o/o heterosexuell 'gewesen und 
seine beiderseitigen Libido und Potenz verringern sich um 
20 — 250/0, so kann die Folge davon sein, dafl die heterosexuelle 
Komponente nahezu erlischt, wahrend die homosexuelle in der 
absolut noch immer betrachtlichen Starke von 50<yo erhalten 
bleibt. Viele haben nun naturgemafi aus aufieren Motiven zu- 
nachst die Heterosexualitat betfitigt, sind vielleicht auch, um 
sie besser zu pflegen, eine Ehe eingegangon, bis sie dann wahr- 
nehmen, daB die homosexuelle Neigung keineswejs erloschen 
ist, vielmehr mit Gewalt unterdrtickt, ^usgue recunet". Geten 



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209 

sie dann dem lange verdr^ngten Triebe nach, so erwecken sie 
leicht den Anschein, als liege ein beabsichtigter tJbergang von 
einem zum anderen Geschlecht, „tradive" oder erworbene 
Homosexualitat vor, wahrend es sioli in Wirklichkeit nur um 
Erscheinungsfonnen der Bisexualitat handelt. In seiner letzten 
Arbeit, in der Krafft-Ebing die Resultate jahrzdintelanger 
Erfahrung zusammenfaBt^), sagt er: „Niemals habe ich bei 
sog. erworbener, richtiger tardive r. kontrarer SexuaJJ- 
empfindung Hinweise anf eine bisexuelle Veranlagung vermiBt." 
Auch ich bin mit zunehmendem Umfan^ meines Beobachtungs- 
materials immer mehr zu der tlberzeugnng gelangt, daB das, 
was wir friiher erworbene, geztichtete, tardive 
Homosexualitat nannten, aufgeteilt werden muB 
zwischen Bisexualitat und P seudohomosexuali- 
tat/* Dabei ist zu bemerken, daB auch die Bisexualitat nicht 
willktirlicli nach der einen oder anderen Seite dirigiert 
werden kann, — man horte gelegentlich den Einwand, wenn 
jemand Init beiden Geschleohtern verkehren konne, moge er 
sich auf das andere Geschlecht beschranken — sondern daB 
hier in erster Linie endogen gegebene Schwankungen ausschlag- 
gebend sind, bedingt durch das eigene Lebensalter der Personen, 
durch den Eindruck begegnender Objekte und verschiedene andere 
Umstftnde, unter denen gewisse periodische Einflilsse bteondere 
Beachtung verdienen. 

Schon Krafft-Ebing hat Falle von „erworbener kontrarer 
Sexualempfindimg" beschrieben ^), in denen „homosexuelle Entgleisun- 
gen stets mit Exazerbationen vorhandener Neurasthenie zusammen- 
gefallen waren**. Wiederholt habe ich ahnliche Angaben von periodi- 
Bchen Nenrasthenikern gehort und bestatigt gefunden, dafi sie in ge- 
druckter Stimmung mehr homosexuell, in gehobener heterosexuell fiinl- 
ten. Der Einwand liegt nahe, daB die nervose Depression vielleicht 
erst eine Folge der sexuellen Aberration sei, man kann aber mei- 
stens deutlich nachweisen, daB die Depression das zeitlich Friiherc ist 
und auBerdem findet man auch das Umgekehrte: homosexuelle Nei- 
gungen in gehobener, heterosexuelle in gegenteiliger Stimmungslage. 
J5ei vielen macht der Alkohol durch Herabsetzung der Hemmungen eine 
vielleicht nur ganz schwache homosexuelle Komponente frei. 

Es ist in solchen Fallen die Differentialdiagnose zwischen Homo- 
sexualitat und bloBem AlkoholexzeB oft recht schwer. Da letzterer 
viel milder beurteilt wird, kommt man nicht selten in die Lage, ein 
Urteil abzugeben, welcher von beiden Zustanden vorgelegen hat. Ich 
habe einmal gemeinsam mit Geh.-Rat Eulenburg einen Kegie- 
rungsassessor zu begutachten gehabt, der nach einer „schweren Sit- 
zung" an Kaisers Geburtstag, die sich bis zum anderen Morgen er- 
streckte, die Friihstuck austragenden Backerjungen einer kleinen Stadt 
attackierte, ein andermal hatte ich die Differentialdiagnose bei einem 
anscheinend vollig heterosexuellen Oberlehrer zu stellen, der sich nach 



^ Jahrbuch f. sex. Zw. Jahrg. III. p. 8. 
») Jahrb. f. sex. Zw. Bd. III. p. 10 ff. 
Hirschfeld, Homos«xualit9t. ]^4 

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210 

einer groBen Kneiperei in Breslau an einem Kellner vergriffen hatte, 
und besonders haufig hatte ich mich uber dieses Thema bei ^ Offi- 
zieren der Armee und Marine zu auBern, die sich nach Liebes- 
mahlem auf Homosexualitat verdachtige AuBerungen und Handlungen 
zuschulden kommen lieBen. Ich gebe als Beispiel im Wortlaut das 
Gutachten iiber einen jungen Offizier, wo ich zur Diagnose: „bloBe 
Alkoholintoxikation" gelangte : 

Hen- Geheimrat T. suchte uns in Begleitung seines Sohnes, ^ des 
Leutnants Herrn 0. T., vor einigen Wochen auf mit der Bitte, deny 
selben auf Grund unserer jahrelangen spezialistischen Beschaftigung 
mit sexuellen Fragen begutachten zu wollen. Wir haben Herrn T. 
daraufhin eingehend untersucht und exploriert und uns durch seinen 
Vater und einen Onkel, Herrn K., moglichst eingehend iiber sein Vor- 
leben, seiu Wesen und seine Gewohnheiten unterrichten lassen und 
geben auf Grund dessen unser Gutachten im folgenden ab. Herr T. 
ist beschuldigt, in der Nacht vom 20. zum 21. Oktober v. Js. seinen 
Burschen durch eine AuBerung, die nach dessen Auffassung einen 
homosexuellen Charakter getragen hat, beleidigt zu habeu. 

Es liegt uns nun ob, ein Gutachten dariiber abzugeben, ob unse- 
rer Cberzeugung nach Herr T. zur Zeit der Begehung der Handlung in 
Anbetracht aller in Betracht kommender Umstande sich in einem 
Zustande krankhaft veranderter Geistestatigkeit befunden hat, der 
die freic Willensbestimmung im Sinne des § 51 RStGB. aufhob. Herr 
T. stammt, soweit es sich ermitteln laBt, aus gesunder Farailie, ins- 
besondere liegt eine Belastung in nervoser Hinsicht nicht vor. Er 
hat sich normal entwickelt und das Gymnasium rechtzeitig absol- 
viert, urn sich dann *der Offizierslaufbahn zu widmen. 

Schon wahrend seiner Gymnasialzeit zeigte es sich, daB er auf 
deu GenuB alkoholischer Getranke in abnormer Weise reagierte. 

So berichtet der Vater folgenden Vorfall: 

A is Schiiler nahm er an einer Feier des Gymnasial-Turnver- 
eins teil, dessen Mitglied er war. Bei dieser Gelegenheit wurde er 
von den alteren Kameraden gezwun^en, viel zu trinken, und iiber- 
nahm sich so, daB er nach Hause gebracht werden muBte. Er muBte 
die Treppe hinauf getragen und ausgezogen werden. Be vor er ziun Ein- 
schlafen kam, gebrauchte er die verletzendsten Worte gegeniiber seiner 
Mutter, sagte zu ihr u. a.: „Du bist eine Stiefmutter, ich bin ein 
Stiefkind, ich werde schlecht behandelt und immer zuriickgesetzt." 
Am folgenden Tage wuBte er absolut nichts davon. 
In Anbetracht seiner Intoleranz nahm sich Horr T. vor dem Genusse 
alkoholischer Getranke nach Moglichkeit in acht, doch konnte er im 
gosclJigen Beisammcnsein nur schwer SchluB finden und begleitete 
oft noch don letzten Kameraden nach Hause. 

Am 13. Sei)tember v. Js. wurde or Offizier uud maclite am 17. Ok- 
tober eine Geburtstagsfeier im Kasino mit, bei der sehr viol Alkr>- 
liol, nameutlich audi Sekt, konsumiert wurdo. Er geriet dadurch in 
einen Zustaiid volliger Sinnlosigkcit, schlci)i)te gemeinsam mit einem 
Kameraden ein Madchen von der StraBe auf sein Zimmer und konnte 
sich, als er dieses beim Erwachen am nachsten ^lorgen vorfand, 
der Vorkommnisse nicht im geringsten erinnern uud die Anwesenheit 
des Miidchens absolut nicht erklaren. Wenige Tage darauf, am 20. Ok- 
tober, faiid wieder eine gmBe Festlichkeit im Kasino statt, das erste 
Liubesmahl. an dem Herr T. U^ilnahm. Er trank dabei ,mehrere Flaschen 
Tischweiu und versehiedene Glilser Bier und wurde wieder derart 
alkoholvergiftet. daB er sich seiner Angabe nach nicht mehr er- 
innern kann. wie er aus dem Kasino fortgegangen und zu Bett ge- 
komuieu ist. Er erwachte am audern Morgen in seinem Bett, ging 
ahnungslos zum Dienst uud fuhr mittags auf einige Tage zu seineu 
Eliern. 



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211 

Waluend seiner Abwesenheit ersuchte sein Bursche nach vorber- 
gegangener Riicksprache mit einem Kameraden um Ablosung und er- 
stattete im AnschluB daran durch den Feldwebel eine Anzeige gegen 
ihn. Nach Angabe des Burschen soil Herr T. in der Nacht nach 
seiner Rdckkehr aus dem Kasino zunachst Rotwein getrunken und 
auch den Burschen zum Mittrinken genotigt haben. Er habe diesem 
dann befohlen, ihm ein Klistier aus einer Spritze, die er zu desinfek- 
torischen Spulungen fur den geschlechtlichen Verkehr mit Weibern 
besaU, zu machen. Das Wasser zum Klistier wurde in einem alten 
KochgefaB erwarmt. Auf Einwendungen des Burschen soil nun Herr 
T. die Redensart gebraucht haben: „Kannst du denn nicht p . . .?" 
Oder „Kannst du mich denn nicht p . . .?", in welcher der Bursche, 
wie er spater bekundete, eine Aufforderung zu homosexuellem Ver- 
kehr erblickt haben will und die er demgemaB als Beleidigung auf- 
fafite. Wie bereits erwahnt, will Herr T. nicht die geringste Er- 
innerung an diese Vorkommnisse haben. 

B e f u n d. Die korperliche I'ntersuchung des Herrn T. ergibt 
eineu vollig normalen Befund der inneren Organe. Abgesehen von 
einer leichten Asymmetrie des Schadels und der Gesichtsbildung be- 
stehen keine nennenswerten Degenerationsmerkmale. Storungen der 
nervoseu Funktionen, insbesondere der Reflextatigkeit, liegen nicht 
vor. Die Geschlechtsorgane sind normal entwickelt. An der Riick- 
seite des Gliedes befindet sich unterhalb des Sulcus coronarius am 
Frenulimi eine Fisteloffnung, die sich seiner Angabe nach im An- 
schluB an eine Gonorrhoe gebildet hat. Die Vorhaut ist aus demselben 
Grande seinerzeit gespalten worden und bildet gegenwartig zwei nach 
beiden Seiten abstehende Hautlappen. Der Schlieflmuskel des Afters 
ist fest, die Analoffnung fiir einen Finger nur mit Miihe passierbar. 
Es bestehen nicht die geringsten Anzeichen dafiir, daB jemals ein 
passiv paderastischer Verkehr bei Herrn T. stattgefunden hat. 

Irgendwelche femininen Anklange treten im Kornerbau ebenso- 
wenig zutage wie im Benehmen, Wesen und in den Neigungen des 
Herrn T. Dev psychische Befund ist, abgesehen davon, daB Herr T. 
ctwas gedriickt erscheint, ein absolut normaler und zeigt insbeson- 
dere weder Schwacheerscheinungen auf intellektuellem Gebiet noch 
Storungen hinsichtlich der Wahrnehmungs- und Urteilsfahigkeit, 

Gutachten. Irgendwelche Anhaltspunkte fiir das Vorliegen 
homosexueller Neigungen bestehen bei Herrn T. nicht. In den Fallen, 
in denen solche vorliegen, sind unserer Erfahrung nach meistens irgend- 
welche Ei^enarten auf somatischem oder psychischem Gebiete nach- 
weisbar, die Abweichungen von dem vollmannlichen Typus darstellen. 
Solche Ziige laBt T. sowohl in seiner korperlichen Beschaffenheit 
wie in seinem Wesen, seinen Gewohnheitcn und Neigungen vollig ver- 
missen. Auch die Vorgeschichte gibt nicht die geringsten Anhalts- 
punkte fiir das Bestehen homosexueller Neigungen, walirend es er- 
wiesen ist, daB Herr T. regelmaBigen normalen Geschlechtsverkehr 
unterhalten hat. 

Dagegen unterliegt es keinem Zweifel, daB bei Herrn T. eine er- 
hebliche fntoleranz gegen Alkohol vorliegt, und daB durch den Go- 
nuB desselben bei ihm Zustande hervorgerufen werden, in denen sein 
klares BewuBtsein imd die Kritik iiber sein Handeln und Sprechon 
vollig ausgeschaltet ist. Es sei hier nur an die kriinkoudon Worte 
erinnert, die er in solchem Zustande seiner Mutter gegenuber ge- 
braucht hat. Charakteristisch fiir das Pathologiscbe dieser Rausch- 
zustande ist auch die vollige Amnesie fiir das Vorgefallene. Eine 
solche Intoleranz gegen Alkohol kann sehr wohl bestehen, ohne daB 
sonst erhebliche Degenerationssymptome oder nervose Storungen vor- 
liegen. 

14* 



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212 

Am 20. Oktober bestanden fiir die Entwicklung eines krank- 
haften Rauschzustandes bei Herrn T. noch deshalb besonders giinstige 
Bedingungen, well drei Tage vorher, am 17. Oktober, bereits eiD 
schwerer AlkoholexzeB stattgefunden hatte, der gleichfalls eine vol- 
lige BewuBtseinstriibimg bewirkt hatte. 

1st somit in der Redensart, die er seinem Burschen gegeniiber 
gebraucht hat, wirklich ein homosexuelles Moment zu erblicken und 
nicht nur eine lediglich unter dem EinfluB des Alkohols hervorgebrachte 
sinn- und zusammenhanglose obszone Phrase, so ist diese in offen- 
barstem Widerspruch zu der gesamten Personlichkeit des Herrn T. 
stehendo AuBerung zweifellos in einem durch den Rausch krankhaft 
verauderten Zustand seiner Geistestatigkeit bedingt gewesen. In glei- 
cher Weise erklaren sich auoh die iibrigen auffallenden Handlungen, 
das Animieren des Burschen zum Weintrinken, sowie die Aufforderung, 
ihm ein Klistier zn machen, lediglich aus dieser akuten Storung seines 
Geisteszustandes, ohne daB man homosexuelle Motive vermuten miiBte. 

Im besonderen bietet auch die Aufforderung, ihm ein Klistier 
zu machen, absolut nichts Charakteristisches fiir etwa bestehende 
homosexuelle Neigungen. Bei unserer sich auf mehrere tausend Falle 
stiitzenden Erfahrung sind wir einem derartigen Zusammenhange kaum 
jemals begegnet. 

Unser Gutachten geht demnach dahin; 

Falls Herr T. in der Nacht vom 20. zum 21. Oktober v. Js. 
seinen Burschen durch eine anstoBige Redensart, bezw. ein unge- 
horiges Ansinnen beleidigt hat, so befand er sich zur Zeit der Be- 
gehung dieser Handlung in einem Zustande von BewuBtlosigkeit oder 
ki'ankhafter Veranderung der Geistestatigkeit, der seine freie Willens- 
bestimmung im Sinne des § 51 RStGB. ausschloB. 

Einen merkwtirdigen Fall periodischer Bisexualitat sah 

ich vor einiger Zeit bei einem Narkotiker. Er betrifft einen 

an manisch - depressiven Stimmungsschwankungen leidendea 

Gymnasialprofessor, der in einer Heilanstalt Morphinist ge- 

worden ist. Er fiihlt im Depressionszustand iiomosexuellj im 

Exaltationsstadium und im Morphiumraaiscli heterosexuell. Das 

Merkwiirdige aber ist, daB in homosexuellen Zeiten seine 

Stimme sehr hoch ist, oft umschlagt, auch seine Bewegungsart 

recht weibisch ist, wahrend er in heterosexuellen Zeiten viel 

tiefer spricht und auch in Gang und Gesten viel viriler wirkt. 

In dieses Kapitel periodischer Bisexualitat in Verbindung mit zir- 
kularen Stoiningen des Zentrainervensystems gehort auch der folgende 
beach tenswerte Fall weiblicher Bisexualitat, den Krafft-Ebing 
im Jahrbuch fiir sex. Zw. ^^) veroffentlicht hat. Wir geben seinen 
wesentlicheu Inhalt wieder: Frl. X., 36 Jahre, hat in ihrer Bluts- 
verwandtschaft mehrere neuro- und psychopathische Verwandte. Durch- 
aus weiblicher Typus, keine anatomischen De^enerationszeichen. Mit 
16 Jahren erwachte eine dezidierte ausschlieBliche Neigung zum eige- 
nen Geschlecht. Sie verliebte sich in Freundinnen, spater in die 
eigene einige Jahre altere Sch wester. Erotische Traume, gelegent- 
lich von I'ollutionen begleitet, hatten nur Amplexus feminarum zum 
Inhalt. Es* geniigten ihr Kiisse, Umarmungen von Geschlechtsgenos- 
sinnen. Es geschah zuweilen, daB sie durch briinstige, stiirmische 
Liebkosungen solcher imliebsames Aufsehen erregte. Mit 22 Jahren 
erster Anfall einer schweren Hysterie mit mehrmonatlichem Aufent- 

10) Jahrb. f. sex. Zw. Band III. p. 27 ff. 

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213 

halt in einer Heilanstalt. Von dieser genesen und von nenrasfcheni- 
schen Beschwerden ziemlich befreit, hatte sie zum ersten Male in 
ihrem Leben Inklination zu Mannern. Sie war schon halb nnd halb 
entsclilossen, eine von ihrer Mutter dringend gewiinschte Ehe ein- 
zugehen. Da sie aber fiiblte, daO sie doch nicht solche Neigung znm 
Manne empfand, wie sie das Weib empfinden miisse, Angst vor dem 
ehelichen Verkehr mit einem Manne hatte, und einen solchen nicht 
ungldcklich machen wollte, lehnte sie eine Heirat ab. Sie geriet bald 
wieder aut kontrarsexuelle Bahnen unter dem Einflufi von Onanie 
und Neurasthenie, entwickelte sogar mit 26 Jahren Transformations- 
gefuhle, indem es ihr vorkam, ihre Genitalien bildeten sich zu mann- 
lichen um, sie harne wie ein Mann, wandle sich geistiff und leiblich 
in einen solchen um. Auch empfand sie gar keine Scnam mehr, in 
Gegenwart eines Mannes Toilette zu machen, wahrend sie sich vor 
einem Weibe genierte. Diese Transformation schritt aber nicht weiter 
vor, im Gegenteil kamen wieder Episoden, in welchen sie mit Besse- 
rung ihrer Hysteroneurasthenie in Kuranstalten wieder heterosexueil 
empfand, das ganze Gebiet homosexueller Empfindungsweise zuriick- 
trat, Patientin sich in Arzte verliebte und emstlich ans Heiraten 
dachte. Diese Eoinzidenz von gebesserter Neurose mit 
Wiederkehr von He t eros exuali ta t wiederholte sich 
noch mehrmals, so daO an zufalliges Zusammen- 
treffen nicht gedacht werden konnte. Ein schwerer 
neuerlicher Anfall von hjrsterischer Psychose, der viele Monate dauerte, 
brachte Patientin in meine standige Behandlung. Bemerkenswert war, 
daB wahrend dieser Psychose homo- und heterosexuale Gefiihlskreise 
formlich um die Herrschaft kampften, daB eine nymphomanische Pe- 
riode ausschliefilich in heterosexualem Gebiete sich abspielte. Genesen, 
wurde Patientin einer dauemden antineurasthenischen und suggestiven 
Kur unterworfen. Der Erfolg war ein sehr befriedigender, msofern 
ea gelang, Masturbation und kontrare Sexualitat „dauemd" zu 
bannen. Nur menstrual und im Traumleben erscheinen gelegentlich 
noch Andeutungen der friiheren kontraren Sexualempfindung. 

In dieser tiberaus interessanten Beobachtung K r a f f t - 
E b i n g s , moclite ich nur bei der Hervorhebung des Heil- 
erfolges das Wort „dauernd" beanstanden, da durch den in- 
zwischen erfolgten Tod des Meisters die fttr die Feststellung 
notwendige Katamnese der Patientin nach langerer Zeit un- 
mdglich geworden ist. 

In seltenjeren Fallen hat es auch bei schwereren Psychosen 

den Anschein, als ob eine unter normalen Verhaltnissen aus 

den Vorstellungskomplexen vollig ausgeschaltete Bisexualitat bei 

krankhafter Veranderung des Gehirns zutage tritt. Beispiels- 

weise tragen bei sonst vollig heterosexueil f uhlenden und leben- 

den Personen gelegentliche nervose Zwangsideen einen ihomo- 

sexuellen Charakter: 

So suchte mich wiederholt ein SOjahriger Beamter auf; er hatte 
sich nie seelisch zu mannlichen Personen hingezogen gefiihlt, war seit 
26 Jahren verheiratet, und seine Ehe ware voUkommen gliicklich ge- 
wesen, wenn er sich nicht dann und wann mit anderen Frauen abge- 
geben hatte; er bot weder geistig noch korperlich feminine Zeichen. 
Der Zwangsgedanke, der sich ihm immer wieder mit groBer Tntensitat 
aufdrangte, war der, es mochte ihn doch ein Mann per anum ge- 
brauchen. Er litt sehr unter dieser unwillkiirlichen Idee, die seinem 



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214 

treieii J^enken fremd und ungeheuerlich erschien. Moglich, daC auch 
in ihr eine versteckte homosexuelle Komponente zutage trat, doch 
sprach alles dafiir, daB es lediglich die krasse Obszonitat war, die den 
sittenstrengen Mann wie ein Fremdkorper befiel, ganz ahnlich wie in 
deni analogen Falle eines katholischen Geistlichen, der sich mir an- 
vertraute. Dieser ungliickliche Mann wurde in der Kirclie und jm 
Leben unausgesetzt von dem Gedanken beherrscht: die Jungfrau Maria 
solle ihm anum lambere. Auch in den schwachsinnigen Ideen der 
Hebephreniker und in den Wahnsystemen der Paranoiker werden ge- 
legentlicL Vorstellungen produziert, die einen homosexuellen Charakter 
zu tragen scheinen, ohne daB sonstige Anhaltspunkte fiir Homo- 
sexualitat vorliegen. An sich kann natiirlich ein Homosexueller eben- 
sogut an einer schweren Psychose erkranken, wie ein Heterosexueller, 
doch pflegt dann meist die eigentliche Geisteskrankheit in Form 
hochgradiger Verblodung oder Verwirrtheit die Situation so zu be- 
herrschen, daB ihr gegeniiber die sexuelle Sonderart sehr zuriicktritt. 

Auch bei den an Beziehungsvorstellungen leidenden Geisteskranken 
kommt es nicht selten vor, daB sie die Idee haben, man bezichtige 
sie der Homosexualitat, man rufe ihnen homosexuelle Schimpfworte, 
wie „warmer Bruder", „schwule Sau" und dergleichen nach. Wahrend 
die an homosexuellen Zwangsvorstellungen laborierenden 
Heterosexuellen Krankheitseinsicht haben und sich ihres im Grunde 
genommen heterosexuellen Empfindens vollig bewuBt sind, ist der 
paran oische oder paranoide Heterosexuelle meist tatsachlich 
davon iiberzeugt, er sei in einen Homosexuellen verwandelt worden, wo- 
mit sich dann oft die Wahnidee verbindet, es vollziehe sich bei ihm 
ein UmwandlungsprozeB zum anderen Geschlecht. Es sind Falle von 
Krafft-Ebing beschrieben, in denen die Kranken vollig von der 
Idee beherrscht wurden, sie seien aus einem Mann in ein Weib ver- 
wandelt worden oder umgekehrt. Es wird weiteren Beobachtungen 
und Untersuchungen, namentlich auch unter Anwendung psychoanaly- 
tischer Methoden, vorbehalten sein. festzustellen, ob in solchen Fallen 
von vornherein eine homosexuelle Komponente vorliegt. 

Namentlich wenn bei Manncrn und Frauen im klimakterischen 
Ah:er depressive Zustiinde sowohl hypochondrischer als melancholischer 
Farbung mit Wahn- und Beziehungsvorstellungen eintreten, — ich 
sah solchc Falle wiederholt — ist es oft ungemein schwer zu ent- 
scheiden, ob eine tatsachlich bei dem Patienten vorhandene homo- 
sexuelle Veranlagung bestand, die zum Ausgangspunkt und Inhalt 
einer geistigen Storung wurde, oder ob die Homosexualitatsvorstellung 
nur einen Teil seines Wahnes ausmacht. 

Tarnowsky spricht auch von „epileptischer Pad- 
eras tie ^'). Meistens seien „die epileptischen Paderasten" aktiv, 
Er fiihrt als Beispiel einen kriminellen Fall seiner Beobachtung an. 
Ein junger, reicher, anscheinend vollig heterosexueller Mann ging nach 
einer iippigon Mahlzeit, bei der er viel Wein getrunken hatte, in die 
Wohnung seiner Geliebten. Als er die Herrin nicht zu Hause traf, 
ging er iu ein Ziramer, in dem ein Hjahriger Bursche schlief, not- 
ziichtigte diesen und, ais auf sein Geschrei die Zofe herboieilte, diese. 
Daraui schlief er 12 Stunden. Nach dem Erwachen war die Episode 
mit dem Jungen seinem Gedachtnis vollig entschwunden. Es wurde 
festgestellt, daB er besonders nach AlkoholgenuB epileptische Anfalle 
hatte. Nachdem auch Tarnowsky solche wiederholt an ihm beob- 
achtet hatte, wurde das Verfahren eingestellt. Im allgemeinen beein- 
fluBt die epileptische Neurose — die ich im iibrigen bei Homosexuellen 

11) B. T a r n o w s k y, Die krankhaften Erscheinungen des Ge- 
schlechtssinnes. Eine forensisch-psychiatrische Studie. Berlin, 1886, 
p. 51 ff. 



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215 

Qur sehr selten beobachtct habe — die Homosexualitat nur in der 
Weise, daC sie die Hemmungon in Fortfall bringt iind die Impulsivitiit des 
Trieblebens steigert. Einen besonders schweren, hierhergehorigen Fall 
habe ich zurzeit in Begutachtung, einen an Epilepsie leidenden Diener, 
der in einem Zorn- iind Wutanfall einen Jungen zu Tode wiirgte und 
dann zerstiickelte. Hier wie in anderon Fallen handelt es sich aber 
von vornherein um eine Vergesellschaftung von Homosexualitat und 
Epilepsie. Zuzugeben ist allerdings, dai3 sich in den epileptischen 
Verwirrtheitszustiinden ein so volliger Umschwung aller psychisehon 
Faktoren vollzieht, daB auch AuBerungen, die dem BewuBtsein jedenfalls 
vollig fremd sind und auch dem UnterbewuBtsein, soweit sich dieses 
ermitteln laBt, fernliegen, vorkommen konuen. So beobachtete auch 
Burchard bei einem vollig nnrinalsexuellon Epileptiker in Verwirrt- 
heitszustiindcn homosexuelle Attacken auf Mitpaticnten. 



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ZEHNTES KAPITEL. 

Differentiaidiagnose zwisohen Homosexualitftt und betero- 
sexuellem Horror. 

Wir sahen, da6 die Impotenz des Mannes beim Weibe, 
seine sexuelle Appetitlosigkeit, wie Eulenburg sich ein- 
mal treffend ausdrtickt, und daB ebenso auch die Frigiditat und 
Anaphrodisie des Weibes im Verkehr mit dem Manne sch'wer 
in die Wagschale fallende Anzeichen der Homosexualitat sind. 
Damit ist aber niclit gesagt, daB sie nur bei der Homosexualitat 
vorkommen oder auf kontrarer Sexualempfindung beruhen 
m ii s s e n. Seit in den letzten Jahrzehnten die wissensdiaftr 
lichen Forschungen liber Wesen und Verbreitung des Uranismus 
in die Offentlichkeit drangen und namentlich gewisse Prozesse 
Kenntnis tiber diese Erseheinung in weite Kreise brachten, 
haben viele Frauen, von denen ihre Gatten nichts wissen 
woUten, den Verdacht geschopft, ihre Manner seien homosexuell, 
und auch viele Manner, deren Frauen sich als „femmes de 
marbre** erwiesen, wurden miBtrauisch. Namentlich Frauen 
habe ich in sehr vielen Fallen erklaren mlissen, da6» ihre dahin 
gehenden SchluBfolgerungen nicht stichhaltig seien. 

Erst vor kurzeni habe ich in einer Ehescheidungssache gegeniiber 
den unberechtigten Vermutungen des Mannes das folgende Gutachten 
abgegeben : 

Frau Y., 29 Jahre alt, ersucht uns, ihr anf Grund unserer 
spezialistischen Erfahrungen ein Gutachten dariiber auszustellen, ob 
bei ihr irgendwelche Anhaltspunkte fiir das etwaige Vorliegen homo- 
sexueller Neigungen bestehen. 

Wir kommen diesem Ersuchen nach langerer griindlicher Beob- 
achtung, eingehender Untersuchung und wiederholten Explorationen der 
Frail Y. im folgenden nach. Frau Y. stammt aus gesunder Familie und 
ist insbesondere in nervoser Hinsicht nicht belastet. Ihre Entwicke- 
lung verlief ohne Storungen, sie zeigte das Verhalten und die Neigungen 
oinos in jeder Beziehung normalen Madchens. Die Menstruation stellte 
sich mit etwa 14 Jahreu ein, der erste Geschlechts verkehr fand bei 
der Verheiratung mit 21 Jahren statt. Frau Y. gibt an, dabei voile Be- 
friedigung gefiihlt und ihrem Manne iiberhaupt immer ein normal 



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217 

sexuelles Empfinden in seelischer und korperlicher Beziehung ent- 
gegengejDracht zu haben. Ihre Zuneigung habe sich erst 
infolge der schlechten Behandlung durcli ihn und 
die daraus hervorgegangenen fortwahrenden Zwi- 
stigkeiten verloren. Geschlechtliche Neigungen irgendwelcher 
anderen Art will Frau Y. niemals gehabt, insbesondere niemals sich 
zu Frauen sexuell hingezogen gefiihlt haben. B e f u n d : Der Korper- 
bau der Frau Y. ist ein vollig weiblicher. Es liegen nach keiner 
Richtung hin die geringsten Anlclange an das andere Geschlecht vor, 
wie wir sie bei homosexuell veranlagten Personen vielfach finden. 
Ebenso sind Wesen, Benehmen, die Gewohnheiten und Neigungen der 
Frau Y. ausgesprochen weibliche. Das Gefiihlsleben hat bei ihr ein 
entschiedenes Cbergewicht iiber Logik und Verstundestatigkeit. Sie 
ist auBerst sensitiv, Stimmungen in hohem Grade unterworfen, 
schijchtern, angstlich und leicht geriihrt. Obwohl sie mit feraininer 
Hartnackigkeit an gewissen Vorstellungen und Befiirchtungen haftet, 
zeigt sie wenig selbstandigen Willen und scheint fremdem EinfluC 
in hohem Grade zuganglich. Frau Y. ist von nervosen Ziigen nicht 
frei. Dieselben basieren in ihrer psychischen Cberempfindlichkeit 
und finden ihren Ausdruck in leichten funktionellen Storungen ner- 
voser Art, die ein ausgesprochen weibliches Geprage tragen. G u t- 
a h t e n : Es handelt sich demnach bei Frau Y. um eine Personlich- 
keit von so ausgesprochen weiblichem Typus hinsichtlich ihrer 
Korperbeschaffenheit wie ihres gesamten Seelenlebens, ihrer Ver- 
standes- und Empfindungswelt, ihres Charakters, ihrer Gewohnheiten, 
ihrer Eigentiimlichkeiten in normaler und auch in pathologischer Hin- 
sicht, dafi die Annahme, es konnten bei ihr homosexuelle Neigungen 
vorliegen, einen inneren Widerspruch bedingen wiirde. Es liegen 
unserer sachverstandigen Uberzeugung nach auch nicht die geringsten 
Anhaltspunkte fiir eine solche Annahme vor; dagegen steht der gesamte 
Befund in volligem Einklang mit den Angaben, die Frau Y. selbst 
iiber ihr absolut normales Geschlechtsempfinden macht. Zu der Ver- 
mutung, Frau Y. konnte entgegen ihren Neigungen homosexuellen 
Verkehr gepflogen haben, fehlt jedes Motiv. Sollte es zutreffen, daU 
sie ihre Schwa^erin und andere Frauen zartlich gekiifit hat, wie von 
der G^genpartei behauptet wird, so laBt das absolut noch nicht auf 
homosexuelles Empfinden schlieBen. Sind doch derartige, oft sehr iiber- 
schwangliche Zartlichkeiten gerade bei durchaus normalen Frauen von 
empfindsamem und anschmiegendem Wesen etwas ganz Gewohnliches. 
Unser Gutachten geht demnach dahin: Fiir die Annahme, es konnten 
bei Frau Y. homosexuelle Neigungen bestehen, oder sie konnte Ge- 
schlechtsverkehr mit Frauen unterhalten haben, liegen keinerlei An- 
haltspunkte vor. Dagegen spricht der Befund in jeder Hinsicht gegen 
eine solche Annahme. 

Vor allem muiJ in alien solchen Fallen immer genau ge- 
prlift warden, ob die Abneigung sich nur auf bestimmte Per- 
sonen oder das ganze andere Geschlecht erstreckt. Nament- 
lich antifetischistische Regungen^) spielen bei der sexuellen 
Aversion oft eine groBe RoUe, beispielsweise bei inanchen 
Mannern Abneigung gegen die Milchdriisen des Weibes, bei 
manchen Frauen gegen den Vollbart des Mannes. 



1) Cf. meine Ausfiihrungen „Uber Horror sexualis partialis 
(sezuellc Teilaversion, antifetischistische Zwangsvorstellungen, Fetisch- 
haB)„. Neurologisches Zentralblatt 1911 Nr. 10. 



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218 

Aber selbst wo das andere Geschlecht in toto „gehaQt" wird, ist 
keineswegs als Revers Liebe zum eigenen Geschlecht erforderlich. 
Wilhelm Hammer 2) zitiert einmal f olgende Satze der anonymeD 
V^erfasserin einer Schrift : Prostitution des Mannes 3) : 

„Und ins Angesicht, Mann, dir ins Angesicht, du Mann bestie, 
schleudre ich meinen grimmigen Zorn, meinen heftigen E k e 1 , meine 
mafilose Verachtung, ins Angesicht dir und schreie : Ich verachte dich 
.... Aber was seid ihr mir, was euer Hohn, cure Verdammung, eure- 
VerleumdungI Ab gleitet sie an mir, wirkungslos ab — bin ich doch 
unabhangig von euch, bin ich doch iiber euch — bin ich doch frei 
von euch I'* 

Wenn Hammer meint, daU hier ,,ein auf urnischer Grund- 
lage entstandener MannerhaB zu Worte komtnt", so ist durchaus 
noch nicht der Beweis hierftir erbracht. Es ist vollauf berechtigt, 
wenn B 1 o c h in seinem „Sexualleben unserer Zeit" dem groBen 
Kapitel liber Homosexualitat ein kleineres voranstellt: „Der 
Abfall vom Weibe"^), das er mit folgenden Worten einleitet: 
,Jch schicke dem langeren Kapitel tiber die Homosexualitat 
ein kiirzeres liber das Zeitphan;omen des ,Abfalls vom Weibe' 
voraus, um zu verhtiten, daB man beide Erscheinungen in 
einen Topf werfe, und, wie es heute oft geschieht, die mann- 
lichen Homosexuellen als ,Weiberfeinide* fur die augenblicklich 
grassierende geistige Epidemie des Weiberhasses verantwortlich 
mache. Das ware die groBte Ungerechtigkeit, weil erstenis 
diese Bewegung gar nicht von den Homosexuellen ausge- 
gangen ist, sondem von typisch heterosexuellen Individuen, 
wie Schopenhauer, Strindberg u. a., und weil zweitens 
die Homosexuellen als solche gar keine Weiberfeinde sind, 
es vielmehr nur eine Minoritat von ihnen ist, die den misogynen 
Tiraden eines Strindberg und Weininger Beif all 
klatscht". In der Tat ist das Gefiihl, das die Meh'rzahl der 
Homosexuellen jgegen das andere Geschlecht hegt, kein HaB, 
son der n Gleichgliltigkeit. 

Ich befinde mich auch hier in Ubereinstimmung mit N u m a P r a- 
t o r i u s , der in einer Kritik &) einmal bemerkt, daB bei den meisten 
Menschen „zwar nur ein Trieb zu e i n e m bestimmten Geschlecht, 
aber daneben nicht horror, sondern Indifferenz zu dem 
anderen besteht." Er meint, daB auch der Ekel, der Heterosexuellen 
vor gleichgeschlechtlichen Handlungen mehr intellektuell, mehr durch 
die allgemeine Anschauung und Beurteilung begriindet, als instinktiv, 
gefiihlsmaBig vorhanden sei. Lage ein wirklicher horror vor, so wiirden 
schwerlich so oft und leicht Heterosexuelle den Homosexuellen zu Ge- 
fallen sein und Homosexuelle, wenn auch nur durch mechanische 

2) W. Hammer, Die Tribadie Berlins, pag. 97 f. 

5) I. E., Prostitution des Mannes. Ziirich 1896. 

*) Iwan Bloch, Das Sexualleben unserer Zoit in seinen Bo- 
ziehungen zur modernen Kultur. Berlin 1909. 18. Kapitel, Der Ab- 
fall vom Weibe. p. 530—538. 

^) Jahrb. f. sex. Zw. Bd. IX. 1908. p. 501. 



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219 

Reizung „onanieartige Akte" mit dem anderen Geschlecht vornehmen 
konnen." 

Sicherlich trifft es ftir einen groBen Toil der Homosexuellen 
wic der Heterosexuellen zu, dafl sie dem Geschlecht, zu dem 
sie sich nicht positiv hingezogen ftihlen, nur indifferent gegen- 
tiberstehen, vor allem hat ftir das jugendliche Bisexualitat^- 
altor diese Beobachtung fast allgemeine Giiltigkeit, aber ftir 
eine recht groBe Anzahl erwachsener Homosexueller und Hetero- 
sexueller gilt diese Regel nicht, ihnen ist der Geschlechtsverkehr 
mit dem Geschlecht, das sie nicht lieben, oft genug ,,unmoglich**, 
„grauenerregend*', ,,entsetzlich". Ftir die Differentialdiagnose 
ist das Wichtigste, daB die starksten AuBerungen des Wider- 
willens und Abscheus gegen das andere Geschlecht nicht von 
Homosexuellen, sondern von Heterosexuellen herrlihren. Eines 
der bekanntesten Beispiele ist Scho,penhauer, der ^ich 
nicht genug tun konnte an verachtlichen Bemerkungen „uber 
die Weiber"^), das „niedrig gewachsene, schmalschultrige, breit- 
hliftige, und kurzbeinige Ge^hlecht**. 

Hochst lehrreich zu dieser Frage ist auch eine Beobachtung, 
welche Wilhelm Ebstein in Gottingen vor einiger Zeit imter dem 
Titel: „Weiberscheu als Krankheitszustand" im Neurologischen Zentral- 
blatt, 1912 Nr. 1, veroffentlichte. Sie betrifft einen im Ruhezustand 
lebenden hoheren Richter, der zweimal gliicklich verheiratet war. Kor- 
peiiich und auch im Seelischen sonst ganz gesund, hat sich allmiihlich 
immer mehr ein Zustand grofiter Abneigung gegen jedes Schen und 
Horen von' Frauen bei ihm herausgebildet. Er schreibt selbst: „Meine 
Krankheit besteht in einer hochgradig entwickelten Weiberscheu. Wenn 
ich in einem Nebenzimmer auch nur eine Regung hore, die von einer 
Frau herriihrt, so versetzt mich das in nervose MiBempfindungen, 
welche stunden- und tagelang anhalten. Ich stehe jetzt im 70. Lebens- 
jahre. Der gedachte Zustand besteht nahezu sieben Jahre. Das 
erste Auftreten der Krankheit liegt aber weiter zuriick. Sie trat zu- 
erst schwach, aber unter sehr heftigen nervosen Erscheinungen im 
Jahre 1866 auf." 

Weiter heiCt es: „Erst nachdem ich im Oktober 1881 meine 
gegenwartige Wohnung bezogen, wo ich vollig abgeschlossen von alien 
weiblichen Wesen in meinem Zimmer lebe, hob sich im Laufe einiger 
Monate mein Zustand in der Art, daB ich wieder schreiben lernte 
und iiberhaupt arbeitsfahig wurde. Nur meine Empfindlichkeit gegen 
jede weibliche Nahe blieb, und hat sich sogar im Laufe dieses Jahres 
noch erhoht." Auch mit seiner eigenen Frau konnte er schliefilich 
nur noch brieflich verkehren. Von Homo^exualitat war dabei keine 
Spur vorhanden. Auch Lessings Wumshater (engl. woman-hater, 
Weiberhasser), den er zum Mittelpunkt seines dreiaktigen Lustspiels 
.,Der Misogyn" gemacht hat, ist nicht homosexuell. Oft scheint der 
HaB gegen das andere Geschlecht auch eine sadistische Grundlage 
zu haben. So soil der Marquis d e S a d e selbst ein energischer Frauen- 
feind gewesen sein. Sein Biograph Bloch sagt von ihm: ,,Durch alle 
seine Werke zieht sich dieser fanatische WeiberhaB. Sarmiento in 
..Aline et Valcour" (II, 115) mochte am liebsten alle Frauen vertilgen 
und preist den Mann gliicklich, der gelernt hat, aiif den Umgang 

«) Schopenhauers Werke, ed. Grisebach, Bd. V. p. 654. 

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220 

mit diesem jjniedri^en, falschen und schadlichen Geschlecht" gaiiz 
zu verzichten." "') Ein Seitenstiick zu dem E b s t e i n schen Fall findet 
sich in einer Schilderung, die vor einigen Jahren s) W. Schiemann 
im „RuBki Archiv" von General H e 1 w i g entwirf t, der unter N i k o - 
laus I. Kommandant der Festung Diinaburg war. Es heiBt da: 

„Der alte H e 1 w i g war . ein Todfeind des schonen Geschlechls 
und suchte jede Begegnung mit einer Frau zu yermeiden. Einmal aber 
blieb ihm das Zusammensein mit einer Frau doch nicht erspart, imd 
diese Frau war die Kaiserin Alexandra, die Gemahlin N i k o - 
laus' I. Das Kaiserpaar kam zu einem zweitagigen Besuch nach 
Diinaburg. Der Kaiser schatzte General H e 1 w i g als einen tiich- 
tigen Offizier sehr hoch und erfreute ihn durch einige anerkennende 
Worte. Am nachsten Tage sollte eine Besichtigung der Garnison 
und eine Truppenparade stattfinden. Der Zar machte dem Komman- 
danten den Vorschlag, bei dieser Gelegenheit mit der Kaiserin zu- 
sammen im Wagen zu fahren. H e 1 w i g aber suchte diese Ehre hof- 
lich von sich abzuwenden. „Ich bin noch nicht so alt, Ew. Majestat," 
sagte er, „da6 ich Ihnen nicht zu Pferde folgen konnte." — Doch dor 
Kaiser blieb dabei: „Das glaube ich gern, lieber Helwig. Aber wer 
konnto meiner Frau besser als du alles zeigen?" — Am andern Tage 
nahm der Kommandant in gelinder Verzweiflung neben der Kaiserin 
im Wagen Platz. Kaiserin Alexandra, der ihr Gatte nichts von 
der Idiosynkrasie H e 1 w i g s gesagt hatte, konnte sich iiber das un- 
gewohnliche Verhalten ihres Begleiters nicht genug wundern. Der 
Kommandant war auBerst wortkarg und unliebenswiirdig, beantwor- 
tete die Fragen der Kaiserin widerwillig und ohne sie dabei anzusehen 
und drehte ihr meist den Riicken zu. Kaiser N i k o 1 a u s ritt neben 
dem Wagen her, beobachtete den unhoflichen General und hatte seinen 
SpaB an den Qualen, die jener litt und an der Verwunderung seiner 
Gemahlin. Gut gelaunt, beschloB der Zar, den Scherz fortzusetzen. 
Nach der Parade, die zu seiner vollsten Zufriedenheit verlief, dankte 
er dem Kommandanten und dem kommandierenden General, und urn 
Helwig seine besondere Gunst zu erweisen, sagte er sich bei ihm 
mit der Kaiserin zum Tee an. Der alte General war sichtlich auf das 
unangenehmste liberrascht. „Ich habe keine Hausfrau. Ew. Maje- 
stat!'* erwiderte er. „Ich bin ein alter Hagestolzl" — „Warum hci- 
ratest du denn nicht? Ich wiiBte eine passende Partie fiir dich." — 
„Ich bin zu alt, um zu heiraten, Ew. Majestat." — „Ach was, zu alt I 
Zu einem Dauerritt von ein paar Meilen bist du noch jung genu^, 
zum Heiraten aber behauptest du zu alt zu sein. Nun, ich will dir 
nicht zur Ehc zureden, aber Tee werde ich bei dir doch trinken. Wir 
bitten einfach die Kaiserin, die Rolle der Hausfrau zu iibernehmen. 
Geh' und ersuche sie darum !" — Schweren Herzens kam der Alte dem 
Befehl nach. Der verhangnisvolle Abend kam. Der Teetisch war ge- 
schmackvoll arrangiert, es fehlte nicht an Backwerk, Friichten und 
allerhand Naschwerk. Die Kaiserin war sehr aufmerksam gegen ihren 
Wirt ; sic reichte ihm selbst den Tee und Geback, und Helwig, der 
wie auf Nadeln saB, muBte nicht nur eine Frucht nach der anderen 
aus den Handen der Kaiserin dankend entgegen nehmen, sondern 
anstandshalber auch etwas von den Dingen genieBen, die ihm eine 
Frau reichte. Aber das Schlimmste stand dem alten Degen noch 
bevor. Beim Abschiede reichte ihm die Kaiserin die Hand zum 
Kusse. Helwig bezwang sich und tat, was die Etikette verlangte. 
Kaum aber hatten ihn seine Gaste verlassen, so ging er imverzuglicb 
an eine Reinigung seines auBeren Menschen. Er spiilte sich nicht 
nur wiederholt den Mund aus, sondern nahm sofort ein warmes Bad, 
wechselte seine Leibwasche und zog eine andere Uniform an. Dann 

7) B loch, 1. c. p. 536. 

8) Jahrb. f. sex. Zwischenst., Jahrg. V, 2. pag. 1289 ff. 



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221 

lieB er seine Kleider sorgfaltig desiniizieren und alle Zimmer seiner 
Wohnung durchrauchern. Der Stuhl aber, auf welchem die Kaiserin 
gesessen hatte, erhielt am nachsten Tage einen neuen Cberzuff." 

DaB ein nicht minder starker heterosexueller Horror auch beim 
weibiichen Geschlecht vorkommen kann, zeigt nicht nur das obige 
Ziiat aus „der Prostitution des Mannes", sondern allerlei Erfahrun- 
cen und Vorgange des taglichen Lebens, von denen jiingst einer aus 
New York bericntet wurde. In einem von zwei Damen bewohnten 
Hause brach eines Tages Feuer aus. Das letzte Zimmer, iiber das sie 
verfiigten, stand schon in Flammen, als zwei junge Manner ein- 
drangen, um unter eigener LebensgefaJir die beiden Madchen zu retten. 
Die mannerscheuen Fraulein versuchten, ihren Lebensrettern den Zu- 
tritt zu verwehren. Als man sie schlieBlich doch in das Freie gebracht 
hatte, waren sie nicht etwa fiir ihre Rettung dankbar, sondern hochst 
entriistet iiber die „mannliche Zudringlichkeit" ; sie hlltten lieber ster- 
ben wollen, als dafi sie die „Schmach°* mannlicher Beriihrung erdulde- 
ten. Zwei Tage spater fand man die Madchen. tot in ihrer Wohnung 
vor. Sie hatten den Tod gesucht, wie sie schrieben, weil ein. Mann 
sie angefaBt hatte. 

Es ist hier nicht der Platz, auf alle Grtinde einzugehten, 
die bei der Frau zu sexueller Anaphrodisie, beim Manne zu 
relativer und absoluter Impotenz flihren — einer der 
haufigsten ist sexuelle Hypodiondrie. Trotz der trefflichen 
Monographie von Otto Adler „Die mangelhaf te Geschlechts- 
empfindung des Weibes. Anaesthesia sexualis feminarum. Ana- 
phrodisia. Dyspareunia. Bsrlin 1911**, und den inhaltsreichen 
Arbeiten unserer Berliner Kliniker Ftirbringer^), Eulen- 
b! u r g^®) liber Impotenz, denen sich die von G y u r k o - 
vechkyii), Steinbacher^^) ^nd Hammond^^) anreihen, 
ist hier noch sehr vieles in Dunkelheit gehtillt. 

AUes in diesem Abschnitte in Erwagung Gezogene zu- 
sammenfassend kommen wir zu dem Resultat, dafi das nega- 
tive Verhalten gegeniiber dem anderen Geschlecht ein wichtiges, 
aber kein allein ftir sich beweisendes Signum der Homosexualitat 
ist. Es ist nur dann von Wert, und zwar von hohem Wert, 
wenn es mit einem nachweisbar positiven Ver- 
halten gegeniiber dem eigenen Geschlecht ver- 
gesellschaf tet ist. 

^) Fiirbringer, Die Storungen der Geschlechtsfunktionen des 
Mannes, Wien 1901. 

i<>^ A. Eulenburg, Sexuale Neurasthenie. 

'1; V. v. Gyurkovechky, Pathologic und Therapie der mannlichen 
Impotenz, Wien und Leipzig 1897. 

12) J. Steinbacher, Die mannliche Impotenz, Berlin 1892. 

18) W. A. Hammond, Sexuelle Impotenz beim mannlichen und 
weibiichen Geschlechte, Berlin 1891. 



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ELFPES KAPITEL. 

Differentialdiagnose zwischen Homosexualitttt und den drei 

Ubrigen Gruppen der^esclilechtsUbergilnge;Herinaphroditisinus, 

Gynandromorphie und Transvestitismus. 

Nach dem Ersdieinen der ersten wissensch'aftlichen 
Arbeiten uber das Wesen der Homosexualitat, namentlich der von 
Westphal, Ulrichs, Krafft-Ebing beigebrachten Ka- 
3uistik, waren viele Arzte und Laien, besonders auch viele 
Urningc selbst geneigt, in jedem Manne, der durch weibliche, 
und in jeder Frau, die durch mannliche Ztige auffiel, Homo- 
sexuelle zu erblicken. Als man mit groBerer Erfahrung aber 
inne wurde, da6 es auch viele Homosexuelle gab, die in ihrem 
Habitus keinerlei alterosexuelle Einschlage boten, und solche 
auch gelegentlich bei vollig Heterosexuellen fand, verfielen 
manche in ein anderes Extrem, und sprachen diesen Anzeichen 
jede Bedeutung ab. 

Beide Meinungen berulien auf einem Irrtutn, der sich aus einer zu 
geringen Erfahrung erklart. DaB Homosexuelle unverhaltnismaBig 
uaufig psychisch und somatisch andersgeschleclitliche Zeichen dar- 
bieten, kann nur ein Nichtkenner der Homosexualitat leugnen, aber 
sie sind keine conditio sine qua non, und wenn H. Marx^) einmal sagt, 
„daB ein Urning kein Mann ist, sondern zum weiblichen Ge- 
schlecht gerechnet werden mufi", so ist anzunehmen, daB ilim 
offenbar nur ganz feminine Urninge zu Gesicht gekommen sind. Nicht 
minder verfehlt ist es aber, die symptomatische Bedeutung dieser 
Zeichen deshalb zu neofieron, woil sie nicht immer nachweisbar sind; 
das ist nicht viel anders als dem Bart die Bedeutung eines mann- 
lichen Geschlechtszeichens abzusprechen, weil es auch bartlose Man- 
ner und Bartdamen gibt, oder der Brust den weiblichen Charakter 
zu nehmen, weil man auch weibbriistige Manner und mannbriistige 
Weiber kennt. 

DaB eine gewisse Neigung hierfiir besteht, zeip:te mir eine Stelle 
in einem Aufsatz ,,Der iSexualLsmus in der Spracha*' von Dr. K a t h e 
Schirmacher. Hier schreibt diese bekannte Fiihrerin der Fraiien- 
bewegung: „Behaupten, daB Manner Fraueu- und Fraueri Miinnereigen- 
schaften haben, ist eine Absurditat" und weiter wortlich : „Ich ent- 
nehme einem Konzertbericht folgendes Urteil: „Die Pianistin spielte 

1) H. Marx, 1. c. p. 8. 

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223 

mit mannlicher Kraft." " Ich begreife nicht, wie Frauenarme und 
•liande Mannerkraft entfalten und enthalten konnen. Denn wenn 
diese Kraft von einer Frau entwickelt wird, ist es doch eben Frauen- 
und nicht Mannerkraft." 

Eine Wahrnehmung zu konstatiereh scheint mir nicht un- 
wesentlich: Die starksten Annaherungen an den entgegen- 
gesetzten Geschlechtstjpus, wie beispielsweise beim Weibe 
Klitorishypertrophie und Vollbart, beim Manne Hypospadia 
peniscrotalis und Gynakomastie sind haufiger mit Hetero- 
sexualitat als mit Homosexualitat verbunden. 

a)Hermaphroditismus. Wenden wir uns nun den ver- 
schiedenen Graden sexueller Zwischenstufen zu, so ist eine Ver- 
wechselung zwischen Homosexualitat und Hermaphroditismus 
keineswegs auszuschlieUen. Verschiedentlich haben sich herm- 
aphroditische Manner, und namentlich Frauen, zunachst fur 
homosexuell gehalten, und sicherlich sind nicht wenige Menschen 
als Homosexuelle durchs Leben gegangen, die in Wirklichkeit 
Hermaphroditen waren. 

Der erste Fall von Pseudohermaphroditismus, den ich in meiner 
Praxis sah 2), betraf auch einen Mann, der sich, bis er mich auf- 
suchte, fiir eine homosexuelle Frau hielt. Die Angaben, die mir die 
44jahrige, seit ihrer Geburt als Frau lebende Person iiber ihren Ge- 
schlechtstrieb machte, lauteten: 

„Im 13. Lebensjahre traten die ersten geschlechtlichen Regungen 
auf. Die Richtung des Geschlechtstriebes war immer dieselbe, und 
zwar wandte sie sich von Anfang dem weiblichen Geschlechte zu. 
Die Liebestraume bezogen sich stets auf das Weib, sie traumte, daC 
ein Madchen sie kiiBte imd an sich driickte, wobei Erektionen der 
Klitoris eintraten. Ahnliches bemerkte sie auch schon friih beim 
Beriihren oder Umarmen ihrer Schulfreundinnen. Dem Manne gegen- 
liber besteht in sexueller Hinsicht Gleichgiiltigkeit, vor dem Koitus 
mit ihm Widerwillen. Vier Heiratsantrage, die ihr im Laufe der Jahre 
gemacht wurden, lehnte sie ab, zweimal gab sie dem Verlangen von 
Mannern, welche mit ihr kohabitieren wollten, nach, fiihlte sich aber 
nach dem Akt sehr unbefriedigt. Auf die Frage, was sie am Manne 
abstoi3t, antwortete sie: „es ist kein Reiz da". 

Ihre Neigung erstreckt sich bcsonders auf 18 — 24 jahrige Madchen 
„mit vollen Briisten und runden Armeu", und zwar mehr sanftmiitige 
und gebildete Personen. Zweimal hatte sie ein Freundschaftsbiindnis 
von langerer Dauer, jedesmal etwa drei Jahre, sie war sehr eifersiichtig, 
hezeichnet aber diese Jahre als die gliicklichste Zeit ihres Lebens. 
Die Art des Begehrens ist mehr mannlich aktivisch, die Starke ihres Ge- 
schlechtstriebes groB, nach dem Verkehr mit einer Frau fiihlt sie sich 
erfrischt und gesundheitlich gefordert. Sie ist der Meinung, daB 
sie homosexuell veranlagt sei. Wenn die Gelegeuhoit zum 
sexuellen Verkehr mit einem Weibe fehlte, griff sie zur Selbstbefriedi- 
gung, wobei sie sich Frauen vorstellte. Aus dem korperlichen Befund 
sei folgendes hervorgehoben : Patientin ist 1,72 m groB, wiegt 156 Pfd., 
ihre Knochen sind stark; Korperkonturen nicht abgerundet, sondern 



^) Dieser Fall wurde zuerst von mir in dor „Monatsschrift fiir 
Harnkrankheiten und sexuelle Hygiene", 11. Jahrgang 1905, Heft 1, 
beschrieben. 



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224 

eckig; Oberarm und Oberschenkel abgeflacht; Fettpolster sehr gering, 
Muskeln abgesetzt und kraftig, sie hebt mit einer Hand I1/2 Zentner, 
tragt zwei Zentner auf dem Riicken, mich selbst (85 Kilo) hob sie 
ziemlich leicht empor, Hande und FnQe sind grofi, besonders die 
Hande ungewohnlich kraftig, das Fleisch fiihlt sich fest an, sie tumt 
gem, tanzt gem „als Herr", ihre Schritte sind ziemlich kurz, ihr 
Gang ist gerade, doch dreht sie sich etwas in den Hiiften, schon als 
Kind konnte sie „wie ein Bube" pfeifen. Der Kehlkopf ragt stark 
hervor, was durch ein Samtband geschickt verborgen wird. Die 
Stimmo ist tief und rauh, Halsumfang 37 cm, die Lange des Halses 
be tragt von der Incisura thyreoidea bis zum Manubrium sterni 10 cm. 
Die Schliisselbeine ragen vor. Thoraxumfang uber den Mamillae ge- 
messen, bei der Inspiration 98, in Exspirationsstellung 91 cm. Der 
Atmungstypus abdominal. Der Warzenhof hat einen Durchmesser von 
11/2 cm, ist ein wenig umhaart. Mammagewebe nicht nachweisbar. 
Auf der linken Seite befindet sich, genau in der Mitte der 28 cm langen 
Verbindungslinie, welche von der Brustwanse bis zum Nabel gezogen 
werden wiirde, eine kleine iiberzahlige Brustwarze. 

Die Hiiftbreite ist bedeutend schmaler als die Schulterbreite ; 
der Schulterumfang betragt — unter dem „Acromion" genommen — 
106 cm, der Hiiftumfang dagegen, am oberen Ende der rima pudendi 
gemessen, 98 cm, zieht man nur die Vorderseite in Betracht, so ist 
die Schulter vom Acromion zum Acromion 60 cm, die Hiifte in der 
Mitte zwischen Nabel und Symphyse von einem Oberschenkel zum 
anderen 44 cm breit. Das Becken selbst hat einen vollig mannlicheu 
Charakter. Der Schadel ist kraftig, die hohe Stirn wird durch die 
nach unten gekammte Haarfrisur um ein Wesentliches verkiirzt; das 
Kopfliaar reicht aufgelost bis zur Mitte der Schulterblatter und ist 
nicnt sehi* dicht, bis zum 20. Jahr wurde es in zwei Zopfen getragen, 
welche damals bis zur Taille reichten. Jetzt wird es in moderner 
Damenfrisui* getragen. Der Bartwuchs ist sehr stark; der Bart wird 
an der Oberlippe und am Kinn taglich rasiert. Die Haut ist ziem- 
lich zart und fast unbehaart, nur am Unterarm und am Unterschenkel 
befindet sich ein leichter Flaum. Die Schambehaarung tragt 
mehr weiblichen Typus; nur bei genauem Hinsehen bemerkt 
man Spuren des fiir Manner charakteristischen Haarstrichs zwischen 
Nabel und Symphyse. Die Schmerzempfindlichkeit der Haut ist groB. 
Patientin will immer gesund gewesen sein, so daB sie noch niemals 
einen Arzt konsultiert hat. Die auBeren Geschlechtsteile zeigen auf 
oberflachlichen Anblick eine weibliche Form. Man sieht zwei stark 
entwickelte groBe Labien, welche sich nach dem Damm zu verbreitern, 
ziemlich reichlich behaart sind und an der Innenseite prominente Talg- 
driisen aufweisen. Die hintere Kommissur der groBen Labien grenzt 
sich nach oben zu scharf ab, wahrend die Labien nach dem Damme 
zu ineinander iibergehen. Der letztere ist ziemlich lang und ist 
an seinem analen Ende mit Hamorrhoidalknoten besetzt. In der 
oberen Schamlippe ist ein hiihnereigroBes, hoden- 
artiges Gebilde deutlich palpabel. Von demselben geht 
ein Strang aus, der sich wie ein „vas deferens" anfiihlt. Cremaster- 
reflex nachweisbar. Die linke Schamlippe ist leer, doch gelingt es, 
von der Unterleibshohle aus durch den linken Leistenkanal ein hoden- 
artiges Gebilde von der GroBe eines Taubeneies herabzudriicken. Es 
wird angegeben, daB bei dem Geschlechtsverkehr mit Weibern, wel- 
cher teils nach Art des normalen Koitus, teils als Cunnilingus vor- 
genommen wird, im Orgasmus ein schleimiges Sekret „etwa ein Finger- 
hut voir* entleert wird, welches aus einer anderen Offnung als der 
Ham hervorquillt. Dasselbe geschehe bei der Masturbation. Das 
Ejakulat wurde mikroskopisch untersucht. Es fanden sich darin sehr 
zahlreiche vollig normale Spermatozoen. In dem zwi- 
schen den groBen Labien befindlichen Spalt treten die stark ent- 



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225 

wickelten Schleimhaute der kleinen Labien zutage. Oben bilden sie 
ein weithervorragendes Praputium, nach dessen Zuriickstreifung erst 
die undurchbohrte Klitoris sichtbar wird. Diese ist von Siiief^ma 
bedeckt, zeigt deutlich eine Glans, eineii sulcus coronarius, ist in 
der Ruhe 4, in statu erectionis 7 cnj laug. An der Spitze befindet 
sich ein seichtes Gnibchen, welches ^icli nacli unten in einer Furche 
fortsetzt, die in den schmalen Scheidenspalt iibergeht. 6 cm unterhalb 
der Penisspitze miindet in diese Rinne der Urethralkanal, Hymen ist 
nicht vorhanden, in die Scheide kann weder mit dem Finger noch 
mit der Sonde eingedrungen werden, da diese Manipulation mit zu 
groBeu Schmerzen verbunden ist, und in ('hloroforranarkose nicht 
untersucht werden konnte. Zieht man die kleinen Labien weit aus- 
einander, so scheint es, als ob die blutigrote Scheide in einer Tiefe 
von 3 cm blind endigt. Bei der rectoabdominalen Untersuchung fand 
ich nichts, was als Uterus, Tube oder Ovarien gedeutet werden konnte, 
dagegen einen walbiui3groCen Korper, der nach Form und Lage den 
Eindruck einer Prostata hervomef. 

Nach diesem Befunde konnte es nicht zweifelhaft sein, 
dafi es sich bei der Patientin um einen Mann handelte. Wiirde 
man sie nur fllichtig inspiziert haben, so hatte man bei der 
weiblichen Figuration der Pubes, der vollig die Geschlechts- 
teile verdeckenden Klitoris und der sichtbaren Vulva die Dia- 
gnose gestellt : homosexuelle Frau vom ausge- 
sprochenen Typus der Virago. Die auff allend starke 
rechte Schamlippe lieC verschiedene Deutungen, wie Hernia, 
Varicen, Oedem zu, erst die eingehende Untersuchung ergab 
kein homosexuelles Weib, sondern einen heterosexuellen 
Mann mit Hypospadia peniscrotalis und leichten 
femininen Einschlagen auf psychischem und korper- 
lichem Gebiet. Cbrigens lehnte die Patientin meinen Vorschlag, 
ihre Metrik zu andern und als Mann weiter zu leben, ab, da 
sie das mit dieser Umanderung verknlipfte Aufsehen scheute 
und fUrchtete, ihre geschaftliche Stellung zu verlieren. 

Sic lebt also nach auften als homosexuelles Weib weiter, 
wahrend sie re vera korperlicher Pseudohermaphrodit ist. 

Sehr viel schwieriger als in dem vorliegenden war die 
Differentialdiagnose in dem folgenden Falle, weil hier der 
korperliche Habitus, vor allem die Brtiste und die Genitalien 
aiiJJerlich ganz weiblidh waren. Die Dame war in Ungelegen- 
heiten gekomlnen, weil sie mit einer Freundin „durchgegangen** 
war. Ich hielt sie anfangs auch flir eine Homosexuelle von nicht 
einmal sehr starker Virilitat. Sicherlich hatte sie auch als 
solche weiter gegolten, wenn nicht die Untersuchung des schlei- 
migen Sekrets, das sich bei sexueller Erregung aus der Harn- 
rohre entleerte, ebenfalls Spermatozoen ergcben hatte. Der 
Fall, welcher von sehr groBer prinzipieller Wichtigkeit ist, 
weil er zum ersten Male einwandfrei das innere Vorkoinmen 
mannlichen Samens bei auBerlich vollig weiblichem Habitus 

Hirschfeld, Homosexualitlt. '5 



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^26 

zeigte, wurde von fiurcliard und inir in del* deutschen 
naedizinischen Wochenschrift^) und in der Broschiire „Ge- 
scJilechtsumwandlungen*'*) publiziert. 

In einer kleinen Gemeinde in Ungarn ereignete ^ich im 
Sommer 1913 der Fall, da6 eine Fran, die seit 11 Jahren in 
sehr gliickliclier Ehe mit einem Landwirt gelebt hatte, sich 
wahrend einer langeren Abwesenheit ihres Mannes in ein Weib 
verliebte. Als der Mann, der ftir einige Jahre nach Amerika 
ausgewandert war, davon erfnhr, kehrte er sofort zurtick. 
Die von der Kirchenbehorde veranlaBte arztliche Untersuchung 
ergab, daB sie in Wirklichkeit ein Mann sei. Darauf wurde die 
Ehe annuUiert. Der Bericht schliefit mit den Worten : ,,Die ehe- 
maligen Gatten umarmten feich und nahmen weinend von ein- 
ander Abschied. Marie Br. heiBt nun Franz Br. und ist nach 
Schlesien ausgewandert, wo sie, resp. er als Krankenpflegeo: 
in einem Spital angestellt wurde. Der Gatte aber hat sich rasch 
wieder verheiratet.** 

Auch den umgekehrten Fall, den eines anscheinend homo- 
9exuellen Mannes, hinter dem sich ein anscheineind hferm'- 
aphroditisches Weib verbirgt, habe ich gesehen^). 

Diese Personlichkeit suchte mich auf, behufs Ausstellung eines 
Gesundheitsattestes, welches seitens einer Behorde von ihm erfordert 
wurde. Es hatte ihm groBe Uberwindung gekostet, sich zu einenj 
Arzte zu begeben. 

Er tragi einen Anzug, der in keiner Weise von der bei Herren 
ublichen Tracht abweicht. Sein hellblondes Haupthaar ist kurz, strup- 
pig, ungescheitelt. In seinem zarten hiibschen Gesichte findet sich 
ein sparlicher, flachsfarbener Schnurrbart. Nachdem der jetzt 32 Jahre 
alte, 1,G9 m groBe und 148 Pfd. schwere F. K. sich entkleidet hat, 
zeigt sich ein prachtvoller weiblicher Korper. Der Brustumfang 
ist 90, der Hiiftumfang 98 cm. Die Mammae treten als zwei pralle 
voile Halbkugeln hervor. Die Brustwarzen sind ziemlich groB und vod 
einem rosa gefarbten Warzenhofe umgeben, dessen Durchmegser 6 cm 
betragt; in demselben sind einige Montgomerysche Knotchen deutlich 
sichtbar. Bei der Palpation fiihlt man unter der Haut der Briiste ein 
Gewebe, das vom weiblichen Mammagewebe nicht zu unterscheiden ist. 
Die Haut ist sehr zart, rein und vollkommen glatt. Die Korperlinien 
sind abgerundet, namentlich die Schulter-, Oberarm-, Hiift- und Ober- 
sclienkelkonturen absolut feminin. Die Hande sind weich und zier- 
lich (Handschuhnummer 7), die FiiBe klein. Das Fleisch fiihlt sich 
teigig und schwellend an, die Muskulatur ist schwach entwickelt. Die 
Schritte sind klein und kurz, doch findet beim Gehen kein Drehen in 
den Schultern und Hiiften statt. Patient kann nicht pfeifen. Es be- 
steht keine Neigung zu kraftiger Muskeltatigkeit, Turnen, gym- 

8) Deutsche Medizinische Wochenschriftj Nr. 52, 1911. 

*) Geschlechtsumwandlungen (Irrtumer in der Geschlechtsbestim- 
mung). Sechs Falle aus der forensischen Praxis. Von Dr. Magnus 
Hirschfeld. Aus „Beitrage zur forensischen Medizin". Band I, Jlett 2. 

^) Dieser Fall wurde von mir in der „Monatsschrift fiir Jlarn- 
krankheiten und sexuelle Hygiene", II. Jahrgang, Heft 5, veraffenc- 
licht. 



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227 

nastischen Spielen, aber auch nicht zum Tanz, dagegen zum Wandera 
and Radfahren. Der Atmungstypus ist kostal. Der Kehlkopf tritt am 
auBeren Halse nicht hervor; die Stimmlage ist mittei; wie Patient an- 
gibt, ist sio durch Cbung tiefer geworden. Die Sprache ist einfach, 
nicht geziert; Neigung in Fistelstimme zu sprechen ist nicht vor- 
handen, eher das Gregenteil. Der Gesichtsausdruck ist weder ausge- 
sprochen mannlich noch weiblich, jedenfalls aber mehr weiblich als 
mannlich. Die schonen blauen Augen haben einen ruhigen, sanften, 
leicht melancholischen Ausdruck. Patient fiihlt sich auBer seiner Ab- 
normitat vollkommen gesund. Es bestehen keinerlei Storungen des 
Nervensystems, auch keine Migrane und Neurasthenie. Die makro- 
skopische und mikroskopische Untersuchung des Genitalapparates er- 
gab folgenden Befund: Die Schambehaarung ist typisch weiblich. Es 
sind zwei gut entwickelte Labia majora vorhanden. In die rechte 
Schamlippe laBt sich ein kleines taubeneigroBes, in die linke ein hasel- 
nuBgroBes Gebilde vom Leistenkanal aus nach unten driicken. Die 
Beriihruug derselben ist mit Schmerzen verbunden. Es ist u n m o g- 
1 i c h , bei der Palpation zu beurteilen, ob es sich bei diesen Organen 
um Hoden, Eierstocke (oder gar um ovotestes) handelt. Beim Herunter- 
ziehen scheint es, als ob diese Gebilde mit einem bindegewebigen, 
rundeu Strang von geringem Durchmesser in Verbindung stiinden, der 
sich weder wie ein vas deferens noch wie eine Fallopische Tube an- 
fohlt. Zentralwarts von den groBen sind die kleinen Schamlippeu 
sichtbar, die ca^ 4 cm lanjg sind und durch eine reichliche Anzahl von 
Schleimhautfalten auffallen. Streift man sie nach oben auseinander, 
80 erblickt man einen Biirzel, der 2 cm breit und 1 cm lang ist. In 
der geschiechtlichen Erregung soil derselbe etwa 1/2 breiter und ein 
wenig langer werden. Dieser stumpfe Hooker zeigt keine Miindung 
eines inneren Kanals, dagegen an seiner Oberflache eine nach oben 
verlaufende flache Rinne, an deren vaginalem Ende die Urethra miindet. 
Die unterhalb derselben gelegene hymenlose Offnung der Scheide ist 
fiir eine bleistiftdicke Sonde durchgangig. In einer Tiefe von 14 cm 
stoBt diese Sonde auf den Grund des hautigen Kanals, der keinerlei 
Vorwolbungen und Offnungen zeigt, welche man als Portio uiid Mutter- 
mund ansprechen konnte. Die digitale Untersuchunsj per vagi nam ist 
nicht moglich. Per anum fiihlt man keine ProstataT Rectoabdominal 
ist keine Resistenz palpabel, die als uterus gedeutet werden konnte. 
Die Monatsregel war nie vorhanden, auch keine vicariierenden menses 
Oder menstruellen Aquivalente. Patient gibt an, daB sich bei dem meist 
durch Masturbation herbeigefiihrten Orgasmus etwa 2 Gramm weiB- 
lichen Schleims entleeren, welche er fiir Samenfliissigkeit halt. Die 
zu zwei verschiedenen Malen vorgenommene mikroskopische Unter- 
suchung des E jakulats ergab in bezug auf Samenfadchen ein nega- 
tives Resultat. Im Gegensatz zu der bisexuellen Mischung der so- 
matischen Geschlechtsmerkmale zeigt der Geschlechtstrieb keine 
Spur von Bisexualitat, ist vielmehr — wie bei einem 
normalen Weibe — auf den Mann gerichtet. Nach der 
Geschlechtsreife, welche im 15. Lebensjahre eintrat, trat immer deut- 
licher ein lebhaftes sexuelles Interesse fiir mannliche Personen her- 
vor, fiir Madchen und Frauen bestand niemals auch nur die geringste 
sexuelle Neigung. Der Gedanke, mit einem Weibe geschlechtlich zu ver- 
kehren, ist ihm „widerwartig". PoUutionstraume hatte stets Be- 
riihrungen mit Personen mannlichen (Patient sagt „desselben**) Ge- 
schlechts ziun Inhalt. Auf dem Theater fesselten ilin Herron mehr 
wie Damen. Patient fiihlt sich von kraftigen, recht mannlichen 
Typen angezogen; zarte, weibliche, namentlich auch die meisten Homo- 
sexuellen lassen ihn kalt; uniformierte Stande, besonders Soldaten, 
bevorzugt er. Die Art seines Begehrens ist passivisch. Er mochte 
succubus, der Geliebte soil incubus sein. Der Geschlechtstrieb ist 
stark, ein Akt konnte bisher aber nur selten (immer mit Mannern) 

15* 



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228 

ausgefiihrt werden. Er fiihlt sich daher unbefriedigt und ungliicklich: 
wiinscht, daB, wena es moglich ware, seine Natur geandert wiirde. 
Wenn andere Manner und Frauen das geschlechtliche Thema beriihren, 
kann er sich eines Neidgefiihls nicht erwehren. Patient hat zicmlich 
starken Willen, keine Furchtsamkeit und ist von sittlichem Ernst 
und groCer Ordnungsliebe. Er iiebt geistige und korperliche Arbeit, 
ist in bezug auf seine Lchensbediirf nisse anspruchslos : raucht aber 
viel und zwar starke Zigarren, kann auch viel Alkohol 
vertragen. Er besitzt ein gutes Gedachtnis, hat viel gelesen und ge- 
lernt und ist von umfassender Bildung. In crster Linie interessiert 
ihn Politik; er ist ein grower V'erehrer von Bismarck. Musik Iiebt 
er sehr. Er spielt sehr gut Klavier. Aus Plastik macht er sich nichts. 
Dagegen beschaftigt er sich gern mit Blumenpflege. Es besteht 
nicht der geringste Drang in Kleidern des anderen 
Geschlechts zu gehen. Er hat weder Neigung fiir Schmuck, 
noch fiir Parfiims, Puder und dergleichen. Er Iiebt einfache .Ge- 
wandungen, hohe Kragen, doch spielen die Kleidungssorgen keine 
Rolle in seinen Gedanken. Hang fiir weibliche Handarbeiten, Kochen, 
Putzen ist nicht vorhanden. Seine Schriftziige sind groB und sichei 
und erwecken zweifellos den Eindruck, daB sie von einem Manne her- 
riihren. Die Differentialdiagnose laBt sich bei dem 32jahrigen, seit 
seiner Geburt ais Mann lebenden Fran^ K. intra vitam nicht stelien, 
ja es erscheint sogar fraglich, ob es post mortem moglich sein wird, 
zu entscheiden, ob diese* Person ein Mann oder ein Weib gewesen ist. 
Als Mann, wie die Behorden und seine Umgebung annehmen, kann er, 
bei der iiberwiegenden Anzahl weiblicher Geschlechtscharaktere, dem 
Mangel mannlicher Keimzellen und dem ausgesprochen weiblichen Ge- 
schlechts trieb nicht angesehen werden. Auch nicht als feminin-homo- 
sexueller Mann, unter welche Kategorie er sich zu rubrizieren geneigt 
ist. Aber auch dem weiblichen Geschlechte konnen wir ihn nicht 
zuzjihlen, da er nicht nur niemals menstruiert hat, sondern auch zahl- 
reiche Geschlechtscharaktere zweiter und dritter Ordnung besitzt, 
welche eine weit iiber das weibliche Stadium hinausgehende, mann- 
liche Entwickelung aufweisen. Ungeschlechtlich kann man ihn auch 
nicht nennen, da Geschlechsstigmata in groBer Fiille vorhanden sind 
und der Geschlechtstrieb in vollkommener Ausbildung besteht. Eben- 
soweni^- ist er aber doppelgeschlechtlich, da aus der Amenorrhoe und 
Azoospermie hervorgeht, daB weder milnnliche nocli weibliche Fort- 
ptlanzungszellen produziert werden. Man kann sagen, daB die 
sekundiiren und tertiaren Geschlechtscharaktere bei 
ihm in nahezu umgekehrtem Verhaltnis zueinander 
s t e li e n , indem auf somatischem Gebiete etwa zu 75 o/o weibliche 
und zu 25 Oy miinnliche, auf psychischem etwa zu 75 <Vo mannliche 
und zu 25 oq weibliche Geschlechtszeichen miteinander verbunden sind. 

Dor Patient,, der sich erst nach groBem Widerstreben zu den 
wiederholten llntersuchungen cntschlossen hatte, war nicht wenig ent- 
tiiuscht, als ich ihm die Antwort schuldig bleiben muBte, ob er denn 
nun eigcntlich ein Mann oder ein Weib sei, ihn also, wie er in der 
ihm eigentiimlichen sarkastisclien Art meinte, „auf die Sektion ver- 
trostetc." 

Diese Beispiele, die sich leicht vermehren lieBeu, zeigen 
zur Geniige, daC in jedcm Falle von Homosexuali- 
tat zur Sicherstcllung dor Diagnose eine genaue 
korparliche Untcrsucliung unerlaBlich ist, die 
sich auch auf den Genitalapparat, und in zweifelhaften Fallen 
sogar auf dessen Sekrete zu erstrecken hat. 



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229 

Auch Kombinationen von Hermaphroditismus und Hnmosexualitat 
kommeii vor, wenngleich anscheinend selten. So erzahlte mir auf dem 
letzten Internationalen Arzte-KongreC in London ein englischer Kol- 
lege aus seiner Praxis folgenden Fall, von dera er nair auch photo- 
^rraphische Aufnahmen iibergab. Ein ISjahriges Madchen konsultierfce 
ihn wegen Amenorrhoe und virilen Habitus: Bartwuchs, Stimmwechsel. 
Der Kollege stellte eine Hypospadia peniscrotalis fest, nahm mann- 
liches Geschlecht an und veranlaBte die Umwandlung. Nach vier- 
jahrigem Leben als Mann kam die Person sehr deprimiert zu ihm, sie 
wolle wieder Madchen werden, sie wisse rait Frauen nichts anzufangen, 
dagegen liebe sie einen Mann, mit dem sie, da er ihre Neigung er- 
widere, die Ehe eingehen wolle. Auf ihr energisches Drangen wurde 
ihr aucn dieser Wunsch erfiillt, und lebt sie nun schon seit 10 Jahren 
in durchaus gliicklicher Ehe. Als ich dem Kollegen, der mich nach 
meiner Ansicht fragte, sagte, dafi seine Patientin wohl ein homo- 
sexueller Mann sein diirfte, war er nicht wenig erstaunt. 

b) Gy nandromorpliie. Der androgyne Manner- und 
der gynandrische Frauentypus sind keineswegs imtner an Homo- 
sexualitat gekniipft. Es gibt gewisse Typen, die man als 
ennuchoide bezeichnet hat, sie machen, ohne verschnitten zu 
sein, den Eindruck von Kastraten, besitzen weibliche Korper- 
formen, hohe Stimme, bartlose Gesichter. Meist besteht 
Azoospermie, vielfach Anorchie. Ihnen entsprechen Frauen, 
die korperlich viel Mannlidhes haben. 

Diese auffallend weiblichen Manner und mannlichen Weiber 
werden oft fiir homosexuell gehalten, sind aber nicht selten 
voUig heterosexuell, insofern, als sie Erganzungen ihrer Indi- 
vidualitat unter Typen finden, die dem anderen Geschlecht 
angehoren. Diese sie fesselnden Typen sind allerdings viel- 
fach auch androgyn. 

So verf alien weibliche, aber „normale" Manner oft immer wieder 
auf Madchen, welche, wenn sie auch nicht homosexuell, so 4och 
recht viril und burschikos sind, mit flachem Busen, schmalen Hiiften, 
kurzeri Haaren und kleinem Flaum auf der Oberlippe ; ich habe wieder- 
holt mit Erstaunen wahrgcnommen, ein wie grofies Gefallen manche 
sogenannte normale Manner an homosexuellen Madchen und Frauen 
fandcu. Manche dieser femininen Manner lieben recht groBe, starke, 
kraftige und iippige Frauen, ,,Heroinentypen", „Gcrmaniafiguren**, 
„Prachtweiber", andere nur im Aufbluhen begriffene Madchen (Back- 
fische) mit noch wenig entwickelten Korperformen, oder auch altere 
Damen, welche schon das 40. Jahr iiberschritten haben und bereits 
weniger markante Charaktere ihres Geschlechts aufwcisen. 

Es sind nicht immer materielle Intereasen, wie meist voraus- 
gesetzt wird, wenn sich Burschen von 18 bis 25 Jahren mit reichen 
alteren Witwen von 50 und dariiber vermahlen. Viele unter diesen 
Mannern, die selbst ein erfahrener Expert nach ihrem AuBeren und 
Benehmen zunachst fiir Urninge halt, sind Masochisten. 

Einer der seltsamsten Falle, die ich sah, war ein sehr femininer 
Rittmeister, der korperliche Pseudohermaphroditen suchte, — ich ver- 
danke seinem Spiirsinn einige meiner markantesten Falle. Sein Trieb 
war umso ungliickseliger, als diese Hermaphroditen in der Mehrzahl 
ihrerseits Frauen liebten und seine Zuneigung zu erwidern auBerstande 
waren. 



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230 

Unter den heterosexuellen Frauen gehoren in die gleiche Rubnk 
alle diejenigen, die das MiBgeschick haben, sich imnier in homosexuelle 
Manner zu verlieben, oder auf solche verfallen, die etwas recht Weiches 
und Weibliches an sich haben; namentlich bei den beriihmten Schau- 
spielerinnen und Kiinstlerinnen scheint diese Geschmacksrichtung stark 
vertreten. Weininger hat im VI. Kapitel seines Buches, welches 
liber die emanzipierten Frauen handelt, eine stattliche Reihe solcher 
Frauen aus der Geschichte zusammengestellt ; da f indet sich George 
Sand, von der M6rim6e sagt, sie ware „maigre comme un clou"; 
diese hatte erst ein Verhaltnis mit dem sehr weiblichen Lyriker 
M u s 8 e t und dann mit dem nicht minder weiblichen Komponisten 
Chopin, da ist die italienische Dichterin Vittoria Colonna, 
die Frcundin des homosexuellen Michel Angel o, die bereits oben er- 
wahnte Madame d*A g o u 1 1 als Schriftstellerin Daniel Stern ge- 
nannt, Geliebte des femininen Franz Liszt, da ist Madame de 
S t a e 1 , welche sich in August Wilhelm Schlegel, den homo- 
sexuellen Hauslehrer ihrer Kinder, verliebte, und Clara Schumann, 
deren Gatte in seinen Ziigen, seinem Wesen und seiner Kunst stark 
weibliche Zuge aufwies. Auch auf Rahel Varnhagen hatte Wei- 
ninger hinweisen konnen, an die Varnhagen schreibt : „Wissen 
Sie, Liebe, warum unser Verhaltnis so groB und vollkommen geworden 
ist? Ich will es Ihnen sagen: Sie sind ein unendlich produzierendes, 
ich bin ein unendlich empfangendes Wesen — Sie sind ein groBer 
Mann, ich bin das erste aller Weiber, die je gelebt haben." 

Dieser Gruppe von Frauen sind diejenigen verwandt, die selbst 
oft dreiBk: und dariiber, eine groBe Vorliebe fiir junge bartlose Stu- 
denten, Kiinstler und Boh^miens haben, endlich auch solche, die 
fiir „w\jrdige alte Herren" schwarmen. 

Eine in diese Kategorie gehorige Studentin, die in ihrem Aus- 
sehen und ihren Charaktereigenschaften sehr viel Mannliches hatte, 
dabei aber voUig „normalsexueU" war, da sie nur fiir Manner erotische 
Empfindungen hatte, sagte mir einmal nicht unzutreffend, „sie kame 
sich wie ein homosexueller Mann vor." 

Ahnliches horte ich von zwei beriihmten Schriftstellerinnen mit 
stark viriler Note, ebenso wie auch feminine, aber frauenliebende 
Manner nicht selten auBem, sie fiihlen sich wie homosexuelle Frauen. 

Alle diese Manner und Frauen stehen in ihrer konsti- 
tutionellen Wesen heit den Homosexuellen ziemlich nahe, 
naher als sie glauben, was viele allerdings nicht hindert, im 
VoUgefiihl ihrer „absoluten Normalitat" um so lebhafter in 
die Verachtlichmachung der Homosexuellen, ihrer Nachbam im 
Reiche der Natur, einzustimmen. 

Auch normalsexuelle Manner, die Bartfrauen lieben, gehoren in 
dieses Zwischenreich. Eine mit einem Vollbart versehene Dame der 
Pariser Halbwelt erzahlte, daB sie, nachdem sie sich anfangs sorgsam 
rasiert und gepudert hatte, den Bart hatte stehen lassen, nachdem 
ihr zahlreiche Verehrer versichert hatten „que ses charmes n'en per- 
di*aient point de leur valeur". Ich erwahnte bereits oben, daB diese 
Frauen ebenso wie die hinsichtlich ihrer Stimmwerkzeuge und Brust- 
bildung stark abweichenden Personen selbst meist vollkommen hetero- 
sexuell empfinden. So erhielt ich von .dem Prasidenten der Kgl. Polizei- 
direktion Dresden vor kurzem folgendes Schreiben: 

„Der Arbeiter August Sch., geboren am 26. Mai 1880 in A., war im 
Monat Juli dieses Jahres wegen Bettelns bei der Koniglichen Polizei- 
direktion, hier, in Haft. Die abnorme Brustbildung von Sch. wurde be- 
merkt, und auf Befragen erklarte er sich bereit, sich photographieren 



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231 

2u lassen und gab auch die Einwilligung, daB sein Bild zu wissen- 
sohaftlichen Zwecken Verwendung finde. Sch. ist mittelgroB, kraftig 
eebaut, der Habitus ist im allgemeinen mannlich, auch die Becken- 
Breite ist die des Mannes. Der Korper ist wenig behaart, auch der 
Bartwuchs an Einn und Oberlippe ist sehr gering. Sch. erzahlte, daB 
er seit dem 17. Lebensjahre die weibliche Rundung der Brust habe, daB 
seine geschlechtlichen Empfindungen niemals auf das mann- 
liche Geschlecht gerichtet, daB er vielmehr sich zu Weibern 
hingezogen fiihle. Da Euer Hochwohlgeboren vermutlich sich fiir den 
Fall interessieren, gestatte ich mir Ihnen 2 Photos zu iibersenden." 
Die bejgefugten Bilder zeigten in der Tat ausgesprochene Gynako- 
mastie, nangende Mammae mit einem groBen Wai*zenhof um die Mam- 
milla. 

Hier sind auch die oft zitierten Falie zu erwahnen, die Herodot 
bei den Szythen und in neuerer Zeit Hammond 6) bei den Pueblo- 
Indianern in Neu-Mexiko beobachteten und beschrieben. Unter 
Szythenkrankheit verstanden die Alten ein eigentiimliches Leiden, 
durch das die Gottin Venus die Szythen bestraft hatte, weil sie 
ihren Tempel zu Askalon gepliindert hatten ; diese Storung bestande 
darin, daB die Tempelschander und ihre Nachkommen verweiblicht 
worden seien ; infolgedessen legten sie weibliche Kleider an, ver- 
richteten weibliche Handarbeiten und bekamen auch in ihrem Cha- 
rakter und in ihrem AuBeren ein weibliches Geprage. Der beriihmte 
Arzt Hippokrates') iibernimmt diese Mitteilungen des Geschichts- 
schreibers Herodot, meint aber, daB es sich hier nicht um eine 
gottliche Strafe handle, sondern um eine Folgeerscheinung des be- 
standigen Beitens, wodurch allmahlich die Genitalien schrumpften und 
die Geschlechtslust und Gesohlechtskraft ^chwanden. Infolgedessen 
lieBe dann auch der mannliche Charakter nach, an dessen Stelle ein 
weibisches Wesen trate. 

Auch Hammond bringt die von ihm unter den mexikanischen 
Indianern, den Nachkommen der Azteken, beobachteten Mujerados, 
deren Erscheinung sehr an die der Szythen erinnert, mit einei* durch 
iibermaBiges Reiten verursachten Schwachung des Genitalapparats in 
Zusammenhang, infolge massenhafter Ejakulationen atropbierten Mem- 
brum und Testikel, die Barthaare fielen aus, die Stimme verliere ihre 
Tiefe, Energie imd Korper kraft nahmen ab, das Fettgewebe zu, Nei- 
gungen und Manieren wiirden weiblich. Es ist bemerkenswert, daB 
weder Herodot noch Hippokrates, noch Hammond uns iiber 
die Richtung des Geschlechtstriebs der von ihnen beobachteten Men- 
Bchen etwas Sicheres zu berichten wissen. Wahrend die Alten diesen 
Funkt iiberhaupt nicht beriihren, erklart Hammond, daB die Muje- 
rados, die im iibrigen bei den religiosen Zeremonien ihrer Stamme 
Ver^-endung fanden, „wahrscheinlich" vornehmen Pueblos zur 
Paderastio dienten. 

Nach der Kenntnis, die wir gegenwartig iiber die zahlreichen 
mannweiblichen Geschlechtsiibergange haben, ist es keineswegs als 
erwiesen anzusehen, daB es sich in diesen ethnologischen Berichten 
tiberhaupl. um wirkliche Homosexuelle handelte; auch die Hypothese, 
daB das Reiten an den hochgradigen seelischen Veranderungen Schuld 
tra^, hat nicht viel mehr Wahrscheiniichkeit als die Annahme H e r o - 
dots, der die Gottin Venus dafiir verantwortlich machte. Es diirfte 
sich vielmehr in alien diesen Fallen um Abarten der so mannigfachen 
endogen-sexuellen Zwischenformen handeln, und zwar im wesentlichen 
um solche der II. und IV. Gruppe (androgyne Transvestiten). 

Fiir einen TrugschluB halte ich auch die Ansicht v. Leexows, der 
selbst Kavallerieoffizier, in seiner Schrift (p. 47) „Armee und Homo- 

«^ Hammond 1. c. p. 111—117. 

'; Sprengel: Apologie des Hippokrates. Leipzig 1792, pag. 611. 

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232 

sexualitat/* sagt: „Ich mochte wissen, was ein eingeweihter Trainer 
liber Menschen, die viel mit Pferden zu tun haben, und iiber gleich- 
geschlechtliche Liebe meint, denn meines Erachtens nach hat lleiten 
unbedingt etwas mit Horn osexuali tat zu tun." 

c) Transvestitismus. Am meisten und langsten hat 
man den so sehr in die Augen springenden Drang einiger Men- 
schen, in den Kleidern des anderen Geschlechts, am liebsten 
dauernd, zu leben, als absolutes Erkennungsmerkmal der sexu- 
ellen Inversion erachtet. Aber auch er ist es nicht. Viel haben 
zu diesem noch jetzt in Arzte- und Laienkreisen weitverbreiteten 
Irrtum die ersten in medizinischen Zeitschriften wissenschaft- 
lich gewurdigten Falle beigetragen, wie der in der Medizinischen 
Zeitung (22. Jahrgang 1853, p. 102: „Homo mollis") von Kreis- 
arzt Frankel publizierte Fall des ungllickseligen StilJkind 
Blank, und der erste von W e s t p h a 1 ®) als kontrare Sexual- 
empfindung bei einem Manne bezeichnete Fall, bei dem cs nach 
dem gegenwartigen Stande unserer Kenntnis keineswegs als aus- 
gemacht gelten kann, ob er tiberhaupt ein Homosexueller war. 

Im groBen Publikum gelten namentlich Manner, die berufsmaCig 
als Damendarsteller auftreten, vielfach ohne weiteres als homosexuell. 
Weniger oft, aber immerhin doch audi ziemlich haufig wird dieser 
Verdaclit gegeniiber Frauen geauBert, die Mannerrollen spielen (wie 
etwa in Frankreich Sarah Bernhard, in England Vesta Til- 
ley, in Deutschland die Sandrock und andere). Diese An- 
nabmen sind nicht berechtigt. Ein Transvestit scbrieb mir: „Icb 
war bereits 191/2 Jahre alt, und hatte noch nie eine Variety- Vorstel- 
lung besucht, wuBte auch nichts von Damendarstellern. Dutch das 
Gesprach zweier Herren, die vor mir saBen, wurde ich erst darauf auf- 
merksam, daB die vortragende Dame mannlichen Geschlechts sei. 
Finer der Ilerren lieB dabci eine Bemerkung iiber die Neigungen 
fallen, die derartige Individuen ihrem eigenen Geschlecht gegeniiber 
haben sollten. Dem anderen schien das nicht recht glaubhaft, aber 
der erste versicherte, er wisse es ganz genau, jedes mann- 
liche Individuum, das sich weiblich kleide, gehore 
zu jener Rasse von Menschen. Ich ging an diesem Abend 
sehr niedergeschlagen nach Hause und verbrachte eine schlaf lose Nacht. 
Noch lange klangen mir diese Worte im Ohr. Wie kam liier jemand 
dazu, ohne weiteres iiber seine Mitmenschen den Stab zu brechen 
und etwas zu behaupten, was unmoglich wahr sein konnte. Denn 
ich fiihlte doch trotz meiner Sehnsucht nach Wei- 
berkleidern nicht die Spur von einer Neigung zum 
Manne in mi r." 

DaB das irrtiimliche Urteil iiber die Damendarsteller — auch fiir 
die Damenschneider gilt Ahnliches — revisionsbediirftig sei, ging 
schou aus der kleinen Studie hervor, die „ein Mediziner" 1901 im 
III. Jahrgang des Jahrbuches fiir sexuelle Zwischenstufen unter dem 
Titel: „Vom Weibmarm auf der Biihne" veroffentlicht hatte. Der 
imgenannto Verfasser hatte an 14 Damenimitatoren (,,Soubrettenparo- 
d is ton") Erhcbungen und Untersuchungen angostellt. Von diesen waxen 

^) Archiv fiir Psychiatric und Nervenkrankheiten. II. Band. Ber- 
lin 1870. p. 73 ff. : „Die kontrare Sexualeinpfindung, Symptom eines 
neuropathischen (psychopntliischen) Zustandes.** Von Prof. Dr. C. 
W e 8 t p h a 1. 



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233 

8 vcrheiratet, davon 5 in kinderloser, aber anscheinend gliicklicher 
Elie, von den ledigen 6 waren 2 voUkommen normalsexuell „begei- 
sterte Verehrer des wirklichen weiblichen Geschlechts", 4 homosexuell. 
Unter den 8 Verheirateten waren 5 rein heterosexuell, 3 homosexu- 
eller Nebenneigungen stark verdachtig. Es waren demnach von 
14 Damendarstellern 7, also genau dieHalfte, hetero- 
sexuell, 4 homosexuell, 3 anscheinend bisexuell. 

Viele Transvestiten unterscheiden sich hinsichtlich der kontra- 
instinktiven Abneigung, die sie gegeniiber der Homosexualitat hegen, 
kaum von anderen Heterosexuellen. Das zeigen viele iibereinstim- 
mende AuBerungen zur Evidenz. So schreibt mir einer aus Stutt- 
gart: „Al.s Trausvestit verabscheue ich die Mannerliebe. Homosexu- 
alitat und Transvestitismus sind zwei diametral entgegen- 
gesetzte Veran lagunge n", ein anderer: „Obwohl ich seit Jah- 
ren viel in homosexuellen Kreisen verkehre, ekelt mich der bloBe Ge- 
danke an gleichgeschlechtlichen Verkehr direkt an !" Ein dritter be- 
richtet, daB ihm „die Idee der Komplementierung seines idealen Zu- 
standes durch einen Mann nie gekommen ist." Ein vierter: „der Trieb 
war stets nur auf den coitus cum femina gerichtet, von Homosexu- 
alitat ist keine Spur vorhanden", und noch ein anderer, ein Offi- 
zier, auBert sich wie folgt: „der Hauptinhalt meiner Sehnsucht ist 
es, vollstandig Frau zu sein ; ein auBerordentlicher Reiz ware es fiir 
mich, diirfte ich mich ganz rasieren, schminken, als Frau kleiden ; 
allerdings recht elegant, dernier cri, doch nicht criard, Unterwasche 
fein und seidig, schmale Schuhe, viel Stickerei, kunstvoUe Hiite, 
kurz, wie eine brillant unterhaltene Kokotte ;" und nach solcher Er- 
klarung scheint dieser Herr kaum zu merken, wie naiv es wirken 
muB, wenn er hinzufiigt: „von Homosexualitat ist keine Spur vor- 
handen, vielmehr verachte ich Urninge und effeminierte 
Manner tie f." 

Ich hatte den Eindruck, als ob der Verkleidungstrieb bei den 
Homosexuellen mehr eine sekundare Folgeerseheinung ihrer 
sexuellen Triebrichtung ist, wahrend er bei den Heterosexuellen 
die primare, selbetfindige Ausdrucksform ihres Seelenlebens ist. 
AuBer den homosexuellen und heterosexuellen Transvestiten gibt 
es aber auch seiche, bei denen der eigentliche Gesehlechtstrieb 
tiberhaupt fast voUig zurlicktritt. 

So heiBt es in dem von Dr. Iwan Bloch und mir iiber den 
48jahrigen friiheren Trappistenf rater Josef M., einen ausgesprochenen 
Transvestiten, erstatteten Gutachten: „Bis heute hat Patient einen 
geschlechtlichen Verkehr nicht gehabt, da er niemals einen beson- 
deren Drang dazu verspiirte, und ausschlieBlich von dem Ge- 
danken und dem Gefiihle beherrscht wird, als Frau zu leben. Er 
glaubt, daB er von selbst niemals zu einem Geschloohtsverkehre ge- 
langen wiirde, da er gar keinen Trieb dazu spiire und auch zu schiich- 
tern sei. Der nackte oder halbnackte weibliche Korper iibt keinerlei 
Reiz auf ihn aus. Jedoch war sein geschlechtliches Empfinden auch 
niemals auf das mannliche Geschlecht gerichtet. Von Kind- 
heit an besteht dieser leidenschaftliche Hang bei ihm, sich als Frau 
zu kleiden. Er hat immer wieder versucht, diesen Hang zu bekamp- 
fen, aber es war vergeblich. Die Folge einer langeren Enthaltsamkeit 
von der Frauentracht war stets eine schwere geistige Depression. 
Gliicklich fiihlte er sich nur in Frauenkleidern, wo er ein ganz anderer 
wird und die friihere Melancholic und Befangenheit einer inneren 
harmonischen Stimmung weicht. Sein ganzer seelischer Zustand hangt 
davon ab, ob er Frauenkleider tragt oder nicht. Fiir die Befriedi- 



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234 

gung dieser Neigung wiirde er sich, wie er sagt, entmannen lasseii, 
ja selbst ins Gefangnis gehen, wenn sie anders nicht moglich ware. 
Die weibliche Kleidun^ bot ihm von jeher Ersatz fiir alles andere." 

Um die Differentiaidiagnose zwischen Homosexualitat iind Trans- 
vestitismus recht deutlich liervortreten zu lassen, fiige ich den be- 
reits ail anderen Stellen von mir publizierten Fallen noch ein bis- 
her unveroffentlichtes Gutachten bei. Es handelt sich um einen 
Transvestiten von leicht androgynem Typus, aber vollig heterosexu- 
ellem Liebesempfinden, den ich gemeinsam mit Burchard begutachtete. 
Soweit es sich eroiitteln laBt, Regt eine erbliche Belastung bei dem 
Kunsttischler Herrn N. nicht vor. Beide Eltern leben uud sind gesund, 
ebenso drei jiingere Geschwister. 

N. selbst hat sich in korperlicher und seelischer Hinsicht normal 
entwickelt und einen seinen Fahigkeiten entsprechenden Beruf er- 
griffen, in dem er sich durchaus zufrieden fiihlt und es zu einer ge- 
ordneten Existenz und geachteten Stellung gebracht hat. Seine Er- 
holung findet er in der Musik, die er zwar nicht ausiibend, aber ver- 
standnisvoll genieUend pflegt, und in sportlicher Betatigung. Die 
Richtung seines Ge sch lech t s t r i ebs ist absolut nor- 
mal, aus s chlieBlich dem weiblichen Geschlechte zu- 
§ewandt. Er lebt seit Jahren in gliicklichster Ehe, 
ie kinderlos geblieben ist — aller Wahrscheinlich- 
keit nach aus Griinden, die in der Korperbeschaffen- 
heit seiner Frau liegen, da N. selbst unsern Fest- 
stellungen nach vollig zeugungsf ah ig ist. 

So ware N. seiner Konstitution und seinem Lebensgange nach 
als ein durchaus normaler Mensch zu bezeichnen, hatte sich in seiner 
Individualitat nicht schon von friihester Jugend an eine Besonderheit 
geltend gemacht, deren Wurzeln wir in der Eigenart der geschlecht- 
lichen Personlichkeit zu suchen haben. Bereits im 8. Lebensjahre be- 
herrschte ihn ein imwiderstehlicher Drang, Madchenkleider anzuziehen. 
Schon damals fuhlte er, wenn ihm dieses ermoglicht wurde, eio ganz 
eigenartig wohltuendes Gefiihl seelischer Beruhigung und Entspannung. 
So benutzte er iede nur denkbare Gelegenheit, Garderobenstftcke seiner 
Sohwester anzulegen. Wahrend seines spateren Berufslebens nahm 
dieser Trieb trotz mannigfacher auBerer Schwierigkeiten und starken 
Ankampfens imverandert eine beherrschende Stellung im Seelenleben 
des Herrn N. ein. Seit acht Jahren ist er, wie erwahnt, gliicklicb 
verheiratet und hat, da seine Frau diesen Neigungen verstandnisvoU 
gegeniibersteht, Gelegenheit, sie in der Hauslichkeit durch Anlegen 
weiblicher Kleidung bis zu einem gewissen Grade zu befriedigen. iBis 
zu einem gewissen Gtade nur, denn zur voUen Befriedigung und inneren 
Entspannung seines Triebes ist es fur Herrn N. unbedingt erforderlich, 
wenigstens von Zeit zu Zeit als Frau sich auch im Freien bewegen zu kon- 
nen. Ist ihm dieses langere Zeit hindurch unmoglich, dann stellen sich 
nervose Erscheinungen bei ;ihm ein, von denen er sonst frei ist: 
innere Unruhe, Griibelsucht, Schlaflosigkeit und angstliche Traume. 
Wahrend einer langeren Beobachtungszeit hatten wir Gelegenheit, N. 
sowohl in Manner- als Frauentracht in unserer Sprechstunde, wie auch 
in verschiedenen Situationen des taglichen Lebens, so u. a. bei Aus- 
fliigen in groBerer Gesellschaft, zu sehen, und konnten uns danach ein 
zusammenhan^endes und vollstandiges Bild von seiner Personlichkeit 
und seiner Eigenart machen. In somatischer Hinsicht zeigt Herr N. 
weder krankhafte noch ii^endwie nennenswerte degenerative Erschei- 
nungen. Eine gesteigerte nervose Erregbarkeit bekundet sich in den 
lebhaften AuBerungen der Reflextatigkeit und in einer erhohten 
Schmerzempfindlichkeit. Im Korperbau machen sich Anklange an 
feminine Bildung insofern bemerkbar, als die Korperformen mehr 
weioli imd abgerundet, die Hande und FiiBe klein und zierlich sind; 
femer ist die Taillenweite — allerdings z. T. wohl infolge haufigen 



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235 

Korsettragens — sehr gering, 72 cm iiber dem Rock gemessen. Auch 
die sparliche Korperbehaarung reiht sich diesen Erscheinungen an, 
wahrend die Genitalien ^selbst durchaus normal mannliche JBildung 
zeigen, und auch der Samen, wie die mikroskopische Uutersuchung 
ergab, lebendige Spermatozoon und Spermakristalle enthalt. In der 
Haltung, dem Gang und den Bewegungen tritt deutlich eine natiirliche 
Annaherung an den Typus des weiblichen Geschlechts zutage. So 
macht denn N. auch in JDamentracht einen so ungezwungenen, natiir- 
licheii Eindruck, daC nichts an ihm an den Mann erinnert, solange man 
seine tiefe Stimme nicht hort. Man kann sogar entschieden sagen, 
daB der Gesamteindruck des Herrn N. als Dame harmonischer ist wie 
als Mann. In der Hauptsache ist das dadurch bedingt, dafi seine 
Stimmung in Frauentracnt offenbar eine befriedigtere, ausgeglichenere 
ist als in Herrenkleidung. Herrn N.s Intelligenz, seine Kenntnisse und 
Interessen, seine geistige Urteils- und Leistungsfahigkeit entsprechen 
in jeder Hinsicht seinem recht hohen Bildungsgrade. Energie und 
Willenstatigkeit sind von gesunder Frische und zielbewuBter Kon- 
sequenz. 

Gutachten. Es liegt bei N. ein ausgesprochener Fall von 
Transvestitismus vor. Dieser von dem mitunterzeSchneten Dr. Hirsch- 
feld zuerst beschriebene und weiter von uns beiden u. a. an einer 
Reihe von Fallen in der arztlichen Sachverstandigenzeitung geschilderte 
Zustand stellt eine urspriingliche und angeborene Mischform beider 
Geschlechtskomponenten dar, indem die weibliche — gleichsam in 
Form einer Oberflachenspannung — zur Betatigung femininer Art in 
Kleidung und Lebensgewohnheiten drangt. Dieser Zustand kann, wie 
wir es in zahlreichen anderen Fallen beobachteten, ein dauernder sein. 
Er kann aber auch, wie bei Herrn N,, schon in gelegentlicher Befriedi- 
gung eine Entspannung erforderlich machen, deren Unterdriicken ner- 
vose Storungen nervorruft, die auf die Dauer sicher schwere krankhafte 
Zustande mil sich bringen muBten. So ist diese gelegentliche Befriedi- 
gung des transvestitischen Dranges eine Notwendigkeit fiir N., der. 
er ohne Bedenken nachgehen kann, da er in weiblicher Tracht in 
keiner Weise auffallt und irgendwelche sexuelle Nebenabsicht, wie 
aus unseren Schilderungen zur Geniige hervorgeht, bei N. absolut 
ausgeschlossen und undenkbar ^st. Imser Gutachten geht demnacb 
dahin: Es besteht bei N. eine angeborene transvestitische Veranlagung, 
die eine zeitweise Befriedigung dadurch, dafi Herr N. sich in Frauen- 
kleidung im Freien bewegt, aus arztlichen Griinden erforderlich macht, 
da er andernfalls schweren gesundheitlichen Schadigungen in nervoser 
Hinsicht ausgesetzt sein wiirde. 

Bei manehen Transvcstiten gewinnt es fast den Anschein, 
als ob der m&nnliche Teil iiirer Psyche sich an ihrem weiblichen 
sexuell errege, etwa im Sinne des Rohlederschen^) 4uto- 
monosexualismus, als dessen Charakteristikum er bezeichnet, 
„da6 der Trieb auf sich selbst einzig und allein gerichtet ist", 
uiid daB „da8 betreffende Individuum selbst und zwar allein 
Ausgangspunkt und Endziel des sexuellen Triebes ist**. Einige 
Transvestiten geben an, dafi ihr weibliches Spiegelbild sie sexuell 
errege, andere berichten von autokohabitatorischen Gedanken 
und Handlungen. Wir konnen demnach unter den Transvestiten 
folgende ftinf Gruppen unterscheiden : a) die heterosexuelleii. 



») Geschlechtsumwandlungen. Berlin 1912; Die Transvestiten. Ber- 
lin 1910. 



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236 

b) die homosexuellen, c) die bisexuellen, d) die anscheinend 
asexuelleii; e) die autonuonosexuellen. 

Das oben angegebene Zahlenverhaltnis, nach dem f^.twa nur 
die Halfte der an Verkleidungstrieb leidenden Personen homo- 
sexuelle Neigungen zeigt, die Halfte heterosexuell ist, diirfte un- 
gefahr der Haufigkcit alterosexueller Einschlage tiberhaupt ent- 
sprechen. Absolut gibt es unter Mannern und Frauen eben- 
sovielo heterosexuelle wie homosexueile Transvestiten. .Da es 
aber liberhaupt etwa 20mal so viel Heterosexuelle als Homo- 
sexueile gibt, ist der Transvestitismus und der alterosexuelle 
Habitus relativ viel haufiger unter Homosexuellen wie 
Heterosexuellen. 

Der springende Punkt bleibt also nach wie vor bei der 
Diagnose der Homosexualitat der exakte Nachweis der kon- 
traren Sexualempfindung selbst; wesentlich unterstutzt wird 
diese Diagnose zwar durch' das negative Verhalten gegeniiber 
dem anderen Geschlecht, sowie durch die alterosexuellen Ein- 
schlage, die aber beide flir sich allein genommen 
eine sichere Diagnose nicht gestatten. 



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ZWOLFTES kapitel. 
Untersuchungsmtthode homosexueller Manner und Frauen. 

A us allem, was ich uber die Differentialdiagnose der Homo- 
aexualitat ausgefiihrt habe, geht hervor, auf welche groBen 
Schwierigkeiten ihre sichere Erkenntnis stoBen kann. Ware 
dem nicht so, dann ware es auch wohl kaum zu begreifen, daB 
sie eich als Erscheinung so lange verborgen halten konnte. In 
gewisser Beziehung besteht auch heute noch die Anschauung 
eines der altesten Autoren auf diesem Gebiete zu Recht, T a r - 
nowskys^), der hervorhob, „wie eingehend ein solches Sub- 
jekt xintersucht, wie sorgfaltig und lange es beobachtet werden 
muB, bis in welche Einzelheitien sein ganzes Leben zu verfolgen, 
der EinfluB der Erziehung, des Beispiels, iiberstandener Krank- 
heiten zu ermitteln ist**, „um mit groBerer oder geringteoner 
Sicherheit die Frage zu entscheiden, ob im gegebenem Fall die 
Paderastie ein angeborener Entwickelungsfehler oder eine auf 
anderem Grunde ruhende Handlung ist". 

Handelt es sich nun in einem konkreten Falle darum, fest- 
zustellen, ob bei einer Person, die unseres Rates oder Urteils 
bedari, Homosexualitat vorliegt, so ware es ein Kunstfehler, 
wenn wir ihr mit der Frage entgegentreten wollten : Sind Sie 
homosexuell ? Bei sensiblen Naturen kann solche Fraj^e, die 
einen Menschen vor die plotzliche Preisgabe seines tiefinnersten 
Geheimnisses stellt, wie ein schwerer seelischer Chock wirken. 
Ich sah namtentlich vor Gericht wiederholt Zeugen, die voUig 
benommen waren, als diese Frage sie unerwartet traf; bei 
manchen, nicht bei alien, nahm das Auge einen bald mehr leb- 
los starren, bald namenlos verangstigten Ausdruck an ; die Haut 
des Gesichtes verfarbte sich, der Atem stockte und die Sprache 
schien f tir kurze Zeit voUig zu versagen. Wenn auch der Homo- 
sexuellc dem Mediziner anders gegeniibersteht wie dem Juristen, 



1) T a r n o w s k y , 1. c. p. 143. 



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238 

80 soil doch auch der Arzt seine Exploration so schonend wie 
mcglich einrichten, vor allem so, dall sich die Sehlufifolgerung 
und das Zugestandnis der homosexuellen TriebWehtung erst 
allmahlich aus den voraufgegangenen Mitteilungen des Patienten 
zwanglos aus Fragen ergibt, die die Homosexualitat zunaehst 
nicht direkt betreffen. Ich kann sagen, daB ich von den vielen 
Tausenden von Homosexuellen, die zu mir kamen, nicht 
einen einzigen direkt nach seiner Homosexualitat ge- 
fragt habe. Der Arzt kann hier zwei Gruppen unterscheiden. 
Manner lind Frauen, bei denen es von vornherein feststeht, 
dafi sie zu ih"m kommen, um sich liber ihr SexuallebBn auszu- 
sprechen, und soLcher, die ihn wegen verschiedenartiger Be- 
schwerden aufsuchen, die erst indirekt die Vermutung nahe- 
legen, daB sie Folgeerscheinungen eines unbfefriedigenden oder 
unbefriedigten Geschlechtslebens sein konnten. In beiden Fallen 
wird man guttun, gleichviel, ob das Thema direkt oder erst 
nach Durchsprechung anderer Klagen angeschnitten wird, ja 
selbst dann, wenn der Patient uns selbst von vornherein mit 
dem Bekenntnis seiner Homosexualitat entgegentritt, nicht un- 
mittelbar auf die Erorterung der gleichgeschlechtlichen Emp- 
findungen und Beziehungen einzugehen. 

Wir miissen immer bedenken, welch starke Uberwindung deu 
Betreffenden meist der EntschluB der Aussprache, der Gang zum Arzt 
kostete. Ich konnte hierfiir merkwiirdige Beispiele anfiihren. So 
berichtetc mir einmal ein Student der Theologie, daB er dreimal idle 
Reise von Rostock nach Berlin gemacht hatte, um sich mir anzu- 
vertrauen. Zweimal hatte er vor meinem Hause gestanden imd waie 
umgekehrt und unverrichteter Saclie wieder heimgefahren. Erst beim 
dritten Male traute er sich hinauf. Ahnliches horte ich wiederholt. 
Ich sah manchmal, daB Leute tagelang das Haus, in dem ich wohnte, 
umkreisten, ehe sie endlich eintraten. Es kam vor, daB Manner und 
Frauen zu mir kamen, die, als sie mir gegeniiber saBen, von ganz 
anderen Beschwerden, sei es wirklichen oder fingierten, sprachen, 
als von denen, die zu erortern sie gekommen waren. Solche groBen 
inneren Widerstande darf der Arzt nicht auBer acht lassen. 

Ich beginne die mtindliche Erkundigung nach dem Sexual- 
kben stets mit der Befragung nach dem n o r m a 1 sexuellen 
Verhalten; beiui Manne beispielsweise damit, ob Verkehr mit 
dem weiblichen Geschlechte stattgefunden hat, seit wann, in 
welchen Abstanden, ob mit ausreichender Potenz; beim Weibe, 
ob einc seelische Zuneigung zum mannlichen Geschlechte be- 
steht ; dem Patienten f allt es viel leichter, sich tiber die nega- 
tive Seite seines Zustandes auszusprechen, seine normalsexuelle 
Frigiditat, als tiber die positive Seite, seine Inklination zum 
eigenen Geschleoht. 1st das Verhalten zum anderen Geschlecht 
besprochen, komrae ich auf das Thema unfreiwilliger Sexual- 
erregungen im Schlaf und auf die Frage der Masturbation. 



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289 

Audi hier wird die Auskunft meist bereitwilligst gegeben. Die 

Befragten wissen, dall die nSchtlichen Pollutionen auBer dem 

Bereich ihres WoUens fallen und daU Onanie ein in gewissen 

Jahren fast allgemeines Vorkommnis ist. Von hier aus kann 

man dann schon auf die Frage tibergehen, ob und welche Vor- 

stellungen bei den Pollutionstraumen und der Onanie die Phan- 

tasic erftillten und ob die Masturbation immer nur allein oder 

aucli mutuell vorgenommen wurde. Damit sind wir dann schon 

ganz nahe bei dem eigentlichen Beweisthema, den gleichge- 

schlechtlichen Empfindungen, angelangt. Zunachst werden wir 

hier nur bei dem rein geistigen, der seelischen Anziehung 

verweilen und erst allmahlich die Frage bertihren, ob auch sexu- 

elle Betatigung stattgefunden hat oder Neigung dazu bjesteht. 

Ist dies zugegeben, so gehen wir zunachst noch nicht des naheren 

darauf ein, sondern erkundigen uns genau nach dem eigenen 

Seelenleben des Patienten, nach androgynen Zugen und Inter- 

essen und ausftihrlich nach seiner Abstammung, den Ge- 

schwistern, seiner Erziehung und dem bisherigen aufleren Ver- 

lauf seines Lebens. Erst wenn alles dies besprochen, uehm^e 

ich die nqtwendige korperliche Untersuchung unter Beriick- 

sichtigung alles dessen vor, was fiir die Diagnosestellung, wie 

wir sie oben auseinandersetzten, von Bedeutung ist. Aber auch 

dann fuhle ich mich in vielen Fallen noch nicht voUkommen 

in der Lage, ein abschlieUendes Urteil liber so lebenawichtige 

Fragen abzugeben, als die sind, die meiner Entscheidung unter- 

stellt werden. Ich setze vielmehr dem Ratsuchenden ausein- 

ander, daii noch ein g^druckter Fragebogen von ihm schriftlich 

bieantwortet werden soil, einmal, damit er sich selbst nochmals 

recht ruhig alles tiberlege und klarmache, und dann, damit ich 

mir den Einblick und die tJbersicht verschaffen kann, die ich 

zur Abgabe meiner Ansicht fiir erforderlich erachte. 

^owohl bei der miindlichen als schriftlichen Exploration imuU 
der Befragte nicht nur das voile Vertrauen zum Fragesteller haben, 
er muB auch wissen, daB fiir die richtige Beurteilung und Beratung 
seines FaHes die voile Wahrheit unerlafilich ist. Die Fragen miissen 
immer so taktvoll, diskret und vorsichtig gestellt werden, daB das 
natiirliche Schamgefiihl des Befragten nicht verletzt wird und es fiir 
ihn keine Dberwindung kostet, sion dem Arzte zu erschlieBen. Ferner 
ist es wesentlich, die Fragen so zu formulieren, daB der Gefragte 
moglichst wenig merkt, welche Schliisse aus der Antwort zu Ziehen 
sind. Es miissen also Suggestiv-Fragen vermieden werden. Man hat 
gegen diese rationell vertiefte Anamnese eingewendet, daB bei ihr 
leicht subjektive Unwahrheiten und objektive Unrichtigkeiten unter- 
laufen, und es muB zugegeben werden, daB die Moglichkeit von Fehler- 
quellen gegeben ist. Sie konnen jedoch hier, wie in der wissenschaft- 
lichen Forschung iiberhaupt, durch Exaktheit und sonstige 
VorsichtsmaBregeln wesentlich vermindert, ja fiir die SchluB- 
folgerungen auf ein Minimum beschriinkt werden. Ich bemerke, daB 



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der Fragebogen, den ich den Patienten iiberreiche, bereits vor 14 Jahren 
im ersten Entwurf von mir ausgearbeitet und seitdem wiederholt 
in Gemeinschaft mit mehreren KoUegen von mir iiberarbeitet und 
vervollstandigt wurde. Trotzdem kann er auf VoUkommenheit noch 
keinen Anspruch erheben. Den Zweck, dem er in erster Linie dienen 
soil, die Sicherstellung der Diagnose, erfiillt er auch in seiner jetzigen 
Fassung schon in ausgezeichneter Weise. Dariiber hinaas bietet er 
eine sehr geeignete Grundlage fiir statistische Untersuchungen vieler 
noch nichl geniigend geklarter Beziehungen zwischen Homosexualitat 
und anderen Punkten. Der Fragebogen ist so gehalten, daB er von 
Personen jeden Geschlechts und jeder Geschlechtsneigung beantwortet 
werdeu kann. 

Ich gebe nun den Fragebogen im Wortlaut wieder, und zwar 
fiige ich als Beispiel die Antworten eines jungen Madchens hinzu, die 
ein so eindeutiges Bild geben, daB an der Diagnose: Homosexualitat 
nicht gezweifelt werden kann. 

Psychobiologischer Fragebogen. 

(Die Fragen bitten wir auf den eingeschlossenen Seiten so zu beant- 
worten, daB jeder Antwort die Nummer der Frage vorgesetzt wird.) 

Vorbemerkung. In Ihrem eigenen Interesse und in dem 
der wissenschaftlichen Forschung bitten wir, Zeit und Miihe nicht 
zu scheuen, die folgenden Fragen streng wahrheitsgemaB und mog- 
lichst genau zu beantworten. 

Auf strengste Verschwiegenheit diirfen Sie sich verlassen. Wer 
Bedenken tragt, den Fragebogen mit seinem vollen Namen, dessen 
Geheimhaltung unter das arztliche Berufsgeheimnis fallt, zu imter- 
zeichnen, moge denselben mit einer Nummer oder beliebigen Buch- 
staben versehen. Bei einigen Fragen, wie z. B. denen, die sich auf 
die Abstammung und Kindheit beziehen, ware vorherige Riicksprache 
mit alteren Angehorigen empfehlenswert. Fragen, die zu beantworten 
man wider Erwarten Bedenken tragen sollte, bittet man ebenso wie 
solche, deren Beantwortung man nicht weiB, einfach unausgefiillt zu 
lassen. Wir bitten ferner, die Fragen, welche kurz zu beantworten 
sind, am Kande, die iibrigen in einer besond«ren Anlage, moglichst im 
Format des Fragebogens, zu erledigen. Erwiinscht, jedoch keincswegs 
notwendig, ist schlieBlich Beifiigung der eigenen Photographic (ev. 
aus verschiedenen Lebensaltern), sowie einer zweiten, die den unge- 
fahren Typus wiedergibt, auf den sich Ihre Neigung erstreckt. 

I. National e. 

a) Name, Alter, Geschlecht, Rasse, Beruf, Wohnort, Religion. 

Agnes W. ; 18 Jahre ; w e i b 1 i c h ; Musikstudierende ; Berlin ; 
Jiidin. 

b) Verheiratet oder nicht? 

Unverheiratet. 

II. Abstammung. 

1. Leben Ihre Eltern nodi, sind dieselben gesund, oder woran 

leiden sie, bzw. woran und in welchem Alter starben ^ie? 

Eltern leben. — Vater litt an Lungentuberkulose, die, wenn 
auch nicht geheilt, doch zum Stillstand gebracht ist. — Mutter 
ist gesund. 



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2. Waren die Eltern oder Grofleltern blutsverwandt (falls ja, 
in welcher Weise, Cousin und Cousine, Onkel und Nichte 

U8W.) ? 

Nein. 

3. Kamen Ehen zwisdhen Blutsverwandten in Ihrer Familie 
hanfiger vor (heirateten z. B. Geschwister von Ihnen Ver- 
wandte) ? 

Nein. 

4. Wie alt waren die Eltern, als Sie geboren wurden? Wie 

war der Altersnnterschied zwischeu Vater und Mutter? 
Vater 30, Mutter 29 Jahre. 

5. Sind Sie ehelidh geboren? 

6. Sind Sie mehr dem Vater oder der Mutter ahnlich (korper- 
lich und geistig) ? 

Korperlich und geistig mehr dem Vater ahnlich. 

7. Wie groD ist die Anzahl der Sctwestern und Briider? Wel- 
ches ist die Reihenfolge und das Alter der Geslchwister, z. B. 
Bruder, Schwester, idi, Bruder)? 

Habe noch 1 Bruder, 12 Jahre alt. 

8. Ist Ihnen bekannt, ob sitfh die Mutter vor Ihrer Geburt mehr 
einen Knaben oder ein Mcldchen wlinschte? 

Mehr ein Madchen. 

9. War das Zusammenle^ben der Eltern gllicklich oder ungllick- 

lich? Heirateten die Eltern aus Neigung oder aus .auBeren 

Griinden (Fortpflanzung eines Stammbaums, Geldinter- 

essen ufiw.)? 

Zusammenleben ungliicklich. — Heirat aus auBeren Griinden, 
Jedoch nicht ohne gegenseitige Neigung. 

10. Waren die Eltern zu den Kindern mehr zartlieh oder streng ? 

War der Vater oder die Mutter energischer ? 

Beide zu mir je nach Laune bald streng (so erhielt ich 
z. B. zu meinem 6. Geburtstage wegen einer geringfiigigen Un- 
gezogenheit keine Geschenke), bald iibertrieben zartlich. Zu 
meinem Bruder waren beide iiberwiegend zartlich. Mutter ener- 
gischer. Sie ist durchaus der leitende Teil: hat die Geschafts- 
fiihrung, die Erziehung der Kinder, den Haushalt in der Hand 
und ist sozusagen der „Mann" in der Familie, obgleich im Wesen 
selbst keinerlei mannliche Ziige hervortreten. 

11. Hatten Sie ftir eins der Eltern groBere Sympathien? 

Ich habe fiir meinen Vater groBere Sympathie, die nur eine 

Zeitlang, als ich von verschiedenen Amouren meines Vaters er- 

fuhr, meiner Mutter als der gekrankten Frau mehr gehorte, sich 

aber spater, als ich mehr Verstandnis fiir derlei Abwege erlangte, 

Hirschfeld, HomosfxualitSt. 16 



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242 

wieder meinem Vater zuwandte. — Es ist vorgekommen, dafi mein 
Vater und ich das gleiche Geschopf liebten, und gewohnlich war 
ich eigentlich stolz auf die Ubereinstimmung unsers Geschmacks. 

12. Litten nahere Verwandte an nervosen oder geistigen Sto- 
rungen (etwa Krampfe, Veitstanz, Hysterie, Geistesschwache, 
Schwermut oder an Syphilis oder an mangelh after korper- 
licher Entwicklung, wie Bruch, Hasenscharte, Ohrmifibil- 
dungen, Kropf usw.) und zwar: 

a) Unter den Eltern und Voreltern? 

Maine GroBeltern vaterlicherseits starben beide an Krebs. 
Der GroBvater litt an einem Bruch, der sich auf meinen Vater 
und auf mich vererbte, bei mir aber seit ca. 9 Jahren vollig 
ausgeheilt ist. Meine GroDmutter miitterlicherseits starb an Ge- 
hirnschlag, eine Folge zweier vorhergegangener Schlaganfalle. 

b) Unter den alteren oder jlingeren Geschwistern ? 

Nein. 

c) In der tibrigen Verwandtsehaf t ? 

Eine GroBtante ist Morphinistin, ihr Sohn starb an Riicken- 
marksschwindsucht. 

13. Wie verhielten sich. die Eltern geistigen Getranken (Bier, 
Wein, Schnaps) gegeniiber? 

Beide absolut mafiig. 

14. Kamen in der Verwandtschaft Selbstmorde vor? Bei wel- 
chen Verwandten und aus welchen Grtinden? 

Nein. 

15. Gerieten Verwandte in bemerkenswerter Weise mit den Ge- 
setzen in Konflikt? 

Nein. 

16. Befinden sich in Ihrer Verwandtschaft viele Unverheiratete 
uber 30 Jahre (namentlich unter den Geschwistern) ? Wis- 
sen Sie aus welchen Griinden? In welchem Alter befinden 
sich dieselben? 

Nein. 

17. Findet sich mannliches Aussehen weiblicher und weibliches 
Aussehen mannlicher Familienmitglieder ? 

Mein Bruder hat, allerdings nur dem geiibteren Beol)achter 
kenntlich, etwas weiblichen Typ. Wir pflegten ihm in friiheren 
Jahren deshalb ofter Schniuck umzuhangen oder Madchenkleider 
anzuziehen; auch der Spottnaine „Gretchen mit der Perlenkette" 
ist ihm bis hcute geblioben, wenn er auch entschicdenen Wider- 
willen gegen diose Bezeichnung zeigto. Der ganzc Junge ahnelt 
moinor .Mutter: kleinor Mund, sehr kleine, foine Nase und wenigor 
dunkler Teint als ich. 

18. Sind Ihncn in Ihrer Verwandtschaft (Eltern, Geschwister, 



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Seitenverwandte) Falle von abnonnen geschlechtlichen Nei- 
gungen bekannt? 

Ein Vetter, Sohn einer Schwester meiner Mutter, 30 Jahre 
alt, ist homosexuell. — Bei meinem Vater habe ich, trotz seiner 
Don Juan-Natur, ofter Ziige beobachtet, die auf eine, ihm wohl 
vollig unbewuBte Homosexualitat schlieBen lassen. So geriet er 
einmal in einem Restaurant beim Anblick eines jungen Mannes 
derartig in Erregung iiber dessen „fabelhafte Figur", daB er 
ganz auBer sich meinte: „Diesem Mann konnte ich direkt nach- 
gehen!" Ein andermal war er nicht zu bewegen, einen Bissen zu 
essen, als er einen jungen Menschen, den wir als Gentleman in 
einem Nachtlokal getroffen batten, bei einem Orchester die zweite 
Violine spielend wiedersah. Die Enttauschung lieB ihn alles andere 
vergessen. ^ 

III. Kindheitund Jugend. 

19. Wann lernten Sie Gehen und Sprechen? Wie und wann 
war die erste und ^weite Zahnung? 

Ich lernte Gehen mit ca. 3/^ Jahren. Ich war nach Aussage 
meiner Eltern bereits nach wenigen Monaten nicht mehr im 
Steckkissen festzuhalten und mufite wohl oder iibel auf die Beine 
gestellt werden. — Ich sprach ebenso friih und wurde oft meiner 
deutlichen Aussprache wegen bewundert: „Das redet wie eine 
Alte**. 

20. Litten Sie an Gehimentziindungen, Schadelverletzungen, 
Kopfschlnerzen, Krampfen, Veitstanz, Schielen, Zahnab- 
normitSten, an chronisoher Stuhlverstopfung, an Bettnassen, 
ev. bis zu welchem Alter? 

Ich litt bis vor ca. 3 Jahren an Stuhlverstopfung, die einer 
gestorten Darmfunktion zuzuschreiben ist: mit 3 Jahren trat 
der Darm einmal heraus und konnte nur mit Miihe wieder reguliert 
werden. AuBerdem litt ich an Gelenkschwellungen (wohl Folgen 
einer zu starken Dosis Serum anlaClich einer Diphtherie-Erkran- 
kung). 

21. Waren Sie angstlich und schreckhaft, wie war es mit Alp- 
drucken, nUchtlichem Aufschreien? Stotterten Sie? 

Dunkle Zimmer versetzten mich in geradezu betaubenden 
Schrecken. Ich muB das den unverstandigen Scherzen meiner je- 
weilieen Patronessen zuschreiben, die mich z. B. in dunklen Raumen 
plotzlich vom „Huckepack** zur Erde gleiten lieBen, „der schwarze 
Mann kommtl" kreischten und die Tiir zuschlugen. Einen be- 
liebten SpaB veriibte eine polnische Kochin, indem sie des Nachts 
an mein Bett kam und in weiCen Laken mit schwarzer Maske die 
Geisterfrau markierte. — Einmal fand ich eine Postkarte, auf der 
Faust und Mephisto dargestellt waren. Unsere Kinderfrau — mein 
Bruder war gerade geboren — erklarte, das sei der „bose Geist", 
und von da ab begann ein Teufelaberglauben in mir groB zu 
werden, der sogar meinen bereits mit 10 Jahren zum Atheismus 
ubergehenden Gottesglauben iiberlebte. 

22. Bestand Kauen an den Fingernageln, Lutschen am J3aumen, 
Bohren in der Nase, Hang zum Herumtreiben, zum Liigen, 
zum Stehlen, zum tibermaBigen Weinen? 

Alles nicht. 

• 16* 



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23. Spielten Sie lieber mit Knaben oder Madchen? LieLten 

Sie mehr Jugendspiele, wie Schneeballwerfen, Raufen, 

Steckenpferde, Soldaten usw. oder zogen Sie weibliche Kin- 

derspiele vor, wie Puppen, Kiochen, Hakeln und Stricken? 

Ich spielte lieber mit Knaben, weil ihre Wildheit mir sym- 
pathischer war. Ich konnte jedoch auch Gefallen an Madchen 
finden, saB dann aber gewohnlich ruhig und plauderte lieber mit 
ihnen. Im allgemeinen zog ich Jungen vor, und die Madchen 
schienen sich iiber meine Wildheit nur zu beklagen. So lernte 
ich einmal — ich war noch nicht 6 Jahre alt — auf einem Spiel- 
platz eine kleine Baronesse kennen, die mir gut gefiel. Auf dem 
Heimweg wurde ich wegen meiner Jungenmanieren gescholten und 
dariiber aufgeklart, dafi man nicht „so" renne, nicht „so" mit den 
Armen schlenkere und nicht „so" laut sei. Die Gouvernante der 
Baronesse fand mich zu unerzogen. „Man wirft doch nicht die 
Beine derartig beim Zeckspielen und schreit und ruft laut iiber den 
Platzl" — Mit meinem Bruder spielte ich Schiff, Soldaten oder 
auch „Rennen". Eine Puppe habe ich niemals zum Ausgehen mit- 
genommen oder etwa gar zum Vergniigen an- und ausgekleidet. 
Ich hatte meinen Stock, meine Biicher und einen ordentlichen Run 
mit dem Wagen durch die Wege lieber als Kochmaschine oder 
Wiege. Weibliche Handarbeiten machte ich ungern, dagegen fand 
ich den Holzbrand sehr unterhaltend und habe bis heute die 
meisten „Obligations-Gaben" in allerlei Niiancierungen auf diese 
Art fertiggestellt. 

24. Merkten Sie, daU Sie anders waren als andere Kinder? 

Liebten Sie die Einsamkeit? Zogen Sie sich vom Verkehr 

mit Altersgenossen zurtick? 

Ich merkte, da6 ich anders war als andere Kinder. Ich habe 
von klein auf sozuaagen abseits gestanden. Das trat besonders 
beim Eintritt in die Schule zutage. Ich war unbeliebt bei meinen 
Kameradinnen und lieB diese vielleicht gerade deshalb meine 
Uberlegenheit doppelt fiihlen. Freundinnen besaB ich wenige, 
diese wenigen nur pro forma. 

25. Sahen Sie vor Hirer Pubertat auffallend madchenhaft resp. 

sehr knabentaft aus? Warden Bemerkungen gemacht, wie 

„er ist wie ein Madchen** oder „sie ist der reine Junge**? 

Ich sah auffallend knabenhaft aus, trug bis zu meinem 
siebenten Jahre kurze Haare. — „Der reine junge Hund" oder 
,.Du hast entschieden ein paar Glieder zu viel", auch „Junge, 
Junge, was soil aus dir noch werden, wenn du so wild bist", wurde 
nicht eben sehr selten geaufiert. 

26. Besinnen Sie sich auf Traume aus Ihrer Kindheit, nament- 

lich auf solohe, die sich haufig wiederholten ? Welchen 

Inhali hatten solche? 

Traume von tiefen Gewassern, die ich durchschwamm, oder 
von Bergen, die ich iiberflog, waren haufig. Ebenso sind inir 
solche, in denen ich mir, allerdings vollkommen kindlich, Ge- 
schlechtsteile (von Madchen) zeigen lieB, erinnerlich. 

27. Wie lernten Sie und wofur waren Sie am besten beanlagt? 

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Piir welche F&olher interessierten Sie sich in der Schule 
am meisten? 

Ich lernte ungewohnlich leicht. Geschichte lag mir, ebenso 
deutscher Aufsatz und Sprachen. Zeichnen war mir jedesmal ein 
Test, und ich gait als ausgezeichnete Turnerin. Dagegen hatte 
ich keinerlei Befahigung fiir Mathematik oder Physik. Ich hatte 
standig den ersten und nicht den zweiten Platz im Klassenrang 
behauptet, ware die Kleine neben mir nicht eine so vorzugliche 
Rechnerin gewesen, 

28. Wurden Sie von Eltern oder Lehrern haufig korperlich ge- 
ziichtigt oder sonst empfindlidh bestraft? In welcher Weise? 

Ich onanierte ofter und wurde deshalb mit Entziehimg vod 
Zirkusbesuchen und sonstigen Vergniigungen bestraft, noch haufiger 
jedoch mit Schlagen. Eigens zu diesem Zwecke hatte sich mein 
Vater einen Kantschu angeschafft, dessen Lederstriemen mir jedes- 
mal wiitende Tranen erpreBten. Mein Ungliick war, daB ich nicht 
weinte oder schrie: man hielt dies fiir Verstocktheit und ver- 
doppelte die Strafe. Ich war mir stets im unklaren iiber die Ur- 
sachen dieser Harte und verstand nicht, daB man in der er- 
wahnten, mir ganz natiirlichen Gewohnheit eine Ungezogenheit 
erbliokte. 

29. Wie war Ihre Erziehung? Wurden Sie mit vielen anderen 
zusamlnen in Pensionsanstalten, Klostern, Kadettenhausern 
oder im Hause Ihrer Eltern erzogen? Wie war das Leben 
in den Anstalten ? Fanden dort geschlechtliche Verf iihrungen 
durch Altersgenossen oder durch jUngere oder slltere Per- 
sonen statt, von weiblicher oder mannlicher Seite? 

Meine Erziehung lag, wie das die geschaftliche Position 
meiner Eltern bedingte, zuerst ganz in den Handen uninteressierter 
Gouvernanten, bald einheimischer, bald auslandischer, die von 
kindlicher Eigenart oder Individualitat keine Ahnung hatten. — 
Mit 16 Jahren kam ich in ein hiesiges bekanntes Pensionat und 
fand hier zum ersten Male das sogenannte „Leben" in einer Form 
und Fiille, die mich voUkommen berauschten. In der Ferienzeit 
waren wir vollig unbeaufsichtigt, und es konnten sich die ge- 
wagtesten Schwarmereien zu erkennen geben. — Verfiihrungen 
sind mir nur in zwei Fallen, und zwar seitens alterer, weiblicher 
Personen bekannt geworden — mit meiner Person geschah nichts 
dergleichen. — Ich war Angreiferin und doch dabei Leidende in 
einer Person. — Nach ca. 3 Monaten geriet meine Mutter mit der 
Vorsteherin in wirtschaftlicher Beziehung in Konflikt, und ich 
verlieB das Pensionat. 

30. Bestanden schwarmerische Freundschaften zu Kameraden 
oder eine ungewohnliehe innige Verehrung erwachsener Per- 
sonen? Auf wen erstreckten sich diese? 

Sch warmer ische Freundschaften bestanden zu Kameradinnen 
und Schwarmereien fiir Lehrerinnen. Auch in Bucher-Heldinnen, 
Marchenprinzessinnen usw. verliebte ich mich. Fiir eine Lehrerin 
habe ich mich mit 13 Jahren so „begeistert", daB man mich in ein 
Sanatorium mitnehmen muBte. 

31 Fand ein Zusamlnenschlafen mit erwachsenen oder nicht 
erwachsenen Personen (Vater, Mutter, Geschwister, Dienst- 



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246 

boten oder andere) statt? (Im gleichen Bett, oder im sciben 
Zimmer?) Badeten Sie mit ihneli gemeinsam? 

Bis zur Geburt meines Bruders schlief ich mit meinen Eltern 
zusammen, spater bis zum 14. Jahre mit meinem Bruder. Mit 
diesem habe ich bis zu meinem 10. Jahre auch haufig gemeinsam 
gebadet. 

32. Wann horten Sie zum erstenmal von geschlochtlichen Dingen 
sprechen und unter welchen Umstanden? 

Dessen kann ich mich nicht mehr entsinnen. 

33. Hatten Sie geschleahtliche Erlebnisse bereits vor der Puber- 
tat und welcher Art? 

Nein. 

84. Onanierten Sie? Wann begannen Sie damit? Wie kamen 
Sic dazu? Fanden Verftihrungen dazu durch gleichaltrige 
Personen desselben oder des anderen Gesehlechts statt? Bis 
zu welchem Alter, in welchen Abstanden, in welcher Weise 
und mit welchen Vorstellungen wurde die ev. Onanie voll- 
zogen ? 

Ja. Den Zeitpunkt des Beginns weiB ich nicht mehr, doch 
fallt derselbe in die friihe Jugend. Eine Verfiihrung dazu fand 
nicht statt. Auch gegenwartig onaniere ich noch, wenn auch 
nicht regelmaBig: oft monatelang nicht, dann wieder tiiglich. Ich 
nahm irgendetwas und preBte es angestrengt gegen den Unterleib; 
nach wenigen Minuten trat ein Klopfen ein, das spater Brennen 
zur Folge hatte. Zuerst dachte ich dabei an Einspritzungen 
(Klistiere), spater an geschlechtliche Ilandhmgen von Mannem 
an Frauen. 

35. Wann etwa trat die Geschlechtsreife ein, bzw. die erste 
Pollution oder Menstruation? 

Mit 131/4 Jahren. 

36. Wann entwickelten sich anderweitige Zeichen der Ge- 

schlecJitsreife (wie tiefere Stimme, Bartwuchs beim mann- 

lichen, Anschwellen der Briiste beim weiblichen Geschlecht)? 

Bemerkten Sie, falls Sie mannlich sind, in dieser Zeit auch 

ein leichtes Anschwellen der Briiste, falls Sie weiblich sind, 

auch ein Tieferwerden der Stimme oder die Entwicklung 

eines leichten Bartflaums? 

Bis ungefahr zum 13. Jahre habe ich stets sehr tiefe und 
rauhc Stimme gohabt. — Bekam um diese Zeit einen leichten Bart- 
flaum. — AuBerlicIie Entwickhmg erst seit ca. 2 Jahren. 

37. In welchem Alter fand der erste Versuch eines Geschleehts- 
verkehrs statt und unter welchen Umstanden geschah dies? 

Mit 14 Jahren. In unserm Geschaft verliebte ich mich in 
eine Kokotte, deren Zuneigung ich anfangs durch bloBe Schwarmerei, 
dann durch ganz aus mir selbst entstandene Beriihrungen und 
Liebkosungon zu erringen hoffte. Was ich von ihr woUte, war 
mir selbst unklar; ich geriet nur durch KUsse (auf Hand, Arm, 
Nacken, Mund, Gesicht) und derlei immer tiefer in das VerlangeD 



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247 

nacb etwas GroCem — und fand auch plotzlich den Weg dazu, als 
wir eiumal eiig aneinander gedriickt auf der Treppe saSen, und 
ich sie plotzlich an der Brust beriihrte. Sie lehnte allerdinprs ah, 
das Verhaltnis zwischen uns bestand aber bis vor kurzeni nocb 
in bald heftigerer, bald weniger aufregender Form, und ist mir er- 
innerlich als das Erste, was mich mit geschlechtlichen Dingen 
in Verbindung gebracht hat. 

IV. Gegenwartiger Zustand. 

Bd den unterstrichenen Fragen ist moglichst hinzuzufiigen, 
welche Eigenschaften Sie in derselben Hinsicht bei anderen Per- 
sonen lieben. 



A. Korperliehe Eigenschaften und Zustande. 

38. Wie ist Ihre Korperlange und Ihr Gewicht (ungefahre An- 
gaben, wie: klein, mittel groB, gentigen)? 

Korperlange: mittel. — Gewicht: ohne Kleidung 105 Pfund. 
Liebe Frauen, die kleiner sind als ich; moglichst leicht, zierlich. 

39. Sind die Muskeln kraftig oder schwach entwiekelt? Ist das 

Fleisch weich oder hart (fest)? 

Muskeln mittelmaCig entwiekelt (dies liebe ich auch bei 
anderen), doch bin ich als kraftig bekannt. — Fleisch weich 
(liebe dies auch bei andern). 

40. Welche korperliehe Tatigkeit sagt Ihnen am meisten zu, sei 

es beruf lich, sei es als Sport, Spiel usw. ? Neigen Sie mehr 

zur kraftigen Muskelarbeit, Rudern, Reiten oder zu grazi- 

osen Bewegungen wie Tanzen, oder sind Sie jeder korper- 

lichen Tatigkeit abhold, ev. aus welchen Griinden? 

Gehen, strammes Marschieren, am liebsten im Wind iiber 
Felder. Auch schnelles Klettern liebe ich. — Neige mehr zu 
Rudern usw., auch grabe ich gern. Tanzen liebe ich erst seit 
kurzer Zeit, und zwar mehr aus Freude an der Bewegung selbst, 
als um des Vergniigens willen. Ich tanze moglichst ziigellos und 
nie anders als Seite an Seite mit dem Partner ; die iibliche Form 
ist mir der nahen Beriihrung wegen unmoglich.. 

41. Sind Ihre Schritte klein, langsam, trippelnd oder groB, 
test, gravitatisch ? Wird der Rumpf beim Gehen ruhig und 
gerade gehalten, oder findet ein Drehen in den Schultern 
oder Hiiften statt? (Besser von dritten zu beurteilen.) 

Schritte sind groC ; bei anderen liebe ich wiegenden Gang. 
— - Rumpfhaltung ziemlich leger, auch schlenkere ich gern mit den 
Armen. 

42. Konnen Sie pfeifen? 

Pfeife gern und sehr gut. Begleite mioh haufig pfeifcnd 
beim Klavierspiel und suche so, da ich keine Stimme habe, diesc 
zu ersetzeu. 



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43. Ist Ihre Haut (der Teint) mehr hell oder dunkeL rein 

oder unrein? 

Sehr dunkel und gewohnlich auch ganz rein; wahrend der 
Periode verliert der Teint diese Reinheit des ofteren, jedoch nicht 
regelmafiig. Bei andern liebe ich sehr hellen und reinen Teint. 

44. Ist das Haupthaar lang, dicht, mehr weieh oder hart? Wie 
ist die Korperbehaarung (Arme, Beine, Bauch, Riicken 
usw.)? Wie ist die Haarfarbe und Haartracht (gescheitelt, 
ungeordnet, lockig usw.) ? Ist schwacher, starker Bart- 
wuchs oder nur Bartflaum vorhanden ? 

Haupthaar lang und dicht, auBerdem weioh. Bin am Korper 
sehr stark behaart. Man nannte mich aus diesem Grunde iD 
fniheren Jahren haufig: „ Kleiner Affe". Haarfarbe schwarz und 
schiefer Scheitel auf der linken Seite. Bartflaum. — Liebe bei 
andern helle Haarfarbe und das Haar moglichst seidig, wirr. 

45. Erroten oder erblassen Sie leicht? 

Errote, aber selten. 

46. Ist die Schmerzempfindlichkeit groB oder jklein? 

In Kleinigkeiten (Stiche, StoBe usw.) bin ich empfindlich, 
bei Krankheiten nach Aussage von Arzten imgewohnlich couragiert. 

47. Sind Hand und Fufi klein oder grofi (ev. Handsohuh- 

nummer)? Wie geben Sie gewohnlich die Hand? 

Hand: 61/4. Schmale und lange Finger. FuB ganz schmal, 
GroBe 38. Gebe die Hand nachdriicklich und fest, so daB mau 
oft sagte: „Du driickst mir ja die Knochen entzwei" oder „Das 
Madel hat einen Druck am Leibel" 

48. Wie ist Ihre Schrift? Falls Sie den Fragebogen nicht 
selbst ausgefiillt haben, bitten wir hier um eine Probe 
Ihrer Handsdirift. 

Schrift nicht sehr weiblich. Erhalte stets, wenn ich bei 
Bestellungen nicht mit meinem Vornamen zeichne, Briefe mit 
der Auf schrift 5,Herrn". 

49. Sind die Linien des Korpers mehr schlank, eckig oder 
rund, besonders an den Schultern? 

Mehr eckig, an den Schultern rund. 

50. Sind Ihre Hiiften breiter oder sohmaler als die Schultern 
( Tailienweite) ? 

Hiiften sind schmaler als die Schultern (Tailienweite: 67). 

51. Wie sind die Brliste? Voll, rund, mager oder platt? Sind 

die Brustwarzen oder der Warzenhof besonders groB? 

Finden sich liberzahlige verktimmerte Brustwarzenreste 

bzw. wo? 

Briiste etwa wie bei 14jahrigen Madchen. — Warzenhof be- 
sonders groB. — Liebe bei andern Briiste wie bei normalen 16 — 17- 
jahrigen schlanken Personen. 



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52. Sind die Ohren groJJ, abstehend, angewachsen, klein, zier- 
lich oder irgendwie auffallend? 

Ohren sind mittelgroB, sehr weiB im Gegensatz zur iibrigen 
Hautfarbe. 

53. Wie ist das Auge? Welclie Farbe hat es? 1st der Blick 
mehr fest oder unruhig? Sanft, innig oder schwarmerisch, 
kokett, oder bietet er sonst Eigentumlichkeiten ? 

Augen groB, schwarz. — Blick mehr fest. — Kann mit Blicken 
sehr viel erreichen und werde oft auch von mir ziemlich Freraden 
auf meine „gefahrlichen Augen" aufmerksam gemacht. 

54. Haben Sie Vorliebe ftir l^sondere Geriiche? Lieben Sie 

Parftims ? 

Ledergeruch ; Hundegeruch ; Narzissen. — Gebrauche selbst 
wenig Parfiim, nur ausnahmsweise behufs schnellerer Erreichung 
erotischer Zwecke. — Bei Frauen zieht mich ein Parfiim stets 
an, und wenn mich ein solches reizt, kann ich einer Frau oft 
straBenweit folgen. 

55. Haben Sie Vorliebe ftlr stifle oder bittere, satire, salzige oder 

stark gewi&rzte Speisen? 

Esse gem saure, salzige und stark gewiirzte Speisen, saure 
Gurken, Senf, Zitronen usw. Bin aber durchaus kein Feind von 
SuBigkeiten, liebe besonders Obst. 

56. Ist der Gesichtsausdruck mehr mannlich oder weiblich, 

bzw. wie finden ihn andere? Photographie erbeten. (Ev. 

auch derjenigen Person, die Ihreni Geschmack entspricht.) 

Gewohnlich mehr weiblich gefunden bis auf den Mund 
(Lippen — Bartflaum). 

57. Wie ist der Ban des Kehlkopfes? Tritt der Adamsapfel 

wenig, stark oder gar nidht hervor? Ist die Stimme hoch 

oder tief, laut oder leise, einfach oder geziert? 

Der Adamsapfel tritt wenig hervor. — Stimme tiefer als 
gewohnlich bei Frauen. Kann sehr laut, in Momenten der Er- 
regung sehr leise sprechen. (Liebe bei andern leise und weiche 
Stimme.) 

58- Besteht Neigung in Fistel- oder Bafistimme zu sprechen 
oder zu singen? 

Nein, doch singe ich nur tief. 

59. Sind Sie linkshfindig? 

Nein. 

60. Bestehen Storungen des Nervensy stems, wie Kopfweh, 

Migr&ne, Schlaflosigkeit, grofle Mattigkeit, Unruhe, Zittern, 

Schwindel ? 

Schwindel und Mattigkeit nach korperlicher Anstrengung. 
Ganz besonders von Zeit zu Zeit derartige Unruhe, daB ich ent- 
weder stundenlang drauBen herumlaufe oder voUig erschopft fiir 
ganzo Tage in einen Dammerungszustand gerate. Friiher half da- 
gegen das Zerschlagen irgendwelcher Dinge; ich wurde danach 



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wieder ganz ruhig und befriedigt. Schlaflosigkeit tritt perio- 
discb auf. 

61. Sind an den Genitalien oder ihrer Umgebung auBerliAe 
Bildungsf ehler vorhanden ? 

Nein. 

B. Geistige Eigenschaftenund Zustande. 

62. Wie ist Ihre Gemtitsart, mehr weich oder hart? 

Mehr hart. Bia nicht fiir Zartlichkeiten, Verwandtenkiisserei 
usw., audi bei den. Eltern nicht. Man halt mich fiir herzlos, 
arrogant usw., well ich lieber dafiir gelten will, als bei irgend- 
welchen Aniassen meine Neigung und Gefiihisbewegungen zu er- 
kenneu zu geben. — Liebe bei andern moglichste Unterordnung. 

63. Besteht starke Empfanglichkeit fiir Freude und Schmerz? 
Ist besonders Neigung zum Weinen oder Lachen vorhanden? 
(Ev. auch bei nicht entsprechenden Gelegenheiten, wie 
Weinen vor Freude, Lachen vor Schmerz oder bei Trauer) ? 
Steigert sich das Weinen oder Lachen zu krampfhaften 
Anf alien ? 

Starke Empfanglichkeit fiir Freude und Schmerz. Weine 
sehr selten, dann aus Nervositat. Bei Erregungen, die mir naher 
gehen, stohne ich laut, verspiire dann auch gewohnlich einen 
eigenartigen Geschmack auf der Zunge. Bei Traueranzeigen, Todes- 
nachrichten lache ich stets : meistens wandelt sich eine groBe Er- 
schutterung in Lachen, z. B. beim Anhoren des Stiickes „Glaube 
und Heimat" oder iiberhaupt im Theater. In friiheren Jahren 
bekam ich abends mitunter aus ganz geringfiigigen Aniassen 
Lachanfalle, die sehr lange dauerten, jeden ansteckten und von 
meinen Bekannten humoristisch „ Kicker-Polka" benannt wurden. 
Das verier sich aber nach und nach. Weinkrampfe bekam ich 
zweimal. 

64. Ist Ihr Wesen mehr gleichmaflig ruhig oder sind Sie von 

Launen abhangig, oft sehr niedergedriickt, oft ausgelassen 

heiter („himmelhochjauchzend, zu Tode betrtibt'*)? 

Bin von Launen abhangig, im Innersten jedoch immergleich- 
maCig alien Vorkommnissen gegeniiber. Viel EinfluB konnen diese 
Launen auf Entschliisse nicht ausiiben. 

65. Sind Sie leicht heftig, zornig, erregt, liberschwanglich 

(exaltiert) ? 

Bin heftig. In Zorn gerate ich nie, ganz besonders nicht, 
wenn das bei eincm event. Gegner der Fall wird. Je aufgeregter 
der andere, desto ruhiger ich. Bin daher bei Streitigkeiten ge- 
wohnlich im Vorteil. 

66. 1st Familiensinn stark oder schwach ausgepragt? Hangen 
Sie sehr an Vater oder Mutter? An Hausli(5hkeit, Heimat, 
Vaterland ? 

Familiensinn fast gar niclit ausgepriii^t. Hange weder an 
uicinen Eltern noch an meinem Bruder (was selbstverstandlich 



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251 

als im landlaufigen Sinne gemeiat zu betrachten ist: Liebe, die 
ganz selbstverstandlich erscheinen muB, gehort nicht hierher). 
Auch an Hauslichkeit, Heimat, Vaterland hange ich nicht sehr. 

67. Besitzen Sie Gutrntitigkeit, Liebenswurdigkeit, Selbstaufopfe- 

rung, Menschenliebe, Liebebedtirf tigkeit ? 

Bin weder gutmiitig noch liebenswiirdig. Menschenliebe aucb 
nicht bedeutend vorhanden, das heiBt: sehr wohl „alles verstehen 
— alles verzeihen". Bin liebebediirftig und kann in Fallen einer 
erwiderten Neigung der letzten und weitesten Aufopferung fahig sein. 

68. Ist starker Ehrgeiz, tlberschatzung der Personlichkeit (oder 
Unterschatzung), Empfanglichkeit ftir Bewunderung und 
Beifall, Hang aufzuf alien, Herrschsudit vorhanden? 

Empfanglichkeit fiir Bewunderung und Herrschsucht. 

69. Sind Sie redselig, neugierig, verschwiegen ? Haben Sie Ge- 
fallen an Klatsch? Sind Sie mehr mifltranisch oder leicht- 
glaubig ? 

Bin besonders in Gesellschaft sehr schweigsam. Mit meinen 
Freunden rede ich verhaltnismaBig wenig, wenn wir uns erst 
kennen. Das Liebste ist mir ein Spaziergang zu zweit, wahrend 
dessen Dauer kein Wort fallt. Aur Reisen bildet dies den be- 
sonderen Arger meiner Begleiter, da ich auch bei den herrlichsten 
Eindriicken niemals Ausbriiche des Entziickens usvv. laut werden 
lasse, nicht etwa, weil ich nichts fiihle, sondern weil ich keine 
Worte finde und diese bei starken Eindriicken fiir iiberfliissig 
halte. In Briefen dagegen spreche ich vieles aus, ebenfalls ganz 
Fremden gegeniiber, die ich Halbestunden erst kenne. — Klatsch 
ist mir widerwartig, ich auBere jedesmal Emporung dariiber. — 
Bin miBtrauisch und leichtglaubig, doch be ides gewohnlich an un- 
rechter Stelle. 

70. Wie halten Sie es mit der Religion (fromm, gleidhgiiliig, 
unglaubig, zn einer Sekte gehorig) ? Wie stellen Sie sidi 
zum Cbersinnlichen, Wunder- und Aberglauben, Spiritismus, 
Geistererscheinungen, Ahnungen, Mystik? Haben Sie eigene 
Erlebnisse zu verzeichnen, auf die sich Ihre Ansicht dar- 
iiber sttitzt, welehe efv. ? Haben Sie Ihren Glauben ge- 
wechselt ? 

Glaube an Gott im Goetheschen Sinne. Bete nicht, hesuche 
keine Kirchen. Den Kinderglauben gab ich bereits mit 10 Jahren 
auf nach einer Schulbesprechung iiber die Beformation. — Spiritis- 
mus halte ich fiir Unsinn, dagegen habe ich bis vor wenigen Jahren 
noch unter jedem Waldstein und Felsen Marchenfiguren gesucht. 
Zwerge waren mir sympathisch ; einen Waldschratt fiirchtetc und 
suchte ich auch cine Zeitlang. Besonders zog mich der Geda-nke 
einer Elfenexistenz an: ein Miirchen diesbeziiglichen Inhalts wurde 
und blieb mein Liebling viele Jahre. Heute glaube ich an nichts 
mehr als an die eigene Kraft. 

71. Besteht Abenteuersucht ? Hang zur Romantik? Hang zum 

Herumtreiben ? 

Abenteuerliche Situationon sind mir nie unwillkommen, wage 
gem etwas AuBergewohnliches zu bestimmten Z week en. 



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262 

72. Sind Sie ordentlich (pedantisch) oder unordentlich, piinkt- 

lich oder unptinktlich, sparsam oder verschwenderi&ch ? 

Sammeln Sie etwas? Ev. was? 

Sehr unordentlich, peinlich dagegen in bezug auf Waschc 
usw. Kann wochenlang em fiirchterliches Chaos in meinen Muai- 
kalien mitansehen, ohne mich im geringsten gestort zu fiihlen, 
wiirde aber alles andere eher tun, als einen gebrauchten Bade- 
mantel umzuhangen oder ein Handtuch zu benutzen, von dem icb 
nicht ganz sicher bin, es ausschlieBlich selbst gebraucht zu haben. 

— Bin sehr punktlich; verschwenderisch. — Sammelte Bildnisse 
interessanter Frauen, eine Zeitlang auch Briefmarken, auBerdem 
Negei*waffen und sonstige Exotika. 

73. Leiden Sie unter zwangsmaBigen Antrieben, Vorstellungen 

oder Unterlassungen ? Ev. unter welchen? 

Lit! bis vor kurzem unter zwangsmaBigen Antrieben, machte 
Besuche, schrieb Brief e u. dgl. auf inneres GeheiB und sah auch 
alle moglichen Gegenstande beweglich, die entweder nicht exi- 
stierten oder nur durch meine Einbildungskraft lebendig wurden. 
Wenn ich starke erotische Anwandlungen unterdriicken muB, be- 
machtigt sich meines ganzen Korpers, der ganzen Person eine an 
Verfolgungswahn grenzende Unruhe, die einer Depression weicht 
und schlieBlich wieder in den gewohnlichen normalen Zustand 
iibergeht. 

74. Sind Sie nachtragend oder versohnlich? 

Bin versohnlich (gleichgiiltig nachsichtig beinahe) in kleinen, 
alltaglichen Vorkommnissen, da ich ihnen keine Bedeutung bei- 
messe. Angriffe ^egen etwas Ideelles, Innerstes vergesse ich nie, 
ganz gleich, ob sie gegen mich oder eine fremde Auffassung ge- 
richtet sind, der ich zustimmen muB. 

75. Haben Sie starken oder schwachen Willen, Energie, T^urcht- 

samkeit oder Mut? 

Habe absoluten Willen. Energie im Durchfiihren mir 
wichtig erscheinender Dinge G,du rennst ja doch immer mit deinem 
Kopf durch die Wand"). Furchtsamkeit im landlaufigen Sinne 
ist mir fremd; bin jedoch in angebrachten Fallen durchaus An- 
hangerin des Satzes: „Wer sich in Gefahr begibt, kommt darin 
um". Einmal fand ich eine Maus im Bett, schiittelte sie heraus 
und schlief ruhig weiter. Bei Gefahren bleibe ich ganz ruhig. 
Bin einmal iiberfahren worden, habe aber trotzdem keine Scheu, 
durch jedes Wagenchaos unbekiimmert hindurchzugehen. — Bei 
andern liebe ich Schutzbediirftigkeit. 

76. Haben Sie einen groBeren Hang zum Wohlleben oder zur 

Anspruchslosigkeit, zu geistiger oder korperlicher Arbeit 

oder zur Bequemlichkeit ? 

Gehore zu den Menschen, die alles schatzen und alles ebenso- 
eni entbehren konnen. Speise mit der gleichen Befriedigung 
im Esplanade-Hotel wie auf Holztisch im Bauernhaus. Lebe 
wochenlang mit einem Kleid — und finde dasselbe gleichgiiltige 
Gefallen an einem tagiich dreimaligen Kleiderwcchsel im Badeort. 
Wenn ich etwas haben kann, sehe ich das Entbehren nicht ein, 

— wenn ich entbehren muB, wiinsche ich den Luxus jedoch mit 
keinem Gedanken. — Ich arbeite gem geistig, finde aber auch 



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253 

Befriedigung in darauffolgender korperlicher Bewegung (Graben, 
Laufen usw.). 

77. Wie halten Sie e8 mit dem Trinken und Rauchen? Konnen 

Sie alkoholische Getranke vertragen? 

Rauche gern und viel. Trinken kann ich ausgezeichnet 
vertragen, z. B. war ich einmal nach 7 Glas franzosischen Sekts 
durchaus niichtern. — Bei andern liebe ich Rauchen, aber nicht 
Trinken. 

78. Wie sind Ged&cihtnis, Aufmerksamkeit, Phantasie? Neigen 

Sie zu triiuinerischen Wesen? Erfinden Sie gern phanta- 

stische Geschichten? 

Gedachtnis sehr gut, Aufmerksamkeit gewohnlich nicht be- 
deutend, Phantasie bekannt als weitschweifig. Neige seit einiger 
Zeit nicht mehr iiberwiegend zu Traiunereien, kann mich iedocb 
immer noch in Gedanken so verlieren, daO ich alles Umgebende ver- 
gesse. Phantastische Geschichten erfinde ich nicht. 

79. Ist die geistige Beanlagung mehr Neues schaffend oder 
nachempfindend ? Mehr prtifend oder leieht beeinf luiibar ? 
Selbstandig oder anlehnungsbedtirftig (produktiv kritisch 

oder rezeptiv)? 

Beanlagung mehr neuschaffend, produktiv. Komponiere, 
schreibe aucn etwas. — Mehr priifend. — Absolut selbstandig. 

80. Besteht Fahigkeit fiir Mathematik und abstrakte Anfgaben, 

literarische, ktinstlerische Veranlagung, wie Talent fiir 

Malerei, Plastik usw. ? Lesen und studieren Sie Ariel ? 

Welche Lekture ziehen Sie vor? (Wissenschaftliche Werke, 

Dichtungen, Belletristik, Kriminalromane, Humoristisches, 

Zeitungslektiire) ? 

Pahigkeit fiir Mathematik u. dgl. gar nicht, dagegen Ver- 
anlagung fiir Musik. Lese verhaltnismafllg wenig, Romane gar 
nicht. Ziehe Goethe und die Modernen vor. Kriminalromane 
finde ich langweilig, desgleichen Zeitungslektiire bis auf Politik, 
doch nur Auslandspolitik. Im iibrigen lese ich die Blatter, um 
genau orientiert zu sein. Zoologische Werke interessieren mich 
sehr (wollte in friiheren Jahren studieren), ebenso Reisebeschrei- 
bungen. — Briefe schreibe ich gern, jedoch nicht iiber AUtaglich- 
keiten. 

81. Wie verbal ten Sie sich zur Musik ? 

Liebe Musik mehr als alles andere, sie hilft mir iiber vieles 
hinweg. Bevorzuge alles stark Individuelle : Beethoven, Bach, 
Chopin. Spiele Klavier, komponiere. — Bei andern liebe ich Ver- 
standnis fiir Musik, das jedoch nicht iiber mein eigenes hinaus- 
gehen darf. 

82. Besitzen Sie Neigung zur Schauspielkunst ? 

Ja. Werde noch heute von alten Bekannten oft gefragt, 
weshalb ich nicht Schauspielerin geworden sei. Habe friiher 
viel rezitiert und auch selbst geschrieben. Heute habe ich weniger 
Interesse fiir das Theater. 

83. Welche Personlichkeiten aus Sage und Geschichte (Ver- 



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254 

gangenheit und Gegenwart) interessieren Sie am ineisten 

resp. sind Ihr Ideal? 

Helden : Dietrich v. Bern, Ledersfcrumpf in f riihereD 
Jahren, heute Friedrich d. Gr. , Napoleon, der letztere 
ganz besonders. Gegenwartig interessiert mich eine Schau- 
spielerin durch das Menschliche ihrer Kttnst und das Kassi^e, 
Unkultivierte, Leidenschaftliche ihrer auCeren Personlichkeit; 
Tilla Durieux. Weder liebe ich sie, noch schwarme ich fiir 
sie, nur diese Vereinigung von Tier und Mensch bei ihr ist mir 
interessant. 

84. Haben Sie Neigung zu bestimtnten Beschaftigungen Kvie 
Kochen, Putz, Handarbeiten oder wie Sport, Jagen, SchieBen 
usw. ? Fiir welche Gegenstande interessieren Sie sich be- 
sonders ? Z. B. Politik, Mode, Theater, Pferde, Blumen usw. ? 

SchieBe gem und gut. Habe Neigung fiir Politik, Theater, 
Pferde (nicht Pferde r e n n e n). Aus Blumen mache ich mir nichts, 
verstehe auch nicht, sie zu pflegen. Koche nicht, Handarbeiten 
verstehe ich schlecht. 

85. Nehmen Sie am politischen Leben teil? Sind Sie mehr 
gemaBigt oder radikal? Bekleiden Sie offentliche Ehren- 
amter ? 

Nein. 

86. Fiihlen Sie sich in Ihrem Beruf zufrieden, bsw. zu welchem 
B'^Tiif fiihlen Sie sich hingezogen? 

riihle mich absolut fiir meine Plane und augenblicklichen 
Beschaftigungen geschaffen und darin zufrieden. 

87. Spielt in Ihren Gedanken die Kleidung eine groCe Rolle? 

Lieben Sie mehr einfache oder auffallende, anliegende oder 

flatternde Gewandungen, hohe Kragen oder freien Hals? 

Findet sich eine stark ausgesprochene Vorliebe fiir oder 

Abneigung gegen Schmuck? Lieben Sie eine bestimmte 

Farbe, ev. welche? 

Nein, d. h. nur nicht im iiblichen Sinne : liebe durchaus das 
Apartc und weiC auch gewohnlich das Richtige auszuwahlen. In 
modernen „Jiing-Damen-Sachen" sehe ich aus wie ein Baby im 
Schleppkleid. Liebe einfache Kleidung, moglichst leger (Joppe 
mit Gurt usw.) und immer freien Hals. — Besondere Vorliebe 
fiir Schmuck habe ich nicht, trage aber gern groCe Binge. — Bei 
andern liebe ich Sinn fiir geschmackvolle Kleidung. — An Farben 
bevorzuge ich dunkelblau und grau. 

88. Sind Sie im allgemeinen mehr beliebt oder unbeliebt? Leben 

Sie gerne im gesellschaftlichen Verkt^hr oder mehr fiir sich 

abgesondert, einsam? Lieber auf dem Lande, in der Klein- 

stadt oder GroBstadt? 

Bin mehr unbeliebt ; wo aber einmal Zuneigung zu mir vor- 
nanden, bleibt sie „fiir die Ewigkeit", mir nicht selten geradezu 
lastig. — Lebe lieber fiir mich. — AVohne lieber in einer Grofistadt. 



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255 

89. Haben Sie besondere Leistungen oder Verdienste aufzu- 
weisen, ^v. welche? 

Habe einige Kompositiouen geschrieben, sonst nichts Be- 
sonderes. 

C. Geschlechtstrieb, 

90. Haben Sie tibsrhaupt geschlechtliche Neigungen oder fehlen 
dieselben bei Ihnen ganzlich? 

Habo solche. 

91. Auf welches G-eschlecht ist Ihr Geschlechtstrieb gerichtet? 

Auf das weibliche Geschlecht. 

92. Haben Sie bemerkt, dafl Ihre Triebrichtung sich vor, 
wahrend oder nach der Geschlechtsreife geandert hat oder 
ist sie stets dieselbe geblieben? 

Hat sich nach der Geschlechtsreife geandert, d. h. : f iir das 
weibliche Objekt empfand ich von jeher unbewuBt wie ein Mann. 
Bereits mit 12 Jahren hatte ich das Verlangea, von Frauen um- 
armt und gekiiBt zu werden und dies selbst bei ihnen zu tun, wo- 
bei korperliche Erregungen eintraten. Da ich aber nichts anderes 
als den natiirlichen Verlauf der Liebe kannte, redete ich mich 
bei Knaben einige Male in einen „Liebes"zustand hinein, der in 
Wahrheit niemals bestanden hat, denn diese „Liebe" beruhte 
auf absoluter Schwarmerei (Briefekussen usw.) und hat mit 
irgendwelchem geschlechtlichen Verlangen nie das Geringste zu 
tun gehabt. Im Gegenteill Einer meiner Vettern, den ich auch 
sehr „liebte", wollte mich einmal kiissen, was mich im Moment 
der Annaherung geradezu koraisch beriihrte und zuriickgewiesen 
wurde. Dabei war ich nach Ansicht aller andern docli geradezu 
vernarrt in den Jungen. Ich hatte wohl die gleichen Gefuhle 
fiir Knaben, die das Madchen in bestimmtem Alter fiir ihre Kame- 
radinnen entdeckt, nur daB sie in ihnen den Mann suchen, wahrend 
icli im Knaben das Madchen gesucht zu haben erkenne. 

93. Welches sind die ungefahren oberen oder unteren Alters- 

grenzen der Personen, welche Sie anziehen, oder ist 'Ihnen 

das Alter gleichgtiltig ? 

Das Alter ist mir ziemlich gleichgiiltig, am liebsteh sind 
mir weibliche Personen zwischen 17 und 20 Jahren. 

94. Fesseln Sie mehr Personen, Hie geistig und sozial iiber 
Ihnen oder unter Ihnen stehen, mehr verfeinerte, sanft- 
miitige oder mehr grobere, kraftvoUe Naturen? Geben Sie 
bestimmten Standen den Vorzug? Lieben Sie Personen, 
auf. welche Sie erzieherisch wirken konnen? 

Personen, die sich in geistiger Beziehung von mir abhangig 
fiihlen miissen. — Mehr verfeinerte Naturen, doch in keinem Falle 
von der Gattung des „Veilchens, das im Verborgenen bliiht". — 
Bestimmte Stande bevorzugo ich nicht. — Liebe Personen, auf die 
ich einwirken, die ich bcoinflussen kann. 

95. Auf welchen Eindrticken beruht die Anziehung, welche ge- 
wisse Personen des Sie anziehenden Gesohlechts ausiiben? 

a) Auf Wahrnehmungen des Gesichtssinns? Was er- 



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256 

scheint Ihnen am Gesicht, an der Gestalt besonders 
schon ? Beizt Sie mehr der nackte, bekleidete 
oder halbverhtillte Korper? 

Am Gesicht liebe ich die schmale Form, sodann einen eiu 
wenig offenen, mit vorstehenden Zahnen versehenen Mund und 
besonders die Augen, die entweder grofi und erstaunt aussehen oder 
von den Lidern halbverschleiert sein miissen. Energische Blicke 
lassen mich kalt, wie iiberhaupt noch niemand mit Energie etwas 
bei mir hat erreichen konnen. — Die Gestalt liebe ich entweder 
k 1 e i n und schmal oder s e h r groB und schmal. Vor allem 
keine starken, knochigen Hiiften; ausgeprajgte Figuren stoBen mich 
ab. Schlank muB die Betreffende in jedem Falle sein. Auch 
schmale Handgelenke liebe ich. — Es reizt mich der halbverhtillte 
Korper. 

b) Auf Wahrnehmungen des Gehors, d. h. zieht die 
Stimme der Sie reizenden Personen Sie besonders 
an? 

Die Stimme einer Person kann alles bei mir bewirken. Liebe 
weiche, lassige Stimme, wahrend eine laute und kraftige mich 
abstoBt. 

c) Auf Wahrnehmungen des Geftihls? Ubt beispiels- 
weise weiche und schwellende Haut oder hart und 
straff sich anftihlende Muskulatur auf Sie eine be- 
sondere Anziehung aus? 

Liebe weiche, moglichst glatte und kuhle Haut, besonders 
in bezug auf Gesicht und Anne. 

d) Auf Wahrnehmungen des Geruchs? Werden Sie 
durch den Ausdunstungsgeruch ^ewisser Personen er- 
regt oder abgestoBen? Spielt dabei die Ausdiinstung 
bestimmter Korperstellen eine Rolle? 

Es gibt einen bestimmten Geruch des Mannes, der mir phy- 
sisches tfbelkeitsgefuhl verursacht: ein fettiger, penetranter Dunst. 
An Frauenkorpern habe ich bestimmte Geruche nicht wahr- 
genommen. Im Zustande erotischer Erregung wirkt der weibliche 
Korper auf mich suBlich. 

e) Oder halten Sie die Anziehung fiir eine rein vor- 
wiegend seelische, auf Eigenschaften des Charak- 
ters, Willens, Intellekts usw. beruhende? 

Nein, denn ich kann mich in Menschen verlieben, mit denen 
ich noch kein Wort gesprochen habe und von denen ich nichts weiB. 

96. Lieben Sie eine Person wegen solcher Eigenschaften, die 
Sie selbst ebenfalls besitzen oder die Sie nicht haben, 
z. B. bzgl. GroBe, Haarfarbe, geistiger Bildung uaw. ? 

Gewohnlich liebe ich das Gogenteil von mir, also: klein, 
blond, zart, geistig unter mir stehend- Es ist aber auch schon 
vorgekommen, daB dunkle Typen mich anzogen. Also laBt sich 
eine bestimmte Norm bei mir nicht aufstellen. 

97. Bezieht sich Ihr Gesehleehtstrieb auf Personen mit ausge- 
sprochenem Typus des Sie anziehenden Geschlechts (also 



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251 

ftuf echt m&nniiciie oder echt weibliche Erscheinungen) oder 
aiil weniger ausgepragte Gescfilechtstypen, also Frauen, die 
in ihrem AuBeren und Charakter Mannliches Jiaben, oder 
Manner, die weibliche Ztige aufweisen? 
Auf echt weibliche Erscheinungen. 

98. Auf welches Geschlecht bezogen sich, Jbzw. welchen Inhalt 
batten Ihre erotischen Traume? 

Traume bezogen sich nur auf das weibliche Geschlecht. 

99. Erregen im Publikum, auf der Strafle, im Theater usw. melir 
Damen oder Herren Ihre Aufmerksamkeit? In welcher Ge- 
sellschaft flihlen Sie sich am wohlsten? 

Mehr Damen. — Fiihle mich am wohlsten unter Damen. 
Cbrigens fiihle ich mich nicht unbeq^uem belastigt durch event. 
Kourmacherei der HeiTen, die in ihrer angeborenen Arroganz eine 
Abweisung seitens der Frauen fUr Schausi^ielerei, Gleichgiiltig- 
keit fiir Unliebenswiirdigkeit halten. 

100. Interessieren Sie sich mehr ftir Bilder, Photographien, pla- 
stische Darstellungen weiblicher oder mannUcher Personen ? 

Interessiere mich mehr fiir Darstellungen weiblicher Per- 
sonen, finde aber den mannlichen Bau vom Gesichtspunkt „Kunst- 
werk" aus — in tadelloser Reinheit — nicht abstoBend (z. B. 
ApoU V. Belvedere). 

101. Welchem Geschlecht gegentiber sind Sie unbef angener ? Be- 
sitzen Sie ausgesprochenes Sehamgeftihl, und ist es weib- 
lichen oder mannlichen Personen gegeniiber groBer? 

Unbefangener dem miinulichen Geschleclit gegeniiber. — Be- 
sitze kein ausgesprochenes Schamgefiihl, doch ist das vorhandene 
weiblichen Personen gegeniiber groBer. Allerdings ist es mir 
audi schrecklich, von einem Manne mit seinen Augen (also als 
Weib) betrachtet zu worden. 

102. Sind Sie in Ihren Zuneigungen mehr fliichtig oder be- 
standig? Lieben Sie den ,, Flirt'* (das sogenannte „Pous- 
sieren") ? 

Unbestandig. -- Den ,, Flirt'* liebe ich nicht. 

103. Wie unterscheiden Sie Freundschaft und Liebe? Worauf 
grtindet sich bei Ihnen Ihrer Meinung nach ein Freund- 
schaf tsverhaltnis ? Bestanden Freundschaftsblindnisse von 
langer Dauer? Kann Freundschaft Ihnen Liebe ersetzen? 
Liebe ist bei mir das, was Goethe in dem Satz : 
„Wenn ich dich liebe, was geht's dich an?" so ausgezeichnet 
als den Inbegriff alles Selbstverstandlichen, im Grunde Sclbst- 
losen und Unabanderlichen charakterisicrt. Freundscliaft 
kann nur auf Gegenseitigkeit und Kenntnis der innersten Eigen- 
scbaften beruhen. Des ersteren Gefiihls — der Liebe an sich — 
bin ich nur fiir Frauen fahig. Wenn ich die Eigenschaften eines 
Mannes schatzen kann, ist mir ein Freundschaftsverhaltnis mit 
ihm auch moglich. Auf den .,ersten Blick" kann ich fiir einen 
Mann nie etwas empfinden. — Freundschaftsblindnisse be- 
standen zweimal mit Knaben ; sobald ich aber von ihrer Seite 

Hirschfeld, Hom-scxualitat. \j 



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258 

erotische Neigung bemerkte, zog ich mich zuriick. Diese bund- 
iiisse waren nicht von langer Dauer. — Freundschaft kann mir 
Liebe nicht ersetzen. 

104. Gingen Sie eine Dhe ein und aus welchem Grunde? Wie 
war bzw. ist das Eheleben? 

Nein. 

105. Hatten bzw. haben Sie Kinder und wie viele? Lieben Sie 
dieselben? Haben Sie bei denselben Besonderheiten (auch 
in geschlechtlicher Hinsicht) bemerkt? 

Kinder liebe ich nicht. 

106. Wie war die Starke und die Beherrschbarkeit des Ge- 

schlechtstriebes ? Halten Sie denselben bei sich auf die 

Dauer fur unuberwindlich ? Inwieweit wurden die Nei- 

gungen unterdriickt, inwieweit wurde ihnen nachgegeben 

oder wurden sie durch Selbstbefriedigung ersetzt? 

Sehr stark, wenig beherrschbar. — Auf die Dauer uniiber- 
windlich. — Neigungen unterdriickt durch Fernhalten von den 
begehrten Personen; aus Mangel an Gelegenheit konnte ihnen 
wenig nachgegeben werden; Selbstbefriedigung half nicht, kann 
die Neigungen nicht ersetzen. 

107. Wie oft etwa fand bzw. findet durchschnittlich sexuelle 

Betatigung statt? Tritt die Befriedigung rasch oder lang- 

sara ein? 

Jeden 2. bis 3. Tag. — Befriedigung tritt langsam ein. 

108. Welche Art der geschlechtlichen Betatigung entspricht 
Ihrem Empfinden? Bevorzugen Sie beim geschlechtlichen 
Verkehr eine besondere Abart? Ist Ihr Verhalten beim 
sexuellen Verkehr mehr mannlich aktiv oder weibUch: 
passiv ? 

Besonders Kiisse, und zwar das sogenannte „Trinken" aua 
des andern Mund, dann ein Aufeinanderliegen. — Bin aktiv. 

109. Bestand Widerwillen oder Gleichgtiltigkeit gegen den nor- 
malen Akt? Fanden trotzdem Versuche statt ihn auszu- 
tiihren? Welche Empfindungen hatten Sie herna^ci? Be- 
stand eine Unmoglichkeit resp. ein Hindernis, (Jen normal- 
geschlechtlichen Akt zu vollziehen? (Impottenz, ev. wo- 
durch verursacht) ? 

In der Theorie Gleichgiiltigkeit, in dcr Praxis Widerwillen.. 
— Versuche fanden statt. — Nachher hatte ich das Gefuhl de* 
Ekels, der Lacherlichkeit, der Gleichgiijtigkeit 

110. Verkehren Sie mit ProstituierteUi u^nd wantm^ (z. B. Mangel 

an anderem Verkehr, besond;ere Keigung) oder werden Sie 

durch solche abgestofien? 

Verkehrte (bezw. verkehre) mit etner solohen- Verstand za 
Anfang des Verhaltnisses nichts von Pi!ostitution; os jnufi also Zu^ 
neip^unp dem V^erkehr zugrund.e U^^gcn.. Werde diu'ch ProstUuLprte 
nichl absrestofien. 



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269 

111. Ergtreckt sich der Geschlechtstrieb immer nur auf Per- 
sonen des einen oder auch auf Personen des anderen Ge- 
schlechts, in gleichem oder verschiedenem bzw. in welchem 
Grade (Bisexualitat) ? 

Auf Personen des eigenen Geschlechts. 

112. Ist der Verkehr aussehliefllich mit Personen des anderen 
oder anch mit Personen des eigenen Geschlechts moglich? 
Mtissen Sie sich beim Verkehr mit Hilfe der Einbildungs- 
kraft eine Person eines anderen Geschlechts vorstellen, als 
desjenigen, mit welchem Sie verkehren? 

Nur mit Personen des eigenen Geschlechts — Nein. 

113. Bestand je Neigung zu geschlechtlich unreifen Personen? 

Nein. 

114. Hatten Sie Neigungen, den von Ihnen geliebten Personen 

korperliche Schmerzen, seelische Demiitigungen, sonstige 

Schadigungen oder womoglich gar Gewaltakte zuzuTtigen? 

(S a d i s m u s). 

Seelische Demiitigungen, die mir bei aller Freude daran viel- 
leicht doch mehr Schmerzen bereiten als den Betreffenden selbst. 
— Ferner Brennen mit Zigaretten; Pressen. 

116. Hatten Sie den Wunsch, von der geliebten Person eine 
solche Behandlung selbst zu erleiden? (M asochismus). 
Ja: Stechen mit Nadeln, StoCen, Schlagen, BeiBen. 

116. Haben Sie eine vorwiegende Leidenschaft ftir bestimmte 
Korperteile (Haar, Hand, FuB, Leberflocke usw.) oder be- 
stimmte Bekleidungsstticke (Wasche, Schuhe, Handschuhe, 
Uniform usw.) oder fiir bestimmte Stoffe^ wie Pelz, Samt, 
Seide, Leder, Lack usw. (Fetischismus)? Reizt es 
Sie, die Kleidung des anderen Geschlechts anzulegen (E r o - 
tischer Verkleidungstrieb)? 

Fiir Hande und FiiCe, auch fiir Haar (ein haBlicher Haar- 
wuchs kann mir den schonsten Menschen verleiden). Liebe 
Wasche, Schuhe, Seide. — Es reizt mich, mannliche Kleidung 
anzulegen; fiihle mich darin bedeutend wohler und gleichsam 
befreit. 

117. Neigen Sie dazu, sich vor anderen zu entbloBen (Exhibi- 

tionismus)? 

Nein. 

118. Erregt Sie sexuell nur Ihr eigener Korper (Automono- 
sexualismus)? 

Nein. 

119. Haben Sie eine Neigung, andere Personen bei Verrichtung 
diskreter Akte zu beobachten (Voyeurtum)? 

Nein. 



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260 

120. Sind Sie jemals durch Tiere sexuell erregt worden (Zoo- 
p h i 1 i e) ? 

Nein. 

121. Leiden Sie an einer andern, hier nicht erwahnten sexuellen 

Abweichung von der Norm? 
Nein. 

122. Falls einer der von Nr. Ill — 121 erwahnten Triebe vor- 
liegt: 

a) Konnen Sie diesen Trieb erklaren? Glauben Sie, daB 
er auf Verftihrung, ein bestimmtes Erlebnis in 
der Kindheit oder im spateren Alter zuriickzuftihren 
ist, oder auf eine innere A n 1 a g e ? 

Trieb 111, 111, 115 und 116 beruhen auf innerer Anlage. 

b) Wann und bei welcher Gelegenheit entdeckten ^ie 
den anormalen Trieb bei sich? 

Die Entdeckung der Triebe 111 und 116 geschah schon in 
friiher Kindheit, diejenige der Triebe 114 und 115 im Verkehr mit 
der unter Nr. 37 und 110 erwahnten Kokotte. 

c) Haben Sie diese Neigung betatigt? 
Ja. 

123. Haben Sie stark gegen Ihre Natur angekampft? Mit wel- 
chen Mitteln und welchem Erfolge? Unterzogen Sie sich 
einer arztlichen Behandlung, welcher, mit welchem Er- 
gebnis ? 

Ja, durch Fernhalten von der geliebten Person, durch Zwingen 
zum Zusammensein mit jungen Mannern usw. — Ohne Erfolg, 
denn nachher ergriff ich um so temperamentvoller die Gelegen- 
heit, das als unersetzlich erkannte Gefiihl fiir die Frau in irgend- 
welchen Formen zu betatigen. — Unterzog mich einer psycho- 
analytischen Behandlung, die mir das driickende Gefiihl einer 
Schuld, die ich bisher in meiner Veranlagung erblickt hatte, 
absolut nahm. 

124. Ftihlten Sie sidh sehr ungliicklich? Litten Sie an Lebens- 
uberdrufi, machten Sie Selbstmordversuche ? Hatten Sie 
Konflikte (Unannehmlichkeiten) mit Ihrer Familie, Be- 
horden oder solche anderer Art? Z. B. Erpressungen. 
Brachte Sie Ihr Trieb in iConflikt mit Ihrer religi5sen oder 
sozialen .^nschauung ? 

Durch das BewuBtsein, nach Ansicht der weitesten, auch 
meiner eigenen Kreise, ein ,,Verbrecher" gegen das Naturgesetz 
zu sein, wurden Lebensmut und Arboitsfreudigkeit bei mir nicht 
gerade gehoben. Ich habe auch mehrmals aus diesen Griinden 
Anlaufe zum Selbstmord gemacht, bin aber im letzten Moment 
jedesmal durch ein starkes Gefiihl der Verantwortung meinen 
Eltern gegeniiber davon zuriickgehalten worden. Ich tat diese 
wiederholten Schritte nicht aus Trotz oder dergleichen, sondern 
von Verzweiflung getrieben, in der ich (infolge Mangels an jeg- 
licher Aussprache oder Verstandigung bzw. Aufkliirung iiber 



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261 

meinen Zustand) mein ganzes Leben, besonders das der Zukimft. 
als etwas Verfehltes, Halbes, Ungliickliches ansah. Durch die 
psychoanalytische Behandlung bin ich zu einer gegenteiligeo 
Ansicht gelangt, und es miiBte heute schon etwas mir vorlaufig 
Undenkbares eintreten, wenn ich nochmals ein gewaltaames 
Scheiden aus diesem Leben ins Auge fassen soUte. — Was meine 
Familie betrifft, so bezeichnete meine Mutter die Eventualitat 
einer kontraren Veranlagung meinerseits als ihr groCtes Ungliick; 
infolgedessen Verstandnislosigkeit auf ihrer Seite und MiBver- 
haltnis zwischen uns seit Jahren. Mit Behorden hatte ich keine 
Unannehmlichkeiten, dagegen erhielt ich von privater Seite Ver- 
kehrsverbote. — Religiose Konflikte hatte ich nicht, aber so- 
ziale insofern, als man AuBerungen einer mir nicht innewohnenden 
Veranlagung fordert und verlangt, daB ich MMchen spielen soil, 
wahrend ich Mann bin. Dadurch komme ich fortgesetzt in 
Konflikt mit der Wahrheit und der Auffassung der Welt. 

125. Was halten Sie selbst von Ihrem geschlechtlichen Zustand? 
Glauben Sie schuldig oder schuldlos, krank oder gesund, 
naturlich oder naturwidrig zu sein? Wtinsehten Sie, wenn 
es mioglich ware, dafl Ihre Natur geandert wiirde, oder 
sind Sie mit Ihrer gegenwartigen geschlechtlichen Veran- 
lagung zufrieden? 

Ich halte mich fiir schuldlos, ganz gesund und, da eben 
m e i n e r Natur entsprechend, auch natiirlich. Bin mit meiner 
geschlechtlichen Veranlagung zufrieden und konnte mir eine Ver- 
schiebung derselben nach der normal en Seite weder als etwas 
Erstrebenswertes noch mir iiberhaupt Mogliches denken. 

126. Welche Erfahrungen haben Sie hinsichtlich sexueller Ab- 

weichungen, wie BisexualitUt, Homosexualitat, Masochis- 

mus usw. bei anderen gemacht? Verkehren Sie in Kreisen 

Ahnlichempfindender oder stehen Sie allein? Kennen Sie 

Leute, die wie Sie empfinden, wie viele etwa? Wie hoch 

schatzen Sie ihre Zahl und aus welchen Griinden? Haben 

Sie dieselben bei Angehorigen bestimmter Stande, Klassen, 

V5lker haufiger beobachtet als bei anderen? 

Hinsichtlich der Bisexualitat bin ich zu der Uberzeugung 
gekommen, daB sie fast haufiger zu sein scheint, als der Nor- 
male anzunehmen pflegt. Das ist bei Frauen bzw. Madchen wohl 
schon dadurch bedingt, daB sie vor der Ehe, besonders in den 
sogenannten guten Kreisen, keinerlei Gelegenheit haben, ihren 
Trieben einen Ausweg zu schaffen, und da meiner Meinung nach 
den wenigsten (die ich kennen lernte) auf autoerotischem Wege 
geholfen ist, verfallt die Mehrzahl auf das bisexuelle Prinzip und 
schadet sich auch nicht im geringsten dabei ; zum mindesten 
nicht diejenigen, welche sich der Rolle des gleichgeschlechtlichen 
Verkehrs als eines Notbehelfs bewuBt bleiben. Ubrigens halte 
ich es nicht fiir Verfiihrung, wenn die eine oder andere ganz auf 
das homosexuelle Gebiet iibertritt. Das sind keine „Verfuhrten", 
— die Natur bricht sich Bahn und findet ihren Weg, auch wenn 
der Mensch erst tausend Irrwege gegangen ist. Der „Verfiihrte" 
kehrt entweder nach kiirzerer oder langerer Zeit im geeigneten 
Moment in das gelaufige, vielleicht nur miBgeleitete Fahrwasser 
zuriick — oder er war eben schon von Geburt an homosexueU 



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262 

und ware friiher oder spater, vielleicht erst nach unglucklichen 
Erfahrungen, auf das Gebiet seiner ureigensten Veranlagung ganz 
von selbst hinge wiesen worden. — Mit meinen Empfindungen 
stehe ich allein. Das Wesen der Homosexuellen, als einer Ge- 
meinschaft, ist mir auch nicht sympathisch. Ich kann die 
Richtung nicht gutheiBen, die einzig wegen einer gleichen 
Veranlagung auch eine Gleichheit in den Lebensverhaltiiissen 
schaffen will ; die Normalen unter sich bilden a\ich nicht eine 
geschlossene Phalanx, und keinem Normalen wiirde es etwa ein- 
f alien, an Herrn X. oder Y. irgend welches Interesse zu nehmen, 
weil diese auch die Frauen lieben! Das ganze Gebaren der 
Homosexuellen, soweit ich es kenne, hat aber seinen Kern in 
dieser Gimeinschaftseinheit, — und ich finde, daC diese Art 
der Glei(ftiwertung der Selbstverstandlichkeit widerspricht, mit 
der sie iewohnlich ihre Lage darzustellen pflegen. Aus einer 
Selbstverstandlichkeit heraus interessiert man sich eben nicht 
fiir die ahnliche eines Dritten. Man wird hier einwerfen: „Gleich 
und gleich gesellt sich gern" oder: Kiinstler und andere Ab- 
seitige finden sich ja auch zusammen. Hier aber, meine ich, 
han&lt es sich um eine Gemeinschaft des Geistes, und sie ist 
ein anerkannteres Bindeglied als die der Sexualitat! 

127. HabeD Sie sich tiber den Naturzweck Ihrer eigenen sexu- 

elleii Empfindung eine Ansicht gebildet und welche? 

Irgendeine beabsichtigte Wirkung kann ich bis heute 
meiner Veranlagung nicht zugrunde legen, es sei denn die Mog- 
lichkeit konzentrierteren Wirkens auf Gebieten, die der nor- 
malen Frau versagt sind. Man wird sich allmahlich durchringen 
miissen zu der Einsicht, dafi die geistigen Kinder und Erziehungs- 
prinzipien den gleichen Wert haben konnen fiir Welt und Men- 
schen wie die nach bequemer Logik selbstverstandlichen und 
natiirlichen Berufe der Frau als Gattin und Mutter. Schon um 
des Kampfes willen, den die Kontrare fiir das auszufechten hat, 
was ihrer normalen Sch wester miihelos in den SchoB fallt und 
weil sie erst durch tausend Widerwartigkeiten hindurch sich 
den Platz erobern muB, der ihr von Natur aus von Anfang an 
aLs etwas gleich Gutes wie Natiirliches gebiihrt, soUte man sie 
nichl. verwerfen. 

Auf den ersten Blick mag es manchem ein unbilliges Ver- 

langen erscheinen, eine gewissenhafte Bean two rtung so zahl- 

reicher Fragen zu beanspruchen, eine Arbeit, die eine ganze 

Reihe von Stunden, ja Tagen, in Anspruch nimmt. Die Er- 

fahrung hat aber gelehrt, da6 es vielen, namentlich gebildeten 

Personen geradezu eine innere Genugtuung und Erleichterung 

gewahrt, in dieser Weise sich einmal liber sich selbst Rechen- 

schaft zu geben. Wenn einer vollends vom Arzt Rat, Hilfe 

und Klarheit erheischt, opfert selbst der Beschaftigtste, wenn 

es zur Erreichung seines Zieles notig ist, gern die erforderliche 

Zeit. 

Unter anderen besitze ich eine Beantwortung des Fragebogens, 
deren Umfang nicht weniger als 360 eng beschriebene Quartseiten be- 
tragt. Das Begleitschreiben des Beantworters ist charakteristisch ; 
er schreibt: „Hiermit unterbreite ich Ihnen hoflichst die Beantwortung 
des Fragebogens, die ich am 6. Dezember v. J. begann und heute am 



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263 

30. Mai 1912 beendete. Icli bitte urn Verzeihuag, dafi sicli die Boant- 
wortuug so lange hinausgezogen hat und daB sie so sehr lang ge- 
worden ist. Ich wollte Ilinen gem alles schreiben und mein Herz 
ausschiitten. Ich mufite auch darum alles schreiben, well ich mir 
doch nicht die Fahigkeit anniaUen kann, zu entscheiden, was fiir die 
Beurteilung dienlich sein kann und was nicht. Hoffentlich ist es 
auch moglich, irgend etwas fiir die Wissenschaft Niitzliches heraus- 
zusichten. In der Darlegung meines Zustandes habe ich mich gan:^ 
allein an mein tatsachliches Empfinden gehalten, auch da, wo ich mich 
mit Kirche und Gesetz in Widerspruch gesetzt habe. Nur mein 
Fiihlen und mein Sehnen waren mir mafigebend. Ich spreche Ihnen, 
hochvcrehrter Herr Doktor, meinen innigsten Dank aus, daB Sie eine 
Instanz geschaffen haben, wo man sein Denken, seine Gefiihle und 
seine Triebe vor dem Forum der Wissenschaft aussprechen kann ..." 

In manchen Fallen kann es den Sachverstandigen nicht dringend 
geuug empfohlen werden, die direkte Befragung durch Konferenzen 
mit Personen zu erganzen, die den zu Begutachtenden lange und gut 
keunen. In erster Linie kommen hier die Eltern, dann die Geschwister 
und Ehegatten, ferner friihere Arzte und Lehrer, auch Geistliche so- 
wie Freunde und Freundinnen, sonstige Verwandte und Bekannte in 
Betracht. Es kann Falle geben, wo den Aussagen Dritter fiir die Be- 
gutachtung mehr Bedeutung beizumessen ist als den eigenen Be- 
kundungen. In Prof. Dr. G. Aschaffenburgs „Monatsschrift 
fiir Kriminalpsychologie und Strafrechtsreform*' (1908 Dezemberheft) 
habe ich einen solchen Fall in einer Polemik mit Herrn Direktor 
Dr. Knapp in Bethel-Bielefeld behandelt. Eine wesentliche Vervoll- 
standigung der Fragebogen bilden auch zusammenhangende Aufzeich- 
nungen, Autobiographieen, Tagebiicher, Liebesbriefe und Liebesgedichte. 

Es liegt auf der Hand, daC eine so griindliche Untersuchung eines 
Mannes oder Weibes nicht in einer oder zwei Konsultationen geschehen 
kann. Es bedarf dazu mindestens einiger Tage, oft langer. 

Man kann den Arzten den Vorwurf nicht ersparen, dafi 
sie in der Erforschung des Sexuallebens eines Menschen oft 
sehr unmethodisch zu Werke gegangen sind ; dem Ansehen ihres 
Standes war das nicht forderlich. Die Verantwortung des Arztes 
ist in diesen Fragen um so groBer, als sein Votium zum 
F a t u m werden kann — nicht nur fiir den, der sich an ihn 
wendet, sondern fiir den anderen, dessen Greschick sich an das 
Schieksal des Betreffenden kntipft, und f ixr dritte, die vielleicht 
besser nicht geboren waren. 



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DREIZEHNTES KAPITEL. 

Einteilung der mannlichen und weiblichen Homosexualit^t. 
Allgemeine Gesichtspunkte. 

Fast alle Autoren, welche eine groflere Anzahl von mann- 
lichen und weiblidhen Homosexuellen zu beobachten und zu 
studieren Gelegenheit hatten, erkannten alsbald, daU in mehr als 
einer Hinsicht unter ihnen groBe Verschiedenheiten vor- 
kommen. In t)bereinstimmung damit sehen wir in der Faoh- 
literatur das Bemiihen, die Homosexuellen nadh bestimmten Ge- 
sichtspunkten in Gruppen einzuteilen. Je mehr Homosexuelle 
allerdings jemand kennen lernte, um so mehr mulJte er wahr^ 
nehmen, daB auch diese Unterabteilungen nur notdiirftige Sche- 
mata sind; genau betrachtet gibt es namlich unter den Homo- 
sexuellen ebenso wenig wie unter den Heterosexuellen zwei gleich- 
geartete. Vdllige Ubereinstimmung in jeder Beziehung, sowohl 
der eigenen seelischen und k5rperlichen Beschaffenheit als im 
Sexualziel, der Geschmacksrichtung, der Triebstarke und Be- 
tatigungsweise wird man nicht nachzuweisen imstande sein. 
So manche theoretische Meinungsverschiedenheit in der Be- 
urteilung der Homosexualitat erklart sich daraus, dafl die Ver- 
fechter einer Anschauung zu wenig diese groBe Variabili- 
tat berlicksichtigen. 

tJberschauen wir die bisherigen Einteilungen der Homo- 
sexualitat, so sehen wir, daB die Autoren in der Hauptsaohe 
hierbei von vier verschiedenen Punkten ausgingen. Manche 
stellten die Beschaffenheit der Homosexuellen voran; 
andere legten das Objekt der Anziehung, die Triebrichtung, 
zugrunde, — unterschieden etwa solche, die sich zu jlingeren, 
von denen, die sich zu alteren Personen hingezogen ftihlen — ; 
wieder andere richteten sich nach der Betatigung; hier ware 
als Beispiel etwa die alte, noch jetzt vielfach gebrauchte Tren- 
nung der Homosexuellen in A k t i v e und Passive zu nennen. 
Eine vierte Grundlage der Einteilung endlich bildete bei vielen 



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265 

die Entstehung der Homosexualitat. Diese ordneten die 
Falle im wesentlichen in zwei Kategorien, in die angeborene 
und die erworbene Homosexualitat. 

Wir werden finden, daB die hauptsacblichsten Schriftsteller 
unseres Faches in ihrer Gliederung des Stoffes bald mehr von den 
einen, bald mehr von den andern Merkmalen ausgingen. Am tveitesten 
in der Einteilung nach bestimmten Akten ist R o h 1 e d e r i) gegangen^ 
Er zerlegt den „Kontrarsexualismus beim mannlichen Geschlecht" In 
4 Unterabteilungen : a) die griechische Liebe, auch Eros oder Padophilie 
tfenannt, bei der, dhnlich wie beim Exhibitionismus, keine koitusarti^e 
Vereinigung stattfindet, sondefn det bloBe Anblick, eventuell mit 
leichten Liebkosungen, voile sexuelle Befriedigung gewahrt. Er fiihrt 
als typisch fur diese Form die Worte eines Patienten, einefi jungeu 
Piiesters, an, welche lauten : „Nur eine fliichtige Beriihrung ttm nackten 
Arm Oder Schenkel geniigen mir"; b) den Fellatorismus und homo-' 
sexuellen CunnilingUs, einen Ausdruck, den man mit Recht bemangelt 
hat, da cunnus die lateinische Bezeichnung des weiblichen Geschlechts- 
teils ist ; im fellatorischen Akt — die von Martial stammende Be- 
zeichnung hangt mit dem lateinischen fellare saugen zusammen — 
alter membrum alterius in os suscipit, alter membrum suum in os 
alterius immittit; beim „homosexuellen Cunnilingus" dagegen membram 
non in os immittitur, sed solum lingua lambitur. Rohleder meint, 
daB der fellatorische Verkehr den analen „an ScheuBlichkeit, dem All- 

femeingefiihl nach wenigstens, bedeutend iibertreffen diirfte" ; c) dU« 
aderastie, bei welcher der aktive „Padikator" von dem passiveri 
„Pathikus", dem Kinaden, zu unterscheiden ist; d) der Kontrarsexua- 
lismus, worunter Rohleder „das Urningtum, welches alien Former) 
des Homosexualismus mit Ausnahme der Paderastie und des Fellatoris- 
mus huldigt", versteht. Er unterscheidet hier wiederum 6 Unter- 
gruppen: 1. Onanie resp. mutuelle Onanie, 2. Coitus inter femora, 
inter crura, 3. Coitus in axillam resp. in axillas, 4. Coitus inter genua, 
5. Appressio membrl ad partem aliquem corporis alterius, 6. Lieb- 
kosungen, Kiisse usw. 

Meines Erachtens kamen hier nur die mutuelle Onanie, der Coitus 
inter femora und die diesem sehr nahestehende Appressio membri ad 
corpus alterius als besondere Gruppen in Betracht. Der Coitus in 
axillas und der inter genua sind, ebenso wie die von Rohleder gleich- 
falls erwahnte immissio in aurem oder gar die auch schon einmal 
beobachtete immissio in cavitatem oculi extracti solche Raritaten, 
daB sic bei einer Systematik besser iibei-giangen werden. Die letzte 
Gruppe, der kontrarsexuelle Verkehr durch Kiisse und Liebkosungen, 
den Rohleder auf eine „hochgradige sexuelle Hyperasthesie" zuriick- 
fiihrt, ist kaum von dem zu unterscheiden, was Rohleder unter 
Rubrum a seines Schemas als griechische Liebe schildert. 

In analoger Weise teilt Roll le der auch den „Kontrarsexualis- 
mus beim weiblichen Geschlecht" nach dor Betatigungsform in fiinf 
Gruppen: a) die mutuelle Masturbation, die frictio mutua vulvae et 
vaginae; b) die lesbische oder sapphische Liebe, auch amor lesbicus, 
Sapphismus oder Lesbismus benannt, bei der, ahnlich wie beim hetero- 
sexuellen Cunnilingus, die sexuelle Befriedigung dadurch erzielt wird, 
daB die eine Frau genitalia alterius, praecipue clitoridem, lingua et 
labiis lambat. osculat et sugat, meist usque ad ejaculationem muoi ; 
c) den Tribadismus, worunter die mutuelle frictio genitalium feminarum 
sine masjburbatione verstanden wird. Rohleder unterscheidet hier noch 
den TribadJFmus externus, bei der die eine femina vulvam vel femora 
ad vulvam alterius fricat, und den Tribadismus internus, bei der cin 

1) Loc. cit. pag. 260 ff. und 449 ft 

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266 

Weib versucht, clitoridem in vaginam alterius immittert* : d) v(in dieser 
trennt er dann noch wieder als eine besondere Gruppe : .,dea homo- 
sexuelleii weiblicheili Fellatorismus und die Clitoriscohabitation** ab, 
bei der eine vergroCerte Clitoris vollkommen die Stelle des membrum 
virile vertritt und als solche in unam de tribus cavitatibus aut in 
vaginam aut in os aut in anum immittitur; e) als fiinfte Form weib- 
licner Homosexualitiit bezeichnet Rohleder eine Form, die sich 
nicht hinsichtlich der Betatigungsart, sondern in der Richtungsqualitat 
von der vorgenannten vierten unterscheidet, die auf unreife Personen 
desaelben Geschlechts gerichtete „Padophilia erotica homosexualis femi- 
narum**. 

Etwas einfacher als die Rohleder sche Einteilung ist die von 
C h e v a 1 i e r 2). Er unterscheidet nur drei Formen der weiblichen 
Homosexualitiit: den Tribadismus, Clitorismus und Sapphismus, die 
er, wie folgt, definiert: „La tribadisme est le proced6 dans lequel 
I'accouplement est simule par le simple contact, accompagne de frotte- 
ments des organes genitaux externes. Le clitorisme est ce m^me 
proc6de avec un temps en plus, consistant dans Tintromission vagi- 
nale d'un clitoris demensurement long, developpe jusqu'a Tanomalie, 
d'ou la rarete de ce modus faciendi. Enfin on reserve plus 
8p6cialement le nom de sapphisme au coit buccal, proc6d6 le 
plus habituel.** 

V. Krafft-Ebing dagegen liiCt in seiner von vielen Lehr- 
biichern iibernommenen Einteilung das Objekt und die mit ihm vor- 
genommene Art der Betiitigung ganzlich auBer acht und fragt fast 
ausschlieBlich nach dera Zustand des empfindenden Sub- 
j e k t s. Hiernach unterscheidet er zunachst nach der Ursache die 
angeborene von der erworbenen kontraren Sexualempfindung und teilt 
die erstere in 

„a) die psychische Hermaphrodisie. bei der nel)en vorwiegend 
gleichgeschlechtlicher Empfindung Spurcn von heterosexueller 
Triebrichtung bestehen ; 

b) die eigentliche Homosexualitat, bei der jede Ncigung zum 
andern Geschlecht geschwunden ist, und nur sexuelle Neigung 
zum eigenen besteht; 

c) die Effemination, bei der auch das sonstige Scelenleben der 
kontraren Geschlechtsempfindung weiblich geartet ist; 

d) die Androgynie, bei der sich sogar die Korperformen dem Ge- 
schlecht nahern, dem die Geschlechtsempfindung entspricht." 

Auch die erworbeno kontrare Sexualempfindung teilt 'Krafft- 
Ebing in vier Stufen : 

Die erste Stufe, die er als ,,einfache Verkehrung der Geschlechts- 
empfindung** bezeichnet, soil mit dem Zeitpunkt erreicht sein, ,,wo die 
Person des eigenen Geschlechts aphrodisisch wirkt". 

Die zweite Stufe ist beim Manne die Eviration == Entmann- 
lichung, beim Weibe die Defemination = Entweiblichung, und zwar 
nimmt er an, dafi sich in diesen Fallen allmiihlich im Zusammen- 
hang mit der erworbenen kontraren Scxualen>pfindung eine .,tiefer 
greifendc und dauernde Umiinderung der psychischen Personlichkeit 
vollzieht." 

Als dritte Entwicklungsstufc der erworbenen kontraren Sexual- 
empfindung schildert v. Krafft-Ebing Falle. in denen sich auch 
das korperliche Empfinden im Sinne einer .,Transmutatio sexus" (Ge- 
schlechtsumwandlung) umgestaltet, wiihrend or als vierte Stufe den 
Geschlechtsverwandlungswahn annimmt — die Metamorphosis sexu- 
alis paranoica — , die ungemein seltenon Falle ausgesprochener Geistes- 
krankheit, in denen Patienten iiberzeugt sind, und meist auch Stim- 



2) Chevalier, L'inversion sexuelle p. 219. 

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267 

men horen, die bestatigen, daU sie bestimmte, dem andern Gesohleclit 
zugehorige Personen seien. 

Diese Vierteilung der erworbenen kontraren Sexual- 
em pfindung des beriihmten Wiener Psychiaters hat in der Fach- 
literatur wenig Anklang und Eingang gefunden, und auch ihr 
Urheber scheint ihr schlieBlich keinen rechten Wert mehr bei- 
gelegt zu haben, trotzdem sie sich noch in den nach seinem Tode 
(1902) erschienenen Auflagen der Psychopathia sexualis findet. 
Denn in der letzten zusammenfassenden Arbeit, die er 1900 
verof f entlichte, hat er den atiologischen Begrif f der er- 
worbenen Homosexualitat fast vollstandig durch den bedeu- 
tend vorsichtigeren zeitlichen Begrif f der tardiven Homo- 
sexualitat ersetzt. 

Um so mehr aber hat v. Krafft-Ebings Vierteilung 
der angeborenen Homosexualitat den Beif all der Fachge- 
nossen gefunden. Wir finden sie fast liberall teils ira Wort- 
laut, teils mit geringen Modifikationen akzeptiert. 

So unterscheidet Hofrat Lowenfeld drei Entwicklungsgrade : 
I. die psychosexuelle Hermaphrodisie oder das psych osexuelle Zwit- 
tertum, bei dem hetero- und homosexuelle Neigungen in einem Indi- 
viduum vorhanden sind ; im Gegensatz zu v. Krafft-Ebing, der 
in seiner Einteilung der kontraren Sexualempfindung darunter nur 
seiche Falle verstanden wissen wollte, in denen die homosexuelle Emp- 
findung als die primare wie zeitlich intensiv vorwiegende in der Vita 
sexualis zutage tritt 3), unterscheidet aber Lowenfeld hier noch 
drei weitere Unterabteilungen. Auf der untersten Stufe stehon 
nach seiner Ansicht die Falle, in denen neben einer im allgemeinen 
vollkommen heterosexuellen Richtung des Geschlechtstriebs 1 a t e n t e 
homosexuelle Neigungen bestehen, die sich nur in psychischen Aus- 
nahmezustanden, wie etwa im Traum, im Rausch, im epileptischen 
Anfall Oder Trance Geltung verschaffen. An diese reiht er als z w e i t e 
Gruppe die Falle, in denen sich beide Triebrichtungen nebeneinander, 
bald die eine, bald die andere starker hervortretend, zeigen, und als 
zur d r i 1 1 c n Stufe gehorig bezeichnet er die Personen, m denen die 
homosexuellen Neigungen entschieden iiberwiegen. Als Prototypen 
dieser letzten Kategorie der Bisexuellen fiihrt er Michel Angelo 
und Shakespeare an. 

Als zweiten Entwicklungsgrad der Homosexualitat fiihrt 
der Munchener Psychiater den Zustand exklusiver Homosexualitat 
an, dem sich dann als dritter die Effemination anschlieBt, bei 
der „die ganze Richtung des Denkens, Fiihlens und WoUens den weibi- 
schen Typus annimmt". Von der Androgynie, der mehr odor minde) 
ausgesprochenen Annaherung der Korperformen an den weiblichen 
Typus, die v. Krafft-Ebing als vierte besondere Form ansah, 
meint er mit Recht, daU sie sowohl mit dor zweiten als mit der 
dritten seiner Homosexnalitatsstufen verkniipft sein konne. 

Vergleichen wir nun die grundlegende und zur Zeit ihrer 
Aufstellung zweif ellos sehr scharfsinnige Einteilung v. Krafft- 

8) V. Krafft-Ebing: Ps. sex., 1903, p. 251, und Uber psycho- 
sexuelles Zwittertum, im internationalen Zentralblatt fiir die Physio- 
logic und Pathologic der Ham- und Sexualorgane, Bd. I, Heft 2. 



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268 

Ebings mit dem gegenwartigen Stand unserer Erkenntnis, so 
fragt es sich zunachst, ob es richtig ist, die psychische Herm- 
aphrodisie oder Bisexualitat in die Einleitung der Homosexuali- 
tat mit einzubeziehen. Nach ihrer Wesensart steht sie zwischen 
der Heterosexualitat und Homosexualitat ; wenn man aber ledig- 
lieh, was mir jedoch. nicht angangig erscheint, die Betatigung 
mit beiden Geschlechtem berticksichtigen woUte, so rangiert sie 
zwischen der eohten und Pseudo-Homosexualitat. Auf alle Faile 
aber bildet die Bisexualitat eine Gruppe fiir sich, und ist es da- 
her folgerichtig, sie auch als solche zu behandeln und ein- 
zureihen. Es empfiehlt sich deshalb, die Menschen nach ihrem 
Geschlechtstrieb in drei Gruppen zu teilen: in die groJJe Mehr- 
zahl der heterosexuellen Manner und Frauen, in die Min- 
derzahl mannlicher und weiblicher Homosexueller und die 
Bisexuellen beiderlei Geschlechts, deren Neigung in ver- 
schieden hohem Grade bald weiblichen, bald mannlichen Per- 
sonen zugewandt ist. 

Neben diesen drei kamen noch zwei weitere Gruppen in Betracht, 
die man gelegentlich in der Literatur erwahnt findet : die A s e x u - 
alien und die Monosexuellen. Die Asexuellen, von deaen es 
meines Erachtens iiberhaupt noch nicht feststeht, ob sie auBer bei 
tiefgreifenden psychischen Storungen tatsachlich existieren, sollen im 
Zustande voUiger sexueller Gleichgiiltigkeit von jeder ^eschlechtlichen 
Vorstellung und Anfechtung Zeit ihres Lebens frei sein. Die spezia- 
listische Erfahrung zeigt, dafi nicht selten Personen, die eine von 
der heterosexuellen Norm abweichende Triebrichtung in geschickter 
Weise diskret zu halten wissen, und diese gibt es in groBer Menge, 
von ihrer Umgebung, einschlieBlich ihrer Hausarzte, fiir asexuell ge- 
halten wurden. Namentlich bei Gelegenheit gerichtlicher Begutach- 
tungen horte ich bei Riicksprache mit den naheren Bekannten des 
Angeklagten immer wieder die Meinung auBern: „wir glaubten bisher, 
daB er vollig unsinnlich veranlagt sei ; wir hielten ihn fiir frigide, fiir 
asexuell." Sicherlich gibt es untcr den scheinbar Asexuellen aber auch 
solche, die der gleich zu erwahnenden Gruppe der Monosexu- 
ellen angehoren. Bei dieser nach Menge und Art bisher ebenfalls 
noch nicht vollig geklarten Kategorie sexuell Anormaler bildet die 
e i g e n e Person nicht nur das Objekt sexueller Betatigung, sondern auch 
den ausschlieBlichen In ha It sexueller Vorstellungen. Kertbeny, 
bei dem sich zuerst das Wort „monosexueir* im Jahre 1869 als Gegen- 
stiick zu dem von ihm ebenfalls gebildeten Ausdruck „homosexueH" 
findet, definiert sie nur in einem parenthetischen Satz als Menschen, 
„bei denen geheime Selbstbefleckung zum chronischen Bediirfnisse ge- 
worden ist". Gustav Jaeger spricht 1878 in seiner .,Entdeckung 
der Seele" *). in ahnlichem Sinne von „m onosexueller Idiosyn- 
krasie" als einem Zustand, bei dem die Masturbation keiner Phantasie 
durch Vorstellung eines andern Individuums bedarf. In dem spater 
im Jahre 1900 im II. Jahrbuch fiir sexuelle Zwischenstufon von 
Prof. Jaeger veroffentlichten bisher ungedruckten Kapitel iiber 
Homosexualitat aus der „Entdeckung der Seele" bezeichnet sein ano- 
nymer Gewiihrsmann Dr. M. die Monosoxuellou „als solche, die 
mit sich selbst auskomme n", und fiihrt als Beispiel „den 

*) Pag. 259. 



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269 

unfflucklichen genialen Lenau, diesen geborenen Onanisten" an. Ich 
selbst schrieb im Jahre 1903 in einer' Arbeit, die ich im V. Jahrbuch 
fiir sex. Zwischenstufen unter dem Titel: „Ursachen und Wesen des 
Uranismus** veroffentlichte, folgendes: 

„In den Uranfangen der Sprache erhalten sich oft durch Gewohn- 
heit verdunkelte Begriffe. Das Wort Sexus — Geschlecht kommt 
von sequi — folgen, der Geschlechtstrieb ist urspriinglich nor der 
Trieb zu folgen, sich anderen anzuschlieCen, und damit ist er 
der freilich oft nur leise durchschimmernde psychologische Hinter- 
grund der sozialen Regung. Der Monosexuelle folgt nur 
sich allein; die wenigen Monosexuellen, die ich personlich ge- 
sehen habe, es waren drei zur Einsamkeit und Eigenbewunderung nei- 
gendo Onanisten mit ausgesprochener Antipathic gegen beide Ge- 
schlechter, zeichneten sich durch den denkbar groBten Indiffe- 
rentismus nicht nur alien Menschen, sondern auch alien Dingen gegen- 
uber aus*\ 

Rohleder^) zitiert diese Stelle mit dem Bemerken, daB sie 
sich am meisten mit dem deckt, was er dann spater in mehreren 
ausfuhrlichen Fallen als Automonosexualismus beschrieben und 
gelegentlich auch als Sexualegoismus bezeichnet hat, „eine Erschei- 
nungsform des menschlichen Sexuallebens, bei der das betreffende 
Individuum selbst, und zwar allein, den Ausgangspunkt und das End- 
ziel des sexuellen Triebes darstellt*'. Von Autoren, die sich mit ver- 
wandten Zustanden beschaftigt, seien kurz noch zwei genannt : H a v e - 
lock Ellis, der unter dem Namen Autoerot ismus die spon- 
tanen Geschlechtsregungen ohne irgendwelche direkte oder indirekte 
Anregung seitens einer anderen Person" verstanden wissen wollte, 
und N a c k e ^), der Beispiele von Verliebtsein in sich. selbst als N a r - 
z i B m u s geschildert hat. Die Verliebtheit in die eigene Person kann 
sowohl eine homosexuelle als eine heterosexuelle Farbung haben; homo- 
sexuell, wenn die betreffenden Manner und Frauen sich als solche be- 
trachten; heterosexuell, wenn sie sich, wie es bei einigen der von 
mir monographisch behandelten Transvestiten 7) der Fall zu sein 
scheint, besonders zu der andersgeschlechtlichen Komponente ihrer 
Wesenheit hingezogen fiihlen. Trotzdem miissen wir aber Rohleder 
Recht geben, wenn er meint, daB diese Zuriickst rah lung des Triebes 
auf sich selbst weder zum Homo- noch zum Heterosexualismus zu recli- 
Den ist, sondern als Monosexualismus „eine streng abgegrenzte und 
isolierte** Gruppe darstellt. In einem Fall, den ich kiirzlich zu be- 
obachten Gelegenheit hatte, bezogen sich die Phantasien auf das 
eigene Spiegelbild als incubus, miC dem der Patient als succubus ad 
ejaculationem masturbierte. Es wirkte geradezu verbliiffend, wie der 
zufallige Anblick der eigenen, zwecks Untersuchung entkleideten Per- 
son im Spiegel wahrend der Konsultation einen Zustand hochster ge- 
schlechtlicher Ekstase hervorrief. 

Es gibt noch mannigfache andere Varianten, die man kaum 
in eine der genannten flinf Rubriken unterbringen kann. So 
suchte mich vor einiger Zeit eine Kiinstlerin von groBer Eleganz 
auf, die sich sexuell nur durch Manner gefesselt ftihlte, die selbst 
als Frauen lebten. Sie hatte auch nach vielem Suchen einen 



^) Rohleder, Geschlechtstrieb und Geschleclitslebcn. IM. II, 
p. 511 ff. 

6) N a c k e , Psychiatrischen en neurologischen Bladen Xr. 2, 
1899. Derselbe, Einige psychiatr. Erfahrungen. 

'^) Hirschfeld, Dr. Magnus: Die Transvestiten. Eine Unter- 
suchung iiber den erotischen Verkloidungstrieb. Berlin 1910. 



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270 

normalsexuellen Transvestiten gefunden, mit dem sie sich ver- 
heiratete. Wirklidhe Frauen waren ihr ebenso antierotisch, wie 
echte Manner. Wir werden diese sexuell nichts weniger als fri- 
gide Frau weder als homosexuell, noch als einwandfrei hetero- 
sexuell, ebenso wenig aber auch als bisexuell oder gar als auto- 
monosexuell ansehen konnen. 

Als homosexuell kann ich auch kaum eine mir bekannte Prau 
von ausgesprochener Weiblichkeit bezeichnen, die seit 10 Jahren mit 
einer ungemein virilen Frau zusammenlebt, welche, well in weiblicher 
Tracht zu auffallig, die Erlaubnis bekommen hat, als !Mann zu gehen. 
Die Frau, eine sehr fromme katholische Polin, versichert hoch und 
heilig, weder sie noch ihre Freundin empfanden gleichgeschlechtlich, 
sie sei vollkommen Weib, er unbedingt Mann. Ein anderer Fall ist 
mir bekannt, in dem ein Mann 5 Jahre lang ein Verhaltnis mit 
eineui Madchen hatte, bei der sich in ihrem &. Jahre eine irrtiim- 
liche Geschlechtsbestimmung herausstellte. Es war also ein Mann, 
allerdings mit regelrechter Vagina, mit dem der Verkehr stattgefunden 
hatte. Beide hat ten so, allerdings unwissentlich, den Tatbestand des 
§ 175 RStrGB. erfiillt. Damendarsteller, sowohl homosexuell als hetero- 
sexuell veranlagt, haben mir wiederholt mitgeteilt, wie oft sie von 
jMannern begehrt wiirden, die es als Beleidigung betrachten wiirden, 
wenn maD sie als Homosexuelle anselien wiirde. 

AUe diese Falle, die sich leieht vermehren lieBen, sind 
mehr als Kuriositiiten ; sie lehren die kaum zu liberbietende 
Variabilitat alles Sexuellen, die Mannigfaltigkeit und Haufig- 
keit von Grenz- und t)bergangsf alien, zugleich aber audi die 
Schwierigkeit alles Schematisierens. Wir wiirden unsere Auf- 
gabe, eine in sich gut begrtindete Einteilung der Homosexualitat 
zu geben, sehr erheblich komplizieren, wenn wir bei der Grup- 
pierung alle neben der Homosexualitat vorkommenden Vari- 
anten oder auch nur jede innerhalb der Unterabteilungen vor- 
kommende oder mogliche Schattierung ausnahmslos berticksich- 
tigen woUten. 

Wiirden wir dieses tun, so mtiBten wir, da es liinsicht- 
lich ihrer Sexualitat zwei gleiiche Individuen tiberhaupt nicht 
gibt, auf jede Klassifizierung von vornherein Verzicht leisten. 
Damit wiirden wir uns aber dann zugleich eines der wichtigsten 
Erfordernisse exakter Forschungsmethodik begeben, der syste- 
matischen Gliederung der einzelnen Falle nach ordnenden 
Prinzipien. Das ist zu weit gegangen, wenn wir uns auch 
bewuflt bleiben mtissen, daB stets Verschiedenheiten vorhanden 
sind, und es sich daher i m m e r nur urn Ahnlichkeiten 
handeln kann. 



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VIERZEHNTES KAPlTIiL. 

Einteilung der Homosexuellen nach ihrer persiinlichen 

Eigenart. 

Zweifellos gibt es unter den Homosexuellen, und zwar 
unter den homosexuellen Mannern sowohl als unter den gleich- 
gesehlechtlichen Frauen, ebenso markante tJbereinstimmungs- wie 
Unterscheidungsmerkmale. Betrachten wir einmal eine groBere 
Urningsgesellsehaft oder, noch besser, rufen wir uns in der 
Erinnerung einen jener groBen Urningsballe zurlick, wie sie, 
von mehr als tausend Homosexuellen besucht, noch vor wenigen 
Jahren im Dresdner Kasino in Berlin oder in der Salle du 
Wagram in Paris ein besonders geeignetes Studienobjekt fiir 
Massenbeobachtungen boten, da konnte auch der Ungetibte, der 
wuBte, daU die tanzenden Paare aus Homosexuellen bestehen, 
unschwer zwei Gruppen voneinander unterscheiden : eine Gruppe, 
die einen durchaus mannlichen Eindruck macht, der im ge- 
wohnlichen Leben „niemand etwas anmerkt**, kaum der Arzt, 
geschweige denn der Laie; weder in der Sprache, noch in Er- 
sKjheinung und Benehmen verraten sie den Urning. Dann gibt 
es aber noch einen anderen Teil, der in Gesten und Gehaben 
unverkennbar weibliche Eigenschaften aufweist. Man sieht, 
wie Baron Teschenberg sich ausdriickte, f ormlich die un- 
sichtbare Schleppe. Einige gehen auch in Frauenkleidern, und 
auch die, welche keine besitzen, haben meist in ihrer Tracht 
weibliche Einschlage, sei es auch nur im Schmuck oder in 
Parfiims, in Bander n und Strtimjfen, gebrannten Locken und 
glattrasiertem Gesicht. Viele nahern sich auch in ihren Ge- 
sichtsziigen, Teint und Haar, in den runden Formen, den breiten 
Htiften, vor allem auch in ihrer Stimme und Sprache dem Ge- 
Sichlecht, welchem sie am liebsten ganz angehoren mochten. 
Wlirde man ihre Gesprache horen, ohne sie zu sehen, so 
konnte taian nach deren Inhalt manchmal geneigt sein anzu- 
nehmen, dafl zwei Damen in lebhafter Unterhaltung begriffen 



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272 

sind. Von deli extremsten Fallen sagt v. Krafft-fibing, 
daB es „Weiber in Mannerkleidung mit mannlichem Genitale** 
sind, ein Wort, das an den Vers erinnert, mit dem einst der 
Spotter Martial einen Urning charakterisierte : „pars est 
una patris, cetera matris habet** („nur ein Teilchen hat er 
vota Vater, alles t)brige von seiner Mutter*'). 

Zwei ganz analoge Gruppen konnen wir sehen, wenn wir 
eine grolJere Veranstaltung weiblicher Homosexueller besuchen. 
Auch iiier findet sich eine Abteilung von Prauen, die ijn 
Tracht, Haarschmuck, Haltung und Bewegung, in der Art zu 
sprechen, zu trinken und zu rauchen etwas ausgesucht Viriles 
aufweisen; viele haben auoh eine rauhe, tiefe Stimlne, derbc 
mannliche Gesiditszlige, schmale Hliften, wie tiberhaupt einen 
an das „starkere** Geschlecht erinnernden Knoehenbau. Ihren 
Namen geben sie unter sich haufig eine virile Form. Daneben 
aber existiert eine nichtmindergrolJe Gruppe homosexueller 
Frauen, die sich auJJerlioh von anderen Frauen ihrer gesell- 
schaftliehen Sphare kaum unterscheiden ; sie tragen Toilette 
und Frisuren naoK derselben Mode wie diese, perhorreszieren 
weder Korsetts, nooh hohe Absatze und erscheinen in ihren 
Geflihls-, Geschmacks- und GedankenauBerungen so durchaus 
weiblich, daS sie niemand ftir homosexuell halten wlirde. Und 
doch sind sie es in genau 30 fixierter Weise wie ihre virilen 
Schicksalsgenossinnen. 

Zwischen den beiden Gruppen homosexueller Manner und Frauen 
besteheii nichl saltan auch insofern Gegensatze, als sia gesellschaft- 
lich wani^ mitainandar sympathisiaren. Die mannlicher gaarteten 
Uminge sind geneigt, die femininen etwas von oben zu behandeln, 
zum mindastan auf sia mit ainem gawissen Bedauarn herabzusehan ; 
aber auch die femininen mokieren sich gern ain wenig iiber die mann- 
lichen Kollegan, die ihrer Meinung nach so stolz den Mann markiaren 
und doch den Raizen schonar Mannar abenso leirht erliegen wie sie. 
In gleichar Waisa wollen oft die weiblich gaarteten homosaxuellen 
Frauen von den „Mannweibern" nichts wissen, wahrend diese wieder- 
um gern iiber die homosaxuellen „Weibclien" herziehen. Ein gutes 
kameradschaftliches Verhaltnis und Einvernohmon herrscht dagegen 
oft zwischen den virilen Homosexuellen beiderlei Geschlachts und 
abenso zwischen dan faminin Gearteten unter. den homosexuellen Man- 
nern und Frauen. 

Ahnliche Erfahrungstatsachen und Beobachtungen, wie die hier 
kurz geschilderten, waren es offenbar, die Krafft-Ebing bewogen, 
die eigentlichen Homosexuellen unter den Mannern und Frauen in je 
drei Untargruppen zu tailen : „a) die Homosexuellen oder U r - 
n i n g a , die ab origine ausschlieBlich sexuelle Empfindung und 
Neigung zu Personen desselben Geschlechts haben, bei denen sich 
aber im Gegensatz zu der folgenden Gruppe die Anomalie nur auf die 
vita sexualis beschrankt und nicht tiefer und belastend ein auf den 
Charakter und die gesamte geistige Personlichkoit einwirkt", b) die 
Effeminierten, bei denen die psychische Persdnlichkeit, speziell 
ihre gesamte Gefiihlsweise und ihre Xeigun^on, von der gleich- 



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273 

gesohlechtlichen Empfindung beeinfluBt ist, u. c) die Androgynen, 
bei denen das Individuum sich nicht nur in psychosexualer und psy- 
chischer, sondern auch in anthropologischer Hinsicht dem 
seinem Genitalapparat nicht entsprechenden Geschlechtstypus nahert. 
Die entsprechenden Gradstufen bei der Frau bezeichnete er als: 

a) Homosexualitat, „bei der sich die Anomalie weder durch 
auBerliche Zeichen, noch durch seelisch-mannliche Geschlechtscharak- 
tere verrat, b) als V i r a g i n i t a t , bei der sich das Weib psychisch 
als Mann fiihlt, und c) die Gynandrie, bei der auch somatische 
Abweichungen vom weiblichen Typus vorhanden sind. 

Krafft-Ebing schloB sich in seiner Klassifizierung ziem- 
lich an Ulrichs an, der allerdings iiber die weiblichen Homosexu- 
ellen noch so wenig unterrichtet war, daB er sie iiberhaupt in seine 
Einteilung nicht einbezog. In dem § 115 seiner 1864 geschriebenen 
„anthropologischen Studie" Formatrix schreibt der hannoversche Amts- 
assessor: „Unter den Urningen scheinen folgende zwei Klassen unter- 
schieden werden zu konnen, zwischen welchen indes tausend Ab- 
stufungeu zu konstatieren sind: a) Urninge, in denen das raann- 
1 i c h e Element, welches ihrem mannlichen Korperbau entspricht, iiber- 
haupt in alien Stiicken vorherrscht, indem es insonderheit ihrem 
weiblichen Liebestriebe eine gewisse mannliche Farbung jjibt: also 
Urninge mil. vorwiegend mannlichem Habitus, korperlich wie geistig, 
und zugleich mit vorwiegend aktivem Begehren. Diese scheinen 
vorwiegend Jiinglinge zu lieben, nicht Burschen. Ich mochte sie nennen 
die „A' i r i I i o r e s" oder „M a n n 1 i n g e", die mannlicheren Urninge. 

b) Urninge, in denen das w e i b 1 i c h e Element, welches ihrem weib- 
lichen Liebestriebe entspricht, iiberhaupt in alien Stiicken vor- 
herrscht, indem es insonderheit ihrem mannlichen Korperbau eine 
gewisse weibliche Farbung gibt: also Urninge mit vorwiegend weib- 
lichem Habitus, korperlich wie geistig, und zugleich mit vorwiegend 
passivem Begehren. Diese scheinen iiberwiegend Burschen, nicht 
Jiinglinge, zu lieben. Ich mochte sie die „M u 1 i e br i o r e s" nennen 
Oder „W e i b 1 i n g e", die weiblicheren." 

Ich halte die Einteilung, welche Ulrichs hier gibt, trotz der 
auch hier, wie so oft bei inm, wenig gliicklichen Wortbildung und 
trotzdem manche Einzelheiten in seiner Differenzierung, wie wir noch 
sehen werden, der Naujhpriifung nicht standgehalten haben, doch fiir 
weit pragnanter und praktischer als die seines groCen Nachfolgers. 
GroBeu Scharfsinn beweist Ulrichs in der Wahl der Komparative 
vlriliores und muliebriores statt der entsprechenden Positive ; offen- 
bar wollte er damit zum Ausdruck bringen, dafi es sich hier nur 
um Grad-, nicht um Art unterschiede handelt, indem auch die 
Mannlinge weibliche, die Weiblinge mannliche Eigenschaften, nur beide 
in schwacheren Graden, aufzuweisen haben. Der Unterschied, den 
Krafft-Ebing zwischen ef feminierten und androgynen Mannern, 
sowie zwischen virilen und gynandrischen Frauen macht, ist zu f lie- 
Bend, um die statt der Ulrichsschen Zweiteilung gewahlte Dreiteilung 
geniigend zu motivieren, auBerdem ist die Androgynie an sich keine 
starkere Stufe der kontraren Sexualempfindung. Es ist durchaus 
nicht gesagt, daB Personen mit korperlichen Zeichen des andcrn Ge- 
schlechts, also etwa Manner mit Gynakomastie oder Frauen mii Andro- 
trichie, auch psychisch ihrem Genitalapparat inkongruent sind ; 
meist sind sie nicht einmal kontrarsexuell. Es gibt auch psychisch 
feminine Manner und virile Frauen, die nicht homosexuell sind, ander- 
seits gibt es Hiinen von Mannern, die seelisch voUkommene Weiber 
sind ; kurz, alle nur erdenklichen Kombinationen mannlicher 
und weiblicher Eigenschaften kommen vor, so daB die Krafft- 
Ebing sche Einteilung der P r a z i s i o n ermangolt, welche wir von 
einer guten Systematisierung verlangen miissen ; es ist auch uner- 
findlicn, weshalb Krafft-Ebing nur die virilen Manner — und 
Hirschfeld, Homosexualitflt. I3 



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274 

die feminineii Frauentypen als ,,Homosexuelle oder Utninge" bezeich- 
uet, da die effeminierten und androgynen Manner-, sowie die virilen 
und gynandrischen Frauengruppen nach seiner Voraussetzung docl) 
ebenfalls gleichgeschlechtlich fiihlcn. 

Aus alien diesen Grlinden scheint cs das einzig Richtige, 
dowohl die homosexuellen Manner, als auch die homosexuellen 
Frauen nach ihrer Beschaffenheit lediglich in die femininer 
und viriler Gearteten einzuteilen. Hochstens konnte man noch 
hinsiehtlich des Grades des weiblichen oder mannlichen Ein- 
schlags Unterscheidungen gelten lassen, indem man bei den 
homosexuellen Mannern leichter und starker feminine 
und virile, bei den homosexuellen Frauen h o c h gradiger 
und maBiger virile und feminine unterscheidet. Wie 
weit das weibliche Empfinden mancher Homosexueller geht, 
zeigen drastisch die Forderungen, die ein Urning H. Marx^) 
in einer Broschlire aufstellt: 

„D ie soziale Stellung des Urnings, schreibt 
erallen Ernstes, seidie derMadchen und Frauen; 
er trage auch einen weiblichen Namen. Eltern und Vormiinder 
seien verpflichtet, das Auftreten der urnisehen Natur an ihrem 
Kinde und Pflegekinde der Behorde sofort anzuzeigen. 1st 
die urnische Natur eines Individuums konstatiert, so ist das- 
selbe als Urning in das Zivilstandsrcgister einzutragen, hat 
einen eigenen Namen anzunehmcn und seiner Natur _pemafl 
sich zu kleiden. Im Interesse der Sittlichkeit empfiehlt es 
sich, dafl der Urning das nachtliche Umherstreichen auf den 
StraBen und offentlichen Platzen seines Wohnortes, das Be- 
suchen von Wirtshausern ohne Begleitung unterlaBt und sich 
uberhaupt seiner weiblichen Natur gemaB sittsam und bescheiden 
auffuhrt.** Entgegengesetzt auBert sich ein homosexuelles Weib 
in einem hinterlassenen Schreiben-) : ^Bei mir hatte die 
Natur in der Wahl des Geschlechts einen Fehl^riff getan. Ich 
fluchte meinem Geschick, das mich nicht als Mann geschaffen 
hat." 

Es bedarf kaum der Erwahnung, daB, ebenso wie eine sich zu 
weit erstreckende Niiancierung der charaktcrologischen Beimischung 
des Femininen beim Manne nicht durchfiihrbar ist, auch eine zu weit 
gehende Differenzierung seiner virilen Komponente als gekiiiislelt 
anzusehen ist. Marc Andre Raffalovich hat eine seiche Mehr- 
teilung versucht, indem er^) drei Arton von Homosexuellen unterscheidet: 



*) H. Marx, Urningsliebe. Die sittliche Hebung des Urning- 
tums und die Streichung des § 175 des Dcutschen Strafgesetzbuchcs. 
Ein Wort an das deutsche Volk, die Manner der Wissenschaft und die 
Mitglieder des deutschen Reichstages. 1875 in Leipzig erschienen. 

=) Jahrb. f. s. Zw. III. Bd. p. 34. 

2) R a f: f a I o V i c h 1. c. p. 



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275 

die Ultravirilisten, die Virilen und die Weiblinge. Die Ultravirilisten 
wiirdeii etwa der Gruppe entsprecheu, die GustavJaeger als super- 
virile Homosexuelle bezeichuete. Dieser Aiisdruck findet sich in dem 
1884 ersciiienenen III. Telle seines „Lehrbuchs der allgemeinen Zoologie" 
(„Entdeckung der Seele",,3. Aufl., Bd. I, S. 269), wo die betr. Stelle 
folgendermaBen lautet: „Was mich anfangs am meisten frappiert hat, 
mir aber jetzt vollstandig erklarlich, ja naturnotwendig erscheint: 
Unter den Homosexualen steckt die merkwiirdigste Sorte von Mannern, 
namlich die, welche ich superviril nenne. Dieselben sfcehen, ver- 
moge einer individuellen Variation ihrer Seelenstoffe, ebenso ii b e r 
dem Manne wie der Normalsexuelle (sollte heiBen: Diirchschnitts- 
sexuelle) iiber dem Weibe. Ein solches Individuura ist imstande, die 
Manner durch seinen Seelenduft zu bezaubern, wie diese — aber in 
passiver Weise — ihn bezaubern. Da er nun stets in Mannergesell- 
schaft lebt, und Manner sich ihm zu FiiCen legen, so erklimmen solche 
Supervirile haufig die hdchsten Stufen geistiger Entwicklung, sozialer 
Stellung und mannlichen Konnens." Es ist zuzugeben, daB der maun- 
liche Einschlag beim homosexuellen Mann auch einmal starker sein 
kann, als er durchschnittlich beim heterosexuellen Manne ist ; die Welt- 
geschichte hat die Namen einiger Feldherren, Staatsmanner und Kunst- 
Keroen bewahrt, die an Tatkraft und Geistesscharfe die Mehrzahl der 
Manner iiberragten, gleichwohl aber urnisch waren; dennoch empfiehlt 
es sich und geniigt auch vollauf, angesichts der so sehr ineinander 
iiberflieBenden Gradstufen und Mannigfaltigkeit der Mischungsart 
mannlicher und weiblicher Eigenschaften auch hier nur von siarkeren 
und schwacheren Graden der Virilitat und entsprechend beim homo- 
sexuellen Weibe von verschieden starken Einschlagen der Femininitat zu 
reden. Die auf den ersten Blick befremdliche und mit der Lehre von 
den Zwischenstufen zunachst schwer vereinbare Tatsache, daB homo- 
sexuelle Manner viriler, homosexuelle Frauen femininer sein konnen 
als heterosexuelle Manner und Frauen, sucht Prof. Jordan- Katte 
in seiner sehr bemerkenswerten Arbeit, betitelt: „Die virilen Homo- 
sexuellen** *) dadurch zu begriinden, daB es nicht bloB auf das relative 
Verhaltnis der mannlichen zu den weiblichen Elementen, sondern auf 
das nach Starke und Art verschiedene absolute Quantum beider 
Komponenten ankommt. Nicht mit Unrecht bemangelt Jordan in 
diesem Aufsatz, daB von den Fachschriftstellern in der Kasuistik und 
Theorie die ihrem Geschlechtsapparat entsprechenderen Typen unter 
den Homosexuellen bisher viel weniger beriicksichtigt sind als die 
psychisch und somatisch starker von der Norm abweichenden. Er 
5chreibt^) : „Es ist ein — wenn auch verstandlicher — Fehler der 
neueren Schriftsteller auf dem Gebiete der Homosexualitat, daB sie so 
ganz vorzugsweise den femininen Typus des homosexuellen Mannes 
schildern und rechtfertigen und den virilen Typus vernachlassigen, 
der den Heterosexuellen vielleicht ansprechender erscheint als jener. 
So wird — entsprechend — leider auch immer nur das virile homo- 
sexuelle W e i b , das mannliche Alliiren zur Schau tragt, in die Dis^ 
kussion gebracht und die meist iiberaus zuriickhaltcnde feminine 
Jungfrau, die auch den Heterosexuellen oftmals interessiert, well sie 
nichts wesentlich Auffalliges darbietet, hintenangesetzt.'* An einer 
anderen Stelle gibt der Autor aber selbst hierfiir die Erklarung, indem 
er sagt. daB sich jede menschliche Klaa^ifizierung zunachst wohl 
Oder iibel an die markanten und extremcn Erscheinungs- 
gruppeh halten muB. 



*) Max Katte, Die virilen Homosexuellen, J. f. sex. Zw., Bd. 
Ttl, p. 

&) L. c. p. 94. 

18* 



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276 

Was das Zahlenverhaltnis der virilen und femininen Ura- 
nier anlangt, so diirfte I wan Bloch^) redht haben, wenn er 
sagt, daB es nach seinen Beobachtungen ungefahr das 
gleiche ist. Auch die virilen und femininen Uranierinnen 
scheinen an Menge einander etwa gleich zu sein. 

Mehr theoretisch als empirisch mtissen die SchluBfolge- 
rungen angesehen werden, welche viele Autoren bei der Ein- 
teilung der homosexuellen Manner und Frauen in die virileren 
und feminineren aus der personlichen Beschaffenheit auf die 
Geschmacksrichtung, die Betatdgungsweise oder gar auf. die 
Entstehung und Heilbarkeit ziehen. Wir stoBen auf solche 
Angaben an vielen Stellen der Fachliteratur ; auch ich selbst 
sebrieb in einer meiner ersten Arbeiten liber den Gegenstand: 
„Je femininer ein Mann ist, um so mehr liebt er ausge*- 
sprochen mannliche Typen, je mehr im Timing die mannlichen 
Ziigc tiberwiegen, um' so mehr liebt er Individuen, die im 
Auflem und Charakter etwas Weiblich-zartes haben, Jiinglinge, 
wobei ihm jedoch femiiiine Urninge zu weibisch zu sein pflegen, 
und das gleiche gilt fiir das kontrarsexuelle Weib, je mehr 
Weibliches in ihr ist, je weniger sie von der Norm abweicht, 
um so mehr liebt sie Frauen, die Mannliches an sich haben, 
kraftige geistesstarke Weiber, Kiinstlerinnen, Schriftstellerinnen, 
und je viriler sie selber ist, um so mehr flihlt sie sich von 
jungen, echt weiblichen Madchen angezogen." 

Offenbar schwebte bei diesen SchluBfolgerungen den Fach- 
leuten bewuBt oder unbewuBt die so weit verbreitete, aber 
auch fiir den normalen Verkehr noch keineswegs erwiesene 
Vorstellung von der Anziehung des Gegensatzlichen in der 
Liebe vor, eine Meinung, die beispielsweise Schopenhauer 
und nach ihm in noch viel verstarkterem MaBe Weininger 
dahin formulierten, daB stets „dem bestimmten Grade seiner 
Mannheit der bestimlnte .Grad ihrer Weibheit entspricht. In 
Wirklichkeit liegen aber die Anziehungsgesetze viel kompli- 
zierter. Ich habe im Laufe der Zeit viele feminine Homosexuelle 
kennen gelernt, die, trotzdem sie selbst am liebsten in Frauen- 
Jcleidern gingen, junge bartlose Leute liebten, und sehr virile 
Frauen, die ich zunachst fiir gute Freundinnen in unerotischem 
Sinn hielt, bis ich gewahr wurde, daB die auBerlich und an- 
pcheinend auch seelisch so verwandten Typen seit vielen Jahren 
ein regelrechtes sexuelles Verhaltnis miteinander batten. Eben- 
80 kann man nicht selten voUminnlichen Urningstypen be- 

«)Iwan Bloch, Das Sexualleben imserer Zeit, 7. — 9. Aufl. 
1909 p. 651. 



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277 

gegnen, von denen man — ehe man das Wundern auf sexuellem 
Gebiet verlernt hat — zu seinem groBen Erstaunen hort, daU 
sie sich fiir Manner unter 50 Jahren sexuell liberhaupt nicht 
interessieren k5nnen. Erst vor kurzem suchte mich ein etwa 
25jahriger Homosexueller auf, der durchaus mfinnlich erschien, 
dabei aber ftir Manner mit weiJJen Vollbarten, und zwar nur 
ftir diese, eine groBe Leidenschaft besaB. 

Auch die Meinung von U 1 r i c h 9 , dafi sich bei Urningen mit 
korperlich und geistig voUig mannlichem Habitus aktives Begehren, 
bei denen mit weiblichem Hjibitus passives Begehren findet, halt reich- 
licherer Erfahrung nicht stand. Urn von vielen, die diese Anschauung 
hegen, nur einen anzufiihren, erwahne ich Robert Sommer, der 
meint, daI3 man z w e i Arten der Homosexualitat unterscheiden miisse, 
die passive und die aktive. „Der passive Paderast weise einen deut- 
lichen Typus auf. Haufig bestehe schon in der Jugend Neigung zum 
Anlegen weiblichen Schmuckes und Kleidung. Dazu komme eine 
weibisch siiBliche fiir normale Manner widerwartige Art der Bewegung, 
welche diese Individuen als dirnenhaft erscheinen lasse. Bei dem 
aktiven Typus fehle dieses Wesen vollstandig. Er sei aus seinen Symp- 
tomen kaum erkennbar. Bei den weiblichen Homosexuellen unter- 
scheidet Sommer gleichfalls zwei Typen. Der aktive Typus, gleichsam 
das Gegenbild der femininen Form des mannlichen Homosexuellen, 
zeige sich im maskulinen Wesen, wahrend die passive Form anscheinend 
in keiner Weise auCerlich charakterisiert sei." 

In Wirklichkeit besteht keiue absolute Cbereinstimmung zwischen 
Virilitat und Aktivitat, Passivismus und Feminismus. Wir lassen 
dabei zunachst die Frage, mit der wir uns spater noch zu beschaftigen 
haben, unerortert, ob iiberhaupt die Einteilung der homosexuellen 
Manner und Frauen nach ihrer Betatigungsneigung in Aktive und 
Passive zu Recht besteht. Das eine lehrt jedenfalls eine ausgedehntere 
Praxis: unter denen, die passiven Pygismus pflegen, gibt es nicht 
wenige, die ansonsten einen mehr mannlichen, als weiblichen Eindruck 
machen, und andererseits finden sich unter denen, die zur aktiven 
Immission neigen, manche, die in ihrer Psyche dem Weibe naher stehen 
als dem Manne. Es kommen eben auch hier alle nur erdenklichen 
Verbindungen vor, welche lehren, daB die Wahrheit der Wahrschein- 
lichkeit immer noch weit iiberlegen ist. 

Noch einen Schritt weiter ist neuerdings der Freudschiiler S. 
Ferenczi in Budapest gegangen. In einem Vortrage, den er im 
September 1911 auf dem KongreB fiir Psychoanalyse in Weimar hielt, 
unterscheidet er die Homosexuellen in zwei Gruppen, die er als Objekt- 
homosexuelle und Invertierte bezeichnet. Bei den Objekthomosexuellen 
triige der homosexuelle Trieb den Charakter der erworbenen Zwangs- 
idee eines Neurotikers, die als solche auf psychoanalytischem Wege 
leicht zu erkennen und zu beseitigen sei. Ganz anders lage es bei den 
Invertierten, bei denen tatsachlich ein konstitutioneller Zustand vor- 
handen sei. 

Bei einiger Cberlegung wird man leicht einsehen, daC die Objekt- 
homosexuellen und die Invertierten im Grunde genommen nichts an- 
dcres sind als die Mannlinge und Weiblinge von U 1 r i c h s , daB jedoch 
hier eine Ansicht wiederkehrt, die sich gelegentlich schon bei den 
Alten findet, beispielsweise bei J u v e n a 1 , wenn er (in satir. II), 
die Weiblinge in Schutz nehmend, sagt : hunc ego f a t i s imputo, 
qui morbum vultu incessuque fatetur, diesem, welcher seine Krank- 
heit — er meint vovo(k ^i^Xeia, die weibische Krankheit — durch sein 
Mienenspiel und seinen Gang verrat, rechne ich sie als Schicksal, 
nicht als Schuld an. Die Ferenczi sche Auffassung, dafl die Homo- 



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278 

sexualitat des Virilen „lockerer" sitze als die des Femininen, wird 
zweifellos auf den ersten Blick fiir manchen etwas Bestechendes haben, 
sie hat nur einen Fehler, namlich den, dafi sie mit der Wirklichkeit 
im Widerspruch steht, die zeigt, daB die Homosexualitat der viriler 
Gearteten ebenso fest mit der Konstitution verkniipft und ebenso- 
weiiig von dieser abzutrennen ist, wie die der Feminineren. 

Recht beachtenswert ist die Einteilung, welche Hans Bliiher 
in seiner Arbeit: „Die drei Grundformen der Homosexualitat" 7) gibt. 
Er unterscheidet „den invertierten Weibling" — so nennt er den 
femininen Homosexuellen — von dem ,,Mannerhelden". Er versteht 
darunter deu sich seiner Inversion und der damit verbundenen Auf- 
gaben voll bewufiten Homosexuellen, der seine Triebriclitung nicht 
nur in geschlechtlicher Beziehung betatigt, sondern auch seine er- 
zieherischen Fahigkeiten gegeniiber dem eigenen Geschlechte voll zur 
Entfaltung bringt. Er iibt infolgedessen auf jiingcre Personen des 
mannlichen Geschlechtes besondere Anzieliungskraft aus und spielt 
im eingeschlechtlichen Milieu namentlich in Jugendbewegungen eine 
groBe Eolle. Als dritte Grundform bezeichnet B 1 ii h e r die „]atente 
Inversion**, bei der die homosexuelle Komponentc bewuBt u n t e r- 
d r il c k t Oder unbewuBt verdrangt oder in rein kiinstlerische oder 
wissenschaftliche Betatigung sublimiert wird, wobei eine Um- 
setzung in neurotische Komplexe erfolgt mit stark antihomosexuellen 
Instinkten. (Verfolgertyp). 

Sowohl in homosexuellen als heterosexuellen Kreisen 
herrscht vielfach die Neigung, die weiblicher gearteten Homo- 
sexuellen niedriger zu bewerten, als die mannlicheren. Das 
ist ebenso unangebracht, wie der alte miiUige Streit, ob Mann 
oder Weib hoher zu bewerten seien. In der Natur aller ruhen 
gute Eigenschaften, durch der'en Entfaltung sie dem Ganzen 
forderlich sein konnen. 



•) Jahrbuch fiir sex. Zwischenstufen. Bd. XIII, p. 139 ff., 326 ff., 
411 ff. 



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FUNFZEHNTES KAPITEL 

Einteilung der Homosexuellen nach ihrer Geschmacks- 
richtung und den Betatigungsformen. 

Sind wir auch nicht imstande, aus der Zugehorigkeit zu 
der virileren oder feminineren Uraniergruppe die Geschmacks- 
und Betatigungsart eines Homosexuellen abzuleiten, so ist damit 
keineswegs gesagt, dafi diese nicht dennoch im wesentlichen von 
der individuellen Eigenart eines Menschen abhangig ist. Sicher- 
lich ist die Riehtung des Geschlechtstriebes kein freier Will- 
ktirakl, nur liegen die Verhaltnisse viel komplizierter, als daB 
sich von der Beschaffenheit des Subjekts die Besehaffenheit des 
Objektft so leicht ablesen liefle. Fiir das Vorhandensein solcher 
Zusammenhange spricht neben anderen Griinden vor allem die 
relative Konstanz des anziehenden Typus. Fast so konstant 
wie die subjektive Sexualpsyche der gleichgeschlechtlich emp- 
findenden Person ist das von ihnen bewuBt oder unbewuBt be- 
gehrte Sexualziel, selbst wenn die Manner oder Fraucn, welche 
Trager der erregenden Eigenschaft-en sind, in mannigfacher Hin- 
sicht voneinander verschieden zu sein scheinen. Jedenfalls 
ist das, was die Sinnesorgane der Liebenden erotisch lustbetont 
als schon empfinden, in ihren Sexualzentren selbst a priori de- 
fcerminiert, wobei allerdings zu beachten ist, daB der Gefiihls- 
komplex, den ein Individuum in einem andern auslost, durcliaus 
nicht immer ein wechselseitiger ist. 

ITnter den Homosexuellen selbst herrscht liber die relative 
Festigkeit des Geschmackstypus kein Zweifol ; in 
ihren Unterhaltungen tiber Geflihlsgenossen spielt die Erortorung 
dieses' Untcrscheidungsmerkmals eine ziemliche RoUe, beispiels- 
weise wenn sie die Frage aufwcrfen, ob jemand jtingere oder 
altere Personen liebe, etwa, um mich einer unter ihnen haufigen 
Sprechweise zu bedienen, ,,mit oder ohne Bart**, oder wenn es 
weibliche Homosexuelle sind, ob eine „Frauen oder Madchen** 
vprzieht. In der Fachliteratur findet sich die Einteilung nach 



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280 

der Triebrichtung nicht so haufig. Planmafiig durchgefiihrt 
findet sic sich in meinem „Wesen der Liebe**, woselbst ich die 
Homosexuellen nach etwa 100 dort veroffentlichten detaillierten 
Geschmacksschilderungen in drei Gruppen teile: die Ephebo- 
p h i 1 e n , die es zu gesehlechtsreifen Jtinglingen von der Puber- 
tat bis Anf ang der Zwanzig zieht ; die Androphilen, welche 
Personen von diesem Alter ab bis in die Flinfzig lieben, und 
die Gerontophilen, die von alteren Mannern bis zu solchen, 
die sich bereits im Greisenalter befinden, gefesselt werden. 

Kohleder und B 1 o c h i) haben diese Einteilung akzeptiert. 
M o 1 1 ^) schreibt : „Wenn wir verschiedene Homosexuelle betrachten, 
so ergibt sich, daB das Alter, das sie bevorzugen, durchaus verschieden 
ist. Der eine liebt geschlechtsunreife Knaben, ein anderer rnehr junge 
Leute, etwa im Alter von 15 — 18 Jahren, ein dritter nur voUkommen 
geschlechtsreife, vollentwickelte Manner." 

Dr. V. Romer beriicksichtigt in seinem koinplizierten Schema 
der Geschlechtsdifferenzierungen, dessen Klarheit imter allzu groBer 
Gewissenhaftigkeit leidet, ') ebenfalls das Alter des Objekts, nimmt 
es aber nicht als etwas Absolutes, sondern stellt es dem Alter des 
liobenden Subjekts gegeniiber. Danach unterscheidet er vier Oruppen: 
I. diejeni^en, die Personen lieben, die jiinger sind als sie selbst, 
Neotcrophile (abgeleitet von vewzegog der jiingere) ; TI. solche, die altere 
lieben : rresbyterophile (abgeleitet von jigeofivregos alter), III. solche, 
die gleich alte lieben: Helikophile (abgeleitet von tjXi^ der Alters- 
genosse, und IV. solche, die kein bevorzugtes Alter kennen: Broto- 
phile (abgeleitet von figotdg sterblich). 

Zu der letzteren Gruppe ist zu bemerken, daB es in der Tat 
homosexuelle Manner und Frauen gibt, deren Geschlechtsrichtung 
innerbalb eines ausgedehnten Altersspielraums belegen ist; so kenne 
ich mehrere Homosexuelle, die von einer gewissen, mannlichen Art 
des Auftretens und der Bewegung so fasziniert werden, daB sie es 
demgegeniiber gering veranschlagen, ob der Betreffende Anfang der 
Zwanzig oder Ende der Vierzig ist. Es ist dies aber verhaltnismaBig 
nur selten, viel haufiger findet man, daB der Altersspielraum enger 
bemessen ist, als er unserer Einteilung in Ephebophile und Andro- 
phile entspricht. So gibt es Homosexuelle, die fast nur von jungen 
Menschen im Beginn der Reife, also vom 14. bis 16. Lebensjahre, 
andere, die von 16—19 jahrigen, oder etwa von 19—25-, 30 — 40-, 40 — 60- 
jahrigen angezogen werden. Es ist nicht moglich, alle diese Unter- 
abteilungen bei einer systematischen Gruppeneinteilung zu beriick- 
sichtigen. Fiir verfehlt halte ich den Gesichtspunkt von Romers, 
das Alter des Liebenden mit dem der geliebten Person in Relationen 
zu bringen, da, wie die Erfahrung zeigt, die anziehenden Alters- 
stufen verhaltuismaBig konstant bleiben, wahrend das Alter des Lieben- 

«) Iwan Bloch 1. c. p. 563. 

*) Moll, Dr. med. Albert, die kontrare Sexualempfindung. 1899. 
p. 33 f. 

•) Wer soil beispielsweise trotz aller voraufgegangenen Erklarun- 
en folgenden Satz verstehen: „Die Tragweite meser Unterscheidung 
allt sofort auf, wenn man bedenkt, daB der heterophile Orchiphor, 
der karterophil und presbyterophil ist, in der methebetischen Periode 
doch eigentlich naher beim homoiophilen Orchiphoren, der presby- 
terophil und karterophil ist, oder beim normalen heterophilen Metra- 
phoren steht als beim ausgesprochen normalen heterophilen Orchi- 
phoren.*' Jahrb. f. sex. Zwischenst. VI, pag. 348. 



I 



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281 

den doch weiterriickt. Wer 20 jahrige liebt, tut dies mit 20 Jahren 
meist genau so wie mit 70 Jahren; nach v. Romer wiirde man ihn mit 
20 Jahren als helikophil (Gleichaltrige liebend), mit 18 Jahren als 
presbyterophil (Altere liebend), mit 30 als neoterophil (Jiingere liebend) 
bezeichnen miissen, wahrend wir ihn sowohl mit 18 als mit 80 ephebo- 
phil nennen wiirden. Es kommt zwar vor, daB sich die Altersgrenzen 
etwas verandern, Manner und Frauen in spateren Jahren etwas Altere 
Oder Jiingere lieben, wie sie friiher taten, doch ist diese Geschmacks- 
veranderung so geringfiigig und selten, daB sie vernachlassigt wer- 
den kann. 

Noch weiter in der Einteilung nach dem bevorzugten Alter wie 
V. Romer geht B e m b o *), der die homosexuellen Manner einteilt 
in diejenigen, die das gleiche Alter suchen — er nennt sie Gemelos 
(Zwillinge) — und die, welche andere Altersstufen begehren. Diese 
zerfallen in die Infantilistas, welche sich fiir Kinder im Sauglingsalter 
entflammen, wovon er einen Fall kennt, ferner die Pederastas, die 
sich fiir unreife Knaben von 13 — 14 Jahren interessieren, die Pedi- 
cones, die Jiinglinge lieben, die Filodelfos, welche jxinge Manner von 
20 bis ungefahr 30 Jahre lieben, die Virastas, welche Erwachsene von 
30 bis 45 vorziehen, und die Senectas, deren Geschmack sich auf alte 
Leute von 60 und mehr Jahren richtet. 

Ganz ahnlich teilt er auch die von ihm als Saphistas bezeich- 
net«n homosexuellen Frauen ein. 

Nach unserer gegenwartigen Erfahrung mochte ich die 
friihere Dreiteilung nach Altersstufen insofern modifizieren, 
als es mir entsprechender erscheint, in dieser Hinsicht zwei 
groBero Hauptgruppen und zwei kleinere Nebengruppen zu 
unterscheiden. Die beiden Hauptgruppen, von denen 
jede etwa 45o/o der gesamten Homosexuellen betragen diirfte, 
sind die E p h e b o p h i I e n , die Personen vom Beginn bis zum 
Abschlufl der Reife, also im Jtinglingsalter von etwa 14 — 21 
Jahren, lieben, und die Androphilen, die zu Personen vom 
Beginn des Mannesalters bis zum Beginn des Greisenalters 
neigen. Es sei hier aber nochmals ausdriicklieh tetont, dafi sich 
die Ephebophilie keineswegs nur bei virilen, die Androphilie 
bei femininen Homosexuellen findet. Hierzu kommen dann noch 
zwei Nebengruppen, die Padophilen und die G e r o n - 
tophilen, von denen die einen — zweifellos die am ungliick- 
lichsten veranlagten — zu noch nicht geschlechtsreifen Personen 
inklinieren, wahrend die andern nur fiir Greise sexuelle Emp- 
findungen versptiren. Die an 100 o/o fehlenden lO^/o aller 
Uranier teilen sich, wie es scheint, in Hiese beiden Gruppen zu 
etwa gleichen Teilen. Fiir die Frauen gilt dieselbe Einteilung, 
zwei Hauptgruppen, die parthenophilen und gynako- 
philen, und zwei Nebengruppen, die korophilen und 
graophilen. [noQ'&hog Jungfrau, ywrj Frau, ^igrj Madchen, 
ygavg Greisin.) 



*) Prof. Max Bembo, La mala vida en Barcelona. 



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282 

Mit der Vorliebe ftir eine bestimmt^ Altersstufe ist die 
Gcschraacksdifferenzierung naturlich keineswegs erschopft. Es 
gibt ;innerhalb jedes Altersspielraiims eine Menge ,bestimmter 
korperlicher und seelischer Eigenschaften, beispielsweise in b^zug 
auf die Figur, die Farbe der Haare und Augen, auf Wesen, Cha- 
rakter, Art sich zu bewegen, Bildung, Stand, die ftir die spon- 
lane Anziehung von nicht zu unterschatzender Bedeutung sind. 
Hier scheitert jede Einteilung an der Ftille der Falle, wenngleich 
sich gewisse Gruppen, wie etwa die der nur zu Soldaten neigen- 
den homosexuellen Manner oder die der homosexuellen Frauen, 
deren Spezialitat weibliche Prostituierte sind, zienilich deut- 
lich aus der Menee herausheben. 

Aber auch hier gibt es inaerhalb jeder Gruppe immer noch sehr 
atarke Dif ferenzierungen ; so finden wir unter den „Soldatenfreiern" 
salche, die nur fiir die Mannschaften inklinieren, darunter wieder 
welche, die fast ausschlieBlich auf Unteroffiziere, andere, die fast nur 
auf. Offiziersburschen ,,fliegen" ; dann gibt es welche, die sich nur 
mit Offizieren befassen. Daneben spielen die verschiedenen Truppen- 
gattungen eine KoUe. Fiir viele existiert nur die Infanterie, fiir andere 
dio Kavallerie, fiir dritte die Marine. Ich kannte einen Homosexuellen, 
fiir den nur die „ersten Garde-Ulanen" von erotischer Bedeutung 
waren, die ganze iibrige deutsche Armee schien fiir ihn nicht vor- 
handen zu sein. Vor einiger Zeit hatte ioh einen Arzt zu begutachten, 
der ausschlieBlich Kavallerie-Offiziere liebte. Da er mit ihnen ander- 
weitig nicht in Konnex kommen konnte, hatte er sie dadurch auf sein 
Zimmer zu locken verstanden, daC er mit ihnen Gcldg-eschafte entrierte. 
In alien diesen Fallen spielt offenbar der F e t i s c h i s m u s eine be- 
trachtliclie Rolle, von dem sich Anklange iibrigens auch bei alien an- 
deren Homosexuellen meist unschwer nachweisen lassen. 

DaC es sich hier tatsachlich um Fetischismus handelt, jgeht 
daraus hervor, daB, wenn der Fetisch fehlt, an die Stelle der sexu- 
ellen Attraktion oft vollige Indifferenz, wenn nicht gar Aversion, 
tritt ; so erzahlen Soldatenfreunde, wie vollig ,,abgekiihlt" sie seien, 
wenn ihre friiher geliebten Freunde sie als „Reservisteu" aufsuchen. 
Diese wiederum, meist sehr erfreut iiber die schon langst ersehnte 
Zivilkleidung, sind oft nicht wenig verwundert iibor das ganzlich ver- 
anderte Benehmen ihrer Gonner. Ein junger Priester schreibt mir: 
„rch bin vollstandig homosexuell. Der Typus, der mich anzieht, ist 
der kraftige, schone Mann im Alter von 25 — 40 Jahren. Ob dieser 
Typus nun blond oder schwarz ist, ist mir gleichgiiltig, nur muB er 
sympathische Gesichtsziige und vor allem einen Schnurrbart — aber 
ja keinen Vollbart — haben, bartlose Manner konnen mich auf. keinen 
Fall reizen ; wie sehr die geschlechtliche Reizung von dem Schnurr- 
bart abhangt, illustriere folgendes : Mcin Onkel, — ein hoherer katho- 
lischer Geistlicher — bei dem ich mich studienbalber aufhielt, hatte 
einen Kaplan, der jenen kraftit>en schonen Typus darstellte, den ich 
Hebe, una welcher als katholischer Geistlicher keinen Bart tragen 
durfte. Wir beiden verkehrten ganz freundschaftlich miteinander, 
ohne daB ich meinerseits sexuell von ihm erregt wurde. Ich brachtc 
nun eines Tages einen beim Friseur gekauften Schnurrbart mit heim 
und bat ihn, er mochte ihn anlegen, was er auch tat. Sofort be- 
machtigte sich meiner eine tiefe Erregung und ich hatte Miihe, ihn 
nicht an mich zu reiBen und zu verkiissen." 

Wie ungemein detailliert und spezialisiert die Geschmacksrich- 
tung der Homosexuellen sein kann, mogen noch einige seltenere Falle 



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283 

belegen. Ich kannte Urninge, die sich erotisch ausschlieOlich fiir 
Schutzleute interessierten, andere, die nur „Studenten mit Schmis- 
sen*' liebten; einen Urning lernte ich kennen, dessen ausschlieB- 
liche Leideuschaft Ilirten warcn. Nach diesen lugte er aus weiter 
Feme aus. „Einmal,** so erzahlte er, „erblickte ich in der Gegend 
von San Remo oben auf dem Berge einen Hirten inmitten seiner 
Herde ; leider hatte ich meinen Feldstecher vergessen. Da mir seine 
Gest^lt jugendlich erschien, machte ich mich zu ihrn auf den Weg, 
68 war ein sehr beschwerlicher Weg durch ein tiefes Tal, wohl iiber 
eine Stunde. Als ich oben angelangt war, sah ich, daB es ein ganz 
alter Mann war. S o ist es mir menr als einmal ergangen." 

Ein anderer wurde durch den am Nacken stark hervortretenden 
siebenten Halswirbel machtig angezo^ren, andere durch Kahlkopfe ; von 
zwei urnischen Briidern, die ich in Briissel kennen lernte, liebte der 
einc nur „Chasseurs'\ der andere nur Chanffenre. 

Ich kannte einen Urning, der prinzipiell nur mit Rheinlandern, 
Westfalen und Pommern sexuell verkehrte, „ganz ausgeschlossen*' seien 
fiir ihn Sacbsen, Hamburger und Elsasser; einer wurde nur durch Leute, 
die kurze Shagpfeife rauchten, erregt. Verschiedene Urninge und Ur- 
ninden teilten mit, daD s c h o n e Menschen sie kalt liefien, dagegen 
fiihlteu sie sich angezogen durch Leute von grotesker HaBlichkeit. 
Oberhaupt ist bei den homosexuellen Frauen diese Differenziertheit 
des Geschmackes ebenso groi3. So konnte sich eine mir ])ekannte Ur- 
ninde nur fiir verheiratete Frauen interessieren, eine andere nur fiir 
Dienstmadchen, eine weitere wurde durch Pelze, eine andere durch groBe 
OLrringe machtig angezogen, eine liebte „Frauen nicht unter 200 
Pfund**. 

Wenn Kriegsminister von Einem iiber die Homosexuellen sagtc: 
„Ich babe aus Broschiiren' und wissenschaftlichen Schriften gelesen, 
daB jene Manner, die mit dieser Leidenschaft behaftet sind, sich die- 
jenigen Manner aussuchen, die ihnen die Verkorperung der Starke 
und VoUkommenheit zu sein scheinen: z. B. sollen Lasttrager, Roll- 
kutscher und Bierkutscher ganz besondere Objekte ihrer Lust sein", 
so zeigte er sich nur sehr einseitig oriontiert. 

Ein spekulativer Militarschneider in Berlin, der ein vielbesuchtes 
Abate igequartier fiir Homosexuelle unterhielt, hatte in seinen Schranken 
alle moglichen Uniformspiele hangen, mit denen er ganz nach Wunsch 
Infanteristen in Ulanen, Land- in Seesoldaten umwandeln konnte. Auch 
sonstige Requisiten, mit denen er fetischistischen Anspriichen geniigen 
konnte, fehlten nicht; vom Apachenhalstuch bis zum Priesterkragen, 
vom Sporenstiefel bis zum Lackhalbschuh „war alles da". Wenn 
.1. A. Symonds*a), der viele interessante Beispiele fiir fetischistische 
Liebhabereien beibringt, diese objektiv zu erklaren sucht durch 
Strammheit, Sauberkeit, Erdgeruch usw., so trifft dies nur sehr bedingt 
zu ; das Wesentliche liegt in rein subjektiven Gedankenassozia- 
tionen, welche der einen Individualitat die engen Reithosen, der an- 
deren die weiten Matrosenhosen begehrenswerter erscheinen lassen. 
Die Verfolgung der Ursachen soloher individueller Absonderlichkeiten 
bis an die Grenze des endogen Gegebenen geschieht am besten auf 
psycboanalytischem Wege. Aus einer umfangreichen Statistik, in der 
ich die Eigenschaften des Liebesobjektes mit der eigenen Person ver- 
glich, ergab sich, daB etwa 55 o/o der Homosexuellen Eigenschaften 
suchen, die sie selbst besitzen, ca. 45 o/o in ge ge n t e i 1 igen Eigen- 
schaften die Erganzung ihres Tchs finden. 



*a) Havelock Ellis und J. A. S v m o n d s , Das kontrare Ge- 
gchlechtsgefiihl. (Leipzig 1896) p. 283 ff. ' 



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284 

Bedeutsam sind noch folgende Unterscheidungen : zunachst 
die, ob eine homosexuelle Frau oder ein homosexueller Mann 
ebenfalls nur homosexuell Empfindende lieben oder nnr Hetero- 
sexuelle. 

Es ist zweifellos, dafi, wahrend viele Homosexuelle eben- 
falls urnisch Empfindenden bei weitem den Vorzug geben und 
manchen es in ilirer Neigung keinen Unterschied macht, ob die 
Betreffenden kontrar flihlen oder nicht, eine ganze Anzahl von 
Urningen ausschlieUlich zu heterosexuellen Naturen neigen. Oft 
sind ihnen die Glcich- oder Ahnlichfiihlenden direkt antipathiseh, 
sie sind ihnen zu „weibisch** oder zu verwandt. „Wir sind zu 
gleichartige Naturen, wir passen nicht flir die Liebe, wohl a'ber 
fiir die Freundschaft** erwi.derte eine beruhmte urnische Schau- 
spielerin einer KoUegin, welche ihr ihre Liebe erklarte. Wenn 
For el meint: „Der Urning verliebt sich natiirlidh am 
ehesten in einen normalen Mann, dessen ,Frau* er sein mochte**, 
so trifft dies nur flir einen gewissen Frozen tsatz, sicherlich 
nicht ftir die Mehrzahl der Urninge zu. 

Ein dritter Teil scheint der Veranlagung der Partner iiber- 
haupt keine Bedeutung beizulegen; es konnen diese so wohl durch 
Homosexuelle als Heterosexuelle gereizt werden, wofern sie 
nur im iibrigen einem bestimmten Typus entsprechen. Die 
einen wtirde man nach dieser Klassifizierung Homoiophile 
(Gleichliebende), die anderen als Alloiophile (Ungleich- 
liebende), die dritten etwa als Amphiphile (nach beiden 
Eichtungen Liebende) bezeichnen konnen^). 

Ferner gibt es homosexuelle Leute, die nur Personen ihres 
Standes lieben, wobei man die hoheren oder niederen Gesell"- 
schaftsklassen unterscheiden kann, und solche, die sich nur zu 
Niedergestellten odiBr ausadhliefilidh zu Hohergestellten hinge- 
zogen fiihlen. Zur ersten Gruppe gehorte eines der heftigsten 
Liebesverhaltnisse, das ich beobachten konnte, zwischen dem 
Postillion und dem Schaffner eines Gepackwagens, ein anderes 
zwischen dem Portier und dem Hausdiener eines Hotels, ferner 
die vielen Verbal tnisse, die weibliohe Prostituierte mit ein- 
ander haben; ein in ihrer Zeit viel genanntes Liebespaar 
waren Anne Bonny und Mary Read, die beide als See- 
rauberinnen in Westindien hausten. Die Beispiele der zweiten 
Gruppe, in der Homosexuelle hoherer und hochster Stande, 
beispielsweise Offiziere oder adelige Damen, sich nur unterein- 
ander lieben, sind ebenso wie die dritte und vierte, in denen 



5) V. R 6 m e r gebraucht diese Ausdriicke loco citato pag. 335 
in etwas anderem Sinne. 



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286 

Leute aus dem Volke nur an prominenten Stellen Stehende und 
umgekehrt sozial Hochgestellte nur „Volk** lieben, so haufig, 
dalJ Mch die Anftihrung von Einzelbeispielen ertibrigt. Hier 
schlieBt sich die Unterscheidung an, ob jemand geistig und 
sozial unter ohm oder [iiber ihm Stehende liebt. v. Romer 
spricht von Didaskalophilen (hergeleitet von diddaxaXog 
Lehrer), die sich zu solchen hingezogen ftihlen, von denen sie 
lernen konnen, und von Manthanophilen (von fiav&d- 
vovteg Schtiler) als solchen, die zu Personen neigen, auf die 
fide padagogisch wirken konnen. 

Wir bertihren mit dieser Unterscheidung in Lernende und 
Lehrende pchon ein Gebiet, in dem die Trennung nicht mehr 
so sehr vom Gesidhtspunkt der eigentlichen Geschmacksquali- 
tat erfolgt, als nach Mafigabe der Betsltigung, denn sicherlich 
ist <las instinktive ^edtirfnis, ein geliebtes Wesen geistig zu 
heben, eine Form seelischer Aktivitat, wahrend in dem Wunsche, 
sich an einen starkeren anzulehnen, geistig von ihm zu emp- 
fangen, eine gewisse seelische Rezeptivitat und Passivitat zum 
Ausdruck kommt. Wir begegnen hier zwei Worten, die in der 
Einteilung der Homosexuellen von jeher eine groBe und, sagen 
wir «es gleich, eine ubergrofie RoUe gespielt haben, den friiher 
fast allgemein und auch heute noch vielfach nicht nur von 
Laien, sondem auch von Arzten und Juristen angewandten 
unterscheidenden Ausdriicken : a k t i v und p a s s i v. Ursprting- 
lich scheinen diese Bezeichnungen nur korperlich gemeint ge- 
wesen zu sein, und auch jetzt werden sie vielfach so aufgefafit. 

Es gab und gibt auch gegenwartig noch Volke r, die in der Be- 
urteilung homosexueller Akte einen wesentlichen Unterschied zwischen 
aktiven und passiven Betatigungsformen statuieren, nur die passiven 
sind ihnen Gegenstand der Verachtung und des Spottes, wahrend die 
Aktiven als etwas Gleicheiiltiges hingenommen werden. Diese Uber- 
lieferung aus der Antike nat sich namentlich im ganzen Orient, aber 
auch in vielen Gegenden Siideuropas und Siidamerikas bis auf den 
heutigen Tag erhalten. Es scheint hier der nicht ganz unberechtigte 
Gedanke mitzuwirken, daB diejenigen, die sich zu passiven Akten 
hergeben, fast immer wirkliche Homosexuelle sind, wahrend die 
aktiven Handlungen nicht selten auch von Bisexuellen oder von 
Heterosexuellen als Surrogatakte vorgenommen werden. 

Gegen die alte Einteilung der Homosexuellen in aktive und pas- 
sive laCt sich mancherlei geltend machen. Wir wissen heute, daC 
der Akt der Immission und Susception in anum, von der diese Ein- 
teilung ihren Ausgang genommen hat, keineswegs die gewohnliche 
homosexuelle Betatigungsform ist ; im Gegenteil, diese Verkehrsform 
wird an Haufigkeit von anderen Betatigungsarten weit iibertroffen. 
Wie will man aoer beispielsweise bei der verbreitetsten Verkehrsweise, 
der mutuellen Masturbation, die Aktiven und Passiven unterscheiden? 
Gewohnlich wird derjenige, der den andem beriihrt, als der Aktive 
angesehen. Denken wir uns aber die Ilohlhand als Substitut der 
Vagina, eine Vorstellung, die ich gelegentlich von Staatsanwalten 



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286- 

in ihren Plaidoyers habe aussprecliea horen, so erscheint in der Tat 
derjenige. der sich der Hand ae3 anderen zur •Erzielung seines Orgas- 
mus bedient, als der Aktivere ; nicht anders ist es im oralen Verkehr. 
Hier wird meist derjenige, qui membrum alterius in os suum suscipit, 
als passiver Teil erachtet, in Wirklichkeit ist er aber vielfach der 
Aktivere gegeniiber demjenigen, der, oft vollkommen passiv daliegend, 
den Akt an sich vornehmen lafit. Es ist deshalb auch sprachlich voll- 
kommen richtig, wenn in Gerichtsverhandlungen dem Angeklagten zur 
Last gelegt wird, er habe als Tater membrum in os „genommen", nicht 
etwa empfangen. Selbst bei dem analen Verkehr kann der Immit- 
tierende passiv sein ; beispielsweise wenn, wie ich ebenfalls vor Gc- 
richt wiederholt habe nachweisen lioren, der eine Angeklagte sich 
nackt auf den nackten SchoB des anderen setzte, und beide so ahn- 
lich ihro Position vertauschten, wie im heterosexuellen Verkehr das 
Weib als aktiver Incubus mit dem Manne als passivem Succubus. 

Streng genoramen ist liberhaupt jeder sexuelle Verkehr 
ein mutueller, kein ausschlieJJlich aktiver und passiver; die 
Partner verkehren eben „miteinander*', wenngleicli zugegeben 
werden kann, daU vielfach bei dem einen die Aktivitat, bei dem 
andern die Passivitat vorherrscht; meist findet sich aber bei 
beiden beides, und diese Einteilung ist deshalb nur in einem 
verhaltnismaBig geri'ngen Bruchteil der Falle durchftihrbar. 
In hoherem MaBe gilt dies noch flir die seelische Aktivitat und 
Passivitat. Ebenso wie sich in jedes Menschen Wesenheit un- 
trennbar der virile und feminine Anteil mischt, sind auch 
in seinem Tun stets die aktive und passive Komponente ver- 
bunden, wennschon verschieden stark. Urninge, deren Neigung 
es ist, im Sexual verkehr sehr hingebend zu sein, sind oft in 
der Ankniipkfung von Liebesbeziehungen nichts weniger als 
passiv, im Gegenteil recht aggressiv. 

Hinsichtlich der eigentlichen Sexualakte besteht zwischen 
den mannlichen und weiblichen Homosexuellen eine voUkommene 
Analogic. Bei beiden konnen vier Hauptformen unterschieden 
werden : die manuelle, orale, femorale und a n a 1 e Be- 
tatigung, welch letzterer beim Weibe die membrale entspricJiL 

I. Die manuelle Verkehrsform wird vielfach auch als mutuelle 
Ojianie bezeichnet. Dieser Ausdruck ist aber nicht zutreffend, da 
die Onanie meist nur ein Surrogat sonst nicht vorhandener sexu- 
eller Befriedigung darstellt, wahreud die mutuelle Onanie gewohnlich 
nicht faute de mieux, sondein als die bevorzugle und vollkommen ge- 
niigende Befriedigungsform vorgenommen wird. Es fehlt hier ein 
der fellatio, cunnilinctio oder pedicatio entsprecheudes Wort, als 
welches ich die Bildung digitatio vorschlagen wiirdc. Das Wesent- 
liche dieses Aktes besteht in der Vereinigung von Hand imd Geni- 
talien, in Betastungeii, Beriihrungou, UmschlieBungen und schlieBlich 
Friktionen des mannlichen oder weiblichen Geschlechtsteils. Wie 
beim Manne das Membrum, so ist bei der Frau Klitoris und Vulva^ 
sel toner die Vaginalschleinihaut Zielpunkt der Hand. Die immissio 
digiti in vaginam more membri ist den homosexuellen Frauen viel- 
fach unsympathisch. 



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287 

In einer groBen Zahl der Falle sind diese Akte n i c h t mutuell, 
sonderii der eine Teil wiinscht nur den andern usque ad ejaculationem 
adducere oder von ihm usque ad ejaculationem adduci. Einige legen 
auf die libido, erectio und ejaculatio des andern keinen Wert, wahrend 
andere, ohne sich beriihren zu lassen, nur diese erstreben. Ich kannte 
in London einen homosexuellen Backer mit dem Beinamen „the Queen", 
der, wenij er ausging, an einem Abend in Whitechapel oft zehn mann- 
liche Personen ad ejaculationem onanislerte, ohne sich anfassen zu 
lassen : er selbst befriedigte sich schlieBlich durch Autoonanie. Im 
Gegensatz hierzu fiihre ich den Fall eines ca. 24 jahrigen jungen 
Kaufmanns an, der mich mit seinem Vater konsultierte. Er hatte 
den sehnlichsten Wunsch, von einem Manne an den Genitalien be- 
iiihrt zu werden, hielt sich zu diesem Zwecke oft lange auf Bediirfnis- 
anslalteu auf, wiirde es aber nie iiber sich gewonnen haben, seiner- 
seits einen Partner anzugreifen. Nicht selten findet eine Anfeuch- 
tung manus vel membri rnit sputmn statt, dagegen diirfte es nur ver- 
einzelt sein, dafi, wie Moll angibt, manus masturbantis vaseline 
vel oleo linitur (event, in Badeanstalten sapone). Unter homosexu- 
ellen Frauen spielt bisweilen die eine mit einer Hand an den Scham- 
teilen der Partnerin, wahrend sie die andere Hand benutzt, um sich' 
selbst zu befriedigen. Nach den von mir in der forensischen 
und konsultativen Praxis gesammelten Erfahrungen 
diirfte die Digitatio in etwa iOojo der Falle die von 
homosexuellen Mannern und Frauen ausschlieBlich 
geiibteVerkehrsformsein. ; 

II. Ebenfalls inetv^a 40o/o der Falle findet im mann- 
lirhen und weibli.chen Homoscxualverkehr die ja auch 
im heterosexuellen weit vorbreitete Vereinigung der f einen Tastkorper- 
chen der Mucosa 1 a b i a 1 i s und 11 n g u a 1 i s mit denen der Genital- 
organe statt. Auch hier ist der Verkehr entweder mutuell, fiir dessen 
Bezeichnung eigentiimlicherweise in vielen Sprachen eine Doppelzahl 
(69) ihren Namen hergegeben hat, offenbar, weil deren Ziffern ahn- 
lich zueinander gestellt sind wie die Loiber der sich oral-genital 
wechselseitig betatigenden Partner oder Partnerinnen ; oder aber die 
Verkehrsart, und zwar scheint mir dies haufiger zu sein, ist eine ein- 
seitige, dergestalt, dafi der eine Teil nur lambit, der nndere nur 
lambitur. 

Was die Ausfiihrung des Aktes betrifft, so folgen wir der Dar- 
stellung Rohleders, der hinsichtlich der Manner folgende Be- 
schreibung gibt:^) „glans penis in os immittitur et altera pars extra 
OS manet. Fellator hoc modo glandem lingua tangit atque lambendo 
illam et libidinem propriam.et alterius libidinem excitat, saepe usque 
ad ejaculationem spermatis cum orgasmo. Pars penis, qui extra os 
nianet, nonnumquam eodem tempore manibus fellatoris tergitur i. e. 
masturbatio mutua huius partis. Rarus est ille modus, quo totum 
membrum vel partem majorem penis in os alterius immittitur, prop- 
terea, quod longitude penis erigati pressiones faucium producat. Plu- 
rimum quidem eo momento, quo ejaculatio incipit, penis ex ore 
extralii solet, aliquando autem perversio in tantum gradum pervenit, 
ut fellator etiam semen ejaculatum alterius in os proprium suscipiat 
et — horribile dictu — magna cum voluptate consumet. Intordum 
etiam fellator semen ejaculatum exspuit." 

Die spiiter in dem Kapitel iiber Sapphismus und Lesbismus ge- 
gebene Scnilderung zeigt die groBe Uberuiustimmung zwischen dem 
mannlichen und weibliclien Lambitus:^) „Tota actio, Sappliismus sen 
Lesbismus nominata, eo modo peragitur, ut una feraina faciem suam 

^) Rohleder, Vorlesungen Bd. 2, p. 279. 
•) Ibidem Bd. 2, p. 474. 



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288 

inter femora alterius locans labiis et lingua labia majora et minora 
vulvae lambat, interdum etiam eo mode, ut aut linguam in vaginam 
immittens lambat aut lingua clitoridem solam sugat usque ad ejacu- 
lationem muci perpauci. Nonnumquam etiam cunnilingua clitoridem 
sugendo mucum apparendum non exspuit, sed devorat, interdum etiam 
san^is menstrualis summa cum voluptate Iambi tur." Die femina 
lambens wird in der Fachliteratur cunnilinga genannt; der am Weibe 
vorgenommene Akt heiBt cunnilinctio, gleichviel ob er vom Manne 
Oder einer Frau ausgeiibt wird. Die femina lambens ist im homo- 
sexuellen Frauenverkenr meist die virilere, die femininere Homosexuelle 
ist oft nur bereit, den Akt an sich vollziehen zu lassen, iibt. ihn 
aber selbst nicht aus. Im mannlichen Homosexualverkehr, In dcm dj«» 
immissio penis in os auch „immiatio", die susceptio „fellatio*' iro- 
nannt wird, sind diese Grenzen weniger scharf. 

III. Im Verhaltnis zum mutuellen und oralen Verkehr ist der 
femorale bei homosexuellen Mannern und Frauen wesentlich 
seUener, was um so bemerkenswerter ist, als diese Form, in welcher 
der aktive Teil nach Art des Mannes incubus, der passive nach Art der 
Fran succubus ist, noch am ehesten als eine imitatio coitus normalis 
angeseheii werden konnte. Beim Manne findet dabei eine appressio 
membri ad partem aliquam corporis alterius statt. Oft dringt dabei 
der Geschlecntsteil des einen Partners in die von den Schenkeln unter- 
halb des Scrotums gebildete Vertiefung (inter femera), in die er dann, 
gleichwie in die weibliche Scheide, ejakuliert. Bei der Frau findet 
in vollig analo^er Weise eine appressio Vulvae ad vulvam aut alteram 
partem corporis feminae oder auch der Versuch einer immissio cli- 
toridis in vaginam statt. Die Angabe, daC im . homosexuellen Frauen- 
verkehr Weiber mit groBer Clitoris bevorzugt werden, die dann gleich- 
sam die Stelle des penis vertritt, findet in den Tatsachen keine Be- 
statigung. Das schon im Altertum gebrauchliche Wort Tribadie bezog 
sich urspriinglich nur auf den tritus mutuus genitalium, fiir dessen 
maunliches Pendant ein besonderer Ausdruck nicht existiert. 

Der femorale Verkehr wurde unter 100 von mir beobachteten 
Fallen mannlicher und weiblicher Homosexualitat in zirka 12 zur 
Herbeifiihrung des Orgasmus ausschliefilich geiibt oder sehr stark 
.bevorzugt. 

IV. VerhaltnismaBig am seltensten, namlich etwa nur in 
den noch restierenden 8 o/o der Falle, findet bei mannlichen 
Homosexuellen die Einfiihrung des Gliedes in anum, die soge- 
nannte Pedikation, bsi homosexuellen Frauen die analoge Ein- 
flUhrung eines klinstlichen, meist umgeschnallten Phallus in 
die Vagina statt. Das Gemeinsame beider Akte ist die Be- 
vorzugung eines fremdartigen, dem mannlichen membrum und 
der weiblichen vagina in ihrer Beschaffenheit moglichst nahe- 
komuxenden Organs, wobei es psychologisch von nur unterge- 
ordneter Bedeutung ist, dafi dieses im Fall des Mannes ein dem, 
Korper selbst zugehoriges schlauchformiges Gebilde, namlich 
das rectum ist. 

Ein Gewahrsmann Molls*) berichtet, dafi unter 966 Mannern, 
mit denen sein Freund in sexuellen Beziehungen gestanden habe, nur 
57, also 5,9o/o, immissionem in anum ausgeiibt hatten. 



*) Moll, Contrare Sexualempf indung a. a. O. p. 238. 

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289 

Biese Akte wiirden vermutlich noch seltener sein, wenn nicht die 
griechischen Komodienschreiber und romischen Satiriker den Mythus 
aufgebracht batten, sie seien die Verkehrsform gleichgeschlechtlicb 
Empfindender xat' i^oxrjv. Vielfach werden diese Akte nur probeweise 
versucht, infolge tecbnischer Schwierigkeiten, beim Manne infolge 
Widerstandes der engen, bei auBerer Beriihrung dazu noch oft sich 
reflektorisch kontrahierenden Sphinkteren sehr bald wieder aufge- 
geben. Es ist andererseits begreiflich, dafi gerade die krassen homo- 
sexuellen Praktiken, die sich von den auch im heterosexuellen Verkehr 
geiibten Akten der digitatio, fellatio, cunnilinctio und appressio am 
markantesten abhoben, den Spott der Humoristen herausforderten. So 
gehorte ein ubematiirlich groBer lederner Phallus, den man Olisbos 
nannte, zu den Requisiten jeder antiken Biihne, und sein durch Vasen- 
bilder vielfach bezeugter Gebrauch verfehlte in den grotesken Komodien 
nie seine unbandige Heiterkeit hervorrufende Wirkung. In Aristo- 
phanes' Lysistrata (Vers 108 — 110) klagen die Frauen, daB die 
Milesierinnen sie im Stick gelassen batten und ihnen nun nicht ein- 
mal als Notbehelf ein lederner Phallus von acht ZoU Lange zu Gebote 
stande. Wie den Lesbierinnen der orale wurde den Milesierinnen nam- 
lich von antiken Schriftstellern mit Vorliebe der instrumentelle Ver- 
kehr nachgesagt. Bei Herondas im VI. Dialog unterhalten sich 
zwei Freundinnen ganz ungeniert uber die besten Bezugsquellen dieser 
Artikel mit Angabe samtlicher Details. Nach den Angaben von S t o 1 1 
(Das Geschlechtsleben in der Volkerpsychologie, Leipzig 1908), und 
vielen anderen*) findet man den Gebrauch von Phallen, Godmich6s, 
Bijoux, Consolateurs, Bienfaiteurs, Selbstbefriedigern, Trostern, Samt- 
hansen oder wie sie sonst heifien mogen, bei fast alien Volkern. „In 
At jeh auf Sumatra werden Phalli aus Wachs bereitet. S t o 1 1 meint, 
der Larrio oder „Gebarvater" der Tagalen, ein groOes, zangenformiges 
Instrument, das zu geburtshilflichen Zwecken dient, sei arspriinglich 
auch ein „01isbos" gewesen." Friedrich S. Krauss hat in: Das 
Geschlechtsleben in Glauben, Sitte und Brauch der Japaner, (Leipzig 
1907), einc Anzahl japanischer Olisben teils Gebrauchsgegenstaiide, 
tcils Votivgaben, aus Papiermach^, Bronze, rotem Siegelwachs, Horn 
und anderm Material abgebildet. 

Von den eingeborenen Frauen Sansibars berichtet Oskar Bau- 
m a n n in der Zeitschrift fiir Ethnologic 1899 u. a. folgendes : „Die aus- 
gefuhrten Akte sind: Kulambana = einander lecken, kusagana = die 
Geschlechtsteile aneinanderreiben, und kujita mbo ya mpingo == sich 
deu Ebenholzpenis beibringen." Manchmal soil dieses Gerat bei ihnen 
aus Elfenbein gefertigt sein. 

In Deutschland habe ich mehrfach bei homosexuellen Frauen 
einen aus sehr einfachem und billigem Material hergestellten Olisbos 
angetroffen. Er besteht aus einem etwa fingerdicken Holzstab als 
Kern, der in ziemlich viel Watte eingehiillt ist. Darum wird eine 
Leinen-, Mull- oder Cambricbinde kunstgerecht gewickelt und das 
Ganze mit einem Condom iiberzogen. Der aktive Teil pflegt dieses 
Instrimient beim Gebrauch an einer Menstrualbinde zu befestigen. 

Eine Uminde schreibt: „Es ist merkwiirdig, ich fiihle meine weib- 
lichen Geschlechtsteile nicht mehr als solche, sondern als ^ann- 
liche. Meine Illusion hat sich so weit darin entwickelt, daO ich mir 
kiinstlich einen solchen Geschlechtsteil machte und ihn stets trage. 
Und noch merkwiirdiger — ich empfinde damit Lustgefiihle und diese 
Tauschung wird von der Person, mit der ich geschlechtlich ver- 

9) Antonii Panormitae Hermaphroditus. Cbersetzt von C. 
Fr. F o r b e r g. Herausgegeben von Dr. Wolf-Untereichen. Mit 
einem sexualwissenschaftlichen Kommentar von Dr. Alfred Kind. 
Leipzig, 1908, p. 322. 

Hirschfeld, Homosexualitat. 19 



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290 

kehre, nicht einmal bemerkt. Naturlioh lasse ich die Geschlechtateile 
bedeckt. Ich fragte sie einmal, was sie sagen wiirde, wenn ich nur bloB 
ein Weib sei. Da meinte sie, dann wiirde sie mich denaoch lieben, 
aber ich soUe ihr so etwas nicht weiB machen, ich sei ein Mann 
und sie woUte nichts anderes wissen." 

Dem instrumentalen Homosexualverkehr des Weibes und dem 
analen des Mannes ist gemeinsam, daU hier scharfer als sonst der 
aktive immittierende Tei^ gleichviel ob unter Frauen oder Mannern, 
dem passiven, rezeptiven gegeniibersteht, der bei beiden Greschlechtern 
der femininere zu sein pflegt. Es sei hier noch eine Beschreibunc 
des Pedikationsaktes selbst gegeben, der nach Rohleders Angabe lo) 
so ausgeiibt wird, daB pars passiva in ventre Cubans, nates refiectet. 
Interdum pars activa, quae paedicator appellatur, genua flexans eo 
incubat et penem in anum immittit. Eodem tempore paedicator penem 
alterius in manum suum immittit, ut manustupret. Saepe eo 
modo actus peragitur, ut pars passiva penem stupratoris in 
auum pioprium (suum) immittit. Saepe membrum oleo perunguent, 
ne faeces peni adhaereant. Interdum ante actum pauluhim olei oli- 
varum cum siphunculo, quod therapiae gonorrhoeae habebat, in anum 
injicitur, ut penis melius importetur. Auch wird angegeben, inter- 
dum penem condomatum immitti, ne faeces alterius membro adhaereant. 
Regula est ejaculatio eius qui penem immittit, interdum etiam eius 
qui stupratur, saepe eodem tempore pars passiva se manustuprat 
usque ad orgasmum cum ejaculatione. 

Im allgemeinen ist es die Kegel, daB der aktive Partner, der in 
anum oder cum membro artificiali verkehrt, sich nicht auch seinerseits 
zum passiven Teil dieser Positionen hingibt und umgekehrt, daB der 
passive sich nicht mit dem Phallus umgiirtet oder selbst immissio in 
anum aktiv vollzieht. Immerhin kenne ich Falle, in denen homo- 
sexuelle Manner, welche dazu neigten, feminine Manner zu pedizieren, 
gelegentlich auch ihrerseits dem Drange, sei es dem eigenen, sei es 
dem eines anderen, sich pedizieren zu lassen, nachgaben, und zwar 
dann mit Vorliebe von normalsexuellen Mannern. 

Wiederholt berichteten mir Pygisten, daB sie beim Orgasmus des 
Partners die Empfindung batten, als ob sich auch bei ihnen innerhalb 
lies Rectums unter starkem WoUustschauder ein Sekret absonderte. 
Solches woUen sie auch, ohne daB ein wirklicher Analverkehr statt- 
fand, im Traum wahrgenommen haben. 

Die relative Seltenheit des analen Verkehrs erklart sich nicht 
aus den gesetzlichen Beschrankungen, auch nicht aus Gedankenhem- 
mungen, die in den Akt etwas besonders Unasthetisches hineinlegen, 
sondern dadurch, daB das instinktive Bediirfnis gerade diese Ver- 
einigung zu vollziehen und dementsprechend die Befriedigung fehlt. 
Nicht selten stehen der Ausfiihrung im passiven Verkehre auch 
mechanische Hindernisse, Engigkeit oder Reizbarkeit der Sphink- 
teren und infolgedessen Schmerzhaftigkeit entgegen. 

DaB der Hang zum passiven Pygismus beim homosexuellen Manne 
starker ist als bei der homosexuellen Frau, erklart sich zwanglos aus 
dem Mangel einer Vagina, die sich manche passive Homosexnelle am 
liebsten operativ herstellen lassen wiirden, wie es von Heliogabal 
und Sporus, dem Liebling Ner6s, die Geschichte iiberliefert ; 
ebenso wie stark virile homosexuelle Frauen ernsthaft an Arzte mit der 
Frage herangetreten sind, ob ihnen nicht auf chirurgischem Wege ein 
kiinstljches Membrum, etwa aus der Bauchhaut oder aus Paraffin, 
geDildet werden konne. 

Der Fall der ungliickseligen, von Kreisphysikus Frankel in 
Dessau unter dem Titel „Homo mollis" beschriebenen „Stickerin" 

*o) Rohleder, Vorlesungen, II. Band, p. 290. 



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29a 

SuBkind Blank"^ ist nicht der einzige, der die Effeminiertheit 
so weit trieb, daB mit ihm verkehrende Arbeiter glaubten, ein Weib 
vor sicli zu haben. Ich gebe aus dem in mehr als einer Hinsicht be- 
achtenswerten Originaiartikel einige Hauptstellen wieder: „SiiBkind 
jBlank brachte es bald zu einer so betrachtlichen Kiinstfertigkeit in 
alien weiblichen Arbeiten, daB er durch seine Stickereien einen groBen 
Ruf und eine ^ewisse Wohlhabenheit erlangte. Infolge der Beschaf- 
tigung mit weiblichen Arbeiten ergab er sich weibischer Eitelkeit, 
zerstorto sorgfaltig seinen Bart, legbe sein Haar in Locken, stopfte 
sicJi Busen und Hiiften aus, und benutzte jede Gelegenheit, sich als 
Frauenzimmer zu maskieren. Was anfangs nur lappische Affektion 
sein mochte, wurde allmahlich zur anderen Natur, der Ton seiner 
Stimme, von Natur tief, wurde fein und kreischend *und der Gang 
trippelnd. Blank kam um die obrigkeitliche Erlaubnis ein, sich weib- 
lich kleiden und nennen zu diirfen, und obwohl abschlagig beschieden, 
zeigte er doch unter dem Namen „Friederike Blank" eines Tages seine 

Verlobung mit einem fremden Handwerker an Um diese Zeit 

bekam ich einen ITjahrigen Schneiderlehrling, der an einem heftig 
eutziindlichen Tripper litt, in Behandlung, und erfuhr, daB derselbe die 
Krankheit durch einen Beischlaf mit Blank sich zugezogen habe, 
welcher letztere mit einer voUstandig weiblichen Scheide versehen 
waie. Die gerichtliche Besichtigung ergab, daB es lediglich Blanks 
After wai", der bisher fiir eine weibliche Scheide gogolten hatte. Der- 
selbe war dermaBen erweitert, daB ich bequem mit zwei Fingern ein- 
fehen konnte. Der Sphinkter war zerrissen, Fetzen desselben, sowie 
aj-tieen der hypertrophischen Schleimhaut, hingen zur Miindung heraus. 
.... Im August 1847 wurde er zwischen 10 und 11 Uhr abends in 
einem Bastionshofe der Festung Tor^au festgenommen, wie er in 
Frauenkleidern nach den dort befindhchen Kasematten zueilte. Es 
wurde ermittelt, daB Blank, um beim Ausiiben des Aktes als Frauen- 
zinmier zu gelten, sich auf den Rvicken zu legen, den SteiB nach vorn 
zu drangen, mit der einen Hand Skrotum und Penis zu bedecken und 
in die Hohe zu Ziehen, und mit der anderen Hand den Penis des Stu- 
prators in seinen After zu leiten pflegte. Im Sommer 1852 besuchten 
die Lehrlinge B. und K., 16 bis 17 Jahre alt, ein Volksfest; Blank 
schloB sich an sie an, gab ihnen freie Zeche und begleitete sie auf 
dem Ruckwege, wo er einen angeblich naheren Weg durch ein Gebiisch 
einschlug. Hier frug er sie, ob sie noch niemals mit einem Frauen- 
zinmier zu tun gehabt hatten. Auf die verneinende Antwort fuhr er 
fort zu auBern, es sei eine sehr schone Empfindung, er kenne die- 
selbe jedoch nur von anderen, da er selbst kein Mann, sondern ein 
Frauenzimmer sei, und weibliche Kleider nur deshalb nicht trage, well 
sie ihn beim Gardinenaufstecken hinderen. Hiernach erbot er sich 
den Knaben seine weiblichen Geschlechtsteile zu zeigen, f order te sie 
auf, sich mit ihm niederzusetzen, zog das eine Bein seiner Hose 
ganzlich aus, legte sich auf den Riicken, zog den Lehrling B. zu sich 
heran und verfuhr in oben geschilderter Weise." 

Es kommt iibrigens auch vor, wenngleich wohl sehr selten, daB 
Frauen sich von anderen Frauen cum phallo pedizieren lassen, ja 
sogar, daB Manner sich von Frauen in dieser Weise gebrauchen lassen. 
Vor einiger Zeit richtete eine Dame der besseren Gesellschaft nn 
mich die Anfrage, ob dieser von ihrem Gemahl geforderte Akt — der 
natiirlich weni^er in das Gebiet der Homosexualitat als in das des 
Masochismus fallt — vom Gesetz verboten, also strafbar sei, was 
zu verneinen war, ferner ob er als Ehescheidungsgrund gelten konne, 
was als wahrscheinlich bejaht werden muBte. 



11) Medizinische Zeitung, 22. Jahrg. 1853, pag. 102. Dr. F r a n k e 1, 
Homo mollis. 



19* 

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292 

Es ist hierbei zu beriicksichtieen, daB bei den meisten Mannern 
und Frauen, und zwar nicht nur bei Homosexuellen, der Anus eine 
fast ebenso starke erogene Zone darstellt, wie Mund und Hand, 
vielfach sogar diese an erogener Reizbarkeit noch iibertrifft. Daher 
gehoreu auch Vereinigungen der digitalen, labialen und lingualen 
Nervenendigungen mit den analen Terminalkorperchen keineswegs zu 
den Raritaten, sei es in Form der immissio digiti in anum viri aut 
mulieris, die sich dann haufig mit dem tactus genitalis manus alte- 
rius kombiniert, sei es als anilinctio des Mannes am Manne, des 
Weibes am Weibe (wie iibrigens auch des Weibes am Manne und des 
Mannes am Weibe). Alter alterius anum lingens altera manu femur 
ejus amplectitur et genitalia eius fricat, altera anum fricat. 

Es gehort zu den vielen forensischen Seltsamkeiten, daB die 
anilinctio ebenso wie die cunnilinctio im Gegensatz zu der penilinctio 
nicht strafbar ist. Die homosexuellen Manner und Frauen empfinden 
sie aber selbst als obszoner als die anderen Akte und schamen sich. 
daher sehr, sie zuzugestehen. Ein fast tragikomisch zu nennender Fall, 
aer das eben Gesagte gut illustriert, trug sich vor einigen Jahren in 
einer rheinischen GroBstadt zu. Dort wurde ein homosexueller Kauf- 
mann infolgc von Briefen, die seine Wirtschafterin gelesen und der 
Polizei iibergeben hatte, in ein scharfes Verhor genommen. SchlieB- 
lich gab er auf eindringliche Vorstellungen zu, menrbrum alterius in 
OS genommen zu haben. Als dann gegen ihn Aiiklage erhoben werden 
sollte, kam er zu mir. Im Laufe der Unterredung gestand er, daB er 
„eigentlich noch etwas viel Schlimmeres" getan hatte, als er zuge- 
standen, er hatte den lambitus namlich nicht am penis, sondem am 
anus des andern vollzogen und ihn dabei masturbiert. Er war nicht 
wenig erstaunt, als ich ihm sagte: „Das ist ja straffrei". Als er dann 
dem Gericht mitteilte, daB er den strafbaren Akt angegeben hatte, 
weil er sich geschamt hatte, den straflosen zuzugeben, wollte man 
ihm anfangs nicht Glauben schenken, stellte dann aber auf ein aus- 
fiihrlich begrundetes Gutachten das Verfahren dennoch ein. 

Schwierig sind fiir den Richter auch oft die fiir ihn nach be- 
stehendem Recht so wichtigen Feststellungen, ob der penilingus auch 
tatsachlich die verbotene fellatio war una nicht etwa, wie von dem 
Verteidiger nicht selten geltend gemacht, jener erlaubte Akt, den 
Rohleder als homosexuellen Cunnilingus bezeichnet. Ich erinnere 
mich eines Falles, in dem ein Gerichtsvorsitzender, um sich endlich 
Klarheit zu verschaffen, bei dieser oft so iiberaus schwierigen Fest- 
stellung seinen eigenen Daumen erst seitlich, dann von vorne mit 
dem Munde beriihrte und die Angeklagten ersuchte, nun an ihrem 
Daumen genau zu demonstrieren, ob der Akt so oder so vorgenommen 
worden sei. 

Mogen diese Unterscheidungsmerkmale kriminalistisch wich- 
tig sein, fiir die biologische und psychologische Differenzierung 
und Bewertung der Homosexuellen ist es von gan^z unter- 
geordneter Bedeutung, ob die korperliche Entspannung auf die 
eine oder andere Art erfolgte. 

Da« praparatorische Stadium, das im Gegensatz zum inadaquaten 
im adaquaten Verkehr moglichst zu verlangern gesucht wird, vollzieht 
sich bei alien diesen verschiedenen Betatigungs- 
f o r m e n homosexueller Manner und Frauen in gleicher Weise. Ge- 
nau wie im heterosexuellen Verkehr spielt unter den Aktpraliminarien 
der K u B in alien seinen Modifikationen (LippenkuB, ZungenkuB, 
„LutschkuB", BiBkuB) und Pradilectionsstellen (Mund, Wange, Haare, 
Nacken usw. usw.) die groBte RoUe. 



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293 

Zwischen den vier Hauptkategorien der Betatigungsarten kommen 
auch Mischformen vor, indem sich etwa eine Homosexuelle, die im 
allgemeinen nur den tritus mutuus genitalium ausiibt, gelegentlich 
auoh eines membrum artificiale bedient, oder indem ein liomosexu- 
eller Mann bald imimatio, bald pedicatio vomimmt. 

Im allgemeinen aber herrscht hinsichtlidb. der Vorliebe 
flir einen bestimmten Akt eine sehr weitgehende Stereotypie 
vor, die sich oft sogar auf ganz detaiJIierto Begleitum'stande 
erstreckt. So beichtete mir eine homosexuelle Dame, daB eine 
conditio eine qua non zur Befriedigung ftir sie an ihr vorge- 
nommene Beizungen der Mammillen durch eine anziehende Per- 
son eeien; ein homosexueller Mann, daB es „unbedingt n5tig** 
sei, daB bei mutueller Digitatio der Schuh seines Partners 
aul seinem FuBrucken steht 1st die Stereotypie der Verkehrs- 
weise auch nur ausnahmsweise eine so hochgradige, so hat 
es doch eine gewisse Berechtigung, wenn Homosexuelle, die 
angeschuldigt sind, immissio in os oder anum vorgenommen 
zu haben, sich spontan erbieten, Zeugen beizubringen, die 
unter Eid bekunden wtlrden, daB sie sich „immer nur" durch 
mutuelle Digitation befriedigt hatten. 

Allerdings ist zu berticksichtigen, dafl namentlich zwei 
Umstande Ausnahmen von der Kegel bewirken; einmal kommt 
es vor, daB homosexuelle M&nner und Frauen eine ihnen bisher 
unbekannte Art, wie sie wohl sagen, ,,der Wissienschaft halber** 
ausprobieren, um allerdings dann meist wieder rasch zu ihrer 
FaQon zurQckzukehren. Ferner aber, und das ist haufiger, ent- 
fifeheidet nicht der eigene Wunsch, sondern der des Partners 
die Verkehrsform. So lassen sich vielfach Homosexuelle im 
Auslande pedizieren, die eigentlich gar keine* Neigung dazu 
haben, nur well der normalsexuelle Eingeborene, mit dem sie 
sich eingelassen haben, oft unter entschiedener Ablehnung 
anderer Handlungen, darauf besteht. Wir werden spater mit- 
tieilen, daB Homosexuelle gerade infolge dieses Vorkommens 
nicht selten Geschlechtskrankheiten mitbringen. Auch Chan- 
teure legen oft in raffinierter Weise Wert darauf, daB der 
homosexuelle Partner strafbare Handlungen, wie aktive Pedika- 
tion, mit ihnen vornimmt, trotzdem dieser sie gar nicht be- 
gehrt, weil sie glauben, ihn dann sicherer in ihrer Gewalt 
zu haben. 

Ein moralisches Werturteil, welche homosexuelle Betati- 
gungsform „sittlich h5her pteht** als eine andere, wie es sich 
bei B. Friedlaender, Rohleder und anderen Autoren 
findet, halte ich ftir unangebracht. Ich habe wiederholt vor 
Gericht auseinanderzusetzen mich bemliht, daB vom Stand- 



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294 

punkt des Arztes zwischen dem „coitus in anum oder maniiin'* 
der Unterschied nur ein sehr geringer sei. Welche Hand- 
lung der einzelne Homosexuelle vornimmt, hangt 
groBtenteils von dem Grad und der Art seiner 
erogenenReizfcarkeitab. Je leichter jemand auf homo- 
sexuelle Seize reagiert, je homosexueller er also sozusagen ist, 
um 60 leichtere Bertihrungen genligen oft zur zeitweisen Ent- 
spannung. 

lu Wiesbaden befand sich ein Urning, der zur volligen sexuellen 
Befriedigung kam, wenn er nachts Arm in Arm mit einem Bnrschen 
aus dem volke durch den Wald streifte. Nach einstiindigem Ge- 
sprache, in dem ihm dieser von seinen Lebensschicksalen erzahlte, 
kam es gewohnlich ohne jede weitere Beriihrung zur Ejakulation. Ich 
behandelte einen Studenten, der seit vier Jahren ein festes Ver- 
haltnis mit einem anderen Studenten hat. Letzterer kennt den Zu- 
stand seines Freundes, doch gewinnt dieser es nicht uber sich, trotz- 
dem sio zusammenwohnen, eine sexuelle Handlung vorzunehmen. Er 
meint, „die Poesie ihrer Freundschaft konne darunter leiden". Da- 
gegen hat er oft Ejakulationen, wenn der Freund sich ihm auf den 
SchoB setzt, -was bei gemeinschaftlicher Arbeit haufig vorkommt. 

Nicht nur in bezug auf die korperliche, sondern auch nach der 
seelischen Betatigungsweise hat man die Homosexuellen einzuteilen 
versucht. So horte ich einmal auf einer der groBen englischen Uni- 
versitaten eine Einteilung der Homosexuellen in die athletischen 
und asthetischen, von denen erstere sich mit ihren Freunden 
hauptsachlich dem Sport, letztere den Kiinsten und Wissenschaften 
widmeten. Auch von „Edeluraniern" im Gegensatz zu unedleren hat 
man gesprochen und als leuchtendes Beispiel der ersteren den von 
G e B n e r sanctus paederasta genannten Sokrates angefiihrt. 

Der spanische Autor Bembo klassifiziert die Uranier Barcelonas 
nach ibren moralischen Unterschieden in: „a) Gute und Schlechte, 
b) Feinfiihlcnde und Canaillen, c) Gebildete und Ignoranten, d) In- 
telligento und nicht Intelligente, e) Kluge Schweiger und klatsch- 
siichtige Scbwatzer." 

Alle diese Unterscheidungen, so bedeutsam sie an sich sind, 
lieBe man besser fallen, teils sind sie zu wenig markant, teils ver- 
lieren sie sich im Nebensachlichen oder treffen Merkmale, die keine 
Besonderheiten der Homosexuality sind. 

Das gilt auch von einer weiteren Unterscheidung, der in mono- 
game und polygame Homosexuelle, von denen die ersteren mehr zur 
Bestandigkeit, zu einem sogenannten „festen Verhaltnis", die letz- 
teren mehr zur Veranderung geneigt sind. Keineswegs steht es aber 
mit den Tatsachen in Hbereinstimmung, wenn behauptet wird, daB 
die polygamen, den Wechsel liebenden Homosexuellen haufiger unter 
den virilen, die monogamen dagegen mehr unter den feminmen vor- 
komraen. 



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SEGHZEHNTES KAPITEL. 

Einteilung der HomosexualitSt nach Entstehung und 
Begleiterscheinungen. 

Wir gelangen nun noch zur weiteren wichtigen Zweiteilung 
der Homosexualitat, zu ihrer Trennung vom Gesichtspunkt der 
Entstehung in angeborene und erworbene Homosexuali- 
tat. Nachdem v. Krafft-Ebing 1877 in seinem grund- 
legenden Werk diese als Hauptunterscheidung seinen wertvollen 
Ausftihrungen zugrunde legte, ist sie fast allgemein akzep- 
tiert worden, unbeklimmert darum, daB v. Krafft-Ebing 
selbst sie nach stark vermehrter Materialkenntnis wesentlich 
eingeschr&nkt hat. In der Einleitung zu dem grofien Abschnitt 
der ^,Psychopathia sexualis", welcher „die kontrare Sexual- 
Empfindung" iiberschrieben ist, sagt er, daB diese entweder als 
„eiDgeborene Erscheinung" imponiert, wenn sie „mit dem sich 
entwickelnden Geschlechtsleben spontan, ohne auBere Au- 
la sse, zutage tritt, oder als eine „gewordene, erworbene**, 
wenn ^,sie sich erst im Verlauf einer anfangs normale Bahnen 
eingeschlagen habenden Sexualitftt auf Grund ganz bestimmter 
ecbadlicher Einfllisse entwickelt** hat. Sehr wichtig ist aber 
die spfitere, unmittelbar folgende Erganzung dieses letzten 
Satzes, welche lautet: „Es ist wahrscheinlich, auf Grund ge- 
nauer Untersuchung der sogen. erworbenen F^Ue, daB die auch 
hier vorhandene und als unerlaBliche Bedingung zu betrachtende 
Veranlagung in einer latenten Homo- oder mindestens Bi- 
sexualitat besteht, die zu ihrem Manifestwerden der Einwirkung 
von veranlassenden gelegentlichen Ursachen bodurfte, um aus 
ihrem Schlummer geweckt zu werden. Die erworbene kontrare 
Sexualitat wfire somit richtiger als eine tardive zu be- 
zeichnen." 

Es ist hier nicht der Platz, die umfangreiche Frage nach 
den Ursachen der Homosexualitat aufzurollen. Das soil weiter 



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296 

unten geschehen. Hier sei nur erwahnt, daB als echte, wahre 
Homosexualitat ausschlieBlich (iiekonstitutionelle,en(Jo- 
gene anzusehen ist, in denjenigen Fallen, wo es bei urspriing- 
lich heterosexuellen Personen zu homosexuellen Handliingen 
kommt, bedarf es zunachst der Feststellung, ob die Akte ent- 
Bprechend oder entgegen einer wirklich vorhandenen inne- 
ren Neigung vorgenommen werden. Letzterenfalls handelt es 
sich um der Onanie verwandte Manipulationen. Wir werden 
einen Menschen, der, weil er wochenlang keine Arbeit finden 
konnte, aus Not schlieUlich dazu gelangt, dem Rate arbeitsloser 
Kameraden folgend, die Berliner FriedrichstraBe oder die Pa- 
riser Boulevariis abzulaufen, um sich, bis er wieder Stellung 
hat, Homosexuellen anzubieten, nicht als homosexuell bezeich- 
nen konnen, weil er dies eben lediglich „der Not gehorchend, 
nicht dem eigenen Triebe*' tut. Ebensowenig ist ein Madchen 
hbmosexuell^ das sich mit alien Fasern ihres Herzens nach 
einem Manne sehnt, da sich aber keiner ihrer erbarmt, schlieB- 
lich mit den Umarmungen eines virilen Weibes vorlieb ninunt. 
Das sind keine echten Homosexuellen, sondern unechte, pseudo- 
homosexuelle. 

Chevalier unterschied in ahnlichem Sinne nicht iibel Homo- 
sexuelle „par gout" und „par calcul", aus Neigung und aus Berech- 
nung. Unter den homosexuellen Mannem und Frauen selbst sind 
verwandte Unterscheidungen seit langem gang und gabe. Vielfach be- 
schaftigt sie die Frage, ob jemand, den sie kennen lernten, „echt" 
oder „unecht" sei; im Jargon der Homosexuellen existieren eigentiim- 
liche Abkurzungen, die dieser Einteilung entsprechen; so bedeutet in 
manchen urnischen Kreisen a. s. „auch so , m. m. „macht mit", 
t. u. „total unverniinftig". Ein urnischer Greis erzahlte mir, daB man 
dafur in seiner Jugendzeit unter den Homosexuellen Berlins noch viel- 
fach die in friederizianischer Zeit iibliche Einteilung der gleichge- 
schlechtlich Verkehrenden in „Passionisten", „Professionisten" und ,,0k- 
kasiouisten** gebraucht habe. Der Jurist Wachenfeld unterscheidet 
in seiaem von Juristen vielzitierten Buch Personen, die „aus Laster" 
und „aus Krankheit" gleichgeschlechtlich verkehren. In einer hochst 
eigenmachtigen Nomenklatur will er nur die Lasterhaften als Homo- 
sexuelle bezeichnet wissen, wahrend er die Krankhaf ten K o n t r a - 
sexuello nennt. So sagt er : „M oil und alle, welche eine ungewohn- 
lich grofie Verbreitung der Kontrasexualitat annehmen, verfallen in 
den Fehler, die Grenzlinie zwischen ihr imd bloBer Homosexualitat, 
zwischen Krankheit und Laster, zu verwischen." Noch theoretischer 
wio Wachenfeld unterscheidet Braunschweig^) „anerzogene und 
angeborene Homosexualitat;" er meint: „Der Natur-Urning, der ge- 
borene Homosexuelle, ist ein kranker Mensch ; der Gewohnheitsurning 
steht auf der Scheide zwischen krankhaft und lasterhaft; der Ge- 
schaftsurning gehort vor den Richter." 

Einc ganze Reihe von Autoren, die friiher die erworbene 
und angeborene Homosexualitat voneinander trennten, haben 



Braunschweig, Das dritte Geschlecht, 1903, Halle p. -12. 



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297 

allinahlich diese Einieilung fallen lassen und unterscheiden. 

jetzt echte und unechte, oder wahre und falsche, sogenannte 

Pseudohomosexualit&t. 

In erster Linie ist hier Iwan Bloch zu nennen, der in seinem 
„Sexualleben" *) schreibt: „In den Jahren 1905 und 1906 habe ich 
mich fast ausschliefilich mit dem Problem der Homosexualitat be- 
sohaftigt und Oelegenheit gehabt, eine sehr groBe Zahl echter Homo- 
sexueller, sowohl Manner als auch Frauen, zu sehen, zu untersuchen 
und wahrend langerer Zeit zu Hause und in der Offentlichkeit zu be- 
obachten, ihre Lebensweise, ihre Grewohnheiten, Anschauungen, ihr 
gauzes Tun und Treiben, auch im Verhaltnis zu den nicht homosexu- 
ellen Personen gleichen und anderen Geschlechts kennen su lemcn. 
Und da hat sion mir die unzweifelhafte Tatsache ergeben, dafl die 
Verbreitung der echten Homosexualitat als angeborener Naturerschei- 
nung doch eine viel ^roBere ist, als ich friiher annahm^), so daB 
ich mich jetzt genotigt sehe, die andere Eategorie der e r w o r - 
benen, scheinbaren, gelegentliohen Homosexuali- 
tat, von deren Vorhandensein ich nach wie vor fest iiberzeugt 
bin, unter der Bezeichnung „Pseudo-Homosexualitat" davon 
zu trennen und in einem besonderen Kapitel zu behandeln." Der Aus- 
druck Pseudohomosexualitat ist insofern gut gewahlt, als er der ana- 
logen Bezeichnung Pseudohermaphroditismus entspricht, dem alten 
Worte fur die sexuellen Zwischenstufen ersten Grades, bei denen es 
sich auch nicht um wahres Zwittertum — das waren mannliche und 
weibliche auf ein und demselben Individuum — , sondem um Schein- 
zwitter handelt. Bei den zwei anderen Gruppen sexueller Zwischen- 
stufen, den Transvestiten und den Androgynen, gibt es gleichfalls 
solche vorgetauschte Formen. Ein Pseudotransvestit ware beispiels- 
weise ein Mann, der nicht um die 6tarke weibliche Eomponente seiner 
Seele zum Ausdruck zu bringen, Weiberkleider tragt, sondem ledig- 
lich, um sich besser verbergen zu konnen, wie etwa der hollandische 
Gelehrte Hugo Grotius, als er in Frauenkleidern seinen Feinden 
entwich. Eine pseudoandrogyne Frau ware etwa eine solche, die nicht 
infolge innerer Virilitat mannliche Brust- und Korperkonturen auf- 
weist, sondem, weil „durch ein zehrendes Leiden des Fettpolsters 
vollig beraubt, der runden weiblichen Formen verlustig gegangen ist." 
Es kann in alien diesen vier Gruppen Falle geben, in denen die Unter- 
scheidung zwischen wahren und falschen Erscheinungsformen erhebliche 
Schwierigkeiten bereitet. 

Bltihers EinWand gegen den Ausdruck, es gSbe keine 
Pseudohomosexualit&t, weil die Natur kein ^'ev^ockenne, ist in- 
sofern unberechtigt, als es doch ein wesentlicher XJnterschied 
ist, ob eine homosexuelle Handlung aus festgewurzelter, innerer 
Notwendigkeit oder vorubergehendem Mangel, sei es an Ge- 
schleclitsverkehr oder Geld, vorkommen kann. 

Es sind nun aber keineswegs alle Personen, die l)ei an- 
scheinend normalsexueller Veranlagung homosexuelle Akte vor- 
nehmen, als pseudohomosexuell zu erachten, ein nicht unbe- 
trftchtlicher Teil f&llt in die zwischen den Homosexuellen und 
Heterosexuellen stehende Gruppe der Bisexuellen. Es gibt 



? 



Iwan Bloch, 1. c. p. 641.' 

Bloch, Beitrage zur Atiologie der Psychopathia sexualis, 
Bd. I, S. 219. 



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298 

Bisexuelle, die bei tiberwiegend heterosexueller Triebrichtung ho- 
mosexuelle Anwandlungen aufweisen, andierseits solche, die 
bei im wesentlidhen thomosexueller Beschaffenheit gelegentlich 
auch von Personen des andern Geschlechts angezogen werden; 
am seltensten scheinen diejenigen, die homosexuell und hetero- 
sexuell zu etwa gleiclien Teilen — wie es im Berliner Homo- 
aexuellen - Jargon heiJBt — ,Jtalb und halb** sind. Die von 
V. Kraf f t-Ebing*) in spateren Jahren als tardive, von 
Nackc als „temporare** Homosexualitat beschriebenen Falle 
fallen offenbar, wie diese Autoren auch mit Recht konstatieren, 
in das Gebiet einer von Haus aus bestehenden Bisexualitat, sind 
also ebenf alls nicht als erworbene Homosexualitat auf zuf assen. Be- 
sonders verdienen unter den temporaren Homosexuellen viele 
in den Reifejahren von 14 bis 21 befindlic^he junge Madchen 
und Manner erwahnt zu werden, bei denen, ebonso wie si(^li ihr 
KOrper und Geist noch nidit zur voUi^ec^n Weiblichkeit und 
Mfinnlichkeit differenziert hat, auch das Geschlechtsleben haufig 
eine ausgesprochen bisexuelle Farbung aufweist. Die Erfahrung 
zeigt, daJJ die libergroJJe Anzahl dieser Jungfrauen und Jting- 
liuge, selbst wenn vorlibergehend die homosexuelle Komponente 
stark liiberwog, sich mit AbscihluB der Eeifeperiode doch, ent- 
sprechend ihrer eingeborenen Anlage, voUkommen heterosexuell 
einstellt. 

Endlich sei noch einer Unterscheidung gedacht, die in der 
Fachliteratur bisher wenig hervorgehoben ist, um so haufiger 
aber in der forensischen und psychiatrischen Praxis zur Sprache 
kommt und sicherlich keine geringe Bedeutung beansprucht: 
die Einteilung djer homosexuellen Manner und Frauen in ge- 
sunde und nervose oder, besser ausgedriickt, in solche mit 
stabilerem oder labilerem Nervensystem. Die stabilen Homosexu- 
ellen sind diejenigen, die tibler ein in sich gefestigtes Nerven- 
system verftigen, geistig und korperlich gesund sind, vielfach so- 
gar robuster und widerstandsfahiger als das Gros der Hetero- 
sexuellen. Diesen stehen die Labilen gegentiber, bei denen eine star- 
ker neuronathische Disposition bewirkt, da6 sie nicht etwa nur 
infolge homosexueller Konflikte hochgradig nervos und sensitiv 
sind. Sie leiden nicht selten an ungewohnlich starkem Stim- 
mungswechsel, Cberspanntheiten verschiedenster Art, an Neigung 
zum Alkoholismus, an religiosem oder Verfolgungswahn, vielfach 
auch an stark hysterischen und hypochondrischen Zustanden, 
Storungen, die sich auch vielfach in ihrer Familie vorfinden, 

*)v. Krafft-Ebing, Uber tardive Homosexualitat, Jahrb. f. 
8. Zw. III. p. 7—20. 



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299 

und die Grund genug eind, daD, wenn sie einmal als Homo- 

sexuelle aus ihrer glatten Bahn geschleudert werden, die Schwie- 

rigkeiten des Lebens fiir sie ganz besonders grolJe, oft kaum 

iiberwindbare eind. 

Gerade die Homosexuellen, die mit den Behorden in Konflikt 
geraten, gehoren oft vielfach zu der letztgenannten Gruppe, der auch 
die Mehrzahl derer angehoren, die freiwillig und unfreiwillig zur 
Kenntnis der Gerichts- und Irrenarzte gelangen. Dadurch erhalten 
diese oft ein einseitiges Bild. Es sind allerdings auch zwiscben den 
stark, leicht und anscheinend nichts weniger als nervosen Homo- 
sexuellen die tTbergange so flieBend, daB man sich besser auch hier 
des Komparativs bedient und statt von stabilen und labilen lieber von 
stabileren und labileren Homosexuellen spricht. Es hat etwas fiir sich, 
wenn d e J o u x in „Die Hellenische Liebe" *) schreibt : „Neben dem 
kerneesunden, kampfstarken, groCgeistigen Uranismus gibt es ein 
krankhaftes, neurasthenisches, ungluckseliges Urningtum." 

Zwanglos ergibt sich sdhlieJJlich noch aus der Praxis eine 
letzte Einteilung, die in eine einfache (unkomplizierte) 
und komplizierte Homosexualitat, je nachdem diese fiir 
sich allein oder in Verbindung mit anderen Triebanomalien vor- 
kommt. AUe Perversionen, die bei Heterosexuellen beobachtet 
wurden, kommen auch in der vita sexualis der Homosexuellen 
vor. Vor allean sind hier die drei Parallelgruppen des Fetischis- 
mus und Antifetischismus, Masochismus und Sadismus, Visio- 
nismus und Exhibitionismus (Sdiautrieb.und EntbloJJungstrieb) 
zu nennen. 

Fiir alle diese Triebabweichungen in Kombination mit mann- 
lichem und weiblichem Uranismus konnte ich eine reiche Kasuistik 
beibringen, wenn ich nicht dadurch den mir nach Inhalt und Bogen- 
zahl gesteckten Rahmen weit iiberschreiten wiirde. tJber den in der 
homosexuellen ebenso wie in der heterosexuellen Liebe ungemein ver- 
breiteten Fetischismus gab ich schon oben einige Stichproben. Von 
antifetischistischen Homosexuellen will ich nur kurz zwei erwahnen, 
die sich in einer Spezialarbeit von mir iiber Horror sexualis par- 
tialis «) beschrieben nnden : 

„C., friiher katholischer Geistlicher, Anfang der 40er Jahre, teilt 
folgendes mit: Er hatte vor einiger Zeit einen iungen Handwerker 
kennen gelernt, der in jeder Beziehung, in seinem AuBeren und Wesen, 
dem Typus entsprochen hatte, den er sich von dem Objekt seiner 
Zuneigung gemacht hatte. Es hatte sich zwischen beiden ein herz- 
liches Freundschaftsverhaltnis gebildet. C. pflegte den Freund abends 
von seiner Werkstatt abzuholen und nach Hause zu begleiten; „er sei 
auf diesen Heimwegen so gliicklich gewesen wie noch nie zuvor". 
Eines Abends gingen beide gemeinsam in den Zirkus. Darauf hatte 
ihn der Jungere in seine Wohnung begleitet. Hier hatte er ihn zum 
erst^nmal geliebkost und ihm iiber sein hiibsches AuBere allerlei 
Schmeichelhaftes gesagt. Der ziemlich naive Handwerker hatte darauf 
erwidert: „Da sollten Sie mich aber erst einmal nachsten Sonntag 



*) Die Hellenische Liebe, p. 14. 

«)M. Hirschfeld, Uber Horror sexualis partialis (sexuelle 
Teilaversion, antifetischistische Zwangsvorstellungen, FetisohhaB). Im 
„Neuiolog. Centralblatt". 1911. Nr. 10. 



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300 

mit meinem neuen Anzug und meinen gelben Schuhen sehen I" In 
demselben Moment, wo er das Wort „gelbe Schuhe" gehort hatte, sei 
jede Erregung bei ihm verschwunden gewesen; es sei ihm unmoglich 
gewesen, den jungen Mann, dem sein verandertes Wesen vollig un- 
verstandlich gewesen sei, noch zu beruhren. Er hatte ihm Kaum 
noch die Hand beim schnell herbeigefiihrten Abschied reichen konnen. 
Die mit einem Gefiihl starken Widerwillens verbundene Abkiihlung 
erklare sich dadurch, daB er gegen gelbe Schuhe eine ihm selbst un- 
begreiflicho Aversion verspdre. Er konne mit Menschen, die solche 
Schuhe triigen, kaum sprechen. Er hatte sogar schon einmal ein 
Attentat gegen §elbe Schuhe veriibt, indem er sich auf Heisen in 
eineni Hotel in tiefer Nacht aus seinem Zimmer gesohlichen und auf 
ein Paar gelbe Schuhe mit einem Taschenmesser eingestochen hatte, 
die in den Korridor herausgestellt waren. 

Freiherr v. R., etwa 50 Jahre alt, ebenfalls homosexuell, hat einen 
undberwindlichen Ekel gegen die freiliegende Glans penis, vor allem 
gegen Membi*a, an denen die Zirkumzision vorgenommen ist. Es sei 
ihm aus diesem Grunde ganz unmoglich, mit jiidischen jungen Leuten 
zu verkehren. Durch eine komisch wirkende, sich naoh oben reckende 
Bewegung seines Kopfes sucht er den Eindruok zu veranschaulichen, 
den das „dreiste Hervorgucken" der Glans an einem des Praputiimis 
beraubten Membrum auf ihn mache. Eine so entbloBte Glans er- 
scheine ihm, als einem „an feine Formlichkeit gewShnten Astheten, 
indezent, schamlos, frech"." 

Bei homosexuellen Frauen findet man dieselben fetischistischen 
und antifetischistisohen Neigungen wie bei heterosexuellen Mannern. 
Findet sich in der Literatur bisher auch noch nicht der Fall einer umi- 
schen Zopfabschneiderin vor, so laBt sich seine Beobachtung bei 
weiterem Ausbau der Sexualwissenschaft doch schon mit Sioherheit 
voraussehen. 

Sehr oft findet man bei urnisohen Mannern und Frauen m a s o - 
c h i s t i 8 c h veranlagte. 

tJber einen hierher gehorigen Fall, den ich, wie ich beilaufig 
bemerke, mit noch 10 anderen Psyohiatern zwecks Wiederaufnahme- 
verfahrens sp^ter zu begutachten hatte, berichtet K i n d ^) im Jahrbuch 
fiir sexuelle Zwischenstufen, wie folgt: 

„Schon in fruhester Jugend befand sich Frau Y. in einem Milieu, 
das infolge von mangelhafter Erziehung und Aufsicht zu erotischer 
Zugellosigkeit tendierte. Vom 8. Jahre an begannen sexuelle Reiz- 
handlungen mit gleichaltrigen Knaben und Madchen, sowie mit Er- 
waclisenen. Ware eine Disposition zur Heterosexualitat bei ihr vor- 
handen gewesen, so hatte sie sich hier schon auBern konnen. Aber 
im Gegenteil ; sie schaute als Zehn jahrige heimlich durch ein Fenster 
zu, quomodo ancillae patris cauponis ab hospitibus quibusdam futu- 
erentur, und masturbierte hinterher in der Vorstellung, sie sei der 
betreffende Mann. Auch hatte sie schon damals Orgasmus, wenn 
sie andere Madchen lingua manuque befriedigte, o h n e sich selber 
irgendwic zu beruhren. Sie zog mit ihrer Familie als Kunstradfahrerin 
von Variet6 zu Variety und muBte sich mehrfach Manner aufdrangen 
lassen, deren actiones sie kalt und unbeteiligt liber sich ergehen lieB. 
Weiber dagegen versetzten sie sofort in Exzitation. Der eben ge- 
nossene Anblick der trikotbekleideten Kolleginnen hinter der Biihne 
bewirkte, daB sie selbst wahrend ihrer Radfahrproduktion vor dem 
Publikum vollen Orgasmus bekam. Sie brauchte (und braucht jetzt 
noch) nur in der StraBenbahn einer schonen Frau gegeniiber zu sitzen, 
um plotzlich „wegzuschwimmen". 

') A. Kind, Cber die Komplikationen der Homosexualitat mit 
andem sexuellen Anomalien. Im Jahrb. f . sex. Zw., Jahrg. IX, p. 67 ft. 



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301 

Inzwischen hatte sich auch die masochistische Farbong ihrer 
Libido vollig ausgebildet. Es ist bei der Y. der Drang vornaaden, 
ihrer Partnerin um jeden Preis Orgasmus zu verschaffen, und zwar 
in der Art, dafi sie derselben ein blind gefiigiges Instrument der 
Befriedigung ist, sich von ihr aufs riicksichtsloseste zu solchem 
Zweck gebrauchen laBt, und ihr eine Sklavin sein will, die jeder 
brutalen Laune und jedem unasthetischen Kitzel der Domina Ge- 
niige leisten mufi. 

Sie hat im Laufe der Zeit eine groBe Anzahl von Partnerinnen 
gefunden, fast lauter heterosexuelle Frauen, die teils auf Bitten, teils 
aus eigener Initiative die entsprechende G^genroUe ubernahmen. Die 
vorgekommenen Lusthandlungen zwischen beiden Partnerinnen beweg- 
ten sich in dem bekannten Kreislauf. Die Y. wurde mit verbalen 
Insulten gemeinster Art bedacht, geschlagen, getreten, gekratzt, ge- 
stochen, debebat pedes, cunnum, anum amicae lingere atque os prae- 
here ad ejus mictionem usw. ; denique adesse et adjuvare solebat, 
quando femina mentula fututoris delectabatur. Szenen der letzteren 
Art fiihrten iibrigens, bei Verkennung der subjektiven Grundlage dieser 
Handlungen, zu einer schweren Verurteilung der Y. aus § 180 StrGB. 
Hinzuzurugen ist, daB der maritus der Y., der sie vor drei Jahren 
heiratete, nur die sekundare Rolle eines Surrogats in diesem ero- 
tischen System spielt. Die Y. bleibt in cohabitatione vollkommen frigid, 
sobald &ie dabei nicht gerauft, gestochen, insultiert oder bespien 
wii'd; sie stellt sich dann als Urheber solcher algolagnistischer Aktivi- 
tat geschwind ein Weib vor und erhalt den gewiinschten Orgasmus, 
wenn auch in minderer Hohe. 

Die masochistische Tendenz der Y., ihre Unempfindlichkeit gegen 
Schmerz, die Verkehrung der Schmerz- in Lustempfindung ist absolut 
nur auf gleichgeschlechtlichen Verkehr eingestellt. Wenn sie sich 
etwa unversehens an einer Tischkante stoBt, schreit sie auf; Schelt- 
worte und Schlage von seiten eines Mannes bringen sie in Harnisch. 
Dagegeu nimmt sie solche, ebenso wie blutunterlaufene Striemen von 
seiten eines Weibes in regungslosem Entzucken hin." 

Seltener als masochistische scheinen unter homosexuellen Man- 
nem imd Frauen sadistische Neigungen zu sein. Einen Fall, in dem 
ein homosexueller Sadist im Grunewald einem Burschen plotzlioh 
einen Messerstich in die Brust versetzte, habe ich mit Burchard 
begutachtet. «) 

Der Schautrieb macht sich dagegen meiner Erfahrung nacb 
bei recht vielen Homosexuellen bemerkbar. Sehr verschiedenartig und 
ganz von individuellen Neigungen abhangig sind die Objekte, welche die 
Voyeurs im einzelnen suchen. Am moisten und haufigsten reizt homo- 
sexuelle Manner imd Frauen wohl die Beobachtung eines Koitus, der 
von einer ihnen erotisch zusagenden heterosexuellen Person vollzogen 
wird, entsprechend der starken Anziehung, welche echte Mannlichkeit 
auf Uminge, echte Weiblichkeit auf Urninden ausiibt. Aber auch 
diskrete Akte einzelner Personen und homosexuelle Betatigungen werden 
von anderen als Objekte des Schautriebs bevorzugt. In Bediirfnis- 
und Badeanstalten fmdet man vielfach die holzernen Zwischenwande 
mit Metallplatten bedeckt, um das von Voyeurs beiderlei Geschlechts 
vorgenommene Einbohren von Gucklochern zu inhibieren. Mauche 
Urningo besitzen ein ganzes Handwerkzeug, in dem Spiegel und Bohrer 
die Hauptrolle spielen, mittelst dessen sie sich mit geradezu erstaun- 
lichem Raffinement Anblick von Handlungen verschaffen, welche Per- 
sonen, die keine Ahnung haben, daB man sie belausclit, im geheimen 
begehen. Der von M o 1 1 9) vorgeschlagene Ausdruck Mixoskopie trifft 

^) Veroffentlicht in Aschaffenburgs Monatsschr. f . Kriminal- 
psych. u. Strafrechtsref., 10. Jahrg., 7. H, Okt. 1913. 
•**) Loc. cit. p. 3C8. 



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302 

insofem nicht den Kern der Sache, als /</?/«• nur die geschlechtliche 
Vermischung zwischen Mann und Weib bedeutet, deren Beobachtung 
keineswegs das ausschlieBliche Begehren dieser sexuellen Visio- 
nisten ist. 

Wie bei den Voyeurs das Ange, so feiert bei den Renifleiirs 
(T a r d i e u) die Nase, bei den Stimmfanatikem das Ohr, bei den 
„S pei c he He c kern", den Spermato- und Koprophagen der Ge- 
schmack und bei den Frotteuren und Toucheuren der Gefiihlssinn 
Orgien. Fiii* alle diese seltsamen Liebhabereien fand ich unter den 
Homosexuellen Vertreter in ebendemselben Verbal tn is zur Gesamtzahl 
wie unter den Heterosexuellen. 

Ein Berliner „Toucheur" erzahlte mir, daB er sein Leben in drei 
Periodeu teilt, die erste, in der er im Gedrange der Stadtbahn, die 
zweite, in der er auf dem Perron der elektrischen StraBenbahn, die 
dritte, in der er auf den Stehplatzen der Untergrundbahn Touchier iingen 
vornabm, die seine einzige sexuelle Betatigung bildeten. 

Dem Trieb des Schauens entspricht als Kehrseite der Trieb, 
sich zur Schau zu stellen, der Exhibitionismus, iiber dessen 
mannigfache Formen und Ursachen sich vielerlei sagen lieBe. Die 
Berliner Kriminalbeamten, denen sistierte Exhibitionisten vorgefiihrt 
werden, haben mir ofter ihre Verwunderung ausgedriickt, daB man im 
Vergleich zu der Zahl der Exhibitionisten, die sich vor Madchen ent- 
bloBen, verhaltnismaBig so selten auf homosexuelle Exhibitionisten 
stoBt. Ob dies von einer groBeren Schamhaftigkeit der Urninge her- 
riihrt oder ob es, was ich fiir wahrscheinlicher halte, dadurch begriindet 
ist, daB diejenigen, die das Verlangen haben, „etwas zu aeigen", in Be- 
diirfnisanstalten, ohne sich in Gefahr zu begeben, dazu in aus- 
reichendem MaBe Gelegenheit haben, diirfte schwer au entscheiden 
sein. Vielleicht komrat sogar keine dieser beiden TJrsachen, sondern 
erne dritte unbekannte in Betracht. 

Noch seltener als letztgenannte Anomalie sind bei Urningen 
die auch bei Heterosexuellen nur als groBe Raritaten vorkommen- 
den Perversionen, beispielsweise die Nekrophilie und der Pyg- 
malionismus. 

Von praktisch hoherer Bedeutung als die bisherigen ist 
aber die Komplikation der Homosexualitat mit einem Zu- 
standsbilde, das Burchard und ich als sexuellen Infantilismus ^^) 
hesehrieben haben. Er findet sich sowohl bei Hetero- als Homo- 
sexuellen und ist dadurch charakterisiert, daU einmal die Per- 
fiionen selbst auffallende Zeichen mangelhafter geistiger und 
seelischer Entwicklung darbieten, die nicht selten fast die Grenze 
der Tmbezillitat erreichen, zweitens daB sie sich. meist an unreife 
oder halbreife Schulknaben oder Madchen heranmachen, denen 
sie sich bewuBt oder unbewuBt auf gleicher Stufe stehend f iihlen, 
und drittens dadurch, daB auch. die AuBerungen der Sexualitat 
meist auf dem Niveau kindlicher Spielereien stehen, also 
Kindlichkeit des eigenen Wesens, Ki ndlichkeit 
der Sexualobjekte und Kindlichkeit der Sexual- 
betatigung. 

10) M. Hirschfeld und E. Burchard, Der sexuelle Infanti- 
lismus. In „Juristisch-psychiatrische Grenzfragen". IX. Bd., Heft 5. 



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303 

tch gebe als Beispiel das Gutachten iiber einen forensischen Fall, 
den Burchard und ich langere Zeit beobachteten : 

Vorgeschichte. Die Mutter des Herrn B. soil sehr nervos 
seiji und an Platzfurcht leiden. Er selbst ist der jiingste von drei 
Briidern, war als Kind sehr schwachlioh und hat an Gehirnhaut- 
entziindung und Krampfen gelitten. Noch wahrend der Sohul- 
zeit war er angstlich und schreckhaft, schlief unruhig und hatte haufig 
Alpdnicken. In seinem Aussehen und Wesen zeigte er ausgesprochen 
madchenhafte Ziige, so daB seine Mutter oft sagte, es sei ein Madchen 
an ihm verloren gegangen. 

In der Schule kam Herr B. nur sehr schwer vorwarts, blieb 
wiederholt sitzen (in Sexta, Quinta, Unter- und Obertertia und zwei- 
mal in Untersekunda) und konnte nur mit groBer Miihe das Ein- 
jahrigen-Zeugnis erlangen. Namentlich fielen ihm die Facher schwer, 
die ein verstaudesgemaBes Erfassen des Gegenstandes verlangen, wie 
Mathematik, Physik usw. Er konnte sich nur ein gewisses MaB von 
Kenntnissen rein gedachtnismaBig einpauken, die er aber nach seiner 
und seines Binders Angabe, sowie nach unseren eigenen Feststellungen 
sehr bald nahezu vollig wieder vergessen hat. 

Auch der weitere Werdegang des Herrn B. verzcgerte sich infolge 
der spaten Erreichung des Schulzieles und seiner Kranklichkeit be- 
trachtlich, so daB er gegenwartig mit nahezu 22 Jahren erst 
im zweiten Jahre seiner kaufmannischen Lehrzeit 
s t e h t. 

B e f u n d. B. ist ein grazil und schwachlich gebauter junger 
Mann von ausgesprochen knabenhaftem Aussehen, schwacher Musku- 
latur und zarter Hautfarbe. Die Korperbehaarui^ ist sehr sparlich, 
Bartflaum kaum vorhanden, so daB bis jetzt Easieren noch nicht er- 
forderlich geworden ist. 

Es bestehen Degenerationszeichen im Bau der wenig differen- 
zierten und ungleich gebildeten Ohrmuscheln und in der asymme- 
trischen Bildung des Gesichts, sowie in der Kleinheit des Schadels. 
AuBerdem fallt die lebhafte Muskel- und GefaBerregbarkeit, sowie eine 
deutliche Steigerung der Sehnenreflexe auf. Der Befund der inneren 
Organe entspricht der Norm. 

In seelischer Beziehung fallt bei Herrn B. zunachst eine sehr 
geringe Gefiihlsbetonung, ein merkwiirdig affektloses Verhalten auf. 
Der kurz vor der Beobachtungszeit unter besonders tragischen Um- 
standen erfolgte Tod eines alteren Bruders schien nur geringen Ein- 
druck auf ihn gemacht zu haben. Gelegentliche Schwankungen in 
seiner Stimmun^ machten einen durchaus oberflachlichen Eindruck, nie 
schien etwas wirklich tief in sein Gefiihlsleben einzugreifen. Infolge 
einer gewissen Summe auswendig gelernter Kenntnisse und einer durch 
eine vorziigliche Erziehung bedingten Formgewandtheit macht Herr B. 
bei fliichtiger Bekanntschaft den Eindruck eines durchaus normalen 
und unterhaltenden jungen Mannes. Bei naherem Eingehen auf seine 
intellektuellen Fahigkeiten stellt sich aber sehr bald eine geradezu 
verbliiffende Liickenhaftigkeit seines Wissens, ein erstaunlicher Mangel 
an geistigem Interesse und eine auBerst gering entwickelte Fahigkeit 
zu vernunftgemaBem SchlieBen und Urteilen heraus. Das Verstandnis 
fiir chronologische Zusammenhange und historische Beziehungen fehlt 
ihm vollig. So verlegt er die Reformation in das 18. Jahrhundert. 
Aus Dramen und Biichern, die er gesehen oder gelesen hat, sind ihm 
nur einzelne Bruchstiicke in Erinnerung, doch kann er sich in keinem 
Falle des Inhalts und der Gedanken des Gelesenen entsinnen. Er ver- 
sagt bereits bei einfachen Gedanken- und namentlich Rechenoperationen 
und ermiidet bei den geringsten geistigen Anstrengungen sehr schnell. 

Seine Interessen erstrecken sich nur auf sportliche Fragen und 
sensationelle Tagesereignisse ; politische und wissenschaftliche Artikel 
liest er nie. 



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Sein Wesen und Verbal ten hat etwas ungewollt Naives 
und Kindliches. Er ist harmlos mitteilsam und offenbar gar 
nicht imstande, seine Gedanken und Gefiihle irgendwie zu verbergen. 
Auch in dieser Beziehung macht er den Eindruck einer weit hinter 
seinem wirklichen Alter zuriickliegenden, noch ausgesprochen kind- 
lichen seelischen Entwicklungsstufe. 

Gutachten. Es wird Herrn B. zur Last gelegt, daB er beim 
Rodeln einen vor ihm auf dem Schlitten sitzenden Jungen, den er 
seiner Angabe nach fiir 15 — 16 Jahre gehalten hat, unziichtig beriihrt, 
eventuell mit ihm onaniert haben soil. 

Zwei Momente in der seelischen Individualitat des Herrn B. sind 
bei der Beurteilung seiner Verantwortlichkeit fiir dieses Delikt yon 
Bedeutung. Einmal liegt bei ihm zweifellos in sexueller Hinsicht eine 
ausgesprochene und, soweit es sich feststellen lafit, ausschlieBliche 
Neigung zu Personen des mannlichen Geschlechts vor. Es kann fiir 
die Beurteilung dieses Zustandes dahingestellt bleiben, ob es sich um 
eine durch Anlage und Entwicklung fixierte Anomalie der Triebrichtung 
handelt, oder ob diese sich noch in dem jugendlichen Stadium der 
unentschiedenen Triebrichtung befindet, das seine Erklarung in der 
entschieden hinter dem Lebensalter zuruckgebliebenen seelischen Ent- 
wicklung des B. finden wiirde. 

In dieser abnormen Jugendlichkeit der gesamten Personlichkeit 
des Angeschuldigten ist das zweite wesen tliche Moment zu sehen. 

Seine Anschauungen und Lebensauffassung, seine Urteilsfahig- 
keit und sein tJberlegungsvermogen sind noch in so^eringem MaDe ent- 
wickelt, dafi wir das (^samtniveau seiner psychischen Personlichkeit 
wic das eines 16 — ITjahrigen, nicht wie das eines 20jahrigen jungen 
Mannes auffassen und beurteilen mussen. Wurde Herr B. das acht- 
zehnte Lebensjahr noch nicht vollendet haben, so konnte man unbe- 
dingt den Schutz des § 56 StrGB. fiir ihn geltend machen, da er die zur 
Erkenntnis der Strafbarkeit seiner Handlung erforderliche Einsicht 
nicht besaB. Bei seinem Lebensalter ist dieser Mangel an Einsicht, 
veranlaBt durch eine entschieden krankhafte Entwicklungshemmung 
in seelischer Beziehung zweifellos als eine geistige Storung aufzufassen, 
welche einen Fortfall oder zum mindesten eine erhebliche Minder ung 
sonst normaler seelischer Hemmungen mit sich bringt. In Verbindung 
mit der homosexuellen Veranlagung bedingt dieser Mangel normaler 
Hemmungen sicher einen Zustand krankhafter Storung der Geistes- 
tatigkeit, der bei dem in Frage stehenden als infantilis tische sexuelle 
Spiel